Kindheitspädagogin, Kindheitspädagoge
Prof. Dr. Dagmar Bergs-Winkels, Prof. Dr. Daniela Ulber
veröffentlicht am 20.04.2024
Kindheitspädagog:innen sind akademisch ausgebildete Personen mit einem Studienabschluss mindestens auf Bachelor-Niveau in einem kindheitspädagogischen Studiengang und der damit verbundenen staatlichen Anerkennung.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Berufsprofil
- 3 Einordnung in den europäischen Kontext
- 4 Entwicklungsgeschichte
- 5 Etablierung
- 6 Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung im Kindesalter
- 7 Fachliche Weiterentwicklung
- 8 Ausblick
- 9 Quellenangaben
- 10 Informationen im Internet
1 Zusammenfassung
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Frühe Bildung und das zunehmende wissenschaftliche Interesse an der Lebensphase Kindheit führten seit 2004 zur Entwicklung von verschiedenen Studiengängen der Kindheitspädagogik. Diese umfassen im Prinzip alle inhaltlichen Themen mit Bezug zu Bildung und Erziehung in der Kindheit, je nach Standort mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen im Rahmen eines durch den Studiengangstag Kindheitspädagogik entwickelten Kerncurriculums.
In Deutschland ist die Kindheitspädagogik, anders als in anderen europäischen Ländern, der Kinder- und Jugendhilfe zugehörig. Zur Etablierung des relativ neuen Berufsbildes und im Kontext aktueller rechtlicher und politischer Entwicklungen im Bereich Kinderbetreuung sind fachliche Weiterentwicklungen nicht nur im Hochschulbereich, sondern auch im Bereich der Aus- und Weiterbildung notwendig. Aktuell sind Kindheitspädagog:innen in den multiprofessionellen Teams der pädagogischen Arbeit in der Minderheit. Auch vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels steht die weitere Entwicklung der Profession vor besonderen Herausforderungen.
2 Berufsprofil
Der 2011 als Arbeitsgruppe und erste wissenschaftliche Vertretung der unterschiedlichen Studienprogramme gegründete „Studiengangstag Pädagogik der Kindheit“ hat die folgende Definition zum Berufsbild vorgelegt (2015):
„Der Beruf der Kindheitspädagogin und des Kindheitspädagogen ist auf die familiäre und öffentliche Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit, die Lebenswelten, Kulturen und Lebensbedingungen von Kindern und Familien sowie die Zusammenarbeit mit Familien ausgerichtet. Die Tätigkeit hat ihre Schwerpunkte in der erkenntnisgenerierenden Erforschung, der Konzeptionierung und der didaktischen, organisationalen und sozialräumlichen Unterstützung von Bildung, Erziehung und Betreuung in Kindheit und Familie. Dies schließt die wissenschaftlich begründete, kritische Reflexion gesellschaftlicher Konstruktionen und Bedingungen von Kindheit und Familie sowie die Mitwirkung an der sozialen, politischen und kulturellen Gestaltung und Sicherung eines guten und gelingenden Aufwachsens von Kindern ein.“
Inwieweit diese Definition nach wie vor zutreffend ist bzw. ob es inzwischen weiter gehende Konzeptionen des Berufsprofils gibt, kann Gegenstand von Diskussionen sein.
3 Einordnung in den europäischen Kontext
Anders als in anderen europäischen Ländern (u.a. Dänemark, Belgien, Niederlande, Großbritannien) ist die Kindheitspädagogik in Deutschland klar abgegrenzt vom Studium und Beruf des Lehramts, da Kindertageseinrichtungen nicht Teil des Schulsystems oder einer diesem unmittelbar angegliederten Einheit sind, sondern zur Kinder- und Jugendhilfe gehören. Diese verfolgt gemäß dem Sozialgesetzbuch VIII (§ 1, Absatz 3 SGB VIII) vielfältige Ziele:
- die Förderung junger Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung,
- die Beratung von Eltern und anderen Erziehungsberechtigten bei der Erziehung,
- den Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Gefahren für ihr Wohl sowie
- die Schaffung positiver Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien.
4 Entwicklungsgeschichte
4.1 Historischer Hintergrund
Nach den Auswirkungen des „Sputnik-Schocks“ auf das Bildungssystem in den USA und den Entwicklungen in den 1970er-Jahren, wie erste internationale Vergleichsstudien zu Kompetenzentwicklung, Betreuungsquoten und -angeboten im vorschulischen Bereich, ist in Deutschland in den letzten beiden Jahrzehnten die wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Themenbereich Frühe Bildung und Erziehung von Kindern in den Fokus gerückt. Die kindliche Lebenswelt hat sich z.B. durch rechtliche Rahmungen, Digitalisierung etc. verändert (Hungerland 2008; Wonneberger, Weidtmann und Stelzig-Willutzki 2017).
Wissenschaftliche Studien aus der Schulforschung, wie die international vergleichenden PISA-Studien, die Basiskompetenzen von Schüler:innen im internationalen Vergleich regelmäßig messen (PISA-Konsortium Deutschland und Baumert 2001), betonen, dass die Weichenstellung in der Bildung nicht erst mit der Schule beginnt:
„Der Ausbau der Kindertagesbetreuung zog neben den Debatten um die quantitative Erweiterung der Angebote eine entsprechende Fachdebatte zur Qualität frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung in Deutschland nach sich. Eine [...] wissenschaftliche Fundierung der pädagogischen Arbeit in Kindertageseinrichtungen wird allenthalben gefordert“ (Bergs-Winkels und Ulber 2018, S. 561).
4.2 Studiengänge
In der Wissenschaftslandschaft zeigt sich das Interesse an der Frühen Bildung bzw. an der Lebensphase Kindheit durch die Entwicklung von diversen Studiengängen der Kindheitspädagogik über alle Bundesländer hinweg, die seit 2004 als Bachelor- und Masterstudiengänge in unterschiedlichen Formen angeboten werden. Ein Überblick findet sich in der Studiengangsdatenbank der „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) – ein Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendinstitut e.V.“
Die Mehrzahl dieser Studiengänge wird an Hochschulen angewandter Wissenschaften angeboten.
5 Etablierung
Die Berufsbezeichnung „Kindheitspädagog:in“ für Absolvent:innen der entsprechenden Studiengänge geht mit einer staatlichen Anerkennung einher (Stieve, Worsley und Dreyer 2014). 2011 hat die Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK) den Bundesländern empfohlen, diese Begrifflichkeit im Sinne einer einheitlichen Berufsbezeichnung zu implementieren (Jugend- und Familienministerkonferenz 2011). Im selben Jahr gründete sich der Studiengangstag Kindheitspädagogik unter dem Dach des Erziehungswissenschaftlichen Fakultätentages und des Fachbereichstages Soziale Arbeit. 2015 beschreibt er ein Berufsprofil der „neuen Fachkräfte“ im pädagogischen Feld der Kindertagesbetreuung für 0- bis 12- bzw. 14-Jährige, aber auch in vielen weiteren Feldern der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Familien (Studiengangstag Pädagogik der Kindheit 2015).
Inzwischen hat sich der Studiengangstag (2022) auf ein Kerncurriculum „Kindheitspädagogik“ verständigt, das Inhaltsbereiche der Studiengänge benennt sowie Mindeststandards dafür setzt, wie viele Credits eines Inhaltsbereichs mindestens enthalten sein sollten.
Themenbereiche des Studiums sind:
- erziehungswissenschaftliche Grundlagen,
- gesellschaftliche, politische und rechtliche Bedingungen der Kindheitspädagogik,
- interdisziplinäre Bezüge,
- pädagogisches Handeln und Professionalisierung des Arbeitsfeldes,
- Gestaltung von Organisationen,
- Beschreibung kindheitspädagogischer Arbeits-und Handlungsfelder,
- der Einbezug von Praxisphasen und nicht zuletzt
- die Vermittlung von Forschungmethoden.
Im forschungsmethodischen Bereich sind mindestens zehn Credit Points für methodologische und methodische Grundlagen, Forschungsansätze, -themen sowie -praxis vorgesehen.
6 Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung im Kindesalter
Neben dem Studiengangstag existiert die Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung im Kindesalter (BAG-BEK), die die Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte im Blick hat. Sie bündelt die Aktivitäten verschiedener Institutionen und Akteure im Feld der Bildung und Erziehung im Kindesalter in Deutschland mit dem Anspruch der Vernetzung und Weiterentwicklung. Die bei der Gründung formulierte Zielsetzung lautet: „Gesellschaftspolitisch soll eine professionelle Aufwertung der Bildungs- und Erziehungsarbeit pädagogischer Fachkräfte durchgesetzt werden, auch um europäischen Standards gerecht zu werden“ (Bergs-Winkels 2010).
7 Fachliche Weiterentwicklung
Der seit 1996 rechtlich festgeschriebene Anspruch auf einen Kita-Platz für Kinder ab 3 Jahren und der seit 2013 geltende Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung für Kinder unter 3 Jahren haben die inhaltliche Auseinandersetzung mit kindheitspädagogischen Themen, den Ausbau des Betreuungssystems und die Anpassung von Curricula der fachschulischen Ausbildung zu einer verstärkten Kompetenzentwicklung angeregt. Im Sinne des Bologna-Prozesses soll die vertikale wie horizontale Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungsniveaus möglich sein.
Auch im Bereich der Aus- und Weiterbildung werden Ausbildungsziele und -standards neu definiert (Beschluss der Kultusministerkonferenz 2010). Das Projekt „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) – ein Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendinstitut e.V.“ wird im Rahmen der Qualifizierungsinitiative „Aufstieg durch Bildung“ der Bundesregierung vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) durchgeführt. Ziel ist es, Innovationen im Aus- und Weiterbildungssystem frühpädagogischer Fachkräfte zu initiieren, zu fördern und zu begleiten. Das DJI ist für die fachliche Konzeption und Umsetzung verantwortlich.
8 Ausblick
Es wird sich zeigen, inwiefern sich die weitere Etablierung des relativ neuen Berufsbildes und des staatlich anerkannten Abschlusses in der deutschen Bildungslandschaft weiter entwickeln wird. Dies setzt eine Anerkennung im Rahmen der Tarifpolitik und einen adäquaten Einsatz in den Bildungsinstitutionen voraus.
Im pädagogischen Feld sind Kindheitspädagog:innen in der Minderheit. Dieses wird nach wie vor von staatlich anerkannten Erzieher:innen geprägt. Entsprechend stellen die Arbeit in multiprofessionellen Teams (Bergs-Winkels 2021) wie auch der Wissenstransfer akademisch fundierter Kompetenzen in die Teams (Ulber und Strehmel 2019) zentrale Gelingensbedingungen für eine Qualitätsoptimierung in der Praxis dar.
Besondere Herausforderungen gehen aktuell mit dem Fachkräftemangel einher, der die Gewährleistung pädagogischer Prozessqualität sowohl aus strukturellen Gründen als auch häufig aufgrund gesunkener Qualifikationsstandards gefährdet.
Kindheit und deren Kontext sollten interdisziplinär und aus verschiedenen Perspektiven (beispielsweise biologisch, sozial, psychologisch) betrachtet werden und dabei der Fokus durchweg auf die Interessen, Potenziale und Bedürfnisse von Kindern gerichtet sein.
9 Quellenangaben
Bergs-Winkels, Dagmar, 2010. Pädagogik frühkindlicher Bildungsprozesse und ihre Bedeutung für die Praxis sowie für Aus- und Fortbildung. In: Gunter Geiger und Anna Spindler, Hrsg. Frühkindliche Bildung: Von der Notwendigkeit frühkindliche Bildung zum Thema zu machen. Opladen: Barbara Budrich, S. 17–28. ISBN 978-3-86649-706-1
Bergs-Winkels, Dagmar, 2021. Multiprofessionelle Teams in Kindertagesstätten: Chancen und Notwendigkeiten. In: Michael Brodowski, Hrsg. Das große Handbuch für die Kita-Leitung. Kronach: Carl Link, S. 101–114. ISBN 978-3-556-09056-5
Bergs-Winkels, Dagmar und Daniela Ulber, 2018. Kindheit. In: Astrid Wonneberger, Katja Weidtmann und Sabina Stelzig-Willutzki, Hrsg. Familienwissenschaft: Grundlagen und Überblick. Heidelberg: Springer, S. 545 – 568. ISBN 978-3-658-17003-5
Deutsches PISA-Konsortium und Jürgen Baumert, Hrsg., 2001. PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen: Leske und Budrich. ISBN 978-3-8100-3344-4
Hungerland, Beatrice, 2008. Was ist Kindheit? Fragen und Antworten der Soziologie. In: Eva Luber und Beatrice Hungerland, Hrsg. Angewandte Kindheitswissenschaften: Eine Einführung für Studium und Praxis. Weinheim: Juventa, S. 71–90. ISBN 978-3-7799-2223-0 [Rezension bei socialnet]
Jugend- und Familienministerkonferenz, 2011. Staatliche Anerkennung von Bachelorabschlüssen im Bereich der Kindertagesbetreuung und Berufsbezeichnung [online]. Essen: Jugend- und Familienministerkonferenz, 26./27.05.2011 [Zugriff am: 14.03.2024]. Verfügbar unter: https://jfmk.de/wp-content/​uploads/2018/12/Zusammenfassung-Beschluesse-2011.pdf
Stieve, Claus, Caroline Worsley und Rahel Dreyer, 2014. Staatliche Anerkennung von Kindheitspädagoginnen und -pädagogen: Dokumentation der Einführung einer neuen Berufsbezeichnung in den deutschen Bundesländern. Köln: Studiengangstag Pädagogik der Kindheit und Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung im Kindesalter e.V.
Studiengangstag Pädagogik der Kindheit, 2015. Berufsprofil Kindheitspädagogin/​Kindheitspädagoge [online]. ohne Ort: Fachbereichstag Soziale Arbeit (FBTS), EWFT (Erziehungswissenschaftlicher Fakultätentag), 2015 [Zugriff am: 14.03.2024]. Verfügbar unter: https://www.ph-karlsruhe.de/www/b-st/kindheitspaedagogik/pdf/_2015_Berufsprofil_Kindheitspaedagogin.pdf
Studiengangstag Pädagogik der Kindheit, 2022. Kerncurriculum „Kindheitspädagogik“ [online]. ohne Ort: Studiengangstag Pädagogik der Kindheit, 15.09.2022 [Zugriff am: 14.03.2024]. Verfügbar unter: https://www.fbts-ev.de/was-wir-tun
Ulber, Daniela und Petra Strehmel, 2019. Knowledge Transfer in German ECE-Settings: The Role of Leaders. In: Petra Strehmel, Johanna Heikka, Eeva Hujala, Jillian Rodd und Manjula Waniganayake, Hrsg. Leadership in Early Education in Times of Change: Research from five Continents. Stuttgart: Verlag Barbara Budrich, S. 59 – 70. ISBN 978-3-8474-1224-3
Wonneberger, Astrid, Katja Weidtmann und Sabina Stelzig-Willutzki, Hrsg., 2017. Familienwissenschaft: Grundlagen und Überblick. Heidelberg: Springer Fachmedien Wiesbaden. ISBN 978-3-658-17003-5
10 Informationen im Internet
- Studiengangsdatenbank der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) – ein Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendinstitut e.V.
Verfasst von
Prof. Dr. Dagmar Bergs-Winkels
Mitglied in der Entwicklungsplanungskommission;
Vorsitzende der Kommission für internationale Angelegenheiten
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Prof. Dr. Daniela Ulber
HAW Hamburg
Professorin für Institutionsentwicklung und Management
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