Kooperative Prozessgestaltung
Prof. Dr. Marcel Pietsch, Prof. Dr. Jan Tietmeyer
veröffentlicht am 01.10.2026
Kooperative Prozessgestaltung (KPG) bezeichnet ein methodenintegratives Konzept professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit. Es strukturiert Hilfeprozesse entlang aufeinander bezogener Prozessschritte und verbindet fachliche Reflexion, kooperative Arbeitsbeziehungen sowie die flexible Anwendung von Methoden zur Bearbeitung komplexer Fallkonstellationen.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Charakteristik und Prinzipien der KPG
- 3 Sieben Prozessschritte der KPG
- 4 Methodische Diskussion und Ausblick
- 5 Quellenangaben
1 Zusammenfassung
Die Kooperative Prozessgestaltung stellt ein von Ursula Hochuli Freund und Walter Stotz entwickeltes Konzept zur systematischen Gestaltung professioneller Hilfeprozesse in der Sozialen Arbeit dar. Es verbindet fachliche Reflexion, kooperative Zusammenarbeit mit Klient:innen sowie inter‑ und intraprofessionelle Kooperation in einem flexiblen Prozessmodell. Dieses umfasst sieben miteinander verknüpfte Prozessschritte von der Situationserfassung bis zur Evaluation und versteht sich als methodischer Orientierungsrahmen, der auf unterschiedliche Handlungsfelder und Fallkonstellationen anwendbar ist (Hochuli Freund und Sprenger 2026).
2 Charakteristik und Prinzipien der KPG
2.1 Was ist die Kooperative Prozessgestaltung?
Das von Ursula Hochuli Freund und Walter Stotz 2011 in Lehrbuchform veröffentlichte Konzept der Kooperativen Prozessgestaltung (KPG) fokussiert das methodische Handeln von Fachkräften der Sozialen Arbeit entlang verschiedener Prinzipien, Phasen und Handlungsschwerpunkte. Der generalistische Ansatz wurde an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz als Lehrgrundlage zu professionellem Handeln entwickelt. Die Zielgruppe bilden dabei insbesondere Studierende und Praktiker:innen aus den Feldern der Sozialen Arbeit und Pädagogik (Hochuli Freund und Sprenger 2026, S. 5; Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 18). Charakteristisch ist die systematische Anordnung sozialprofessioneller, fallspezifischer und aufeinander bezogener Handlungsoptionen in einem Prozessmodell. Dieses setzt sich aus zwei Phasen mit insgesamt sieben grundsätzlich sequenziell gedachten Schritten zur konsistenten Fallbearbeitung in Sozialer Arbeit mit Individuen, Gruppen und im Gemeinwesen zusammen. Dabei wird grundsätzlich in folgende Schritte der Prozessgestaltung unterteilt:
- Situationserfassung
- Analyse
- Diagnose
- Zielsetzung
- Interventionsplanung
- Interventionsdurchführung
- Evaluation
Das Kernmerkmal der Kooperation soll dabei auf den gleichzeitig berücksichtigten Ebenen der inter‑ und intraprofessionellen Zusammenarbeit sowie der stetigen Beteiligung von Klient:innen und Bezugssystemen zur Geltung kommen (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 142 ff.; Hochuli Freund et al. 2026, S. 94 ff.). Wichtig bleibt die Annahme, dass es sich bei der KPG nicht um ein beliebiges Allheilmittel zur Lösung alltäglicher Praxisanforderungen handelt. Vielmehr kann sie als haltgebender Orientierungsrahmen, Kompass bzw. als Hintergrundfolie für kreatives, qualitätsvolles und sinnhaft zusammenhängendes methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit erachtet werden. Anstelle manualisierter und eher statischer Standardlösungen soll die KPG dabei unterstützen, eine oft unvorhersehbare, sich variabel entwickelnde Arbeitsrealität Sozialer Arbeit aus herausfordernden Lebenslagen und ‑welten der Klientel und einer darauf ausgerichteten, komplexen Handlungspraxis kooperativ und systematisch bewältigen zu können. Der Ansatz versteht sich dabei praxisfeldübergreifend und methodenverbindend, sodass eine breite Anwendbarkeit und Ausgestaltungsfähigkeit entlang verschiedener Handlungskontexte anvisiert wird (Hochuli Freund und Sprenger 2026; Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 154).
2.2 Vier zentrale Aspekte der KPG
Die vier zentralen Aspekte der KPG setzen sich aus (1) der Basis des Wissens und des Selbstverständnisses Sozialer Arbeit, (2) dem Arbeitsprinzip I des Nachdenkens auf Fachebene, (3) dem Arbeitsprinzip II der Arbeitsbeziehung und (4) der Anwendung als flexible Ausgestaltung im Kontext zusammen.
Als Basis der KPG halten Hochuli Freund und Stotz (2021, S. 154) das Wissen und das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit als Basis fest. Hierbei geht es um die stetige Berücksichtigung von strukturellen Bedingungen, Professionswerten und zentralen Ansätzen wie der systemischen Sichtweise, Lebenswelt‑ und Ressourcenorientierung sowie um die Heranziehung vielfältiger Wissensbestände aus der eigenen Profession sowie umgebender Bezugswissenschaften.
Das erste Arbeitsprinzip adressiert das „Nachdenken auf Fachebene“ nach dem Motto „Erst verstehen, dann handeln“ (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 154). Dieses konkretisiert sich über die konzeptimmanente, strukturierte Relationierung des individuellen Falls und relevanter Wissensbestände. Ebenso nimmt der Wechsel von einer geöffneten Komplexitätserweiterung hin zu einer schließenden Komplexitätsreduktion in der Fallbearbeitung eine wichtige Rolle ein. Zu berücksichtigen bleiben dabei stets methodische Standards und Qualitätskriterien.
Mit dem zweiten Arbeitsprinzip wird die Bedeutung der Arbeitsbeziehung zwischen Klientel und Fachkraft als gemeinsame Suchbewegung hervorgehoben. Betont wird dabei der Stellenwert von Zugangs‑ und Beziehungsgestaltung, um Wege zu einer gewünschten Veränderung ausfindig machen zu können. Zudem gilt hierbei die Reflexivität hinsichtlich eigener Person, Rolle(n), Handlungsschritte und Wissensbestände der Fachkraft als zentral.
Als vierten Grundaspekt benennen Hochuli Freund und Stotz (2021, S. 154 f.) die Anwendung des Prozessmodells im Sinne einer flexiblen, kontextabhängigen Ausgestaltung. Hiermit wird berücksichtigt, dass Soziale Arbeit unter vielfältigen Organisationsaufträgen, mit unterschiedlicher Ausstattung und verschiedenen Zielgruppen stattfinden kann. Auch die fall‑ und lebensspezifischen Besonderheiten in der Kooperation mit Klient:innen sollten sich individuell in der Prozessgestaltung widerspiegeln. Hinzu kommt, dass Dauer, Abfolge und Sprünge der einzelnen Prozessschritte und ‑phasen variieren können, was die flexible Handhabung des Konzepts unterstreicht.
3 Sieben Prozessschritte der KPG
Der Ansatz der KPG gliedert sich für seine praktische Umsetzung in den Feldern der Sozialen Arbeit und der Pädagogik in eine analytisch-diagnostische Startphase und eine anschließende handlungsorientierte Phase. Der Kooperationsprozess beginnt dabei i.d.R. mit der Situationserfassung und verläuft zirkulär bis zur Evaluation. Möglich sind auch Gleichzeitigkeiten, Pendelbewegungen, Vor‑ und Zurückspringen sowie unterschiedliche Umfänge entlang der Schritte, was den zuvor genannten flexiblen Prozesscharakter unterstreicht. Im Zentrum der methodischen Ausgestaltung stehen dabei Gesprächs-, Visualisierungs-, Analyse-, Zielsetzungs‑ und Handlungsmethoden der Sozialen Arbeit. Tabelle 1 verdeutlicht die mit dem jeweiligen Prozessschritt verbundene Grundhaltung sozialarbeiterischer Fachkräfte bei der Arbeit mit der KPG.
| Prozessschritt | Grundhaltung (Hochuli Freund et al. 2026, S. 95 ff.) | |
|---|---|---|
| 1 | Situationserfassung | „Mit Offenheit, Interesse und Neugier die Klient:innen und ihre Lebenssituation kennenlernen.“ |
| 2 | Analyse | „Verschiedene Perspektiven explorieren und herausfinden wollen, worum genau es in dem Fall geht.“ |
| 3 | Diagnose | „In einer gemeinsamen Suchbewegung nach Erklärungen suchen und versuchen, den Fall besser zu verstehen.“ |
| 4 | Zielsetzung | „Nach vorne schauen, Klient:innen motivierende Impulse für eigene Ziele geben und auf der Fachebene eigene Schwerpunkte setzen.“ |
| 5 | Interventionsplanung | „Erfinderisch viele neue Ideen entwickeln, diese kritisch reflektieren und bei ihrer Umsetzung dranbleiben und zugleich flexibel sein.“ |
| 6 | Interventionsdurchführung | |
| 7 | Evaluation | „Das Geleistete und Gelungene wertschätzen und zugleich mit Verbesserungswillen und Fehlerfreundlichkeit etwas Neues lernen.“ |
3.1 Analytisch-diagnostische Phase
Die analytisch-diagnostische Phase beginnt mit dem Schritt der Situationserfassung (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 158 ff.; Hochuli Freund et al. 2026, S. 95 f.). Hierbei stehen u.a. die initiale Klärung des Auftrags und das Kennenlernen der Veränderungsmotivation im Spannungsfeld des Tripelmandats (Staub-Bernasconi 2018, S. 111 ff.) im Mittelpunkt. Relevante Informationen zum Fall werden ressourcenorientiert gesammelt und dokumentiert, wobei die Anamnese wertungsfrei erfolgen soll: So viel wie möglich sehen und aufgreifen, so wenig wie möglich bewerten und urteilen wollen. Fachkräfte sollten eine offene, interessierte und neugierige Grundhaltung gegenüber den Klient:innen und deren Lebenssituation aufweisen.
Wichtig ist hierbei auch die Unterscheidung von objektiven Daten, z.B. soziodemografischen Angaben, und subjektiven Erzählungen, z.B. Situationseinschätzungen. Zu den plausiblen Methoden und Techniken gehören u.a. sozialanamnestische Erkundungsgespräche, eine leitfadengestützte, klientelzentrierte Gesprächsführung, das Aktenstudium, Beobachtungen oder biografische Interviews.
Im zweiten Schritt, der Analyse, werden die wichtigsten bislang gewonnenen Erkenntnisse und Perspektiven aus dem ggf. noch unübersichtlich vorliegenden Material herausgearbeitet und strukturiert (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 185 ff.; Hochuli Freund et al. 2026, S. 96 f.). Auch können weitere themenbezogene und multiperspektivische Einschätzungen zum vorliegenden Sachverhalt eingeholt werden. Generell soll die Analyse ein fundiertes Verständnis des Gesamtbildes ermöglichen und klären, worum genau es in einem Fall geht: „Ihr Zweck ist die Bestimmung der Fallthematik“ (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 186). Hierdurch lassen sich bereits früh im Unterstützungsprozess Zusammenhänge, Muster und Dynamiken im Fallgeschehen herausarbeiten.
Als wichtiges Zwischenprodukt wird das Aufstellen konstatierender, zusammenfassender Hypothesen empfohlen, mit denen eine Komplexitätsreduktion und Fokussierung auf zentrale Facetten des Falls und der anstehenden Problembewältigung unterstützt wird. Die analytischen Prozesse sollten nach Möglichkeit gemeinsam mit den Klient:innen und – wenn passend – dem Bezugssystem umgesetzt werden. Plausible Methoden und Techniken stellen u.a. die Fallinszenierung durch Intervision bzw. kollegiale Beratung, die Problem‑ und Ressourcenanalyse mit etwa einer Ressourcenkarte sowie Notationssysteme wie Genogramm, Netzwerkkarte und Silhouette dar.
Der dritte Schritt widmet sich der Diagnose (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 231 ff.; Hochuli Freund et al. 2026, S. 97). Hierbei geht es um die Vertiefung des bisherigen Fallverstehens, um den Fall bestmöglich über‑ und durchblicken zu können. Zentral ist die Gewinnung multiperspektivischer, wissensgestützter Erklärungen und Interpretationen, mit denen sich die Fallproblematik sowie subjektive Eigenlogiken der Beteiligten entschlüsseln lassen. Hierfür gelten zwei verschiedene Herangehensweisen als üblich: das theoriegeleitete Fallverstehen sowie das rekonstruktive Fallverstehen.
Das theoriegeleitete Fallverstehen zielt darauf ab, konkrete Zusammenhänge zwischen geeigneten theoretischen Erklärungszugängen aus z.B. Sozialer Arbeit, Psychologie und Soziologie und dem vorliegenden Fall herzustellen. Es handelt sich in diesem Sinne um eine Relationierung von Praxisfall und wissenschaftlichen Wissensbeständen. Auch empirisches Forschungswissen und fachliches Erfahrungswissen können in das Fallverstehen einfließen. Ziel bleibt die „Erhellung der Fallthematik“ (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 268) durch Heranziehung passender, i.d.R. wissenschaftlich gerahmter Erkenntnisse. Aus der Relationierung lassen sich erklärende Hypothesen ableiten, die mit den Klient:innen kommunikativ validiert und zu handlungsleitenden Arbeitshypothesen weiterentwickelt werden.
Das rekonstruktive Fallverstehen bezieht sich v.a. auf Ansätze der qualitativen Sozialforschung zur Datenerhebung und ‑auswertung. Als Beispiele bringen Hochuli Freund und Stotz (2021, S. 256 ff.) u.a. die Objektive Hermeneutik und die narrativ-biografische Diagnostik ein.
3.2 Handlungsorientierte Phase
Die gemeinsame Zielsetzung bildet den vierten Schritt des Prozessmodells (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 272 ff.; Hochuli Freund et al. 2026, S. 97 f.). Er lässt sich als Übergang von der analytisch-diagnostischen Phase hin zur handlungsorientierten Phase verstehen. In der Zielsetzung drückt sich ein anzustrebender Sollzustand aus, weshalb sie handlungsleitend und richtungsweisend für den anvisierten Veränderungsprozess ist. Die individuelle Zielerreichung gilt es im begleiteten Fall kooperativ auszuhandeln. Hierdurch wird ein authentischer Verwirklichungsvorsatz statt eines ungenauen Wunschdenkens bei den Beteiligten unterstützt. Wichtig ist dabei auch eine konkrete, realistische und schriftlich dokumentierte Zielvereinbarung, die sowohl für die Klientel als auch für Fachkräfte tragbar ist.
Im vorliegenden Schritt werden zunächst Grobziele entwickelt, die durch ihre positive Ausformulierung den Charakter von Anstrebungszielen in einer verbesserten Zukunftsvorstellung aufweisen. Die Zielsetzung soll die Erkenntnisse der Analyse‑ und Diagnosephase entlang eines „roten Fadens“ (Hochuli Freund et al. 2026, S. 98) berücksichtigen, was die adäquate Entwicklung von Hypothesen im vorherigen Schritt unterstreicht. Dabei bleibt zu berücksichtigen, dass die Zielaufstellung von einer „strukturierten Offenheit“ (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 288; Noack 2023; Thiersch 1993) geprägt wird, bei der Nachjustierungen je nach tatsächlichem Fallverlauf möglich bleiben.
Die Grobziele werden in Bildungsziele der Klient:innen und Unterstützungsziele der Fachkräfte unterteilt. Bildungsziele befassen sich mit den individuellen Entwicklungs‑ und Veränderungsprozessen aus Perspektive der Klientel: Wo möchte diese hin, was soll sich in ihrer Einschätzung verändern? Diese Art von Zielen kann nur durch die Klient:innen selbst festgelegt oder kooperativ ausgehandelt werden. Mit Unterstützungszielen formuliert die Fachkraft, wie sie den klientischen Entwicklungsprozess zu begleiten und zu ermöglichen beabsichtigt: Was ist mein eigener Beitrag im weiteren Unterstützungsverlauf? Hierdurch entsteht eine Orientierungslinie für das fachliche Handeln und die dabei zu erschaffenden Erfahrungsräume, in denen die Klientel eigene Entwicklungsperspektiven entwickeln und verfolgen kann.
Mit Schritt 5 kommt es zur Interventionsplanung (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 292 ff.; Hochuli Freund et al. 2026, S. 98). Hierbei sollen konkrete Antwortmöglichkeiten auf die Frage gefunden werden, was als Nächstes zu tun ist. Auf Grundlage der vorherigen Schritte wird ein bedarfsspezifischer, zielgeleiteter Handlungsplan kooperativ entwickelt, der im Folgeschritt umgesetzt werden soll. Wichtig bleibt das öffnende Reflektieren und das Abschätzen von Wirkungen und Konsequenzen verschiedener gesammelter Interventionsideen zur Zielerreichung. Nachdem die Szenarien kooperativ reflektiert wurden, kann eine schließende Entscheidungsfindung einsetzen.
Hieran knüpft die Feinzielformulierung und ‑vereinbarung an, mit der die gewählte(n) Intervention(en) koordiniert wird/werden: Wer macht wann was? Bei den planbaren Interventionsmodi und Intensitätsgraden ist u.a. abzuwägen, ob ein legitimationsbedürftiger Eingriff, ein freiwilliges Angebot oder gemeinsames Handeln im Mittelpunkt stehen sollte. Auch muss z.B. entschieden werden, ob eher ein materieller (v.a. bezogen auf Geld‑ und Sachleistungen), immaterieller (v.a. bezogen auf psychosoziale Unterstützung) oder kombinierter Handlungsansatz als sinnvoll betrachtet wird und inwiefern es um eine Veränderung der umgebenden Lebensbedingungen oder der persönlichen Lebensweisen geht.
Vor dem Hintergrund des professionstypischen „strukturellen Technologiedefizits“ (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 296; Luhmann und Schorr 1982, S. 14) sowie der Eigenlogiken sozialer Fallkonstellationen muss weiterhin anerkannt werden, dass erfolgreiche Kausalwirkungen geplanter Interventionen nicht garantier‑ oder erzwingbar sind. Sozialarbeiterisches Handeln bleibt damit auch unter durchdachten Planungsstrukturen potenziell ergebnisoffen. Als plausible Methoden und Techniken zur Interventionsplanung lassen sich je nach Handlungsfeld z.B. das Hilfeplangespräch, der Familienrat, Gedankenexperimente wie das Best-Case/​Worst-Case-Szenario oder die Anwendung von Kreativitätstechniken nennen.
Im sechsten Schritt folgt die Interventionsdurchführung (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 316 ff.; Hochuli Freund et al. 2026, S. 98). Hierbei ist das zuvor Geplante möglichst zeitnah umzusetzen, sodass die Klient:innen(-systeme) und die Fachkräfte die vereinbarte Zielsetzung unter optimalem Ressourceneinsatz verfolgen können. Relevant sind dabei auch das Monitoring, das Controlling und die Dokumentation des Interventionsverlaufs. Auf diese Weise lässt sich die systematische und kontinuierliche Rückkoppelung zugunsten gelingender, transparenter Informationsflüsse und ‑absicherung unterstützen. Die Notwendigkeit der fortlaufenden Information und Kommunikation ergibt sich v.a. bei Veränderungen, Zwischenevaluationen, Zielanpassungen und Modifikationen des Interventionsprogramms. Im Zuge der Ergebnisoffenheit kann zudem der professionelle Umgang mit nicht anvisierten Entwicklungen wie Stagnation und Rückschlägen bei der Zielverfolgung eine wichtige Rolle spielen.
Über den zeitlichen Verlauf der Intervention(en) sollte nach Möglichkeiten gesucht werden, von einer ggf. aktiveren Unterstützung hin zu einer geringer dosierten Begleitung übergehen zu können. Auf diese Weise wird darauf hingewirkt, als Fachkraft in der gelingenden, selbstbestimmten Lebensbewältigung entbehrlich zu erscheinen. Je nach Handlungsfeld können verschiedene Interventionsmethoden als plausibel erachtet werden. Oftmals lassen sich diese in klassische Ansätze und Bereiche wie Einzelfallhilfe, soziale Beratung, soziale Gruppenarbeit, Familienhilfe, Gesundheitshilfe oder Gemeinwesenarbeit einordnen. Auch eine Verknüpfung verschiedener Interventionen kann dabei zielführend sein.
Den siebten und letzten Schritt des Prozessmodells bildet die Evaluation als fallbezogene, kooperative Auswertung und Beurteilung des (bisherigen) Unterstützungsprozesses (Hochuli Freund und Stotz 2021, S. 331 ff.; Hochuli Freund et al. 2026, S. 98 f.). Durch ein gesamtheitliches Prozessfeedback soll in wertschätzender Weise u.a. eruiert werden, wie das bisherige Vorgehen durch die Beteiligten erfahren wurde, inwieweit die gesetzten Ziele erreicht wurden, welche Wirksamkeiten und Nachbesserungsbedarfe sich gezeigt haben und welche Folgerungen für die Zukunft abgeleitet werden können. Um eine kritisch-reflexive Distanz zum Prozessgeschehen einnehmen zu können, bietet es sich an, abschließende Evaluationen mit passendem zeitlichem Abstand einzuplanen. Vor allem bei längeren Unterstützungsprozessen kann es wichtig sein, Evaluation als kontinuierliche Aufgabe im Sinne regelmäßiger Zwischenauswertungen mit allen Beteiligten zu handhaben. Auch kann eine Evaluation dazu dienen, die Notwendigkeit einer weiteren oder anderen Unterstützungsform zu beleuchten.
Die von Hochuli Freund und Stotz (2021, S. 339) vorgeschlagenen Evaluationsdimensionen adressieren die analytisch-diagnostische Phase, die Handlungsphase und die Kooperationsebene. Entlang verschiedener Kriterien soll darüber eine Gesamtbeurteilung zum kooperativen Hilfeprozess ermöglicht werden. Zu den plausiblen Methoden und Techniken gehören dabei z.B. Reflexions‑ und Feedbackgespräche, Selbstevaluationen der Fachkräfte, die Bewertung von Zielerreichungsskalen, Feedback-Zielscheiben, Symbolkarten sowie skalierende Soziogramme und Aufstellungsarbeit.
4 Methodische Diskussion und Ausblick
Die KPG steht in der Tradition systematischer Konzepte methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit. Gemeinsam mit anderen Ansätzen verfolgt sie das Ziel, professionelles Handeln nachvollziehbar, begründbar und planvoll zu gestalten (Galuske 2013; Müller 2012; Noack 2023). Ihr besonderes Profil liegt dabei in der konsequenten Verbindung eines strukturierten Prozessmodells mit der kooperativen Ausgestaltung des Hilfeprozesses. Kooperation wird nicht allein als Haltung gegenüber Klient:innen verstanden, sondern zugleich auf die inter‑ und intraprofessionelle Zusammenarbeit sowie auf die relationierende Verknüpfung unterschiedlicher Wissensbestände bezogen. Dadurch versteht sich die KPG als methodenintegrativer Orientierungsrahmen, der verschiedene Arbeitsformen und Interventionen in einen fachlich begründeten Gesamtprozess einordnet.
Ein wesentlicher Mehrwert des Ansatzes liegt in seiner systematischen Strukturierung professioneller Fallarbeit. Die explizite Unterscheidung der einzelnen Prozessschritte unterstützt Fachkräfte dabei, Situationsdeutungen, diagnostische Überlegungen, Zielsetzungen und Interventionen sinnhaft zu differenzieren, nachvollziehbar aufeinander zu beziehen und methodische Entscheidungen transparent zu begründen. Gleichzeitig bleibt das Modell offen für unterschiedliche Handlungsfelder, Organisationsformen und Zielgruppen (Hochuli Freund und Sprenger 2026). Die Möglichkeit, Prozessschritte zu wiederholen, zu überspringen oder parallel zu bearbeiten, trägt der Dynamik sozialarbeiterischer Unterstützungsprozesse Rechnung und wirkt einer starren linearen Anwendung des Modells entgegen.
Gleichwohl sind mit dem Ansatz auch fachliche Herausforderungen verbunden. So bewegt sich die KPG – wie andere Konzepte sozialarbeiterischer Diagnostik und Fallbearbeitung – im Spannungsfeld zwischen der notwendigen Strukturierung professioneller Entscheidungen und der Offenheit sozialer Wirklichkeit. Insbesondere die Relationierung subjektiver Deutungen der Klient:innen mit wissenschaftlichen Wissensbeständen und diagnostischen Kategorien erfordert eine kontinuierliche Reflexion darüber, inwieweit subjektive Erfahrungen beschrieben, interpretiert oder objektiviert werden. Ebenso bleibt die Herausforderung bestehen, fachliche Komplexitätsreduktionen so vorzunehmen, dass unterschiedliche Perspektiven und lebensweltliche Bedeutungen nicht vorschnell eingeengt werden.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, unter welchen organisatorischen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen ein reflexiver und kooperativer Prozessansatz dauerhaft umgesetzt werden kann. Die KPG setzt Zeit für Analyse, Kooperation, Dokumentation und Evaluation voraus. Dem stehen in vielen Praxisfeldern steigende Anforderungen an Effizienz, Standardisierung und Fallzahlen gegenüber. Vor diesem Hintergrund kann die KPG auch als professionsbezogener Gegenentwurf zu einer primär ökonomisch orientierten Verdichtung sozialarbeiterischer Praxis verstanden werden (Staub-Bernasconi 2018). Gerade ihre Betonung von Reflexivität, Kooperation und fachlicher Begründung verweist auf Qualitätsmerkmale professionellen Handelns, die unter zunehmendem Ressourcendruck nicht selbstverständlich gewährleistet werden können.
Für die weitere Entwicklung des Ansatzes erscheinen insbesondere empirische Untersuchungen zu seiner Anwendung und Wirksamkeit in unterschiedlichen Handlungsfeldern bedeutsam. Während die konzeptionellen Grundlagen der KPG inzwischen umfassend ausgearbeitet und durch zahlreiche Praxisbeispiele konkretisiert wurden (Hochuli Freund und Sprenger 2026), könnte zukünftige Forschung verstärkt danach fragen, wie das Modell unter unterschiedlichen institutionellen Bedingungen umgesetzt wird, welche Auswirkungen es auf die Qualität professioneller Entscheidungsprozesse besitzt und welche Bedingungen seine nachhaltige Implementierung begünstigen. Damit bietet die Kooperative Prozessgestaltung weiterhin ein anschlussfähiges Konzept für die Professionalisierungs‑ und Methodendiskussion der Sozialen Arbeit.
5 Quellenangaben
Galuske, Michael, 2013. Methoden der Sozialen Arbeit: Eine Einführung. 10. Auflage. Weinheim und Basel: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-1447-1 [Rezension bei socialnet]
Hochuli Freund, Ursula und Raphaela Sprenger, 2026. Vorwort. In: Ursula Hochuli Freund und Raphaela Sprenger, Hrsg. Kooperative Prozessgestaltung in psychosozialen Handlungsfeldern: Grundlagen – Praxisbeispiele – Materialien. Stuttgart: Kohlhammer, S. 5–10. ISBN 978-3-17-044104-0 [Rezension bei socialnet]
Hochuli Freund, Ursula und Walter Stotz, 2021. Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit: Ein methodenintegratives Lehrbuch. 5. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-039979-2 [Rezension bei socialnet]
Hochuli Freund, Ursula, Jakin Gebert und Raphaela Sprenger, 2026. Konkretisierung und Implementierung des Konzepts Kooperative Prozessgestaltung in einer sozialen Organisation. In: Ursula Hochuli Freund und Raphaela Sprenger, Hrsg. Kooperative Prozessgestaltung in psychosozialen Handlungsfeldern: Grundlagen – Praxisbeispiele – Materialien. Stuttgart: Kohlhammer, S. 92–109. ISBN 978-3-17-044104-0 [Rezension bei socialnet]
Luhmann, Niklas und Karl Eberhard Schorr, 1982. Das Technologiedefizit der Erziehung und die Pädagogik. In: Niklas Luhmann und Karl Eberhard Schorr, Hrsg. Zwischen Technologie und Selbstreferenz: Fragen an die Pädagogik. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 11–40. ISBN 978-3-518-27991-5
Müller, Burkhard, 2012. Sozialpädagogisches Können: Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. 7. Auflage. Freiburg i.Br.: Lambertus. ISBN 978-3-7841-2117-8
Noack, Michael, 2023. Methodisches Handeln [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 14.07.2023 [Zugriff am: 24.07.2026]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/739
Staub-Bernasconi, Silvia, 2018. Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft: Auf dem Weg zu kritischer Professionalität. 2. Auflage. Opladen und Toronto: Barbara Budrich. ISBN 978-3-8252-4793-5 [Rezension bei socialnet]
Thiersch, Hans, 1993. Strukturierte Offenheit: Zur Methodenfrage einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit. In: Thomas Rauschenbach, Friedrich Ortmann und Maria-Eleonora Karsten, Hrsg. Der sozialpädagogische Blick: Lebensweltorientierte Methoden in der Sozialen Arbeit. Weinheim: Juventa, S. 11–28. ISBN 978-3-7799-0855-5
Verfasst von
Prof. Dr. Marcel Pietsch
Professor für Soziale Arbeit an der FOM Hochschule Stuttgart
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ORCID: https://orcid.org/0009-0006-0908-4708
Prof. Dr. Jan Tietmeyer
Professor für Innovationen in der Sozialen Arbeit Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen und Lehrbeauftragter der Hochschule Fulda und FOM Hochschule
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ORCID: https://orcid.org/0009-0002-1238-4390
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Es gibt 1 Lexikonartikel von Marcel Pietsch.
Es gibt 5 Lexikonartikel von Jan Tietmeyer.


