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Korczak-Pädagogik

Prof. Dr. Irit Wyrobnik

veröffentlicht am 04.04.2022

Die Korczak-Pädagogik geht auf das Leben und Werk von Janusz Korczak (1878/79–1942) zurück. Im Zentrum steht dabei eine Pädagogik der Achtung, Wertschätzung und Partizipation. Der Kinderarzt, Schriftsteller und Pädagoge Korczak hat seine Überlegungen stets praktisch erprobt. Bei entsprechender Anpassung eignet sich seine Pädagogik auch heute noch für unterschiedliche Kindertageseinrichtungen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Wesentliche Merkmale der Korczak-Pädagogik
    1. 2.1 Ein kindheitspädagogischer Ansatz
    2. 2.2 Eine Pädagogik der Mündigkeit
    3. 2.3 Eine Pädagogik der wertschätzenden Haltung
    4. 2.4 Eine Partizipationspädagogik 
    5. 2.5 Eine Pädagogik der Schriftkultur
    6. 2.6 Eine praxisbezogene Pädagogik
  3. 3 „Das Recht des Kindes, seine Gedanken auszusprechen und aktiven Anteil an unseren Überlegungen und Urteilen in Bezug auf seine Person zu nehmen“
    1. 3.1 Dialog auf Augenhöhe
    2. 3.2 Medien und Verfahren der Partizipation und Beschwerde
      1. 3.2.1 Kameradschaftsgericht
      2. 3.2.2 Anschlagtafel
      3. 3.2.3 Briefkasten
  4. 4 „Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag“
    1. 4.1 Gegenwartsbezogenheit
    2. 4.2 Lebensfreude, Heiterkeit und Humor
      1. 4.2.1 Erinnerungspostkarten
      2. 4.2.2 Kalender
    3. 4.3 Spiel, Freizeit, Bewegung, Raum
  5. 5 „Das Recht des Kindes, das zu sein, was es ist“
    1. 5.1 Individualität
    2. 5.2 Vielfalt
  6. 6 Schlussbetrachtung
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Literaturhinweise
  9. 9 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Wenn über Korczaks Pädagogik gesprochen oder geschrieben wird, ist z.B. von „Korczaks Pädagogik heute“ (Wyrobnik 2021), von „Janusz Korczaks Pädagogik der Achtung“ (Beiner 2008), von „Pädagogik der Achtung“ (Liebel/ ​Markowska-Manista 2018) oder von der „Pädagogik der Kinderrechte(Braches-Chyrek 2021, S. 75 ff.) die Rede. Jedoch wurde in der Vergangenheit bereits der Begriff „Korczak-Pädagogik“ verwendet, etwa in dem Buch „Einführung in die Korczak-Pädagogik“ (Kunz 1994) oder in dem Aufsatz „Korczak-Pädagogik – Legitimation und Praxis erzieherischen Handelns“ (Beiner 1999).

Anfang der 2000er Jahre wurde die deutsche Ausgabe der „Sämtlichen Werke“ Janusz Korczaks fertiggestellt. Seitdem erwacht das Interesse an Korczaks Pädagogik wieder, da diese kommentierte Gesamtausgabe eine gute Grundlage für jegliche weitere Beschäftigung mit Korczak bildet – auch für eine solche, die über die rein wissenschaftliche Auseinandersetzung hinausgeht.

Hier soll nun nicht nur theoretisch über Korczaks Ansatz nachgedacht werden, das haben bereits andere getan (z.B. Liebel/ ​Markowska-Manista 2018); sein Leben bzw. seine Biografie wurden ebenfalls schon ausführlich beleuchtet (Maluga/ ​Bartosch 2021) und stehen daher nicht im Mittelpunkt. Vielmehr werden zuerst nochmals wegweisende Elemente und konstitutive Kennzeichen seiner Pädagogik komprimiert und akzentuiert dargestellt, durch welche sich die Korczak-Pädagogik von anderen Ansätzen unterscheiden lässt. Im Anschluss geht es dann um zentrale Dimensionen der Korczak-Pädagogik und die damit verbundenen Medien und Methoden für die pädagogische Praxis, z.B. in der Kita.

2 Wesentliche Merkmale der Korczak-Pädagogik

2.1 Ein kindheitspädagogischer Ansatz

Dieser Beitrag ist ein Plädoyer dafür, den Begriff „Korczak-Pädagogik“ auf einer Ebene mit den Begriffen „Montessori-Pädagogik“, „Reggio-Pädagogik“ oder „Fröbel-Pädagogik“ zu gebrauchen. Korczak wird zwar bis heute nicht explizit als Früh- oder Kindheitspädagoge bezeichnet, aber in vielen sozialpädagogischen Werken wird er gleichberechtigt neben anderen frühpädagogischen Ansätzen und Persönlichkeiten aufgeführt, z.B. in dem Buch „Theorien, Konzepte und Ansätze der Kindheitspädagogik“ (Braches-Chyrek 2021). In „Korczaks Pädagogik heute“ (Wyrobnik 2021) wird aufgezeigt, welch starke Bedeutung er für den Bereich hatte, den wir heute als Pädagogik der frühen Kindheit oder Kindheitspädagogik bezeichnen. Korczak sammelte viele Erfahrungen im Bereich der frühen Kindheit, sei es als Kinderarzt im Berson-Bauman-Kinderspital (siehe SW, Band 8), als Hospitant in Kindergärten oder als Erzieher in Sommerkolonien. Er verfasste Schriften für die Jüngsten, wie etwa seine Fabeln (1901/1902), und schrieb viele Texte über die Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern – nicht nur aus medizinischer Perspektive, wie seine Studie „Bobo“ (1914) eindrücklich zeigt. Zwar waren seine Hauptadressatengruppe die 7- bis 14-Jährigen, also Kinder und Jugendliche, die sich in diesem Alter im Dom Sierot aufhielten, aber er setzte sich in ganz besonderer Weise auch für jüngere Kinder ein.

Ein kindheitspädagogischer Ansatz ist die Korczak-Pädagogik nicht zuletzt deshalb, weil er die Kinderperspektive stark einfordert und betont. Aktuelle Studien, wie „Kita-Qualität aus Kindersicht“ (Nentwig-Gesemann/​Walther/​Thedinga 2017), nehmen sich ebenfalls der Kinderperspektive an. Die Ergebnisse dieser Studie lassen gleich mehrere Dimensionen sichtbar werden, die Korczak in seiner Pädagogik ebenso beherzigte, etwa das „Sich-Beteiligen, Mitreden und (Mit-)Entscheiden“, „Ausnahmen von der Regel erfahren“, „sich in Bezug auf die eigenen Rechte und Entscheidungen respektiert fühlen“. Dies ist zudem ein Hinweis darauf, wie bedeutsam die Korczak-Pädagogik schon immer war und heute wieder ist. In der Handreichung „Achtung Kinderperspektiven! Mit Kindern KiTA-Qualität entwickeln“ (Nentwig-Gesemann et al. 2019) und in dem Text „Achtung: Kinderrechte“ (Nentwig-Gesemann 2021) wird folgerichtig Korczaks „Recht des Kindes auf den heutigen Tag“ erwähnt.

2.2 Eine Pädagogik der Mündigkeit

Korczak hat zwar nicht systematisch „Schulen“ gegründet, wie manch andere Reformpädagogen, und sich stets gegen festgemeißelte pädagogische Systeme gewandt. Allerdings hatte er viele Schülerinnen und Schüler, z.B. sogenannte Bursisten, die im Waisenhaus mitarbeiteten, Praktika absolvierten und einige Zeit dort wohnen durften. Korczak war nicht zuletzt in der Ausbildung von Kindergärtnerinnen aktiv (Wyrobnik 2021, S. 39 ff.).

Er appellierte immer wieder an die Mündigkeit der Erziehenden, seien sie nun pädagogische Fachkräfte oder Eltern. Diese sollten ihren eigenen Verstand bei der Erziehung von Kindern gebrauchen. Dementsprechend schreibt er zu Beginn seines pädagogischen Hauptwerks „Wie liebt man ein Kind“ im ersten Buchteil „Das Kind in der Familie“ (1919): „Ich möchte, dass man versteht, dass kein Buch, kein Arzt den eigenen aufmerksamen Gedanken, die eigene genaue Beobachtung ersetzen können“ (SW, Band 4, S. 10). Janusz Korczak wollte, dass jede Erzieherin und jeder Erzieher sich auf den eigenen Weg begibt, pädagogische Szenen reflektiert und Schlüsse daraus zieht. Keinesfalls strebte er an, pädagogische „Rezepte“ zu verteilen: „Immer, wenn du ein Buch aus der Hand legst und beginnst, den Faden eigener Gedanken zu spinnen, hat das Buch sein angestrebtes Ziel erreicht“ (SW, Band 4, S. 10). Die Kinder und Jugendlichen des Dom Sierot hielt er im Übrigen ebenfalls kontinuierlich dazu an, selbst zu denken, ihre Gedanken zu äußern, Lösungen für Probleme und Konflikte zu artikulieren und schließlich den eigenen Weg zu gehen.

2.3 Eine Pädagogik der wertschätzenden Haltung

Weshalb ist Korczaks Pädagogik häufig nicht als „Korczak-Pädagogik“ bekannt? Wohl weil er seine Gedanken, basierend auf Erfahrungen, nicht immer streng systematisch strukturiert hat. Gleichwohl kann man in seinen pädagogischen Hauptwerken „Wie liebt man ein Kind“, „Das Recht des Kindes auf Achtung“ und anderen Texten ein klares „System“ entdecken, wenn man darunter nicht ein starres und unbewegliches Gebilde versteht, sondern eine Haltung gegenüber Kindern, die in den Texten wiederholt zum Ausdruck kommt und die sich in der Tat am besten mit „Pädagogik der Achtung“ überschreiben lässt. Pädagogische Fachkräfte sollen Kinder achten und beachten, ihre Ängste, Sorgen und Nöte, ihre Anliegen, Bitten und Wünsche ernstnehmen. Hierzu gehört auch, sie erst einmal anzuhören, wenn sie sich äußern, und ihre Beschwerden aufzunehmen und zu bearbeiten.

2.4 Eine Partizipationspädagogik 

Korczak wurde zwar in den vergangenen Jahren einerseits hauptsächlich aufgrund des Erscheinens der „Sämtlichen Werke“ in deutscher Sprache wiederentdeckt, andererseits findet man aber hin und wieder pädagogische Ansätze, die unter „Partizipation“ firmieren, ihn jedoch als Wegbereiter der Kinderrechte und insbesondere der Partizipationsrechte von Kindern nicht oder kaum erwähnen – und dies, obwohl er Partizipationsrechte in seinen sozialpädagogischen Einrichtungen anhand verschiedener Methoden aktiv verwirklicht hat, wie z.B. das, was wir heute als „Kinderkonferenz“ bezeichnen.

Dies erstaunt, da Janusz Korczak als ein Wegbereiter der Partizipationsrechte für Kinder bezeichnet werden kann. Korczak war einer der Ersten, die Partizipation für Kinder einforderten und umsetzten. Daher könnten eigentlich alle Ansätze einer Partizipationspädagogik, zumal wenn sie viele korczakspezifische partizipative Methoden enthalten, als Korczak-Pädagogik bezeichnet oder zumindest mit ihr in Verbindung gebracht werden.

2.5 Eine Pädagogik der Schriftkultur

Schreiben und Schrift, Bücher und Literatur und schließlich auch das Lesen spielten in Korczaks Leben eine herausragende Rolle, und zwar nicht nur, weil er selbst schon im jungen Alter schrieb und später ein erfolgreicher Schriftsteller wurde, sondern weil er durch das Schreiben seine Gedanken, seine Beobachtungen und Erfahrungen ordnen, dokumentieren, der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen und diese aufrütteln konnte, z.B. in Bezug auf die Kinderrechte. Er war sich der Macht des Schreibens und des Veröffentlichens bewusst. Die Texte, die er publizierte, waren demnach ein wichtiges Sprachrohr für ihn. Sie dienten der Verbreitung seiner Ideen und dazu, viele unterschiedliche Adressaten zu erreichen: Eltern, Erzieherinnen und Erzieher und nicht zuletzt die Kinder und Jugendlichen.

Korczak hielt es für wichtig, viel über Schrift zu kommunizieren und Gegenstände der Einrichtung zu beschriften, selbst wenn manche Kinder noch nicht lesen konnten. So hielt er etwa eine Anschlagtafel für pädagogisch höchst bedeutsam, insbesondere für Kinder, die des Lesens noch nicht mächtig sind: „Sogar dort, wo der Großteil der Kinder nicht lesen kann, würde ich eine Anschlagtafel aufhängen: Auch wenn sie die Buchstaben nicht kennen, lernen sie, ihren Namen zu entziffern, und sie fühlen die Abhängigkeit von den Kindern, die lesen können, und bekommen das Bedürfnis, es auch zu lernen“ (SW, Band 4, S. 257). Korczak erkannte die Bedeutung von Schrift bzw. von Literacy, von Lese- und Schreibkompetenz, für die Kommunikation, Partizipation und die Emanzipation der Kinder sowie für ihre berufliche Zukunft und förderte diese. Überdies las er den Kindern im Dom Sierot regelmäßig vor und beteiligte sie so an seinen Werken, noch bevor sie erschienen.

Korczak schrieb Texte für die Jüngsten, wie z.B. Fabeln und Geschichten, und unterstützte somit die „early literacy“. Er veröffentlichte zudem Bücher für bereits lesende Kinder, die teils zu Klassikern wurden. Er förderte die Kommunikation unter Kindern, und zwar sowohl im Haus der Waisen als auch mithilfe der größeren Plattform „Kleine Rundschau“ (1926–1939), die viele Kinder und Jugendlichen zum Lesen und Schreiben anregte und breite Kreise zog. Es ist bekannt, dass selbst Kinder, die noch nicht lesen konnten, sich Texte aus der „Kleinen Rundschau“ vorlesen ließen und zum Teil Leserbriefe an ihre bereits alphabetisierten Geschwister diktierten, die dann in dieser Zeitungsbeilage veröffentlicht wurden (SW, Band 14, S. 319). Im Waisenhaus gab es ebenso eine Zeitung – das Wochenblatt des Dom Sierot –, die über wichtige Begebenheiten berichtete und aus der einmal wöchentlich vorgelesen wurde.

Vielleicht hatte seine Affinität zur Schrift etwas mit dem Aufwachsen in einer gebildeten Familie zu tun – oder mit der jüdischen Religion, wenngleich diese auf den ersten Blick keine zentrale Rolle für ihn spielte. Das Judentum als Religion des Buches und der Schrift übte hier sicherlich einen gewissen Einfluss auf ihn aus.

Viele Methoden der Korczak-Pädagogik, wie etwa die Anschlagtafel, der Briefkasten, die Erinnerungspostkarten, der Kalender, der Gerichtskodex und das Wochenblatt, basierten auf oder nutzten Schrift und förderten auf diese Weise die Schriftkultur bei den Kindern und Jugendlichen.

2.6 Eine praxisbezogene Pädagogik

An dieser Stelle soll nun Korczaks Pädagogik, wie sie in seinen Schriften und durch Zeitzeugenberichte zum Ausdruck kommt, in ihren wesentlichen praxisbezogenen Anteilen dargestellt werden. Es handelt sich also nicht um ein „neues“ früh- oder kindheitspädagogisches Konzept, sondern um einen ca. 100 Jahre alten, immer wieder neu entdeckten Ansatz und vor allem eine Haltung, die durch die begriffliche Rahmung „Korczak-Pädagogik“ an Prägnanz und Stärke gewinnen soll.

Daher rücken nun noch als Ergänzung einige praktische Aspekte dieser Pädagogik und ihre Umsetzung in den Vordergrund. Dies ist umso notwendiger, als es mittlerweile viele Kindertageseinrichtungen, Schulen und weitere Einrichtungen, z.B. der Kinder- und Jugendhilfe, in Deutschland gibt, die nach Korczak benannt sind, die jedoch nicht immer an seiner Pädagogik ausgerichtet sind. Diese Einrichtungen können demnach seinen Namen tragen, ohne jedoch konsequent nach seinen Grundsätzen oder seiner Haltung zu arbeiten.

Es kann bisher festgestellt werden, dass die Korczak-Pädagogik eine von einer bestimmten Haltung geprägte Pädagogik ist, bei der Achtung, Mündigkeit und Partizipation eine bedeutende Rolle spielen, die darüber hinaus nicht nur vergangenheitsgerichtet ist, sondern als konkret und praxisbezogen betrachtet werden kann, da auch ihre pädagogische Praxis von der beschriebenen Haltung durchdrungen ist.

Wie wurde nun diese Haltung, wie wurden spezifische Grundsätze durch verschiedene Methoden im Waisenhaus Dom Sierot umgesetzt, die heute noch in pädagogischen Einrichtungen angewendet werden können (Wyrobnik 2021, S. 93 ff.)?

Ausgehend von Zitaten zu bestimmten Grundrechten, die Korczak schon früh für Kinder postuliert hat, werden im Folgenden einige Methoden und Medien exemplarisch vorgestellt.

Es sollte bisher deutlich geworden sein, dass die Korczak-Pädagogik sich einerseits aus einer bestimmten Haltung speist, andererseits diese Haltung nicht losgelöst vom konkreten pädagogischen Alltag betrachtet werden kann bzw. die Methoden der Korczak-Pädagogik von der beschriebenen Haltung (Partizipation, Achtung usw.) durchdrungen sein sollten.

3 „Das Recht des Kindes, seine Gedanken auszusprechen und aktiven Anteil an unseren Überlegungen und Urteilen in Bezug auf seine Person zu nehmen“

3.1 Dialog auf Augenhöhe

Korczak betrachtet es in der zweiten Auflage von „Wie liebt man ein Kind“ 1929 als „das erste und unbestreitbare Recht des Kindes […], seine Gedanken auszusprechen und aktiven Anteil an unseren Überlegungen und Urteilen in Bezug auf seine Person zu nehmen“ (SW, Band 4, S. 45). Zwar entspricht das nicht genau dem Wortlaut von Art. 12 Abs. 1 der UN-Kinderrechtskonvention zur Berücksichtigung des Kindeswillens, aber Korczak war in der Tat ein wichtiger Vorläufer dieser für Kinder überaus zentralen Konvention und ging in seinen Formulierungen teils noch über sie hinaus. 

Dass er ein wichtiger Wegbereiter der Partizipationsrechte von Kindern war, wird etwa in folgendem Zitat deutlich:

„Am nächsten Tag sprach ich das erste Mal während einer Plauderei beim Waldspaziergang nicht zu den Kindern, sondern mit den Kindern; ich sprach nicht davon, was ich möchte, dass sie seien, sondern davon, was sie sein wollten und könnten. Vielleicht habe ich mich damals das erste Mal davon überzeugt, dass man von Kindern viel lernen kann, dass auch sie Forderungen und Bedingungen stellen und Einwände machen und dass sie ein Recht darauf haben“ (SW, Band 4, S. 222).

Zu dieser Einsicht kam er, nachdem eine Gruppe von Kindern sich während eines Sommerkolonieaufenthalts gegen ihn als Erzieher aufgelehnt hatte. Friedhelm Beiner nennt diesen Moment Korczaks „kopernikanische Wende“ (Beiner 2022, S. 86). Joop Berding, Inge Smit und Inge van Rijn (2010) haben ihn als Geburtsstunde der „Kinderkonferenz“ bezeichnet. Und es war wohl auch die Geburtsstunde seiner „konstitutionellen Pädagogik“ – einer konsequenten Ausrichtung der Pädagogik am Recht des Kindes (Bartosch et al. 2015).

Durch eine dialogische Pädagogik, bei der Kinder gehört wurden, ihre Meinung sagen konnten und durch geplante Besprechungen und Versammlungen am Leben im Waisenhaus Dom Sierot teilnehmen und dieses beeinflussen konnten, setzte er diese Überzeugung praktisch um. Erziehende mussten ihre Macht reduzieren und teilweise abgeben, um die Zöglinge nicht zu beherrschen. Der Dialog sollte also auf Augenhöhe stattfinden. Korczak wollte den Despotismus aus der Erziehung verbannen, indem „mit den Kindern“ gesprochen werden sollte, nicht „zu den Kindern“.

3.2 Medien und Verfahren der Partizipation und Beschwerde

Im Waisenhaus gab es verschiedene Anlaufstellen für die Anliegen, Wünsche, Bitten und Beschwerden der Kinder. Davon sollen nun einige vorgestellt werden.

3.2.1 Kameradschaftsgericht

Die Hauptanlaufstelle für Beschwerden war das Kameradschaftsgericht. Hier konnten Anzeigen vorgebracht werden, Kinder als Richterinnen und Richter fungieren und auch das erwachsene Personal des Hauses – wie Korczak selbst – konnte „angeklagt“ werden. Das Kameradschaftsgericht erfüllte einen pädagogischen Zweck: Es sollte das Klima in der Einrichtung verbessern, Ordnung und Gerechtigkeit herstellen oder zumindest anstreben und ganz konkret zur Besserung der einzelnen Individuen beitragen. So wurde nicht jeder Angeklagte gleich „bestraft“ oder sanktioniert, sondern erhielt zunächst die Möglichkeit, die Beschwerde zur Kenntnis zu nehmen, zu reflektieren, sich dazu zu äußern und ggf. zu entschuldigen oder Besserung zu geloben. Verzeihen und Vergeben spielten dabei eine große Rolle. Dies wird schon daran deutlich, dass es im Kodex viel mehr „Verzeihensparagrafen“ als „Strafparagrafen“ gab und der Ausschluss aus der Einrichtung nur als ultima ratio infrage kam.

3.2.2 Anschlagtafel

Neben dem Kameradschaftsgericht gab es weitaus niederschwelligere Möglichkeiten, eigene Anliegen zu äußern, Informationen mitzuteilen oder sich zu beschweren. Hierzu diente insbesondere die Anschlagtafel, eine Art „schwarzes Brett“ für Kinder, die alle möglichen Informationen enthielt und an der man sich selbst, aber auch andere informieren konnte. Korczak schwebte eine lebendige Tafel vor, auf der viele Aspekte des Zusammenlebens in der Einrichtung im Miniaturformat sichtbar werden sollten. Die Anschlagtafel war somit ein Mittel, Wichtiges mitzuteilen, sich auszudrücken und mit anderen in Kontakt zu treten.

3.2.3 Briefkasten

Der Briefkasten stellte ein weiteres pädagogisches Medium von Korczak dar. Dieser forderte dazu auf, Unterscheidungen vorzunehmen, indem man entscheiden musste, ob ein Anliegen, eine Beschwerde, eine Bitte wirklich so wichtig war, dass sie schriftlich vorgebracht werden musste. Außerdem mussten die Kinder auf eine Antwort warten. Der Briefkasten, der nicht ganz mit dem heutigen „Kummerkasten“ vergleichbar ist, war demnach eine Übung in Frustrationstoleranz und stellte überdies eine Entlastung für die Erziehungspersonen dar, die nicht alle Anliegen sofort beantworten mussten, wie das bei mündlichen Anfragen manchmal der Fall ist. Überdies schuf er die Möglichkeit, die Anliegen der Kinder zu sortieren und die wichtigsten zuerst zu behandeln und zu beantworten. Die Kinder konnten sich mithilfe des Briefkastens nicht zuletzt anonym beschweren.

4 „Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag“

4.1 Gegenwartsbezogenheit

Korczak betonte stets die Gegenwartsbezogenheit von Kindern (Wyrobnik 2021, S. 85 ff.). Diese wird nicht nur im „Recht des Kindes auf den heutigen Tag“ deutlich, sondern auch in seinem bereits 1899 formulierten Credo „Kinder werden nicht erst Menschen, sie sind es bereits“ (SW, Band 9, S. 50). Kinder – so Korczak – sind hier und heute Menschen, die zwar nicht so viele Erfahrungen gesammelt haben wie Erwachsene aber eben qualitativ andere Erfahrungen, die nicht minder wichtig sind als diejenigen der „Großen“. Im „Recht des Kindes auf den heutigen Tag“ spiegelt sich das wider, was Korczak später in seiner Schrift „Das Recht des Kindes auf Achtung“ als Genuss des Augenblicks darstellte: Ein Augenblick wiederholt sich nicht und muss daher immer ernstgenommen werden. Er muss aber auch genossen werden, denn er verlöscht. Korczak ruft dazu auf, den Kindern das Recht auf eigene Zeit, eigene Erfahrungen und Erlebnisse in der Kindheit zu gewähren und sie nicht nur auf die Zukunft hin auszurichten. Es geht also nicht darum, Kinder in der Kita etwa nur im Hinblick auf die Schule zu betrachten oder die Schule nur als Vorläufer für den Beruf und ein erfolgreiches Leben, sondern darum, dass sie hier und jetzt Kind sein, rennen, lachen und fröhlich sein dürfen, wie Korczak nicht müde wird zu betonen:

„Erlaube den Kindern, Fehler zu machen und frohen Mutes nach Besserung zu streben. Kinder wollen lachen, rennen, übermütig sein. Erzieher, wenn für dich das Leben ein Friedhof ist, so erlaube wenigstens ihnen, das Leben für eine Wiese zu halten“ (SW, Band 4, S. 187).

4.2 Lebensfreude, Heiterkeit und Humor

Das Recht auf den Genuss des Augenblicks, auf glückliche Momente und Lebensfreude setzte Korczak in seiner Haupteinrichtung, dem Dom Sierot, auch praktisch um. Wie so viele andere von ihm geforderten Rechte blieb es keine hohle Formel.

Korczak schrieb viele Geschichten und Kinderbücher, in denen Humor ein ganz wichtiger Faktor war. Um zu sehen, ob der Humor „funktioniert“, las er den Kindern seine Geschichten und Abschnitte aus geplanten Kinderbüchern vor und überarbeitete diese dann. In der „Kleinen Rundschau“, einer von ihm initiierten Zeitung für Kinder und Jugendliche, gab es unter anderem eine Rubrik für Humorvolles, Witze und heitere Begebenheiten. Korczak war im Waisenhaus für Streiche zu haben und führte dieses Haus nicht mithilfe eines strengen Regiments, sondern in der Tat mit Witz und Humor. Beispielsweise wettete er mit den Kindern und spornte so deren Selbstdisziplin an. Erreichten die Kinder ihr selbstgestecktes Ziel, z.B. eine Woche lang nicht zu lügen, so erhielten sie eine kleine Belohnung.

4.2.1 Erinnerungspostkarten

Eine Art Belohnung, Auszeichnung oder humorvolle Ermahnung stellten ferner die sogenannten Erinnerungspostkarten dar. So gab es Postkarten mit einem passenden Bildmotiv für verschiedene vorbildliche Leistungen, wie sofortiges Aufstehen im Winter oder das Schälen von Kartoffeln, aber auch mahnende Karten, etwa die „Tigerpostkarte“ für Schlägereien und Streit. Korczaks „Recht des Kindes auf den heutigen Tag“ drückt sich sehr gut in seinem Satz „Jeder hat das Recht auf einen guten Lehrer und auf sein Portiönchen Himbeereis“ (SW, Band 4, S. 489) aus. Das Himbeereis als Metapher für den Genuss des Augenblicks, der für Korczak eindeutig zu jeder Kindheit dazugehört, im Kontrast zu dem Recht auf einen guten Lehrer – als Hinweis auf die Bedeutung von Lernen und Bildung bzw. auch auf die Zukunftsbezogenheit jeglicher Pädagogik. In der „Fröhlichen Pädagogik“ (1939), seinem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Buch, aus der dieser Satz stammt, wird diese Haltung besonders deutlich.

4.2.2 Kalender

„Fröhliche Pädagogik“ war schließlich nicht nur ein Buchtitel von Korczak. Fröhlichkeit, Heiterkeit, Humor und Schmunzeln waren in seiner Pädagogik Programm und fest verankert – insbesondere in schwierigen Zeiten und gegenüber Waisenkindern. Zu diesem Zweck schuf er für die Innenräume des Dom Sierot spezielle Zeiten, Medien, Einrichtungen und Methoden. So wurden in diesem Haus verschiedene Feiertage festlich begangen, aber es gab auch einen humorvollen Kalender mit besonderen Kalendertagen, z.B. dem längsten Tag des Jahres, an dem es sich nicht lohnte, schlafen zu gehen, dem kürzesten Tag des Jahres, an dem es sich nicht lohnte, aufzustehen, dem Tag des ersten Schnees, an dem Schneeballschlachten durchgeführt werden konnten, und vieles mehr.

4.3 Spiel, Freizeit, Bewegung, Raum

Das Recht, Kind zu sein, das Recht auf den heutigen Tag schließt ein Recht auf Spiel, auf Erfahrungen in geeigneten Innen- und Außenräumen, in der Natur und mit passenden, kindgerechten Materialien, auf Kunst und Musik mit ein. An dieser Stelle kann man den Pädagogen Korczak wieder als einen Vorläufer der UN-Kinderrechtskonvention, und zwar von Artikel 31 Absatz 1, erkennen:

„Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit an, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben.“

Korczak bot den Kindern ab 1921 während des Sommers jeweils eine mehrwöchige Erholungszeit in der Sommerkolonie des Dom Sierot auf dem Land an. Diese ermöglichte ihnen eine Abwechslung von ihrem sonstigen Stadtleben und eine Vielzahl von Aktivitäten in der Natur, wie z.B. Spiele im Freien und erweiterte Bewegungsräume. Dem Arzt Korczak war bewusst, dass die Kinder diese Freiräume und Erfahrungen für ihre gesunde Entwicklung brauchten. Er wirkte zudem an der (innen)architektonischen Planung des Dom Sierot mit, was dazu führte, dass das Gebäude von einer großzügigen Raumgestaltung und viel Licht geprägt war sowie von (Funktions-)Räumen und Medien, die den Raum zum „dritten Erzieher“ machten – wie wir heute nach der Reggio-Pädagogik sagen würden.

Nicht ganz so bekannt ist wohl, dass Korczak 1930 ein Büchlein mit dem Titel „Lebensregeln“ veröffentlichte (SW, Band 3, S. 277 ff.). In diesem bisher weniger beachteten und rezipierten Werk möchte er jungen Menschen die Lebensregeln nahebringen und sie anhand kurzer Szenen und Beschreibungen, etwa aus dem Familienalltag, zum Nachdenken bringen. Hier klärte Korczak die Jugendlichen nicht nur über Sozialisationsbedingungen auf, wie etwa in den Kapiteln „Die nächsten Angehörigen“, „Gesundheit“, „Die Schule“ oder „Reich – arm“, sondern auch über unterschiedliche Sozialräume ihrer Lebenswelt. Bereits die Überschriften der Kapitel vermitteln einen Eindruck davon: „Das Zuhause – die Wohnung“, „Der Hof – der Garten“, „Die Straße“. Diese Texte belegen nochmals eindrucksvoll, welchen Wert er unterschiedlichen (Sozial-)Räumen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen beimaß. In gewisser Weise erinnert dies an die Studie „Der Lebensraum des Großstadtkindes“ von Martha Muchow und Hans Heinrich Muchow, die 1935 zum ersten Mal erschien (Muchow/​Muchow 2012). 

5 „Das Recht des Kindes, das zu sein, was es ist“

Dieses Recht hat Korczak ebenfalls bereits in „Das Kind in der Familie“ (1919), dem ersten Teil der Tetralogie „Wie liebt man ein Kind“, zentral gefordert (SW, Band 4, S. 45). Illustrieren lässt es sich durch seinen Satz „Die Birke bleibt eine Birke, die Eiche eine Eiche – und die Klette eine Klette. Ich kann das, was in der Seele schlummert, erwecken, aber ich kann nichts neu schaffen“ (SW, Band 4, S. 194). Kinder – so Korczak – unterscheiden sich voneinander, sind einzigartig. Diejenigen, die für die Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern zuständig sind, können sie nicht nach ihrem Willen „formen“. Kinder haben bestimmte Temperamentseigenschaften und spezifische Begabungen. Letztere können zwar unterstützt und gefördert werden, aber wie das o. g. Zitat zeigt, können Kinder nicht „umgewandelt“ werden. Denn sie unterscheiden sich darüber hinaus auch aufgrund ihrer Vorerfahrungen und ihrer Herkunft.

5.1 Individualität

Friedhelm Beiner bezeichnet dieses Recht des Kindes, „das zu sein, was es ist“, als das „Recht auf Individualität“ (Beiner 2008, S. 35). Die Kinder haben dementsprechend Anspruch auf die Anerkennung ihrer Unverwechselbarkeit. Erwachsene dürfen ihnen demzufolge nicht mit überhöhten Ansprüchen und Wunschvorstellungen entgegentreten, sondern sie sollen eher die Kinder in ihrer je eigenen Entwicklung begleiten und unterstützen. Dies bedeutet für uns, Kinder in ihrer jeweiligen Lebenslage zu fördern, beispielsweise arme Kinder, Kinder, die eine Migrationsgeschichte oder einen Fluchthintergrund haben, und nicht zuletzt Kinder mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Hier bestehen Parallelen zur UN-Kinderrechtskonvention, insbesondere zum Artikel 2 Absatz 1, dem Diskriminierungsverbot, welches Korczaks „Recht des Kindes, das zu sein, was es ist“ formuliert bzw. erweitert.

In Korczaks Waisenhaus lebten über 100 Kinder. Besonders diese Tatsache bzw. die Beobachtung der Kinder mit ihren einzigartigen Persönlichkeiten machte Korczak die Bedeutung der Individualität bewusst. Die individuelle Entwicklung von Kindern zu achten, heißt auch anzuerkennen, dass sie sich in unterschiedlichen Situationen und abhängig von ihrer gegenwärtigen Gefühlslage je anders verhalten können und dass dieses Verhalten von einer spezifischen Gruppenkonstellation abhängig sein kann.

5.2 Vielfalt

Die Einzigartigkeit jedes Kindes wahrzunehmen und ernst zu nehmen bedeutet gleichzeitig, ihre Diversität wertzuschätzen und Vielfalt hochzuhalten. Eine Vielfalt, die nicht nur akzeptiert, sondern die auch als besonderer Schatz, als Ressource angesehen wird. Eine Vielfalt, die zudem durch Inklusion, Vorurteilsbewusstheit (Wagner 2017; König/Heimlich 2020) und Partizipation zum Ausdruck kommt.

Korczak förderte die individuelle Entwicklung und das künstlerische Talent von Kindern, wie man aus vielen Zeitzeugenberichten erfahren kann. So wohnte Shlomo Nadel seit seinem achten Lebensjahr bis zum Verlassen der Einrichtung im Dom Sierot. Dort erlernte er das Fotografieren. Er interessierte sich nämlich für Fotografie und Korczak förderte dies, indem er ihm eine erste fotografische Tätigkeit in einem Fotostudio in Warschau vermittelte. Viele Fotos vom Dom Sierot der 1930er Jahre stammen von Shlomo Nadel. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er sich eine Existenz in der Stadt Ramle, in Israel, auf. Er hatte ein Fotostudio und war ein beliebter und bekannter Fotograf für verschiedene private und offizielle Anlässe, wie sein Sohn Jossi Nadel berichtete.

Wiederum fällt Korczak als ein wichtiger Wegbereiter der Kinderrechte auf, etwa von Artikel 29 der UN-Kinderrechtskonvention, in dem es in Absatz 1 a) heißt: „Die Vertragsstaaten stimmen darin überein, dass die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muss, die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen.“

6 Schlussbetrachtung

Korczak hat den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt und teilte nach qualvollen Jahren im Warschauer Ghetto das Schicksal vieler Jüdinnen und Juden in jener Zeit: Er wurde ermordet – zusammen mit den Erzieherinnen und Erziehern und ca. 200 Waisenkindern seiner Einrichtung. Korczaks Ideen und seine Pädagogik haben jedoch überlebt, und zwar nicht nur aufgrund seiner Schriften, auf die gerade wieder verstärkt Bezug genommen wird, sondern auch durch Schülerinnen und Schüler, ehemalige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Weggefährten, Praktikanten und Praktikantinnen sowie Zöglinge des Dom Sierot, die diese persönlich erlebte Pädagogik nach dem Zweiten Weltkrieg weitergetragen bzw. in vielen Teilen der Welt verbreitet haben (Beiner/​ Ungermann 1999).

Diese Pädagogik ist vor allem durch all das geprägt, was vor 1942 und erst recht vor 1939 geschah und wofür er sich sein Leben lang eingesetzt hat: die Rechte der Kinder, ein behütetes Aufwachsen und ein Klima der Gerechtigkeit in den sozialpädagogischen Einrichtungen. Die Tragödie seines Todes, das Verbrechen, das an ihm, den Kindern und allen, die sie begleitet haben, begangen wurde, überschattet oft all das, was Korczak davor geschaffen hat, wofür er gewirkt und gelebt hat. Eine Korczak-Pädagogik hat jedoch an erster Stelle seine Pädagogik im Blick, nicht seine letzten Lebensjahre.

Diese Pädagogik kommt einerseits in einer bestimmten Haltung zum Ausdruck, andererseits in konkreten Medien und Methoden. Korczak entwickelte seine Pädagogik primär ausgehend vom Waisenhaus Dom Sierot, einer lebensweltersetzenden pädagogischen Einrichtung. Aufgrund seiner umfassenden Forschung und Praxis im Bereich der frühen Kindheit (Wyrobnik 2021, S. 29 ff.) bietet sie jedoch insbesondere für lebensweltergänzende Kindertageseinrichtungen wie Krippe, Kindergarten und Hort fruchtbare Impulse. Dies umso mehr, als dass diese Einrichtungen spätestens seit 2012 (Bundeskinderschutzgesetz) zur Partizipation verpflichtet sind. Denn die gesetzlichen Bestimmungen und Orientierungen, wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention, im SGB VIII, in den Kita-Gesetzen und den Bildungsplänen der Bundesländer aufgeführt und zum Teil verbindlich vorgegeben sind, machen es allen pädagogischen Fachkräften zur Aufgabe, die Rechte der Kinder zu achten, Verfahren der Partizipation und Beschwerde anzubieten und eine Atmosphäre der Wertschätzung in den Einrichtungen zu fördern, damit § 1 Absatz 1 des SGB VIII entsprochen werden kann: „Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“ Dieser wichtige Satz des SGB VIII könnte auch als Motto über der Korczak-Pädagogik stehen.

Um schließlich ein mögliches Missverständnis auszuräumen: Es geht nicht darum, die praktischen Anteile und Methoden der Korczak-Pädagogik 1: 1 in die heutige Zeit zu übersetzen, sondern sich davon inspirieren zu lassen und sie jeweils entsprechend der aktuellen Situation, z.B. anlässlich einer bestimmten Kind-Fachkraft-Interaktion oder eines spezifischen Bildungssettings, zu modifizieren. Nichts lag Korczak ferner, als dass man ihn als Ratgeber betrachtet, dessen Ratschläge unreflektiert übernommen werden. Die hier beschriebenen pädagogischen Grundsätze und die Haltung, die er vor über 100 Jahren entwickelt hat und von der seine Pädagogik geprägt ist (Partizipation, Dialog, Wertschätzung usw.), haben jedoch heute nicht nur eine Gesetzesgrundlage in Deutschland, sondern sind aktueller denn je und können in der Tat als „Pädagogik der Kinderrechte“ (Braches-Chyrek 2021) bezeichnet werden, in der die Kinderperspektive im Fokus steht.

Korczak forderte die Erziehenden immerzu dazu auf, Kinder zu beobachten, das eigene erzieherische Handeln zu reflektieren und erst davon ausgehend pädagogisch zu handeln, sich also nicht auf fremde Gedanken und Theorien zu verlassen. Daher sei zum Abschluss all jenen, die einer Korczak-Pädagogik Beachtung schenken wollen, noch Folgendes mit auf den Weg gegeben:

„Sei du selbst – suche deinen eigenen Weg. – Lerne dich selbst kennen, ehe du Kinder zu erkennen trachtest. – Mache dir klar, wo deine Fähigkeiten liegen, ehe du anfängst, den Kindern den Bereich ihrer Rechte und Pflichten abzustecken. – Unter ihnen allen bist du selbst ein Kind, das du vor allem kennenlernen, erziehen und formen musst. Es ist einer der schlimmsten Fehler zu meinen, die Pädagogik sei die Wissenschaft vom Kind und nicht – vom Menschen“ (SW, Band 4, S. 147).

7 Quellenangaben

Primärliteratur:

Korczak, Janusz, Sämtliche Werke (SW), Gütersloh

Band 3, 2000. Bobo/Die verhängnisvolle Woche/​Beichte eines Schmetterlings/Wenn ich wieder klein bin/Lebensregeln/Über die Einsamkeit, bearbeitet und kommentiert von Friedhelm Beiner und Silvia Ungermann. ISBN 978-3-579-02342-7

Band 4, 1999. Wie liebt man ein Kind/Erziehungsmomente/Das Recht des Kindes auf Achtung/Fröhliche Pädagogik, bearbeitet und kommentiert von Friedhelm Beiner und Silvia Ungermann. ISBN 978-3-579-02343-4

Band 8, 1999. Sozialmedizinische Schriften, bearbeitet und kommentiert von Michael Kirchner und Erich Dauzenroth. ISBN 978-3-579-02347-2

Band 9, 2004. Theorie und Praxis der Erziehung: Pädagogische Essays 1898–1942, bearbeitet und kommentiert von Friedhelm Beiner. ISBN 978-3-579-02348-9

Band 14, 2005. Kleine Rundschau/​Chanukka- und Purim-Szenen, bearbeitet und kommentiert von Erich Dauzenroth und Michael Kirchner. ISBN 978-3-579-02353-3

Sekundärliteratur:

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Beiner, Friedhelm, 1999. Korczak-Pädagogik. Legitimation und Praxis erzieherischen Handelns. In: Pädagogische Rundschau 53, Heft 6/1999, S. 665–681, ISSN 0030–9273

Beiner, Friedhelm und Silvia ​Ungermann, Hrsg., 1999. Janusz Korczak in der Erinnerung von Zeitzeugen: Mitarbeiter, Kinder und Freunde berichten. Gütersloh, ISBN 978-3-579-02357-1

Beiner, Friedhelm, 2008. Was Kindern zusteht. Janusz Korczaks Pädagogik der Achtung. Inhalt – Methoden – Chancen. Gütersloh. ISBN 978-3-579-08041-3

Beiner, Friedhelm, 2022. Korczaks demokratische Erziehungsreform: Partizipation, Konstitution, Achtung – Versuch einer werkbiographischen Rekonstruktion. In: Pädagogische Rundschau. Heft 1/2022, S. 77–101, ISSN 0030–9273

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8 Literaturhinweise

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Kerber-Ganse, Waltraut, 2009. Die Menschenrechte des Kindes. Die UN-Kinderrechtskonvention und die Pädagogik von Janusz Korczak. Versuch einer Perspektivenverschränkung. Opladen/​Farmington Hills, ISBN 978-3-86649-259-2 [Rezension bei socialnet]

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Liebel, Manfred, Hrsg., 2013. Janusz Korczak – Pionier der Kinderrechte: Ein internationales Symposium. Berlin/Münster, ISBN 978-3-5257-0305-2

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Verfasst von
Prof. Dr. Irit Wyrobnik
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Zitiervorschlag
Wyrobnik, Irit, 2022. Korczak-Pädagogik [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 04.04.2022 [Zugriff am: 04.07.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Korczak-Paedagogik

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