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Jungenarbeit

Unter Jungenarbeit wird im Folgenden die Arbeit pädagogisch ausgebildeter Praktikerinnen und Praktiker mit Jungen* und männlichen Jugendlichen verstanden. Jungenarbeit geht sowohl in ihren Theoriegrundlagen als auch methodisch auf emanzipatorische und geschlechtersensible Ansätze ab den 1970er und 1980er Jahren zurück und reagiert, wie bspw. auch die antisexistische Männerarbeit, auf patriarchatskritische Impulse u.a. aus der zweiten Frauenbewegung. Sie integriert Ansätze der Erlebnispädagogik, der Schulsozialarbeit, der Sexualpädagogik, der demokratischen Werteerziehung, des Empowerment u.a.m.
Jungenarbeit (oft auch als Jungen*arbeit bezeichnet, um ausgrenzende und binäre Kategorisierungen zu vermeiden) ist – ähnlich wie aus komplementärer Perspektive die Mädchenarbeit – geschlechterreflektierte und geschlechtsspezifische Soziale Arbeit (Klees et al. 1989; Kauffenstein und Vollmer-Schubert 2014). Sie findet mit männlichen Kindern und Jugendlichen in pädagogischen Settings wie Schulen, Verbänden oder Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit i.d.R. in geschlechterhomogenen Gruppen statt.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Ziele der Jungenarbeit
  3. 3 Spannungsfelder
    1. 3.1 Jungenarbeit als Re-Etablierung tradionaler Dichotomien?
    2. 3.2 Teleologische und methodische Fährnisse in der pädagogischen Arbeit mit Jungen
  4. 4 Fazit
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise
  7. 7 Quellen im Internet

1 Zusammenfassung

Jungenarbeit ist geschlechtersensible pädagogische Arbeit mit Jungen* und männlichen Jugendlichen. Sie wird oft von männlichen Fachkräften in geschlechterhomogenen Gruppen angeboten.
Jungenarbeit reagiert im Rahmen des im KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) formulierten geschlechterdemokratischen Erziehungsauftrags konstruktiv auf Defizitorientierungen im Hinblick auf Jungen* und fokussiert sensibel auf deren Lebenslagen. Ziele der Jungenarbeit liegen u.a. in der Unterstützung beim Zu-Sich-Kommen auf dem „Weg vom Jungen zum Mann“ und beim Finden einer selbstbestimmten geschlechterreflektierten Identität, die sich ihrer selbst nicht durch stereotypes oder abwertendes Verhalten versichern muss. Neben der Vermittlung von Genderkompetenz und einer möglichst nicht-dichotomisierenden Perspektive auf Geschlecht(er) und auf Sexualität(en) werden im Gruppensetting spezifische jungenpädagogische Methoden entwickelt, angewendet und evaluiert.

2 Ziele der Jungenarbeit

Konsens besteht in den meisten Ansätzen der Jungenarbeit über das Ziel, männliche Kinder und Jugendliche (oder eben Jungen*) darin zu unterstützen, eine männliche Geschlechtsidentität auszubilden. Jungen* sollen auf ihrer „Suche nach Männlichkeit(Böhnisch und Winter 1993) professionell begleitet werden und sukzessive zur Fähigkeit kommen, eine autonome, selbst-wertschätzende, nicht-autoritäre, nicht-ausgrenzende, nicht-abwertende, nicht-aggressive Positionierung als Junge* leisten zu können. Die Sozialisation zur jeweils eigenen Geschlechtsidentität als Junge* soll begleitet werden, indem Leitbilder und gesellschaftlich (und medial) vermittelte Jungen- und Männerbilder hinterfragt und in ihren Auswirkungen auf das jeweils individuelle Leben bewertet werden. Das geschlechterdemokratische und diversitätsbewusste Zusammenleben der Geschlechter und der Personen verschiedener sexueller Orientierung steht ebenso im Fokus, wie die Prävention sexualisierter Gewalt sowohl von als auch an Jungen (Colberg 2010).

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird über konzeptionelle Gehalte und sozialpolitische Implikationen der Jungenarbeit diskutiert. Themen und Arbeitsbereiche, wie der antisexistische Umgang der Geschlechter, die Entwicklung eines gesunden Körperbewusstseins, das Eingehen vertrauensvoller gleich- und gegengeschlechtlicher sozialer Beziehungen (z.B. Freundschaften), das Rollenhandeln als Junge (und als späterer Mann*), die Gewaltprophylaxe oder die Entwicklung beruflicher Perspektiven unter aktiver Einbeziehung als „weiblich“ konnotierter Berufsoptionen, zählen seither zum festen Kanon jungenpädagogischer Arbeit (Sielert 2010).

Ein Kerntopos der Jungenarbeit ist die Entwicklung von Genderkompetenz. Als wichtige Wurzel der Jungenarbeit geht Genderkompetenz auf „die seit den 1970er Jahren existierenden, aus der zweiten Frauenbewegung hervorgegangenen Ansätze feministischer Mädchenarbeit und Frauenarbeit in (sozial-)pädagogischen Feldern und der klassischen Sozialarbeit“ (Kunert-Zier 2008, S. 49) zurück. Darüber hinaus sind „Fragen der Geschlechtergerechtigkeit […] als Querschnittsaufgabe in den Grundsätzen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes im 8. Sozialgesetzbuch eingeflossen“ (ebd., S. 49). Lebenslagen von Mädchen und von Jungen sind benachteiligungssensibel und mit Blick auf geschlechtergerechte Entwicklungspotenziale pädagogisch zu begleiten. Die pädagogische Arbeit mit Jungen folgt u.a. dem gesetzlichen Auftrag (z.B. im Sozialgesetzbuch Achtes Buch – Kinder- und Jugendhilfe), männliche Kinder und Jugendliche bei den geschlechterspezifischen Bewältigungsaufgaben zu unterstützen und (s.o.) die Geschlechterdemokratie zu fördern. Praktikerinnen und (öfter) Praktiker der Jungenarbeit orientieren sich dabei an der realen Lebenswelt und an den Lebenslagen männlicher Kinder und Jugendlicher.

Andere Ansätze der Jungenarbeit lassen sich im weitesten Sinne spirituell verorten und führen Traditionen fort, wie bspw. Robert Blys mythopoetischer Zugang. Mit der Initiation von Jungen in eine Identität als Erwachsener und als Mann* durch erlebnispädagogisch ausgebildete männliche Fachkräfte (Hunsicker 2012, S. 98 ff.) soll im mythopoetischen Ansatz u.a. auf das konstatierte Fehlen männlicher Bezugspersonen durch Väterabsenz, Patchwork-Konstellationen (Walter 2010) oder durch die Unterrepräsentanz von männlichen Fachkräften in KiTas und Grundschulen (Blank-Mathieu 2008; Rohrmann 2008) reagiert werden.

3 Spannungsfelder

3.1 Jungenarbeit als Re-Etablierung tradionaler Dichotomien?

Vor allem die o.e. mythopoetischen und andere männlichkeits-positive Zugänge sehen sich Kritik ausgesetzt. Bekannte Einwände sind bspw., dass der mythopoetische Zugang vorwissenschaftliche und irrationale Inhalte transportiert, und dass in Versuchen, Jungen gegen defizitzentrierte Perspektiven auf Männlichkeit abzusichern, z.T. aus den Zusammenhängen der Frauen- und der Männerbewegung bekannte Rekurse auf zweigeschlechtliche Ordnungsmuster herangezogen werden (Hunsicker 2012, S. 90 ff.).

Nach Kunert-Zier „kommt die Geschlechterpädagogik nicht ohne Elemente der Dramatisierung von Geschlecht aus. Sie steht vor dem Paradoxon, dass sie ihre Berechtigung nach wie vor aus einer Benachteiligungsperspektive von Mädchen (und Jungen) zieht. In den Feldern der Kinder- und Jugendhilfe kommen außerdem häufig problematische Lebenszusammenhänge hinzu. Hier gilt es, den Blick auch auf Zusammenhänge zwischen der Geschlechtszugehörigkeit, der sozialen und ethnischen Herkunft von Mädchen und Jungen zu richten. […] Geschlechterpädagogik bewegt sich immer zwischen Dramatisierung und Entdramatisierung, zwischen Konstruktion und Dekonstruktion, zwischen Doing Gender und Undoing Gender“ (Kunert-Zier 2008, S. 58). Die Reaktion der Jungenarbeit auf patriarchatskritische Impulse aus der zweiten Frauenbewegung kann sich u.U. mit einem defizitorientierten Blick auf Jungen verbinden, welcher verstärkt auf Jungen als Besuchergruppe in der offenen Kinder- und Jugendarbeit mit erhöhtem Betreuungsbedarf, auf jungenspezifische Schwierigkeiten im Schul- und Bildungssystem (Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages 2016), oder auch auf die „Versuchung“ der patriarchalen Dividende und die Gefahr der unreflektierten Weitergabe traditionalistischer Rollenmuster i.V.m. der normierenden Ausgrenzungsdrohung gegen „unmännliche“ Jungen fokussiert.

In diesem Zusammenhang gilt es, konzeptionelle Überlegungen zur Arbeit mit männlichen Kindern und Jugendlichen – mit Jungen* aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus und kulturellen Backgrounds (Leven und Schneekloth 2010) – so zu gestalten, dass kulturalistische Kurzschlüsse, wie der Blick auf muslimische Jungen als „Machos“ (Munsch et al. 2007) ebenso vermieden werden, wie ein gutgemeintes Übersehen tatsächlicher Indienstnahmen des Scham- oder des Ehrbegriffs für die Ungleichbehandlung von Jungen und Mädchen unter Reklamieren einer männlichen „Beschützerrolle“ in der Schule oder im Kinder- und Jugendtreff.

Empirische Forschungen zeigen die geschlechterungleiche Nutzung von Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit ab dem Alter von 11–12 Jahren mit einer Dominanz von Jungen (Seckinger et al. 2016). Diese Dominanz der Raumnutzung und der Marginalisierung von Mädchen wird von antisexistischen Jungen*arbeiter/innen ebenso reflektiert, wie die Tatsache, dass aktuelle Anforderungen an das Junge-Sein und Mann-Werden neben dem reflektierten Verhältnis zum eigenen sich verändernden Körper und zur eigenen Identität längst auch die lange als „weiblich“ konnotierten Kompetenzen der (Selbst-)Sorge, des Lernens und der Haushaltsführung umfassen.

3.2 Teleologische und methodische Fährnisse in der pädagogischen Arbeit mit Jungen

Mit den o.e. wahrgenommenen oder unterstellten Defiziten von Jungen und männlichen Jugendlichen korrespondieren wahrgenommene oder unterstellte Desiderate der pädagogischen Arbeit mit Jungen – und der jungenbezogenen Forschung (Schultheis 2008).

Jungenarbeit wird konzeptionell und methodisch oft noch nicht im gleichen Professionalitätslevel realisiert wie die Mädchenarbeit. Annahmen, die Arbeit männlicher Praktiker mit geschlechterhomogenen Jungen*gruppen seien per se schon professionelle Jungenarbeit, oder der Ansatz, den Jungen Konzepte und Methoden „rezeptartig“ in einem Mix aus Sexualaufklärung, Erlebnispädagogik und Gruppenarbeit anzubieten, führen u.U. zu keinen zufriedenstellenden Resultaten.

Der Zugang von Jungen* besonders aus traditionell geprägten Herkunftsfamilien zur eigenen Gefühlswelt und das Einüben neuer Rollenmuster benötigen Achtsamkeit und methodische Sicherheit. Die patriarchatskritische Thematisierung von Männlichkeit ist längst nicht für alle Jungen* nachvollziehbar oder attraktiv genug, um an den freiwilligen Angeboten der Jungenarbeit zu partizipieren. Jungen sollten nach Möglichkeit nicht von vornherein als potenzielle Störer oder Gewalttäter angesprochen werden, wenn der Zugang zu ihnen gelingen soll. Männlichkeit als Chiffre der Härte, Gewalt und Unterdrückung ist für viele Jungen zwar ein aus den Hip-Hop-Texten, Filmen und Onlinespielen bekannter Topos, doch keine alltagsweltliche Reflexionskategorie, der sie sich vorbehaltlos anschließen können.

Junge-Sein und Mann-Werden müssen teleologisch attraktiv bleiben, um sie bewusst reflektieren und gestalten zu wollen. Jungenspezifische Aktivitätsmuster, z.B. das energetische Aufgeladensein, die stärker betonte Körperlichkeit in den Raufereien und Wettstreiten, die Suche nach risikobetonter Action und nach Spaß (Bernhard und Böhnisch 2015, S. 221 f.), sind deshalb akzeptierend aufzufangen und können dann reflektiert und in die Arbeit integriert werden.

Gelegentlich wird in der Debatte überblendet, dass Jungenarbeit als pädagogische Arbeit von Männern aber nicht unter Männern gerahmt ist. Wenngleich Befunde der Männer- und Männlichkeitsforschung größte Relevanz für die Weiterentwicklung der Jungenarbeit haben, sind Jungen keine Männer – auch wenn sie gelegentlich so tun als ob. Sie haben bei weitem noch nicht deren Identitäts- und Rollenkompetenz und können die Ansprüche an reflektierte moderne geschlechterdemokratische Männlichkeit – insbesondere als pubertierende Jungen – deshalb noch nicht in Gänze erfüllen. Eine reflexive Auseinandersetzung mit der Angst, als „schwul“ oder „Opfer“ zu gelten, hängt bspw. ebenso wie das Akzeptieren vereinbarter Regeln und Grenzen oft vom Vertrauen, von der Aushandlung in der Gruppe und vom Aushalten des Jungen durch den Jungenarbeiter ab (Bernhard und Böhnisch 2015, S. 225).

Jungenarbeit ist in vielfältiger Weise mit Jungenförderung verbunden, hierbei besonders auch mit Aspekten der Jungengesundheitsförderung (Sielert 2013, S. 305 ff.; Stier und Winter 2013, Kap. 3,4,5). Das geschlechtertypische Ernährungs- und Aktivitätsverhalten determiniert im Jungenalter den späteren Erfolg – oder Misserfolg – von Präventions- und Selbsthilfemaßnahmen im Erwachsenenalter wesentlich mit. Männergesundheit wird nicht zuletzt über die aktive Förderung von Jungengesundheit unterstützt.

Sowohl der Schulerfolg (Diefenbach 2008; Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages 2016), als auch die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2017, S. 8) unterscheiden sich genderspezifisch z.T. deutlich voneinander – bei annähernd geschlechtergleichen Präferenzen für die Smartphone- und Internetnutzung (ebd., S. 14). Während Mädchen im Durchschnitt mehr Bücher lesen, verbringen Jungen mehr Zeit mit Online- und Konsolenspielen am Computer (ebd., S. 14, 19). Jungen interessieren sich tendenziell stärker als Mädchen für Treffen mit ihrer Peer Group und für aktiven Sport (ebd. S. 11).

Jungenarbeit als bildungsfördernde Intervention ist deshalb aktivierende Arbeit mit Jungen und für Jungen. Eine „Dressur“ unangepasster Schulstörer (z.B. des sog. „Zappelphilipp“) ist in pädagogischen Settings nicht länger vorgesehen (Werner 2018, S. 123 f.).

4 Fazit

Jungenarbeit regt auf vielfältige Art und Weise Jungen* und männliche Jugendliche dazu an, sich mit sich selbst als Person, mit der eigenen Geschlechtsidentität und mit Männlichkeit als traditionell dominierender Geschlechterrolle auseinanderzusetzen. Z.T. gegensätzliche Forderungen an die männliche Identität (fit sein, Stärke ausstrahlen, sich behaupten können, empathisch sein usw.), sind im Subjekt zu vereinbaren und können in begleiteten Jungengruppen sukzessive ausbalanciert werden.

Jungenarbeit als Teil des im KJHG formulierten geschlechterdemokratischen Erziehungsauftrags fördert nicht nur die Jungen, deren Selbstbewusstsein, Empathie und Zukunftsoffenheit gestärkt werden, sondern wirkt auf die ganze Gesellschaft zurück. Jungen, die eine stabile Identität erwerben können, werden mit geringerer Wahrscheinlichkeit ausfällig gegen Mädchen oder gegen andere Jungen. Pubertätsspezifischen Unsicherheitsgefühlen körperlicher und sozialer Dimension, dem pubertätstypischen „Fremdeln“ zwischen den Geschlechtern und den u.U. aus dem Internet gezogenen Pseudo-Aufklärungen aus Pornos und anderen abwertenden Stereotypisierungen, wird effektiv entgegen gewirkt.

Für benachteiligte soziale Gruppen können die umrisshaft angedeuteten Herangehensweisen zwischen Aufklärung, Erlebnispädagogik und Gruppenarbeit eine Partizipationsbrücke in die Mehrheitsgesellschaft darstellen. Damit wirkt Jungenarbeit sowohl partizipationsfördernd, als auch devianzverringernd und hat darüber hinaus mittelbar das Potenzial, die Arbeit in gemischtgeschlechtlichen Kinder- und Jugendgruppen zu verbessern. Indem Mobbing- und Bullying-Prozessen entgegengearbeitet wird, erhalten sozioökonomisch schlechter gestellte Jungen, Unsportliche, „Nerds“ oder „Nachzügler“ in pädagogisch begleiteten Jungengruppen die Chance, Freundschaften zu schließen und sich in der Schule, im Verein oder im Jugendzentrum zu integrieren. Mit einer vor allem in Krisenzeiten aufbrechenden „patriarchalen“ Dividende mit der Verlockung des Rückzugs auf die vermeintliche Höherwertigkeit des Männlichen korrespondiert in gewisser Weise eine patriarchatskritische Defizitzuschreibung an Jungen als quasi-naturalisierte Problemgruppe.

Anstelle jedoch der „Demontage des Ansehens ihres Geschlechts“ (Matzner und Tischner 2008a, S. 10) sind „auf dem Weg zu einer Jungenpädagogik“, so Matzner und Tischner (2008b) in ihrem gleichnamigen Beitrag, Jungen weniger aus defizitorientierter Sicht, sondern aus der Sicht ihrer „spezifischen Dispositionen, Verhaltensweisen, Entwicklungsaufgaben, Bedürfnisse, Fähigkeiten und Interessen“ (ebd., S. 381) wahrzunehmen und anzuerkennen.

Befunde, wie die von Frank Beuster (2007) zur „Jungenkatastrophe“ zusammengetragenen Statements, sind wichtige Bausteine einer Jungenforschung, doch können Benachteiligungserfahrungen im Hinblick auf Jungen – bleibt man bei der empirischen Basis – auch nicht übergeneralisiert werden (Matzner und Tischner 2008b, S. 382). Stärker als das Geschlecht wirken sich oft der soziale Hintergrund und die damit verknüpften Zuschreibungen auf die Bildungs- und Teilhabechancen von Individuen aus.

Die aus den geschilderten Schauplätzen der Verhaltensauffälligkeiten, der Schulschwierigkeiten mancher Jungen, und der geänderten Männlichkeitsbilder ohne endgültig erreichbare Rollensicherheit resultierende Verunsicherungen können in Kontexten der Jungenarbeit produktiv bearbeitet werden. Die erlebten tatsächlichen individuellen Bedürfnisse und Fragen und die im gesellschaftlichen Diskurs mittlerweile mit dem Männlichkeitsstereotyp verknüpften Defizite (Hunsicker 2012, S. 81) finden im Idealfall eine professionelle Begleitung und wohlwollende Ermunterung auf dem Weg vom Jungen* zum Mann*.

„Jungs sind nun mal Jungs“ (Richter Roy Snyder in der Cartoonserie The Simpsons)

5 Quellenangaben

Bernhard, Armin und Lothar Böhnisch, 2015. Männliche Lebenswelten. Brixen: Bozen Bolzano University Press. ISBN 978-88-6046-072-1 [Rezension bei socialnet]

Beuster, Frank, 2007. Die Jungenkatastrophe. Das überforderte Geschlecht. 3. Auflage. Reinbek: Rowohlt. ISBN 978-3-499-61997-7

Blank-Mathieu, Margarete, 2008. Jungen im Kindergarten. In: Michael Matzner und Wolfgang Tischner, Hrsg. Handbuch Jungen-Pädagogik. Weinheim und Basel: Beltz, S. 78–90. ISBN 978-3-407-83163-7 [Rezension bei socialnet]

Böhnisch, Lothar und Reinhard Winter, 1993. Männliche Sozialisation. Bewältigungsprobleme männlicher Geschlechtsidentität im Lebenslauf. Weinheim und München: Juventa. ISBN 3-7799-1005-5

Böhnisch, Lothar, 2016. Lebensbewältigung. Ein Konzept für die Soziale Arbeit. Weinheim und Basel: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3410-3 [Rezension bei socialnet]

Colberg, Thomas, 2010. Sexualerziehung in der Arbeit mit Jungen. Grundlegendes zur Arbeit mit Jungen. In: Christine Klein und Günther Schatz, Hrsg. Jungenarbeit präventiv! Vorbeugung von sexueller Gewalt an Jungen und von Jungen. München und Basel: Ernst Reinhardt. ISBN 978-3-497-02169-7 [Rezension bei socialnet], S. 73-89

Diefenbach, Heike, 2008. Jungen und schulische Bildung. In: Michael Matzner und Wolfgang Tischner, Hrsg. Handbuch Jungen-Pädagogik. Weinheim und Basel: Beltz, S. 92–108. ISBN 978-3-407-83163-7 [Rezension bei socialnet]

Drößler, Thomas, 2013. Kids, die 10- bis 14-Jährigen. In: Ulrich Deinet und Benedikt Sturzenhecker, Hrsg. Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. 4., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Wiesbaden: Springer VS, S. 101–109. ISBN 978-3-531-17520-1 [Rezension bei socialnet]

Kauffenstein, Evelyn und Brigitte Vollmer-Schubert, Hrsg., 2014. Mädchenarbeit im Wandel. Bleibt alles anders? Weinheim und Basel: Beltz Juventa, ISBN 978-3-7799-2964-2 [Rezension bei socialnet]

Klees, Renate, Helga Marburger und Michaela Schumacher, Hrsg., 1989. Mädchenarbeit. Praxishandbuch für die Jugendarbeit. Teil 1. Weinheim und München: Juventa. ISBN 3-7799-0298-2

Kunert-Zier, Margitta, 2008. Den Mädchen und den Jungen gerecht werden – Genderkompetenz in der Geschlechterpädagogik. In: Karin Böllert und Silke Karsunky, Hrsg. Genderkompetenz in der Sozialen Arbeit. Wiesbaden: Springer VS, S. 47–61. ISBN 978–3.531-15562-3

Leven, Ingo und Ulrich Schneekloth, 2010. Die Freizeit. Sozial getrennte Kinderwelten. In: World Vision Deutschland e.V., Hrsg. Kinder in Deutschland 2010. 2. World Vision Kinderstudie. Frankfurt am Main: S. Fischer, S. 95–140. ISBN 978-3-596-18640-2

Matzner, Michael und Wolfgang Tischner, 2008a. Einleitung. In: Michael Matzner und Wolfgang Tischner, Hrsg. Handbuch Jungen-Pädagogik. Weinheim und Basel: Beltz, S. 9–15. ISBN 978-3-407-29151-6

Matzner, Michael und Wolfgang Tischner, 2008b. Auf dem Weg zu einer Jungenpädagogik. In: Michael Matzner und Wolfgang Tischner, Hrsg. Handbuch Jungen-Pädagogik. Weinheim und Basel: Beltz, S. 381–409. ISBN 978-3-407-29151-6

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, Hrsg., 2017. JIM-Studie 2017 [online]. Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest [Zugriff am: 25.08.2018]. Verfügbar unter: https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2017/JIM_2017.pdf

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Seckinger, Mike Liane Pluto, Christian Peucker und Eric van Santen, 2016. Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Eine empirische Bestandsaufnahme. Weinheim und Basel: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-3381-6 [Rezension bei socialnet]

Sielert, Uwe, 2010. Jungenarbeit. Praxishandbuch für die Jugendarbeit. Teil 2. 4. Auflage. Weinheim und München: Juventa. ISBN 978-3-7799-0261-4 [Rezension bei socialnet]

Sielert, Uwe, 2013. Jugendhilfe, Jugendarbeit, soziale Unterstützungsangebote. In: Bernhard Stier und Reinhard Winter, Hrsg. Jungen und Gesundheit. Ein interdisziplinäres Handbuch für Medizin, Psychologie und Pädagogik. Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 302–312. ISBN 978-3-17-021329-6 [Rezension bei socialnet]

Stier, Bernhard und Reinhard Winter, Hrsg., 2013. Jungen und Gesundheit. Ein interdisziplinäres Handbuch für Medizin, Psychologie und Pädagogik. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-021329-6 [Rezension bei socialnet]

Walter, Melitta, 2010. Von der Väterabsenz zur aktiven Elternschaft? In: Christine Klein und Günther Schatz, Hrsg. Jungenarbeit präventiv! Vorbeugung von sexueller Gewalt an Jungen und von Jungen. München und Basel: Ernst Reinhardt, S. 54–72. ISBN 978-3-497-02169-7 [Rezension bei socialnet]

Werner, Sven, 2018. Bartholomew stört. In: Karin Bock, Wolfgang Schröer und Sandra Wesenberg, Hrsg. Verstehen: eine sozialpädagogische Herausforderung. Weinheim und München: Beltz, S. 115–131. ISBN 978-3-7799-3844-6 [Rezension bei socialnet]

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6 Literaturhinweise

Budde, Jürgen, 2014. Jungenpädagogik zwischen Tradierung und Veränderung. Empirische Analysen geschlechterpädagogischer Praxis. Leverkusen: Barbara Budrich. ISBN 978-3-86649-438-1 [Rezension bei socialnet]

Farin, Klaus und Kurt Möller, Hrsg., 2014. Kerl sein. Kulturelle Szenen und Praktiken von Jungen. Berlin: Hirnkost Verlag. ISBN 978-3-943774-36-8 [Rezension bei socialnet]

Holz, Oliver, Hrsg., 2008. Jungenpädagogik und Jungenarbeit in Europa. Standortbestimmung – Trends – Untersuchungsergebnisse. Münster/New York/München/Berlin: Waxmann. ISBN 978-3-8309-1942-1 [Rezension bei socialnet]

Stecklina, Gerd und Jan Wienforth, Hrsg., 2016. Impulse für die Jungenarbeit. Denkanstöße und Praxisbeispiele. Weinheim und München: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-2310-7

7 Quellen im Internet

Autor
Dr. Sven Werner
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Zitiervorschlag
Werner, Sven, 2018. Jungenarbeit [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 21.11.2018 [Zugriff am: 10.12.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Jungenarbeit

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Dr. Sven Werner
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veröffentlicht am 21.11.2018

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