"
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Konzentrative Bewegungstherapie

Ute Backmann

veröffentlicht am 12.05.2022

Abkürzung: KBT

Englisch: concentrative movement therapy

Medizinischer Disclaimer: Herausgeber und AutorInnen haften nicht für die Richtigkeit der Angaben. Beiträge zu Gesundheitsthemen ersetzen keine ärztliche Beratung und richten sich nur an Fachleute.

Die Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) ist eine körperorientierte psychodynamische psychotherapeutische Methode und fester Bestandteil in der multimodalen Behandlung in psychosomatischen/​psychiatrischen/​psychotherapeutischen Kliniken. KBT wird ebenso in ambulanten therapeutischen Praxen als Einzel- und Gruppentherapie angewandt und dient zusätzlich der Prävention, der stationären Nachsorge, aber auch als Ergänzung zu rein verbalen Psychotherapien.

Überblick

  1. 1 Ziel
  2. 2 Arbeitsweise und Wirkprinzipien
  3. 3 Grundlagen
  4. 4 Störungsspezifische Curricula
  5. 5 Geschichte der Konzentrativen Bewegungstherapie:
  6. 6 Fort- und Weiterbildung
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Informationen im Internet

1 Ziel

Das Ziel der Konzentrativen Bewegungstherapie besteht darin, die psychischen und physischen Wahrnehmungen zu sensibilisieren, subjektive psychosomatische Prozesse zu verstehen und eine Verbindung zu individuell-kognitiven Lebensmustern herzustellen, um durch diese Bewusstwerdung eine Veränderung zu vollziehen und die Gesundheit zu fördern.

2 Arbeitsweise und Wirkprinzipien

Durch Bewegung und achtsame Wahrnehmung des eigenen Körpers wird das psychische Erleben neu erfahren. Mit jeder Körperwahrnehmung wird gleichzeitig eine innere Bewegung ausgelöst. Bewegung wird verstanden als „Sich-Bewegen“, „Bewegt-Sein“ oder auch „Auf-dem-Weg-Sein“. Sie dient der schrittweisen Entfaltung und Überwindung tatsächlicher und/oder fantasierter innerer Hemmnisse. Dabei geht die KBT von der Grundannahme aus, dass sich Wahrnehmung aus Sinnesempfindungen im Hier und Jetzt und den bisherigen Erfahrungen zusammensetzt. Die biografisch-individuelle Lebens- und Lerngeschichte spielt für das aktuelle Erleben eine tragende Rolle. Gesunde Anteile sowie Störungen und Krankheiten werden durch die KBT direkt erlebbar und können in ihrer Bedeutung verstanden werden. Im Umgang mit Materialien und Personen wird neben den realen Erfahrungen ein symbolischer und/oder szenischer Bedeutungsgehalt sichtbar. Die aus der (un-)bewussten Lebensgeschichte auftauchenden körperlichen Erfahrungen, werden verbal reflektiert und vertieft. In der KBT stellt das Körperliche die Grundlage und das Beziehungsfeld für individuell-eigengesetzliche, physische, psychosomatische und psychische Abläufe dar. Die Problematik wird „erlebbar und begreifbar“. Hemmungen, Blockaden und Schmerzen können durch das Erproben neuer Wege und kreativer Möglichkeiten abgebaut werden (DAKBT 2022, S. 9 f.).

Zur Verdeutlichung der Methodik sollen exemplarisch zwei Aspekte ausgeführt werden:

  1. Körper-Leibarbeit
    Strukturierte Körperwahrnehmungsangebote ermöglichen den Patient*innen sich im Kontakt zum Boden und in der Beziehung zum Raum wahrzunehmen – liegend, sitzend, stehend, gehend. Die Patient*innen nehmen durch tastendes und spürendes Erforschen Kontakt zu ihrem Körper auf. Damit „begreifen“ sie sich selbst. Neue positive Erfahrungen werden möglich. Bewegungslust, Spannungsregulation und Differenzierung der Körperwahrnehmung entwickeln sich im therapeutischen Prozess. Die Verbindungen zwischen vegetativen Reaktionen, Gefühlen und kognitiver Verarbeitung werden deutlich.
  2. Beziehung zu Gegenständen
    Prinzipiell kann jedes Objekt des Alltags und der Natur verwendet werden. KBT typische Materialien sind Bälle, Stäbe und Seile, aber auch Muscheln, Steine und Stöcke. Die Ebenen der Arbeit mit Gegenständen sind:
    • Die Sinnes- und Realerfahrung mit dem Gegenstand
    • Erinnerungen, die diese Gegenstände ermöglichen
    • Die Wahrnehmung des Körpers mit dem Gegenstand
    • Der Gegenstand als intermediäres Objekt in der Beziehung, wenn z.B. durch Seile eine Verbindung zwischen zwei oder mehreren Personen hergestellt wird
    • Der Gegenstand als Symbol z.B. für Selbstanteile, Affekte oder Lebenskonstellationen

3 Grundlagen

Die KBT beruht auf folgenden Grundlagen (Backmann 2021; Schreiber-Willnow 2016):

  • Psychoanalytische/​tiefenpsychologische Theorien
  • Entwicklungs- und lernpsychologische Theorien
  • (Leib-)Phänomenologische Theorien
  • Anatomische und physiologische Theorien
  • Neurobiologische Theorien
  • Affektive und Sinneswahrnehmungen
  • Einzel- und gruppentherapeutische Konzepte
  • Symbolisierung und szenisches Verstehen
  • (Körperbezogene) Diagnostik
  • Wissenschaftliches Arbeiten und Forschung
  • Ethik und Menschenbild

4 Störungsspezifische Curricula

Der KBT liegen zudem spezifische Curricula für folgende Störungen/​Erkrankungen zugrunde (Schmidt 2016):

  • Traumafolgestörungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Essstörungen
  • Chronische Schmerzstörungen
  • Somatoforme Störungen
  • Angststörungen
  • Depressionen
  • Suchterkrankungen
  • Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter

5 Geschichte der Konzentrativen Bewegungstherapie:

Die KBT wurzelt sowohl in den körperorientierten Ansätzen der Psychotherapeuten Wilhelm Reich, Georg Groddeck und Sandor Ferenczi, als auch in der Gymnastikarbeit von Elsa Gindler. Gindler stellte das subjektiv bewusste Erleben von Atem, Spannung und Entspannung den bewerteten Körperwahrnehmungen gegenüber. Ihre Schülerin Gertrud Heller nutzte diese Bewegungsarbeit therapeutisch. Helmuth Stolze griff diesen Ansatz auf und schaffte die Bezeichnung „Konzentrative Bewegungstherapie“. Dieser Ansatz verbreitete sich seit 1963 zunächst über die Kurse der Lindauer Psychotherapiewochen. 1977 wurde der Deutsche Arbeitskreis für Konzentrative Bewegungstherapie (DAKBT) gegründet. Der Verein blickt mittlerweile auf eine lange und lebendige Geschichte zurück. Wesentliche Aufgabe ist die Organisation der KBT Weiterbildung sowie die Förderung der körperpsychotherapeutischen Forschung, Theorie und Methodik (DAKBT 2022, S. 11)

6 Fort- und Weiterbildung

Die KBT Weiterbildung mit Zertifikatsabschluss wird unter dem Dach des DAKBT organisiert. Sie ist berufsbegleitend aufgebaut und erfordert einen Grundberuf aus den Bereichen Gesundheit, Medizin, Psychologie oder Pädagogik. Ausführliche Informationen sind auf der Homepage des DAKBT www.dakbt.de zu finden.

7 Quellenangaben

Backmann, Ute, 2021. Sexualität in der Konzentrativen Bewegungstherapie. München: Ernst-Reinhardt-Verlag. ISBN 978-3-497-03059-0 [Rezension bei socialnet]

Deutscher Arbeitskreis für Konzentrative Bewegungstherapie (DAKBT), 2022. Jahresprogramm. Nürnberg: Selbstverlag

Schmidt, Evelyn, Hrsg., 2016. Konzentrative Bewegungstherapie – Grundlagen und störungsspezifische Ansätze. Stuttgart: Schattauer-Verlag. ISBN 978-3-7945-3110-3

Schreiber-Willnow, Karin, 2016. Konzentrative Bewegungstherapie. München: Ernst-Reinhardt-Verlag. ISBN 978-3-497-02531-2

8 Informationen im Internet

Verfasst von
Ute Backmann
M.A. Kultur- und Sozialwissenschaften
Dipl.-Sozialarbeiterin
Supervisorin/Coach (DGSv)
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Therapeutin für Konzentrative Bewegungstherapie (KBT)
Lehrbeauftragte im DAKBT
Website
Mailformular

Es gibt 1 Lexikonartikel von Ute Backmann.


Zitiervorschlag
Backmann, Ute, 2022. Konzentrative Bewegungstherapie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 12.05.2022 [Zugriff am: 20.05.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Konzentrative-Bewegungstherapie

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.