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Intersexualität

Etymologie: lat. inter zwischen, unter; sexus Geschlecht

Der Begriff Intersexualität (und auch engl. intersex, auch in der direkten Übersetzung: intergeschlechtlich) wurde 1915/16 von Richard Goldschmidt geprägt (Goldschmidt 1916a, S. 54; Goldschmidt 1916b, S. 6). Er nutzte ihn im Rahmen seiner Geschlechterbetrachtungen, in denen er beschrieb, dass es auch bei den Menschen eine „lückenlose Reihe“ geschlechtlicher Zwischenstufen gebe (Voß 2012, S. 9-11). Der Begriff Intersexualität wurde seitdem – neben Hermaphroditismus – zu einem der zentralen Begriffe, um Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung zu beschreiben. Oft wurde und wird er im medizinischen Kontext verwandt und werden nicht so häufige und besondere Entwicklungen des Genitaltraktes dort als „Abweichungen“ und „Störungen“ beschrieben (bzw. pathologisiert) und orientieren Mediziner_innen darauf, diese zu beseitigen. Aktuell wird der Begriff im medizinischen Kontext durch „Disorders of Sex Development“ (Abkürzung: DSD; dt.: „Störungen der Geschlechtsentwicklung“) abgelöst, was von den Selbstorganisationen intergeschlechtlicher Menschen, insbesondere auf Grund der noch deutlicheren pathologisierenden Wirkung des Begriffes, kritisiert wird (Klöppel 2010, S. 21-23; Voß 2012, S. 9-12). Alternativ und weniger diskriminierend wird mittlerweile auch der Begriff „Differences of Sex Development“ (Abkürzung ebenfalls: DSD; dt.: „Varianten der Geschlechtsentwicklung“) genutzt.

Die Selbstorganisationen regen an, den Begriff Intergeschlechtlichkeit (statt Intersexualität) zu verwenden, um deutlicher zu machen, dass es nicht um sexuelles Begehren gehe, sondern um eine Frage physischer geschlechtlicher Konstitution.

Überblick

  1. 1 Die im 20. Jahrhundert aufkommende Behandlungsroutine
  2. 2 Kritik am Behandlungsprogramm
    1. 2.1 Ausgewählte Beiträge zur Schwere der Eingriffe
  3. 3 Intersexuellenbewegung und ihre politischen Kämpfe
  4. 4 Selbstorganisationen und weiterführende Informationen
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise
  7. 7 Informationen im Internet

1 Die im 20. Jahrhundert aufkommende Behandlungsroutine

Zwar wurden schon seit die christliche Kirche ihre Macht in Europa gefestigt hatte (etwa ab dem 14. Jahrhundert) und insbesondere seit der europäischen Moderne geschlechtliche Merkmale und Verhaltensweisen zunehmend problematisiert. Allerdings fanden medizinische Behandlungen von Menschen zur Vereindeutigung geschlechtlicher Merkmale nur vereinzelt statt (vgl. Voß 2012, S. 23-28). Das änderte sich grundlegend in den 1950er Jahren mit dem von John Money, Joan G. Hampson und John L. Hampson in Baltimore (USA) entwickelten Routinebehandlungsprogramm. Bezogen auf den Ort wird daher verbreitet die Bezeichnung „Baltimorer Behandlungsprogramm“ verwendet. Der Behandlungsroutine gingen theoretische und technische „Entwicklungen“ deutscher Mediziner seit den 1930er Jahren voraus (vgl. Voß 2014). Mit dem Baltimorer Behandlungsprogramm zielte die Medizin darauf, möglichst bereits kurz nach der Geburt bei nicht-typischen Geschlechtsmerkmalen das Geschlecht durch medizinische Eingriffe zu vereindeutigen (vgl. Klöppel 2010). Durch die Behandlungspraxis sollte es den Kindern ermöglicht werden, eine „eindeutige“ Geschlechtsidentität zu entwickeln – in den 1950er Jahren wurde darunter noch verstanden, dass ein Mensch klar eine entweder „weibliche“ oder „männliche Geschlechterrolle“ in der Gesellschaft annimmt. Es sollte vermieden werden, dass ein Mensch „homosexuell würde“; auch sollten durch das „typisch weibliche“ bzw. „typisch männliche“ Erscheinungsbild durch andere Kinder erfolgende Hänseleien verhindert werden.

2 Kritik am Behandlungsprogramm

Das Baltimorer Behandlungsprogramm fand international Verbreitung – seit etwa den 1970er Jahren auch im deutschsprachigen Raum (vgl. Klöppel 2010). Mittlerweile wird es scharf kritisiert, weil viele der so behandelten Menschen die medizinischen Behandlungen als traumatisierend und gewaltvoll beschreiben. Zudem wurden wiederholt – und ohne ausreichende Einwilligung – Fotografien von den behandelten Menschen angefertigt und ganze Gruppen von Studierenden in die Behandlungszimmer geführt, in dem Intergeschlechtliche, zum Teil auch Jugendliche im Pubertätsalter, ihre Genitalien vorzeigen sollten. Zu den Behandlungsergebnissen sowie zur Zufriedenheit der behandelten Menschen gibt es inzwischen zahlreiche medizinische Untersuchungen, in denen die von solchen Behandlungen betroffenen Menschen ihre Traumatisierungen und das Erleben von Gewalt beschreiben (vgl. Reiter 2000; Parallelbericht 2011; Deutscher Ethikrat 2012; Voß 2012).

2.1 Ausgewählte Beiträge zur Schwere der Eingriffe

Deutscher Ethikrat (2012): „Etliche Betroffene sind aufgrund der früher erfolgten medizinischen Eingriffe so geschädigt, dass sie nicht in der Lage sind, einer normalen Erwerbstätigkeit nachzugehen, oder sie sind infolge der Eingriffe schwer behindert.“ (Deutscher Ethikrat 2012, S. 165)

Michel Reiter (2000): „‚Wärst Du lieber ein Junge geworden‘, wird das Kind von einer Psychologin gefragt. ‚Nein‘, antwortete es, ‚dann müßte ich tun, was die Jungen tun müssen und als Mädchen muß ich tun, was man von Mädchen erwartet.‘ Was will uns diese Antwort sagen? Nichts, außer daß dieses Kind gelernt hat, wie man richtig zu antworten hat, um sich zusätzlichen Ärger zu ersparen. In die medizinischen Akten wird der Befund eingehen: ‚Frisches, schlankes Mädchen, das im Alter von 11 Jahren jetzt genau die durchschnittliche Größe und das durchschnittliche Gewicht aufweist.‘ Gut gelungenes Frischfleisch, zudem jenseits aller Erwartungen belastbar, denn Hochleistungssport, 17 operative Eingriffe, Medikation mit Dexamethason, hunderte gynäkologische Untersuchungen und Blutabnahmen, Handröntgen- und Genitalnahaufnahmen sowie permanente psychologische Kontrollen müssen wirklich überlebt werden. Was aber sagt uns diese Quantität der Eingriffe, die einzig dem offiziellen Ziel einer heterosexuellen Funktionsfähigkeit und der Idee einer vereindeutigten Geschlechtsidentität geschuldet sind? Nichts, außer einer Anleitung, wie man Menschen psychisch brechen kann und Menschenversuche diskret formuliert.“ (Reiter 2000)

3 Intersexuellenbewegung und ihre politischen Kämpfe

Neben dem Behandlungsprogramm, das unter dem Stichwort Intersexualität bekannt geworden ist, ist der Begriff seit den 1990er Jahren zentral mit den Kämpfen der intergeschlechtlichen Menschen verknüpft. Seitdem vernetzten sich international (Morland 2005; Karkazis 2008) und in der Bundesrepublik Deutschland intergeschlechtliche Menschen und erreichten eine zunehmende Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und schließlich – insbesondere durch: Parallelbericht 2011 – die Aufmerksamkeit von Institutionen der Vereinten Nationen, die letztlich die Bundesrepublik rügten und Maßnahmen einforderten, die Menschenrechte für intergeschlechtliche Menschen sicherzustellen (siehe: Parallelbericht 2011; vgl. Voß 2012, S. 15-21). Aktuell sind international und in der Bundesrepublik Deutschland Entwicklungen im Gang, die zumindest auf eine Veränderung der geschlechtszuweisenden und geschlechtsvereindeutigenden Eingriffe bei minderjährigen Intergeschlechtlichen hinauslaufen: So wurden aktuell die Behandlungsleitlinien verändert (AWMF 2016); in die Überarbeitung waren auch Selbstorganisationen Intergeschlechtlicher einbezogen. Allerdings wurde bisher die weiterreichende Forderung der Selbstorganisationen nach einem gesetzlichen Verbot der geschlechtszuweisenden und -vereindeutigenden Eingriffe nicht umgesetzt. Sie fordern, dass nur die intergeschlechtlichen Menschen selbst im entscheidungsfähigen Alter in die Eingriffe einwilligen können.

4 Selbstorganisationen und weiterführende Informationen

Die zentralen Selbstorganisationen im deutschsprachigen Raum sind:

In Emden ist, initiiert von Intersexuelle Menschen e.V., eine bundesweit tätige Peer-Beratung entstanden, die junge Eltern auf ihrem Weg mit ihrem intergeschlechtlichen Kind, sowie intergeschlechtliche Menschen selbst, berät und begleitet: http://www.im-ev.de/peerberatung/.

Wichtige Filme, die Öffentlichkeit für die Anliegen intergeschlechtlicher Menschen erreicht haben, sind:

Mittlerweile sind auch zwei Folgen der Krimi-Reihe „Tatort“ zu Intersexualität erschienen.

An Publikationen sind besonders empfehlenswert: die Autobiographie von Christiane Völling „‚Ich war Mann und Frau‘: Mein Leben als Intersexuelle“ (2010) und das aus Elternsicht geschriebene Buch von Clara Morgen „Mein intersexuelles Kind: weiblich männlich fließend“ (2013). Als Kinderbuch ist das Buch „Jill ist anders“ von Ursula Rosen zu empfehlen.

Als pädagogisches Material für die Bildungsarbeit sind einerseits Ausschnitte aus den genannten Büchern und sind die Dokumentationen/Filme zu empfehlen. Hilfreiche Hinweise zur pädagogischen Arbeit zum Thema Intersexualität / Intergeschlechtlichkeit gibt: Hechler 2014.

5 Quellenangaben

AWMF, 2016. S2k-Leitlinie Varianten der Geschlechtsentwicklung [online]. Berlin: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen
Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) e.V. [Zugriff am 16.01.2018]. PDF e-Book. Verfügbar unter http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/174-001l_S2k_Geschlechtsentwicklung-Varianten_2016-08_01.pdf

Deutscher Ethikrat, 2012. Stellungnahme Intersexualität [online]. Berlin: Deutscher Ethikrat [Zugriff am 16.01.2018]. PDF e-Book. Verfügbar unter: http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/stellungnahme-intersexualitaet.pdf

Goldschmidt, Richard B., 1916a. A Preliminary Report on Further Experiments in In-heritance and Determination of Sex. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. 2(1), S. 53-58.

Goldschmidt, Richard B., 1916b. Die biologischen Grundlagen der konträren Sexualität und des Hermaphroditismus beim Menschen. In: Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie einschließlich Rassen- und Gesellschaftshygiene. 12(1), S. 1-14.

Hechler, Andreas, 2014. Intergeschlechtlichkeit als Thema geschlechterreflektierender Pädagogik. In: Dissens e.V. u.a., Hrsg. Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule – Texte zu Pädagogik und Fortbildung rund um Jungen, Geschlecht und Bildung [online]. Berlin: Dissens e.V. [Zugriff am 16.01.2018]. PDF e-Book. Verfügbar unter https://www.dissens.de/de/dokumente/jus/veroeffentlichung/Geschlechterreflektierte-Arbeit-mit-Jungen-an-der-Schule.pdf ISBN 978-3-941338-09-8

Karkazis, Katrina, 2008. Fixing Sex: Intersex, Medical Authority, and Lived Experience. Durham: Duke University Press. ISBN 978-0-8223-4318-9

Klöppel, Ulrike, 2010. XX0XY ungelöst: Hermaphroditismus, Sex und Gender in der deutschen Medizin. Eine historische Studie zur Intersexualität. Bielefeld: Transcript Verlag. ISBN 978-3-8376-1343-8

Morland, Iaine Carlyle Fraser, 2005. Narrating intersex: on the ethical critique of the medical management of intersexuality, 1985-2005 [Dissertation]. London: University of London.

Parallelbericht 2011: Parallelbericht zum 5. Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland Übereinkommen gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (CAT) [online]. Neu Wulmstorf: Intersexuelle Menschen e.V. [Zugriff am 16.01.2018]. PDF e-Book. Verfügbar unter: http://intersex.schattenbericht.org/public/Schattenbericht_CESCR_2010_Intersexuelle_Menschen_e_V.pdf

Reiter, Michael, 2000. Medizinische Intervention als Folter. (Abdruck des Vortrags vor der European Federation of Sexology.) In: GiGi – Zeitschrift für sexuelle Emanzipation [online]. 8. [Zugriff am 16.01.2018]. Verfügbar unter: http://www.gigi-online.de/intervention9.html

Satzinger, Helga, 2009. Differenz und Vererbung: Geschlechterordnungen in der Genetik und Hormonforschung 1890 – 1950. Köln, Weimar, Wien, Böhlau: Böhlau Verlag. ISBN 978-3-412-20339-9

Voß, Heinz-Jürgen, 2012. Intersexualität – Intersex: Eine Intervention. Münster: Unrast-Verlag. ISBN 978-3-89771-119-8

Voß, Heinz-Jürgen, 2014. Intergeschlechtlichkeit – Aktivismus und Forschung, ihre Verzahnung und intersektionale Fortentwicklung. In: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, Hrsg. Forschung im Queerformat – Aktuelle Beiträge der LSBTI*-, Queer und Geschlechterforschung. Bielefeld: Transcript, S. 117-131. ISBN 978-3-8376-2702-2

6 Literaturhinweise

Morgen, Clara, 2013. Mein intersexueles Kind: weiblich männlich fließend. Berlin: Transit Buchverlag. ISBN 978-3-88747-292-4

Völling, Christiane, 2010. „Ich war Mann und Frau“. Mein Leben als Intersexuelle. Köln: Fackelträger. ISBN 978-3-7716-4455-0

Voß, Heinz-Jürgen, 2012. Intersexualität – Intersex: Eine Intervention. Münster: Unrast-Verlag. ISBN 978-3-89771-119-8

7 Informationen im Internet

Autor
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Heinz-Jürgen Voß.


Zitiervorschlag
Voß, Heinz-Jürgen, 2018. Intersexualität [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 06.02.2018 [Zugriff am: 20.09.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Intersexualitaet

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Autor

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
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veröffentlicht am 06.02.2018

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