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Instruktive Macht

Prof. Dr. habil. Björn Kraus

veröffentlicht am 02.10.2023

Etymologie: Über das französische instructif aus dem Lateinischen entlehnt; verwandt mit instruieren anweisen; ide. *magh vermögen, fähig sein

Englisch: instructive power

Als Terminus technicus (Fachbegriff) steht „Instruktive Macht“ für die Chance der Willensdurchsetzung, die darauf beruht, dass Einzelne oder soziale Systeme Anweisungen folgen. „Instruktive Macht“ gilt als wertneutraler Terminus dessen Bewertung je nach zugrunde gelegten Werten negativ oder positiv ausfallen kann.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Begriffsdefinition und relational-konstruktivistische Machttheorie
  3. 3 Zur sozialen Relevanz einer relationalen Konstruktion
  4. 4 Nutzen, Verwendung und Rezeption des Terminus
  5. 5 Historischer Kontext: Lösungsvorschlag im Streit um den Machtbegriff
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Der Terminus „Instruktive Macht“ bezieht sich auf den der „instruktiven Interaktion“, deren Möglichkeit in den konstruktivistischen Machtdiskursen der 1980er- und -90er-Jahre unter dem Schlagwort des „Mythos instruktiver Interaktion“ (Dell 1990, S. 99–106) bestritten wurde. Im Unterschied zu „Destruktiver Macht“ zeichnet sich „Instruktive Macht“ dadurch aus, dass diese Form der Willensdurchsetzung am Eigensinn derjenigen scheitern kann, die instruiert werden sollen. Da sich die Verweigerungsmöglichkeiten grundlegend unterscheiden, ist zur Analyse von Potenzialen der Willensdurchsetzung die Differenzierung zwischen „Instruktiver Macht“ und „Destruktiver Macht“ notwendig (Kraus 2019, S. 88; 2021, S. 108).

Während in der umgangssprachlichen Verwendung der Begriff „instruktiv“ stellenweise mit positiven Bedeutungszuweisungen verbunden wird, ist dies hier nicht der Fall. „Instruktiv“ steht zunächst rein deskriptiv für „anweisend“. Die Frage nach der moralischen Bewertung erfolgt erst in einem zweiten Schritt. Insofern steht der Terminus „Instruktive Macht“ für eine spezifische Form der Willensdurchsetzung, ohne dass damit zugleich eine bestimmte normative Bewertung verbunden ist.

2 Begriffsdefinition und relational-konstruktivistische Machttheorie

Definiert wird der Terminus „Instruktive Macht“ folgendermaßen (Kraus 2021, S. 103):

Als Instruktive Macht gilt das aus einer Beobachterperspektive bestimmte Potenzial eines Systems, das Verhalten oder Denken eines anderen Systems dem eigenen Willen entsprechend zu determinieren.

„Instruktive Macht“ als Möglichkeit zu instruktiven Interaktionen ist vom Eigensinn der zu Instruierenden abhängig.

„Instruktive Macht“ beschreibt also spezifische Durchsetzungspotenziale in sozialen Relationen.

Vorausgesetzt wird dabei Folgendes:

  • die Relation von mindestens zwei Systemen (Systeme können bio-psychische oder soziale Systeme sein vgl. Relationaler Konstruktivismus ),
  • mindestens ein System versucht, seinen auf Instruktion (Anweisung) zielenden Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen,
  • mindestens ein System folgt, wenn auch widerstrebend, dieser Instruktion.

Ob diese Voraussetzungen vorliegen und somit diese Form der Macht vorliegt, kann nicht objektiv festgestellt, sondern nur aus einer Beobachterperspektive entschieden werden. Deutlich wird hierbei das konstruktivistische Fundament, welches begründet: 1. wir können unsere Erkenntnisbedingungen nicht umgehen und deswegen sind Aussagen über die Welt immer nur aus einer Beobachterperspektive möglich. 2. Kognition kann von außen nicht gesteuert werden, weswegen instruktive Ansinnen immer scheitern können (zu den theoretischen Grundlagen vgl. Relationaler Konstruktivismus).

3 Zur sozialen Relevanz einer relationalen Konstruktion

Insoweit der Erfolg „Instruktiver Macht“ vom Eigensinn derer abhängt, die instruiert werden sollen, kommt dieser Form der Macht lediglich der Status einer sozialen Konstruktion zu. Da das Funktionieren „Instruktiver Macht“ maßgeblich von den scheinbar „Ohnmächtigen“ abhängt, ist zu fragen, wer bei näherer Betrachtung inwieweit, über welche Form der Macht verfügt (Kraus 2021, S. 98 ff.).

Zur adäquaten Beschreibung sozialer Beziehungen kann dennoch nicht auf die Kategorie der „Instruktiven Macht“ verzichtet werden. Denn auch als soziale Konstruktion kann sie in sozialen Beziehungen wirksam sein und Denk- und Handlungsentwürfe orientieren.

„Von instruktiver Macht wäre dann zu sprechen, wenn der ‚Ohnmächtige‘ entgegen seinen eigenen Wünschen den instruktiven Wünschen des Mächtigen folgt, da er diesem die hierzu notwendige Macht zuschreibt“ (Kraus 2021, S. 91).

Auch wenn „Instruktive Macht“ nur als soziale Konstruktion gilt, ist sie dennoch eine relevante Kategorie bei der Analyse sozialer Verhältnisse. Etwa um zu untersuchen, welche Möglichkeiten der Willensdurchsetzung aus sozialen Zuschreibungen resultieren oder um die diesbezüglichen Verweigerungsmöglichkeiten herauszuarbeiten. Diese Fragen sind auch hinsichtlich der Begründung individueller und/oder gesellschaftlicher Verantwortungszuschreibungen grundlegend (Kraus 2019, S. 192 ff.; 2021, S. 112 f.; insb. S. 101 und S. 113).

4 Nutzen, Verwendung und Rezeption des Terminus

Der Terminus der „Instruktiven Macht“ zählt zu den konstitutiven Begriffen sowohl des Relationalen Konstruktivismus, als auch einer Relationalen Sozialen Arbeit. Darüber hinaus findet sich seine Verwendung in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Diskursen (etwa Lambers 2020, S. 207 f.). Insoweit seine Verwendung regelhaft mit dem Terminus der „Destruktiven Macht“ verbunden ist, sei an dieser Stelle auf die Ausführungen zu seiner Verwendung und Rezeption im entsprechenden Kapitel des Lexikonbeitrags zu „Destruktiver Macht“ verwiesen.

5 Historischer Kontext: Lösungsvorschlag im Streit um den Machtbegriff

Die theoretische Bestimmung des Terminus der „Instruktiven Macht“ ist in die Entwicklung des Relationalen Konstruktivismus eingebunden (Kraus 2000; 2002; 2013; 2019). Ausgangspunkt war der Streit um die „Machtmetapher“ der 1980er- und -90er-Jahre (Böse und Schiepek 2000, S. 107–111). Da Macht wie jegliche „Instruktive Interaktion“ (Dell 1990, S. 99) immer am Eigensinn der von außen nicht steuerbaren Kognition scheitern kann, galt Macht als soziale Illusion, die nur funktioniert, solange die Beteiligten daran glauben (Portele 1989, S. 204).

Hier ermöglichte die Unterscheidung zwischen „Instruktiver Macht“ und „Destruktiver Macht“ einen neuen Lösungsvorschlag zur Erklärung sozialer Phänomene, der jenseits der Dualität von „es gibt Macht“ vs. „es gibt keine Macht“ lag. Da der Terminus gemeinsam mit dem der „Destruktiven Macht“ entwickelt wurde, sei auch bezüglich des historischen Kontextes auf die Ausführungen im entsprechenden Kapitel des Lexikonbeitrags zu „Destruktiver Macht“ verwiesen.

6 Quellenangaben

Böse, Raimund und Günter Schiepek, 2000. Systemische Theorie und Therapie: Ein Handwörterbuch. 3. Auflage. Heidelberg: Lambertus. ISBN 978-3-89334-152-8

Dell, Paul Frederick, 1990. Klinische Erkenntnis: Zu den Grundlagen systemischer Therapie. 2. Auflage. Dortmund: Verl. Modernes Lernen. ISBN 978-3-8080-0231-5

Kraus, Björn, 2000. „Lebensweltliche Orientierung“ statt „instruktive Interaktion“: Eine Einführung in den Radikalen Konstruktivismus in seiner Bedeutung für die Soziale Arbeit und Pädagogik. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung. ISBN 978-3-86135-160-3

Kraus, Björn, 2002. Konstruktivismus – Kommunikation – Soziale Arbeit: Radikalkonstruktivistische Betrachtungen zu den Bedingungen des sozialpädagogischen Interaktionsverhältnisses. Heidelberg: Verlag für Systemische Forschung im Carl-Auer-Systeme Verlag. ISBN 978-3-89670-312-5 [Rezension bei socialnet]

Kraus, Björn, 2013. Erkennen und Entscheiden: Grundlagen und Konsequenzen eines erkenntnistheoretischen Konstruktivismus für die Soziale Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-2854-6 [Rezension bei socialnet]

Kraus, Björn, 2019. Relationaler Konstruktivismus – Relationale Soziale Arbeit: Von der systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3949-8 [Rezension bei socialnet]

Kraus, Björn, 2021. Macht – Hilfe – Kontrolle: Relationale Grundlegungen und Erweiterungen eines systemisch-konstruktivistischen Machtmodells. In: Björn Kraus und Wolfgang Krieger, Hrsg. Macht in der Sozialen Arbeit: Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung [online]. 5. überarb. und erw. Auflage. Detmold: Jacobs Verlag, S. 91–116 [Zugriff am: 20.09.2023]. PDF e-Book. ISBN 978-3-89918-284-2. Verfügbar unter: https://www.ssoar.info/ssoar/​handle/​document/​47358.2

Lambers, Helmut, 2020. Theorien der Sozialen Arbeit: Ein Kompendium und Vergleich. 5. Auflage. Opladen: Verlag Barbara Budrich. ISBN 978-3-8252-5476-6

Portele, Gerhard, 1989. Autonomie, Macht, Liebe: Konsequenzen der Selbstreferentialität. Frankfurt/M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-38094-9

7 Literaturhinweise

Kraus, Björn, 2021. Macht – Hilfe – Kontrolle: Relationale Grundlegungen und Erweiterungen eines systemisch-konstruktivistischen Machtmodells. In: Björn Kraus und Wolfgang Krieger, Hrsg. Macht in der Sozialen Arbeit: Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung [online]. 5. überarb. und erw. Auflage. Detmold: Jacobs Verlag, S. 91–116 [Zugriff am: 20.09.2023]. PDF e-Book. ISBN 978-3-89918-284-2. Verfügbar unter: https://www.ssoar.info/ssoar/​handle/​document/​47358.2

Kraus, Björn, 2019. Relationaler Konstruktivismus – Relationale Soziale Arbeit: Von der systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3949-8 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Prof. Dr. habil. Björn Kraus
Freiburg
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Es gibt 10 Lexikonartikel von Björn Kraus.

Zitiervorschlag
Kraus, Björn, 2023. Instruktive Macht [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 02.10.2023 [Zugriff am: 16.06.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/29859

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