Interventionsgerontologie
Prof. Dr. Hans-Werner Wahl
veröffentlicht am 06.11.2025
Interventionsgerontologie umfasst die Gesamtheit der Bemühungen, durch gezielte Maßnahmen psychophysisches Wohlbefinden im höheren Lebensalter zu fördern und zu erhalten. Sie ergänzt medizinische Behandlungen durch verhaltensbezogene, nicht-pharmakologische Interventionen und lebensqualitätsfördernde Maßnahmen in einem umfassenden Sinn.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Grundlagen und Konzepte
- 3 Plastizität und Reservekapazitäten im Alter
- 4 Lebenslange Entwicklungsperspektive
- 5 Interventionsbereiche
- 6 Evidenz und Wirksamkeit
- 7 Quellenangaben
1 Zusammenfassung
Interventionsgerontologie geht von einer grundlegend optimistischen Sichtweise der Gestaltbarkeit des späten Lebens aus und nimmt Plastizitätsressourcen des Menschen bis ins hohe Alter an. Auch jenseits des 90. Lebensjahres sind Reservekapazitäten verfügbar, die durch systematische Interventionen nutzbar gemacht werden können. Erfolgreiche Interventionen setzen dabei auf verschiedenen Ebenen an – von der Prävention im Kindes- und Jugendalter über Maßnahmen im mittleren Lebensalter bis hin zu gezielten Interventionen im höheren Alter. Heute steht ein breites Spektrum verhaltensbezogener Interventionen zur Verfügung, die entweder beim alten Menschen selbst oder seiner Umwelt ansetzen. Trotz nachgewiesener Wirksamkeit vieler Interventionsformen besteht allerdings noch erheblicher Nachholbedarf bei deren flächendeckender Implementierung und Finanzierung.
2 Grundlagen und Konzepte
Die klassische Definition von Interventionsgerontologie der großen deutschen Entwicklungspsychologin und Gerontologin Ursula Lehr hat auch heute noch Bestand. Bereits im Titel ihres Beitrags in 1979 beschreibt sie Interventionsgerontologie als das „Insgesamt der Bemühungen, bei psychophysischem Wohlbefinden ein hohes Lebensalter zu erreichen“ (Lehr 1979). Interventionsgerontologie will verfügbare medizinische Behandlungsangebote ergänzen sowie Interventionsstrategien anbieten, die nicht im Spektrum von altersmedizinischen Leistungen enthalten sind. Dabei geht es vor allem um verhaltensbezogene Interventionsangebote, die bisweilen auch als nicht-pharmakologische Interventionen bezeichnet werden. Es geht aber auch um lebensqualitätsförderliche Maßnahmen in einem umfassenden Sinn (Gellert und Wahl 2024).
3 Plastizität und Reservekapazitäten im Alter
Interventionsgerontologie geht von einer grundlegend optimistischen Sichtweise der Gestaltbarkeit des späten Lebens aus. Sie nimmt damit Plastizitätsressourcen des menschlichen Lebens bis ins Alter an und rekurriert dabei auf zwischenzeitlich empirisch sehr gut bestätigte Einsichten aus Längsschnitt- und Wirksamkeitsstudien (Gellert et al. 2024; Hertzog et al. 2008). Dies bedeutet, dass auch im höheren Lebensalter Reservekapazitäten verfügbar sind, die nutzbar gemacht werden können. Plastizität im späten Leben zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen und nicht selten simultan auf mehreren Ebenen. So kann ein systematisches Training zur Erhöhung der körperlichen Bewegung zur Stärkung der Muskelkraft (körperliche Ebene), einer Erhöhung des eigenen Selbstwirksamkeitserlebens (psychische Ebene) sowie zur Rekrutierung von bislang wenig genutzten Arealen im Frontallappen des Gehirns (kortikale Ebene) führen. Vor allem der letztere Prozess kann dann auch mit kognitiven Leistungssteigerungen einhergehen (kognitive Ebene), sodass insgesamt eine deutliche Stabilisierung des alternden Menschen bewirkt werden kann. Man kann auch von systematisch gestärkter Resilienz sprechen. Ein solcher Prozess ist auch jenseits des Alters von 90 Jahren noch zu beobachten. Grundsätzlich gibt es hier keine Altersgrenze.
4 Lebenslange Entwicklungsperspektive
Plastizitätsreserven, auch im Alter, sind stets in einer Betrachtung lebenslanger Entwicklung zu sehen. Beispielsweise wissen wir heute anhand von Längsschnittstudien mit sehr langen Zeiträumen im Humanbereich (> 50 Jahre), dass frühe Intervention und Prävention bereits im Kindesalter dazu führen, auch spät im Leben, jenseits des Übergangs in die nachberufliche Zeit, Krankheitslast zu reduzieren und Selbstständigkeit und Zufriedenheit zu fördern. Einer der aktuell am meisten fokussierten Bereiche in diesem Zusammenhang ist die Vermeidung und Abschwächung der Folgen von Traumatisierungserfahrungen im Kindesalter, die mit erhöhter körperlicher und psychischer Krankheitslast im mittleren und höheren Lebensalter einhergehen. Entscheidend für eine relativ optimale Förderung von Lebensqualität spät im Leben sind ferner Intervention und Prävention im mittleren Lebensalter, etwa zwischen 45 und 65 Jahren. Dazu gehören optimale gesundheitliche Förderungen im Berufsbereich, die Gestaltung von geeigneten Berufsumwelten für „ältere Arbeitnehmer:innen“ sowie eine möglichst weitgehende Reduzierung von kritischen Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Stress oder Übergewicht. Erfolgreiche Interventionen in diesen Bereichen, etwa durch Rückenschulen, körperliche Bewegungsanregung, rechtzeitige Hilfsmittelanpassungen (z.B. Hörgerät, Gleitsichtbrille) und psychosoziale Angebote, können das Demenz- und Pflegebedürftigkeitsrisiko im späten Leben deutlich senken.
5 Interventionsbereiche
In Bezug auf das höhere Lebensalter kann heute auf ein ganzes Spektrum von verhaltensbezogenen Interventionen verwiesen werden, die entweder beim alten Menschen selbst oder seiner Umwelt ansetzen (Tabelle 1).
| Interventionsgerontologischer Bereich | Beispiele |
|---|---|
| Prävention | Frühzeitige Einstellung des Rauchens durch Entwöhnungsprogramme; Steigerung der körperlichen Bewegung durch Teilnahme an Bewegungsprogramm |
| Körperliche Leistung und Aktivität | Förderung der Leistung durch altersangepasstes Muskelkrafttraining und durch Teilnahme an Sturzpräventionstrainings; Anregung zu Freiwilligenengagement und Hobbies |
| Kognitive Gesundheit | Sich geistig auf möglichst vielen Ebenen anregen, etwa durch Lesen, Sprachkurse, Lernen von digitalen Technologien |
| Mentale Gesundheit | Nutzung psychosozialer Beratungsangebote, Selbsthilfegruppen, Psychotherapie |
| Rehabilitation | Nach Krankheitsereignissen beste Rehabilitation in Anspruch nehmen und beste Hilfsmittelversorgung nutzen |
| Soziale Beziehungen und Partizipation | Angebote in der Gemeinde nutzen, um Einsamkeit zu reduzieren; dazu auch Nutzung digitaler Vernetzungsformen; zugehende Angebote wie präventive Hausbesuche |
| Professionelle und informelle Pflege | Belastungen von professionellen Pflegesituationen reduzieren; entlastende Angebote für pflegende Angehörige etwa durch Angehörigengruppen |
| Räumliche Nahumwelten | Neue Wohnformen in der Gemeinde fördern; Umzugshilfeangebote anbieten; anregende Umwelten im Langzeitpflegebereich schaffen |
| Mobilität im öffentlichen Raum | Niederflurbusse und barrierearme Zugänge flächendeckend schaffen; Rufdienste vor allem im ländlichen Raum anbieten; Fahrtrainings für ältere Autofahr:innen |
| Quartier und Gemeinde | Beschattete Flächen im öffentlichen Raum steigern, um Folgen des Klimawandels abzumildern; durch Quartiersarbeit soziale Kohäsion systematisch fördern |
| Abschiedskultur | Zugang zu Palliativangeboten verbessern; Trauerprozesse umsichtig begleiten |
6 Evidenz und Wirksamkeit
Alle Vielfalt einer solchen Interventionsgerontologie nutzt allerdings nichts, wenn die beschriebenen Interventionsbereiche nicht in entsprechenden Studien und Meta-Analysen ausreichend empirische Bestätigung gefunden haben. Wie Gellert et al. (2024) zeigen, ist dies nicht für alle der in der Literatur beschriebenen Interventionsformen der Fall, aber doch für eine bedeutende Anzahl. So wurden in Gellert et al. (2024) 37 % von 79 einbezogenen Interventionsformen für ältere Menschen als empirisch gut in ihrer Wirksamkeit durch kontrollierte Interventionsstudien und Meta-Analysen bestätigt eingeschätzt. Dazu zählen vor allem Interventionen in den Bereichen Körperliche Leistung und Aktivität, Mobilität, mentale Gesundheit sowie Prävention und Rehabilitation. Demgegenüber ist allerdings die aktuelle Implementierungsstärke dieser wirkungsvollen Interventionsformen, also deren Verfügbarkeit und Finanzierung, als deutlich schlechter einzustufen.
Insgesamt ist die heutige Interventionsgerontologie bereits relativ gut darauf vorbereitet, eine wichtige Rolle hinsichtlich gesundheitlicher und psychosozialer Versorgungsbedarfe im höheren Leben spielen zu können. Leider fehlt es noch an Strategien der nachhaltigen Umsetzung und Zugänglichkeit. Präventionspotenziale werden noch zu wenig ausgeschöpft, um, nochmals in den Worten von Ursula Lehr, bei psychophysischem Wohlbefinden ein hohes Lebensalter zu erreichen.
7 Quellenangaben
Gellert, Paul und Hans-Werner Wahl, Hrsg., 2024. Interventionsgerontologie: 100 Schlüsselbegriffe für Forschung, Lehre und Praxis. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-042012-0 [Rezension bei socialnet]
Gellert, Paul, Julia Haberstroh, Carl-Philipp Jansen, Julia Simonson, Martina Schäufele, Rieka Brunken und Hans-Werner Wahl, 2024. Evidenz- und Implementierungsstand von Gero-Interventionen: Versuch einer Gesamtsicht. In Paul Gellert und Hans-Werner Wahl, Hrsg. Interventionsgerontologie: 100 Schlüsselbegriffe für Forschung, Lehre und Praxis. Stuttgart: Kohlhammer, S. 691–703. ISBN 978-3-17-042012-0 [Rezension bei socialnet]
Hertzog, Christopher, Arthur F. Kramer, Robert S. Wilson und Ulman Lindenberger, 2008. Enrichment effects on adult cognitive development: Can the functional capacity of older adults be preserved and enhanced? In: Psychological Science in the Public Interest [online]. 9(1), S. 1–65 [Zugriff am: 12.10.2025]. ISSN 2160-0031. Verfügbar unter: https://www.jstor.org/stable/​20697315
Lehr, Ursula, 1979. Gero-Intervention – das Insgesamt der Bemühungen, bei psychophysischem Wohlbefinden ein hohes Lebensalter zu erreichen. In Ursula Lehr, Hrsg. Interventionsgerontologie. Darmstadt: Steinkopff, S. 1–49. ISBN 978-3-7985-0552-0
Verfasst von
Prof. Dr. Hans-Werner Wahl
Seniorprofessor der Universität Heidelberg und Projektleiter am Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die Rolle von Alternserleben, die Rolle von digitalen Technologien für Lebensqualität im Alter sowie Fragen der Plastizität von Altern.
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