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Inklusive Schule

Ähnlicher Begriff: Inklusionsschule

Die inklusive Schule ist eine Bildungsinstitution, die sich auf den Ebenen der Strukturen, Kulturen und Praktiken der Leitidee Inklusion respektive der inklusiven Pädagogik verschreibt und deren Ansprüche einzulösen versucht. Einem Verständnis von Inklusion als nicht endgültig abschließbarem Prozess folgend, befinden sich inklusive, oder auch inklusionsorientierte, Schulen in einem fortlaufenden Prozess der Reflexion möglicher und nötiger inklusionspädagogischer Reformen und damit in einem fortlaufenden Prozess der Schul- und Unterrichtsentwicklung.

Überblick

  1. 1 Unterschiedliche Verständnisse von inklusiver Schule
  2. 2 Merkmale inklusiver Schulen
  3. 3 Quellenangaben
  4. 4 Literaturhinweise

1 Unterschiedliche Verständnisse von inklusiver Schule

Die Vorstellungen davon, was eine inklusive Schule kennzeichnet, gehen in wissenschaftlichen, verbandlichen und bildungspolitischen Diskussionen aufgrund teils widersprüchlicher zugrundeliegender Verständnisse von (schulischer) Inklusion mitunter stark auseinander (siehe inklusive Pädagogik). So bezeichnen einige WissenschaftlerInnen (z.B. Otto Speck, exemplarisch 2016) die in der Regel auf Dauer (d.h. für die gesamte/​restliche schulische Bildungsbiografie eines Kindes oder Jugendlichen) segregierenden Förderschulen des deutschen Schulsystems, die – auf Basis empirischer Erkenntnisse – seit Jahrzehnten hinsichtlich ihrer diskreditierenden und diskriminierenden Effekte kritisiert und in den letzten Jahren unmissverständlich als weitgehend nicht vereinbar mit dem Menschenrecht auf Inklusion und inklusive Bildung herausgestellt worden sind (exempl. Moser 2017, S. 22 ff.), als vermeintlich inklusive Schulen.

Relativ weit verbreitet (v.a. auch in öffentlichen Diskussionen) ist die synonyme Bezeichnung von integrativen Schulen, also Schulen, die Gemeinsamen Unterricht praktizieren, d.h. Kinder mit und ohne zugeschriebenen sonderpädagogischen Förderbedarf integrativ beschulen, als sogenannte inklusive Schulen. Diese Schulen werden oftmals auch als Inklusionsschulen bezeichnet. Aus Sicht eines reflexiven Inklusionsverständnisses (siehe inklusive Pädagogik) sind diese sogenannten Inklusionsschulen allerdings konsequenterweise als integrative Schulen oder Integrationsschulen zu bezeichnen.

Inklusive Schulen im Sinne eines reflexiven Inklusionsverständnisses sichern für alle Kinder und Jugendlichen das uneingeschränkte Recht auf Bildung ab, anerkennen die Heterogenität aller Kinder und Jugendlichen und gehen reflexiv mit Differenzmerkmalen (z.B. Geschlecht, Alter, Herkunft, Religion, Begabung etc.) um. Sie sind bestrebt, ihre Strukturen, Kulturen und Praktiken systematisch und fortlaufend hinsichtlich möglicher marginalisierender, stigmatisierender und diskriminierender, selektiver, segregierender und exkludierender Wirkungen zu reflektieren und ggf. zu verändern. Die inklusive Schule ist damit eine Schule, die Barrierefreiheit auf der einen und die freie Entfaltung individueller Potenziale auf der anderen Seite für ausnahmslos alle Kinder und Jugendlichen sowie teils vielfältige Prozesse der Schul- und Unterrichtsentwicklung anstrebt. Da Inklusion als nicht endgültig abschließbarer Prozess und Entwicklungsanreiz verstanden wird, können Schulen, die diese Prozesse anstreben, auch als inklusionsorientierte Schulen bezeichnet werden.

2 Merkmale inklusiver Schulen

In inklusionspädagogischen Diskussionen wurden in den letzten Jahren mehrfach wesentliche Merkmale respektive Standards inklusiver Schulen formuliert (z.B. Moser 2012; Reich 2014). In Anlehnung an Geiling und Simon (2017, S. 102 f.) können inklusive Schulen als Orte der Umsetzung einer inklusiven Pädagogik wie folgt beschrieben werden:

  • Sie wenden sich gegen etikettierende und selektive Strukturen, Kulturen und Praktiken wie beispielsweise die Zurückstellungen von der Einschulung, das Sitzenbleiben, die Akkreditierung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs (respektive öffentliche Etikettierung von Kindern und Jugendlichen als sonderpädagogisch förderbedürftig), Abschulungen oder die Bildung dauerhaft homogenisierter Gruppen (z.B. durch Integrations- oder sogenannte „Willkommensklassen“, die segregierende Beschulung an Förderschulen oder die Mehrgliedrigkeit im Bereich der Sekundarstufe).
  • Ressourcen (z.B. förderpädagogische, sozialpädagogische, therapeutische) werden – insbesondere, wenn sie von der Bildungsadministration gesteuert werden – institutionalisiert systembezogen zugewiesen, um negative Folgen der Etikettierung einzelner Kinder und Jugendlicher (z.B. Diskreditierungen) zu verhindern.
  • Pädagogische Beziehungen zwischen den pädagogischen Fachkräften und den SchülerInnen, aber auch die Beziehungen zwischen den SchülerInnen fußen auf einem inklusionsorientierten ethischen Fundament (Prengel et al. 2017; Moser 2019), auf dem Prinzip der Gleichwürdigkeit und gegenseitigen Anerkennung im Sinne der egalitären Differenz (Prengel 1993). Das pädagogische Handeln ist auf den vorurteilsbewussten Einbezug aller Kinder und Jugendlichen in ungeteilte Lerngruppen ausgerichtet.
  • Lernsituationen und -umgebungen respektive Lehr-Lern-Prozesse werden kooperativ, durch interdisziplinäre bzw. multiprofessionelle Teams sowie unter Einbezug der Kinder und Jugendlichen konzipiert, gestaltet und reflektiert. Basierend auf dem konstruktivistischen Lehr-Lern-Verständnis der inklusiven Didaktik werden dabei offene Unterrichtsformen und Formen selbstbestimmten, explorativen und forschenden Lernens besonders präferiert und Kindern und Jugendlichen werden individualisierte Lernwege und -zeiten ermöglicht.
  • Demokratische Organe und Strukturen (z.B. Klassenräte, SchülerInnenparlamente, Zukunftskonferenzen, Ombuds-Stellen) sichern die Achtung der Menschen- bzw. Kinderrechte ab, und ermöglichen die Partizipation der SchülerInnen an der fortlaufenden inklusionsorientierten Reflexion und (Weiter)Entwicklung der Strukturen, Kulturen und Praktiken in der Schule.
  • Die Gestaltung institutioneller Übergänge von der Kita in die Grundschule, von der Grundschule auf weiterführende Gesamtschulen (entsprechend der Überwindung der Mehrgliedrigkeit im Schulwesen) sowie von der Schule in das System der beruflichen Ausbildung, in die Hochschule oder in den Arbeitsmarkt, erfolgt möglichst in Kooperation mit AkteurInnen der beteiligten Institutionen, den Familien der Kinder und Jugendlichen und diesen selbst.

3 Quellenangaben

Geiling, Ute und Toni Simon, 2017. Inklusion in der Grundschule. In: Kerstin Ziemen, Hrsg. Lexikon Inklusion. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 102–104. ISBN 978-3-525-70187-4 [Rezension bei socialnet]

Moser, Vera, Hrsg., 2012. Die Inklusive Schule: Standards für ihre Umsetzung. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-023981-4

Moser, Vera, 2017. Inklusion und Organisationsentwicklung. In: Vera Moser und Marina Egger, Hrsg. Inklusion und Schulentwicklung: Konzepte, Instrumente, Befunde. Stuttgart: Kohlhammer, S. 15–30. ISBN 978-3-17-031294-4 [Rezension bei socialnet]

Moser, Vera, 2019. Ethische Grundlagen inklusiven Lehrens und Lernens [online]. In: Julia Frohn, Ellen Brodesser, Vera Moser und Detlef Pech, Hrsg. Inklusives Lehren und Lernen: Allgemein- und fachdidaktische Grundlagen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 34–37 [Zugriff am: 06.05.2020]. PDF e-Book. ISBN 978-3-7815-2289-3 [Rezension bei socialnet]. Verfügbar unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2019/16759/pdf/Frohn_et_al_2019_Inklusives_Lehren_und_Lernen.pdf

Prengel, Annedore, 1993. Pädagogik der Vielfalt: Verschiedenheit und Gleichberechtigung in Interkultureller, Feministischer und Integrativer Pädagogik. Opladen: Leske + Budrich. ISBN 978-3-663-14850-0

Prengel, Annedore, Friederike Heinzel,Sandra Reitz und Ursula Winklhofer, 2017. Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen [online]. Reckahn: Rochow-Edition [Zugriff am: 06.05.2020]. PDF e-Book. ISBN 978-3-9809752-9-2. Verfügbar unter: http://paedagogische-beziehungen.eu/wp-content/​uploads/2017/11/bf_Broschu%CC%88re-ReckahnerReflektionen.pdf

Reich, Kersten, 2014. Inklusive Didaktik: Bausteine für eine inklusive Schule. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-407-25710-9 [Rezension bei socialnet]

Speck, Otto, 2016. Was ist ein inklusives Schulsystem? In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete. 85(3), S. 185–195. ISSN 0017-9655

4 Literaturhinweise

Bohl, Thorsten, Jürgen Budde und Markus Rieger-Ladich, Hrsg. 2017. Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht: Grundlagentheoretische Beiträge, empirische Befunde und didaktische Reflexionen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt UTB. ISBN 978-3-8252-4755-3 [Rezension bei socialnet]

Booth, Tony und Mel Ainscow, 2017. Index für Inklusion: Ein Leitfaden für Schulentwicklung. Herausgegeben und adaptiert von Bruno Achermann, Donja Amirpur, Maria-Luise Braunsteiner, Heidrun Demo, Elisabeth Plate und Andrea Platte. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-407-63006-3

Huf, Christina und Irtraud Schnell, Hrsg., 2015. Inklusive Bildung in Kita und Grundschule. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-026153-2 [Rezension bei socialnet]

Reich, Kersten, Hrsg., 2012. Inklusion und Bildungsgerechtigkeit: Standards und Regeln zur Umsetzung einer inklusiven Schule. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-407-25681-2 [Rezension bei socialnet]

Autor
Dr. Toni Simon
Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Arbeitsbereichs Sachunterricht am Institut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
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Es gibt 5 Lexikonartikel von Toni Simon.


Zitiervorschlag
Simon, Toni, 2020. Inklusive Schule [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 11.05.2020 [Zugriff am: 28.05.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Inklusive-Schule

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veröffentlicht am 11.05.2020

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