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Kinderarmut

Margherita Zander

veröffentlicht am 22.01.2020

Je nach politischer Einstellung und fachlicher Perspektive wird Kinderarmut anhand des Familieneinkommens oder deutlich komplexer z.B. aufgrund unterschiedlicher Lebenslagen und Teilhabemöglichkeiten definiert. Die Kinderarmutsforschung befasst sich insbesondere mit den Ursachen, der Prävention und der Überwindung von Kinderarmut.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Dimensionen von Kinderarmut
  3. 3 Erscheinungsformen und Folgen von Armut
  4. 4 Ausmaß der Kinderarmut in Deutschland
  5. 5 Ursachen von Kinderarmut
  6. 6 Wie erleben und bewältigen Kinder Armut?
  7. 7 Kommunale Armutsprävention
  8. 8 Maßnahmen zur Bekämpfung von Kinderarmut
  9. 9 Quellenangaben
  10. 10 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

In der Statistik wird Kinderarmut an Hand des familiären Einkommens ausgewiesen. Als arm gilt ein Kind, das in einer Familie lebt, deren Einkommen das politisch definierte Existenzminimum unterschreitet und auf staatliche Unterstützung (Leistungen nach dem SGB II oder SGB XII) angewiesen ist. Da es auch Familien gibt, die solche Leistungen nicht in Anspruch nehmen, ist bei dieser Armutsmessung mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen.

Als relativ arm oder armutsgefährdet werden dagegen Kinder eingestuft, die in Haushalten aufwachsen, deren Einkommen 60 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens unterschreitet. Diese Definition ist auf europäischer Ebene gebräuchlich. Nach dieser Definition wird naturgemäß eine höhere Armutsquote ausgewiesen, da die Armutsschwelle in diesem Fall höher liegt als die politisch definierte.

In der qualitativen Kinderarmutsforschung werden jedoch andere Armutskonzepte zugrunde gelegt, da Armut sich nicht nur am Einkommen festmachen lässt. Hier sind mehrdimensionale Armutskonzepte, so beispielsweise das Lebenslagenkonzept, gebräuchlich, das die Auswirkungen von Armut an der Unterversorgung in verschiedenen Lebensbereichen festmacht. Hier werden neben dem Einkommen auch armutsbedingte Auswirkungen auf Gesundheit, Bildung, soziale Kontakte und Wahlmöglichkeiten berücksichtigt.

Kinderarmut ist auch in Wohlfahrtsstaaten wie der Bundesrepublik Deutschland seit Jahren eines der drängendsten sozialen Probleme. 2017 waren ca. 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren davon betroffen (Prognos 2017). Wir sprechen hier nicht von absoluter Armut, wie wir sie aus Entwicklungsländern kennen; vielmehr haben wir es mit vielfältigen Formen von relativer Armut zu tun. Insbesondere betroffen sind Kinder aus Familien von Alleinerziehenden, aus Mehrkinder- und MigrantInnenfamilien, Kinder von erwerbslosen Eltern oder von GeringverdienerInnen. Dabei können die dringendsten Grundbedürfnisse in der Regel zwar gedeckt werden, aber dennoch treten in fast allen Lebensbereichen Defizite auf, sodass Verzicht geleistet werden muss. Vor allem macht sich das in der gesundheitlichen Versorgung sowie im Bildungs- und Freizeitbereich bemerkbar, insbesondere darin, dass Fähigkeiten und Neigungen der Kinder nicht gefördert werden können. Arme Kinder sind nicht nur „arm dran“, sondern auch „arm drauf“, so eine österreichische Studie zu der Frage, wie Mädchen und Jungen Armut erleben und bewältigen (Kromer und Horvat 2012). Aufwachsen in Armut, ständig auf etwas verzichten und zurückstecken zu müssen, wirkt sich auch auf das Selbstbewusstsein und das Lebensgefühl der Kinder aus. Allerdings haben Studien gezeigt, dass es unterschiedliche individuelle Bewältigungsformen gibt, und dass sich diese auch je nach den spezifischen Umständen der kindlichen Lebenslage unterscheiden.

Armut wird gerade im Alltag spürbar; den entsprechenden Folgen lässt sich daher auf kommunaler Ebene am wirkungsvollsten begegnen. Deshalb sind vor allem die Kommunen, die Kinder- und Jugendhilfe und das Bildungswesen dazu aufgefordert, mit ihrer Armutsprävention in der Lebenswelt der Kinder anzusetzen. Grundsätzlich jedoch bleibt es Aufgabe der Sozial- und Gesellschaftspolitik auf Bundesebene, die Ursachen von Armut zu bekämpfen.

Zu bedenken ist ferner, dass Kinderarmut auch Langzeitfolgen haben kann, weil beispielsweise altersgemäße Entwicklungsaufgaben nicht oder nur verspätet – und dann mit hohem Aufwand – nachgeholt werden können. Auch deswegen zählt Kinderarmut zu den gravierenden Risiken für die kindliche Entwicklung.

2 Dimensionen von Kinderarmut

Kinderarmut resultiert in der Regel aus Familienarmut. Allerdings sind die Auswirkungen von Armut auf Kinder spezifischer Natur.

Gebräuchlich ist die Definition von Armut als kindlicher Lebenslage. Demnach hat familiäre Armut Unterversorgung in wesentlichen Lebensbereichen des Kindes zur Folge. Fünf Dimensionen kommen hier besonders zum Tragen:

  1. Unterversorgung in der materiellen Grundausstattung (Ernährung, Kleidung, Lernutensilien, Spielsachen etc.)
  2. Beeinträchtigung der Gesundheit (ungesunde Ernährung, häufig mit Übergewicht verbunden, nicht witterungsgemäße Kleidung, Versäumnisse bei Vorsorgeuntersuchungen, schlechte Zähne)
  3. Beeinträchtigungen bei der Aufnahme sozialer Kontakte und in den Beziehungen zu Gleichaltrigen (z.B. bei SpielkameradInnen und Freundschaften)
  4. Einschränkungen bei den kindlichen Bildungs- und Erfahrungsmöglichkeiten (insbesondere bei der Entwicklung von individuellen Fähigkeiten und Neigungen)
  5. Benachteiligungen bei der sozialen Teilhabe.

Besonders gravierend wirken sich die Folgen von Armut auf die Bildungschancen und das Selbstwertgefühl aus.

Begreift man Armut als Beeinträchtigung des kindlichen Wohlbefindens, wie sie UNICEF definiert (UNICEF 2007), wird auch die subjektive Wahrnehmung und Befindlichkeit des Kindes berücksichtigt. Arme Kinder fühlen sich nicht selten ausgegrenzt und sozial diskriminiert.

3 Erscheinungsformen und Folgen von Armut

In entwickelten Wohlfahrtsstaaten begegnet man normalerweise nicht absoluten Formen von Armut, denn die elementaren Grundbedürfnisse sind in der Regel mehr oder weniger abgedeckt, auch wenn es ständig Engpässe zu bewältigen gilt. Nachweislich gibt es aber unterschiedlich abgestufte Schweregrade, sodass in der Armutsforschung bisweilen differenziert wird zwischen Menschen, die in strenger Armut leben, also über weniger als 40 % des durchschnittlichen Einkommens verfügen (dies trifft im Wesentlichen auf Haushalte mit Hartz IV- oder Sozialhilfebezug zu), und solchen, die als relativ einkommensarm gelten, weil ihr Einkommen unterhalb der 50 %-Schwelle liegt. Daneben existiert die Gruppe der Armutsgefährdeten, die ebenfalls in die Armutsstatistiken aufgenommen werden, weil ihre finanzielle Ausstattung als stark unterdurchschnittlich eingestuft wird, da sie weniger als 60 % des gewichteten Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben (cecu.de o.J.). Darunter muss man sich diejenigen Familien vorstellen, die sich am Rande von Armut entlanghangeln.

Vom Grad der familiären Armut hängt natürlich ab, wie sehr ein Kind von den Folgewirkungen betroffen ist. Abgestufte Ausprägungsgrade von Armut können zudem auch Folge unterschiedlicher Dauer von Armutsbetroffenheit sein: Selbstredend verschärft Langzeitarmut den Beeinträchtigungsgrad in allen Lebensbereichen, während kurzzeitige Armutsphasen leichter überbrückt werden können. Besonders benachteiligend wirken sich Formen sogenannter „chronischer Armut“ auf die Entwicklungschancen von Kindern aus, also Fälle, in denen Armut von einer Generation auf die nächste gewissermaßen „sozial vererbt“ wird und wo es darum geht, den sogenannten „Teufelskreis der Armut“ (World Vision Institut o.J.) zu durchbrechen (von Welser 2009).

Zu berücksichtigen ist auch das Alter der Kinder: Ein Baby wird durch familiäre Armut anders betroffen sein als etwa ein Vorschul- oder Grundschulkind, Jugendliche erfahren Armut anders als jüngere Kinder. Die meisten Studien beziehen sich allerdings auf Grundschulkinder (Richter 2000; Chassé, Zander und Rasch 2003; Holz und Skoluda 2003; Holz und Puhlmann 2005; Andresen und Galic 2015; Tophoven et al. 2015). Eine Ausnahme bildet die bisher einzige deutsche Längsschnittstudie zu Kinderarmut – die AWO-ISS-Studie –, die 1997 mit einer Gruppe von Kindern im Vorschulalter gestartet ist und diese bis ins frühe Jugendalter begleitet hat (Hock, Holz und Wüstendörfer 2000; Laubstein et al. 2012). Eine Längsschnittbetrachtung zu Armutsmustern in Kindheit und Jugend hat auch ein AutorInnenteam des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung (Tophoven et al. 2017) vorgelegt.

Eine vergleichende Sicht auf die Lage von Kindern allgemein und solchen in Armut nehmen die World Vision Kinderstudien ein (World Vision Deutschland 2007; World Vision Deutschland 2010; World Vision Deutschland 2013; World Vision Deutschland 2018). Hierfür werden Kinder im Alter zwischen sechs bis elf Jahren nach ihrem Wohlbefinden und ihren Haltungen zu wichtigen Lebensthemen wie Familie, Schule, Fluchterfahrung, Armut, Freundschaft und Mitbestimmung (mit wechselnden Schwerpunkten) befragt. Vergleiche zur Lebenslage von armen und nicht-armen Kindern lassen sich auch der erst kürzlich durchgeführten Studie von Andresen und Möller (2019) zu Bedarfen von Kindern und Jugendlichen (acht bis 14 Jahre) ableiten. „Zentrale Einflussfaktoren und Folgen für die soziale Teilhabe“ bei unter 15-Jährigen hat ebenfalls ein AutorInnenteam des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (Tophoven et al. 2018) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung untersucht.

4 Ausmaß der Kinderarmut in Deutschland

Aktuell gelten beinahe drei Millionen Kinder in Deutschland als arm oder armutsgefährdet; der Familienreport von 2017 spricht von 2,8 Millionen Kindern (BFSFJ 2017; Prognos 2017), wobei von einer zunehmenden Tendenz auszugehen ist. Fast jedes siebte Kind (14.6 %) lebt in einem Hartz IV-Haushalt, ist also im strengen Sinne von Armut betroffen. In der Armutsforschung und in Armutsberichten, wie beispielsweise dem des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, wird immer wieder darauf hingewiesen, dass das Niveau der Regelsätze und insbesondere auch der Kinderregelsätze nicht bedarfsdeckend ist (Der Paritätische 2018). Armut wird mit dem aktuellen Mindestsicherungsniveau nicht beseitigt.

Regional gesehen existiert ein deutliches Nord-Süd- und ebenso ein Ost-Westgefälle: Grob lässt sich sagen, dass der Norden Deutschlands höhere Armutsquoten aufweist als der Süden, der Osten höhere als der Westen, obwohl auch hier wiederum kleinräumig zu differenzieren ist und es zu einer allmählichen Annäherung zwischen Ost- und Westdeutschland kommt. Daneben ist in der Regel ein deutliches Stadt-Landgefälle zu verzeichnen: Größere Städte und insbesondere die Stadtstaaten sind stärker von Armut betroffen als eher ländliche Regionen; eine Ausnahme bilden hier Regionen mit starkem Strukturwandel, die dann auch überdurchschnittliche Armutsquoten aufweisen, wie z.B. das ohnehin städtisch geprägte Ruhrgebiet (WSI 2015; Röhl und Schröder 2017; Deutscher Bundestag 2017).

5 Ursachen von Kinderarmut

Der Vorwurf, die Politik räume der Bekämpfung von Kinderarmut nicht die nötige Priorität ein, lässt sich gerade mit Blick auf den Umstand erhärten, dass die von Armut besonders heftig betroffenen sozialen Gruppen seit eh und je gleich geblieben sind: Es handelt sich um

  • Kinder von Alleinerziehenden, deren Armutsgefährdung mit 46 % besonders hoch ist
  • Kinder, die in Familien leben, in denen ein Elternteil oder gar beide erwerbslos sind
  • Kinder, die in Mehrkinderfamilien aufwachsen, mit zwei oder mehr Geschwistern
  • Kinder, deren Eltern gering qualifiziert sind, ein niedriges Einkommen beziehen (working poor) oder prekären Beschäftigungen nachgehen
  • Kinder, die zu einer Familie mit Migrationsgeschichte gehören
  • und inzwischen vermehrt auch Kinder, deren Familien nach Deutschland geflüchtet sind, sofern ein rascher Einstieg der Erwachsenen in den Arbeitsmarkt nicht gelingt.

Als Ursachen lassen sich hiermit benennen:

  • nicht zielgerecht zugeteilte staatliche Leistungen, da der Familienlastenausgleich eine deutliche soziale Schieflage aufweist
  • unzureichende Unterstützung von Alleinerziehenden, die in vielen Fällen damit überfordert sind, neben der Erziehung und Betreuung der Kinder auch für den Unterhalt zu sorgen
  • die immer noch nicht bedarfsgerecht ausgebaute öffentliche Kinderbetreuung, vor allem für die unter Dreijährigen und Grundschulkinder
  • die immer noch nicht genügend auf die Bedürfnisse von Familien zugeschnittene Arbeitswelt
  • ein zu niedrig angesetzter Mindestlohn, der selbst bei Vollzeitarbeit kein existenzsicherndes familiäres Einkommen garantiert
  • mangelhafte Bemühungen um die Integration von Menschen mit Migrationsgeschichte und von Flüchtlingen.

6 Wie erleben und bewältigen Kinder Armut?

Armut als beeinträchtigtes Wohlbefinden und als Entwicklungsrisiko wirft die Frage auf, wie Kinder individuell mit den armutsbedingten Folgen umgehen, wie sie also ihre durch die familiäre Notlage geprägte schwierige Lebenssituation bewältigen.

Die Bewältigungsformen hängen von verschiedenen Faktoren ab: Alter, Geschlecht und Position in der Geschwisterabfolge können hierbei eine Rolle spielen, individuelle Charaktereigenschaften sich je nachdem eher hilfreich oder hinderlich auswirken. Außerdem müssen wir zur Erklärung auch spezifische äußere Umstände heranziehen, ob es z.B. im familiären und sonstigen Umfeld soziale Unterstützung und entsprechende Netzwerke gibt. Nicht zuletzt ist oft der Umgang der Erwachsenen – in der Regel der Eltern – mit der Situation ausschlaggebend. Eltern haben für ihre Kinder nicht nur Vorbildfunktion, sondern gestalten durch Haushaltsführung und Erziehungsstil ganz entscheidend die kindliche Alltagsrealität mit (Chassé, Zander und Rasch 2003).

Psychologisch gesehen kann man zwei grundsätzlich verschiedene Bewältigungstypen ausmachen (Richter 2000): Kinder, die eher nach Strategien suchen, um das Problem für sich in der einen oder anderen Weise zu lösen, und solche, die eher die Augen davor verschließen, es verdrängen und Vermeidungsverhalten an den Tag legen.

So trifft man einerseits auf Kinder, die das Problem mit sich selbst ausmachen, sei es nun durch Senkung eigener Ansprüche oder durch Rückzug in innere Welten. Ein solches Kind äußert dann erst gar nicht den Wunsch, wie andere Gleichaltrige gekleidet zu sein oder flüchtet sich in Fantasiewelten, in denen es keinen Mangel leidet. Ein anderer Weg führt über Ersatzhandlungen, bei denen ein Kind gewünschte Dinge entweder abwertet – nach dem Motto „brauch ich nicht“ und „gefällt mir nicht“ – oder impulsiv Ersatzobjekte konsumiert, frei nach der Devise: „Wenn das Taschengeld schon nicht reicht, um mit dem Autoskooter zu fahren, kaufe ich mir wenigstens einen Lutscher“. Das Kind greift also zu Strategien, die wohl in irgendeiner Weise kompensierend wirken, das eigentliche Problem aber „überspringen“ (ebd.).

Andererseits finden sich Kinder, die sich in mehr oder weniger kluger Form der Lage stellen. Solche Kinder suchen sich emotionale Unterstützung, schauen sich nach Hilfe um und verhalten sich anderen gegenüber solidarisch, dürfen im Gegenzug dann aber auch selbst Hilfe von anderen erwarten. Heftiger geht es dagegen zu, wenn ein Kind das Problem an die Umwelt weiterreicht, indem es sich nach außen entlastet, vielleicht sogar aggressiv wird, klaut oder andere betrügt (ebd.).

Mädchen und Jungen entwickeln genderspezifische Bewältigungsstrategien, die sich auch zudem nach den jeweiligen Altersphasen unterscheiden. Jungen wählen tendenziell dabei eher Strategien, die zu extrovertiertem Verhalten neigen, Mädchen eher zurückhaltendere, ziehen sich zurück oder passen sich an. Es hat sich gezeigt, dass leicht androgyn gefärbte Bewältigungsmuster besonders erfolgreich sein können (Zander 2015).

Wie individuell verschieden Kinder mit der familiären Armutssituation zurechtkommen, zeigt sich, wenn man den Umgang von Kindern in ähnlichen familiären Notlagen miteinander vergleicht. Dabei findet man nämlich ein breitgefächertes Spektrum von Verarbeitungsweisen: Dieses Spektrum reicht von „durch die materielle Notlage kaum beeinträchtigten Kindern“ bis hin zu in ihrer Wahrnehmung und ihrem Empfinden „mehrfach benachteiligten oder gar vernachlässigten Kindern“ (Chassé, Zander und Rasch 2003). Dazwischen treffen wir auf ein breites Mittelfeld von Kindern, die mit der Situation teils gut zurechtkommen, teilweise aber auch schwerwiegende Beeinträchtigungen aufweisen.

Die Kinderarmutsforschung hat mittlerweile weitgehend klären können, warum ein Teil der Mädchen und Jungen trotz schwierigster materieller Notlage der Familie nahezu unbeeinträchtigt erscheint und in allen Lebenswelten – Familie, Schule, Gleichaltrigenbeziehungen – gut zurechtkommt, während andere in vergleichbaren materiellen Lebenslagen völlig überfordert wirken und eindeutig Schaden nehmen.

Entscheidend dafür, wie Kinder teilweise auch länger anhaltende Armutssituationen zu bewältigen vermögen, kann die familiäre Situation sein (Laubstein, Holz und Seddig 2016): Erfährt das Kind in der Familie Unterstützung? Wie ist die Eltern-Kind-Beziehung? Nehmen die Eltern Anteil an der Lebensgestaltung des Kindes? Geben sie ihm die nötige Unterstützung und zeigen ihm Wege auf, wie es mit den Einschränkungen besser umgehen kann?

Aber auch Kita und Schule können die Bewältigungsmöglichkeiten des Kindes beeinflussen (ebd.): Welche Erfahrungen macht das Kind in der Kita? Wie erlebt es die Schule? Als überfordernd oder zu seinem Leistungsvermögen passend? Wie ist die Beziehung zu den Lehrkräften? Zu den Mitschülerinnen und Mitschülern? Ist das Kind in den Klassenverbund integriert oder macht es dauernd Ausgrenzungserfahrungen?

Auch die Beziehungen zu Gleichaltrigen spielen eine wichtige Rolle: Hat das Kind SpielkameradInnen in der Nachbarschaft und SchulkameradInnen, mit denen es gut zurechtkommt? Hat das Mädchen bzw. der Junge enge Freundschaften? Kurz und gut: Wie kommt das Kind in seiner Altersgruppe an?

Als hilfreich können sich auch Beziehungen zu Erwachsenen außerhalb des engeren Familienkreises erweisen, beispielsweise zu einer Tante, einem Onkel oder den Großeltern. Unterstützung kann das Kind finden, wenn die Familie über ein hilfreiches Netzwerk verfügt, etwa in der Nachbarschaft oder im Stadtteil. Wichtig ist, ob das Kind kinderkulturelle Angebote außerhalb der Familie wahrnehmen kann, z.B. bei FreundInnen. Hierbei kommen auch kostenlose Freizeitangebote und die soziale Infrastruktur des Stadtteils zum Tragen (ebd.; Zander 2011).

Oft verfügen armutsbetroffene Kinder aber über gerade solche hilfreichen Außenbeziehungen nicht in genügendem Maße, weil arme Familien tendenziell gesellschaftlich isolierter leben oder auch aus Gründen der Scham zur Selbstisolation neigen.

Zusammenfassend: Die Frage, was ausschlaggebend für eine eher gelingende oder misslingende kindliche Bewältigung von Armut ist, lässt sich befriedigend nur dann beantworten, wenn wir beide Deutungsmuster zusammenführen: Es kommt sowohl auf individuelle Charaktereigenschaften und dementsprechende psychologische Bewältigungsmuster an als auch auf die differenten äußeren Gegebenheiten. Dieses Zusammenspiel wird übrigens auch von der Resilienzforschung betont (Zander 2011).

7 Kommunale Armutsprävention

Die Folgen von Armut zeigen sich vor allem im kindlichen Alltag, also überall dort, wo sich das Kind aufhält. Deswegen kann man ihnen auch in der kindlichen Lebenswelt am wirkungsvollsten begegnen. Armutsprävention ist daher auf kommunaler Ebene kein Fremdwort mehr: Längst gibt es in vielen Kommunen entsprechende Handlungsansätze, um in bestehende Einrichtungen geeignete Maßnahmen zur Armutsprävention zu integrieren. Das gilt für die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe (z.B. der Hilfen zur Erziehung wie der Sozialpädagogischen Familienhilfe und frühen Hilfen) ebenso wie für offene, stadtteilorientierte Angebote der Kinder- und Jugendarbeit, aber auch für Einrichtungen des Bildungswesens, insbesondere für Kindertageseinrichtungen, Grund- und Hauptschulen. Es liegen mittlerweile genügend Erkenntnisse aus Wissenschaft und sozialer Praxis zu den materiellen und immateriellen Folgewirkungen von Armut vor, aus denen sich spezifische Erfordernisse ableiten lassen. Vor allem aber gilt es

  • Bildungsbenachteiligung zu beheben
  • Lücken in der Gesundheitsversorgung zu schließen
  • nach Möglichkeit die Eltern zu entlasten.

Wünschenswert wäre zudem, wenn in solche Angebote auch Förderkonzepte zur Stärkung der Resilienz der betroffenen Kinder integriert würden, wenn also nicht nur an den Defiziten angesetzt würde, sondern das Hauptaugenmerk auf der Stärkung kindlicher Ressourcen und Potenziale läge.

Als besonders wirkungsvoll gelten mittlerweile in der kommunalen Armutsprävention sogenannte „Präventionsketten“; gemeint ist mit diesem Begriff, dass man unter dem Label „Armutsprävention“ lückenlose Angebote für die gesamte Entwicklungsphase von der Geburt eines Kindes an bis hin zu seiner Berufsausbildung vorhält (Holz und Richter-Kornweitz 2010; LVG und AFS 2013).

Neben der Kinder- und Jugendhilfe und den Kindertageseinrichtungen sind vor allem die Schulen herausgefordert. Auch wenn die gegenwärtigen Tendenzen im Bildungswesen infolge erhöhten Leistungsdrucks nicht die nötigen Spielräume für ausgleichende Interventionen zur Bekämpfung von Bildungsbenachteiligung zu bieten scheinen, ist gerade die Schule der geeignete Ort, wirklich alle Kinder zu erreichen. Hier müssten zunächst die strukturellen Voraussetzungen für eine Neuorientierung geschaffen werden, wobei der Nachmittagsbereich von Ganztagsschulen sicherlich die besten Möglichkeiten bietet.

8 Maßnahmen zur Bekämpfung von Kinderarmut

Grundsätzlich liegt die Zuständigkeit für Armutsbekämpfung natürlich auf Bundesebene. Die bisher ergriffenen Maßnahmen sind nach wie vor halbherzig und oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Dies gilt auch für die im aktuellen Koalitionsvertrag vorgesehenen Schritte, sei es die geplante Kindergelderhöhung, von der Kinder aus Hartz IV-Familien gar nicht profitieren würden, sei es die Erhöhung des Kinderzuschlages, ohne dabei eine unbürokratische Gewährungsleistung vorzusehen, sei es die vorgesehene, aber nicht mit entsprechenden Finanzmitteln ausgestattete Ausweitung der öffentlichen Kinderbetreuung. Lediglich vage angedeutet bleiben bisher auch die Maßnahmen zur familiengerechten Umgestaltung der Arbeitswelt.

Grundsätzlich werden in der Armutsforschung und in Kreisen von Wohlfahrtsverbänden, Kinderschutz-Vereinigungen und Familienverbänden folgende Lösungen diskutiert:

  • Die Einführung einer bedarfsgerechten Kindergrundsicherung, wie vom Bündnis Kindergrundsicherung vorgeschlagen (Deutscher Kinderschutzbund o.J.). Dadurch würde die Versorgung von Kindern abgekoppelt vom Einkommen der Eltern.
  • Ein bedarfsgerechter Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung, insbesondere für Unter-Dreijährige und Grundschulkinder – einschließlich eines Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung.
  • Die flächendeckende Bildung von Präventionsketten auf kommunaler Ebene, sprich Bündelung und Vernetzung aller Angebote für Kinder und Jugendliche mit einer armutspräventiven Zielsetzung.
  • Eine stärkere Förderung von Kommunen mit besonders hohen Armutsquoten im Rahmen des kommunalen Finanzausgleichs.
    Festsetzung existenzsichernder Mindestlöhne – 9,19 Euro reichen für ein armutsfestes Einkommen von Familien nicht aus.
  • Gezielte Maßnahmen, um Langzeitarbeitslose wieder in Arbeit zu bringen.

Dazu müssten die jeweils tragenden Regierungsparteien endlich die Bekämpfung von Kinderarmut ganz oben auf der politischen Agenda ansiedeln und mit allem Nachdruck betreiben. Damit würde gerade im Bewusstsein der nachwachsenden Generationen der zu Recht beklagten gesellschaftlichen Spaltung sichtbar entgegengetreten. Auch wenn Kinder Armutsfolgen zu bewältigen vermögen, werden sie sich dennoch merken, in welchem Status die Gesellschaft sie aufwachsen lässt.

9 Quellenangaben

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Chassé, Karl August, Margherita Zander und Konstanze Rasch, 2003. Meine Familie ist arm: Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen. Budrich & Leske: Opladen. ISBN 978-3-8100-3744-2

Der Paritätische, 2018. Wer die Armen sind [online]. Der Paritätische Armutsbericht 2018. Berlin: Der Paritätische Gesamtverband [Zugriff am: 05.11.2019]. PDF e-Book. ISBN 978-3-947792-01-6. Verfügbar unter: https://www.der-Paritaetische.de/fileadmin/​user_upload/​Schwerpunkte/​Armutsbericht/doc/2018_armutsbericht.pdf

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Holz, Gerda und Andreas Puhlmann, 2005. Alles schon entschieden? Wege und Lebenssituationen armer und nicht-armer Kinder zwischen Kindergarten und weiterführender Schule. Zwischenbericht zur AWO-ISS Längsschnittstudie. Frankfurt: ISS-Pontifex. ISBN 978-3-88493-193-6

Holz, Gerda und Antje Richter-Kornweitz, 2010. Kinderarmut und ihre Folgen: Wie kann Prävention gelingen?. München: Reinhardt. ISBN 978-3-497-02170-3 [Rezension bei socialnet]

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Röhl, Klaus-Heiner und Christoph Schröder, 2017. Regionale Armut in Deutschland: Risikogruppen erkennen, Politik neu ausrichten. IW-Analysen – Forschungsberichte aus dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Bd. 113. Köln: Institut der deutsch Wirtschaft. ISBN 978-3-602-45594-2

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Tophoven, Silke, Torsten Lietzmann, Sabrina Reiter und Claudia Wenzig, 2018. Aufwachsen in Armutslagen: Zentrale Einflussfaktoren und Folgen für die soziale Teilhabe. Gütersloh: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit und Bertelsmann Stiftung

Tophoven, Silke, Claudia Wenzig und Torsten Lietzmann, 2015. Kinder- und Familienarmut: Lebensumstände von Kindern in der Grundsicherung. Gütersloh: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit und Bertelsmann Stiftung

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World Vision Deutschland, Hrsg., 2013. Kinder in Deutschland 2013. 3. World Vision Kinderstudie. Konzeption und Koordination: Sabine Andresen, Klaus Hurrelmann, TNS Infratest Sozialforschung. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-407-85950-1

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World Vision Deutschland. Hrsg., 2010. Kinder in Deutschland 2010. 2. World Vision Kinderstudie. Konzeption und Koordination: Klaus Hurrelmann, Sabine Andresen und TNS Infratest Sozialforschung. Frankfurt a.M.: Fischer

World Vision Institut, [kein Datum]. Der Teufelskreis der Armut [online]. Friedrichsdorf: World Vision Institut [Zugriff am: 16.10.2019]. Verfügbar unter: http://www.armut.de/aspekte-der-armut_der-teufelskreis-der-armut.php

Zander, Margherita, 2011. Armes Kind – starkes Kind: Die Chance der Resilienz. 3. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag. ISBN 978-3-531-17268-2 [Rezension bei socialnet]

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10 Literaturhinweise

Andresen, Sabine und Danijela Galic, 2015. Kinder – Armut – Familie: Alltagsbewältigung und Wege zu wirksamer Unterstützung. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. ISBN 978-3-86793-657-6
Hier werden die Ergebnisse einer qualitativen Studie vorgestellt, die in drei Städten – Nürnberg, Hagen, Neubrandenburg – durchgeführt wurde. Es handelt sich um eine „fallorientierte Betrachtung“ in Form einer vertieften Analyse von „erzählbasierten Interviews“. Im Zentrum stehen die subjektiven Einschätzungen und Interpretationen von Müttern, Vätern und Kindern sowie von Fachkräften. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Armutserfahrungen in der Kindheit oft mit schlechteren Bildungschancen, gesundheitlichen Beeinträchtigungen, geringerem psychischem Wohlbefinden und niedrigerem Selbstbewusstsein einhergehen.

Chassé, Karl August, Margherita Zander und Konstanze Rasch, 2007. Meine Familie ist arm: Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen. 3. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag. ISBN 978-3-531-15641-5 [Rezension bei socialnet]
Das Buch liefert ebenfalls Ergebnisse einer qualitativen Studie, die sowohl die objektive Lebenslage als auch die subjektive Betroffenheit von Kindern im Grundschulalter – auf der Basis von Eigenaussagen der Kinder – thematisiert. In einem abschließenden Ausblick diskutiert die Publikation Vorschläge für eine konzeptionelle Umorientierung der Kinder- und Jugendhilfe und möchte damit einen Beitrag zum Transfer der Ergebnisse in den Bereich der sozialpädagogischen, erzieherischen und bildungsrelevanten Berufe leisten.

Hammer, Veronika und Ronald Lutz, Hrsg., 2015. Neue Wege aus der Kinder- und Jugendarmut: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und sozialpädagogische Handlungsansätze. Weinheim: Beltz-Juventa. ISBN 978-3-7799-3298-7
Dieser Band gliedert sich in zwei Schwerpunktteile: Er behandelt zum einen die gesellschaftspolitische Handlungsebene – thematisiert anhand von zentralen Politikfeldern –, wobei vor allem Aspekte gerechtigkeitsorientierter Bildungs- und Gesundheitspolitik und die entsprechende Gestaltung von Übergängen ins Berufsleben erörtert werden. Zum anderen zielt er auf die lokale Handlungsebene als Ansatzpunkt für präventive und intervenierende Strategien und Handlungsmodelle, wofür kommunale Armutsprävention, sozialräumliche Partizipation und zielgruppenorientierte Hilfen erörtert bzw. vorgestellt werden. Im zweiten Teil orientieren sich die Herausgeber_innen an dem von Amartya Sen entwickelten Ansatz der Verwirklichungschancen.

Holz, Gerda und Antje Richter-Kornweitz, 2010. Kinderarmut und ihre Folgen: Wie kann Prävention gelingen? München: Reinhardt. ISBN 978-3-497-02170-3 [Rezension bei socialnet]
Kinder, die in Armut aufwachsen, sind besonderen Risiken hinsichtlich Gesundheit, Bildung und sozialer Integration ausgesetzt. Ein effektives Präventionskonzept erfordert genaue Kenntnis darüber, welche negativen Folgen Armut haben kann und in welchen Entwicklungs- und Lebensbereichen sie Spuren hinterlässt. In diesem Buch werden Möglichkeiten zur Betreuung, Erziehung und Bildung aufgeführt, die geeignet sind, kindliche Potenziale zu stärken. Dabei enthält der Band Konzepte für eine Armutsprävention auf individueller wie struktureller Ebene und wendet sich damit sowohl an Praktiker_innen der Sozialen Arbeit als auch an Politiker_innen auf kommunaler Ebene.

Laubstein, Claudia, Gerda Holz und Nadine Seddig, 2016. Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.
Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung haben Wissenschaftlerinnen des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (ISS) in einer Metastudie analysiert, welche Folgen die Einkommensarmut auf Kinder und Jugendliche in Deutschland hat. Dabei stellen sie vergleichend die Ergebnisse verschiedener Studien zu Kinderarmut in Deutschland vor und gehen dabei jeweils auf die materiellen, sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Aspekte ein. Zudem decken sie Forschungslücken auf und weisen auf die notwendige Vertiefung künftiger Studien und Auswertungen der Armutsforschung hin.

Laubstein, Claudia, Gerda Holz, Jörg Dittmann und Evelyn Sthamer, 2012. Von alleine wächst sich nichts aus: Lebenslagen von (armen) Kindern und Jugendlichen und gesellschaftliches Handeln bis zum Ende der Sekundarstufe I. Abschlussbericht der 4. Phase der Langzeitstudie zur Situation von 16-/17-Jähringen (Querschnitt) und der Entwicklung der Kinder 1999 bis 2009/2010. Frankfurt a. M.: Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. ISBN 978-3-88493-225-4
Hierbei handelt es sich um eine Wiederholungsbefragung von fast 900 Kindern, die erstmals als Fünf- bzw. Sechsjährige im Kindergarten, dann im frühen und späten Grundschulalter und zuletzt 2009 bzw. 2010 als 16-/17-Jährige befragt wurden. Insbesondere geht es um die Auswirkungen der frühen Kinderarmut auf die mittlerweile herangewachsenen armutsbetroffenen Jugendlichen. Am stärksten bemerkbar machen sich diese Folgen bei dauerhafter und akut anhaltender Armut: Sie bergen ein hohes Risiko multipler Deprivation und verringern die Chancen auf Wohlergehen. Dagegen sind die Folgen früher, aber überwundener Armut bei Jugendlichen kaum noch nachweisbar. Allerdings schützt ein gesichertes Familieneinkommen in der Kindheit Jugendliche nicht vor multipler Deprivation, wenn Armut in dieser Altersphase auftritt. Die Lebenslagetypen bleiben jedoch für viele Kinder zwischen früher Kindheit und Jugendalter konstant. Inzwischen wurde die Befragung fortgesetzt, und im Herbst 2019 werden die neuen Ergebnisse vorgestellt.

Richter, Antje, 2000. Wie erleben und bewältigen Kinder Armut? Eine qualitative Studie über die Belastungen aus Unterversorgungslagen und ihre Bewältigung aus subjektiver Sicht von Grundschulkindern einer ländlichen Region. Aachen: Shaker Verlag. ISBN 978-3-8265-7411-5
Die Studie von Antje Richter zählt zu den ersten qualitativen Forschungen, die sich mit den Auswirkungen von Armut auf Kinder (im Grundschulalter) und deren Bewältigungsmustern auseinandersetzt. Dabei geht sie sowohl auf das Bewältigungsverhalten der Eltern als auch der Kinder ein und betont dabei die Bedeutung von sozialen Netzwerken. Expliziter als andere Studien berücksichtigt sie die Relevanz von genderspezifischen Unterschieden bei Mädchen und Jungen und lässt diese in ihre Typologie einfließen.

Zander, Margherita, 2011. Armes Kind, starkes Kind: Die Chance der Resilienz. Wiesbaden: VS Verlag. 3. Auflage. ISBN 978-3-531-17268-2 [Rezension bei socialnet]
Das Buch bietet einen fundierten Einblick in die international viel diskutierte und neuerdings auch in Deutschland lebhaft verfolgte Resilienzforschung. „Resilienz“ bedeutet „seelische Widerstandsfähigkeit“ in belasteten und risikobehafteten Lebenssituationen. Aufwachsen in Armut ist ein zentrales Entwicklungsrisiko für Kinder, sodass armutsbetroffene Kinder besonders auf ihr Resilienzpotenzial angewiesen wären. Wichtigste Erkenntnis dieses Buches ist, dass Resilienz durch pädagogisches und sozialpädagogisches Handeln gefördert werden kann. Die Publikation liefert eine theoretisch fundierte Begründung und eine substanzielle fachliche Erörterung, wie sich das Resilienzkonzept auf Kinder und Familien in Armutslagen übertragen und anwenden lässt, und entwirft Leitlinien für eine Resilienzförderung bei dieser Zielgruppe.

Zander, Margherita, Hrsg., 2010. Kinderarmut: Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis. Wiesbaden: VS Verlag. 2. Auflage. ISBN 978-3-531-14450-4 [Rezension bei socialnet]
Das einführende Handbuch möchte einen ersten Überblick über den europäischen Forschungsdiskurs geben und die seinerzeitigen (2010) bundesrepublikanischen Forschungsergebnisse systematisch darstellen. Dabei geht es auf die unterschiedlichen Lebensphasen – Vorschulalter, Grundschulalter, Übergang zu weiterführenden Schulen – ein und stellt unterschiedliche Handlungsperspektiven im Bereich der Sozialen Arbeit vor, die sich an den verschiedenen Dimensionen kindlicher Lebenslagen sowie an den kindlichen Lebenswelten orientieren.

Verfasst von
Prof. Dr. Margherita Zander
Lehrt an der FH Münster, Fachbereich Sozialwesen, Sozialpolitik. Schwerpunkte in der Lehre: Sozialstaat, Kinderarmut, Migration, Genderfragen. Schwerpunkte in der Forschung: Kinderarmut und Resilienz.
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Zitiervorschlag
Zander, Margherita, 2020. Kinderarmut [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 22.01.2020 [Zugriff am: 08.12.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Kinderarmut

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