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Kasuistik

Prof. Dr. Julia Franz

veröffentlicht am 19.09.2025

Etymologie: lat. casus Fall

Englisch: casuistics

Kasuistik ist eine Form fachlichen Wissens und Denkens, die vom Einzelfall ausgehend neue Zusammenhänge erschließt, dadurch Wissen generiert und Handlungsmöglichkeiten eröffnet.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Begriff und disziplinäre Unterschiede
    1. 2.1 Begriffsentwicklung
    2. 2.2 Kasuistik in Medizin, Rechtsprechung und Theologie
    3. 2.3 Kasuistik in der Sozialen Arbeit
    4. 2.4 Kasuistik in multi- und interprofessioneller Kooperation
  3. 3 Falldarstellungen
    1. 3.1 Mündliche Berichte aus der Fallarbeit
    2. 3.2 Schriftliche Dokumentation professioneller Fallarbeit
    3. 3.3 Falldarstellungen in Forschungsarbeiten
    4. 3.4 Didaktische Fallgeschichten
    5. 3.5 Epische Fallgeschichten
  4. 4 Kasuistische Methoden in der Sozialen Arbeit
    1. 4.1 Multiperspektivische Fallarbeit
    2. 4.2 Ethnografisches Praxisprotokoll
    3. 4.3 Schlüsselsituationen
    4. 4.4 Kooperative Konfliktanalysen
  5. 5 Professionalisierung Sozialer Arbeit und rekonstruktive Kasuistik
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise
  8. 8 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Kasuistik bezeichnet eine methodisch geleitete Form des Denkens und Wissens, die sich auf die Analyse und Reflexion von Einzelfällen stützt. Ursprünglich in der Moraltheologie und Ethik verankert, hat sich der Begriff in verschiedenen Disziplinen – etwa in Medizin, Recht und Sozialer Arbeit – zu einer zentralen Wissensform entwickelt. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhältnis von fallspezifischen Besonderheiten und allgemeinen Wissensbeständen. Ausgehend von der detaillierten Darstellung eines Falls werden Zusammenhänge erschlossen, neue Erkenntnisse gewonnen und Handlungsmöglichkeiten entwickelt. Kasuistik unterscheidet sich von anderen wissenschaftlichen Argumentationsstilen, etwa dem deduktiven Vorgehen, und betont die Bedeutung der Fallanalyse für Wissensbildung und Professionalisierung. In der Sozialen Arbeit bezeichnet Kasuistik eine systematische Fallanalyse und ist sowohl in der akademischen Bildung und Praxisanleitung als auch in der Reflexion der Berufspraxis sowie in der Forschung für Professionalisierung und Disziplinentwicklung bedeutsam. Kasuistik beinhaltet eine Reflexion von Fallkonstruktionen und entwickelt alternative Perspektiven.

2 Begriff und disziplinäre Unterschiede

2.1 Begriffsentwicklung

Disziplinübergreifend bezeichnet Kasuistik eine methodisch geleitete Relationierung von Konkretem und Allgemeinem in der Form von Fällen. Kasuistik hat eine längere Begriffsgeschichte und verweist auf die lateinische Herkunft casus bzw. causa, was sich mit Einzelfall, Situation oder auch Ursache übersetzen lässt.

Im Singular ist Kasuistik eine bestimmte wissenschaftliche Form des Denkens in Fällen bzw. Argumentierens mit Fällen (Forrester 1996; Zelle 2015b, S. 7; Düwell und Pethes 2014b). Diese Form unterscheidet sich von anderen wissenschaftlichen Argumentationsstilen, etwa dem Postulieren und Deduzieren oder der hypothetischen Konstruktion analoger Modelle (Forrester 1996, S. 2 f., bezugnehmend auf Hacking 1990). Innerhalb dieses Argumentationsstils, der sich auf Falldarstellungen stützt, differenzieren sich Kasuistiken (im Plural) weiter aus.

Vor die ursprüngliche Bedeutung von Kasuistik als Teil der religiösen Ethik bzw. Moraltheologie haben sich im Zuge der Entwicklung verschiedener Professionen Bedeutungen der Wissensvermittlung und Wissenserzeugung geschoben (Hörster 2021a, S. 190). Verschiedene Disziplinen und Professionen haben ihre eigenen Fallgeschichten und Kasuistiken hervorgebracht und begründet. Diese Form der Wissensbildung verdankt sich dem Fokus professionellen Handelns auf Fälle.

Untersuchungen zur Bedeutung der Fallförmigkeit professioneller Praxis für die Herausbildung des jeweiligen Fachs und zu dessen Verfahren der Fallanalyse finden sich in vielen verschiedenen Disziplinen (Düwell und Pethes 2014a). Solche Arbeiten stützen sich oft selbst auf Falldarstellungen, um daran Konstruktionsweisen und kasuistische Argumentationsfiguren zu analysieren (Müller et al. 1986; Hörster und Müller 1999; Riemann 2013; Domes und Sagebiel 2024).

Kasuistik hängt eng mit Diagnostik zusammen, hat aber eine andere Funktion, insbesondere in der Sozialen Arbeit. Diagnostische Verfahren bringen eine sowohl fachliche als auch institutionell verankerte Falleinschätzung (Diagnose) hervor, um die geeignete professionelle Intervention zu ermitteln. Kasuistische Verfahren erschließen den größeren Zusammenhang von Phänomenen, einschließlich ihrer Bearbeitung im institutionellen Kontext. Diagnosen und Interventionen werden darin mit zum Gegenstand der Betrachtung.

Durch Kasuistik werden sowohl allgemeine Muster, Theorien oder Handlungswissen als auch Kritik an Theorien und institutionellen Praktiken entwickelt.

2.2 Kasuistik in Medizin, Rechtsprechung und Theologie

In der Medizin hat Kasuistik eine wichtige Bedeutung in der Dokumentation ungewöhnlicher Symptomentwicklungen und von Krankheitsverläufen, die nicht zu bestehenden Diagnosekriterien passen. Seit ihren Anfängen sind ärztliche Fallnotizen Ausgangspunkt für neue Erkenntnisse gewesen, insbesondere zu Zeiten von Epidemien (Forrester 1996, S. 13 f.). Im historischen Wandel der Medizin kommen Krankengeschichten und Fallberichten wichtige Funktionen zu, sowohl in der medizinischen Aus- und Weiterbildung als auch in der wissenschaftlichen Wissensproduktion (Meier 2014).

Im 19. Jahrhundert prägte u.a. William Osler die Fallanalyse durch standardisierte Strukturen (Anamnese, Befund, Therapie). Die Krankengeschichten von Sigmund Freud entstanden aus der medizinisch-psychiatrischen Tradition heraus; Freud entwickelte daran psychoanalytische Kategorien und seine besondere, narrativ-reflexive Darstellungsweise (Wegener 2014).

In der Rechtsprechung ist Kasuistik mit dem Fallrecht verbunden. Während das Idealbild einer reinen Gesetzesanwendung davon ausgeht, Urteile allein aus kodifizierten Normen abzuleiten, ermöglichen kasuistische Verfahrensweisen, von konkreten Fällen ausgehend neues Recht zu schaffen – durch Präzedenzfälle und Fallregeln (Forrester 1996, S. 15; Kudlich 2014, S. 92). Falldarstellungen dienen zudem der Vermittlung in der juristischen Ausbildung. Im Unterschied zur Sozialen Arbeit ist hier ein Modus der Fallanalyse dominant, der die vorliegende Situation auf solche Merkmale reduziert, auf die allgemeine Rechtssätze anwendbar sind (Wenzl 2021, S. 283).

Im Kontext verschiedener Religionen und theologischer Ethik ist Kasuistik ein Instrument zur Vermittlung moralischer Regeln. Als fallspezifische Anwendung von Normen der Moral soll sie Handlungssicherheit schaffen (Feldhaus 2006). Moralische Konflikte zwischen gesetzten Normen und konkreten Entscheidungssituationen werden in Konsultationen vermittelt, etwa in Beichtgesprächen. Gewissensfälle als Gegenstand kasuistischer Analyse und Vermittlung moralischen Handelns sind u.a. für die christliche Moraltheologie, die islamische Theologie und die jüdische Ethik charakteristisch. Umstritten ist in diesen Religionen jedoch auch, wie weit kasuistische Flexibilität gehen darf und für welche Bereiche solche Abwägungen zulässig sind. Problematisiert wird, dass so Ausnahmen von religiösen Geboten gerechtfertigt werden.

2.3 Kasuistik in der Sozialen Arbeit

Die Professionalisierung sozialer Fürsorge und Sozialer Arbeit durch Mary Richmond, Alice Salomon, Siddy Wronsky und weitere Pionierinnen bestand in der kasuistischen Annäherung an soziale Problemlagen über konkrete Erfahrungen, unterschiedliche Situationsdefinitionen und davon ausgehende Erwägungen der sozialen Zusammenhänge. Mary Richmond veröffentlichte 1917 ihr Hauptwerk „Social Diagnosis“, das als Beginn der Geschichte der professionellen Einzelfallhilfe gilt.

Kasuistische Prinzipien waren prägend für die einschlägigen Überlegungen zu sozialer Diagnose, Methodik und Fallarbeit. Dazu zählen:

  • Konzeptionelle Unterscheidung zwischen Klient:in und Fall: Der Fall ist nicht der:die Klient:in, sondern das soziale Problem, das sich zeigt und das es sich zu erschließen gilt. Im Fallbezug wird fachliches Wissen erzeugt und genutzt, um es ins Verhältnis zu Aufgaben professionellen Handelns zu setzen (Wronsky und Salomon 1926).
  • Publizierte Fallsammlungen als Wissensformate: Die Werke „Social Diagnosis“ (Richmond 1917), „What is Social Case Work?“ (Richmond 1922), „Methoden der Fürsorge“ (Wronsky 1929) basieren auf der Systematisierung und Analyse konkreter Fallbearbeitungen. Diese Publikationen dienten dazu, Fachwissen und Erfahrungswissen zu erschließen und für die Entwicklung von Theorien und Methoden nutzbar zu machen.
  • Reflexion von Milieuunterschieden und Geschlechterdifferenzen: Die Pionierinnen der Sozialen Arbeit arbeiteten heraus, dass soziale Problemlagen nicht isoliert betrachtet werden können, sondern im Kontext von Geschlecht, Klasse und sozialen Strukturen analysiert werden müssen.

Kasuistik gilt heute als zentrale Grundmethode (Operationsweise) professioneller Sozialer Arbeit (Hörster 2021a, S. 198), die sich in verschiedene methodische Ansätze untergliedert (s. Kapitel 4). Burkhard Müller hat drei Kernmerkmale bestimmt:

  1. Analyse des Verstehensprozesses – Wie wird der Fall interpretiert?
  2. Reflexion der Falldarstellungen – Wie wird der Fall beschrieben, und was wird dabei ausgewählt oder weggelassen?
  3. Bildungsprozess – Wie verändert sich die Bedeutung bzw. der Sinn des Falls durch neue Perspektiven? (Müller 2008, S. 396).

Kasuistik geht über bloße Fallarbeit hinaus, indem sie das Verstehen selbst reflektiert und dadurch verdeckte Deutungsmöglichkeiten durcharbeitet.

Demnach ist Kasuistik eine Denkhaltung, eine Praxis des Erwägens, ein reflexiver Modus. Da jede soziale Situation aus verschiedenen Situationsdeutungen besteht, sind die verschiedenen Perspektiven, in denen etwas zum Fall wird, auf ihre Folgen hin zu untersuchen (Hörster 2021b).

Fallarbeit geht nicht immer mit kasuistischer Reflexion einher (Müller 2011). Wird davon ausgegangen, dass sich Eigenschaften eines Falls feststellen lassen, ohne die Herstellung des Falls als Fall zu analysieren, handelt es sich nicht um Kasuistik in dem von Müller und Hörster vertretenen Sinn.

2.4 Kasuistik in multi- und interprofessioneller Kooperation

Soziale Arbeit ist in ihren Arbeitsfeldern auf fallbezogene Kooperation angewiesen. Formate wie multiprofessionelle Teambesprechungen sollen der Verständigung mit Vertreter:innen anderer Professionen und disziplinärer Verortung dienen. Teilweise finden Fallbesprechungen auch über Organisationen hinweg statt, also in interprofessioneller Kooperation der Fachkräfte mehrerer Einrichtungen. Die Verschiedenheit der Fallkonstruktionen beteiligter Fachkräfte ermöglicht es, den Sinn des Falls kasuistisch zu verschieben und so neue Fragen an den Fall zu stellen und Hypothesen zu bilden.

Eine solche soziale Praxis ist durch ihre Organisationskontexte bedingt (bspw. Klinik, Behörde oder freier Träger). In ihr können verschiedene Vorstellungen der kasuistischen Vermittlung von Fachwissen aufeinandertreffen, in Konflikt geraten und hierarchisierend bearbeitet werden. Möglich sind aber auch gemeinsame, eigensinnige Ausdrucks- und Verfahrensweisen in multi- und interprofessionellen Fallbesprechungen (Bauer und Wiezorek 2024), die sich über längere Zeit entwickeln und an neue Fachkräfte weitergegeben werden.

3 Falldarstellungen

Kasuistik als „Denken in Fällen“ ist untrennbar mit der Darstellungsweise des Fallmaterials verbunden. Falldarstellungen dienen unterschiedlichen Zwecken, demzufolge unterscheiden sich auch ihre Formen. Sie werden durch Autor:innen mit einer mehr oder weniger anerkannten Expertise erzählt oder berichtet, die bestimmte Zuhörer:innen oder Leser:innen im Blick haben. Es handelt sich stets um Konstruktionen, „das Ereignis selber ist nicht der Fall“ (Peter 1986, S. 19).

Disziplinübergreifend stellen Fallerzählungen eine Textsorte dar, in der spezifische Beobachtungen mit allgemeinen Wissensbeständen vermittelt werden (Zelle 2015a). Im Gegensatz zu einem Beispiel, das ein beliebig austauschbares Exemplar einer Regel darstellt (Zelle 2015b, S. 9), ist der Fall nicht darauf verpflichtet, das einzelne Element stets auf die allgemeine Regel zu beziehen (Forrester 1996, S. 9). Eine Falldarstellung kann gesetzte Prämissen unterlaufen und führt zur Hypothesenbildung, was neue Erkenntnisse eröffnet (Zelle 2015b, S. 8 f.).

Falldarstellungen verweisen auf erst noch zu entdeckende allgemeine Regeln, die das Fallspezifische erklären: „Der Kasus stellt eine Frage, beantwortet sie aber nicht“ (a.a.O., S. 10). Eine solche bislang unbekannte Regelhaftigkeit kann durch das abduktive Schlussverfahren entdeckt werden (Peirce 2008|1929; Reichertz 2018). Voraussetzung für eine abduktive Hypothesenbildung ist, dass in der Darstellung des Falls nicht bereits ein Rahmen durch vorhandenes Regelwissen gesetzt worden ist, indem alles, was nicht ohne Weiteres erklärbar erscheint, ausgelassen wird.

Für sozialpädagogische Kasuistik werden Darstellungen des Falls vorausgesetzt, mit der dieser „in einen anderen Raum“ verschoben wird, in einen „kasuistischen Raum“ (Hörster 2012, S. 680). Diese Reflexion, durch welche Zusammenstellung in einem bestimmten Kontext der Fall zum Fall wird, ist für Hörster an Verschriftlichung gebunden (Hörster 2021a, S. 201). Kasuistische Arbeit findet jedoch auch auf der Grundlage mündlicher Erzählungen statt.

Falldarstellungen sind mehr als Momentaufnahmen, sie geben Entwicklungsprozesse wieder, z.B. einen Krankheitsverlauf, eine juristische Auseinandersetzung, einen biografischen Entwicklungsprozess oder Gruppenbildungsprozess. Neben dieser Entwicklungsdimension kann auch eine Erlebnisdimension relevant werden. Letztere wird bspw. dann von Fachkräften aus einer Falldarstellung ausgeklammert, wenn organisationale Entscheidungen bestimmte Motive von Akteur:innen zur Voraussetzung haben, die diesen dann eindeutig zugeschrieben werden. Den Zusammenhang von Entwicklungs- und Erlebnisdimension betont jedoch Fritz Schütze:

„Fälle sind soziale Prozesse (einschließlich biographischer Prozesse) mit einer einmaligen historischen Geschichtengestalt, die von den Akteuren als solche in der Regel auch tatsächlich erlebt wird, ohne aber mit Notwendigkeit gezielt reflektiert zu werden“ (Schütze 2014, S. 143).

Darstellungen der Adressat:innen, soweit sie von den Fachkräften aufgenommen werden, münden in eine institutionell-professionelle Fallkonstruktion, die sich von der subjektiven Betroffenenperspektive unterscheidet (Bitzan und Bolay 2018). Fachkräfte strukturieren und selektieren Gespräche entlang institutioneller Logiken, etwa bei der Antragstellung oder Hilfeplanung.

Falldarstellungen lassen sich auf das in ihnen angelegte Arbeitsbündnis zwischen Erzählenden und Rezipierenden befragen – hier verstanden als stillschweigende Übereinkunft, nicht als Aushandlungspraxis (Resch 1998; Steinert 1998; Schimpf und Stehr 2012). Ein solches Arbeitsbündnis beinhaltet institutionelle und gesellschaftliche Kontexte und beruht auf Voraussetzungen über den Sinn des Falls (etwa als Skandal, als dringender Bedarf, als klärungsbedürftige Angelegenheit oder als spannende Erfahrung). Diese prägt sowohl die Auswahl der Informationen als auch die narrative Struktur.

In literaturwissenschaftlicher Perspektive ist die Fallerzählung eine Fachprosagattung, deren Form, Gestalt und Entwicklung Gegenstand systematischer Analysen sind (Zelle 2015b, S. 24 ff.). Als „Denkgestalt, Wissensform“ umfasst sie verschiedene Textsorten wie Fallgeschichten, Fallakten oder Fallstudien (a.a.O., S. 8).

Forschungsarbeiten, etwa zu historischen Krankengeschichten, untersuchen, wie sich narrative Strukturen, Vertextungsprozesse und Diskurse in Falldarstellungen manifestieren (Zelle 2015b, S. 17 f.). Literaturwissenschaftliche Perspektive eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, Falldarstellungen hinsichtlich ihrer narrativen Gestaltung und ihrer Funktion der Wissensproduktion zu analysieren.

Analysen von Fallakten als historische Quellen zeigen, wie institutionelle Praktiken und Machtverhältnisse Falldarstellungen prägen. So argumentieren Brändli et al. (2009) in Bezug auf psychiatrische und medizinische Akten, die über Jahrzehnte hinweg bestimmte Deutungsmuster reproduzierten. Solche Akten sind nicht nur Dokumente der Krankheitsverläufe von Patient:innen, sondern auch Ausdruck gesellschaftlicher Normen und institutioneller Ablaufmuster.

3.1 Mündliche Berichte aus der Fallarbeit

In der Supervision und in Fallbesprechungen werden Berichte aus der Fallarbeit meist spontan und mündlich eingebracht. Solche mündlichen Falldarstellungen geben den Teamkolleg:innen Gelegenheit, Beobachtungen und Erfahrungen zu einer Fallkonstellation zu teilen.

Zum Gegenstand kann dabei nicht nur die Person oder Gruppe der Adressat:innen werden, sondern auch die organisationsspezifische Verarbeitung der Eindrücke. Zudem können die Teilnehmenden ihre Ratlosigkeit, Ärger, Ungeduld o.ä. zur Fallarbeit äußern, einander auf Übersehenes oder Stereotype aufmerksam machen und Konflikte in der Fallarbeit bearbeiten.

Bedingungen solcher spontaner Berichte aus der Fallarbeit unter Kolleg:innen sind zum einen die Abwesenheit der betreffenden Adressat:innen, zum anderen die Teamkultur oder der kollektive Stil dieser Besprechungen. Fallbesprechungen, die gemeinsam mit den betreffenden Adressat:innen bzw. Nutzer:innen geführt werden, unterliegen anderen sozialen Regeln.

Gerhard Riemann hat herausgearbeitet, inwiefern die Erkenntnisfunktion von Fallbesprechungen mit den Kommunikationsschemata des Erzählens, Beschreibens und Argumentierens zusammenhängt, etwa wenn eine narrative Falleinbringung irritiert wird und so Erkenntnispotenziale blockiert werden (Riemann 2000, S. 256).

Ralf Bohnsack führt solche Blockierungen auf die Konstruktionsweisen des Common Sense zurück. Diesen stellt er die praktische Reflexion gegenüber, wie sie in Erzählungen, Beschreibungen und sprachlichen Bildern zum Ausdruck kommt. Praktische Reflexion bricht mit dem Common Sense und ermöglicht die Erkenntnisbildung in Bezug auf die professionelle Praxis (Bohnsack 2025a, S. 89 ff.).

3.2 Schriftliche Dokumentation professioneller Fallarbeit

Die schriftliche Dokumentation ist ein zentrales Element professioneller Fallarbeit. Fachkräfte halten Beobachtungen und Gespräche in Fallnotizen fest, um sie für die weitere Arbeit zu nutzen. Anforderungen an Dokumentationsroutinen bewegen sich zwischen dem Anspruch, offene Reflexionsprozesse zu fördern und die bisherige Entscheidungspraxis zu hinterfragen und dem Anspruch an eine systematische Erfassung aller relevanten Aspekte der Arbeit (Reichmann 2022, S. 103).

Fallakten umfassen heterogene Dokumente wie Aufnahmebögen, Entwicklungsberichte, behördliche Bescheide und Vermerke, die oft kein einheitliches Bild ergeben. Anders als spontane mündliche Berichte aus der Fallarbeit erfüllen sie verwaltungstypische Funktionen, indem sie Arbeitsschritte, fachliche Begründungen und Quellen dokumentieren (a.a.O., S. 112).

Aktenförmige Fallberichte und Vermerke legitimieren fallbezogene Organisationsentscheidungen. Durch fachspezifische und rechtlich-administrative Terminologien kann die Darstellung organisationsspezifisch zugespitzt werden, sodass das Zustandekommen des Falls angemessen erscheint (Bohnsack 2025a, S. 81; Erne und Bohnsack 2018).

Falldokumentationen dienen der Verdeckung, wenn Interventionen der beruflichen Akteur:innen unsichtbar bleiben und damit die Wechselwirkungen zwischen Interventionen und dem Verhalten der Adressat:innen aus dem Blick geraten (Bohnsack 2017, S. 247 f.; Erne und Bohnsack 2018).

Um unterschiedliche Perspektiven und die Komplexität von Fallverläufen besser zu erfassen, bietet sich das reflexive Schreiben an. Methoden wie Situationsprotokolle, Transkripte und Journalschreiben fördern Selbstreflexion, helfen Muster und Irritationen zu erkennen und können zur Psychohygiene beitragen (Reichmann 2022, S. 227 ff.). Reflexive Dokumentation ermöglicht es zudem, milieuspezifische Erfahrungen, soziale Differenzen oder organisationsbezogene Probleme sichtbar zu machen, die in standardisierten Falldokumentationen möglicherweise übersehen würden.

3.3 Falldarstellungen in Forschungsarbeiten

Für qualitative Forschungsarbeiten ist die Darstellung von Fällen Bestandteil ihrer Methodologie. In Forschungsansätzen wie der Narrationsanalyse (Riemann 2018a), der Objektiven Hermeneutik (Wohlrab-Sahr 2018) und der Dokumentarischen Methode (Bohnsack 2018) wird Fallmaterial analysiert, das etwa aus transkribierten Interviews und Gruppendiskussionen, ethnografischen Beobachtungsprotokollen oder Dokumenten besteht. Es werden Strukturen sozialer Phänomene herausgearbeitet und theoretisch erschlossen. Das geschieht durch eine methodologische Beschreibung des untersuchten Falls.

Solche Forschungsmethodiken für Fallbeschreibungen weisen eine jeweils typische Fachsprache auf, um formale Aspekte (bspw. Erzählsegmente, Diskursorganisation) und semantische Aspekte zu erfassen und darüber auch fallübergreifend zu Analyseergebnissen zu gelangen. Insbesondere rekonstruktive Fallstudien zielen auf allgemeine Prinzipien, die für die untersuchten Fälle maßgeblich sind, um darüber gesellschaftsanalytische Einsichten zu gewinnen (Fabel-Lamla und Tiefel 2003, S. 190).

In qualitativen Forschungsarbeiten, die professionelle Fallarbeit, Urteilsbildung und Fallverstehen zum Gegenstand haben, werden häufig Fallberichte und Fallerzählungen von Fachkräften untersucht. In der Analyse werden die Prinzipien der Fallkonstruktion herausgearbeitet, d.h. die Darstellung der Fachkräfte wird hier selbst zum Untersuchungsfall (Franz und Kubisch 2020; Franz 2022). Teils werden stattdessen von Adressat:innen erzählte Fallgeschichten zum Ausgangspunkt der Analyse genommen und in ihrer Brechung an den institutionellen Zurichtungen des Falls rekonstruiert (Hußmann 2011; Köntgeter 2009).

In Publikationen von Fallanalysen mit rekonstruktiven Forschungsmethoden, die generalisierte Forschungsergebnisse wie Typiken vorstellen, ist die Darstellung einzelner Untersuchungsfälle im Verhältnis zur Typik oft herausfordernd und spannungsreich. Das untersuchte Fallmaterial muss in die „Dramaturgie einer Gesamtdarstellung“ der Forschungsergebnisse eingebunden werden (Przyborski und Wohlrab-Sahr 2021, S. 506). Typische Fragen, die bei der Publikation zu lösen sind, lauten: „Wie stellt man Fälle dar? Muss man alle Fälle darstellen? Wenn nicht, wie wählt man aus? Und in welcher Reihenfolge sollen die Fälle dargestellt werden?“ (a.a.O., S. 509).

3.4 Didaktische Fallgeschichten

Als „Lehrfälle“ bieten Falldarstellungen Gelegenheit zur gedanklichen Erprobung einer fachlichen Aufgabe, eines theoretischen oder methodischen Ansatzes. Es handelt sich teils um Fallmaterial aus einem realen Praxiskontext, das im Hinblick auf ein bestimmtes Lernziel zur Fallgeschichte didaktisch verarbeitet wird, ggf. fiktionalisiert wird, teils um fiktive Fallgeschichten, die auch als Fallvignetten bezeichnet werden.

Didaktische Fallgeschichten zeichnen sich durch unterschiedliche Grade an Eindeutigkeit oder Offenheit aus. Sie können Medium für gezielte Botschaften sein, also eine bestimmte Gestaltung beruflicher Praxis, eine Entscheidung oder ein fachliches Urteil nahelegen. Damit sind Vorstellungen von Meisterschaft und Lernen am Modell verbunden, die oft auch explizit zum Ausdruck kommen.

Insbesondere detaillierte, narrative Falldarstellungen sind zugleich Medium eines impliziten Wissens, das sich schwer auf den Begriff bringen lässt und spannungsreiche, unvereinbare Aspekte des Handelns und Entscheidens beinhaltet. Die Vermittlung impliziten Wissens ist nicht auf vorbildhafte Fallgeschichten beschränkt. Fachliche, professionsbezogene Einsichten über solche Fallgeschichten können auch gewonnen werden, wenn sich kein Vorbild aus ihnen ableiten lässt.

Die didaktische Fallgeschichte ist in der Regel mit Fragen bzw. Aufgaben verbunden, die durch die Lernenden bearbeitet werden sollen. Darstellungsstile können fachspezifisch sein und dabei auch verschiedene Funktionen in der Ausbildung erfüllen, etwa zur Identifikation mit einer professionellen Praxis auffordern oder diese „reflexiv auf Distanz bringen“ (Wenzl 2021, S. 290).

3.5 Epische Fallgeschichten

Manche Fallgeschichten sind weniger als Fachprosa zu verstehen denn als literarische Ästhetik. Fälle können auch in epischer Form erzählt werden. Epische Fallgeschichten nutzen literarische Erzähltechniken, um soziale und institutionelle Prozesse sichtbar zu machen.

Eine Vielzahl von Kurzgeschichten, Erzählungen und Romanen basiert auf Beobachtungen sozialhistorischer, medizinischer, psychosozialer oder rechtlicher Konstellationen und untersucht Prozesse der Herausbildung einer Fallstruktur und verschiedene gesellschaftliche Perspektiven. So rekonstruiert Anton Tschechow in seiner Erzählung „Krankenzimmer Nr. 6“ (1892) die Hospitalisierung eines Patienten und die Interaktionsgeschichte des Arztes mit ihm, welche schließlich zur Einweisung des Arztes selbst führt.

Solche Fallgeschichten beleuchten, wie der Fall erst durch narrative Verdichtung, selektive Darstellung und die Perspektive beruflicher Funktionsträger:innen entsteht. Dabei wird die Erzählform zum Reflexionsmedium über die Bedingungen des Fallverstehens. Indem sie die Grenzen zwischen Fachdiskurs und Literatur überschreiten, problematisieren sie die Autorität der Fallerzählung.

4 Kasuistische Methoden in der Sozialen Arbeit

Angesichts der Allzuständigkeit Sozialer Arbeit stellt sich hier das Problem professionellen Fallverstehens deutlicher als in anderen Professionen und Disziplinen. Wie schwierig es ist, die Angemessenheit einer Fallkonstruktion zu beurteilen, zeigen die andauernden Kontroversen um Diagnostik in der Sozialen Arbeit. Diese Kontroversen haben die Auseinandersetzung darüber vorangetrieben, wie die professionelle Aufgabe zu verstehen ist, Zugänge zum Fallverstehen zu schaffen. Herausgearbeitet wurde der Anspruch, über Fallkonstruktionen hinauszugehen und die Differenz der Perspektiven der Beteiligten zum Ausgangspunkt neuer Handlungsorientierungen zu machen (Heiner 2004; Redaktion Widersprüche 2003).

Verschiedene methodische Ansätze haben zum Ziel, Denkprozesse über Fallgeschichten anzuregen und zu strukturieren, die Sozialarbeiter:innen oder Studierende in ihrer Praxis erleben. Ausgehend von Falldarstellungen wird methodisch eine Verschiebung vorgenommen, die den Fall „in den weiteren Zusammenhang eines […] Verstehensproblems [rückt]“ (Hörster 2012, S. 680). Darauf sind bspw. Formate wie Supervision oder kollegiale Beratung gerichtet.

In der Hochschullehre gibt es kasuistische Lehr-Lern-Formate wie Fallseminare und Forschungswerkstätten (Riemann 2018b; Beneker und Rätz 2021). Aufgezeichnete bzw. detailliert protokollierte Interaktionssituationen bieten den Teilnehmenden die Möglichkeit, die interaktive Struktur der Handlungspraxis imaginativ nachzuvollziehen und dadurch ihre Potenziale praktischen Erkennens zu entwickeln (Bohnsack 2025b, S. 39).

Kasuistische Methoden sind z.B. multiperspektivische Fallarbeit, die Arbeit mit ethnografischen Praxisprotokollen, mit Schlüsselsituationen und die kooperative Konfliktanalyse.

4.1 Multiperspektivische Fallarbeit

Das Konzept der multiperspektivischen Fallarbeit (Müller 2004, 2017) dient der strukturierten Analyse komplexer Fälle der Sozialen Arbeit durch bewusste Perspektivenwechsel zwischen verschiedenen Bezugsrahmen der Fallkonstitution. Die Rahmungen werden dadurch in ihrer Bedingtheit deutlich erkennbar. Es werden drei zentrale Dimensionen unterschieden:

  • Fallkonstellationen werden stets als „Fall von …“ betrachtet, sie werden also fachlich-institutionell eingeordnet (bspw. Fall von Überschuldung).
  • In dieser Einordnung kommt es zudem zur Rahmung als „Fall für …“, wodurch institutionelle Zuständigkeit bzw. Nichtzuständigkeit gesetzt wird (z.B. Fall für den Gerichtsvollzieher oder die Schuldenberatung).
  • Das alles kann kaum unabhängig von der Dimension „Fall mit …“ hervorgebracht werden, denn in Fallkonstellationen stecken zugleich biografische und milieubezogene Hintergründe sowie die konkrete Interaktionsgeschichte von Fachkraft und Adressat:in. Diese Dimension beinhaltet auch den Umgang mit Differenzen ihrer Perspektiven.

Diese Dimensionen sind nicht statisch. Sie lassen sich immer wieder neu und in ihrer wechselseitigen Bezogenheit durchdenken. Sie sind kein Raster, um zu einer psychosozialen Diagnostik zu gelangen, vielmehr wird die diagnostische Tätigkeit in ihrer institutionellen Einbindung und ihrer Differenz zu den Perspektiven der betroffenen Adressat:innen reflektiert. Diese kasuistische Arbeit ermöglicht es, nicht intendierte Folgen einzubeziehen, fallbezogene Entscheidungen zu revidieren und weitere Handlungsmöglichkeiten zu ermitteln, die der Problemlage der Adressat:innen besser gerecht werden.

4.2 Ethnografisches Praxisprotokoll

Ethnografische Praxisprotokolle zu schreiben und mit Kolleg:innen sequenziell zu interpretieren ist eine Methode, gegenüber selbst erlebten Situationen eine ethnografische Fremdheitshaltung einzunehmen. Das bedeutet, Routinen, Selbstverständlichkeiten und scheinbar Bekanntes zu „befremden“ und mit neuen Augen zu betrachten, um verborgene Bedeutungen, Strukturen und Dynamiken zu erkennen (Riemann 2005).

Studierende oder Fachkräfte protokollieren eine selbst erlebte Situation im Modus der Erzählung bzw. Beschreibung. Die Nacherzählung der erlebten Handlungen oder die Beschreibung von etwas Wahrgenommenem wird in ethnografischen Praxisprotokollen von nachträglichen Interpretationen, Wertungen oder Reflexionen deutlich getrennt (Völter 2015a).

Situationen werden detailliert in der Abfolge ihres Geschehens wiedergegeben, d.h. der Interaktionsablauf wird sequenziert. Das ermöglicht eine sequenzielle Analyse komplexer Arbeitsbeziehungen, denn es lässt konkrete Handlungsketten professioneller Praxis erkennen, die mit Anselm Strauss‘ Begriff des Arbeitsbogens (arc of work) begrifflich gefasst werden (Strauss 1985; Riemann 2015a).

Die in solchen Arbeitsbögen enthaltenen undurchsichtigen Entwicklungen sowie paradoxe Handlungsanforderungen und die daraus entstehenden Probleme in der Fallarbeit (Strauss 1985; Schütze 2000) können durch Prozesse des Schreibens und Analysierens ethnografischer Praxisprotokolle zugänglich werden (Riemann 2013, 2015a).

Die Arbeit mit ethnografischen Praxisprotokollen ist ein kasuistisches Verfahren rekonstruktiver Sozialer Arbeit, das insbesondere an Hochschulen und in vertrauten kollegialen Beziehungen praktiziert wird. Eine Variante des Ansatzes ist das ethnografische Spiel (Völter 2015b; Unterkofler 2024)

4.3 Schlüsselsituationen

Situationen, die Fachkräfte der Sozialen Arbeit als relevant beschreiben, werden als typische Fälle professioneller Praxis, als Schlüsselsituationen generalisiert und systematisiert beschrieben. Zum Fall werden hier einzelne Situationen, die auch Teil längerer Fallgeschichten von Fachkräften und Adressat:innen sein können.

Zugrunde gelegt wird eine Titelsammlung von Schlüsselsituationen, die auf einer empirischen Erhebung und Typisierung handlungsfeldübergreifender Situationen professioneller Sozialer Arbeit beruht (Kunz 2015, S. 81 ff.). Die Sammlung der Schlüsselsituationen dient als „Klassifikationssystem“ (a.a.O., S. 84), als Referenzrahmen kasuistischer Arbeit (Kunz et al. 2016). Studierende oder Praktiker:innen können eigene Erlebnisse in die Sammlung von Schlüsselsituationen einordnen, um sie strukturiert zu analysieren.

Die Schritte umfassen u.a. die Herausarbeitung zentraler Merkmale der konkreten Situation, die Auseinandersetzung mit dem eigenen professionellen Handeln, eine Überprüfung anhand fachlicher Standards und verfügbarer Ressourcen und eine Entwicklung von Handlungsalternativen (Korthaus 2019).

Der Ansatz wird in der Hochschullehre sowie in Lerngemeinschaften an der Schnittstelle von Hochschule und Sozialer Arbeit praktiziert (Korthaus 2019; Korthaus et al. 2019).

4.4 Kooperative Konfliktanalysen

Kooperative Konfliktanalysen in der Sozialen Arbeit (Eichinger und Schäuble 2018, 2022; Schäuble und Eichinger 2023) stellen Konflikte als gesellschaftlich vermittelte Verhältnisse in den Mittelpunkt. Konflikte in diesem dialektischen Sinn sind durch asymmetrische Machtstrukturen, ungleiche Ressourcenverteilung und widersprüchliche Handlungsaufträge geprägt (Freire 1973, S. 33; Kunstreich und May 2020, S. 52).

Die kooperative Konfliktanalyse ist ein methodisches Verfahren, das Fachkräfte zusammen mit Kolleg:innen, Adressat:innen oder (anderen) Bündnispartner:innen durchführen können, bspw. anhand mündlicher Erfahrungsberichte, Erhebungen wie Interviews oder kreativer Verfahren wie Theater oder Photovoice (Schäuble und Eichinger 2023, S. 168).

Zum Fall werden hier Konfliktkonstellationen zwischen Fachkräften, Adressat:innen und Organisationen, bspw. in der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit, Drogenhilfe oder Arbeit mit Geflüchteten (Eichinger und Schäuble 2022), auch in der Praxisbegleitung von Studierenden Sozialer Arbeit an Hochschulen (Schimpf und Hülsermann 2024). Dieser Blick auf Fälle lässt sich als Kasuistik von sozialen Situationen und Institutionen einordnen, der strukturelle Widersprüche und verdeckte Konflikte sichtbar macht und alternative Handlungsstrategien im Sinne kritischer Professionalität auslotet.

Die kooperative Konfliktanalyse speist sich aus der subjektwissenschaftlichen Forschung und betont eine „vielstimmige weitergehende Verständigung“ (a.a.O., S. 169). Konflikte werden als umkämpfte Möglichkeitsräume mit demokratisierenden Potenzialen begriffen (Eichinger und Schäuble 2018). Sie werden als Anlässe genutzt, sich die dahinterliegenden Interessen und gesellschaftlichen Spannungsverhältnisse bewusst zu machen und Möglichkeiten zu entwickeln, diese ineinander zu übersetzen und zu bearbeiten.

Die hier exemplarisch vorgestellten kasuistischen Ansätze eint, dass sie Fallorientierung und Reflexion als zentrale Elemente professionellen Handelns begreifen. Sie unterscheiden sich in ihrem Zugang zur Analyse, der Einbindung von Adressat:innen und dem Grad der Systematisierung.

5 Professionalisierung Sozialer Arbeit und rekonstruktive Kasuistik

Professionalisierung Sozialer Arbeit hängt in doppelter Hinsicht mit rekonstruktiver Kasuistik zusammen – durch Kasuistik lässt sich Professionalisierung theoretisch erfassen, und kasuistische Tätigkeit prägt Professionalisierungsprozesse in der Praxis.

Das Theoriekonzept der Paradoxien professionellen Handelns (Schütze 1992, 1999; Riemann 2000; Schütze 2000, 2014, 2015) ist aus einer Rekonstruktion fallförmiger Phänomene professioneller Sozialer Arbeit hervorgegangen. Diese Arbeit ist demnach geprägt von unaufhebbaren paradoxen Problembündelungen, die sich aus dem „notwendigen Widerstreit divergierender Orientierungstendenzen“ in der Fallarbeit ergeben (Schütze 2000, S. 50).

Professionelles Fallverstehen stellt eine dieser Paradoxien dar. Die konkrete Situation, die es zu erschließen gilt, muss sowohl als spezifische Fallgeschichte erkannt, als auch durch fachliche Wissensbestände bzw. Typenkategorien erschlossen werden. Inwiefern die konkrete Fallsituation als Fall einer bestimmten Typenkategorie gelten kann, lässt sich nie zweifelsfrei bestimmen (Schütze 1992, S. 147 ff.). Paradox ist professionelles Fallverstehen, weil weder eine reine Fallspezifik ohne typenhaftes Wissen zu haben ist, noch der Fall in einer Kategorie restlos aufgeht.

Rekonstruktive Kasuistik eröffnet die Möglichkeit einer Selbstkritik professioneller Deutungen im Sinne eines Bildungsprozesses. Sie bricht mit rationalistischen Zuschreibungen (wie Motivunterstellungen oder kausalen Erklärungen) und tautologischen Deutungen (wie defizitorientierten Klassifikationen) (Bohnsack 2025a).

Ein zentrales Moment rekonstruktiver Kasuistik liegt für Bohnsack (2025b) im praktischen Erkennen, das sowohl für ein Fallverstehen im Vollzug professioneller Praxis als auch für deren praktische Reflexion grundlegend ist. Dieses praktische Erkennen entfaltet sich einerseits in der realen Teilnahme und performativen Gestaltung von Interaktionen im Praxisvollzug, andererseits in der nachträglichen Reflexion der eigenen Fallarbeit, in der die Kontingenzen und Grenzen des eigenen Handelns sichtbar werden.

Während die Fallarbeit in der Praxis auf unmittelbarer Erfahrung und Antizipation beruht, wird in der rekonstruktiven Kasuistik – etwa im Rahmen von Seminaren oder Fallanalysen anhand von Protokollen und Aufzeichnungen – eine imaginierte oder virtuelle Teilnahme an Interaktionen ermöglicht (Bohnsack 2025b). Das Potenzial praktischen Erkennens ist laut Bohnsack für die professionelle Praxis und ebenso für die wissenschaftliche Fallanalyse und die methodische Ausbildung zentral (a.a.O., S. 39 f.).

Kasuistische Bildungsprozesse von Fachkräften können das Ergebnis methodischer Anleitung sein, aber auch eher intuitiv in Erfahrungsräumen von Teams und Arbeitsgruppen entstehen (Franz 2024). Dazu bedarf es eines Modus der Kritik, der die Ansprüche und Anforderungen an die verschiedenen, aufeinander bezogenen Handlungspraxen ernst nimmt und sich nicht in ritualisierter Selbstkritik erschöpft (Riemann 2015b).

Es handelt sich um kasuistische Bildung, wenn die Beteiligten dabei etwas Neues über die berufliche Interaktionspraxis mit Adressat:innen lernen und sich sowohl die Normen und Vorgaben der Praxis als auch die „im beruflichen Habitus eingelagerten Wissensbestände“ in ihrem einschränkenden Charakter vergegenwärtigen (Müller 2008, S. 397). Dies beinhaltet die Dekonstruktion der eigenen „typenhaften Vorstrukturierungen“ des Falls (Bohnsack 2025a, S. 89).

Das erkenntnisleitende Prinzip einer rekonstruktiven Auseinandersetzung mit Fällen ist weder das Anwenden allgemeinen Regelwissens auf den einzelnen Fall (Deduktion), noch das Erkennen neuer Formen des bereits Bekannten in den Daten zum Fall (qualitative Induktion; Reichertz 2018, S. 12). Als erkenntnisleitendes Prinzip rekonstruktiver Sozialer Arbeit gilt dagegen das Entdecken einer Regelhaftigkeit, die nicht bereits als bekannt vorausgesetzt war (Abduktion).

Die Urteilsbildung am Fall zielt auf die den Forscher:innen oder Berufspraktiker:innen noch unbekannte Regelhaftigkeit des Falls. Ein abduktiver Schluss setzt voraus, dass die Interpret:innen ihre Beobachtungen nicht bereits durch ihr verfügbares Regelwissen plausibilisieren, dass sie den Fall daher nicht ohne Weiteres interpretieren können (Bohnsack 2021, S. 217; Bohnsack 2025a, S. 88). Abduktion stellt eine Suche nach der Regelhaftigkeit dar, die in der sozialen Praxis des Falls, d.h. in den Interaktionen und Darstellungen der Beteiligten, implizit zum Ausdruck kommt und erst formuliert werden muss.

Eine in dieser Weise verstandene kasuistische Wissensbildung bildet die Grundlage von Professionalisierungsprozessen der Sozialen Arbeit, indem die vielfachen Widersprüche und unaufhebbaren Spannungsmomente der Praxis in ein kritisches Bewusstsein professioneller Fachkräfte und darüber hinaus in die Wissenschaft Soziale Arbeit aufgenommen werden.

6 Quellenangaben

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7 Literaturhinweise

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8 Informationen im Internet

Verfasst von
Prof. Dr. Julia Franz
Alice Salomon Fachhochschule Berlin
Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Fallverstehen
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