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Intergruppenverhalten

HS-Prof. Mag. Dr. Ulrich Krainz, FH-Ass. Prof. Matthias Csar

veröffentlicht am 20.04.2026

Englisch: intergroup behavior; intergroup behaviour (britisch)

Unter dem Begriff Intergruppenverhalten versteht man das Verhalten und die sich daraus ergebende Dynamik der Beziehung von Menschen zwischen verschiedenen Gruppen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Zum Gruppenbegriff und der Bedeutung von Grenzziehungen
  3. 3 Die Relevanz des Kontexts für das Intergruppenverhalten
  4. 4 Zentrale Phänomene der Intergruppendynamik
  5. 5 Lebenspraktische Konsequenzen
  6. 6 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Der Begriff Intergruppenverhalten meint das Verhalten von Menschen zwischen Gruppen, im Unterschied zu Intragruppenverhalten, das sich auf das Verhalten von Menschen in Gruppen bezieht. Beide Begriffe zählen zum Gegenstandsbereich der Gruppendynamik, fokussieren dabei aber jeweils unterschiedliche Aspekte. Beim Intergruppenverhalten geht es um die im Kontakt zu anderen Gruppen in Gang gesetzte und aufrechterhaltene soziale Dynamik sowie die daraus resultierenden Wahrnehmungen, Einstellungen, Erlebens‑ und Verhaltensformen. Im Grunde trifft das auf alle Gruppen zu, von den kleinen bis hin zu den großen. Aufgrund seiner Verbindung zu gesellschaftspolitischen Frage‑ und Problemstellungen erhält das Thema auch außerhalb der gruppendynamisch geführten Diskussion große Aufmerksamkeit.

2 Zum Gruppenbegriff und der Bedeutung von Grenzziehungen

Innerhalb der Sozialwissenschaften wird der Gruppenbegriff uneindeutig gehandelt, auch bestehen unterschiedliche Akzentuierungen je nach Forschungstradition und Bezugstheorien (dazu Rothe 2018; Stürmer und Siem 2022; König 2023). Einerseits wird der Begriff „Gruppe“ sehr breit und kategorial verstanden, als eine Art übergeordnete Sammelbezeichnung bzw. soziologische Kategorie (z.B. Berufsgruppen, Altersgruppen, die Gruppe der Frauen, die Gruppe der Männer). Andererseits bezieht sich der Begriff infolge der US-amerikanischen Kleingruppenforschung zumeist auf eine überschaubare soziale Einheit, die unmittelbare face-to-face-Kommunikation möglich macht und daher auch an eine gewisse Größenordnung gebunden ist. Erst die Sozialform der Kleingruppe, verstanden als ein eigener Typus sozialer Systeme (König und Schattenhofer 2011), ermöglicht einen gestaltenden und steuernden Zugriff auf die jeweiligen Dynamiken, der im Kontext von Führung, Beratung aber auch der Gruppenarbeit generell (z.B. Arbeitsgruppen, Projektgruppen, Teams) in den verschiedenen gesellschaftlichen Handlungsfeldern zur Anwendung kommt (Krainz und Csar 2024).

Unabhängig von der Größe der jeweiligen Gruppe erscheint aber vor allem ein Aspekt wesentlich: Für das psychologische Verständnis von Gruppenprozessen entscheidend ist die Frage, „inwieweit sich Personen selbst als Gruppe definieren“, sich also „selbst als Mitglieder derselben sozialen Kategorie wahrnehmen und ein gewisses Maß an emotionaler Bindung bezüglich dieser gemeinsamen Selbstdefinition teilen“ (Stürmer und Siem 2022, S. 11). Nicht immer zeigt sich die Affektlage aber in der Verbundenheit nach Innen, sondern in der Abgrenzung gegenüber einem Außen (z.B. hat die Gruppe der Nichtraucher:innen emotional nicht viel miteinander gemeinsam, jedoch eint sie ihre „Gegnerschaft“ gegenüber den Raucher:innen, die gerade in organisationalen Kontexten oft eine Art informelle Kommunikationsgemeinschaft bilden).

Innerhalb der Sozialpsychologie und vor allem mit Rückgriff auf die „Theorie der sozialen Identität“ (Tajfel und Turner 1986) wird daher gerade das subjektive Empfinden, Teil einer Gruppe zu sein, als das zentrale Definitionskriterium betrachtet. Das kann sich auf die unterschiedlichsten Gruppen beziehen, auch unabhängig ihrer jeweiligen Größe. So versteht man sich z.B. als Mitglied einer religiösen Gruppe, als Anhänger:in einer speziellen Jugendkultur, als Bewohner:in eines bestimmten Landes, als Spieler:in einer Fußballmannschaft oder als Mitarbeiter:in einer bestimmten Abteilung. Spricht man also von Intergruppenverhalten, so steht zum einen die Zugehörigkeit zu einer sozialen Kategorie („meiner Gruppe“) im Vordergrund, wodurch individuelle Eigenschaften der beteiligten Personen in den Hintergrund treten können. Zum anderen geht es auch um das Anderssein.

Eine unvermeidbare Folge der Bildung von Gruppen ist somit die Grenzziehung, die ein Innen und Außen festlegt und somit zwischen einem Wir und einem Sie, einer Eigengruppe (in-group) und anderen Fremdgruppen (out-groups) unterscheidet. Denn „Gruppen bestehen nicht für sich allein“ (Nijstad 2023, S. 456), sie sind stets im Plural zu denken. Denn die Unterscheidung von Drinnen und Draußen gelingt nur in Relation zu Menschen, die nicht Mitglieder der eigenen Gruppe sind (also Mitglieder anderer Religionen, Jugendkulturen, Länder, Fußballmannschaften oder Abteilungen). Identität und Gruppenzugehörigkeit sind in diesem Sinn immer relational zu verstehen und damit auch potenziell konfliktträchtige Begriffe. Denn mit jeder Grenzziehung wird festgelegt, wer im jeweiligen Identitätsverständnis zur Gruppe gezählt werden kann und von wem man sich dadurch abgrenzt.

3 Die Relevanz des Kontexts für das Intergruppenverhalten

Selbstverständlich ist einem selbst die jeweilige Gruppenzugehörigkeit nicht ständig präsent. Oft rückt sie in den Hintergrund und hat keinerlei lebenspraktische Relevanz. Durch den Kontakt mit anderen sozialen Vergleichsgruppen aber kann die eigene Gruppenzugehörigkeit aktiviert werden und an Bedeutung gewinnen. Ist man z.B. im Ausland fällt einem die eigene Nationalität eher ein als im Inland. Oder in den Worten Karl Valentins: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“ Aufgrund dieser Vergleichsprozesse ist stets dem jeweiligen Intergruppenkontext Aufmerksamkeit zu schenken.

„Der Intergruppenkontext kann sowohl einen Einfluss auf die Salienz der Gruppenmitgliedschaft ausüben als auch das Mitgliederverhalten innerhalb dieses umfassenderen Kontexts formen. Die Art der Vergleichsgruppe beeinflusst auch die Wahrnehmung der Eigengruppe und ihrer Normen“ (Nijstad 2023, S. 459).

In dieser Hinsicht sind grundsätzlich zwei Szenarien zu unterscheiden, ein allgemein gesellschaftlicher und ein organisationsbezogener Kontext. Ursprünglich ist innerhalb der Sozialpsychologie vorwiegend auf das Gesellschaftliche reflektiert worden, der systematisierte Blick auf und in Organisationen ist dabei eher jüngeren Datums. Jedenfalls macht es einen großen Unterschied, ob Gruppen „draußen“ in der Gesellschaft aufeinandertreffen oder in einem umschriebenen organisationalen Kontext. Denn Gruppen vergleichen sich nicht einfach mit allen denkbaren Fremdgruppen, sondern nur mit jenen, die in einem bestimmten Kontext als relevant angesehen werden (z.B. vergleichen sich Mitglieder der Abteilung A mit jenen der Abteilung B, Sportler:innen der Fußballvereines C mit jenen des Vereins D).

Auch bedeutsam ist, ob es sich hierbei z.B. um eine sichtbare Differenz handelt (z.B. Hautfarbe, unterschiedliches kulturelles Verhalten), ob man einer Minderheitengruppe in einer Mehrheitsgesellschaft angehört, ob man schon lange an einem bestimmten Ort lebt oder ob man neu hinzugekommen ist, also z.B. zur Gruppe der Alteingesessenen oder der Neuankömmlinge zählt (dazu die „Etablierten-Außenseiter-Beziehung“ bei Elias und Scotson 1965). Durch den Kontakt mit Angehörigen anderer Gruppen rückt die Eigengruppe jedenfalls nicht nur symbolisch in den Vordergrund, sondern wird auch mental aufgeladen und lässt in Folge bestimmte Erlebens‑ und Verhaltensweisen sich selbst und anderen gegenüber wahrscheinlich werden.

Traditionell gesehen stammt der Großteil der Überlegungen zu Intergruppenprozessen aus dem Feld der Vorurteils‑ und Konfliktforschung, weshalb sich die Auseinandersetzungen auch „überwiegend auf das destruktive Potenzial von Gruppen“ (Rothe 2018, S. 41) konzentrieren. Psychologisch gesehen weisen alle Gruppen eine Art natürliche Xenophobie auf. Dem Fremden, das nicht zur Eigengruppe gezählt wird, stehen Gruppen zunächst reserviert, skeptisch und ablehnend gegenüber. Angefangen bei Stereotypen und Vorurteilen kann dies über Diskriminierungen und Ausgrenzungen bis hin zu Feindseligkeiten und Gewalt führen. Demgegenüber ist die Erforschung von positivem Intergruppenverhalten und ihrer Bedingungen (Xenophilie) eine relativ neue Entwicklung, wenn es z.B. um Kooperation, Solidarität und prosozialem Verhalten gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen als der eigenen geht (dazu z.B. Kessler und Fritsche 2018; Stürmer und Siem 2022; Spears und Tausch 2023).

Im Hinblick auf den Umgang miteinander sehen manche Autor:innen in dem Wechsel von archaischen und destruktiven (z.B. Flucht, Kampf) hin zu kooperativen und produktiven Formen der Konfliktaustragung (z.B. Verhandeln, Einigungen erzielen) daher auch einen Ausdruck zivilisatorischer Entwicklung (Schwarz 2013).

4 Zentrale Phänomene der Intergruppendynamik

Stürmer und Siem (2022) machen darauf aufmerksam, dass interpersonales Verhalten immer durch eine interindividuelle Variabilität charakterisiert ist, sich das aber schlagartig ändern kann, sobald Gruppen miteinander interagieren bzw. wenn Personen aufeinandertreffen, die als stellvertretend für Gruppen angesehen werden. Im Kontakt erleben sich die Personen in erster Linie dann nicht als Individuen, sondern als Angehörige von Gruppen. Von Intergruppenverhalten wird somit immer dann gesprochen, „wenn das Verhalten zwischen zwei oder mehreren Individuen weitgehend oder sogar vollständig durch ihre Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Gruppen determiniert wird“, sich das Verhalten somit durch eine „relative Gleichförmigkeit (Uniformität) der Einstellungen, Wahrnehmungen und Verhaltensweisen der Gruppenmitglieder“ (a.a.O., S. 52) auszeichnet.

„Whenever individuals belonging to one group interact, collectively or individually, with another group or its members in terms of their group identification, we have an instance of intergroup behavior“ (Sherif 1966, S. 12).

Folgende Phänomene prägen das Erleben und Verhalten zwischen Gruppen. Sie gehen auf klassische sozialpsychologische Studien zurück, in denen insbesondere situationalen Faktoren in den Blick genommen wurden, und lassen sich bis heute regelmäßig beobachten, wenn unterschiedliche Gruppen aufeinandertreffen oder miteinander interagieren (müssen):

  • Bevorzugung der eigenen Gruppe – Akzentuierungseffekt: Ausgehend von der „Theorie der sozialen Identität“ (Tajfel und Turner 1986) neigen Gruppenmitglieder dazu, die eigene Gruppe gegenüber anderen Gruppen positiver zu bewerten (in-group bias). Ein damit verbundener kognitiver Mechanismus ist der „Akzentuierungseffekt“, der beschreibt, dass Ähnlichkeiten innerhalb der eigenen Gruppe überschätzt und Unterschiede zwischen Gruppen überbetont werden (Tajfel und Wilkes 1963, S. 113). Diese Verzerrung führt dazu, dass soziale Kategorien stärker voneinander abgegrenzt wahrgenommen werden, als es tatsächlich der Fall ist. In der Folge werden positive Eigenschaften häufiger der Eigengruppe zugeschrieben als Fremdgruppen. Solche Bewertungs‑ und Wahrnehmungsmuster erfüllen eine identitätsstiftende Funktion. Die positive Abgrenzung von anderen Gruppen trägt zur Stabilisierung der sozialen Identität bei, stärkt das Selbstwertgefühl der Gruppenmitglieder und fördert den inneren Zusammenhalt.
  • Verzerrungen und Übergeneralisierungen – Fremdgruppenhomogenisierungseffekt: Mit der positiven Akzentuierung der eigenen Gruppe ist eine (meist negative) Homogenisierung der anderen Gruppe verbunden. Während die Eigengruppe in der Wahrnehmung ihrer Mitglieder differenziert erscheint und zahlreiche Variationen oder Subgruppen aufweist, wird die Fremdgruppe als vergleichsweise homogen gesehen (out-group bias). Tajfel und Wilkes (1963) führen diesen Effekt auf Wahrnehmungsverzerrungen zurück, die dazu beitragen, dass Unterschiede zwischen Gruppen verstärkt und Gemeinsamkeiten innerhalb der Fremdgruppe übergeneralisiert werden. Besonders wahrscheinlich ist eine solche Wahrnehmung bei Eigenschaften, die für die jeweilige soziale Identität von zentraler Bedeutung sind und damit wieder zur internen Solidarisierung beitragen.
  • Übernahme von Fremdbeschreibungen: Beobachtbar ist zudem das Phänomen, dass Gruppen die Perspektive, Sichtweisen und Zuschreibungen anderer über sich selbst übernehmen und in ihre Selbstbeschreibung mit aufnehmen. Die Beispiele und Erscheinungsformen hierfür sind vielfältig. Wird eine organisationale Abteilung von anderen z.B. als „innovativ“ bezeichnet, kann das dazu führen, dass sie sich selbst ebenso zu verstehen beginnt und ihre Aktivitäten und Außendarstellungen dementsprechend ausrichtet. Positive Erwartungen an eine Gruppe können dazu führen, dass deren Leistungen tatsächlich besser werden (dazu klassisch der „Pygmalion-Effekt“, Rosenthal und Jacobson 1968), umgekehrt können voreingenommene oder negative Einstellungen („Die können das eh nicht!“, „Was ist von denen schon zu erwarten!“) die Leistungen einer Gruppe verschlechtern (dazu die Überlegungen zur „selbsterfüllenden Prophezeiung“). Zum Teil ist die Übernahme von Fremdbeschreibungen auch eine Strategie der Selbstermächtigung, wenn z.B. ehemals herabwürdigende Bezeichnungen von den damit adressierten Gruppen aufgegriffen, umgedeutet, dadurch „entschärft“ oder ins Positive gewendet werden (z.B. das „N-Wort“ in der afroamerikanischen Community, „Punk“, „schwul“, „queer“, usw.).
  • Abhängigkeit und Wettbewerb: Zentral für die Ausrichtung des Intergruppenverhaltens ist zudem, in welchem Verhältnis die Ziele und Interessen der Gruppen zueinanderstehen. Besteht keine Abhängigkeit, können Gruppen weitgehend unabhängig nebeneinander existieren und sich gegenseitig „in Ruhe“ lassen. Stehen ihre Ziele jedoch in Konkurrenz, vielleicht am deutlichsten beim Wettbewerb um begrenzte Ressourcen, entsteht eine sogenannte „negative Interdependenz“. Diese begünstigt abwertende Einstellungen gegenüber der Fremdgruppe, feindseliges Verhalten sowie eine verstärkte Solidarität innerhalb der Eigengruppe (Sherif et al. 1961; Sherif 1966). Sind Gruppen hingegen zur Erreichung ihrer Ziele aufeinander angewiesen, entsteht eine „positive Interdependenz“, die kooperatives Verhalten, gegenseitige Unterstützung und positivere Einstellungen zwischen den Gruppen begünstigt. Aus diesen Beobachtungen entwickelte Sherif die „Theorie des realistischen Gruppenkonflikts“, nach der Intergruppenkonflikte wesentlich aus dem Wettbewerb um knappe Ressourcen resultieren und durch die Schaffung gemeinsamer, gruppenübergreifender Ziele abgeschwächt werden können (Sherif 1966, S. 149 ff.).
  • Soziale Vergleichsprozesse: Jedoch nicht immer geht es bei Konflikten zwischen Gruppen um einen objektiv feststellbaren Ressourcenmangel. Psychologisch bedeutsam ist vielmehr das subjektive Gefühl der Ungerechtigkeit oder Benachteiligung im intergruppalen Vergleich, d.h. das subjektive Empfinden, das Mitglieder der eigenen Gruppe nicht über das verfügen, was ihnen wunschgemäß eigentlich zustehen würde. Innerhalb der Sozialwissenschaften ist dieses Konzept unter dem Begriff „relative Deprivation“ bekannt geworden (Stouffer et al. 1949; auch Pettigrew 2015). Entscheidend dabei ist, dass die Wahrnehmung individueller Benachteiligung hierbei nicht ausreicht, um negative Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Fremdgruppen zu entwickeln. Die relative Benachteiligung muss vielmehr „als sozial geteilt erlebt werden“ (Stürmer und Siem 2022, S. 71).
  • Projektionen und Außenfeindkonstruktionen: Zur Erklärung von Intergruppendynamiken trägt insbesondere auch eine psychoanalytische Sichtweise bei, nach der Gruppen dazu neigen unerwünschte, konflikthafte oder negativ bewertete Aspekte der eigenen Gruppe nach außen abzuspalten und auf andere zu projizieren. Eigenschaften, Spannungen, Schuldanteile oder aggressive Impulse, die innerhalb der Eigengruppe nur schwer integrierbar sind, werden durch Projektion (ein psychologischer Abwehrmechanismus, z.B. Freud 1936) einer Fremdgruppe zugeschrieben. Auf diese Weise entsteht ein Außenfeind, der als Träger der „schlechten“ Eigenschaften fungiert. Bion (1961) beschreibt solche Dynamiken im Rahmen der sogenannten „Kampf-Flucht-Grundeinstellung. Gruppen können sich stabilisieren, indem sie eine Bedrohung durch eine äußere Gruppe konstruieren oder überbetonen und sich gemeinsam gegen diese positionieren. Die Projektion erfüllt dabei eine entlastende Funktion für die Eigengruppe, da interne Konflikte nach außen verlagert und der innere Zusammenhalt gestärkt werden. Gleichzeitig trägt sie jedoch zur Verfestigung von Feindbildern und zur Eskalation von Intergruppenkonflikten bei (dazu die aktuellen politischen Verhältnisse wie Antisemitismus als chronisches Phänomen, Islamophobie).

5 Lebenspraktische Konsequenzen

Je nach sozialem Kontext treten Intergruppenphänomene in unterschiedlicher Ausprägung auf. Gesamtgesellschaftlich zeigen sie sich etwa durch das gleichzeitige Zusammenleben verschiedener sozialer, kultureller und religiöser Gruppen. In Organisationen zeigen sie sich sowohl auf horizontaler als auch vertikaler Ebene, beispielsweise in Form von Bereichsegoismen, Silodenken oder der Abgrenzung gegenüber der Hierarchie („die da oben“), in der interdisziplinären Zusammenarbeit durch unterschiedliche fachliche Hintergründe und professionelle Kulturen.

Gemein ist allen Kontexten, dass das Intergruppenverhalten als potenziell konfliktbehaftet anzusehen ist, da die soziale Identität einer Gruppe über Abgrenzung zu anderen Gruppen entsteht und stabilisiert wird. Gruppenmitglieder entwickeln ein positives Selbstbild nicht nur durch Zugehörigkeit, sondern gerade auch durch den Vergleich mit relevanten Fremdgruppen. In jedem Fall entsteht ein grundlegendes Spannungsverhältnis: Die Mechanismen, die Gruppenzugehörigkeit und kollektive Identität stärken, begünstigen zugleich potenziell konfliktträchtige Intergruppendynamiken.

Vor diesem Hintergrund betont die Sozialpsychologie drei verschiedene Ansätze, um negative Dynamiken sozialer Kategorisierung abzuschwächen (Stürmer und Siem 2022, S. 74 ff.): (1) durch Personalisierung der Begegnungen, (2) durch die Identifikation gemeinsamer Identitätsmerkmale oder (3) durch die produktive Nutzung gruppenspezifischer Unterschiede in kooperativen Zusammenhängen.

  • Ein erster Ansatz ist die „Dekategorisierung (Brewer und Miller 1984). Dabei wird versucht, die Bedeutung von Gruppengrenzen zu verringern, indem Mitglieder der Fremdgruppe stärker als individuelle Personen wahrgenommen werden. Personalisierte Begegnungen können stereotype Zuschreibungen aufbrechen und Interaktionen von der intergruppalen auf eine interpersonale Ebene verschieben (in Arbeitszusammenhängen z.B. auch die Frage: Was kann jemand fachlich, nicht woher kommt jemand.). In eine ähnliche Richtung weist die „Kontakthypothese von Allport (1954), nach der ein persönlicher Kontakt zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen zur Verbesserung von Intergruppenbeziehungen beitragen kann. Allerdings geschieht dies nicht automatisch, sondern ist an bestimmte Bedingungen geknüpft. Besonders förderlich sind hierfür gleicher Status der beteiligten Gruppen, gemeinsame Ziele sowie die institutionelle Unterstützung des Kontakts. Unter solchen Rahmenbedingungen können gemeinsame und miteinander geteilte Erfahrungen dazu beitragen, Vorurteile zu relativieren und gegenseitiges Verständnis für Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu fördern (zu frühen demokratiepolitischen Überlegungen in diesem Zusammenhang siehe auch Dewey 1916).
  • Ein zweiter Ansatz ist die „Rekategorisierung (Gaertner und Dovidio 2000), nach der die Mitglieder vormals getrennter Gruppen in eine übergeordnete, abstraktere gemeinsame Kategorie eingeordnet werden (z.B. nicht Nationalstaaten, sondern übernationale Zusammenschlüsse wie die Europäische Union; die Idee der Menschenrechte; die Fusion zweier Abteilungen A und B zu einer neuen C). Durch die Entwicklung einer gemeinsamen Identität (common ingroup identity) werden ehemalige Fremdgruppenmitglieder als Teil derselben, aber eben neuen Eigengruppe wahrgenommen, was Empathie, Kooperation und gegenseitige Unterstützung fördern kann. Häufig erweist sich dabei eine duale Identität – also die gleichzeitige Anerkennung einer gemeinsamen übergeordneten Identität sowie bestehender Subgruppenidentitäten – als besonders förderlich.
  • Einen anderen Zugang bietet schließlich das Modell der „wechselseitigen Differenzierung (Hewstone und Brown 1986). Im Unterschied zu den beiden vorherigen Ansätzen bleiben hier die Gruppengrenzen bewusst sichtbar, während die Gruppen in kooperativen Kontexten komplementäre Rollen oder spezifische Stärken einbringen. Dadurch können beide Gruppen ihre Unterscheidbarkeit im positiven Sinne bewahren, ohne in direkten Wettbewerb zu treten.

Hier liegen auch die Anwendungsfelder gruppendynamischer Praxis. Denn der Gruppendynamik geht es nicht nur um Dynamiken in Gruppen, sondern auch um Dynamiken zwischen Gruppen. Letzteres rückt die Organisationsfrage in den Vordergrund, da es immer auch um die Herstellung und Gestaltung gruppenübergreifender Beziehungen geht, z.B. in Form der Bearbeitung von Schnittstellen, der Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Einheiten sowie Fragen der Stellvertretung, Repräsentation und Verhandlung durch Gruppenvertreter:innen (dazu Claessens 1977; Sofsky und Paris 1991).

Die praktischen Konsequenzen für Interventionen sind vielfältig. Sie reichen von einer grundsätzlichen Sensibilisierung für solche Intergruppendynamiken und ‑phänomene über die gezielte Gestaltung von Kooperation an organisatorischen Schnittstellen – etwa durch entsprechenden Kompetenzerwerb in gruppendynamischen Trainings (Csar und Krainz 2023) – bis hin zu gruppenübergreifenden mediativen Verfahren und Ansätzen der Konflikt‑ und Friedensforschung (z.B. Volkan 2003). Damit wird deutlich, dass das Intergruppenverhalten nicht nur ein theoretisches Thema der Gruppendynamik und Sozialpsychologie ist, sondern ein breites praktisches Betätigungsfeld darstellt – überall dort, wo unterschiedliche Gruppen mit eigenen Identitäten, Interessen und Perspektiven aufeinandertreffen.

6 Quellenangaben

Allport, Gordon W., 1954. The Nature of Prejudice. Reading, MA: Addison-Wesley

Bion, Wilfred R., 1961. Erfahrungen in Gruppen und andere Schriften. Frankfurt a.M.

Brewer, Marilynn B. und Norman Miller, 1984. Beyond the contact hypothesis: Theoretical perspectives on desegregation. In: Norman Miller und Marilynn B. Brewer, Hrsg. Groups in Contact: The Psychology of Desegregation. San Diego: Academic Press, S. 281–302. ISBN 978-0-12-497780-8

Claessens, Dieter, 1977. Gruppen und Gruppenverbände: Systematische Einführung in die Folgen von Vergesellschaftung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. ISBN 978-3-534-07337-5

Csar, Matthias und Ulrich Krainz, 2023. Macht im Labor. Problemstellungen im gruppendynamisch fundierten Organisationstraining. In: Olaf Geramanis, Stefan Hutmacher und Lukas Walser, Hrsg. Organisationale Machtbeziehungen im Wandel: Führung zwischen Zustimmung und Zwang. Berlin: Springer Gabler, S. 217–232. ISBN 978-3-658-42091-8

Dewey, John, 2009 [1916]. Democracy and Education: An Introduction to the Philosophy of Education. In: Steven M. Cahn, Hrsg. Philosophy of Education: The Essential Texts. New York: Routledge, S. 379–489. ISBN 978-0-415-99440-8

Elias, Norbert und John L. Scotson, 1993 [1965]. Etablierte und Außenseiter. Frankfurt: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-38382-7

Freud, Anna, 2006 [1936]. Das Ich und die Abwehrmechanismen. Frankfurt: Fischer. ISBN 978-3-596-42001-8

Gaertner, Samuel L. und John F. Dovidio, 2000. Reducing Intergroup Bias: The Common Ingroup Identity Model. Hoboken: Taylor and Francis. ISBN 978-0-86377-571-0

Hewstone, Miles und Rupert Brown, 1986. Contact is not enough: An intergroup perspective on the ‚contact hypothesis‘. In: Miles Hewstone, Hrsg. Contact and Conflict in Intergroup Encounters. Oxford: Blackwell, S. 1–44. ISBN 978-0-631-14074-0

Kessler, Thomas und Immo Fritsche, 2018. Sozialpsychologie. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-531-17126-5

König, Oliver, 2023. Soziale Gruppe [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 16.05.2023 [Zugriff am: 06.03.2026]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/​10848

König, Oliver und Karl Schattenhofer, 2011. Einführung in die Gruppendynamik. 5. Auflage. Heidelberg: Carl-Auer. ISBN 978-3-8497-0344-8

Krainz, Ulrich und Matthias Csar, 2024. Zur Aktualität von Gruppendynamik und ihren Anwendungsfeldern. In: Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie. 55(4), S. 461–465. ISSN 2366-6145

Nijstad, Bernard A., 2023. Gruppendynamik. In: Johannes Ullrich, Wolfgang Stroebe und Miles Hewstone, Hrsg. Sozialpsychologie. 7. Auflage. Berlin: Springer, S. 427–461. ISBN 978-3-662-65296-1

Pettigrew, Thomas F., 2015. Samuel Stouffer and Relative Deprivation. In: Social Psychology Quarterly. 78(1), S. 7–24. ISSN 0190-2725

Rosenthal, Robert und Lenore Jacobson, 1968. Pygmalion in the Classroom: Teacher Expectation and Pupils’ Intellectual Development. New York: Holt, Rinehart and Winston. ISBN 978-0-03-068685-6

Rothe, Katharina, 2018. Intra‑ und Intergruppenprozesse. In: Oliver Decker, Hrsg. Sozialpsychologie und Sozialtheorie. Band 2: Forschungs‑ und Praxisfelder. Wiesbaden: Springer VS, S. 41–54. ISBN 978-3-531-19581-0

Schwarz, Gerhard, 2013. Konfliktmanagement: Konflikte erkennen, analysieren, lösen. 8. Auflage. Wiesbaden: Springer Gabler. ISBN 978-3-8349-4405-4

Sherif, Muzafer, 1966. Group Conflict and Co-Operation: Their Social Psychology. London: Routledge & Kegan Paul

Sherif, Muzafer, O. J. Harvey, Jack B. White, William R. Hood und Carolyn W. Sherif, 1961. Intergroup Conflict and Cooperation: The Robbers Cave Experiment. Norman, OK: University Book Exchange

Sofsky, Wolfgang und Rainer Paris, 1991. Figurationen sozialer Macht: Autorität, Stellvertretung, Koalition. Opladen: Leske & Budrich. ISBN 978-3-8100-0801-5

Spears, Russell und Nicole Tausch, 2023. Vorurteile und Intergruppenbeziehungen. In: Johannes Ullrich, Wolfgang Stroebe und Miles Hewstone, Hrsg. Sozialpsychologie. 7. Auflage. Berlin: Springer, S. 497–542. ISBN 978-3-662-65296-1

Stouffer, Samuel A., Edward A. Suchman, Leland C. DeVinney, Shirley A. Star und Robin M. Williams, 1949. The American Soldier: Adjustment During Army Life. Volume 1. Princeton, NJ: Princeton University Press

Stürmer, Stefan und Birte Siem, 2022. Sozialpsychologie der Gruppe. 3. Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 978-3-8252-5897-9

Tajfel, Henri und John Turner, 1986. The social identity theory of intergroup behavior. In: William G. Austin und Stephen Worchel, Hrsg. Psychology of intergroup relations. 2. Auflage. Chicago: Nelson-Hall, S. 7–24. ISBN 978-0-8304-1075-0

Tajfel, Henri und Alan L. Wilkes, 1963. Classification and Quantitative Judgement. In: British Journal of Psychology. 54(2), S. 101–114. ISSN 0007-1269

Volkan, Vamık D., 2003. Das Versagen der Diplomatie: Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte. 3. Auflage. Gießen: Psychosozial-Verlag. ISBN 978-3-932133-49-7

Verfasst von
HS-Prof. Mag. Dr. Ulrich Krainz
Studium der Psychologie und Bildungswissenschaft an der Universität Wien und der Macquarie University in Sydney, Australien; Hochschulprofessor für Bildungsmanagement an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich in Linz; Lehrtrainer der Österreichischen Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsberatung (ÖGGO)
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FH-Ass. Prof. Matthias Csar
M.A., Studium der Soziologie an der Universität Wien, Senior Lecturer an der Fachhochschule Salzburg, selbständiger Trainer und Berater mit Schwerpunkt Führung, Gruppen- & Organisationsdynamik; Lehrtrainer der Österreichischen Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsberatung (ÖGGO)
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