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Interkulturelle Bildung

Interkulturelle Bildung, zu verstehen als Prozess, persönliche Disposition und Bildungsarbeit, nimmt Bezug auf eine Gesellschaft, in der reale und vermeintliche, von außen zugeschriebene und selbst gewählte kulturelle Eigenheiten und Differenzen bedeutsam geworden sind. Da Differenzkonstrukte oft strukturelle und soziale Benachteiligung stützen, hat interkulturelle Bildung (Selbst-) Aufklärung über solche Ungleichheit zum Ziel, aber auch die Anerkennung subjektiv bedeutsamer Werte und Praktiken.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Interkulturelle Bildung – interkulturelle Erziehung – interkulturelles Lernen
  3. 3 Interkulturelle Kompetenz
  4. 4 Multiperspektivische Bildung
  5. 5 Rassismuskritische Bildung
  6. 6 Methodische und institutionelle Aspekte
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Als Essentials von Bildung, die auch für das Konzept interkultureller Bildung relevant sind, gelten

  • Selbstbefragung wie
  • Selbstverortung im gesellschaftlichen Ganzen,
  • ein kritisches, reflektiertes Verhältnis zum eigenen Selbst
  • und zur Gesellschaft.

Die Fähigkeit, adäquat mit (scheinbaren) kulturellen Differenzen umzugehen, auch normative Differenzen dialogisch auszutragen, kann als interkulturelle Kompetenz bezeichnet werden. Dazu gehört die Sensibilität für Machtasymmetrien und für kollektive Diskriminierungserfahrungen.
Die multiperspektivische Bildung, als weiterer Schwerpunkt interkultureller Bildung, geht davon aus, dass die Übernahme der Perspektive des Gegenübers in seinem sozialen Kontext einiges Wissen über die Geschichte, die Leistungen wie auch Leidenserfahrungen fremder Gesellschaften voraussetzt.
Rassismuskritische Bildung zielt speziell ab auf die Wahrnehmung von strukturellem, institutionellem und alltäglichem Rassismus, aber auch der eigenen Neigung dazu. Die pädagogische Arbeit verlangt bestimmte Settings und hat institutionelle Voraussetzungen.

2 Interkulturelle Bildung – interkulturelle Erziehung – interkulturelles Lernen

Wissenschaftler*innen, die den Begriff Bildung für antiquiert halten, bevorzugen „interkulturelles Lernen“, womit die Eigenleistung des lernenden Subjekts gekennzeichnet werden soll. Interkulturelles Lernen wird vor allem in Beiträgen bevorzugt, die der fachlichen Tradition der Psychologie verpflichtet sind. Die damit verbundene Intention deckt sich zumindest teilweise mit derjenigen, die der pädagogische Begriff Bildung impliziert; denn bilden kann sich die Person nur selbst, so die Bildungstheorie.

Beide Begriffe, „interkulturelles Lernen“ und „interkulturelle Bildung“ haben deshalb gegenüber „interkultureller Erziehung“ den Vorzug, dass sie die Vorstellung, eine entsprechende Haltung könne „anerzogen“ werden, ausschließen. Die zeitweise Verwendung dieses Terminus im erziehungswissenschaftlichen Diskurs verdankt sich der Übernahme des Begriffs „multicultural education“ aus dem Englischen. Ergänzend ist anzumerken, dass behavioristische Lernkonzepte von der Annahme der Trainierbarkeit interkultureller Kompetenz geleitet sind.

Bildung basiert auf Wissen und Kompetenz, schließt Qualifikationen ein, meint aber mehr, weil es die Haltung des Subjekts zu seinem Wissen und Können umfasst (Auernheimer 2010). Die pädagogische Fachkraft kann den einzelnen in einer Lerngruppe nur Anstöße zur interkulturellen Bildung geben, und zwar durch reale oder virtuelle, darunter auch konflikthafte Begegnungen und deren gemeinsame Reflexion, gegebenenfalls auch deren interaktive Bearbeitung. Dabei kommt der Haltung der Pädagogin bzw. des Pädagogen eine besondere Modell- oder Vorbildfunktion zu. Kontraproduktiv ist die eitle Annahme eigener Vorurteilsfreiheit.

3 Interkulturelle Kompetenz

Interkulturelle Kompetenz ist nicht, wie oft angenommen, ein exklusiver Anspruch an pädagogische und soziale Fachkräfte der Mehrheitsgesellschaft. Sie ist allen Mitgliedern einer „multikulturellen“ Gesellschaft (im Verständnis von Habermas 1993) aufgegeben. Zugleich ist festzuhalten, dass alle, die sich in einer dominanten Position befinden – das gilt in der Regel für Angehörige der Dominanzkultur gegenüber Minderheitenangehörigen – eine besonderer Achtsamkeit entwickeln sollten.

Sensibilität ist gefordert für Identitätsentwürfe in einem Umfeld voll divergenter, oft gegensätzlicher sozialer Erwartungen, wo die Personen oft zusätzlich mit einem restriktiven „Zugehörigkeitsdiskurs“ (Mecheril 2004) konfrontiert sind. Grundlegend ist die Reflexion eigener Stereotype und Vorurteile, und zwar sowohl seitens der Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft als auch seitens der Angehörigen von Minoritäten gegenüber der Mehrheit.

Eine besondere Herausforderung stellen Situationen dar, in denen unterschiedliche normative Vorstelllungen und Ansprüche, nicht selten religiös begründet, aufeinander prallen. Entscheidend ist hier das Bemühen um die Austragung des Konflikts auf gleicher Augenhöhe („equal footing“). Das verlangt erstens das Bewusstsein von faktischen Machtasymmetrien, z.B. rechtlichem Status, und zweitens die Anerkennung der Persönlichkeit der/des anderen unabhängig vom Wertesystem, aber auch die Anerkennung des fremden Wertesystems auf Widerruf (zu weiteren Dialogregeln Auernheimer 2016, 136 ff.).

Es ist selbstverständlich, dass von Fachkräften im Sozial- und Gesundheitsbereich interkulturelle Kompetenz auf anderem Performanzniveau verlangt ist als von Durchschnittsbürgern.

4 Multiperspektivische Bildung

Für die Differenzierung von Fremdbildern kann historisches Wissen über fremde Gesellschaften, besonders Herkunftsgesellschaften von Migrant*innen förderlich sein. Wissen über kulturelle Leistungen, zum Beispiel die Beiträge der Araber zu unserer Zivilisation, aber auch über frühere kollektive Leidenserfahrungen, z.B. Kreuzzüge, Kolonialherrschaft, Polenfeldzug, kann Anerkennung stützen. Aus Konflikten der Vergangenheit speisen sich noch heute manche Fremdbilder, weshalb die Aufklärung darüber das gegenseitige Verstehen erleichtert.

Nicht nur historisches Wissen erleichtert die Perspektivenübernahme, sondern auch Wissen über heutige Weltverhältnisse, zum Beispiel über die Lage in den Herkunftsländern von Asylsuchenden und über dortige Fluchtursachen. Interkulturelle Bildung ist damit ein Stück weit politische Bildung.

5 Rassismuskritische Bildung

Politische Aufklärung ist nicht zuletzt mit Blick auf Deutschland als Einwanderungsgesellschaft gefordert, um Aufmerksamkeit zu entwickeln für strukturelle Diskriminierung auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und für die institutionelle Diskriminierung im Schulsystem, aber auch, um versteckte mediale Botschaften und „Rasse-Konstruktionen“ (Hall 1989) und deren Einfluss auf das eigene Bewusstsein zu erkennen.

Was Alltagsrassismus betrifft, so ist politische Aufklärung mit Selbstreflexion und Selbstreflexion fördernder Bildungsarbeit zu verbinden. Denn allzu leicht fällt die Empörung über die „Rassisten“, was psychische Abwehr begünstigt. Paul Mecheril hat deshalb den lange Zeit üblichen Begriff „antirassistische Erziehung“ durch „rassismuskritische Bildung“ ersetzt (Melter und Mecheril 2009).

Zum einen gilt es, Einsicht in die Wirkungsweise von Rassismus zu gewinnen, der die „Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse“ stützt (Hall 1989), also eine natürliche Hierarchie von Rassen, Ethnien, In- und Ausländern suggeriert und dabei Gruppen homogenisiert, was auch die binäre Konstruktion „wir“ gegen „die anderen“ zur Konsequenz hat. Auch gilt es zu diskutieren, unter welchen Umständen solche Deutungsangebote oder Weltbilder für Menschen attraktiv werden.

Zum anderen sind die Selbstreflexion fördernde pädagogische Arrangements erforderlich. Dabei sei angemerkt, dass pädagogische Arbeit dieser Art nicht mehr solche Menschen erreicht, die bereits fest in rechtsradikale Gruppen oder Organisationen eingebunden sind.

6 Methodische und institutionelle Aspekte

Wichtig ist zu prüfen, was die jeweilige pädagogische Institution zu leisten vermag. Schulisches Lernen beschränkt sich in der Regel auf Wissensvermittlung. Ob sich die Lernenden mit dem Wissen eine entsprechende Haltung aneignen, bleibt immer offen. Allein schon die Leistungsbeurteilung verzerrt das Motivsystem. Außerdem sind in einem Schulsystem, das durch seine selektive Struktur selbst diskriminiert und Diskriminierung für die Schüler*innen erfahrbar macht, der interkulturellen Bildung mindestens enge Grenzen gesetzt.

Ansätze, die über Aufklärungsstrategien hinausgehen und für interkulturelle Bildung speziell förderlich sind, können dennoch auch in manchen Schulen praktiziert werden. Vor allem richtet sich die Zuversicht aber auf außerschulische Einrichtungen, weil dort Interaktionsübungen, Rollen- und Theaterspiel, generell Lernprozesse in der Gruppe eher den angemessenen Raum finden. Die genannten methodischen Ansätze intendieren das Sich-Infrage-Stellen und Überdenken der je eigenen Weltbilder und Handlungsdispositionen.

7 Quellenangaben

Auernheimer, Georg, 2010. Neue Anstöße für das Bildungsverständnis unter interkultureller Perspektive. In: ders., Hrsg. Ungleichheit erkennen, Anderssein anerkennen! Ausgewählte Texte über Unterricht, (interkulturelle) Bildung und Bildungspolitik. Berlin: Regener Verlag, S. 115-125. ISBN 978-3-936014-24-2

Auernheimer, Georg, 2016. Einführung in die interkulturelle Pädagogik. 8. Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchges. ISBN 978-3-534-25721-8 [Rezension bei socialnet]

Habermas, Jürgen, 1993. Anerkennungskämpfe im demokratischen Rechtsstaat. In: Amy Gutmann, Hrsg. Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Frankfurt/M.: S. Fischer Verl., S. 147-196. ISBN 3-10-076704-7

Hall, Stuart, 1989. Die Konstruktion von „Rasse“ in den Medien. In: ders., Ausgewählte Schriften. Ideologie, Kultur, Medien, Neue Rechte, Rassismus. Hamburg: Argument Verlag, S. 150-171. ISBN 3-88619-373-X

Koller, Hans-Christoph, Winfried Marotzki und Olaf Sanders, Hrsg., 2007. Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung. Bielefeld: transkript Verlag. ISBN 978-3-89942-588-8 [Rezension bei socialnet]

Mecheril, Paul, 2004. Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim u. Basel: Beltz Verlag. ISBN 3-407-25352-4

Melter, Claus und Paul Mecheril, Hrsg., 2009. Rassismuskritik. Rassismustheorie und –forschung. Bd. 1. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verl. ISBN 978-3-89974-367-8 [Rezension bei socialnet]

8 Literaturhinweise

Auernheimer, Georg, Hrsg., 2013. Interkulturelle Kompetenz und pädagogische Professionalität. 4., durchges. Aufl. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-531-19929-0

Eppenstein, Thomas und Doron Kiesel, 2008. Soziale Arbeit interkulturell: Theorien – Spannungsfelder – reflexive Praxis. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-018621-7 [Rezension bei socialnet]

Autor
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Georg Auernheimer.


Zitiervorschlag
Auernheimer, Georg, 2018. Interkulturelle Bildung [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 07.01.2018 [Zugriff am: 22.01.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Interkulturelle-Bildung

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Autor

Prof. Dr. Georg Auernheimer
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veröffentlicht am 07.01.2018

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