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Kamishibai

Susanne Brandt

veröffentlicht am 06.01.2022

Synonym: Erzähltheater

Etymologie: „Kami“=„Papier“, „shibai“ = „Theater“, jap. 紙芝居

Kamishibai ist eine traditionelle japanische Form des bildgestützten Erzählens, bei der die besondere Wirkung von Illustrationen auf Papierbögen ausgeht. Diese werden in einem kastenförmigen Holz- oder Kartonrahmen – dem sogenannten Butai – wie auf einer Tischbühne mit Flügeltüren präsentiert und durch das Ziehen der Bögen im Verlauf der Geschichte gewechselt. 

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Herkunft
  3. 3 Weiterentwicklung 
  4. 4 Internationaler Diskurs
  5. 5 Einsatzmöglichkeiten in der heutigen Praxis
  6. 6 Eigenschaften und Erfahrungen beim Einsatz des Kamishibais
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Literaturhinweise
  9. 9 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Vor dem Hintergrund einer langen Geschichte der Illustrationskunst und Erzähltradition in Japan wird in diesem Artikel besonders die internationale Verbreitung und Weiterentwicklung des Kamishibais ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschrieben. Eine Konkretion erfolgt durch die Darstellung von Eigenschaften, Erfahrungen und Einsatzmöglichkeiten des Kamshibais in der pädagogischen, sozialen und künstlerischen Praxis.

2 Herkunft

Bilderfolgen zur Vermittlung von Geschichten gehören in ganz verschiedenen Ausprägungen zu den Erzähltraditionen vieler Länder und Kulturen. Für die Entwicklung des Kamishibais mit seinen reisetauglichen Eigenschaften kann das bildgestützte Erzählen von Weisheitsgeschichten bei buddhistischen Wandermönchen als eine frühe Form angesehen werden. Als eine weitere wichtige Phase in der japanischen Tradition von bebilderten Geschichten gilt die Edo-Zeit (1603-1868) mit ihrer einzigartigen Kunst der Farbholzschnitte.

Die eigentliche Blütezeit des Kamishibais in Japan wird aber vor allem In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesehen, und zwar als eine Art populäres „Straßenkino“ der reisenden Süßigkeitenhändler. Diese setzten Geschichten mit wechselnden Bildtafeln ein, um so die Kinder um sich zu scharen. Gezeigt wurden die Blätter dazu Bild für Bild in einem bühnenähnlichen, nach vorn geöffneten Holzkasten mit Flügeltüren auf dem Gepäckträger des Fahrrades.

Und noch etwas zeichnet die traditionelle japanische Form des Erzählens mit Kamishibai bis heute aus: Von besonderer Bedeutung ist hier eine Erfahrung, die im Japanischen „Kyo-kan“ heißt und ein intensives Wir-Gefühl meint, ein intensives emotionales Verbundensein mit den Figuren der Geschichte wie mit den anderen Kindern in der Gruppe. Um dieses persönliche wie gemeinsame Empfinden zu erreichen, kommen ausdrucksstarke Illustrationen zum Einsatz, die auf das Wesentliche reduziert und von der besonderen Spannung der Geschichte geprägt sind.

Diese Wirkung hat in der japanischen Geschichte auch ihre Schattenseiten: Das durch das Erzählen mit Kamishibai gestärkte Zusammengehörigkeitsgefühl wurde kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs mit patriotischen Geschichten auch zur Kriegspropaganda missbraucht, um das Bewusstsein und die Opferbereitschaft als „Nationalfamilie“ zu stärken (Bailey 2019, Ciarcià und Speraggi 2019).

3 Weiterentwicklung 

Ende der 1940er Jahre schließlich wurde das Potenzial des Kamishibais zunehmend für den Bildungsbereich entdeckt – nicht nur in Japan, sondern bald auch in Europa und anderen Teilen der Welt. Eine wichtige Rolle bei der internationalen Verbreitung spielte u.a. die jährliche Kinderbuchmesse in Bologna als Treffpunkt für Austausch und Erneuerung zu Themen und Ideen der Kinderliteratur und ihrer Vermittlung.

So wird das Kamishibai etwa seit den 1960er Jahren nach und nach in verschiedenen pädagogischen und sozialen Arbeitsbereichen auch außerhalb von Japan bekannt.

Dabei bewirken Verbindungen zu anderen Erzähltraditionen, zu unterschiedlichen pädagogischen Ansätzen und Erfahrungen mit neuen Bildsprachen und Zielgruppen eine lebendige Vielfalt für die Kamishibai-Praxis.

Heute lässt sich neben einer bewussten Pflege und Weiterentwicklung der japanischen Kamishibai-Tradition mit den dafür typischen Illustrationen, Geschichten und Formaten beobachten, wie anderswo neue Erzählweisen, Illustrationsstile, individuelle Zugänge und Beteiligungsmöglichkeiten eine kreative Auseinandersetzung mit dem Medium anregen.

Inzwischen gibt es in vielen Ländern eine wachsende Zahl von Verlagen, die Bildkartensätze für das Kamishibai ein- oder mehrsprachig zum Kauf anbieten. Neben Illustrationen und Geschichten auf der Basis von populären Bilderbüchern gehören ebenso Materialien dazu, die gezielt für das Erzählen mit Kamishibai entwickelt und gestaltet werden.

Auch zahlreiche Goethe-Institute, die das Kamishibai in verschiedenen Ländern u.a. im Rahmen von Sprachkursen und für den kulturellen Austausch nutzen, tragen seit einigen Jahren aktiv zur internationalen Verbreitung des Kamishibais bei.

4 Internationaler Diskurs

In einer italienischen Fachveröffentlichung zur Tradition und internationalen Praxis des Kamishibais gibt Prof. Naoki Mizushima zu bedenken, wie wichtig es sei, das große Potenzial des visuellen Geschichtenerzählens als grundlegendes menschliches Bedürfnis im kommunikativen und emotionalen Bereich zu stärken.

Dies, so Mizushima, wäre wichtiger als allein die typischen Merkmale der japanischen Kultur beim Kamishibai hervorzuheben. Vielmehr ginge es um eine Wiederentdeckung der reichen Ausdruckskraft und Gesten des Erzählens für eine integrale Bildung. Eben dafür biete die lebendige Präsentation und persönliche Vermittlung reichhaltigere emotionale Erfahrungen als es etwa beim Scrollen von Bildern am Tablet möglich wäre (Ciarcià und Speraggi 2019, S. 34–35).

Zur schwierigen Frage, ob der variantenreiche Einsatz des Kamishibais in Europa als kulturelle Aneignung (Cultural Appropriation o.J.), als kultureller Austausch oder als Weiterentwicklung im Sinne einer vielfältigen Erzählkultur mit Respekt für die Wurzeln zu verstehen ist, lassen sich verschiedene Positionen diskutieren:

Vergleicht man z.B. das Erzählen mit Musik und das Kamishibai mit einem „Instrument“, das die jeweilige bildgestützte Erzähltradition eines Landes neu „zum Klingen bringt“, so ließe sich sagen, dass der Austausch von Erzählweisen – ähnliche wie bei dem Austausch von Musiken bis hin zur heutigen „Weltmusik“ (Vogels 2012) – über Jahrhunderte immer schon ein Prozess der wechselseitigen Inspiration war.

In der globalisierten Welt öffnen sich dabei heute viel mehr als früher Chancen, um verschiedene kulturelle Praktiken kennenzulernen und kreativ mitzugestalten – weil die Zugangs- und Verbreitungswege und damit auch die Teilhabemöglichkeiten vielfältiger geworden sind.

Das allerdings setzt voraus, dass man um die kulturellen Wurzeln, hier also um die Kamishibai-Tradition in Japan weiß und auch andere Haltungen respektiert, bei denen es wichtig bleibt, sich bei der Auswahl des Materials, der Bilder und Geschichten weiterhin bewusst an den ursprünglichen Erzählweisen zu orientieren.

Jede Variation, Spielart und Weiterentwicklung geschieht also nicht beliebig, sondern begründet durch das Anliegen, eine lebendige Erzählpraxis mit Kamishibai als wertvolle emotionale Erfahrung für alle Beteiligten unter Einbeziehung der jeweiligen pädagogischen, ethischen und ästhetischen Vorstellungen zu gestalten. Eben diese oft unterschiedlichen Vorstellungen machen die Vielfalt aus, in der sich das Kamishibai heute in der Praxis zeigt.

5 Einsatzmöglichkeiten in der heutigen Praxis

Die Einsatzmöglichkeiten des Kamishibais im pädagogischen, sozialen und künstlerischen Bereich sind vielfältig: Es unterstützt die Sprach- und Erzählförderung in Kita und Schule, wird aber auch als künstlerisches Medium, etwa in Verbindung mit Musik, Figurenspiel und Bildgestaltung für verschiedene Zielgruppen eingesetzt. Ebenso bietet es z.B. mit historischen Fotos gemeinsame Erzählanlässe in der Biografiearbeit mit Seniorinnen und Senioren.

Freiheit und Verbundenheit prägen die Erfahrungen, die sich beim Erzählen mit Kamishibai sammeln lassen: Freiheit wird spürbar beim dialogischen Erzählen, bei der kreativen Gestaltung der Präsentation wie beim beweglichen Umgang mit dem Material. Gleichzeitig entsteht Verbundenheit im Blickkonktakt mit den Menschen, im Vertrautwerden mit der Geschichte wie mit dem Bildmaterial als Konzentrationspunkt.

Für Marco Dallari zeigt sich beim Kamishibai eine besondere Verbundenheit auch zwischen dem symbolischen Spiel und dem illustrierten Buch. Schöpferisches Spiel und Symbolverständnis, Kommunikation und Buchkultur finden für ihn so auf einzigartige Weise zueinander. Die dadurch angeregte kommunikative Praxis trage, so Dallari, zur Weitergabe von Erfahrungen bei, auch wenn sie weit entfernt vom räumlichen und zeitlichen Kontext liegen. Dallari weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass am Ursprung jeder Gesellschaft und jeder Kultur ein tiefes Erzählbedürfnis bestehe. Auch Religionen leben von der Kraft großer Geschichten. (Ciarcià und Speraggi 2019, S. 44–48) Wohl nicht zufällig spielt gegenwärtig gerade im christlichen Kulturkreis das Kamishibai in der religiösen Erziehung eine besondere Rolle.

6 Eigenschaften und Erfahrungen beim Einsatz des Kamishibais

Was heißt das nun konkret für Erlebnisse und Überlegungen zur Praxis mit dem Kamishibai im deutschsprachigen Raum? Besonders auffällig ist dabei immer wieder eine spürbare Konzentration und Aufmerksamkeit beim Hören, Schauen und Beteiligen, und zwar bei Kindern wie bei Erwachsenen. Die Gründe dafür sind vielfältig und können hier nur vor dem Hintergrund langjähriger Erfahrungen als Beispiele ohne Anspruch auf Vollständigkeit beschrieben werden (zu den nachfolgenden Aspekten Brandt 2013):

  • Durchschauen und Staunen in guter Balance: Der sinnlich leicht nachvollziehbare Vorgang des Bilderwechsels per Hand macht Zusammenhänge durchschaubar, beinhaltet aber gleichzeitig geheimnisvolle Überraschungs- und Spannungsmomente: Wie geht es weiter? Welches Bild kommt zum Vorschein?
  • Vorlesen oder freies Erzählen – auch mehrsprachig: Bei einigen Ausgaben von Bildkarten für Kamishibai lässt sich der meist knapp gehaltene Text zum jeweils gezeigten Bild von der Rückseite des vorherigen Bildes ablesen. Bei anderen Ausgaben wird mit einer losen Textbeilage gearbeitet, die es auch erlaubt, die Auswahl und Reihenfolge der Bilder bei Bedarf zu verändern. In beiden Formen lässt sich eine Geschichte leicht mit einem mehrsprachigen Text versehen und vermitteln, was besonders in der interkulturellen Praxis von Vorteil sein kann. Gleichzeitig gilt: Die besonderen Chancen des Dialogs und des Blickkontakts im Verlauf der Geschichte kommen beim freien Erzählen besser zur Entfaltung als beim Ablesen eines Textes.
  • Nähe und Distanz in einem variablen Wechselspiel: Durch den Blickkontakt mit der oder dem Erzählenden gelingt eine feinsinnige Wahrnehmung in beide Richtungen, die auch spontane Reaktionen und eine gut ausbalancierte Dialogbereitschaft erlaubt. Auf der Beziehungsebene ergibt sich so ein variables Wechselspiel aus Nähe und Distanz, das sich zugleich als eine Hilfe erweist für das freie Erzählen zu den Bildern: Der oder die Erzählende nutzt beim freien Erzählen die Bilder als „Erinnerungsstütze“ und erlebt es oft als entlastend, beim Erzählen nicht allein im Mittelpunkt zu stehen, sondern die Aufmerksamkeit mit den Bildern zu teilen. Hemmungen werden auf diese Weise abgebaut, das Selbstvertrauen wird gestärkt und ein Rollenwechsel, durch den Zuschauende selbst zu Erzählenden werden, ist so leichter möglich.
  • Wertschätzung für Gefühle, Gedanken und Gestaltungsideen: Bildergeschichten in vertrauensvoller Atmosphäre bieten für individuelle Gefühle und Gedanken einen „Rahmen“, der als Schutz, Wertschätzung und Ermutigung empfunden werden kann. Ob in stiller Betrachtung oder mit aktiver Beteiligung – die Zuschauenden werden individuell selbst für sich erfahren und entscheiden, wie sie sich mit der Geschichte, den Bildern und den Erzählenden verbinden möchten. Gleichzeitig öffnet sich der Rahmen für vielfältige Möglichkeiten der freien Gestaltung: Vom flexibel zu variierenden Tempo beim dialogischen Erzählen der Geschichte bis hin zur anschließenden Entwicklung neuer Geschichten und Bilder ergeben sich durch das Kamishibai leicht umsetzbare Gelegenheiten, um sich mit eigenen Ideen und Vorstellungen auszudrücken und einzubringen.
  • mobile Einsatzmöglichkeiten – drinnen wie draußen: Der leicht zu transportierende Rahmen und die unkomplizierte Handhabung, für die weder ein Stromanschluss noch bestimmte bauliche oder räumliche Voraussetzungen erforderlich sind, erlauben das Erzählen mit Kamishibai drinnen wie draußen. Ob ein Platz dafür geeignet ist, lässt sich am besten individuell vor Ort anhand der Gruppengröße, der Lichtverhältnisse und der Sitzmöglichkeiten entscheiden oder mit etwas Improvisation und Kreativität lösen. Das Fahrrad als traditionelles Transportmittel kann nach wie vor zur Mobilität des Kamishibais beitragen und einfach auf einem Spielplatz oder auf der grünen Wiese zum Schauen und Erzählen einladen.

7 Quellenangaben

Bailey, Megumi und Géraldine Enjelvin, 2019. Very special Ks kamishibais, from “kokusaku” to “kyokan”, ie from war propaganda to sharing the same feelings. [online]London: World Financial Review, 25.09.2019 [Zugriff am: 29.12.2021]. Verfügbar unter: https://worldfinancialreview.com/very-special-ks-kamishibais-from-kokusaku-to-kyokan-ie-from-war-propaganda-to-sharing-the-same-feelings/

Brandt, Susanne, 2013. Erzählen mit Kamishibai [online]. Bonn: Borromäusverein [Zugriff am: 29.12.2021]. Verfügbar unter: https://www.borromaeusverein.de/lesefoerderung/​partneraktionen/​kamishibai

Ciarcià, Paoloa und Mauro Speraggi, 2019. Kamishibai: Istruzioni per l’uso. Bazzano: artebambini. ISBN 978-88-98645-50-3

Cultural Appropriation (Kulturelle Aneignung) [online]Ze.tt. Digital-Produkt von Die Zeit online: Hamburg [Zugriff am: 29.12.2021]. Verfügbar unter: https://ze.tt/cultural-appropriation-kulturelle-aneignung/

Vogels, Raimund, 2012. Polka in China? Verlust und Chance in der globalisierten Welt. Interview [online]Köln: Jazzcity Michael Rüsenberg, 19.05.2012 [Zugriff am: 29.12.2021]. Verfügbar unter: https://www.michael-ruesenberg.de/index.php/texte/​241-polka-in-china

8 Literaturhinweise

Gruschka, Helga und Susanne Brandt, 2018. Mein Kamishibai: Das Praxisbuch zum Erzähltheater. Erweiterte Neuausgabe. München: Don Bosco. ISBN 978-3-7698-2068-3

Keller-Loibl, Kerstin und Susanne Brandt, 2015. Leseförderung in Öffentlichen Bibliotheken. Berlin: De Gruyter. ISBN 978-3-1103-3688-7

Köhn, Stephan, 2005. Tradition und visuelle Narrativität in Japan: Von den Anfängen des Erzählens mit Text und Bild. Würzburg: Harrassowitz. ISBN 978-3-4470-5213-9

Las Casas, Dianne de, 2006. Kamishibai Story Theater: The Art of Picture Telling. Westport: Libraries Unlimeted Inc. ISBN 978-1-59158-404-9

Schüler, Holm, 2018. Sprachkompetenz durch Kamishibai Erzähltheater. 4. erw. Aufl. Dortmund: Kreashibai. ISBN 978-3-0002-8118-1

9 Informationen im Internet

Verfasst von
Susanne Brandt
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Zitiervorschlag
Brandt, Susanne, 2022. Kamishibai [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 06.01.2022 [Zugriff am: 23.01.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Kamishibai

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