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Intergenerationelle Beziehung

Prof. Dr. Julia Franz

veröffentlicht am 17.03.2025

Der Begriff der intergenerationellen Beziehung bezeichnet eine soziale Beziehung zwischen Menschen, die unterschiedlichen Generationen angehören. Generationen können dabei genealogisch, pädagogisch oder gesellschaftlich-historisch verstanden werden.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Genealogische intergenerationelle Beziehung
    1. 2.1 Bedeutung
    2. 2.2 Anwendung
  3. 3 Pädagogische intergenerationelle Beziehung
    1. 3.1 Bedeutung
    2. 3.2 Anwendung
  4. 4 Gesellschaftlich-historische intergenerationelle Beziehung
    1. 4.1 Bedeutung
    2. 4.2 Anwendung
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise
  7. 7 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Intergenerationelle Beziehungen können vielfältig betrachtet werden – je nachdem, welcher Generationenbegriff ihnen zugrunde gelegt wird: der genealogische, pädagogische oder gesellschaftlich-historische. Diese unterscheiden sich in Hinblick auf ihre jeweiligen Bedeutungen und Anwendungsbereiche. Zudem sind Menschen parallel in unterschiedliche intergenerationelle Beziehungen eingebunden: als Eltern oder Kinder, als Lehrende oder Lernende oder als Angehörige verschieden historisch-gesellschaftlich geprägter Generationen. 

2 Genealogische intergenerationelle Beziehung

2.1 Bedeutung

Eine genealogische intergenerationelle Beziehung besteht zwischen miteinander verwandten Personen. Diese Beziehungsform bezieht sich auf die familiäre, genetische Abstammungsfolge von Familienangehörigen. Es geht um die biologisch verwandten Familienmitglieder, also um (Groß-)Eltern, Kinder und Enkel.

2.2 Anwendung

Diese konkrete Form intergenerationeller Beziehungen wird in der interdisziplinären Forschung vielfältig in den Blick genommen. Dabei wird beispielsweise untersucht, wie eng der Kontakt zwischen den generationsspezifischen Familienmitgliedern ist, oder wie der Transfer von materiellen Gütern (z.B. finanzielle Mittel, Erbe) beziehungsweise immateriellen Gütern (z.B. Erziehung und Pflege) in familiären Beziehungen sichtbar wird. Dabei zeigt sich in Studien mehrheitlich, dass ein stabiler Kontakt zwischen Eltern und erwachsenen Kindern zu beobachten ist, dass Großeltern – bei gegebener räumlicher Nähe – eine zentrale Rolle für die Betreuung von Enkelkindern einnehmen und ein erheblicher monetärer Transfer von älteren an jüngere Generationen über die letzten Jahrzehnte konstant geblieben ist (Hank 2023). Zudem konnte auch festgestellt werden, dass instrumentelle Hilfeleistungen (der Umgang mit Neuen Medien etc.) jenseits von Pflege an Bedeutung gewinnen (ebd.).

Das Modell der genealogischen intergenerationellen Beziehung wird häufig auch als Ausgangspunkt in Diskursen zum intergenerationellen Lernen genommen, in denen das Lernen verschiedener Generationen fokussiert wird (Franz et al. 2009). Damit wird an die Idee angeknüpft, dass entweder die jüngeren von den älteren Familienmitgliedern bestimmte Praktiken und Traditionen lernen (z.B. Fahrradfahren oder Kochen) oder umgekehrt (z.B. Umgang mit dem Smartphone). Dieses genealogische und familiale Modell wird in Projekten zum intergenerationellen Lernen auch auf nicht verwandte Kinder, Jugendliche und ältere Menschen – im Modus einer sozialen Großelternschaft (Amrhein 2004) – übertragen.

3 Pädagogische intergenerationelle Beziehung

3.1 Bedeutung

Bei pädagogischen intergenerationellen Beziehungen handelt es sich um abstrakte Verbindungen zwischen zwei Generationen, die sich durch eine Erfahrungs- und Wissensdifferenz unterscheiden. Mit einem pädagogischen Generationenbegriff werden Generationenbeziehungen als Lernverbindungen verstanden, bei denen eine Generation die Position der Lehrenden und eine Generation die Position der Lernenden einnimmt. Dieses Verständnis geht auf Friedrich Schleiermacher zurück, der in seiner Vorlesung über Erziehung die Frage stellte: „Was will denn eigentlich die ältere Generation mit der jüngeren?“ (Schleiermacher 1966 [1826], S. 9). Damit wird deutlich, dass es sich nicht um eine konkret persönliche Beziehung handelt, sondern um eine pädagogische Idee, nach der eine Generation ihr Wissen an die nächste weitergibt.

Diese abstrakte Lernbeziehung lässt sich heute – im Gegensatz zu Schleiermachers Zeiten – als altersunabhängig denken. Schließlich geht es primär um die Übernahme unterschiedlicher Rollen im Lernprozess – je nach Erfahrungs- und Wissensstand der beteiligten Generationen. Es handelt sich also um abstrakte soziale Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden, die häufig in Bildungsinstitutionen (Kita, Schule, Hochschule, Ausbildungsbetrieb) situiert sind und sich durch pädagogische Strukturierungen auszeichnen.

3.2 Anwendung

Diese Form intergenerationeller Beziehungen wird in der pädagogischen Forschung im Zusammenhang mit Fragen nach der Weitergabe und Transformation von Wissen, Werten und Perspektiven oder nach der Ausgestaltung pädagogischer Beziehungen bearbeitet (Brinkmann et al. 2024; Jergus 2024).

Hinter der Idee der pädagogischen intergenerationellen Beziehung steht auch die auf Kant und Schleiermacher zurückgehende Annahme, dass über das Generationenverhältnis eine Höherbildung der Menschheit möglich sei (Lenzen 1992, S. 78). Der hier inhärente Fortschrittsgedanke wird allerdings kritisch diskutiert – insbesondere, wenn beim Thema Klimakrisen eine Verbesserung der Situation für künftige Generationen infrage gestellt wird (Kessl 2023).

Auch diese Form intergenerationeller Beziehungen ist eng mit dem Diskurs zum Lernen der Generationen verknüpft. Projekte setzen hier an, um die Vermittlungsperspektiven zwischen Generationen zu fokussieren, beispielsweise indem Kinder und Jugendliche in Form von „Medien- oder Internetsprechstunden“ älteren Menschen (z.B. Bewohnende von Pflegeheimen) den Umgang mit neuen Technologien näherbringen.

4 Gesellschaftlich-historische intergenerationelle Beziehung

4.1 Bedeutung

Die Beziehung zwischen Generationen kann auch über gemeinsam geteilte Erfahrungsräume beschrieben werden. Dieser historisch-soziologische Generationenbegriff bezieht sich auf gesellschaftliche Gruppierungen, die bestimmte historische, politische, kulturelle oder soziale Ereignisse gemeinsam erlebt und ähnlich verarbeitet haben. Beispiele für so verstandene Generationen sind die „skeptische Generation“ (Schelsky 1957) oder die „68er-Generation“.

Dieser Generationenbegriff geht auf die Arbeiten des Soziologen Karl Mannheim (1964 [1928]) zurück und nimmt in den Blick, inwiefern Personen aus der gleichen Alterskohorte durch bestimmte historische Ereignisse und deren Verarbeitung gemeinsam geprägt wurden und damit Teil einer kollektiven Generationsgemeinschaft sind.

4.2 Anwendung

Abstrakte intergenerationelle Beziehungen zwischen sich nicht direkt bekannten Personen werden als Generationenverhältnisse in zwei unterschiedlichen Bereichen diskutiert. Auf der einen Seite lässt sich ein eher essayistischer Diskurs beobachten, nachdem verschiedene Generationen (Babyboomer, Generation X, Generation Y, Generation Z und Generation Alpha) differenziert werden und danach gefragt wird, welche Vorstellungen diese prägen und wie diese in der Arbeitswelt gemeinsam agieren können (Mangelsdorf 2015). Auf der anderen Seite lässt sich mit dem gesellschaftlich-historischen Bezug zu intergenerationellen Beziehungen aber auch die Debatte um gesellschaftliche Verantwortung, intergenerationelle Weitergabe und Generationengerechtigkeit verorten.

Diese Form intergenerationeller Beziehungen wird in Projekten zum intergenerationellen Lernen aufgegriffen, indem beispielsweise in Erzählcafés angeregt wird, mehr über die historisch-gesellschaftliche Prägung der jeweils anderen Generation zu erfahren, oder in Projekten, bei denen sich verschiedene Generationen gemeinsam für Zukunftsthemen engagieren.

5 Quellenangaben

Amrhein, Volker, 2004. Die Rolle der Großeltern im Familienverband – und ihre Alternativen [online]. München: Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz (IFP), 15.02.2010 [Zugriff am: 10.01.2025]. Verfügbar unter: https://www.familienhandbuch.de/familie-leben/​familienformen/​grosseltern/​dierolledergrosselternimfamilienverband.php

Brinkmann, Malte, Gabriele Weiß und Markus Rieger-Ladich, Hrsg., 2024. Generation und Weitergabe: Erziehung und Bildung zwischen Erbe und Zukunft. Weinheim, Basel: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-7554-0

Franz, Julia, Norbert Frieters, Annette Scheunpflug, Markus Tolksdorf und Eva-Maria Antz, 2009. Generationen lernen gemeinsam: Theorie und Praxis intergenerationeller Bildung. Bielefeld: wbv. ISBN 978-3-7639-3882-7 [Rezension bei socialnet]

Hank, Karsten, 2023. Intergenerationale Beziehungen. In: Oliver Arránz Becker, Karsten Hank und Anja Steinbach, Hrsg. Handbuch Familiensoziologie. Wiesbaden: Springer VS, S. 445–468. ISBN 978-3-658-35218-9

Jergus, Kerstin, 2023. Pädagogische Beziehungen: Zur pädagogischen Signatur der Weitergabe in Generationenverhältnissen. In: Malte Brinkmann, Gabriele Weiß und Markus Rieger-Ladich, Hrsg. Generation und Weitergabe: Erziehung und Bildung zwischen Erbe und Zukunft. Weinheim, Basel: Beltz Juventa. S. 94–114.ISBN 978-3-7799-7554-0

Kessl, Fabian, 2023. Von der symbolischen Umkehrung des Generationenverhältnisses: Fridays for Future als gesellschaftliche, pädagogische und wissenschaftliche Herausforderung. In: Malte Brinkmann, Gabriele Weiß und Markus Rieger-Ladich, Hrsg. Generation und Weitergabe: Erziehung und Bildung zwischen Erbe und Zukunft. Weinheim, Basel: Beltz Juventa. S. 156–169. ISBN 978-3-7799-7554-0

Lenzen, Dieter, 1992. Reflexive Erziehungswissenschaft am Ausgang des postmodernen Jahrzehnts oder Why should anybody be afraid of red, yellow and blue? In: Dietrich Benner, Dieter Lenzen und Hans Uwe Otto, Hrsg. Erziehungswissenschaft zwischen Modernisierung und Modernitätskrise. Basel: Beltz, S. 75–91. ISBN 978-3-407-41129-7

Mangelsdorf, Martina, 2015. Von Babyboomer bis Generation Z: Der richtige Umgang mit unterschiedlichen Generationen im Unternehmen. Offenbach am Main: GABAL. ISBN 978-3-86936-672-2

Mannheim, Karl, 1964 [1928]. Wissenssoziologie: Auswahl aus dem Werk. Berlin; Neuwied: Luchterhand

Meese, Andreas, 2005. Lernen im Austausch der Generationen. In: DIE – Zeitschrift für Erwachsenenbildung 12(2), S. 39–41. ISSN 0945-3164

Schelsky, Helmut, 1957. Die skeptische Generation: Eine Soziologie der deutschen Jugend. Düsseldorf u.a: Eugen Diederichs Verlag

Schleiermacher, Friedrich, Hrsg., 1966 [1826]. Pädagogische Schriften Band 1: Die Vorlesungen aus dem Jahre 1826. Düsseldorf: Küpper

6 Literaturhinweise

Franz, Julia, 2014. Intergenerationelle Bildung: Lernsituationen gestalten und Angebote entwickeln. Bielefeld: wbv. ISBN 978-3-7639-5365-3 [Rezension bei socialnet]

Lüscher, Kurt und Ludwig Liegle, 2003. Generationenbeziehungen in Familie und Gesellschaft. Stuttgart: UTB. ISBN 978-3-8385-2425-2

7 Informationen im Internet

Verfasst von
Prof. Dr. Julia Franz
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Professur für Erwachsenenbildung und Weiterbildung
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Klaus M. Beier, Maximilian von Heyden: Das tabuisierte eine Prozent. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2025.
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