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Jacoby, Heinrich

Marianne Haag

veröffentlicht am 24.11.2022

* 3. April 1889 in Frankfurt am Main

25. November 1964 in Zürich

Heinrich Jacoby 1931
Abbildung 1: Heinrich Jacoby 1931 (Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung)

Heinrich Jacoby war Privatgelehrter und Forscher.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Lebenslauf
  3. 3 Forschung
  4. 4 Zusammenarbeit mit Elsa Gindler
  5. 5 Arbeitsweise
  6. 6 Aktuelle Bedeutung
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Literaturhinweise
  9. 9 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Heinrich Jacoby hat mehr als 45 Jahre lang in Kursen mit Tausenden Menschen versucht, ein zutreffenderes Bild vom Menschen, von seiner biologischen Ausstattung und deren Entfaltungsmöglichkeiten zu gewinnen und zu vermitteln. Seine Untersuchungen betrafen biologische und soziale Faktoren, die beim Entstehen von vermeintlichen Begabungsunterschieden beteiligt sind, aber auch Bedingungen einer zuverlässigen Entfaltung des Kindes, die für den Gesamtbereich aller Erziehung gelten. Der Mensch „sollte durch das, was er durch bewusste Arbeit an sich selbst als Nachentfaltung erleben kann, zunehmend tauglicher werden zur Mitarbeit an einer allgemein menschlichen Entfaltung und Nachentfaltung“ (Jacoby 1987, S. 501).

2 Lebenslauf

Heinrich Jacoby wurde 1889 in Frankfurt/Main geboren. Er studierte Musik bei Hans Pfitzner in Straßburg und belegte an der dortigen Universität Philosophie und Psychologie. Unter der Leitung von Pfitzner war er Volontär am Stadttheater in Straßburg. Jacoby wurde 1913 an die Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze in Hellerau als Dozent für „Harmonie- und Formenlehre“ berufen und lernte dort die Arbeit von Emile Jaques-Dalcroze kennen. Ab 1915 leitete er in Hellerau die Lehrerbildung für Musik an der „Neuen Schule für angewandten Rhythmus“. 1919–1922 leitete Jacoby die Musikerziehung an der Odenwaldschule. Von 1922 bis 1924 arbeitete er am Aufbau einer höheren Versuchsschule in Hellerau mit. Ab 1926 lebte er als Privatgelehrter in Berlin und gab Kurse für Erwachsene. Schon 1924 begann seine Zusammenarbeit mit Elsa Gindler. 1933 musste er als Jude emigrieren und lebte ab 1935, mit kurzer Unterbrechung unter sehr eingeschränkten Arbeitsbedingungen und unter Publikationsverbot bis zur Einbürgerung 1955 in Zürich. In diesen Jahren gab er Kurse in der Schweiz.

3 Forschung

In seiner Forschung ging Heinrich Jacoby von der biologischen Ausstattung des Menschen aus. „Jeder Mensch kommt biologisch ausreichend ausgerüstet auf die Welt, um sich mit allen denkbaren kulturellen Forderungen positiv auseinandersetzen zu können!“ (Jacoby 1944). Die biologische Ausstattung des Menschen ist für den Kontakt mit der Umwelt physiologisch so organisiert, dass durch das bloße Spielenlassen, ohne „aktives Dazutun“, die Möglichkeit zu unmittelbarem Kontakt gesichert ist.

„Sowohl das Verhalten beim Wahrnehmen, beim Erfahren als auch das Verhalten beim Sich-Äußern – und dadurch später auch die Qualität der Leistungen – werden von der frühesten Kindheit bis ins Erwachsenenalter in entscheidender Weise beeinträchtigt, vor allem durch unbeabsichtigte, aber auch durch – aus Unkenntnis der Konsequenzen – beabsichtigte tendenziöse Umwelteinwirkungen. Sie führen dazu, dass der Mensch sich bei der Auseinandersetzung mit der Umwelt gegensätzlich zu den biologischen Gegebenheiten, d.h. unzweckmäßig verhält. Sie beeinträchtigen den Gebrauch der Fähigkeit zu spontanem, unmittelbarem Kontakt mit der Umwelt und verleiten zu einem Kontakt erschwerenden Verhalten beim Erfahren und Leisten, zum ‚Verhalten auf Vorrat‘. Unmittelbarer Kontakt zur Umwelt und Entfaltung von Fähigkeiten werden dadurch geradezu verhindert“ (Jacoby 1987, S. 12).

Der Mensch bleibt „von frühester Kindheit an nicht mehr offen und empfangsbereit für das, was die Welt dem Individuum anbietet. Es wird ihm abgewöhnt, sich der ‚Einstellwirkung‘ zu überlassen. Er wird verleitet, durch eigene Aktion die Welt zu erhaschen, aufzunehmen, zu ‚verschlingen‘“ (a.a.O., S. 16).

4 Zusammenarbeit mit Elsa Gindler

Schon früh erkannte Heinrich Jacoby die Bedeutung einer bewussten Beziehung zum eigenen Körper für das Verhalten, den Zustand und die Leistungsfähigkeit des Menschen. Er wies darauf hin, dass beim Umgang mit Menschen und bei der Beurteilung ihrer Leistungen die Psyche nicht aus der psycho-physischen Einheit isoliert werden darf. Ebenso empfand er die übliche Körpererziehung mit ihren formalen Bewegungsübungen als unbefriedigend.

Bei Elsa Gindler und ihrer Arbeitsweise fand Jacoby eine kongeniale Entsprechung und Unterstützung. Bei ihr wurde eine bewusste Beziehung zum eigenen Körper mit seinen Zustandsänderungen erarbeitet, die eine Orientierung an Gesetzmäßigkeiten in Ruhe, Bewegung und in Arbeitsprozessen ermöglicht. 1924 begann die bereichernde Zusammenarbeit. Heinrich Jacoby und Elsa Gindler arbeiteten auch fortan, ihrer persönlichen Geschichte entsprechend, eigenständig, bezogen sich jedoch aufeinander, sodass ihre beiden Arbeiten heute nicht mehr zu trennen sind. Sie entwickelten keine Methode, sondern veranlassten die Menschen vielmehr dazu, sich selbst – ihren Organismus und seine funktionellen Möglichkeiten – und die Umwelt durch eigenständige Auseinandersetzung, durch Probieren, durch Prüfen und Überprüfen mehr kennenzulernen. „Auch der Mensch ist nur ein Teil der Masse Erde, ein beweglicher, unhomogener Teil ihrer Masse. – Wie diese ist er für seine Existenz wie für seine Bewegungsmöglichkeiten den auf der Erde wirksamen Naturgesetzen unterworfen“ (Weber 2010, S. 121).

5 Arbeitsweise

Das unkonventionelle Vorgehen von Heinrich Jacoby und Elsa Gindler sei am Beispiel „Schwimmen“ verdeutlicht: „Statt sich durch gelernte Bewegungen über Wasser halten zu wollen, könnte man sich vom Wasser tragen lassen, bei angstloser Interessiertheit gewissermaßen vom Wasser erfahren, wie man sich für das Getragen werden zweckmäßig verändern lassen müsste. Bei solchem Vorgehen kann und muss jeder ein guter Schwimmer werden“ (Jacoby 1987, S. 15).

Schwimmen
Abbildung 2: Schwimmen (Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung)

Es geht auf allen Gebieten um das grundlegende Problem: Alles Machen-Wollen, alles „Verhalten auf Vorrat“ beeinträchtigt den unmittelbaren Kontakt mit der Umwelt. „Das trifft auch für alle Denkprozesse zu. Das Bewusstwerden-Lassen von Vorgängen und Zusammenhängen, das Zueinander-in-Beziehung-kommen-Lassen von Erfahrungen und Eindrücken leistet etwas grundsätzlich anderes als Gewandtheit im Begriffe-Kombinieren, als Wiedergabe und Kombination von Auswendiggelerntem, als ‚Grübeln‘, ‚Nachdenken‘ und Spekulieren“ (a.a.O., S. 14). Voll entfalten kann sich die mitgebrachte biologische Ausrüstung allein durch Gebrauchtwerden in der Auseinandersetzung mit der Umwelt, und zwar nur durch zweckmäßigen Gebrauch.

Junge beim Bauen
Abbildung 3: Junge beim Bauen (Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung)

Heinrich Jacoby und Elsa Gindler vermittelten Grundlagen, durch die sich Mitarbeitende in Arbeit an sich selbst die Voraussetzungen für qualifizierte Leistungen im Lebensalltag, aber auch in allen Fachgebieten, durch Erfahren, Untersuchen, Unterscheiden, Probieren und Prüfen erarbeiten konnten. Auswendiglernen und routiniertes Üben führen nicht zu Selbstständigkeit. „Routine, Nachahmen von Modellen, Vorbildern und ‚Idealen‘ beeinträchtigen genauso das unmittelbare In-Beziehung-Kommen zur Umwelt und die Bereitschaft, sich der Einstellwirkung zu überlassen, wie es durch Panik, Angst, Ehrgeiz und andere außersachliche Beunruhigungen geschieht“ (Jacoby 1987, S. 15).

„In Beziehung sein“ ist auch „lebendig sein“. Dieses Sein ist eigentlich ein nie zu Ende kommendes Werden. Darin liegt auch bewahrt, dass den „Erwachsenen“ die Möglichkeit zur weiterführenden Nachentfaltung gegeben ist. „Durch nichts lässt sich so deutlich die Richtigkeit der Forderung, dass die bessere Erziehung der Kinder über die Um- und Nacherziehung der Erzieher zu gehen habe, nachweisen als durch die bewusste Einsicht in die weitreichenden Folgen, die die jeweilige Qualität unseres eigenen Verhaltens für die Atmosphäre hat, in der andere Menschen, und vor allem die jungen, die Möglichkeit zur Entfaltung haben sollen“ (a.a.O., S. 44).

6 Aktuelle Bedeutung

Die Ergebnisse der Forschung von Heinrich Jacoby sind heute so aktuell wie zu seiner Zeit. Forschungsberichte aus der Neurologie, der Biologie und gegenwärtigen Theorien der Naturwissenschaften korrespondieren mit seinen zu Lebzeiten häufig ignorierten Einsichten.

Heute wird immer erkennbarer, dass wir Natur nicht nur von außen sehen, sondern selbst Natur sind. Heinrich Jacoby und Elsa Gindler orientierten sich an unserer biologischen Ausstattung und den grundlegenden Lebensbedingungen auf der Erde, am Erkennen von Zusammenhängen. „Wie funktioniere ich zur Umwelt und wie funktioniert die Umwelt mit mir?“ Wie wir die Welt wahrnehmen, bestimmt unser Verhalten. Es ist fundamental anders, ob wir nur wissen, dass die Schwerkraft auch auf uns wirkt und der Boden uns trägt, oder ob wir das in unserer Masse spüren und bewusst erfahren haben über die Empfindung. Nur wenn wir in Beziehung sind, können wir uns grundlegenden naturgegebenen Gesetzen entsprechend verhalten, also zweckmäßig. Das ist, was Jacoby und Gindler vermittelten. Die Frage lautet dann nicht „Wie muss ich das machen?“, sondern „Wie muss ich dafür werden?“. Diese Herangehensweise schafft Voraussetzungen und damit Möglichkeiten für selbstständige Auseinandersetzung in allen Bereichen und allen Fachgebieten. Sie kann zu einer grundsätzlich anderen Qualität unseres Lebens und Tätig Seins führen, sich im Sinne einer positiven, friedlichen Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders auswirken.

7 Quellenangaben

Jacoby, Heinrich, 1944. Abschrift eines Seminars für das Psychohygienische Institut der Universität Basel. Unveröffentlichtes Manuskript

Jacoby, Heinrich, 1987. Jenseits von „Begabt“ und „Unbegabt“: Zweckmäßige Fragestellung und zweckmäßiges Verhalten – Schlüssel für die Entfaltung des Menschen. 3. Auflage. Hamburg: Christians. ISBN 978-3-7672-0711-0

Weber, Rudolf, 2010. Die Entfaltung des Menschen: Arbeit und Bestreben Heinrich Jacobys vor dem Hintergrund seiner Biografie. Bd. 4 Schriftenreihe der Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. Berlin: Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. ISBN 978-3-00-030014-1

8 Literaturhinweise

Jacoby, Heinrich, 2004. Jenseits von „Begabt“ und „Unbegabt“: Zweckmäßige Fragestellung und zweckmäßiges Verhalten – Schlüssel für die Entfaltung des Menschen. 6. Auflage. Hamburg: Christians. ISBN 978-3-7672-1412-5

Jacoby, Heinrich, 2017. Erziehen, Unterrichten, Erarbeiten: Aus den Kursen in Zürich 1954/1955. Norderstedt: BoD. ISBN 978-3-743-17468-9

Jacoby, Heinrich, 2018. Jenseits von „Musikalisch“ und „Unmusikalisch“: Die Befreiung der schöpferischen Kräfte dargestellt am Beispiele der Musik. Erweitere Auflage 2018. Norderstedt: BoD. ISBN 978-3-7528-8672-6

Ludwig, Sophie, 2021. Elsa Gindler: von ihrem Leben und Wirken: „Wahrnehmen, was wir empfinden.“ 3. Auflage. Norderstedt: BoD. ISBN 978-3-7526-7421-7

Weber, Rudolf, 2010. Die Entfaltung des Menschen: Arbeit und Bestreben Heinrich Jacobys vor dem Hintergrund seiner Biografie. Bd. 4 Schriftenreihe der Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. Berlin: Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. ISBN 978-3-00-030014-1

Haag, Marianne und Birgit Rohloff, 2006. Arbeiten bei Elsa Gindler: Notizen Elsa Gindlers und Berichte einer Teilnehmerin. Bd. 2/3 Schriftenreihe der Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. Berlin: Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. ISBN 978-3-00-019867-0

Gindler, Elsa, 2015. Neue Aufgaben der Körpererziehung: „… lauschen, wie die Bewegung verlaufen will.“ Bd. 5 Schriftenreihe der Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. Berlin: Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. ISBN 978-3-9816474-4-0

Gindler, Elsa, 2019. Sind wir erreichbar? Aus ihren Ferien-Arbeitsgemeinschaften 1958–1960. Bd. 6 Schriftenreihe der Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. Berlin: Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung. ISBN 978-3-9816474-7-1

9 Informationen im Internet

Verfasst von
Marianne Haag
Sie ist verantwortlich für die praktische Arbeit der gemeinnützigen Heinrich Jacoby-Elsa Gindler-Stiftung in Berlin, welche die Nachlässe von Elsa Gindler und Heinrich Jacoby verwaltet, in der sie auch als Beirat tätig ist. Marianne Haag leitet Kurse zur Auseinandersetzung mit Fragen und Aufgabenstellungen von Elsa Gindler und Heinrich Jacoby und publiziert zu diesen Themen.
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Zitiervorschlag
Haag, Marianne, 2022. Jacoby, Heinrich [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 24.11.2022 [Zugriff am: 07.12.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/29462

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