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Inklusionsforschung

Jun.-Prof. Dr. Liane Bächler

veröffentlicht am 08.10.2023

Etymologie: lat. includere einschließen

Englisch: inclusion research

Die Inklusionsforschung ist eine interdisziplinäre wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Untersuchung der Ausgestaltung von Inklusion und somit der Teilhabe innerhalb unterschiedlicher gesellschaftlicher Handlungsfelder beschäftigt.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Forschungsbereiche
  3. 3 Ziele
  4. 4 Inklusionsforschung im Kontext Erziehung und Bildung
  5. 5 Grenzen und Diskussionen
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Die Inklusionsforschung entwickelte sich aus der Integrationsforschung und ist eine wichtige Grundlage für die Untersuchung der Teilhabe von Menschen innerhalb verschiedener gesellschaftlicher Handlungsfelder. Dies kann sich auf die Teilhabe an Bildung, Arbeit, Politik und andere Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens beziehen. Ziel der Inklusionsforschung ist die Analyse der Mechanismen, Bedingungen und Herausforderungen von Inklusion. Dabei liegt das Forschungsinteresse in der Beforschung sowie Offenlegung von Barrieren, um u.a. gesellschaftliche Normen zu hinterfragen und innovative Ansätze für eine inklusivere Gesellschaft zu entwickeln.

2 Forschungsbereiche

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Inklusion findet in den unterschiedlichsten Forschungsdisziplinen wie beispielsweise der Psychologie, Soziologie, Gender-, Armuts-, Interkulturalitäts- und Ungleichheitsforschung sowie der Medizin bzw. den Gesundheitswissenschaften statt. Eine rechtliche Grundlage bietet vor allem die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 und diverse nachfolgende UN-Konventionen.

Die Auseinandersetzung mit Inklusion in diversen Forschungsdisziplinen lässt sich darauf zurückführen, dass Inklusion nicht nur als die Betrachtung der Personengruppe „Menschen mit Behinderung“ verstanden werden kann, sondern, dass der Begriff auf die verschiedensten Formen gesellschaftlicher Diskriminierungs- und Partizipationsprozesse anwendbar ist.

3 Ziele

Durch den Blick auf unterschiedliche Diskriminierungsprozesse, wie beispielsweise entlang der Differenzlinien Herkunft, Alter, Geschlecht oder sexueller Orientierung, sollen Strukturen erarbeitet werden, um soziale Ungleichheiten und Barrieren im Kontext einer gleichberechtigten Teilhabe abzubauen. Orte, an denen diese intersektionale und interdisziplinäre Forschung zu Inklusion vorangetrieben werden, stellen unter anderem das Zentrum für Inklusionsforschung Berlin sowie die Arbeitsgemeinschaft „Inklusionsforschung“ in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE) dar.

Forschungsziel der Inklusionsforschung ist es, Partizipationsformen herauszuarbeiten, welche die Teilhabe aller Menschen am gesamtgesellschaftlichen Leben ermöglichen. Zudem soll eine Stärkung sowie Konkretisierung des Inklusionsbegriffs gefördert werden. Neben der Inklusionsforschung, die die Vielfalt berücksichtigt und den Abbau von Ungleichheit fokussiert, ist auch die Exklusionsforschung wichtig (Ziemen 2017, S. 101).

4 Inklusionsforschung im Kontext Erziehung und Bildung

Durch die UN-Behindertenrechtskonvention und die damit zusammenhängenden bildungspolitischen Reformen ist die Beschäftigung mit Inklusion in der Bildungs- und Erziehungswissenschaft stark vorangetrieben worden (Budde, Dlugosch und Sturm 2017, S. 11). Da das Forschungsfeld rund um die Beschäftigung mit Inklusion mittlerweile unüberschaubar ist, soll in diesem Beitrag der Fokus auf die deutschsprachige Erziehungs- und Bildungswissenschaft gelegt werden.

In den letzten Jahren erfuhr der Bereich der Inklusionsforschung in diesen Disziplinen einen enormen Zustrom. Bereits in den Schulreformen der 1970er-Jahre wurden vom Deutschen Bildungsrat Empfehlungen ausgesprochen, die Integration in Schulen voranzutreiben. Die Forschung der Integration fand in den 1980er- und 1990er-Jahren zunächst allerdings vor allem in den Begleitforschungen der Integrations-, Sonder- bzw. Behindertenpädagogik statt.

Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten unterlagen anfangs vor allem der Differenz von „behindert“ und „nicht behindert“. Einen großen Beitrag an Forschungsarbeiten lieferten beispielsweise Georg Feuser, Helga Deppe-Wolfinger, Helmut Reiser oder von Hans Eberwein.

Trotz der weitverbreiteten Differenzmerkmale von Behinderung und Nicht-Behinderung sind auch schon zu Beginn der Integrationsforschung Dekategorisierungsansätze zu erkennen. Eine ihrer wichtigsten Vorreiterinnen ist Annedore Prengel. In ihren Arbeiten formulierte sie das Differenzmerkmal der sozialen Herkunft und erarbeitete Präventionsprinzipien (Moser 2017, S. 21–23).

Auch Georg Feuser mit seiner „Entwicklungslogischen Didaktik“ legte einen Meilenstein in der Integrationsforschung. Ziel war die Zusammenführung von kooperativem Handeln von Schüler:innen auf ihren individuellen Lernniveaus an einem gemeinsamen Gegenstand. Nach Feuser bezog sich die Aufgabe der Lehrkräfte auf eine Bereitstellung von niveau- und komplexitätsdifferenzierten Materialien. Die Lern- und Entwicklungsprozesse der Schüler:innen beruhen auf Eigenaktivität. Auch ist bei ihm eine Kritik des Behinderungsbegriffs zu finden. Feuser beschreibt Behinderung als einen Prozess, der durch fehlende Möglichkeiten, Hilfsangebote sowie eine durch Vorurteile begründete Verweigerung der Möglichkeit des Erlernens von sozialen Interaktionen und Inhalten entsteht (Moser 2017, S. 24).

In den 1990er-Jahren erweiterte Prengel die Differenzmerkmale um die Kategorien Geschlecht und Migration. Neben Prengel zählt auch Andreas Hinz zu den Vorreiter:innen der „[…] Aufweichung von konsistenten Differenzmerkmalen zugunsten einer erweiterten Beschreibung von Vielfalt“ (Moser 2017, S. 25). Obwohl der Wunsch nach einer Aufweichung von Differenzmerkmalen auch heute noch von großer Relevanz ist, herrscht in der Forschung immer noch eine Dominanz der Differenzkategorie „Behinderung“ (Budde, Blasse und Rißen 2020, S. 33).

In der Soziologie wurde der Begriff der Inklusion bereits durch Talcott Parsons in den 1965er-Jahren eingeführt. Knapp drei Jahrzehnte später, in den 1990er-Jahren, begann auch die pädagogische Auseinandersetzung mit dem Begriff Inklusion im US-amerikanischen Raum. Auslöser war die UNESCO-Konferenz in Salamanca 1994, welche eine Abschaffung der segregierenden Bildungssysteme für Schüler:innen mit Behinderung forderte. Später wurden auch weitere marginalisierte Gruppen in die Forderungen aufgenommen. In der deutschsprachigen pädagogischen Forschung wurde der Begriff der Inklusion nach der Jahrtausendwende etabliert (Dederich 2017, S. 70–73).

5 Grenzen und Diskussionen

Die Inklusionsforschung steht aktuell vor diversen Diskussionen und Unstimmigkeiten. Eine stellt das unterschiedliche Verständnis von Inklusion dar. Es handelt sich hier zum einen um Inklusion in Bildungs- und Schulkontexten, die meist aus bildungspolitischen Impulsen heraus entsteht, zum anderen um das „engere Inklusionsverständnis“, welches als Basis für Analysen, beispielsweise der Auswirkungen von Förderprogrammen mit nicht-inklusiven Settings, dient (Budde, Blasse und Rißler 2020, S. 34 f.).

Gerade im schulpädagogischen Kontext wird der Diskussion um Inklusion zudem oftmals der Vorwurf einer normativen Prägung gemacht. Dementsprechend wird der Ruf nach empirischen Studien immer präsenter (Fritsche, Köpfer et al. 2021, S. 1 f.).

Einige Wissenschaftler:innen beklagen außerdem eine Vernebelung des Inklusions- und Exklusionsbegriffs. Die unklaren Definitionsbestimmungen lassen sich unter anderem auf die unzureichende Abgrenzung zwischen den pädagogischen und den soziologischen Konzepten von Inklusion und Exklusion zurückführen. In pädagogischen Forschungsfeldern besteht oftmals die Annahme, dass Inklusion nur erfolgreich sein kann, wenn Integration überwunden wird, während in der Soziologie Integration und Inklusion als komplementäre Begriffe verwendet werden (Dederich 2017, S. 73).

Zudem wird durch die Forschungsschwerpunkte von Inklusion vor allem auf Länder des Globalen Nordens eine intersektionale Perspektive verwehrt. Unter diesen Voraussetzungen können globale Entwicklungen und internationale Bewegungen nicht ausreichend berücksichtigt werden (Köpfer, Powell und Zahnd 2021, S. 17 f.).

6 Quellenangaben

Bettina Fritzsche, Andreas Köpfer, Monika Wagner-Willi, Anselm Böhmer, Hannah Nitschmann, Charlotte Lietzmann und Florian Weitkämper, Hrsg., 2021. Inklusionsforschung zwischen Normativität und Empirie: Abgrenzungen und Brückenschläge. Opladen, Berlin und Toronto: Verlag Barbara Budrich. ISBN 978-3-8474-2434-5

Boger, Mai-Anh, 2021. Risse in der Landschaft der Inklusionsforschung. In: Bernhard Schimek et. al., Hrsg. Grenzen.Gänge.Zwischen.Welten.: Kontroversen – Entwicklungen – Perspektiven der Inklusionsforschung. Hannover: Verlag Julius Klinkhart, S. 43–58. ISBN 978-3-7815-5924-0

Budde, Jürgen, Nina Blasse und Georg Rißler, 2020. Zur Relation von Intersektionalitäts- und Inklusionsforschung in der Erziehungswissenschaft. In: GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft. 12(3), S. 27–41. ISSN 2196-4467

Budde, Jürgen, Andreas Dlugosch und Tanja Sturm, 2017. (Re-)Konstruktive Inklusionsforschung: Eine Einleitung. In: Jürgen Budde, Andreas Dlugosch und Tanja Sturm, Hrsg. (Re-) Konstruktive Inklusionsforschung: Differenzlinien-Handlungsfelder-Empirische Zugänge. Opladen, Berlin und Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 11–20. ISBN 978-3-8474-0769-0 [Rezension bei socialnet]

Dederich, Markus, 2017. Inklusion und Exklusion. In: Jürgen Budde, Andreas Dlugosch und Tanja Sturm, Hrsg. (Re-) Konstruktive Inklusionsforschung: Differenzlinien-Handlungsfelder-Empirische Zugänge. Opladen, Berlin und Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 70–82. ISBN 978-3-8474-0769-0 [Rezension bei socialnet]

Köpfer, Andreas, Justin J.W. Powell und Raphael Zahnd, 2021. Entwicklungslinien internationaler und komparativer Inklusionsforschung. In: Andreas Köpfer, Justin J.W. Powell und Raphael Zahnd, Hrsg. Handbuch Inklusion international: International handbook of inclusive education. Opladen, Berlin und Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 11 ff. ISBN 978-3-8474-2446-8

Moser, Vera, 2017. Historische Kontextualisierung der Integrations- und Inklusionsforschung in der Bundesrepublik Deutschland. In: Jürgen Budde, Andreas Dlugosch und Tanja Sturm, Hrsg. (Re-) Konstruktive Inklusionsforschung: Differenzlinien-Handlungsfelder-Empirische Zugänge. Opladen, Berlin und Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 21–32. ISBN 978-3-8474-0769-0 [Rezension bei socialnet]

Oldenburg, Maren, 2021. Schüler:innen – Studierende – Inklusion: Orientierungen auf dem Weg zur Differenzsensibler Lehrer:innenbildung?. Hannover: Verlag Julius Klinkhart. ISBN 978-3-7815-2472-9

Ziemen, Kerstin, 2017. Lexikon Inklusion. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-70187-4 [Rezension bei socialnet]

7 Informationen im Internet

Verfasst von
Jun.-Prof. Dr. Liane Bächler
Universität zu Köln
Humanwissenschaftliche Fakultät
Department Heilpädagogik und Rehabilitation
Assistive Technologien in inklusiven Kontexten
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Es gibt 7 Lexikonartikel von Liane Bächler.

Zitiervorschlag
Bächler, Liane, 2023. Inklusionsforschung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 08.10.2023 [Zugriff am: 30.05.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/7044

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