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Intelligenz

Etymologie: lat. intellegere verstehen, erkennen, einsehen

Englisch: intelligence

Intelligenz kann kurzgefasst als Fähigkeit zu abstraktem Denken, logischem Schlussfolgern und Problemlösen definiert werden.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Modelle zur Struktur der Intelligenz
  3. 3 Diagnostik: Der IQ
  4. 4 Entwicklung von Intelligenz
  5. 5 Auswirkungen intellektueller Unterschiede
  6. 6 Förderung
  7. 7 Kontroverse Diskussion über Ausweitung des Intelligenzbegriffs
  8. 8 Quellenangaben
  9. 9 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Die Intelligenzforschung der Psychologie blickt auf eine mehr als 100-jährige Tradition zurück, in der eine große Fülle verschiedener Modelle zur Struktur wie auch diagnostische Möglichkeiten und Forschungsergebnisse zur Entwicklung von Intelligenz über die Lebensspanne und deren Bedeutung für die Lebensführung erarbeitet wurde. Heutzutage gilt die Intelligenz als hierarchisches Konstrukt, das verschiedene Fähigkeiten in sich vereint. Die Diagnostik wird mittels standardisierter Testverfahren durchgeführt. Es bestehen moderate positive Zusammenhänge zwischen Intelligenz und Leistung.

2 Modelle zur Struktur der Intelligenz

Nach aktuellem Stand der Forschung existieren mehrere Modelle der Intelligenz nebeneinander, die sich in empirischen Studien gut bewährt haben. In den meisten Modellen sind verschiedene Intelligenzfaktoren berücksichtigt und in einer hierarchischen Struktur angeordnet. Faktoren der höheren Ebenen stellen dann allgemeinere, breitere Fähigkeitenkonstrukte dar als Faktoren der unteren Ebenen, die umso spezifischer werden. Im Modell von Johnson und Bouchard (2005) beispielsweise können die Intelligenzfaktoren verbales Denken, wahrnehmungsgebundenes Denken und mentale Rotation jeweils sowohl (nach unten) weiter differenziert, als auch auf höherer Ebene zu einem Generalfaktor der Intelligenz aggregiert werden (Überblick: Stumpf 2019).

Andere gängige Intelligenzfaktoren sind u.a.:

  • Gedächtnis- bzw. Merkfähigkeit
  • Verarbeitungsgeschwindigkeit
  • Verarbeitungskapazität
  • figural-bildhaftes Denken.

Mit dem Konstrukt Intelligenz werden also sowohl prozesshafte Fähigkeiten, wie z.B. Geschwindigkeit und Kapazität, als auch inhaltliche Fähigkeiten (verbales Denken, figural-bildhaftes Denken) beschrieben.

3 Diagnostik: Der IQ

Intelligenzdiagnostik wird mittels standardisierter Testdiagnostik durchgeführt. Als Ergebnis wird der sogenannte Intelligenzquotient (IQ) ermittelt, der als individueller Testwert einer Person in Relation zur relevanten Altersgruppe definiert ist. Daher können IQ-Werte über verschiedene Altersgruppen hinweg nach der gleichen Systematik interpretiert werden:

  • der Mittelwert des IQ liegt bei M = 100
  • Werte zwischen IQ = 85 und IQ = 115 gelten als durchschnittlich
  • 68 % jeder Altersgruppe, also der Großteil der Bevölkerung, weisen durchschnittliche IQ-Werte auf
  • je weiter die IQ-Werte vom Mittelwert abweichen, umso seltener sind sie, denn die Intelligenzwerte sind normal verteilt
  • ab IQ > 115 gelten die Werte als „leicht überdurchschnittlich“
  • ab IQ ≥ 130 als „überdurchschnittlich“; Personen mit so hoher Intelligenz nennen wir „hochbegabt“ und sind selten: nur 2,1 % jeder Altersgruppe erreicht so hohe Werte
  • da die Intelligenzverteilung symmetrisch ist, erzielen ebenfalls 2,1 % jeder Altersgruppe Werte von IQ ≤ 70

4 Entwicklung von Intelligenz

Die intellektuellen Fähigkeiten entwickeln sich über die gesamte Lebensspanne als Resultat einer Interaktion aus Anlage und Umwelt. Auch wenn vergleichsweise hohe Erblichkeitsfaktoren für die Intelligenz evident sind, können diese sich nur durch Anregungen aus der Umwelt entfalten (Stern und Neubauer 2013). In Kindheit und Jugend entwickelt sich die Intelligenz sehr schnell positiv. Durchschnittlich wird bereits im frühen Erwachsenenalter ein Maximum der Intelligenzentwicklung erreicht. Bereits ab etwa 25 Jahren nehmen die intellektuellen Fähigkeiten langsam wieder ab, wovon vorerst v.a. die mentale Geschwindigkeit betroffen ist (Stumpf 2019).

5 Auswirkungen intellektueller Unterschiede

Entgegen mancher plakativer Behauptungen spielt der IQ durchaus eine bedeutende Rolle für die Lebensführung. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Leistung: Intelligentere Menschen erzielen höhere Leistungen. Solche statistischen Ergebnisse sind stets auf größere Populationen bezogen und beschreiben somit den Zusammenhang im Großen und Ganzen. Das ist durchaus vereinbar mit der Feststellung, dass einige sehr intelligente Menschen ihr hohes Leistungspotenzial nicht ausschöpfen. Doch stellen diese eine Minderheit dar.

Der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Leistung ist zwar nicht maximal hoch, doch haben sich IQ-Werte in zahlreichen Studien als beste Prädiktoren für die Prognose von Bildungserfolg erwiesen.

Neben den Unterschieden in den Leistungen weisen intelligentere Personen – wieder im Großen und Ganzen betrachtet – auch etwas günstigere Entwicklungen bezüglich allgemeiner Gesundheit, emotionaler Stabilität und Offenheit für neue Erfahrungen auf als weniger intelligente Gleichaltrige. Intelligenz erweist sich also als hilfreich für eine erfolgreiche und zufriedene Lebensführung.

6 Förderung

Ist es möglich, die Intelligenz zu steigern? Wenngleich der Stand der Forschung eindeutig ein „Ja“ auf diese Frage zulässt, sollte man dies doch differenziert betrachten. Denn alltagspsychologisch wird mit dieser Frage häufig auf eine schnelle Steigerung der Intelligenz mittels schlichter kognitiver Trainings fokussiert. Im Internet werden etliche Produkte wie Bücher, Online-Trainings usw. angepriesen, die einen nahezu mühelosen und schnellen Effekt in Aussicht stellen.

Doch war und ist die Entwicklung von Trainings zur Verbesserung intellektueller Fähigkeiten offenbar nicht ganz einfach, wenn diese wissenschaftlichen Überprüfungen genügen sollen. Die ersten erfolgreichen Förderprogramme wurden für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf entwickelt. Inzwischen sind auch Fördereffekte solcher Programme auf Kinder ohne Förderbedarf belegt.

Die gängigste Maßnahme zur Intelligenzförderung im Kindes- und Jugendalter ist jedoch zweifellos die Beschulung. Sowohl die Dauer der Beschulung als auch Unterschiede in der Qualität der Beschulung (gemessen anhand der verschiedenen Schularten der Sekundarstufe Hauptschule, Realschule, Gymnasien) wirken sich auf die Intelligenzentwicklung aus.

7 Kontroverse Diskussion über die Ausweitung des Intelligenzbegriffs

Bereits in den 1980er Jahren veröffentlichte der US-amerikanische Forscher Howard Gardner eine Monografie, die in der deutschen Übersetzung mit dem Titel „Abschied vom IQ. Die Rahmentheorie der vielfachen Intelligenzen“ (Gardner 1991) eine hitzige Debatte auslöste. Gardner postulierte darin, das Konstrukt Intelligenz würde zu eng gefasst. Seiner Ansicht nach existierten auch in nicht-kognitiven Bereichen Konstrukte, die als Intelligenz zu bezeichnen wären. Neben der musikalischen und räumlichen Intelligenz postulierte er bspw. auch die Existenz einer interpersonalen Intelligenz als Fähigkeit, Stimmungen und Charakterzüge und Motive anderer Menschen gut wahrnehmen und verstehen zu können.

Etwa im gleichen Zeitraum postulierte ein weiterer US-amerikanischer Wissenschaftler, Daniel Goleman, die Existenz der Emotionalen Intelligenz, die er für bedeutender für die Lebensführung hielt als die kognitive Intelligenz.

Im deutschsprachigen Raum empfehlen die meisten sachkundigen Wissenschaftler*innen, den Begriff Intelligenz auf die kognitiven Fähigkeiten einzugrenzen und für alle weiteren Konstrukte (Emotionale Intelligenz; Musikalität) eher den Begriff Begabung zu verwenden.

8 Quellenangaben

Gardner, Howard, 1991. Abschied vom IQ: Die Rahmen-Theorie der vielfachen Intelligenzen. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-608-93158-7

Goleman, Daniel, 2011. Emotionale Intelligenz. München: dtv. ISBN 978-3-423-19527-0

Johnson, Wendy und Thomas Bouchard Jr., 2005. The structure of human intelligence: It is verbal, perceptual, and image rotation (VPR), not fluid and crystallized. In: Intelligence [online]. 33(4), S. 393–416. ISSN 1557-9425. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1016/j.intell.2004.12.002

Stern, Elsbeth und Aljoscha Neubauer, 2013. Intelligenz – Große Unterschiede und ihre Folgen. München: Deutsche Verlags-Anstalt. ISBN 978-3-421-04533-1

Stumpf, Eva, 2019. Intelligenz verstehen: Grundlagenwissen für Pädagogen und Psychologen. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-026906-4

9 Literaturhinweise

Rost, Detlef H., 2013. Handbuch Intelligenz. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-28044-0
Eine sehr umfassende und tiefgehende Analyse des Forschungsstandes zu Intelligenz. Erfordert psychologische Vorkenntnisse.

Stern, Elsbeth und Aljoscha Neubauer, 2013. Intelligenz – Große Unterschiede und ihre Folgen. München: Deutsche Verlags-Anstalt. ISBN 978-3-421-04533-1
Erläuterung des aktuellen Forschungsstandes mit hohem gesellschaftlichem Bezug. Auch ohne psychologisches Vorwissen nachvollziehbar.

Stumpf, Eva, 2019. Intelligenz verstehen: Grundlagenwissen für Pädagogen und Psychologen. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-026906-4
Eine kompakte und aktuelle Darstellung der wichtigsten Theorien, Befunde und Kontroversen zum Konstrukt Intelligenz mit hoher Relevanz für schulisches Lernen. Auch ohne psychologisches Vorwissen nachvollziehbar.

Stumpf, Eva et al., 2019. Intelligenz, Kreativität und Begabung. In: Detlef Urhahne, Markus Dresel und Frank Fischer, Hrsg. Psychologie für den Lehrberuf. Berlin: Springer. ISBN 978-3-662-55753-2
Kompakte Aufbereitung der drei Konstrukte und deren Bezüge zueinander. Auch ohne psychologische Vorkenntnisse nachvollziehbar.

Autorin
Prof. Dr. Eva Stumpf
Professorin am Institut für Pädagogische Psychologie „Rosa und David Katz“ der Universität Rostock
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Es gibt 1 Lexikonartikel von Eva Stumpf.


Zitiervorschlag
Stumpf, Eva, 2019. Intelligenz [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 12.12.2019 [Zugriff am: 21.01.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Intelligenz

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Autorin

Prof. Dr. Eva Stumpf
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veröffentlicht am 12.12.2019

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