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Internationale Soziale Arbeit

Prof. Dr. Ute Straub

veröffentlicht am 16.09.2020

Abkürzung: ISA

Englisch: international social work

Internationale Soziale Arbeit betrifft alle Themen, die über den nationalen Rahmen hinausgehen: die Organisation in globalen Dachverbänden, übergreifende Diskurse zu Themen wie Ethik, Standards für die professionelle Ausbildung und indigene und lokale Ansätze sowie Praxisfelder, die besonders im internationalen Kontext relevant sind.

Überblick

  1. 1 Dimensionen Internationaler Sozialer Arbeit
  2. 2 Internationale Dachorganisationen
  3. 3 Praxisfelder im internationalen Kontext
  4. 4 Quellenangaben
  5. 5 Informationen im Internet

1 Dimensionen Internationaler Sozialer Arbeit

Soziale Arbeit hat eine lange internationale Tradition: schon die Pionierinnen der (verberuflichten) Sozialen Arbeit waren international vernetzt (Kruse 2009; Kniephoff-Knebel 2006; Hering und Waaldijk 2002). Seit der Ersten Internationalen Konferenz Sozialer Arbeit in Paris 1928 finden – mit kriegsbedingten Unterbrechungen – regelmäßige Weltkongresse statt (Healy 2008; Lyons und Lawrence 2009, S. 108–120), mittlerweile als Weltkongresse Soziale Arbeit und Soziale Entwicklung (SWSD).

Eine verbindliche Definition für ISA gibt es nicht, doch zumindest in Bezug auf den Rahmen einen relativ breit akzeptierten Konsens: Healey (2001) und Cox und Pawar (2006) stellen fünf Dimensionen zusammen:

  1. Internationally related domestic practice and advocacy (international orientierte Praxis vor Ort und Interessenvertretung), denn im Zuge der Globalisierung ist es nicht mehr möglich, in der lokalen Praxis ohne internationale Perspektive zu arbeiten.
  2. Professional exchange (Austausch auf professioneller Ebene) ist durch globale Interdependenzen unabdingbar geworden; es müssen aber auch entsprechende Strukturen geschaffen oder ausgebaut werden, um auf verschiedenen Ebenen (Lehre, Forschung, Praxis) in Austausch treten zu können.
  3. International practice (internationale Praxis) bedeutet, dass Soziale Arbeit die Kompetenz und den Auftrag hat, professionelle Ziele und Methoden in Praxis und Ausbildung aktiv zu verbreiten, um effektiv jenen globalen Herausforderungen zu begegnen, die das Wohlergehen eines großen Teils der Weltbevölkerung beeinträchtigen.
  4. International policy development and advocacy (Entwicklung internationaler politischer Strategien und Interessenvertretung) beschreibt die politische Dimension Sozialer Arbeit, ohne die das Ziel, mehr soziale Gerechtigkeit durchzusetzen, nicht zu erreichen ist
  5. Promoting social work around the world as an integrated international profession (Förderung von Sozialer Arbeit in der ganzen Welt als integrierte internationale Profession) (Cox und Pawar 2006, S. 25, 26, 50) beinhaltet zum einen, dass die Diversität der sozialen Unterstützungssysteme Berücksichtigung finden, wie auch die Integration der Themen Menschenrechte, Globalisierung, Ökologie und Soziale Entwicklung. Im Fokus sind dabei auch jene Länder, in denen Soziale Arbeit noch wenig entwickelt ist (Healy 2001, S. 7; Cox und Pawar 2006, S. 19, 20 und 37–45).

Healy benennt weiterhin drei Richtungen, in denen sich ISA entwickelt: erstens als eine Bewegung, die sich für die Verbreitung universaler Standards für Praxis und Ausbildung einsetzt, zweitens als eine Form spezifischer Praxis und drittens als (professions-)politische Aktivität mit dem Anspruch, sich in die globalen Politikentwicklung einzumischen (Healy 2014, S. 369–380). Cox und Pawar sehen ISA als einen Ansatz, der in der Praxis die globale Perspektive mit Ökologie, Sozialer Entwicklung und Menschenrechten verknüpft (Cox und Pawar 2006, S. 25–47). Die ethischen Grundlagen der ISA werden von Ahmadi (2003) und Payne und Askeland (2008) ausgeführt, nämlich für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit einzustehen und dem Prozess der zunehmenden Ungleichheit im Zuge der Globalisierung etwas entgegenzusetzen.

2 Internationale Dachorganisationen

Drei internationale Dachorganisationen vertreten die (Hoch-)Schulen und die Lehrenden der Sozialen Arbeit (IASSW – International Association of Schools of Social Work), die Praktiker*innen (IFSW – International Federation of Social Workers) und die zahlreichen Nichtregierungsorganisationen (NRO) und Initiativen vor Ort, die (auch auf nicht- oder semiprofessioneller und interdisziplinärer Ebene) besonders die Soziale Entwicklung im Blick haben (ICSW – International Council on Social Welfare). Diese Organisationen haben – immer wieder neu überarbeitete – Grundlagenpapiere erstellt:

  • die Globale Definition der Profession Soziale Arbeit (Global Definition of the Social Work Profession, revidiert 2014) (IFSW 2015)
  • die Standards für Lehre und Ausbildung (Global Standards for Social Work Education and Training of the Social Work Profession, revidiert 2020) (IASSW 2019)
  • die Ethischen Standards (Ethics in Social Work, Statement of Principles, revidiert 2018) entwickelt (IFSW 2018)

Diese Grundlagenpapiere werden weltweit rezipiert und als Orientierungsrahmen für die (Weiter-) Entwicklung Sozialer Arbeit genutzt. Doch es gab und gibt kritische Stimmen, die bezweifeln, dass globale Vorgaben die breite Spanne sozialer, politischer, ökonomischer, geografischer und kultureller Unterschiede und die Kluft von globalen und lokalen Gegebenheiten (global/​local divide) abdecken können. Auch Struktur und Repräsentativität der Dachorganisationen werden skeptisch eingeschätzt, da Hochschulen und/oder Praktiker*innen und Aktivist*innen aus ärmeren Ländern nur begrenzt Zugang (u.a. wegen mangelnder sprachlicher oder finanzieller Voraussetzungen) und damit weniger Möglichkeiten zur Mitbestimmung hätten. Andererseits zeigen die Entwicklungen der letzten Jahre (die Themensetzung auf den Weltkongressen, die neuen Inhalte in den überarbeiteten Grundsatzpapieren), dass die ISA zunehmend Abstand nimmt von der Idee der Hegemonie der Normsetzungen des Globalen Nordens und bereit ist, die bisherige Form der Sozialen Arbeit als eine von mehreren und modifizierbaren Möglichkeiten zu betrachten. Hinzu kommt eine selbstkritische Betrachtung der eigenen (Imperialismus-)Geschichte und damit eine Offenheit gegenüber indigenen und lokalen südlichen Ansätzen (Dominelli 2012; Straub et al. 2020).

Gemeinsame Aktionen der Dachorganisationen sind

  • die Globale Agenda (Global Agenda for Social Work and Social Development), mit der sich ISA in Bezug zu den UN-Milleniumszielen und der Post 2015-Entwicklungsagenda setzt. Von 2012 bis 2020 sollen über ein Monitoring die Aktivitäten von Sozialarbeiter*innen, Lehrenden und Praktiker*innen im Bereich Soziale Arbeit und Entwicklung in der politischen Arena sichtbar gemacht und damit ihre Einflussnahme gestärkt werden. Die Planung für die nächsten zehn Jahre ist in Arbeit (IASSW o.J.)
  • der Internationale Tag der Sozialen Arbeit, der seit 2009 an jedem dritten Dienstag im Jahr gemeinsam mit der UN begangen wird (GSSWA o.J.)
  • die Fachzeitschrift „International Social Work“, die seit 1959 herausgegeben wird (ICSW o.J.)

In den Subgruppen Afrika, Asien-Pazifik, Europa, Lateinamerika/​Karibik und Nordamerika und entsprechenden Verbänden (IFSW o.J.) wird die internationale Kooperation regional vorangebracht. Der ICSW hat sich in neun Regionen aufgeteilt.

3 Praxisfelder im internationalen Kontext

Das Zusammenwachsen der Social Work Community eröffnet neue Praxisfelder, in denen die Expertise Sozialer Arbeit zunehmend gefragt ist, z.B.:

  • Ökosoziale Arbeit/​Green Social Work
  • Katastrophenmanagement und -linderung
  • Friedensmanagement, v.a. Friedensaufbau
  • Entwicklungszusammenarbeit

Festzuhalten ist (Straub 2018): für ISA gibt es eine lange Tradition und bewährte Organisationsstrukturen und professionelle Netzwerke über die internationalen und regionalen Dachverbände, die für neue Anforderungen und Perspektiven offen sind. Standards für Praxis, Lehre und Ausbildung einschließlich eines Ethik Codes geben einen Rahmen vor, innerhalb dessen ISA weltweit entwickelt werden kann. Ein (professions-)politisches Programm, das sich an den UN-Entwicklungszielen orientiert, die Globale Agenda, bietet eine Plattform, um den Beitrag der Sozialen Arbeit zu gesellschaftspolitischen Fragen und zur Umsetzung von sozialer und ökologischer Gerechtigkeit auch nach außen zu dokumentieren.

4 Quellenangaben

Ahmadi, Nader, 2003. Zwischenüberschrift. In: International Journal of Social Welfare [online]. 12, S. 14–23 [Zugriff am: 25.03.2020]. Verfügbar unter: http://ehs.siu.edu/socialwork/​_common/​documents/​articles/​ahmadi.pdf

Cox, David und Manohar Pawar, 2006. International Social Work: Issues, Strategies, and Programs. Thousand Oaks: Sage. ISBN 978-1-4522-1748-2

Dominelli, Lena, 2012. Globalisation and indigenization: Reconciling the Irreconcilable in Social Work? In: Karen H Lyons, Terry Hokenstad, Manohar Pawar, Nathalie Huegler und Nigel Hall, Hrsg., 2012. Sage Handbook of International Social Work. London: Sage Publications, Ltd, S. 39–55. ISBN 978-0-85702-333-9 [Rezension bei socialnet]

Global Social Service Workforce Alliance (GSSWA), [ohne Jahr]. World Social Work Day Events [online]. Global Social Service Workforce Alliance [Zugriff am: 26.08.2020]. Verfügbar unter: http://www.socialserviceworkforce.org/world-social-work-day-events

Healy, Lynne, 2001. International Social Work: Professional Action in an interdependent World. Oxford: Oxford University Press. ISBN 978-0-19-512445-3

Healy, Lynne, 2008. Introduction: A brief journey through the 80 year history of the International Association of Schools of Social Work. In: Social Work & Society [online]. 6(1), S. 115–12 [Zugriff am: 25.03.2020]. Verfügbar unter: https://www.socwork.net/sws/issue/view/6

Healy, Lynne, 2014. Global education for social work: old debates and future directions for international social work. In: Carolyn Noble, Helle Strauss und Brian Littlechild, Hrsg. Global Social Work: Crossing borders, blurring boundaries. Sydney: Sydney University Press, S. 369–280. ISBN 978-1-74332-404-2

Hering, Sabine und Berteke Waaldijk, Hrsg., 2002. Die Geschichte der Sozialen Arbeit in Europa (1900-1960): Wichtige Pionierinnen und ihr Einfluss auf die Entwicklung internationaler Organisationen. Opladen: Leske + Budrich. ISBN 978-3-8100-3633-9

International Association of Schools of Social Work (IASSW), 2019. Global Standards for Social Work Education and Training [online]. Mailand: The International Association of Schools of Social Work, 18.03.2019 [Zugriff am: 26.08.2020]. Verfügbar unter: https://www.iassw-aiets.org/global-standards-for-social-work-education-and-training/

International Association of Schools of Social Work (IASSW), [ohne Jahr]. Consultation on the Next Global Agenda [online]. Mailand: The International Association of Schools of Social Work [Zugriff am: 26.08.2020]. Verfügbar unter: https://www.iassw-aiets.org/reflections-on-the-next-global-agenda/

International Council on Social Welfare (ICSW), [ohne Jahr]. international social work (ISW) [online]. Sirevaag: International Council on Social Welfare [Zugriff am: 26.08.2020]. Verfügbar unter: http://icsw.org/index.php/publications/​international-social-work-isw

International Federation of Social Workers (IFSW), 2015. Global Definition of the Social Work Profession [online]. Rheinfelden: International Federation of Social Workers [Zugriff am: 26.08.2020]. Verfügbar unter: https://www.ifsw.org/what-is-social-work/​global-definition-of-social-work/

International Federation of Social Workers (IFSW), 2018. Global Social Work Statement of Ethical Principles [online]. Rheinfelden: International Federation of Social Workers, 02.07.2018 [Zugriff am: 26.08.2020]. Verfügbar unter: https://www.ifsw.org/global-social-work-statement-of-ethical-principles/

International Federation of Social Workers (IFSW), [ohne Jahr]. Find Your Region [online]. Rheinfelden: International Federation of Social Workers [Zugriff am: 26.08.2020]. Verfügbar unter: https://www.ifsw.org/regions/

Kniephoff-Knebel, Anette, 2006. Internationalisierung in der Sozialen Arbeit: Eine verlorene Dimension der weiblich geprägten Berufs- und Ideengeschichte. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag. ISBN 978-3-89974-284-8 [Rezension bei socialnet]

Kruse, Elke, 2009. Zur Geschichte der internationalen Dimension in der Sozialen Arbeit: In: Leonie Wagner und Ronald Lutz, Hrsg. Internationale Perspektiven Sozialer Arbeit. 2., überarb. u. erw. Auflage. Wiesbaden: VS-Verlag, S. 15–32. ISBN 978-3-531-16423-6

Lyons, Karen und Sue Lawrence, 2009. Social Work as an International Profession: Origins, organisations and networks. In: Sue Lawrence, Karen H. Lyons, Graeme Simpson und Nathalie Huegler, Hrsg. Introducing International Social Work. Exeter: Learning Matters Ltd., S. 125–138. ISBN 978-1-84445-132-6

Payne, Macolm und Gurid Aga Askeland, 2008. Globalization and International Social Work: Postmodern Change and Challenge. Aldershot: Ashgate. ISBN 978-0-7546-4946-5

Straub, Ute, 2018. Definitionen Internationaler Sozialer Arbeit. In: Leonie Wagner, Ronald Lutz, Christine Rehklau und Friso Ross, Hrsg. Handbuch Internationale Soziale Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa, S. 22–34. ISBN 978-3-7799-3137-9 [Rezension bei socialnet]

Straub, Ute, Gerhard Rott und Ronald Lutz, Hrsg., 2020. Sozialarbeit des Südens, Bd. 8: Indigenous and Local Knowledge in Social Work. Opladen: Paulo Freire Verlag. ISBN 978-3-86585-916-7

5 Informationen im Internet

Autorin
Prof. Dr. Ute Straub
Frankfurt University of Applied Sciences
Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit
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Es gibt 3 Lexikonartikel von Ute Straub.


Zitiervorschlag
Straub, Ute, 2020. Internationale Soziale Arbeit [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 16.09.2020 [Zugriff am: 23.09.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Internationale-Soziale-Arbeit

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