Konkretoperative Entwicklungsstufe
Dr. Erika Butzmann
veröffentlicht am 21.01.2026
Die konkretoperative Entwicklungsstufe beschreibt nach Jean Piaget (1896–1980) die dritte Phase der kognitiven Entwicklung im Alter von etwa sieben bis elf Jahren. In dieser Phase entwickeln Kinder die Fähigkeit zu logischen Operationen, die jedoch an konkrete Objekte gebunden sind, und überwinden die Einschränkungen des präoperatorischen Denkens durch Reversibilität und Dezentrierung.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Charakteristik und Stadien
- 3 Übergang von der präoperativen zur konkretoperativen Stufe
- 4 Erstes Stadium: Elementare logische Operationen
- 5 Zweites Stadium: Allgemeines Gleichgewicht
- 6 Quellenangaben
1 Zusammenfassung
Die konkretoperative Entwicklungsstufe folgt auf die präoperative Stufe und umfasst zwei Stadien. Das wesentliche Merkmal ist die Reversibilität der Operationen – sie können rückgängig gemacht werden. Verschiedene Merkmale werden gleichzeitig erfasst und zueinander in Beziehung gesetzt. Neue Fähigkeiten wie Kausalität, Transitivität, Klasseninklusion und Dezentrierung werden durch Auseinandersetzung mit der Umwelt nach und nach erworben. Das Kind ist zu ersten elementaren logischen Operationen fähig, bleibt aber auf konkretes Anschauungsmaterial angewiesen. Im zweiten Stadium wird ein allgemeines Gleichgewicht der konkreten Operationen erreicht. Das Kind entwickelt kooperatives Verhalten, ein starkes Gerechtigkeitsgefühl und die Fähigkeit zur sozialen Perspektivenübernahme.
2 Charakteristik und Stadien
Die konkretoperative Entwicklungsstufe folgt in der Entwicklungstheorie von Piaget auf die präoperative Stufe und umfasst das Alter von sieben bis elf Jahre.
Das wesentliche Merkmal der konkretoperativen Stufe äußert sich darin, dass die Operationen reversibel sind, sie können rückgängig gemacht werden (Piaget 1984, S. 160). Verschiedene Merkmale eines Gegenstandes und Vorgangs werden gleichzeitig erfasst und zueinander in Beziehung gesetzt. Da sich kognitive Strukturen immer in einem selbstgesteuerten Entwicklungsprozess befinden, werden die neuen Fähigkeiten der konkretoperativen Stufe (Reversibilität, Kausalität, Transitivität, Klasseninklusion, Dezentrierungen) während des gesamten Entwicklungszeitraums durch die Auseinandersetzung mit der Umwelt nach und nach erworben. „Das Neue baut immer entweder durch fortschreitende Differenzierung oder durch graduelle Koordinationen auf dem Vorangehenden auf“ (Piaget 1980, S. 55).
Piaget teilt die konkretoperative Entwicklungsstufe in zwei Stadien ein:
- Erstes Stadium (ca. 7–8 Jahre): Bildung von Operationen, die auf den Wechsel des Gesichtspunkts bezogen sind – das Denken wird reversibel
- Zweites Stadium (ca. 9–11 Jahre): Koordination der Gesichtspunkte bei verschiedenen Objekten, die von verschiedenen Standpunkten aus beobachtet werden
(Piaget 1980, S. 67).
3 Übergang von der präoperativen zur konkretoperativen Stufe
Der Übergang von der präoperativen zur konkretoperativen Entwicklungsstufe bildet eine entscheidende Wende in der geistigen Entwicklung. Es treten neue Organisationsformen auf, die die Errungenschaften der vorherigen Stufe vollenden und in ein stabiles Gleichgewicht bringen. Gleichzeitig legen sie den Grundstein zu einer ununterbrochenen Reihe neuer Konstruktionen (Piaget 1974, S. 183). Das konkrete Denken bezieht sich jedoch nur auf die Realität selbst, „insbesondere auf greifbare Objekte, die manipuliert und materiellen Experimenten unterzogen werden können“ (Piaget 1974, S. 203). Das Kind denkt konkret, Problem für Problem, in dem Maße als die Realität es erfordert (ebd.).
4 Erstes Stadium: Elementare logische Operationen
Zu Beginn der Entwicklungsstufe sind die Kinder zu ersten elementaren logischen Operationen in der Lage, bleiben aber noch auf konkretes Anschauungsmaterial angewiesen (Piaget 1975, S. 240). „Der wesentliche Charakter des logischen Denkens besteht darin, dass es operativ ist, d.h. aus dem Tun hervorgeht, indem es dieses verinnerlicht“ (Piaget 1984, S. 40).
In der immer sehr schnellen und manchmal plötzlichen Gleichgewichtsherstellung liegt die entscheidende Wende in diesem ersten Stadium der konkretoperativen Stufe. Sie erfasst die Gesamtheit der Begriffe eines ganzen Systems (Piaget 1984, S. 157). Dies zeigt sich durch ständig neue, an konkrete Wahrnehmungen gebundene logische Denkoperationen, es „folgt manchmal plötzlich ein Gefühl des Zusammenhangs“ (a.a.O., S. 158).
Solche Denkoperationen werden möglich durch den Vorgang der Gruppierungen, bei dem unterscheidbare Einzelheiten zu Gesamtheiten zusammengefasst werden. „Diese Gruppierungen entstehen nicht von Fall zu Fall neu, sondern bestehen das Leben lang: von der Kindheit an klassifizieren und vergleichen wir, ordnen im Raum und in der Zeit, erklären, schätzen unsere Ziele und Mittel ein, zählen etc. und die neuen Probleme stellen sich in Bezug auf das Gesamtsystem genau in dem Maße, in welchem neue Tatsachen auftauchen, die nicht klassifiziert, in Serien eingereiht sind etc.“ (Piaget 1984, S. 45).
Die Gruppierungen der konkretoperativen Stufe nennt Piaget „elementare“ Gruppierungen, weil sie noch keinen kombinatorischen Charakter aufweisen (Garz 1989, S. 121). Dieses auf konkrete Wahrnehmungen bezogene Denken findet seine Entsprechung in einer fundamentalen Grenze der Struktur konkreter Operationen: Gruppierungen sind nur in unmittelbarer Nachbarschaft und nicht in beliebiger Kombination möglich. Zwei nicht unmittelbar nebeneinander liegende Klassen lassen sich nicht zu einer einfachen neuen Klasse vereinigen (Piaget 1980, S. 65).
Die Konstruktion der Gruppierungen der Klassen- und der qualitativen Reihenbildung zu Beginn der konkretoperativen Stufe hat auch das Entstehen des Zahlensystems zur Folge (Piaget 1984, S. 162). „In der Tat sieht man, wie sich gleichzeitig mit der Entstehung der Klassen, Beziehungen und Zahlen auch die qualitativen Gruppierungen, die die Zeit und den Raum erzeugen, in auffallend paralleler Weise entwickeln“ (a.a.O., S. 164).
5 Zweites Stadium: Allgemeines Gleichgewicht
Im zweiten Stadium der konkretoperatorischen Stufe (9–11 Jahre) wird ein allgemeines Gleichgewicht der konkreten Operationen erreicht, zusätzlich zu den partiellen Gleichgewichtsformen des ersten Stadiums (Piaget 1980, S. 66). Die fortschreitende Differenzierung zeigt sich dadurch, dass die logisch-mathematischen und die räumlichen Operationen durch ihre Verallgemeinerung und Äquilibration in einen Zustand maximaler Ausdehnung und Anwendbarkeit gelangen; „sie sind aber immer noch nur in ihrer begrenzten Form als konkrete Operationen verwendbar“ (Piaget 1980, S. 71). Dieses Defizit des konkretoperativen Denkens führt zu bestimmten Unsicherheiten und Inkonsistenzen, die erst auf der formaloperativen Stufe überwunden werden.
Im Hinblick auf soziale Beziehungen zeigt sich die fortschreitende Differenzierung darin, dass im ersten Stadium der konkretoperativen Stufe die soziale Perspektive des Gegenübers erkannt wird durch den Austausch von Ansichten und Absichten. Zum Ende dieser Entwicklungsstufe kann das Kind mehrere Ansichten berücksichtigen, erreicht aber noch nicht die Ebene simultaner Gegenseitigkeit. Diese Fähigkeit erlangt es auf der nächsten, der formaloperativen Stufe, wenn es alle Gesichtspunkte betrachten und die Motive aller Beteiligten reflektieren kann (Selman 1982, S. 241).
Das Kind der konkretoperativen Stufe ist zu kooperativem Verhalten in der Lage, entwickelt ein starkes Gerechtigkeitsgefühl und die Achtung vor dem anderen (Piaget 1974, S. 199).
6 Quellenangaben
Garz, Detlef, 1989. Sozialpsychologische Entwicklungstheorien. Opladen: Westdeutscher Verlag. ISBN 978-3-531-22158-8
Piaget, Jean, 1974. Theorien und Methoden der modernen Erziehung. Frankfurt: Fischer. ISBN 978-3-596-26263-2
Piaget, Jean, 1975. Die Entwicklung des Erkennens III. Stuttgart: Klett. ISBN 978-3-12-929200-6
Piaget, Jean, 1980. Abriß der genetischen Epistemologie. Olten: Walter. ISBN 978-3-530-65005-1
Piaget, Jean, 1984. Psychologie der Intelligenz. 8. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-12-936360-7
Selman, Robert L., 1982. Sozial-kognitives Verständnis. In Dieter Geulen, Hrsg. Perspektiveübernahme und soziales Handeln.Frankfurt: Suhrkamp, S. 223–256. ISBN 978-3-518-27948-9
Verfasst von
Dr. Erika Butzmann
Entwicklungspsychologin
Erziehungswissenschaftlerin
Elternbildung und -beratung
Mailformular
Es gibt 11 Lexikonartikel von Erika Butzmann.


