Kontingenz (Soziologie)
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
veröffentlicht am 04.08.2026
Kontingenz bezeichnet die grundsätzliche Möglichkeit des Andersseins von Wirklichkeit und damit die Nicht-Notwendigkeit von etwas Bestehendem. Sie beschreibt die prinzipielle Offenheit und Ungewissheit dessen, was in der einen oder anderen Form sein kann, aber nicht (so) sein muss: Was ist, ist ebenso anders möglich, denkbar oder machbar. Kontingenz steht damit im Gegensatz zum Notwendigen und Sicheren.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Mehrdeutigkeit des Begriffs
- 3 Kontingenz und Konstruktion der Wirklichkeit
- 4 Das Phänomen der doppelten Kontingenz
- 5 Kontingenz in der Moderne
- 6 Kontingenz als Bedingung von Kreativität und Kritik
- 7 Kontingenz ist nicht Beliebigkeit
- 8 Warum Kontingenz an Bedeutung gewinnt
- 9 Quellenangaben
- 10 Literaturhinweise
1 Zusammenfassung
Kontingenz bezeichnet die grundsätzliche Möglichkeit, dass Ereignisse, Zustände und soziale Ordnungen anders sein könnten, als sie tatsächlich sind. Kontingent ist demnach, was weder notwendig noch unmöglich ist. Während der Begriff in der Philosophie vor allem modallogisch und metaphysisch verwendet wird, verweist er in der Soziologie auf die historische Entstehung, soziale Konstruktion und prinzipielle Veränderbarkeit gesellschaftlicher Wirklichkeiten.
Aus wissenssoziologischer Perspektive ist zu sagen, dass Institutionen, Normen und Wertordnungen durch menschliches Handeln hervorgebracht und stabilisiert werden, obwohl sie im Alltag häufig als selbstverständlich oder naturgegeben erscheinen. Der Kontingenzbegriff ermöglicht es, diese vermeintliche Selbstverständlichkeit zu hinterfragen. Er besitzt insofern eine entnaturalisierende und potenziell herrschaftskritische Funktion.
Eine besondere Bedeutung kommt dem von Talcott Parsons und Niklas Luhmann behandelten Phänomen der doppelten Kontingenz zu. Es beschreibt die wechselseitige Ungewissheit sozial Handelnder darüber, wie sich die jeweils andere Person verhalten wird. Parsons erklärt die Stabilisierung sozialer Interaktionen vor allem durch gemeinsame Werte, Normen und Rollen. Luhmann hebt dagegen die Anschlussfähigkeit von Kommunikation hervor, durch die Erwartungen ausgebildet und Unsicherheiten reduziert werden.
In modernisierungstheoretischer Perspektive gilt Kontingenz als prägendes Merkmal moderner Gesellschaften. Der Verlust traditioneller Gewissheiten, die Zunahme individueller Wahlmöglichkeiten sowie gesellschaftliche, technologische und ökologische Veränderungen erweitern den Möglichkeitsraum, steigern jedoch zugleich Unsicherheit und Entscheidungsdruck. Kontingenz eröffnet damit sowohl Freiheit und Gestaltbarkeit als auch Risiken und Belastungen.
Zugleich bildet Kontingenz eine Voraussetzung kreativen Handelns, da neue Lösungen insbesondere dann entstehen können, wenn Routinen unterbrochen und Situationen improvisierend bewältigt werden. Kontingenz ist jedoch nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen. Soziale Möglichkeiten werden durch Institutionen, Machtverhältnisse, Ressourcen, Technik und kulturelle Deutungsmuster begrenzt. Der Begriff bezeichnet daher einen strukturierten Möglichkeitsraum, innerhalb dessen Alternativen bestehen, ohne dass jede Entwicklung gleichermaßen möglich wäre.
2 Mehrdeutigkeit des Begriffs
Das Wort „Kontingenz“ stammt ab von spätlateinisch contingentia, was „Möglichkeit“ oder „Zufälligkeit“ bedeutet. Es hängt ferner mit dem lateinischen contingere zusammen, was für „berühren“, „sich ereignen“ oder „zuteilwerden“ steht (Schmidt 2010, S. 250). In der philosophischen Tradition bezeichnet Kontingenz den Bereich dessen, was möglich ist, aber nicht notwendig eintreten muss. Das heißt: Etwas kann in einer Art und Weise sein, aber auch anders (Schulthess 2009; Holzinger 2007).
Damit eng verbunden ist die Bedeutung von Kontingenz in der Soziologie, wo der Ausdruck die prinzipielle Möglichkeit des Andersseins von sozialen Wirklichkeiten beschreibt (Itzkowitz 1996). Soziologisch betrachtet sind Ereignisse, Gegebenheiten und Zustände kontingent, die in ihrer bestehenden Form nicht zwingend sind (Luhmann 1992).
Darüber hinaus findet der Kontingenzbegriff auch in der Mathematik sowie in der Evolutionsbiologie und Psychologie Verwendung. In der Mathematik steht er für den statistischen Zusammenhang nominalskalierter Merkmale (Kontingenzmaße), in der Evolutionsbiologie für zufällige evolutionäre Entwicklungen (Kontingenztheorie) und in der Psychologie für die Regelmäßigkeit des Zusammenhangs zwischen zwei Ereignissen (Kontingenzverhältnis).
In der Philosophie ist Kontingenz meist ein metaphysischer oder modallogischer Begriff. Er bezeichnet etwas, das weder notwendig noch unmöglich ist. Ein kontingenter Sachverhalt ist etwa die Aussage „Ein Tisch ist braun“, da ein Tisch auch jede andere Farbe haben kann. Eine Aussage wie „Ein Junggeselle ist unverheiratet“ ist dagegen nicht kontingent, sondern notwendig (und tautologisch), weil die Zuschreibung des Junggeselle-Seins sprachlogisch mit dem Status des Nicht-verheiratet-Seins verknüpft ist. Eine philosophische Frage zur Kontingenz wäre: Welche Dinge oder Wahrheiten sind notwendig, welche möglich, welche kontingent? Typische Gegenbegriffe sind „Notwendigkeit“ oder „Unmöglichkeit“.
In der Soziologie, besonders bei Niklas Luhmann, bezieht sich Kontingenz auf soziale Ordnungen, Normen, Institutionen, Kommunikationsprozesse und Entscheidungen. Hier wird herausgestellt, dass soziale Phänomene nicht naturgegeben sind, sondern historisch, kommunikativ und gesellschaftlich hergestellt werden. Ein sozialer Zustand ist kontingent, wenn er auch anders organisiert sein könnte. Dass Schulen nach Klassenstufen, Noten und Prüfungen organisiert sind, erscheint vielen Menschen in der westlichen Welt als selbstverständlich. Es ist aber kontingent, denn Gesellschaften können Bildung auch anders strukturieren.
| Disziplin | Bedeutung von Kontingenz | Leitfrage |
|---|---|---|
| Philosophie | Etwas ist möglich, aber nicht notwendig | Muss es so sein, oder könnte es auch anders sein? |
| Soziologie | Wirklichkeit ist nicht naturgegeben, sondern anders möglich | Wie wird eine bestimmte Ordnung trotz Alternativen stabil? |
Die Beispiele zeigen, dass der Kontingenzbegriff in Philosophie und Soziologie auf teilweise unterschiedliche Sachverhalte angewandt wird, in beiden Disziplinen im Wesentlichen aber Phänomene beschreibt, die möglich, aber nicht zwingend sind. Kontingent sind Ereignisse oder Zustände, die auf eine Weise sein bzw. gestaltet sein können, aber auch auf eine andere (Wuchterl 2011). Der Begriff verweist allerdings nicht einfach auf Zufall, Unordnung oder Beliebigkeit, sondern auf die Offenheit sozialer Ordnungen, Handlungen, Deutungen, Institutionen und Lebensverläufe (Vanderstraeten 2002).
3 Kontingenz und Konstruktion der Wirklichkeit
Soziologisch betrachtet ist Kontingenz eine Grundkategorie, weil Gesellschaft nicht als naturgegebenes, zwingendes oder endgültig festgelegtes Gebilde verstanden wird. Gesellschaften sind historisch entstanden, werden kommunikativ stabilisiert und institutionell verfestigt. Zugleich sind sie veränderbar (Luhmann 1984; Makropoulos 1997; Berger und Luckmann 1966).
Die Soziologie übernimmt den Möglichkeitsbegriff der Modallogik, nach dem eine Aussage kontingent ist, wenn sie weder notwendig wahr noch notwendig falsch ist. Sie verschiebt ihn jedoch auf soziale Tatbestände, also auf Normen, Rollen, Institutionen, Wertordnungen und Gesellschaftsformen (Luhmann 1984). Diese erscheinen, wenn sie als kontingent gefasst werden, nicht mehr als selbstverständlich oder naturwüchsig, sondern als Ergebnisse historischer Prozesse und sozialer Praktiken (Makropoulos 1997).
Nichts versteht sich von selbst, betonen Luhmann und Schorr:
„Unterscheidungen verstehen sich nicht von selbst. Sie müssen gemacht werden. Das heißt auch: sie können gewählt werden. Man macht die eine oder die andere Unterscheidung, um etwas bezeichnen zu können. Jede Bezeichnung setzt eine Unterscheidung voraus, auch dann, wenn das, wovon sie etwas unterscheidet, gänzlich unbestimmt bleibt“ (1990, S. 11).
Was jeweils unterschieden wird, ist kontingent, da es von der jeweils entscheidenden Person abhängt.
Eine soziale Ordnung erscheint im Alltag häufig als „normal“. Was als Normalität gilt, kann aber auch anders sein. Man begrüßt sich beispielsweise in bestimmter Weise, akzeptiert Geld als Zahlungsmittel, folgt Rechtsnormen, nimmt Geschlechterrollen wahr, vertraut wissenschaftlichen Verfahren oder erwartet, dass Organisationen nach gewissen Regeln funktionieren. Soziologisch wichtig wird dies dort, wo vermeintliche Selbstverständlichkeiten infrage gestellt werden.
Ein klassischer Zugang zum Kontingenzbegriff findet sich in der Wissenssoziologie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann. Ihre Theorie der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit zeigt, wie menschliche Handlungen durch Wiederholung zu Institutionen gerinnen und wie diese Institutionen den Handelnden später als objektive Wirklichkeit entgegentreten (Berger und Luckmann 1966). Die Kontingenz liegt hier in der Differenz zwischen Entstehung und Geltung.
Institutionen sind Produkte menschlichen Handelns, werden aber im Alltag oft als gegeben erfahren. Kriege, Umweltkatastrophen oder auch Pandemien zeigen jedoch, dass das, was für Menschen die Norm ist, sich relativ schnell wandeln kann. Mit der Zeit kann ein entstandener Ausnahmezustand zur neuen Norm werden. Dies schärft das Kontingenzbewusstsein, das entsteht, sobald sichtbar wird, dass gesellschaftliche Ordnungen sich anders als gedacht entwickeln und unter anderen Bedingungen ganz anders aussehen könnten.
Kontingenz ist daher eine Kategorie der Entnaturalisierung. Was als notwendig, gottgegeben, traditionell oder sachzwanghaft gilt, wird als sozial konstruiert erkannt. Es wird aktiv hergestellt, stabilisiert und als veränderbar analysierbar (Bourdieu 1977; Foucault 1971).
Insgesamt tragen Sozialisation, Legitimation und symbolische Sinnwelten dazu bei, dass kontingente Ordnungen vielen Menschen als selbstverständlich erscheinen. Der Kontingenzbegriff ist daher eng mit dem philosophischen Konzept des Konstruktivismus verwandt und daran anschlussfähig. Der sozialkonstruktivistische Blick macht nicht nur sichtbar, dass soziale Wirklichkeiten anders sein können, sondern auch, wie Gesellschaften ihre eigene Kontingenz verdecken (Knöbl 2007).
4 Das Phänomen der doppelten Kontingenz
Eine zweite zentrale Traditionslinie des Kontingenzbegriffs wurde durch den amerikanischen Soziologen Talcott Parsons geprägt, der sich, wie später auch Niklas Luhmann, mit doppelter Kontingenz befasste. Beide gingen der Frage nach, wie soziale Ordnung und Kommunikation entstehen können, wenn das Verhalten aller Beteiligten prinzipiell offen und damit unbestimmt ist.
4.1 Wechselseitige Unsicherheit als Grundproblem
Das Phänomen der doppelten Kontingenz besagt, dass eine Person in sozialen Situationen nicht sicher wissen kann, wie sich ihr Gegenüber verhalten wird (Vanderstraeten 2002). Doppelte Kontingenz bezeichnet also die wechselseitige Unsicherheit zweier Handelnder darüber, wie der jeweils andere handelt. Dies gilt für alle Interaktionsteilnehmenden. Niemand weiß mit Sicherheit, wie der oder die jeweils andere sich verhalten wird, wenn man selbst sich in einer bestimmten Weise verhält. Dennoch entstehen stabile Erwartungen, Kommunikation und soziale Ordnung, die das Fundament jeder Gesellschaft sind.
Zur Veranschaulichung: Zwei Personen begegnen sich. Person A überlegt: „Soll ich grüßen?“ Person B überlegt ebenfalls: „Soll ich grüßen?“ A weiß nicht, ob B grüßen wird. B weiß nicht, ob A grüßen wird. Beide könnten grüßen, wegschauen, schweigen, lächeln oder etwas anderes tun. Das ist Kontingenz. Es könnte so oder anders laufen. Es ist doppelte Kontingenz, weil diese Offenheit auf beiden Seiten besteht.
4.2 Normative Integration bei Parsons
Parsons (1951) befasste sich mit der Frage, wie soziale Ordnung möglich ist, wenn Handelnde ihre Ziele verfolgen und zugleich auf die Handlungen anderer angewiesen sind. In Interaktionen hängt „Erfolg“ nicht nur vom eigenen Handeln ab, sondern auch davon, wie das Gegenüber reagiert. Man stelle sich zwei Akteur:innen vor, die um etwas konkurrieren. Jede:r der beiden will erfolgreich sein. Deshalb handelt Person A nicht einfach, sondern richtet ihr Verhalten an ihrer Erwartung darüber aus, wie Akteur:in B reagieren wird.
Person B wiederum macht die eigene Reaktion davon abhängig, wie sie das Verhalten von Person A interpretiert. So entsteht eine zirkuläre Erwartungsstruktur. Beide Seiten können anders handeln, beide müssen aber Erwartungen über das Verhalten der jeweils anderen Seite bilden (Parsons und Shils 1951). Hinzu kommt das konstruktivistische Moment: Auch das, was „Erfolg“ ist und was „erfolgreich zu sein“ ausmacht, ist kontingent, da es unterschiedlich bewertet werden kann.
Der Punkt, den Parsons und Shils damit aufzeigen, ist, dass Gesellschaft mit genau diesem Problem umgehen muss. Parsons (1951) löst das Problem der doppelten Kontingenz vor allem über gemeinsame normative Orientierungen, geteilte Werte und kulturelle Muster. Dass Kommunikation trotz Unsicherheit möglich ist, liegt an Erwartungen, Rollen, Normen, Routinen und Institutionen. Ein gemeinsam akzeptierter normativer Rahmen reduziert die Offenheit der Situation und ermöglicht stabile Interaktion (Kärtner 2015).
Dieser Rahmen macht Handeln nicht zu 100 Prozent sicher, aber wahrscheinlich, da Menschen in der Regel rollenkonform handeln, zumal nicht konformes Handeln oft eine gesellschaftliche Sanktion erfährt. Soziale Muster reduzieren damit Unsicherheit. Andernfalls wären keine koordinierte Zusammenarbeit – und damit keine Gesellschaft – möglich. Soziale Muster legen nicht vollständig fest, was Menschen tun, aber sie machen Verhalten erwartbarer, zumindest solange die Beteiligten um die erwarteten Muster wissen.
4.3 Kommunikation und Anschlussfähigkeit bei Luhmann
Niklas Luhmann hat das Problem der doppelten Kontingenz von Parsons übernommen und systemtheoretisch weitergeführt. Für ihn ist Kontingenz nicht bloß ein Problem menschlicher Wahlfreiheit, sondern eine Grundbedingung von Sinn. Sinn verweist ihm zufolge immer auf andere Möglichkeiten. Was getan oder gedacht wird, steht vor dem Horizont dessen, was ebenfalls möglich gewesen wäre. Kontingent ist nach Luhmann daher alles, was „auch anders möglich“ ist, ohne unmöglich oder notwendig zu sein (Luhmann 1984, S. 152).
In der doppelten Kontingenz treffen Luhmann zufolge zwei Sinnsysteme aufeinander, die beide wissen oder unterstellen, dass die andere Seite anders handeln könnte. Diese Unbestimmtheit macht Kommunikation notwendig. Im Unterschied zu Parsons gründet soziale Ordnung bei Luhmann indes nicht primär in Wertkonsensen, sondern in der Anschlussfähigkeit von Kommunikation. Diese reduziert Kontingenz, indem sie Erwartungen bildet, bestätigt oder verändert (Luhmann 1984).
Der Grundgedanke Luhmanns (1981) ist, dass Soziales nicht entsteht, weil Menschen dasselbe denken, sondern weil Kommunikation anschlussfähig wird. Jede soziale Situation ist kontingent: Eine Person könnte etwas sagen, schweigen, widersprechen, zustimmen, ausweichen, lachen, beleidigt sein und weiteres mehr. Vieles ist möglich – und nichts garantiert, dass Kommunikation gelingt. Sie steht immer unter der Bedingung, dass der nächste Anschluss offen ist.
Kommunikation reduziert Kontingenz, indem sie diese Offenheit bearbeitbar macht und Erwartungen schafft: Wenn jemand etwas sagt, wird aus vielen Möglichkeiten eine bestimmte Auswahl getroffen. Für Luhmann ist Kommunikation daher das wesentliche Element von Gesellschaft, die durch eine besondere Steigerung von Kontingenzerfahrung gekennzeichnet ist (Luhmann 2026).
Gesellschaften sind funktional differenziert, insofern sie nicht mehr durch eine einheitliche religiöse, ständische oder moralische Ordnung integriert werden, sondern durch verschiedene Funktionssysteme wie Politik, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Erziehung, Religion oder Kunst (Luhmann 1992). Da jedes dieser Systeme nach eigenen Codes agiert, gibt es nichts, von dem aus Gesellschaft abschließend beschrieben werden könnte (ebd.). Auch Selbstbeschreibungen der Gesellschaft sind somit kontingent. Sie sind in der einen oder anderen Weise möglich, aber weder in der einen noch in der anderen Weise zwingend.
5 Kontingenz in der Moderne
Ähnlich wie Luhmann (1992) spricht Michael Makropoulos (1998) von einer Kontingenzkultur der Moderne. Moderne Gesellschaften unterscheiden sich ihm zufolge nicht nur dadurch, dass sie Veränderungen erfahren, sondern dadurch, dass sie Veränderbarkeit selbst kulturell thematisieren. Kontingenz bezeichnet Makropoulos zufolge nicht jede beliebige Unbestimmtheit, sondern jene spezifische Unbestimmtheit, in der wirkliche Alternativen sichtbar werden. Einerseits eröffnet Kontingenz Freiheit, andererseits erzeugt sie Unsicherheit, Entscheidungsdruck und das Bedürfnis nach Stabilisierung. Makropoulos betont entsprechend, dass Kontingenz sowohl das Verfügbare und Gestaltbare als auch das Unverfügbare und Zufällige umfasst (Makropoulos 1997; 1998).
In modernisierungstheoretischer Perspektive verbindet sich Kontingenz mit Individualisierung, Risiko und reflexiver Modernisierung. Ulrich Beck versteht die moderne Gesellschaft als Risikogesellschaft, in der nicht nur traditionelle Sicherheiten erodieren, sondern moderne Institutionen selbst neue Unsicherheiten produzieren (Beck 1986). Risiken wie ökologische Gefahren, technologische Nebenfolgen oder globale Krisen sind laut Beck Folgen gesellschaftlicher Entscheidungen, die auch anders hätten getroffen werden können. Dadurch wird Zukunft kontingent. Sie ist beeinflussbar, aber nicht vollständig kontrollierbar (ebd.).
Anthony Giddens analysiert in ähnlicher Richtung die moderne Abhängigkeit von abstrakten Systemen, Expert:innenwissen und Vertrauen. Moderne Lebensführung verlangt ihm zufolge fortwährende Entscheidungen unter Bedingungen unvollständigen Wissens. Die Entwicklung einer biografischen Identität wird dadurch zu einem reflexiven, fortlaufenden Projekt (Giddens 1990; 1991). Die Kontingenz ist hier nicht nur Strukturmerkmal der Gesellschaft, sondern Alltagserfahrung moderner Subjekte: Wenig im Leben ist gewiss, vieles ist möglich und damit kontingent.
6 Kontingenz als Bedingung von Kreativität und Kritik
Eine andere Sichtweise auf Kontingenz vertritt Hans Joas. Er beschreibt Kontingenz als Bedingung von Handlungsfähigkeit und Kreativität. Joas kritisiert rationalistische und normativistische Handlungstheorien, die Handeln zu stark als Zweck-Mittel-Kalkül oder Normbefolgung begreifen. In seiner Theorie der Kreativität des Handelns entsteht Neues aus Situationen, in denen Routinen unterbrochen werden und Akteur:innen improvisierend auf unvorhergesehene Konstellationen reagieren (Joas 1992).
Auch Werte sind für Joas nicht einfach deduzierbar, sondern entstehen in Erfahrungen, Praktiken und Selbstbildungsprozessen. Aus dieser Sicht bedeutet Kontingenz nicht Werteverfall, sondern die historische Offenheit von Wertbindungen. Joas und Knöbl (2004) ordnen diese Debatten in ihrer Einführung in die Sozialtheorie in den breiteren Kontext der Entwicklung soziologischer Theorie nach Parsons, Habermas, Luhmann, Giddens, Bourdieu und anderen ein.
Kritische und genealogische Ansätze richten den Blick darauf, wie Kontingenz verschleiert wird. Pierre Bourdieu wies wiederholt darauf hin, dass soziale Ordnungen gerade dann besonders wirksam sind, wenn sie als selbstverständlich erscheinen (Bourdieu 1977; 1980). Historisch entstandene Macht‑ und Klassifikationsordnungen erscheinen als natürlich, sind aber sozial hergestellt und daher grundsätzlich veränderbar. Sie sind kontingent.
Aus dieser Perspektive hat die soziologische Analyse der Kontingenz auch eine herrschaftskritische Funktion. Sie zeigt, dass bestehende Ungleichheiten, Geschlechterordnungen, Bildungstitel oder kulturelle Unterscheidungen keinen natürlichen Unterschieden entsprechen, sondern auf sozial hergestellten Unterscheidungen beruhen. Michel Foucault (1971; 1975) rekonstruierte die Bedingungen von Wahrheit, Subjektivität, Normalität und Macht und verstand Kontingenz als ein Instrument der Kritik und gleichzeitig des Empowerments. Was geworden ist, kann auch anders werden, im Positiven wie im Negativen, wobei auch diese Bewertung selbst kontingent ist.
7 Kontingenz ist nicht Beliebigkeit
Kontingenz ist nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen, was allzu oft geschieht. Dass soziale Ordnung anders möglich ist, heißt nicht, dass sie jederzeit und gänzlich beliebig veränderbar wäre. Institutionen, Machtverhältnisse, materielle Ressourcen, Organisationen, Körper, Technik, kulturelle Deutungsmuster etc. begrenzen den Möglichkeitsraum. Soziale Wirklichkeit ist damit kontingent, aber nicht voraussetzungslos (Rangger 2024).
Aus systemtheoretischer Perspektive erklären Peyn und Peyn (2023), dass innerhalb eines Systems verschiedene Zustände kontingent sein können. Nicht beliebig verschiebbar ist jedoch der Rahmen selbst: Was in einem System unmöglich ist, lässt sich nicht ohne Weiteres in eine Möglichkeit überführen, und was notwendig ist, nicht zu einer bloßen Option herabstufen. Kontingenz ist damit von Notwendigkeit und Unmöglichkeit begrenzt.
Am Beispiel einer ertrinkenden Person zeigen die Autor:innen, dass es im System mit dem Ziel der Rettung mehrere kontingente Lösungswege gibt, etwa ein Seil zuzuwerfen, selbst ins Wasser zu springen oder Hilfe zu holen. Geht jemand hingegen weg, so Peyn und Peyn (2023), „fungiert Ihr Verhalten/​Operieren in diesem System nicht als Kontingenz, sondern als Widerspruch. Sie verlassen den Kontingenzraum des Problems/​Systems“.
Diese Spannung ist für die Soziologie zentral. Sie untersucht, wie Möglichkeitsräume entstehen, wie sie eingeschränkt werden und wie Gesellschaften mit der Erfahrung umgehen, dass ihre Ordnungen weder notwendig noch endgültig legitimiert sind. Kontingenz ist lediglich die Öffnung eines Möglichkeitsraums, Beliebigkeit hingegen wäre das Fehlen jeder Ordnung.
8 Warum Kontingenz an Bedeutung gewinnt
Der Kontingenzbegriff lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven akzentuieren. Parsons sieht Kontingenz als Problem normativer Integration, Luhmann als Grundbedingung von Kommunikation. Berger und Luckmann beschreiben Kontingenz als Konstruiertheit sozialer Wirklichkeit, während Beck die Risikoerfahrung der Moderne in den Vordergrund rückt. Joas hebt Kontingenz als Voraussetzung kreativen Handelns hervor, und Bourdieu und Foucault als Ansatzpunkt kritischer Entnaturalisierung.
Aufgrund dieser Breite gilt Kontingenz als Schlüsselbegriff im sozialwissenschaftlichen Gegenwartsdiskurs. Er gewinnt an Bedeutung durch die steigende Ungewissheit, die moderne Gesellschaften prägt und die zunehmend als offen, unvorhersehbar und komplex wahrgenommen wird (Schäfer 2016). Die voranschreitende Diversifikation der Gesellschaft macht sichtbar, dass soziale Tatsachen, politische Gegebenheiten und persönliche Lebenswege nicht so sein müssen, wie sie sind. Die Ausweitung künstlicher Intelligenz, der demografische, klimatische und wirtschaftliche Wandel, die Energiewende oder außenpolitische Unsicherheiten erzeugen Ungewissheit und bei vielen Menschen Ängste (Mühlhoff 2026; Rathkolb 2025).
Mit der Ungewissheit geht eine Zunahme an Handlungsoptionen einher, die ständig neue Entscheidungsmöglichkeiten, aber auch Entscheidungszwänge hervorbringt. Dies kann als positiv, aber auch als belastend empfunden werden, da stets Unsicherheit darüber bleibt, ob man sich richtig entschieden hat (Schwartz 2005). Mit der Optionsvielfalt korrespondiert, dass traditionelle Ordnungssysteme an Bindungskraft verlieren (Wiesenthal 2017; Hurrelmann 2003).
Verfügbares Wissen hat stark zugenommen, ohne dass sich daraus ableiten ließe, wie sich die Welt entwickeln wird. Vieles ist möglich, wenig ist sicher. Entsprechend gewinnen in Wirtschaft und Politik Szenarioanalysen und Corporate Foresight an Bedeutung, mit denen Organisationen zu erfassen versuchen, wie sich die Welt in den kommenden Jahren entwickeln könnte (Miles, Saritas und Sokolov 2016). Solche Verfahren zielen darauf, Unsicherheit zu reduzieren.
Vollständig auflösen lässt sich Ungewissheit jedoch nicht. Kontingenz bleibt bestehen und in der fachlichen Diskussion wird entsprechend die Fähigkeit thematisiert, trotz unvollständigen Wissens über die Zukunft handlungsfähig zu bleiben und Ungewissheit als Ausgangspunkt für Kreativität zu nutzen. Ungewissheitskompetenz wird in diesem Zusammenhang als zentrale Zukunftsfähigkeit beschrieben (Hawlitzeck 2018).
9 Quellenangaben
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10 Literaturhinweise
Holzinger, Markus, 2007. Kontingenz in der Gegenwartsgesellschaft: Dimensionen eines Leitbegriffs moderner Sozialtheorie. Bielefeld: Transcript Verlag. ISBN 978-3-89942-543-7
Knöbl, Wolfgang, 2007. Die Kontingenz der Moderne. Frankfurt: Campus Verlag. ISBN 978-3-593-38477-1
Meillassoux, Quentin, 2018. Nach der Endlichkeit: Versuch über die Notwendigkeit der Kontingenz. Zürich: Diaphanes Verlag. ISBN 978-3-03734-847-5
Verfasst von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Case Management-Ausbilder (DGCC), Systemischer Berater (DGSF), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Braunschweig.
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