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Inklusionswissenschaften

Prof. Dr. Gwendolin Bartz

veröffentlicht am 27.11.2025

Etymologie: lat. includere einschließen

Englisch: inclusion studies

Inklusionswissenschaften beschäftigen sich aus einer transdisziplinären Perspektive heraus mit Fragen zu Inklusion als gesellschaftlichem Prinzip. Im Vordergrund steht dabei die systematische, methodengeleitete Suche nach Wissen über Inklusion – sowohl aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen heraus als auch im Rückwirken auf diese.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Transdisziplinäre Ausrichtung
  3. 3 Abgrenzung zu Disability Studies
  4. 4 Unterschied zur Inklusionsforschung
  5. 5 Theoretische Bezüge
  6. 6 Reflexion von Widersprüchen
  7. 7 Zielsetzung
  8. 8 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Inklusionswissenschaften verstehen sich als transdisziplinäre Weiterentwicklung der Inklusionsforschung und gehen über deren bisherige, primär erziehungswissenschaftliche Ausrichtung auf schulische Inklusion hinaus. Sie verknüpfen verschiedene Disziplinen und Theorien – insbesondere Disability Studies, Sozialraum- und Lebenswelttheorien – um Inklusion als gesamtgesellschaftliches Prinzip zu erforschen. Dabei folgen sie einem Verständnis von Transdisziplinarität, das sowohl praktische Aspekte (multiprofessionelle Zusammenarbeit) als auch theoretische Dimensionen (disziplinübergreifende wissenschaftliche Problembearbeitung) umfasst.

Ein zentrales Anliegen ist die kritische Reflexion von Widersprüchen zwischen inklusiven Ansprüchen und faktisch separierenden Strukturen in Wissenschaft und Praxis sowie die Überwindung von Disziplin- und Sektorengrenzen zugunsten partizipativer, empowernder Ansätze.

2 Transdisziplinäre Ausrichtung

Der Begriff der Inklusionswissenschaften ist der jüngste einer Reihe von Begriffen, die sich im Kontext von Inklusion entwickelt haben, und wird bisher noch nicht systematisch aufgegriffen und genutzt (Bacakova et al. 2024). Es geht dabei um eine transdisziplinäre Weiterentwicklung der Inklusionsforschung, die sich als „eine interdisziplinäre wissenschaftliche Disziplin [versteht], die sich mit der Untersuchung der Ausgestaltung von Inklusion und somit der Teilhabe innerhalb unterschiedlicher gesellschaftlicher Handlungsfelder beschäftigt“ (Bächler 2023, o.S.).

Fragen inklusiver Bildung bzw. schulischer Inklusion stehen dabei im Vordergrund (Budde et al. 2017; Moser und Lütje-Klose 2016).

3 Abgrenzung zu Disability Studies

Im Gegensatz dazu gibt es bei den Inklusionswissenschaften deutlichere Referenzen in Richtung der Disability Studies, die laut Waldschmidt eine „Alternative zur vorherrschenden rehabilitationswissenschaftlichen Herangehensweise[n] bietet“ (Waldschmidt 2005, S. 9) und damit einen anderen Reflexionsrahmen ermöglicht als eine reine Ausrichtung auf „Inklusive Pädagogik“, die bislang in ihrer erziehungswissenschaftlichen Ausrichtung vorrangig sonderpädagogisch dominiert ist.

Demgegenüber werden die Disability Studies als „breite[r] an Menschenrechten, sozialen Fragen und Verteilungskämpfen orientierte[r] Ansatz“ (Schönwiese 2011, S. 2; auch Dederich 2015) beschrieben.

4 Unterschied zur Inklusionsforschung

Im Gegensatz zur der vornehmlich erziehungswissenschaftlich ausgerichteten Inklusionsforschung, die zwar auch Referenzen aus anderen Disziplinen aufnimmt, aber sich vornehmlich mit Inklusion im Kontext von Bildung und Erziehung beschäftigt (Budde et al. 2017, S. 10–12) und oft von einem sogenannten engen Inklusionsverständnis, d.h. primär bezogen auf Behinderung, ausgeht, wollen die Inklusionswissenschaften transdisziplinär agieren.

Sie folgen dabei einem von Mittelstraß skizzierten Verständnis von Transdisziplinarität, das sich auf eine theoretische wie praktische Ausrichtung bezieht (Mittelstraß 2007). Mittelstraß beschreibt Transdisziplinarität „als ein Forschungs- und Wissenschaftsprinzip […], das überall dort wirksam wird, wo eine allein fachliche oder disziplinäre Definition von Problemlagen und Problemlösungen nicht möglich ist bzw. über derartige Definitionen hinausgeführt wird“ (Mittelstraß 2007, S. 1).

Des Weiteren unterscheidet Mittelstraß eine praktische Transdisziplinarität und eine theoretische Transdisziplinarität. Diese Unterscheidung ist für die Inklusionswissenschaften nutzbar.

Im Kontext der praktischen Transdisziplinarität geht es beispielsweise um das multiprofessionelle Handeln in Bezug auf soziale oder gesellschaftliche Probleme oder Aufgaben. In der theoretischen Transdisziplinarität geht es um Problemstellungen, die innerwissenschaftlich erzeugt werden und die dann theoretisch transdisziplinär gelöst werden. Beide Zugangsweisen und Aspekte sind in Hinblick auf Inklusion relevant.

5 Theoretische Bezüge

Inklusionswissenschaften beziehen sich dabei auf die Komplexität von Menschen und deren Lebenswelten. Diese Anerkennung der Vielfalt stellt eine zentrale Voraussetzung für die Umsetzung von Inklusion und Teilhabe dar.

Inklusions- und Teilhabeforschung hat die Aufgabe, gesellschaftliche Strukturen und Prozesse zu identifizieren und zu analysieren, die zur Reproduktion gesellschaftlicher Ungleichheiten und damit einhergehender Marginalisierungen führen. Dies findet im Kontext der bisherigen Inklusionsforschung im deutschsprachigen Raum meist aus einer (sonder-) pädagogischen Perspektive und mit dem Fokus auf die „deutschsprachige Erziehungs- und Bildungswissenschaft“ (Bächler 2023, o.S.) statt.

Daher versucht die Bezeichnung Inklusionswissenschaften diese Engführung aufzulösen, indem sie Inklusionsforschung erweitert und damit aus dem rein pädagogischen Forschungszugang loslöst. Theoretische Bezüge ergeben sich etwa aus den Theorien zu Inklusion von Boger (2017, 2019), den Disability Studies oder den Theorien zu Sozialraum (Hinte und Godehardt-Bestmann 2024) und Lebenswelt (Thiersch 2024). Eine Einordnung zur (bisherigen) Inklusionsforschung findet sich bei Boger (2022).

6 Reflexion von Widersprüchen

Inklusionswissenschaften reflektieren auch die Widersprüche zwischen einer (Wissenschafts-)Praxis, die sich als inklusiv bezeichnet, aber zugleich separierende und sektoralisierte, d.h. in abgegrenzte Bereiche aufgeteilte, und teils auch repressive Strukturen aufrechterhält. Diese lassen sich im Bildungsbereich, aber auch in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen beobachten (Bacaková et al. 2024; Hollweg und Kieslinger 2010, S. 10).

Daher geht es auch um die Zusammenführung bislang separiert gedachter Bereiche – und zwar auf praktischer wie theoretischer Ebene. Inklusionswissenschaften verfolgen die Annahme, dass Separation in teilweise hochspezialisierten Disziplinen und Professionen sowie Einrichtungen ohne Dialoge miteinander Inklusion entgegensteht.

Dazu gehört es auch, eigene theoretische Annahmen und Ansätze, die gerade in Hinblick auf Inklusion ein diffuses Feld bilden, offenzulegen, um so über Disziplingrenzen hinweg gemeinsam Lösungen zu finden. Eine Forderung – die in der Praxis oftmals im Kontext multiprofessioneller Zusammenarbeit als grundlegend für Inklusion benannt wird.

7 Zielsetzung

Inklusionswissenschaften wollen daher im transdisziplinären Wirken, die Vereinzelung und Separation aufbrechen und eine partizipative, empowernde und inklusive Ausrichtung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und damit auch der Handlungsfelder in der Praxis befördern. Daraus kann sich „eine neue Annäherung an den Forschungsgegenstand Inklusion ergeben […] – jenseits disziplinärer Grenzen […} und über den Wissenschaftsbetrieb hinaus“ (Bacakova et al. 2024, S. 191).

Dabei sehen sich die Inklusionswissenschaften in einem Dreiklang von Wissenschaften und Theorien zu Inklusion, einer (inklusiven) Praxis und von Inklusionsarbeit.

8 Quellenangaben

Bacaková, Marketa, Gwendolin Bartz, Nadine Dziabel, Stefan Godehardt-Bestmann, Susann Kunze, Sabrina Naber und Ute Volkmann, 2024. Transdisziplinäre Inklusionswissenschaften. In: Ingo Bosse, Kathrin Müller und Daniela Nussbaumer, Hrsg. Internationale und demokratische Perspektiven auf Inklusion und Chancengerechtigkeit [online]. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 188–194 [Zugriff am: 19.11.2025]. PDF e-Book. ISBN 978-3-7815-6072-7. doi:10.25656/01:29754, doi:10.35468/​6072-20

Bächler, Liane, 2023. Inklusionsforschung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 08.10.2023 [Zugriff am: 08.09.2025]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/​Inklusionsforschung

Boger, Mai-Anh, 2017. Theorien der Inklusion – eine Übersicht. In: Zeitschrift für Inklusion [online]. 1 [Zugriff am: 09.09.2025]. ISSN 1862-5088. Verfügbar unter: https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/​article/view/413

Boger, Mai-Anh, 2019. Theorien der Inklusion: Die Theorie der trilemmatischen Inklusion zum Mitdenken. Münster: edition assemblage. ISBN 978-3-96042-056-9

Boger, Mai-Anh, 2022. Risse in der Landschaft der Inklusionsforschung. Aktuelle Entwicklungen und offene Fragen. In: Bernhard Schimek, Gertraud Kremsner, Michelle Proyer, Rainer Grubich, Florentine Paudel und Regina Grubich-Müller, Hrsg. Grenzen. Gänge. Zwischen. Welten. Kontroversen – Entwicklungen – Perspektiven der Inklusionsforschung [online]. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, S. 43–58 [Zugriff am: 19.11.2025]. PDF e-Book. ISBN 978-3-7815-2485-9. doi:10.25656/01:23814

Budde, Jürgen, Andrea Dlugosch und Tanja Sturm, Hrsg. 2017. (Re-)Konstruktive Inklusionsforschung: Differenzlinien – Handlungsfelder – Empirische Zugänge. Opladen: Verlag Barbara Budrich. ISBN 978-3-8474-0769-0 [Rezension bei socialnet]

Dederich, Markus, 2015. Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies [online]. Bielefeld: transcript Verlag. PDF e-Book. ISBN 978-3-8394-0641-0. doi:10.14361/​9783839406410

Hinte, Wolfgang und Stefan Godehardt-Bestmann, 2024. Sozialraumorientierung – vom Fachkonzept zur Handlungstheorie: Transdisziplinäre Grundlagen einer Theorie Sozialer Arbeit. Freiburg im Breisgau: Lambertus. ISBN 978-3-7841-3612-7 [Rezension bei socialnet]

Hollweg, Carolyn und Daniel Kieslinger, 2021. Einleitung. Inklusion und Hilfeplanung – wie geht das zusammen? In: Carolyn Hollweg und Daniel Kieslinger, Hrsg. Hilfeplanung inklusiv gedacht. Ansätze, Perspektiven, Konzepte [online]. Freiburg im Breisgau: Lambertus, S. 10–20 [Zugriff am: 15.09.2025]. PDF e-Book. ISBN 978-3-7841-3457-4, ISBN eBook 978-3-7841-3458. Verfügbar unter: https://www.meine-caritas.de/files/​newsletters/​bd1f06c1-8da7-4e92-820c-4f8a2072480e/​32c25175-503f-4cbc-990c-27cc9e42dbc8/​documents/​Kieslinger_Hilfeplanung%20inklusiv%20gedacht_A5_Druck.pdf

Köpfer, Andreas, Justin J. W. Powell und Raphael Zahnd, Hrsg., 2021. Handbuch Inklusion international. Globale, nationale und lokale Perspektiven auf inklusive Bildung [online]. Opladen: Verlag Barbara Budrich [Zugriff am: 19.11.2025]. PDF e-Book. ISBN 978-3-8474-1577-0. doi:10.25656/01:21413

Mittelstraß, Jürgen, 2007. Methodische Transdisziplinarität – Mit der Anmerkung eines Naturwissenschaftlers. In: LIFIS Online [online]. [Zugriff am: 15.09.2025]. ISSN 1864-6972. Verfügbar unter: https://leibniz-institut.de/archiv/​mittelstrass_05_11_07.pdf

Moser, Vera und Birigt Lütje-Klose, Hrsg. 2016. Schulische Inklusion [online]. Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft 62. Weinheim: Beltz Juventa [Zugriff am: 19.11.2025]. PDF e-Book. ISBN 978-3-7799-3509-4 [Rezension bei socialnet]. doi:10.25656/01:17183

Schönwiese, Volker, 2011 [2009]. Disability Studies und integrative/​inklusive Pädagogik. Ein Kommentar. In: Behindertenpädagogik [online]. 48(3), S. 284–291 [Zugriff am: 19.11.2025]. Verfügbar unter: urn:nbn:at:at-ubi:bidok:3-3356

Thiersch, Hans, 2024. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. In: Sozialmagazin. 49(1-2), S. 68–76. ISSN 0340-8469

Waldschmidt, Anne, 2005. Disability Studies: individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung? In: Psychologie und Gesellschaftskritik [online]. 29(1), S. 9–31 [Zugriff am: 19.11.2025]. ISSN 0170-0537. Verfügbar unter: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-18770

Verfasst von
Prof. Dr. Gwendolin Bartz
IU Internationale Hochschule
Professorin für Heilpädagogik und Inklusionspädagogik
Lehrerin für Sonderpädagogik
Systemische Familientherapeutin (DGSF)
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