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Inklusionsarbeit

Prof. Dr. Gwendolin Bartz

veröffentlicht am 16.12.2025

Etymologie: lat. includere einschließen

Englisch: inclusive practice; inclusion work

Inklusionsarbeit ist ein handlungsleitendes Prinzip, nach dem fachliches Handeln und Praktiken permanent auf ihre Inklusivität, Partizipation, Empowerment und Teilhabeorientierung hin reflektiert und gestaltet werden. Dabei werden bestehende (Macht-) Strukturen kritisch betrachtet, analysiert und infrage gestellt.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Verwendung in Praxis und Theorie
  3. 3 Zentrale Prinzipien und Zielsetzung
  4. 4 Rechtliche Grundlagen
  5. 5 Verortung in der Sozialen Arbeit
  6. 6 Reflexion von Dilemmata und Strukturen
  7. 7 Praxisfelder
  8. 8 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Inklusionsarbeit bezeichnet eine Arbeitsweise, die fachliches Handeln in allen gesellschaftlichen Bereichen permanent auf Inklusivität, Partizipation, Empowerment und Teilhabeorientierung hin reflektiert und gestaltet. Zentrale Prinzipien sind Teilhabe und Teilgabe (Dörner 2018) sowie die kritische Reflexion bestehender Machtstrukturen und Normen. Inklusionsarbeit hinterfragt paternalistische, bevormundende oder repressive Praktiken und stellt diesen partizipative und empowernde Ansätze entgegen. Dabei geht sie über rein inklusive Praktiken hinaus, indem sie nicht nur innerhalb bestehender Strukturen arbeitet, sondern diese (Sonder-) Strukturen selbst kritisch infrage stellt und Diskrepanzen zwischen inklusiven Rechtsansprüchen und exklusiven Strukturen sichtbar macht. Zudem kritisiert sie bestehende Praktiken, die sich als inklusiv und empowernd deklarieren, aber dahinterliegende Machtverhältnisse nicht offenlegen. Dies kann zu Dilemmata zum Beispiel für Fachkräfte und/oder für die AdressatInnen von Leistungen führen.

Der Begriff wird bislang primär in der Sozialen Arbeit theoretisch diskutiert (Spissinger 2017; Volkmann und Bartz 2024), etwa im Kontext inklusiver Hilfeplanung und inklusiven Kinderschutzes, sowie in verschiedenen praktischen Projekten und Initiativen verwendet, meist ohne expliziten theoretischen Bezugsrahmen.

2 Verwendung in Praxis und Theorie

Inklusionsarbeit versteht sich als eine Arbeitsweise, die Inklusion in allen gesellschaftlichen Bereichen theoretisch reflektiert und in einer inklusiven Praxis verankert. Dabei stehen Prinzipien im Vordergrund, jegliches Handeln an Inklusion auszurichten und es auf seine Inklusivität hin zu prüfen. Es geht nicht nur um fachliches Handeln, sondern zugleich auch um die Frage: Ist dieses Handeln an inklusiven Prinzipien orientiert und ist der Kontext inklusiv gestaltet? Damit bezieht sich Inklusionsarbeit auf eine inklusionswissenschaftlich fundierte konkrete Praxis.

Der Begriff findet sich in verschiedenen praktischen Kontexten: bei Bildungseinrichtungen, in kommunalen Inklusionsinitiativen sowie bei Projekten, die sich für die Förderung von Inklusion einsetzen.

Exemplarisch sollen hier einige genannt werden:

  • im Kontext von Einrichtungen: Lelek Akademie (o.J.)
  • in Städten und Kommunen: Bayreuth (2023), Berliner Landeszentrale für politische Bildung (2021), Essen (o.J.), ProInklusion e.V. (o.J.)
  • bei Einzelinitiativen: Müller (2017), Steindl (o.J.)

Die Durchsicht solcher Projekte zeigt, dass Inklusionsarbeit meist im Sinne von „Arbeit für Inklusion“ verstanden wird. Inklusionsarbeit wird hier als das Handeln einzelner oder von Gruppen verstanden, die sich für Inklusion stark machen. Ob es hierfür einen theoretischen Hintergrund gibt und auf welchen Prinzipien dieses Handeln beruht, wird dabei nicht (immer) bzw. kaum erläutert.

3 Zentrale Prinzipien und Zielsetzung

Zentrale Aspekte einer Inklusionsarbeit sind zunächst die Zielsetzung Inklusion voranzubringen und die Anwendung konkreter inklusiver Praktiken und Prinzipien wie Partizipation, Teilhabe und Teilgabe (Dörner 2018; Heimlich 2014). Weiter geht es um die Reflexion von Machtstrukturen und Normen (Autor_innenkollektiv Quo F 2021) sowie darum, paternalistische, bevormundende, einschränkende und repressive Praktiken und Strukturen zu hinterfragen, zu reflektieren und zugunsten partizipativer, teilhabeorientierter und empowernder Praktiken zu verändern.

4 Rechtliche Grundlagen

Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) sieht – basierend auf der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) – beispielsweise vor, Bedarfe partizipativ zu erfassen und anhand partizipativer und ICF-basierter Instrumente (ICF = Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) Möglichkeiten der Teilhabe umzusetzen. Inklusionsarbeit kann auch hier verstanden werden als inklusiv ausgerichtetes Handeln einzelner oder mehrerer Personen mit einer klaren Zielsetzung: Inklusion auf der Basis der (menschen-) rechtlichen Grundlagen voranzubringen.

5 Verortung in der Sozialen Arbeit

Auch wenn Spissinger Inklusion als „ein Querschnittsthema Sozialer Arbeit“ (2017, S. 232) verortet, taucht der Begriff Inklusionsarbeit auch in der Sozialen Arbeit bislang eher selten im Diskurs auf. Spissinger beschreibt die „wohlfahrtsstaatliche Funktion Sozialer Arbeit […] als Inklusionsvermittlung, Exklusionsvermeidung und Exklusionsverwaltung […]. Sie reagiert als organisierte Hilfe auf die Exklusionsprobleme, die mit sozialpolitischen Programmen nicht ausreichend bearbeitet werden können“ (Spissinger 2017, S. 232).

Beispiele einer Inklusionsarbeit finden sich bei Spissinger (2015), bei Volkmann und Bartz (2024) und in den oben erwähnten Projekten. Nicht in allen ist jedoch die Reflexion der Dilemmata von inklusiven Ansprüchen und exklusiven Strukturen verankert.

6 Reflexion von Dilemmata und Strukturen

Inklusionsarbeit macht die grundsätzlichen Dilemmata zwischen Inklusion und exklusiven Sonderstrukturen, wie sie z.B. nach wie vor im Feld der sogenannten Behindertenhilfe zu finden sind, sichtbar. Dabei geht es um den Spagat zwischen inklusiven (Rechts-) Ansprüchen und einer separativen und exklusiven Praxis. Inklusionsarbeit reflektiert diesen Spagat und macht ihn zum Gegenstand der Debatte.

Damit verschiebt sich der Fokus von der „Inkludierbarkeit der einzelnen Person“ (Bartz, im Erscheinen) hin zur Etablierung inklusiver Kulturen, Strukturen und Praktiken, wie sie der Index für Inklusion beschreibt (Booth, Ainscow und Kingston 2006).

Diese Fokusverschiebung kann beispielsweise in einem Hilfeplanprozess geschehen, indem der Prozess reflektiert wird und erkannt wird, dass dieser für Menschen „partizipativ und empowernd oder aber bevormundend und paternalistisch sein kann“ (Volkmann und Bartz, 2024, S. 34). Auch die Zielsetzung eines Prozesses oder einer Hilfeplanmaßnahme kann vor dem Hintergrund einer Inklusionsarbeit anders gefasst werden, als wenn dieses Prinzip keine Berücksichtigung findet.

7 Praxisfelder

Aspekte wie Teilhabe und Teilgabe (Dörner 2018), Empowerment und Partizipation müssen noch deutlich stärker in die Praxis implementiert werden. Beispiele dafür finden sich im inklusiven Kinderschutz (Kunze und Bartz 2024; Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. 2024) oder in der inklusiven Hilfeplanung (Hollweg und Kieslinger 2021).

Inklusionsarbeit versteht sich damit als ein handlungsleitendes Prinzip. Sie reflektiert Machtstrukturen, stellt herkömmliche Hilfesysteme und deren Praktiken infrage. Sie verankert Prinzipien wie Empowerment, Teilhabe, Teilgabe und Partizipation und unterstützt AkteurInnen dabei, ihr Handeln inklusiv zu gestalten und Inklusion als Ziel zu verfolgen. Damit geht sie noch über inklusive Praktiken hinaus, denn diese bewegen sich immer noch häufig in bestehenden (Sonder-) Strukturen. Inklusionsarbeit stellt diese Strukturen infrage.

8 Quellenangaben

Autor:innenkollektiv Quo F, 2021. Reflektieren. In: Wolfgang Lamers, Oliver Musenberg und Teresa Sansour, Hrsg. Qualitätsoffensive – Teilhabe von erwachsenen Menschen mit schwerer Behinderung: Grundlagen für die Arbeit in Praxis, Aus- und Weiterbildung. Impulse: Schwere und mehrfache Behinderung Band 4. Bielefeld: ATHENA. wbv, S. 215–227. ISBN 978-3-7639-6584-7 [Rezension bei socialnet]

Bartz, Gwendolin, [im Erscheinen]. Heterogenität, Diversität & Inklusion im Kontext von Kindertagesstätten. In: Nurdin Thielemann und Armin Schneider, Hrsg. Kita Sozialarbeit: Lehr- und Arbeitsbuch. Frankfurt am Main: Wochenschau-Verlag

Bayreuth, 2023. Inklusionsarbeit in Bayreuth geht weiter [online]. Bayreuth: Stadt Bayreuth [Zugriff am: 20.09.2025]. Verfügbar unter: https://www.bayreuth.de/inklusionsarbeit-in-bayreuth-geht-weiter/

Berliner Landeszentrale für politische Bildung, 2021. Landeszentrale für Inklusionsarbeit ausgezeichnet [online]. Berlin: Berliner Landeszentrale für politische Bildung [Zugriff am: 20.09.2025]. Verfügbar unter: https://www.berlin.de/politische-bildung/​politikportal/blog/artikel.1082443.php

Booth, Tony, Mel Ainscow und Denise Kingston, 2006. Index für Inklusion. (Tageseinrichtungen für Kinder). Lernen, Partizipation und Spiel in der inklusiven Kindertageseinrichtung entwickeln. Deutschsprachige Ausgabe [online]. Frankfurt am Main: GEW [Zugriff am: 10.09.2025]. Verfügbar unter: https://www.eenet.org.uk/resources/docs/Index%20EY%20German2.pdf

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V., Hrsg., 2024. Empfehlungen des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. zur Weiterentwicklung eines inklusiven Kinderschutzes [online]. Berlin: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. [Zugriff am: 15.09.2025]. Verfügbar unter: https://www.deutscher-verein.de/fileadmin/​user_upload/dv/pdfs/Empfehlungen_Stellungnahmen/2024/DV-17-23_inklusiver_Kinderschutz.pdf

Dörner, Klaus, 2018. Helfens- und Hilfsbedürftigkeit, Teilhabe und Teilgabe: Partizipation in sozialpsychiatrischen Handlungsfeldern. In: Sandro Bliemetsrieder, Katja Maar, Josephina Schmidt und Athanasios Tsirikiotis, Hrsg. Partizipation in sozialpsychiatrischen Handlungsfeldern [online]. Esslingen: Hochschule Esslingen, S. 26–41 [Zugriff am: 20.09.2025]. PDF e-Book. ISBN 978-3-947390-04-5. Verfügbar unter: https://hses.bsz-bw.de/frontdoor/​deliver/​index/​docId/612/file/Partizipation+fertig.pdf

Essen, [ohne Jahr]. Neuausrichtung der Inklusionsarbeit in der Stadt Essen [online]. Essen: Stadt Essen [Zugriff am: 20.09.2025]. Verfügbar unter: https://www.essen.de/leben/​soziales_und_arbeit/​inklusionsbeirat/​inklusionsarbeit_neuausrichtung.de.html

Heimlich, Ulrich, 2014. Teilhabe, Teilgabe oder Teilsein? Auf der Suche nach den Grundlagen inklusiver Bildung. In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete. 83(1), S. 1–5. ISSN 0017-9655

Hollweg, Carolyn und Daniel Kieslinger, Hrsg., 2021. Hilfeplanung inklusiv gedacht. Ansätze, Perspektiven, Konzepte [online]. Freiburg im Breisgau: Lambertus [Zugriff am: 20.09.2025]. PDF e-Book. ISBN 978-3-7841-3457-4. Verfügbar unter: https://www.meine-caritas.de/files/​newsletters/​bd1f06c1-8da7-4e92-820c-4f8a2072480e/​32c25175-503f-4cbc-990c-27cc9e42dbc8/​documents/​Kieslinger_Hilfeplanung%20inklusiv%20gedacht_A5_Druck.pdf

Kunze, Susann und Gwendolin Bartz, 2024. Kinderschutz als Thema der Sozialen Teilhabe. In: Bianka Troll, Jürgen Schneider und Fabian van Essen, Hrsg. Durch inklusive Praxis Teilhabe von Kindern mit Behinderung ermöglichen: Gestaltungsfelder der Sozialen Arbeit und der Heil- und Inklusionspädagogik. Weinheim: Beltz Juventa, S. 12–28. ISBN 978-3-7799-8400-9

Lelek Akademie, [ohne Jahr]. Inklusionsarbeit in der elementaren Bildungseinrichtung [online]. Wien: Lelek Akademie [Zugriff am: 20.09.2025]. Verfügbar unter: https://lelek.at/inklusionsarbeit-in-der-elementaren-bildungseinrichtung/

Müller, Ruth, 2017. Wertvolle Inklusionsarbeit: Landshuterin mit Ellen-Ammann-Preis ausgezeichnet. In: Focus [online]. 02.06.2017 [Zugriff am: 20.09.2025]. Verfügbar unter: https://www.focus.de/regional/​wertvolle-inklusionsarbeit-landshuterin-mit-ellen-ammann-preis-ausgezeichnet_id_7209742.html

ProInklusion Northeim e.V., [ohne Jahr]. Förderverein für Inklusionsarbeit mit neuem Vorstand [online]. Northeim: ProInklusion Northeim e.V. [Zugriff am: 20.09.2025]. Verfügbar unter: https://proinklusion-northeim.de/neuer-vorstand-peter-traupe/

Spissinger, Florian, 2017. (Un-)Möglichkeiten der Inklusionsarbeit. In: Süleyman Gögercin und Karin Elinor Sauer, Hrsg. Neue Anstöße in der Sozialen Arbeit. Ed. Centaurus – Perspektiven Sozialer Arbeit in Theorie und Praxis. Wiesbaden: Springer VS, S. 231–253. ISBN 978-3-658-17416-3 [Rezension bei socialnet]

Steindl, Andreas Alexander, [ohne Jahr]. Inklusionsarbeit [online]. Finkenberg: Andreas Alexander Steindl [Zugriff am: 20.09.2025]. Verfügbar unter: http://inklusionsarbeit.at/

Volkmann, Ute und Gwendolin Bartz, 2024. Transdisziplinäre Inklusionsarbeit – ein Schlüssel zur Realisierung von Teilhabechancen. In: Bianka Troll, Jürgen Schneider und Fabian van Essen, Hrsg. Durch inklusive Praxis Teilhabe von Kindern mit Behinderung ermöglichen: Gestaltungsfelder der Sozialen Arbeit und der Heil- und Inklusionspädagogik. Weinheim: Beltz Juventa, S. 29-45. ISBN 978-3-7799-8400-9

Verfasst von
Prof. Dr. Gwendolin Bartz
IU Internationale Hochschule
Professorin für Heilpädagogik und Inklusionspädagogik
Lehrerin für Sonderpädagogik
Systemische Familientherapeutin (DGSF)
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Es gibt 8 Lexikonartikel von Gwendolin Bartz.

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