socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kinder- und Jugendbibliothek

Susanne Brandt

veröffentlicht am 15.03.2022

Kinder- und Jugendbibliotheken ermöglichen Kindern (etwa zwischen 2 und 11 Jahren) und Jugendlichen (etwa zwischen 12 und 19 Jahren) als selbstständige Einrichtung oder Abteilung einer öffentlichen Bibliothek den Zugang zu altersgerechten Medien, Informationen und Angeboten der kulturellen Bildung und Begegnung, oft auch verbunden mit schulbibliothekarischen Aufgaben. 

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Geschichte
    1. 2.1 Neuanfang nach 1945
    2. 2.2 Weiterentwicklung durch digitale und partizipative Angebote
    3. 2.3 Kinder- und Jugendbibliotheken heute
  3. 3 Bildungsverständnis in Kinder- und Jugendbibliotheken
  4. 4 Bildung für nachhaltige Entwicklung in Kinder- und Jugendbibliotheken
  5. 5 Rechtliche Grundlagen für Kinder- und Jugendbibliotheken
  6. 6 Kinderrechtskonvention als internationaler Orientierungsrahmen für Kinderbibliotheken
  7. 7 Fazit
  8. 8 Quellenangaben
  9. 9 Literaturhinweise
  10. 10 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Der Beitrag gibt zunächst einen Überblick über die Geschichte von Kinder- und Jugendbibliotheken in Deutschland und beschreibt dann die heutige Situation vor dem Hintergrund verschiedener Bildungsansätze und rechtlicher Grundlagen. Zu diesen zählen verschiedene Gesetze und Empfehlungen in der föderal geprägten Struktur ebenso wie grundsätzliche Überlegungen, die sich von der Kinderrechtskonvention herleiten lassen und das Thema dabei auch in einen internationalen Kontext stellen.

2 Geschichte

Anfänge einer Entwicklung von Bibliotheken für die Zielgruppe Kinder und Jugendliche sind in Deutschland zunächst als Schülerbibliotheken im 18. Jahrhundert zu sehen. Eine sich verändernde Vorstellung von Kindheit wie auch eine Reform der Pädagogik hatten daran einen wesentlichen Anteil. Dazu gehörte, dass die Wahrnehmungsmöglichkeiten und der Erfahrungshorizont von Kindern nun stärker berücksichtigt wurden wie auch spielerische Elemente Eingang in den Lernvorgang fanden. In Schulbüchereien bereitgestellte für Kinder verfasste Bücher sollten das nun vermehrte selbstständige Lernen unterstützen (Wild 2007, S. 53). Neben Büchern für den Unterricht gehörten zu den Beständen der ersten Lesebibliotheken – in der Regel für Jungen – auch Bücher zur Unterhaltung. Diese sollten sich vor allem als nützlich und qualitätsvoll erweisen – in Abgrenzung zu Tendenzen der Trivialisierung von Kinder- und Jugendliteratur, die sich Ende des 18. Jahrhunderts ebenfalls zeigten. Bei der Organisation solcher Bibliotheken wurden die Schüler mit einbezogen (Hohlfeld 1982). Beispiele für erste eigene Abteilungen mit Kinder- und Jugendbuch-Angeboten lassen sich im 18. und 19. Jahrhundert vor allem im anglo-amerikanischen Raum finden. Zwar sind auch in anderen Ländern und in Deutschland bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Leseräume oder -hallen speziell für Kinder und Jugendliche nachweisbar, die vorrangig der Erziehung zum „guten Buch“ dienten. Doch die eigentliche Entwicklung eines Kinder- und Jugendbibliothekswesens, bei dem die Lesefreude und Persönlichkeitsentwicklung der Kinder vermehrt in den Fokus rücken sollten, nahm erst nach dem Zweiten Weltkrieg Fahrt auf, geprägt vom Konzept der frei zugänglichen amerikanischen Kinder- und Jugendbibliotheken als Vorbilder.

2.1 Neuanfang nach 1945

Erwähnenswert als Beispiel für den Neuanfang nach 1945 ist das Engagement der jüdischen Journalistin Jella Lepman (Lepman 2020). In Kinderbüchern aus aller Welt sah sie 1945 die ersten Friedensboten für einen Neuanfang. Zurückgekehrt aus dem Exil, war es ihr Anliegen, vor allem den Kindern zu helfen, nach den erlittenen Kriegsschrecken wieder eine Perspektive für die Zukunft und eine neue Beziehung zu den Nachbarländern und anderen Teilen der Welt zu entwickeln. Ihre Idee: Internationale Kinder- und Jugendbücher sollten dazu beitragen, eine solche Perspektive zu öffnen – nicht im Geist der Nazi-Literatur, sondern mit der Weite und Vielfalt einer reichen Geschichten- und Erzählkultur, wie sie in Europa und anderswo lebendig war. Zunächst ohne Mittel und Räumlichkeiten für ihre Pläne, fing Jella Lepmann an, Bittbriefen an Verlage und Förderer zu schreiben. Bald konnte sie erste Exemplare von solchen literarischen „Friedenstauben“, wie Jella Lepman sie nannte, in Empfang nehmen: Buchspenden aus Frankreich, Norwegen, Dänemark, Holland, Italien, England und der Schweiz zum Beispiel. Das Haus der Kunst in München wurde schließlich das Zuhause für eine erste Buchausstellung. Und bald kamen die Kinder: staunend, wissbegierig, hungernd nach Worten und Bildern in so vielen verschiedenen Facetten und Sprachen, die nun darauf warteten, auch ins Deutsche übersetzt zu werden. In der Internationale Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg bei München lässt sich heute erleben, was aus der friedensstiftenden Nachkriegsinitiative über Jahrzehnte geworden ist. Natürlich haben sich Profil und Aufgaben seither stark verändert. Der interkulturelle Dialog aber durch Bücher in vielen Sprachen, Ausstellungen, Workshops und Gesprächsrunden ist lebendig geblieben.

2.2 Weiterentwicklung durch digitale und partizipative Angebote

Auch anderswo haben Konzepte und Zielsetzungen für Kinder- und Jugendbibliotheken seit 1945 eine viefältige Weiterentwicklung erlebt: Wurde noch in den 1960er Jahren der Kinder- und Jugendbereich streng getrennt vom Bereich der Erwachsenenbibliothek eher als Schonraum verstanden, begann in den 1970er Jahren ein deutliches Umdenken: Neben Büchern hielten jetzt auch audiovisuelle Medien und ab den 1990er Jahren vielfältige digitale Angebote zunehmend Einzug. Nicht mehr das „stille Lesen“ prägt seither die Nutzung und Atmosphäre, sondern vor allem die Begegnung mit Spiel- und Veranstaltungsangeboten, mit partizipativen und kreativen Möglichkeiten der Mitgestaltung. Wiederum eine eigene Entwicklung lässt sich für den Aufbau von Kinderbibliotheken in der DDR beschreiben: Dort legte eine Verordnung des Volksbildungsministeriums fest, dass hauptamtlich geleitete öffentliche Bibliotheken Kinderbibliotheken einzurichten hätten, während Angebote für Jugendliche eher den Erwachsenenbibliotheken zugeordnet wurden. Auch die Zusammenarbeit mit Schulen und Jugendklubs spielte hier eine besondere Rolle. So galt es nach der Wende in einem langjährigen Prozess die unterschiedlichen Entwicklungen des Kinder- und Jugendbibliothekswesens in beiden Teilen Deutschlands überzuleiten in eine gemeinsame Weiterentwicklung.

2.3 Kinder- und Jugendbibliotheken heute

Eine grundlegende Darstellung zur heutigen Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit mit einer genauen Ausdifferenzierung der unterschiedlichen Zielsetzungen und Angebote für Kinderbibliotheken einerseits und Jugendbibliotheken andererseits wird in dem Handbuch Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit (Keller-Loibl 2021) vorgenommen und kann hier nur in ihren Grundzügen dargestellt werden. Um eine Vorstellung von der aktuellen Größenordnung in Deutschland zu geben: Die Zahl der Öffentlichen Bibliotheken mit unterschiedlich ausgebauten Beständen für Kinder und Jugendliche liegt nach der Deutschen Bibliotheksstatistik (DBS) je nach Zählung zwischen 10.000 und 12.000, darunter auch die mehr als 3.000 überwiegend ehrenamtlich betreuten kirchlichen Büchereien, die gerade für Kinder und Jugendliche in vielen ländlichen Regionen eine bedeutende Rolle spielen. Mit hinzugenommen sind bei dieser Zählung ebenfalls Schulbibliotheken und Fahrbibliotheken. Diese Zahlen bieten im Blick auf Kinder- und Jugendbibliotheken nur ungefähre Anhaltspunkte, da in der DBS Zahlen aus unterschiedlichen Einrichtungstypen und Organisationsformen zusammenfließen, die keine ganz genauen Rückschlüsse auf Organisation und Qualität der Kinder- und Jugendbuchbestände – als mehr oder weniger eigenständige Abteilung – in öffentlichen kommunalen und kirchlichen Bibliotheken, Schul- und Fahrbibliotheken erlauben. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Öffentlichen Bibliotheken, egal in welcher Trägerschaft und Größe, seit jeher der Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen besondere Aufmerksamkeit schenken. Das gilt unter dem Aspekt der frühkindlichen, elementaren und primären Bildung vor allem auch für die letzten 20 Jahre, in denen Kernkompetenzen wie Sprachfrühförderung, Leseförderung sowie Medien- und digitale Kompetenz in den Fokus der Bildungsarbeit von Kindergärten und Schulen gerückt sind. So haben die für Deutschland kritischen PISA-Ergebnisse Anfang der 2000er in allen Bundesländern verstärkte Anstrengungen zur Beseitigung der vorhandenen Defizite nach sich gezogen, die auch in Kinder- und Jugendbibliotheken vielfältige Aktivitäten in diesen Bereichen ausgelöst haben. Gleichzeitig ist aber auch kritisch zu hinterfragen, ob und wie sich Bibliotheken hier mit ihren Angeboten für Kinder in den Dienst der Bildungspolitik stellen und lediglich Defizite auszubessern helfen oder aber ein eigenständiges Profil entwickeln, das auch andere Aspekte der Kulturellen Bildung und sozialen Inklusion mit in den Blick nimmt (Brandt 2010).

3 Bildungsverständnis in Kinder- und Jugendbibliotheken

Gefragt ist hier vor allem eine Auseinandersetzung mit dem Bildungsverständnis in Kinder- und Jugendbibliotheken, bei dem Begriffe wie Bibliothekspädagogik, Kulturelle Bildung, Medienpädagogik oder in neuerer Zeit auch Bildung für nachhaltige Entwicklung teils miteinander konkurrieren, teils inspirierend aufeinander wirken – und in sich wiederum jeweils ganz unterschiedliche Ausprägungen zeigen. Es lässt sich derzeit also kein einheitliches Bildungskonzept von Kinder- und Jugendbibliotheken beschreiben. Der Diskurs findet in zahlreichen Fachveröffentlichungen statt, bei den jährlichen Bibliothekskongressen und Bibliothekarstagen wie besonders auch alle zwei Jahre beim Forum Bibliothekspädagogik. Bei diesem Forum handelt es sich um ein deutschlandweites Kooperationsprojekt von vier Hochschulen mit bibliothekswissenschaftlichen Studiengängen: der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, der Technischen Hochschule Köln und der Hochschule der Medien Stuttgart. Die Hochschulen kooperieren mit dem Berufsverband Information Bibliothek e.V. und ausgewählten Bibliotheken am Veranstaltungsort.

4 Bildung für nachhaltige Entwicklung in Kinder- und Jugendbibliotheken

Zu den zahlreichen Themen, die im Rahmen des Forums aktuell ins Gespräch gebracht worden sind, zählen u.a. die Kulturelle Bildung und in vielfältiger Hinsicht damit verbunden auch die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) als ein möglicher Ansatz für Kinder- und Jugendbibliotheken (Brandt 2022). Bei Bildung für nachhaltige Entwicklung – um hier einen Ansatz exemplarisch etwas genauer zu betrachten – geht es um Querschnittsaufgaben, die nur gelingen können, wenn viele Beteiligte aus unterschiedlichen Disziplinen und Berufsfeldern daran mitwirken – so auch Kinder- und Jugendbibliotheken. Dabei beschränken sich ihre Aufgaben nicht auf eine bloße Wissensvermittlung durch die Bereitstellung von Informationen und Medien, auf ein Recherchetraining oder eine Gebrauchsanweisung für bestimmte Tools und Techniken zum Themenspektrum von Nachhaltigkeit. Vielmehr geht es um die Bereitschaft, mit anderen Akteuren neue Sicht- und Handlungsweisen zu erkunden und sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Erst in der Verknüpfung mit unterschiedlichen Wegen der Wahrnehmung und des Erlebens – im Sozialen, im Kulturellen, in der Natur – können Informationen eine Veränderung der Haltung und damit der Perspektive, der Denk- und Handlungsweisen bewirken. Was also macht BNE als pädagogischer Ansatz für Kinder- und Jugendbibliotheken so interessant?

Durch die handlungsorientierten Ansätze bei BNE werden konkrete Verbindungen der Bibliotheksmedien zur Umwelt, zur Alltagspraxis und zu anderen lokalen Akteuren erfahrbar – und zwar im Kontext einer großen Themenvielfalt, wie sie sich etwa mit den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung offenbart. Die dafür nötige Bereitschaft, von und mit anderen Partnern gemeinsam zu lernen und sich weiterzuentwickeln, trägt zur Qualitätsentwicklung von Kinder- und Jugendbibliotheken bei. Denn Lernen im Sinne von BNE geschieht nie nur in eine Richtung, sondern wirkt wechselseitig. Überall dort, wo es in Kinder- und Jugendbibliotheken um eine ganzheitliche und kreative Erzähl-, Sprach- und Leseförderung geht, beginnt ein Denken in Zusammenhängen beim sinnentnehmenden Zuhören und Lesen von Geschichten und Sachtexten. Viele methodische Ansätze aus der BNE können diesen Prozess sinnvoll unterstützen und begleiten. BNE ist nicht auf eine enge Zielgruppe im Kinder- und Jugendalter beschränkt, sondern bietet durch die große Methoden- und Themenvielfalt pädagogische Handlungsmöglichkeiten bei Angeboten für Eltern-Kind-Gruppen und Kitas wie auch für die schulische wie außerschulische Bildung aller Altersgruppen. (Brandt 2020, S. 332–335).

Von zahlreichen Fördermöglichkeiten für Projekte, die sich methodisch wie thematisch an einer Bildung für nachhaltige Entwicklung orientieren, profitieren auch Kinder- und Jugendbibliotheken, die sich mit diesem Ansatz vertraut machen und in ihrer Praxis ideenreich verwirklichen (s. dazu Zukunftsbibliotheken-sh.de),

5 Rechtliche Grundlagen für Kinder- und Jugendbibliotheken

Dass solche und andere Bildungskonzepte in Kinder- und Jugendbibliotheken konzipiert, nachhaltig verankert und über Jahre systematisch weiterentwickelt werden können, setzt voraus, dass eine entsprechende Ausstattung mit Personal, Mitteln und Räumlichkeiten die dafür nötige Planungssicherheit gewährleistet. Doch das ist noch längst nicht überall selbstverständlich. Während Öffentliche Bibliotheken und Kinderbibliotheken seit 1945 in angloamerikanischen Ländern und Skandinavien, später auch in asiatischen Staaten wie Südkorea und Singapur eine verbindliche Verankerung und Wertschätzung im öffentlichen Bildungswesen erfahren haben, zeigt sich die Situation von Kinder- und Jugendbibliotheken in Deutschland bis heute eher heterogen. Hier fehlt eine überregional wirksame Einrichtung, die eine Qualitätssicherung und Weiterentwicklung in der Fläche voranbringen könnte. Immerhin hat die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ 2007 in ihrem Abschlussbericht (Deutscher Bundestag 2007) die Bedeutung von Kinder- und Jugendbibliotheken für die Sprachförderung, Lesemotivation und Medienpädagogik herausgearbeitet und davon Empfehlungen zur besseren Wahrnehmung ihrer außerschulischen Bildungsrolle abgeleitet. Durch die föderale Prägung in Deutschland finden die Empfehlungen seither vor allem in einzelnen Bibliotheksgesetzen der Länder auf unterschiedliche Weise Berücksichtigung. Der Ausbau von Bildungslandschaften, in denen Kinder- und Jugendbibliotheken sich in Kooperation mit Kitas, Schulen und Institutionen der kulturellen Bildung weiterentwickeln, gehört ebenso zu den erfolgreichen Modellen der neueren Zeit wie auch das Bemühen um eine Professionalisierung der Bibliothekspädagogik an den Hochschulen. Kompetenzen und Erfahrungen im Umgang mit digitalen Medien nehmen dabei bereits seit vielen Jahren einen bedeutenden Raum ein. Ebenso rücken junge Familien in den Blick, die vor allem in der Kinderbibliothek als „dritter Ort“ eine Umgebung vorfinden, die von Offenheit, Inspiration, Begegnung und wohltuender Aufenthaltsqualität geprägt ist.

6 Kinderrechtskonvention als internationaler Orientierungsrahmen für Kinderbibliotheken

Abgesehen von der Forderung nach wirksamen Bibliotheksgesetzen, die gemeinsam dazu beitragen könnten, bundesweit eine zeitgemäße Ausstattung von Kinder- und Jugendbibliotheken mit ihren vielfältigen kulturellen und pädagogischen Aufgaben besser abzusichern, lässt sich noch ein anderes internationales und rechtlich bindendes Abkommen als Orientierungsrahmen für die Forderung nach Kinder- und Jugendbibliotheken mit heranziehen: die Kinderrechtskonvention. 1989 hatten die Vereinten Nationen mit dem Übereinkommen über die Rechte des Kindes erstmals ein Abkommen unterzeichnet, das die internationale Anerkennung der Menschenrechte für Kinder festschreibt und verbindliche Mindeststandards zum Wohle der 0- bis 18jährigen definiert. Auch für Kinder- und Jugendbibliotheken stellt die Konvention eine besondere Herausforderung dar, berührt sie doch in mehreren Punkten wesentliche Fragen der Mitbestimmung, der Bildungs- und Informationsbedürfnisse wie insgesamt des seelischen und körperlichen Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen. Mit acht Leitgedanken (Brandt 2015) im Blick auf die Aufgaben von Kinder- und Jugendbibliotheken lassen sich wesentliche Aspekte aus der Kinderrechtskonvention so auf den Punkt bringen, dass sich daraus konkrete Chancen und Forderungen für mehr Bildungsgerechtigkeit, Persönlichkeitsentwicklung und Partizipation durch Kinder- und Jugendbibliotheken ergeben. Es geht in diesem Kontext weltweit um die verbesserte Zugänglichkeit zu Kinder- und Jugendbibliotheken in strukturschwachen Regionen bzw. für sozial benachteiligte Kinder und Familien in Städten und Gemeinden, für die niederschwellige Möglichkeiten zur außerschulischen Bildung, Begegnung und Entfaltung von kreativen, ästhetischen und medialen Ausdrucksformen besonders bedeutsam sind. Weltweit betrachtet gehören zu den Initiativen, die sich in eindrucksvoller Weise für die Verwirklichung dieser Anliegen durch Kinder- und Jugendbibliotheken einsetzen, zum Beispiel das Bücherbus-Projekte „Charmaghz“ in Afghanistan, die Kinderbibliotheks-Projekte von „Pan y Arte“ in Nicaragua oder Initiativen wie Pearple Read in Ghana – um nur einige zu nennen (Brandt 2020, S. 238–241).

7 Fazit

Da eine rechtlich verbindliche Grundlage für eine verlässliche Absicherung von Kinder- und Jugendbibliotheken im Blick auf eine optimale Ausstattung, Personalsituation und Qualitätsentwicklung bis heute nicht gegeben ist, bleibt es schwierig, von einem bundesweit einheitlichen Niveau der wichtigsten Standards zu sprechen. Gleichzeitig bekommen in der öffentlichen Berichterstattung zu Kinder- und Jugendbibliotheken vor allem „Vorzeige-Bibliotheken“ im In- und Ausland eine besondere Aufmerksamkeit: wie z.B. die Stadtteilbibliothek in Köln-Kalk, DOKK1 in Aarhus und ganz besonders die Kinder- und Jugendbibliotheken im Design des Architekten Aat Vos (Vos 2020) in verschiedenen Ländern und Städten. Sie lassen ahnen, wohin die Reise führen könnte. Zweifellos gehen von solchen Modellen wichtige Botschaften und Inspirationen aus, die Einfluss nehmen können auf die Entwicklung in vielen Städten und Regionen. Zugleich aber gilt es, die Bedeutung von Bibliotheksarbeit für Kinder- und Jugendliche nicht allein an gelungenen Ausnahmeerscheinungen und architektonisch herausragenden Lösungen zu messen. Kinder- und Jugendbibliotheken, verstanden als Teil der Daseinsvorsorge, brauchen gerade auch im Kleinen und ganz besonders im ländlichen Raum besondere Anerkennung und Unterstützung bei ihren oft unterschätzten Möglichkeiten. Jürgen Seefeld stellt in seiner Darstellung zur Rolle von Bibliotheken im ländlichen Raum abschließend fest: „Wenn […] Kulturelle Bildung für die Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen als unverzichtbar erklärt wird, dann kann das konsequenterweise nur bedeuten, dass alle Aspekte rund um Kulturelle Bildung mit guten Ideen und langfristigen Aktionen, fairen Kooperationsmodellen und einfach handhabbaren Vorgaben, vor allem aber mit angemessenen finanziellen Ressourcen und Anreizen zur Teilnahme kontinuierlich begleitet und gefördert werden sollten. […] Alle zur Teilnahme motivierten Kultur- und Bildungseinrichtungen müssen sich auf Augenhöhe mit dem Ziel begegnen und vernetzen, praktikable und faire Kooperationsmodelle abschließen zu wollen.“ (Seefeld 2018) Hier gilt es, das Selbstbewusstsein der kleineren Kinder- und Jugendbibliotheken zu stärken und sie zu ermutigen, sich immer wieder einzubringen in Projekte und Kooperationen. Gerade im ländlichen Raum lässt sich gemeinsam mehr bewegen und verändern, wenn Bibliotheken für Kinder und Jugendliche nicht vorrangig als Gebäude, sondern vielmehr als Idee gedacht werden: offen für Veränderungen, Mitgestaltung und Zusammenarbeit in einem lebendigen Netzwerk.

8 Quellenangaben

Brandt, Susanne, 2010. Mit PISA in die Schieflage. Ein Essay. In: LIBREAS: Library Ideas. 2010. 16 [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://libreas.eu/ausgabe16/​texte/​01brandt.htm

Brandt, Susanne, Daniele Skokovic, 2015. Kinderbibliotheken sind Kinderrecht!?: Positionen, Erfahrungen und Perspektiven im binationalen Dialog: Konferenzveröffentlichung [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://opus4.kobv.de/opus4-bib-info/​frontdoor/​index/​index/​docId/1932

Brandt, Susanne, 2020. »Es braucht einen Perspektivwechsel« Bildung für nachhaltige Entwicklung in Bibliotheken. In: BuB – Forum Bibliothek und Information, 2020. 06. S. 332–335 [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://b-u-b.de/fileadmin/​archiv/​jahrgang_2020/​2020-06.pdf

Brandt, Susanne, 2020. »Es sind Menschen, die Geschichte(n) schreiben« Erfahrungsberichte zur Corona-Krise aus aller Welt. In: BuB – Forum Bibliothek und Information, 2020. 05. S. 238–241 [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://b-u-b.de/fileadmin/​archiv/​jahrgang_2020/​2020-05.pdf

Brandt, Susanne, 2022. Bibliotheken und Nachhaltigkeit I: Kultur und Umweltbildung. In: Zukunftsbibliotheken-sh. Gemeinsam für nachhaltige Entwicklung. Flensburg: Büchereizentrale [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://zukunftsbibliotheken-sh.de/start/blog/bibliotheken-im-spannungsfeld-zwischen-kultur-und-umweltbildung.html

DBS – Deutsche Bibliotheksstatistik [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://www.bibliotheksstatistik.de/

Deutscher Bundestag, 2007. Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://dserver.bundestag.de/btd/16/070/1607000.pdf

Hohlfeld, Klaus, Hrsg., 1982. Die Schulbibliothek: Texte zu ihrer Geschichte und Theorie. Bad Honnef: Bock + Herchen. ISBN 978-3883470924

Keller-Loibl, Kerstin, Hrsg., 2021. Handbuch Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit. 3. Überarb. Aufl. Bad Honnef: Bock + Herchen. ISBN 978-3-88347-310-9

Lepman, Jella, 2020. Die Kinderbuch-Brücke. München: Kunstmann. ISBN 978-3-95614-392-2

Seefeld, Jürgen, 2018: Öffentliche Bibliotheken und ihre Rolle für Bildung und Kultur in ländlichen Räumen. In: Kubi-online: Der Wissensspeicher zu Forschung, Theorie & Praxis Kultureller Bildung [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://www.kubi-online.de/artikel/​oeffentliche-bibliotheken-ihre-rolle-bildung-kultur-laendlichen-raeumen

Vos, Aat, 2020 [Interview] [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://www.creative.nrw.de/news/artikel/​aat-vos-aatvos-bv.htm

Wild, Reiner, Hrsg., 2007. Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. 3. Auflage. Stuttgart: Metzler. ISBN 978-3476019806 Zukunftsbibliotheken in Schleswig-Holstein https://zukunftsbibliotheken-sh.de/ [Zugriff am: 19.02.2022].

9 Literaturhinweise

Arche Nova, 2020. Einführung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im öffentlichen Bibliothekswesen in Sachsen: Dresden [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://arche-nova.org/sites/​default/​files/​content/​dokumente/​BNE_Bibos_Materlsmmlg_arche_noVa.pdf

Brandt, Susanne, 2008. Lauschen und Lesen: Hörerlebnisse in der Sprach- und Leseförderung von Kinderbibliotheken. Berlin: Simon. ISBN 978-3-940862-06-8

Brandt, Susanne, 2018. Mit Worten wachsen: Bibliotheksengagement für nachhaltige Kulturelle BildungIn: Kubi-online: Der Wissensspeicher zu Forschung, Theorie & Praxis Kultureller Bildung [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://www.kubi-online.de/artikel/​worten-wachsen-bibliotheksengagement-nachhaltige-kulturelle-bildung

Haase, Jana, 2010. Was ist und was kann Bibliothekspädagogik? In: LIBREAS: Library Ideas. 2010. 16 [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://libreas.eu/ausgabe16/​texte/​02haase.htm

Keller-Loibl, Kerstin, 2012. Das Image von Bibliotheken bei Jugendlichen: Empirische Befunde un Konsequenzen für Bibliotheken. Bad Honnef: Bock + Herchen. ISBN 978-3-88347-292-8

Keller-Loibl, Kerstin und Susanne Brandt, 2015. Leseförderung in Öffentlichen Bibliotheken. Berlin: De Gruyter. ISBN 978-3-1103-3688-7

Reckling-Freitrag, Kathrin, 2017. Bibliothekspädagogische Arbeit: Grundlagen für MitarbeiterInnen in (Schul-)Bibliotheken. Frankfurt: Debus. ISBN 978-3-954140-86-2

Schuldt, Karsten, Rudolf Mumenthaler und Ekaterina Vardanyan, 2017.Schulbibliotheken in der bibliothekarischen Literatur kontra Schulbibliotheken in der Praxis. In: Bibliothek Forschung und Praxis., 2017. 02 [Zugriff am: 19.02.2022]. Verfügbar unter: https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/bfp-2017-0025/html

10 Informationen im Internet

Verfasst von
Susanne Brandt
Mailformular

Es gibt 2 Lexikonartikel von Susanne Brandt.

Zitiervorschlag
Brandt, Susanne, 2022. Kinder- und Jugendbibliothek [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 15.03.2022 [Zugriff am: 29.09.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Kinder-und-Jugendbibliothek

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.