socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kraut, Antonie

Teresa A. K. Kaya

veröffentlicht am 30.06.2021

* 11.11.1905
† 18.03.2002

Dr. Antonie Kraut zählt zu den bedeutenden Persönlichkeiten der Diakoniegeschichte. Sie hatte zahlreiche haupt- und ehrenamtliche Positionen in der württembergischen Landeskirche inne und prägte deren Entwicklung über zwei Jahrzehnte hinweg.

Überblick

  1. 1 Kindheit und Jugend
  2. 2 Beruflicher Werdegang
    1. 2.1 Akademische Ausbildung und erste Ämter
    2. 2.2 Geschäftsführung der Evangelischen Frauenarbeit
    3. 2.3 Juristische Geschäftsführerin im Landesverband der Inneren Mission Württemberg
    4. 2.4 Gründung der Evangelischen Heimstiftung
    5. 2.5 Vorstandstätigkeit im Diakonischen Werk Württemberg
  3. 3 Tod und Nachlass
  4. 4 Wirkungsgeschichte
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Informationen im Internet

1 Kindheit und Jugend

Antonie Kraut wurde als lang ersehntes Nesthäkchen und einziges Mädchen von insgesamt fünf Kindern in eine Stuttgarter Juristenfamilie im Jahr 1905 geboren. Dem Vater Heinrich Kraut, der neben seiner Tätigkeit als Jurist auch politisch aktiv war, war eine fundierte Schulausbildung seiner Tochter äußerst wichtig und so besuchte Antonie Kraut bereits mit 6 Jahren die Höhere Töchterschule. In ihrer Mutter Mariane Kraut, geb. Leipheimer, fand Antonie ein weiteres Vorbild, denn sie war wie Heinrich Kraut stark engagiert. Ihre Leidenschaft galt dem kirchlichen Wirkungskreis und sie ging zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten nach.

Die erste Zäsur im Leben von Antonie Kraut war der Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers seinen Anfang nahm und drei ihrer Brüder an die Front rief und letztlich zweien das Leben kostete. Die Mutter Mariane litt stark unter dem Verlust. Seit 1914 engagierte sie sich bei der Gründung des Landesverbandes der Inneren Mission Württemberg (LVIM), wo sie anschließend viele Jahre Ausschussmitglied war. Nach Kriegsende verfolgte Antonie ihre weitere Ausbildung.

2 Beruflicher Werdegang

2.1 Akademische Ausbildung und erste Ämter

Ab 1918 besuchte Antonie Kraut die humanistische Abteilung des Mädchengymnasiums Stuttgart und erlebte in der Weimarer Republik hautnah den Aufbau einer parlamentarischen Demokratie einschließlich zahlreicher Parteigründungen mit. Mit dem neu erstrittenen Frauenwahlrecht gingen zahlreiche Initiativen von Frauengruppen einher, in denen sich auch Mariane Kraut engagierte. Sie übernahm den Vorsitz der Frauengruppe der Württembergischen Bürgerpartei. Ab 1923 tauschte sie diesen in den Vorsitz der Evangelischen Frauenarbeit ein. Antonie bewunderte ihre Mutter für deren zahlreiches Engagement.

Antonie Kraut schloss mit dem Abitur ihre Schulzeit ab und besuchte zunächst widerwillig und auf Wunsch des Vaters die „Wirtschaftliche Frauenschule auf dem Lande“. Im Wintersemester 1925 schrieb sie sich dann als Jura-Studentin an der Universität in Stuttgart ein. Es folgte das Staatsexamen, das Referendariat und schließlich eine Promotion über die Stellung der Frau im württembergischen Privatrecht. 1933 erhielt sie die Zulassung als Anwältin und stieg in die Kanzlei ihres Vaters mit ein, der jedoch 1935 verstarb.

1939 dann die zweite Zäsur: Der Zweite Weltkrieg nahm seinen Lauf. Diesmal wurde nur einer der Brüder einberufen und geriet in langjährige Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1948 wieder zurückkehrte. Die Mutter Mariane wurde trotz einer ernsthaften Erkrankung über 100 Jahre alt und erlebte das Kriegsende und den Werdegang ihrer Tochter, bis sie 1966 verstarb.

2.2 Geschäftsführung der Evangelischen Frauenarbeit

Im Todesjahr des Vaters nahm Antonie Kraut die Bitte der Evangelischen Frauenarbeit an und übernahm das Amt der Geschäftsführerin in der Evangelischen Frauenarbeit. Die Geschäftsstelle befand sich in Stuttgart und ihre Mutter Mariane trat zeitgleich vom Vorsitz zurück.

Die NS-Ideologie machte auch vor der Evangelischen Frauenarbeit nicht Halt. Um einer Gleichschaltung zu entkommen, bat Antonie Kraut Theophil Wurm, den württembergischen Landesbischof, um die offizielle Anerkennung der Evangelischen Frauenarbeit als Institution der Kirche. Wurm gab dem Antrag statt. Dies hatte weitreichende Folgen: Der Name wurde geändert in „Frauenwerk der Evangelischen Landeskirche Württemberg“ und schließlich auf Drängen der Regierung hin in „Frauenarbeit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg“.

Noch in ihrer Funktion als Vorsitzende hatte sich Mariane Kraut deutlich für die Bekennende Kirche im Widerstand gegen das NS-Regime ausgesprochen und ihre Tochter führte diesen Kurs weiter. Nach wie vor war sie in der väterlichen Kanzlei tätig, die sie zeitweise durch die Abwesenheit des Bruders bedingt sogar alleinverantwortlich leitete. Sie blieb alleinstehend und widmete sich völlig ihrem beruflichen Engagement.

2.3 Juristische Geschäftsführerin im Landesverband der Inneren Mission Württemberg

Nach Kriegsende erhielt Antonie Kraut eine Anfrage, die für sie weitreichende berufliche Entwicklungen zur Folge haben sollte. Ihr wurde die juristische Geschäftsführung, neben Gotthilf Vöhringer als Hauptgeschäftsführer, für den Landesverband der Inneren Mission angeboten und sie nahm dieses Amt an. 1945 war Stuttgart schwer getroffen und viele Gebäude waren zerstört. Im selben Jahr war Antonie Kraut bei der Gründung der Liga der freien Wohlfahrtspflege anwesend.

Das Jahr 1950 kennzeichnete die Fusion von LVIM und Evangelischem Hilfswerk zur Arbeitsgemeinschaft der Diakonischen Werke in Württemberg. Erst 20 Jahre später wurde die Kooperation in eine eigenständige Organisation überführt.

2.4 Gründung der Evangelischen Heimstiftung

Mit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft der Diakonischen Werke in Württemberg wurde die Notwendigkeit einer Trägerorganisation für Altenpflegeeinrichtungen offensichtlich. Diese Funktion sollte die Evangelische Heimstiftung (EHS) erfüllen, die 1952 gegründet wurde. Im selben Jahr waren die Bundesländer festgelegt worden und Württemberg ging in Baden-Württemberg auf.

Die EHS war auf Wirken von Antonie Kraut, Paul Collmer und Oberkirchenrat (OKR) Herbert Keller als Verein und Mitgliedsorganisation des Diakonischen Werks Württemberg initiiert worden. Antonie Kraut übernahm ehrenamtlich den ersten Vorsitz. Die EHS nahm sogleich tatkräftig die ihr bestimmte Aufgabe auf, die bestehenden 12 Altenhilfeeinrichtungen zu leiten und dringend benötigte weitere zu eröffnen. Darin war die EHS äußerst erfolgreich und verzeichnete einen steten Anstieg der Einrichtungen.

Antonie Kraut legte einen inhaltlichen Fokus auf die Verbesserung der Lebensstandards der Heimbewohner und Heimbewohnerinnen. Daneben lag ihr zeitlebens eine inklusive Personalführung am Herzen.

2.5 Vorstandstätigkeit im Diakonischen Werk Württemberg

Die Jahre vor ihrem Ruhestand widmete Antonie Kraut vor allem der Gründung eines Diakonischen Werks Württemberg (DWW), die 1969 umgesetzt wurde. Kraut war im Team für die rechtliche Form der Organisation zuständig, die Entscheidung fiel letztlich auf die Vereinsform. Für zwei Jahre übernahm die juristische Geschäftsführung im DWW wiederum Antonie Kraut, bevor sie sich hier in den Ruhestand verabschiedete. Vor allem in der EHS war Kraut fortan weiterhin aktiv bis sie sich auch hier, allerdings erst 1985, vom Haupt- ins Ehrenamt zurückzog.

3 Tod und Nachlass

Noch 89-jährig erhielt Antonie Kraut im Jahr 1995 für ihr vielfältiges Engagement, u.a. als Juristin bei der Ausgestaltung des Sozialstaats, die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.

Die letzten Lebensjahre verbrachte sie dann selbst in einer Einrichtung der EHS, dem Haus auf der Waldau. Dort verstarb sie am 18.03.2002.

In ihrem Andenken existiert die „Dr. Antonie Kraut Stiftung – Stiftung der Diakonie zur Förderung Sozialen Lernens“, die sich für soziales Lernen von jungen Menschen einsetzt. Im Jahr 2019 wurde zudem die neue Zentrale der EHS mit dem Namen „Dr. Antonie Kraut Haus“ in Stuttgart eröffnet.

4 Wirkungsgeschichte

Antonie Kraut wirkte in ihren vielfältigen ehren- und hauptamtlichen Ämtern maßgeblich an der Sozialgeschichte Deutschlands mit. Ihr vom persönlichen Glauben geprägter Lebensweg machte sie zu einer bedeutenden Persönlichkeit der Diakoniegeschichte. Antonie Kraut fungierte u.a. als juristische Geschäftsführerin des Landesverbands der Inneren Mission Württemberg (LVIM), das spätere Diakonische Werk Württemberg (DWW). Außerdem war sie maßgeblich an der Gründung der Evangelischen Heimstiftung (EHS) in Stuttgart beteiligt, dem heute größten Altenhilfeträger Baden-Württembergs. Wo immer möglich setzte sie sich für innovative Maßnahmen ein, z.B. modernisierte sie die Wohnformen in den Altenheimen durch die Einführung von Einzelzimmern mit eigenem Bad und stärkte die Autonomie der Heimbewohner und Heimbewohnerinnen, indem sie eine Auswahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Menüs anregte. Auf ihr Engagement hin entstanden außerdem Fachkliniken für drogenabhängige Menschen und gesonderte Hilfsprogramme für Menschen mit Behinderungen.

5 Quellenangaben

Kaya, Teresa A. K. und Thomas Mäule, 2018. Dr. Antonie Kraut (1905–2002): Eine Stuttgarter Pionierin und Gründerin der Evangelischen Heimstiftung. Stuttgart: Verlag und Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft GmbH. ISBN 978-3-945369-72-2

6 Informationen im Internet

Autorin
Dr. Teresa A. K. Kaya
Dozentin für Soziale Arbeit und Sozialmanagement an verschiedenen Fachhochschulen
Website
Mailformular

Es gibt 2 Lexikonartikel von Teresa A. K. Kaya.


Zitiervorschlag
Kaya, Teresa A. K., 2021. Kraut, Antonie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 30.06.2021 [Zugriff am: 24.09.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Kraut-Antonie

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.