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Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie

Prof. Dr. Carl Heese

veröffentlicht am 04.10.2023

Abkürzung: IMST

Englisch: interdisciplinary multimodal pain therapy; interdisciplinary multimodal pain management

Medizinischer Disclaimer: Herausgeberin und Autor:innen haften nicht für die Richtigkeit der Angaben. Beiträge zu Gesundheitsthemen ersetzen keine ärztliche Beratung und richten sich nur an Fachleute.

Die Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie (IMST) ist ein integrierter Behandlungsansatz bei einer chronischen Schmerzerkrankung. Sie gilt als der Goldstandard der Schmerztherapie und ist die zentrale Versorgungsform für chronische Schmerzen in Deutschland. Die Durchführung erfolgt überwiegend als stationäre Gruppentherapie.

Als chronisch werden Schmerzen bezeichnet, die länger als drei Monate andauern. Sie betreffen 15 bis 25 % der Bevölkerung in allen Ländern. Ein Teil der Betroffenen erlebt dabei so schwere physische und psychische Einschränkungen, dass von einer Schmerzerkrankung gesprochen wird. In Deutschland sind davon über 2 Mio. Menschen in allen Altersgruppen betroffen (Bellach et al. 2000; Häuser et al. 2014). Wie bei vielen chronischen Erkrankungen findet sich auch hier ein deutlicher sozialer Gradient. Menschen mit niederem sozioökonomischem Status sind überproportional betroffen (Kuntz et al. 2017; Newman 2017; Ruhe et al. 2016).

Die Behandlung von chronischen Schmerzen gilt als schwierig. Aus der Erfahrung der unzureichenden Wirksamkeit monotherapeutischer Therapieansätze ging man zur Entwicklung von disziplinübergreifenden Komplexinterventionen über. Die IMST ist die aktuell wirksamste Form der Behandlung chronischer Schmerzen. Ihre Ausgestaltung ist für die Regelversorgung in dem OPS-Code 8–918 ff. kodifiziert (BfArM 2022). Zentral ist dabei der integrierte Ansatz mit mindestens zwei medizinischen Fachdisziplinen. Die ärztliche Leitung muss über die Zusatzbezeichnung Spezielle Schmerztherapie verfügen, zudem muss eine psychiatrische, psychosomatische oder psychologisch-psychotherapeutische Fachdisziplin an der Behandlung beteiligt sein. Gefordert sind weiter eine interdisziplinäre Befunderhebung sowie Therapieplanung und -kontrolle, ein standardisiertes Assessment, wenigstens drei verschiedene übende Therapieverfahren, tägliche Visiten sowie wöchentliche Teambesprechungen.

Die überlegene Wirksamkeit der IMST ist vielfach belegt worden (Pfingsten et al. 2010; Watershoot et al. 2014; Kamper et al. 2015). Als der entscheidende Faktor für den Erfolg gilt das Ausmaß, in welchem die Integration der verschiedenen Beteiligten gelingt. Varianten der IMST bestehen in der Dauer zwischen einer und vier Wochen, in Spezialisierungen auf verschiedene Altersgruppen und in der stationären bzw. teilstationären Durchführung. Die Möglichkeit zu einer ambulanten IMST existiert bislang nur im Rahmen von Modellprojekten.

Eine Beteiligung der Sozialen Arbeit ist derzeit im Operationen- und Prozedurenschlüssel (OPS), der amtlichen Klassifikation zum Verschlüsseln von Operationen, Prozeduren und allgemein medizinischen Maßnahmen, nicht vorgesehen. Sie wird aber mit Blick auf das biopsychosoziale Gesundheitsmodell der WHO als notwendig erachtet. Die intersektionale Verschränkung von Schmerzerkrankungen mit vielfältigen sozialen Problemen spricht ebenfalls für eine regelmäßige Integration der Sozialen Arbeit in die IMST.

Problematisch ist dabei die zum Teil unzureichende Verankerung der Sozialen Arbeit in stationären Einrichtungen durch SGB V und einige Landeskrankenhausgesetze. Ein grundsätzliches Problem der IMST stellt darüber hinaus die überzeugende Realisierung der interdisziplinären Arbeit im Rahmen eines arztzentrierten hierarchischen Gesundheitswesens dar.

Quellenangaben

Bellach, Bärbel-Maria, Ute Ellert und Michael Radoschewski, 2000. Epidemiologie des Schmerzes – Ergebnisse des Bundesgesundheitssurveys 1998. In: Bundesgesundheitsblatt. 43(6), S. 424–436. ISSN 0007-5914

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), 2022. OPS Version 2023: Kapitel 8 NICHT OPERATIVE THERAPEUTISCHE MASSNAHMEN (8-01…8-99) [online]. Köln: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 21.10.2022 [Zugriff am: 13.09.2023]. Verfügbar unter: https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/ops/kode-suche/​opshtml2023/​block-8-90…8-91.htm

Häuser, Winfried, Gabriele Schmutzer, Peter Henningsen und Elmar Brähler, 2014. Chronische Schmerzen, Schmerzkrankheit und Zufriedenheit der Betroffenen mit der Schmerzbehandlung in Deutschland Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe. In: Der Schmerz [online]. 28, S. 483–492 [Zugriff am: 04.10.2023]. ISSN 1432-2129. Verfügbar unter: doi:10.1007/s00482-014-1438-y

Kamper, Steven J., Andreas T. Apeldoorn, Alessandro Chiarotto, Rob J.E.M. Smeets, Raymond W. Ostelo, Jaime Guzman und Maurits W. van Tulder, 2015. Multidisciplinary biopsychosocial rehabilitation for chronic low back pain: Cochrane systematic review and meta-analysis. In: BMJ [online]. 350, h444 [Zugriff am: 04.10.2023]. ISSN 1756-1833. Verfügbar unter: doi:10.1136/bmj.h444

Kuntz, Benjamin, Jens Hoebel, Hanelore Neuhauser und Thomas Lampert, 2017. Soziale Ungleichheit und chronische Rückenschmerzen bei Erwachsenen in Deutschland. In: Bundesgesundheitsblatt [online]. 60, S. 783–791 [Zugriff am: 04.10.2023]. ISSN 0007-5914. Verfügbar unter: doi:10.25646/6007

Newman, Andrea K., Benjamin P. Van Dyke, Calia A. Torres, Jacob W. Baxter, Joshua Eyer, Shweta Kapoor und Beverly E. Thorne, 2017. The relationship of sociodemographic and psychological variables with chronic pain variables in a low-income population. In: Pain [online]. 158(9), S. 1687–1696 [Zugriff am: 04.10.2023]. ISSN 1872-6623. Verfügbar unter: doi:10.1097/j.pain.0000000000000964

Pfingsten, Michael, Bernhard Arnold, Bernd Nagel und Dominik Irnich, 2010. Effectiveness of intensive multimodal pain management programs. In: Der Schmerz. 24(2), S. 172–173. ISSN 0932-433X

Ruhe, Ann-Kristin, Julia Wager, Gerrit Hirschfeld und Boris Zernikow, 2016. Household income determines access to specialized pediatric chronic pain treatment in Germany. In: BMC Health Services Research [online]. 16, S. 140 [Zugriff am: 04.10.2023]. ISSN 1472-6963. Verfügbar unter: doi:10.1186/s12913-016-1403-9

Watershoot, Franca P., Pieter U. Dijkstra, Niek Hollak, Haitze J. de Vries, Jan H. B. Geertzen und Michiel F. Reneman, 2014. Dose or content? Effectiveness of pain rehabilitaiton programs for patients with chronic low back pain: a systematic review. In: Pain [online]. 155(1), S. 179–189 [Zugriff am: 04.10.2023]. ISSN 1872-6623. Verfügbar unter: doi:10.1016/j.pain.2013.10.006

Literaturhinweise

Kirstin Kieselbach, Stefan Wirz und Michael Schenk, Hrsg., 2022. Multimodale Schmerztherapie: Ein Praxislehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-034653-6 [Rezension bei socialnet]

Kuntz, Benjamin, Jens Hoebel, Judith Fuchs, Hanne Neuhauser und Thomas Lampert, 2017. Soziale Ungleichheit und chronische Rückenschmerzen bei Erwachsenen in Deutschland. In: Bundesgesundheitsblatt. 60(7), S. 783–791. ISSN 1436-9990

Müller, Ursula, 2022. Sozialberatung in der multimodalen Schmerztherapie – ein unverzichtbares Angebot. In: Kirstin Kieselbach, Stefan Wirz und Michael Schenk, Hrsg. Multimodale Schmerztherapie: Ein Praxislehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer, S. 277–280. ISBN 978-3-17-034653-6 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Prof. Dr. Carl Heese
Professur für Rehabilitation an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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