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Kultur

Ulrich Papenkort

veröffentlicht am 24.03.2021

Englisch: culture

Kultur ist die von Menschen geschaffene Welt. Es kann die eine Welt oder es können Welten gemeint sein, jeweils als Ganze(s) oder in Teilen, wertfrei oder wertgebunden.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Verbreitung des Wortes „Kultur“
  3. 3 Bildungen zum Wort „Kultur“
  4. 4 Herkunft der Wörter „Kultur“ und „Kult(us)“
  5. 5 Verwendung des Wortes „Kultur“
  6. 6 Begriff der Kultur
  7. 7 Begriffe der Kultur erster Ordnung
  8. 8 Begriffe der Kultur zweiter Ordnung
  9. 9 Sieben Kulturbegriffe
  10. 10 Der agrarökonomische Kulturbegriff
  11. 11 Der philosophisch-anthropologische Kulturbegriff
  12. 12 Der geschichtsphilosophische Kulturbegriff
  13. 13 Der geisteswissenschaftliche Kulturbegriff
  14. 14 Der ästhetische Kulturbegriff
  15. 15 Der pädagogische Kulturbegriff
  16. 16 Der ethnologische Kulturbegriff
  17. 17 Der semiotische Kulturbegriff
  18. 18 Zwei statt sieben Kulturbegriffe
  19. 19 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Es werden acht Kulturbegriffe vorgestellt. Einer, der (agrar-)ökonomische Kulturbegriff, wird nur aus historischen Gründen thematisiert, systematisch als Vorbegriff. Die übrigen sieben Kulturbegriffe werden aus Kombinationen dreier zentraler Unterscheidungen entwickelt. Der philosophisch-anthropologische Kulturbegriff wird, weil er den weitesten Umfang aufweist und wertneutral bleibt, zum Zentralbegriff erklärt. Die übrigen sechs Kulturbegriffe, der geschichtsphilosophische, geisteswissenschaftliche, ästhetische, pädagogische, ethnologische und semiotische sind schon enger gefasst und teilweise wertgebunden. Sie gelten hier als Ableitungen des philosophisch-anthropologischen Kulturbegriffs. Die insgesamt acht Kulturbegriffe können grob auch auf nur zwei reduziert werden.

2 Verbreitung des Wortes „Kultur“

Kultur“ ist – in genau dieser Schreibweise – nicht nur ein deutsches Wort, sondern, abgesehen vom Englischen, eines der germanischen Sprachen überhaupt. In verschiedenen Varianten ist es aber, durch die Endung „-a“ oder „-e“ ergänzt, in allen europäischen Sprachgruppen beheimatet. In den romanischen Sprachen und im Englischen wird es mit dem Anfangsbuchstaben „c“ (z.B. franz. „culture“, span. „cultura“, engl. „culture“), in den slawischen Sprachen, sowohl in lateinischer als auch in kyrillischer Schrift, mit dem letztlich altgriechischen „k“ geschrieben (z.B. russ. „культура/kultura“, poln. „kultura“).

Zum europäischen Wort wurde es durch seine lateinische Herkunft, die über das Latein als Sprache der Gelehrten Verbreitung gefunden hatte, offenbar zuerst im Deutschen. Das lateinische Wort „cultura“ war bis ins 18. Jahrhundert geläufig, wurde aber erst im 17. Jahrhundert absolut, d.h. ohne Genitiv verwendet. Mitte des 18. Jahrhunderts tauchte es als alleinstehendes Fremdwort in der deutschen Sprache auf, noch mit dem Anfangsbuchstaben „c“ geschrieben: nur im Singular verwendet und ohne oder nur mit bestimmtem Artikel. „Die erste bekannte Erwähnung in einem deutschsprachigen Lexikon stammt aus dem Jahre 1775 […]“ (Elberfeld 2012, S. 283). Ungefähr Mitte des 19. Jahrhunderts wird „Kultur“ – immer noch mit „c“ geschrieben – auch im Plural und mit unbestimmtem Artikel verwendet, wohl erstmals 1860 von dem deutschen Ethnologen Adolf Bastian (1826–1905) (a.a.O., S. 290). Mit der in der Orthographischen Konferenz von 1901 festgelegten ersten gemeinsamen Orthografie aller deutschsprachigen Staaten wurde das „c“ durch das im Deutschen eher übliche „k“ ersetzt, wobei beide Schreibweisen noch eine Weile nebeneinander bestanden.

3 Bildungen zum Wort „Kultur“

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden aus und mit „Kultur“ viele neue Wörter gebildet. Im Deutschen sind vom Substantiv „Kultur“ die Adjektive „kulturell“, „kultural“ und (veraltetet) „kultürlich“ abgeleitet, nach dem Grad ihrer Verbreitung in genau dieser Reihenfolge. Das fachsprachliche Substantiv „Kulturation“, das wiederum mit Präfixen ergänzt werden kann, scheint aus der englischsprachigen Fachliteratur entlehnt worden zu sein. Dabei finden die erweiterten Fremdwörter „Enkulturation“ und „Akkulturation“ im Vergleich zu „Kulturation“ viel häufiger Verwendung.

In zahllosen Fällen ist das Substantiv „Kultur“ nicht eigenständig, sondern nur Grundwort bzw. Suffix (z.B. Ess-, Tischkultur) oder Bestimmungswort bzw. Präfix (z.B. Kulturlandschaft, -nation) eines Kompositums oder durch ein Genitivobjekt ergänzt (z.B. Kultur des Mittelalters, der Römer). Durch das Adjektiv „kulturell“ kommen weitere Spezifikationen ins Spiel (z.B. kulturelle Bildung, Vielfalt).

Trotz der mindestens europäischen Dimension des Wortes „Kultur“ sowohl in historischer als auch in geografischer Hinsicht legt der Autor im Folgenden das Gewicht auf seine gegenwärtige Verwendung in der deutschen Sprache. Auf die Geschichte des Wortes wird nur in den gegebenen Zusammenhängen aufmerksam gemacht. Ebenso wird der zweite, ebenfalls europäische Wortstrang, der eng mit „Kultur“ verknüpft ist, nur kurz berücksichtigt. Dessen Kern ist das Substantiv „Kult“.

4 Herkunft der Wörter „Kultur“ und „Kult(us)“

Zwischen den beiden Fremdwörtern „Kultur“ und „Kult“ bestehen enge sprachliche und auch geschichtliche Bezüge. Sie gehen beide über die lateinischen Verbalsubstantiva „cultura“ und „cultus“ auf das gleichlautende Partizip „cultus“ zurück, das wiederum zum Verb „colere“ gehört.

Das Verb „colere“ hatte im klassischen Latein schon unterschiedliche, wenn auch zusammengehörige Bedeutungen. Die älteste Bedeutung war „anbauen, einen Acker bestellen“. „Colonus“ oder „agricola“ meinte einen Bauern. Eine zweite Bedeutung war als metonymische Übertragung noch eng mit der ersten verbunden: „wohnen, ansässig sein, ein Land bewohnen“. Die nächste Bedeutung war schon eine metaphorische Übertragung: „colere“ allgemein als „(für etwas) sorgen“ in den Varianten „betreiben, (aus-)üben“ – bewahrend als „pflegen“ und steigernd als „(aus-)bilden, veredeln“ – und „schmücken“. Die wohl jüngste Bedeutung war dann „(ver-)ehren, anbeten“. Dabei bestand zwischen den beiden metaphorischen Bedeutungen des Sorgens und Verehrens ein ähnlich enger Zusammenhang wie zwischen denen des Anbauens und Bewohnens. Das Verb „colere“ wies damit ein semantisches Spektrum auf, das von ökonomischen (anbauen) und ökologischen (bewohnen) bis zu „kultivierend“-ästhetischen (ausüben, -bilden) und „kultisch“-religiösen (verehren) Bezügen reichte und damit ein reichhaltiges Material für die folgende Begriffsgeschichte von „Kultur“ und „Kult“ bot (Bolton 2007, S. 11).

Beide Substantiva, „cultura“ und „cultus“, wiesen im klassischen Latein ein im Umfang und Inhalt vergleichbares Bedeutungsspektrum auf. Aber seit dem Mittelalter geriet „die Benennungsspannweite von ‚cultus‘ bzw. ‚cultura‘ nahezu in Vergessenheit“ (Bollenbeck 1996, S. 3). Die beiden Wörter erfuhren danach eine unterschiedliche Geschichte, die für die deutsche Sprache in den Fremdwörtern „Kultur“, „Kult“ und „Kultus“ gipfelte. Grob gesagt blieb in „Kultur“ vor allem die Bedeutung des Pflegens, in „Kult“ die des Verehrens und in „Kultus“ die des Veredelns präsent.

Ein dritter sprachlicher Strang geht, anders als bei „Kultur“ und „Kult“, nur vermittelt auf das klassische Latein zurück. Er beginnt im Mittelalter und mit dem mittellateinischen Verb „cultivare“, das über das altfranzösische „cultiver“ zu den deutschen Fremdwörtern „kultivieren“ und „kultiviert“ sowie dem Fachwort „Kultivation“ geführt hat. Das Verb „cultivare“ wiederum geht auf das spätlateinische Partizip „cultivus“ zurück, das dann doch wieder als Bildung zu „cultus“ an das klassische Latein anschließt.

5 Verwendung des Wortes „Kultur“

Das Fremdwort „Kultur“ wird in der deutschen Sprache sowohl in der Gemeinsprache als auch in verschiedenen Fachsprachen gebraucht. Die fachsprachliche Verwendung findet dann noch einmal eine Zuspitzung und hat „hauptsächlich in drei Kontexten Konjunktur: im Rahmen der regionalen Kulturpflege, im städtischen Kulturbetrieb sowie in den universitären Kulturwissenschaften(Hetzel 2001, S. 34). Im ersten Fall gilt Kultur als „die Summe dessen, was nicht von der Natur, sondern von Menschen, genauer: von den Menschen einer bestimmten Region, hervorgebracht wurde: Bauwerke, Arbeitsweisen, Trachten, Feste, Gesänge usw.“ (a.a.O., S. 37). „Das zweite Zentrum der aktuellen ‚Kulturbegriffskonjunktur‘ bildet die Kulturszene unserer Großstädte. Hier zeugen Schlagworte wie Kultursponsoring, -etat, -politik, -dezernent, -betriebswirt und -management von einem neuen Kulturboom“ (a.a.O., S. 50). Im dritten Kontext, dem der empirischen Kulturwissenschaften, fassen die Wissenschaftler*innen „Kultur als einen symbolischen, Individuen zu einer Gemeinschaft integrierenden Deutungsrahmen auf, der sich von einem externen Beobachter protokollieren läßt“ (a.a.O., S. 62). Unter dem Namen „Kulturwissenschaften“ wurden die klassischen Geisteswissenschaften (philologische, historische und ästhetische Wissenschaften) ab den 1980er- und 1990er-Jahren neu interpretiert (Frühwald et al. 1991) und um empirisch-anthropologische Disziplinen (Ethnologie, Volkskunde) erweitert.

6 Begriff der Kultur

Das Wort „Begriff“ ist zweideutig. Es kann als Wort und damit sprachliches oder als gedankliche Vorstellung und somit mentales Phänomen verstanden werden. Auf das anstehende Thema bezogen kann der Begriff „Kultur“ (als Wort) oder der Begriff der Kultur (als Vorstellung) gemeint sein. In beiden Fällen bleiben Wort und Vorstellung lose aneinandergekoppelt. Das Wort gilt als Begriffswort, weil es nur eine gedankliche Vorstellung bezeichnet, die Vorstellung als Bedeutung, weil sie in einem Wort ausgedrückt wird.

In den ersten Abschnitten stand der Begriff „Kultur“ als (Begriffs-)Wort im Vordergrund. Begriffswörter wie „Kultur“ sind abstrakt. Sie transportieren (theoretische) Beobachtungsbegriffe. Solche dürfen nicht mit den an konkrete Dinge oder Ereignisse gekoppelten (empirischen) Gegenstandsbegriffen wie „Stuhl“ oder „setzen“ verwechselt werden. Stattdessen sind sie Wörter zweiter Stufe. Durch sie „kann man die mit Begriffen [= Wörtern] erster Stufe bezeichneten Phänomene einordnen und deuten“ (Thies 2016, S. 11). Dabei erfüllen Beobachtungsbegriffe nicht nur die Funktion der theoretischen Deutung und Ordnung, sondern auch der praktischen Steuerung in Gesellschaft und Politik hinein.

Im Folgenden geht es nicht mehr um das Begriffswort, also den Begriff „Kultur“ als Wort: nicht um seine Verbreitung, Geschichte oder gegenwärtige Verwendung. Es geht vielmehr um den Begriff der Kultur, d.h. um den Begriff als Bedeutung verstanden. Ein Begriff in diesem semantischen Sinne wird zwar durch ein Wort oder mehrere Wörter wiedergegeben, aber nicht durch ein bestimmtes Wort. Er ist mit einem Wort verknüpft, kann aber auch durch andere, seien es deutsche Wörter (Synonyma) oder fremdsprachige Wörter (Übersetzungen) ausgedrückt werden. Es handelt sich um einen abstrakten Gegenstand.

7 Begriffe der Kultur erster Ordnung

Beim Wort „Kultur“ stellt sich die Frage, ob dahinter differente Begriffe bzw. Bedeutungen verborgen sind – „ein Wort, viele Begriffe“ (Busche 2018) – oder dem Wort ein Begriff entspricht. In diesem Beitrag wird die These erprobt, dass es eine Grundbedeutung gibt, die sich nur schon so weit ausdifferenziert ist, dass vor „lauter Ästen der Stamm kaum noch erkennbar ist“. Dazu wird, um im Bild zu bleiben, im philosophisch-anthropologischen Kulturbegriff der Stamm sichtbar gemacht und im (agrar-)ökonomischen Kulturbegriff auch zur Wurzel vorgedrungen. Vom Stamm ausgehend lassen sich dann sechs tragende Äste identifizieren.

Der Begriff der Kultur kann nach einem Vorschlag des deutschen Philosophen Herbert Schnädelbach durch eine „dreifache Opposition(Schädelbach 1991, S. 511) ausdifferenziert werden. Kultur kann demnach in der Einzahl (Singular) oder Mehrzahl (Plural), als Ganzes (System) oder Teil (Element) und wertfrei (faktisch) oder wertgebunden (normativ) thematisiert werden (a.a.O., S. 510 f.). Zu ergänzen wäre noch die von Schnädelbach unbeachtete Differenz zwischen Vorgang (Prozess) und Ergebnis (Resultat).

Kultur im Singular ist, geografisch wie historisch, ein Merkmal aller Menschen bzw. der Menschheit. Sie kann aber auch auf eine Eigenschaft eines einzelnen Menschen verweisen. Der Plural der Kulturen bezieht sich auf verschieden große und auch in anderen Hinsichten unterschiedliche Gruppen von Menschen. Kultur kann somit auf drei Ebenen verortet werden: der universellen Ebene des bzw. der Menschen, auf der kollektiven der Gruppen von Menschen und der individuellen eines bzw. einzelner Menschen.

Kultur an sich, aber auch jede einzelne Kultur von Gruppen, wird stets als in sich differenziert wahrgenommen. Eine undifferenzierte Kultur ist kaum vorstellbar. Kultur und Kulturen können aber als System, also als differenzierte Ganzes, oder nach Elementen, d.h. Sektoren und/oder Dimensionen in den Blick genommen werden. Als Sektoren von Kultur(en) gelten die sozialen Institutionen wie z.B. Wirtschaft und Politik, Kunst und Wissenschaft. Die Dimensionen, die materielle, praktische und mentale, lassen sich auf der einen Seite auf die Differenz von dinglichen und nichtdinglichen, auf der anderen Seite auf die von sichtbaren und unsichtbaren Aspekten von Kulturen zurückführen. Letztere hat der Psychologe Charles E. Osgood „perceptas“ und „conceptas“ (1951) genannt. Die materielle Dimension ist dann dinglich und sichtbar, die praktische nichtdinglich und sichtbar und die mentale nichtdinglich und unsichtbar. Dabei durchziehen im Prinzip sämtliche Dimensionen alle Sektoren. Die praktische Kultur – sachbezogen gegenüber Dingen und sozial gegenüber Menschen – und die mentale beziehen sich nicht auf das Handeln und Denken selbst, sondern auf Muster bzw. „Standardisierungen“ (Hansen 1995, S. 31) des Handelns und Denkens, von der Kulturanthropologin Ruth Benedikt (1887–1948) „patterns“ (1934) genannt. Dabei spielen bei der mentalen Kultur sowohl die Formen des Denkens und auch Fühlens als auch deren Inhalte, nämlich Wissensbestände und Werte, eine maßgebliche Rolle.

Die bisher genannten zwei Unterscheidungen, die zwischen Kultur im Singular und im Plural und zwischen Kultur als System und als Element, werden vom Autor als maßgeblich verstanden. Sie sind voneinander unabhängig. Die Differenz zwischen Normativität und Faktizität spielt nur für die Kultur im Singular eine Rolle. Kultur im Plural ist per se wertfrei gemeint (Sökefeld 2001, S. 120 f.). Der Unterschied zwischen Kultur als Prozess und als Resultat wiederum ist nur für das Kriterium der Faktizität relevant. Normativität ist per definitionem ein – in diesem Fall geschätztes – Resultat, das in der Vergangenheit schon einmal erreicht worden ist, in der Gegenwart schon vorliegt oder für die Zukunft erwünscht wird.

Aus diesen vier Differenzen könnte man nun acht Kulturbegriffe ableiten und den monistischen (Singular) die pluralistischen (Plural), den holistischen (System) die partikularistischen (Element), den deskriptiven (Faktizität) die präskriptiven (Normativität) und den statischen (Resultat) die dynamischen (Prozess) Kulturkonzepte gegenüberstellen. Diese Systematik erster Ordnung bliebe aber abstrakt, weil sie den gegenwärtig diskutierten Konzepten nicht nahe genug kommt. Die notwendige Nähe ergibt sich erst durch eine Mischklassifikation zu Kulturbegriffen zweiter Ordnung, die aufgrund von Kombinationen dieser Unterscheidungen entsteht.

8 Begriffe der Kultur zweiter Ordnung

Durch die ersten beiden Differenzen – Singular vs. Plural, System vs. Element – ergeben sich in Kombination vier Kulturbegriffe. Da sich (nur) die monistischen Begriffe (Singular) noch einmal nach Faktizität und Normativität unterscheiden lassen, sind es im zweiten Schritt sechs Kulturbegriffe. Da sich Kultur im Singular auch auf einzelne statt alle Menschen beziehen kann, ist ein siebter zu ergänzen. Da dieser im Prinzip holistisch und normativ verstanden wird, entfallen zwei auch noch denkbare Varianten auf der individuellen Ebene, nämlich die partikularistische und faktische.

Auf die Differenzierung in weitere Kulturbegriffe, die durch den Einbezug der Unterscheidung zwischen Prozess und Resultat entstehen würde, wird hier verzichtet. Erstens wäre der Differenzierungsgrad für eine Übersicht zu hoch. Zweitens ist die Unterscheidung zwischen Prozess und Resultat, wie noch gezeigt wird, anders als die anderen drei Differenzen nur graduell zu verstehen.

Durch die drei Einteilungen und ihre Kombinationen ergeben sich sieben Kulturbegriffe, die im Folgenden vorgestellt werden. Der Begriff, der zusammen mit der ältesten, nämlich agrarökonomischen Bedeutung von „Kultur“ zuerst dargestellt wird, kann als derjenige mit der weitesten Bedeutung zugleich als der angekündigte Zentralbegriff verstanden werden: der philosophisch-anthropologische Kulturbegriff. Die vierte Differenz, die zwischen Vorgang und Ergebnis, wird nur im Zusammenhang des agrarökonomischen und philosophisch-anthropologischen Kulturbegriffs thematisiert, um daran zu erinnern, dass alle folgenden Kulturbegriffe, insofern sie (zu) statisch ausfallen, stets auch dynamisch bzw. in statu nascendi zu denken sind.

Es hätte durchaus noch eine zweite Möglichkeit gegeben, einen Zentralbegriff der Kultur zu setzen: nämlich bei einem ebenfalls wertfreien Kulturbegriff anzusetzen, der aber im Unterschied zum philosophisch-anthropologischen Kulturbegriff nicht im Singular und am Ganzen ansetzt, sondern im Plural und am Teil. Das träfe auf den semiotischen Kulturbegriff zu, der heute tatsächlich als State of the Art gilt. Trotzdem wird aus Gründen, die hier zu weit führen würden, der philosophisch-anthropologischen Kulturbegriff als der zentrale bevorzugt.

9 Sieben Kulturbegriffe

Durch die drei Unterscheidungen – Singular oder Plural, System oder Element, Faktizität oder Normativität – können verschiedene Kulturbegriffe, die ansonsten nur aufzulisten sind, zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Die sieben systematisch gewonnenen Kulturbegriffe werden erstens durchgehend mit den Namen von Wissenschaften, auch von Teilwissenschaften oder Wissenschaftsgruppen, gekennzeichnet. Damit wird verdeutlicht, dass die Kulturbegriffe weniger unterschiedliche Wirklichkeiten als vielmehr verschiedene Sichtweisen auf Wirklichkeit(en) meinen. Für jeden Kulturbegriff wird zweitens auf einen entsprechenden Gegenbegriff verwiesen. Von ihm aus lässt sich der jeweilige Begriff zusätzlich schärfen, so wie jede Definition nicht nur eine Begrenzung, sondern auch eine Abgrenzung darstellt. Durch die Gegenüberstellungen werden immer wieder und immer wieder neu und anders geführte öffentliche und fachliche Diskurse markiert, die drittens jeweils kurz angedeutet werden.

Um die folgende systematische Differenzierung zusätzlich mit anderen Einteilungen abgleichen zu können, werden vier Autoren und deren Listen aus dem deutschsprachigen Raum als Referenzen einbezogen, die aus verschiedenen Disziplinen stammen: die des Philologen Klaus P. Hansen (1995), des Philosophen Hubertus Busche (2000), des Soziologen Andreas Reckwitz (2000) und des Philosophen Christian Thies (2016).

Die sieben Kulturbegriffe werden in eine ungefähre historische Reihenfolge gebracht. Die Erläuterung des Kulturbegriffs ist aber systematisch, nicht historisch angelegt. Die Darstellung folgt zwar in etwa der Chronologie der Begriffsgeschichte, weicht aber immer wieder auch davon ab. Referenzautoren werden nur exemplarisch benannt.

10 Der agrarökonomische Kulturbegriff

Unter den verschiedenen Bedeutungen, die dem Wort „Kultur“ gegenwärtig zugeschrieben werden, spielt eine, wenn auch selten gewordene Bedeutung auf die „Bebauung des Bodens, Bodenbearbeitung“ und damit auf „Anbau und Pflege von Pflanzen, besonders der Nahrung dienender Pflanzen“ an: auf den Kontext von Landwirtschaft, Gartenbau und Forstwesen.

Diese Bedeutung von Bodenbearbeitung ist die einer Kultur im Singular (monistisch), die sich auf einen Teil, nämlich die Wirtschaft bezieht (partikularistisch), und zwar, wie sie de facto gegeben ist (faktisch). Der Autor spricht von einem „agrarökonomischen Kulturbegriff“. Kultur in dieser agrarischen Bedeutung markiert eine bestimmte Wirtschaftsweise. Diese Bedeutung wird in den Geistes- und Sozialwissenschaften, selbst in den Wirtschaftswissenschaften, geflissentlich übersehen, vielleicht weil sie als „äußerst prosaisch“ (Hansen 1995, S. 11) erscheint. Von den vier Referenzautoren nennt nur Hansen – unter dem Stichwort „Landwirtschaft“ (a.a.O.) – diese Bedeutung von Kultur als Anbau und Pflege. Bei den anderen drei Autoren wird sie im Zusammenhang der Etymologie des Wortes „Kultur“ zwar mitgedacht, aber wie eine nur historisch, seit der Neuzeit nicht mehr relevante Idee behandelt. 

Diese agrarische und damit auch ökonomische Bedeutung ist nicht nur der historische Anfang, sondern auch der logische Ursprung der Rede von Kultur und Kulturen und hat sich bis heute, allerdings nur noch am Rande, durchgehalten. Sie beginnt in der Antike mit dem lateinischen, nur im Singular gebräuchlichen Wort „cultura“ (vgl. 3.). Dessen älteste Bedeutung war eine wirtschaftliche und auch technische und bezog sich auf die Landwirtschaft, insbesondere den Ackerbau (agri cultura) zuzüglich des Gartenbaus (horti cultura), die Viehzucht mitgedacht. Diese Bedeutung erinnert zugleich an das Zeitalter nach der von dem australisch-britischen Archäologen Vere Gordon Childe (1892–1957) 1936 sogenannten „neolithischen Revolution(Childe 1936, S. 110) in der Jungsteinzeit (Böhme 1996, S. 51). In dieser Zeit gehörte die auf Verarbeitung und Aneignung basierende Jagd- und Sammelwirtschaft wilder Tiere und Pflanzen schon größtenteils der Vergangenheit an und war die Landwirtschaft noch für viele Jahrhunderte der mit Abstand größte Wirtschaftssektor. Da die Jagd- und Sammelwirtschaft meist mit einer nomadischen und die Landwirtschaft mit einer sesshaften Lebensweise verbunden war, bedeutete „cultura“ neben dem „Bebauen“ und „Bebautsein“ bald auch das „Bewohnen“ und „Bewohntsein“.

„Kultur“ ist hier wie „cultura“ ein nomen actionis: ein Substantiv, das einen Vorgang, in diesem Fall eine menschliche Praxis bezeichnet. Diese Praxis des Bebauens und Bewohnens, weiter gefasst des Pflegens, kann man gut mit dem Fremdwort kennzeichnen, das indirekt ebenfalls auf das lateinische „cultura“ zurückgeht: „Kultivieren“. Kultur als Praxis setzt den Unterschied zwischen natürlich (natural) Gegebenem und kulturell (kultural) Gemachtem voraus, setzt ihn aber in besonderer Weise wieder außer Kraft. Während die Praxis des Jagens und Sammelns auf der einen Seite an der Natur als gegebener Welt ansetzt (Verarbeitung) und die Praxis der Fertigung auf der anderen Seite zur gemachten bzw. produzierten Welt führt (Erarbeitung), bleiben in der Praxis des Landbaus (Bearbeitung) die kulturell gemachte mit der natürlich gegebenen Welt eng verbunden, wird die Naturlandschaft, zumindest angesichts einer noch nicht industriellen Landwirtschaft, zur Kulturlandschaft. Es steht noch mehr das „Pflegen“ als das „Hervorbringen“ im Vordergrund.

Die älteste Bedeutung des Substantivs „Kultur“ bezieht sich im Unterschied zu fast allen folgenden und abgeleiteten Bedeutungen also erstens auf eine Praxis. Busche spricht von der „Kultur, die man betreibt“ (Busche 2000, S. 70) im Sinne einer Pflege von Anlagen, Hansen von einer „anbauenden und pflegerischen Tätigkeit“ (Hansen 1995, S. 12) Zweitens bleibt in dieser Praxis immer die Verbindung zu natürlich Vorgegebenem und gegenständlich Mitgegebenem bestehen, was sich sprachlich in einem stets mitgenannten Genitivobjekt manifestiert. „Kultur“ kommt nicht absolut vor. „Im Einzelfall bleibt […] der sprachliche Ausdruck fast immer an ein bestimmtes Objekt gebunden.“ (Bollenbeck 1996, S. 19)

Eine weitere ökonomische Bedeutung von „Kultur“, immer noch im Singular, schließt in dem Sinne an die zuerst genannte an, als jetzt in einer metonymischen Übertragung das kultivierte Resultat als Objekt gemeint ist (das Bebaut-, Bewohntsein), das durch den Prozess des Kultivierens (Bebauen, Bewohnen) entsteht. Im Zusammenhang von Landwirtschaft, Gartenbau und Forstwesen ist das Resultat zunächst eine Ansammlung pflanzlicher Produkte: eine Pflanzung, Plantage, Schonung. Es wird jetzt auf „das Angebaute“ abgehoben, nicht mehr auf den „Anbau“.

11 Der philosophisch-anthropologische Kulturbegriff

Der philosophisch-anthropologische Kulturbegriff, als dessen Vorstufe der agrarökonomische betrachtet werden kann und der dessen weitere semantische Entfaltung einschließt, ist der weiteste der sieben systematisch entwickelten Kulturbegriffe. Nach den drei Unterscheidungen Schnädelbachs thematisiert er Kultur im Singular, als Ganze und faktische bzw. wertneutral. Die anderen Kulturbegriffe sind Differenzierungen dieses Kulturbegriffs, indem sie Kultur im Plural und/oder als Teil verstehen und/oder normative Vertiefungen sind.

Die anthropologische Grundbedeutung beruht auf zwei Unterscheidungen: der zwischen Künstlichkeit und Natürlichkeit auf der einen und der zwischen (intentionaler) Verstehbarkeit und (kausaler) Erklärbarkeit auf der anderen Seite. Dabei werden zwei Seiten der beiden Unterscheidungen miteinander verknüpft: die Künstlichkeit (Artifizialität) und die Verstehbarkeit (Interpretativität).

Die erste Unterscheidung ist die zwischen (künstlich) durch Zutun gemachten und (natürlich) von selbst entstandenen, zwischen aufgegebenen und vorgegebenen Verhältnissen. Dabei steht Kultur für die Seite der Künstlichkeit (Artifizialität) als Gemachtheit. Kultur ist demnach ein Relationsbegriff. Er hat nur in Opposition zur Natürlichkeit (Naturalität) eine Bedeutung und unterstellt eine „Dialektik zwischen dem Künstlichen und dem Natürlichen“ (Eagleton 2001, S. 9). In diesem Sinne schrieb der deutsche Philosoph Heinrich Rickert (1863–1936) 1910: „Hiernach ist Natur der Inbegriff des von selbst Entstandenen, ‚Geborenen‘ und seinem eigenen ‚Wachstum‘ Überlassenen. Ihr steht die Kultur als das von einem […] handelnden Menschen entweder direkt Hervorgebrachte oder, wenn es schon vorhanden ist, so doch wenigstens […] absichtlich Gepflegte gegenüber“ (Rickert 1986, S. 35).

Nicht von ungefähr spricht Rickert noch eigens und in genau dieser Formulierung das „absichtlich Gepflegte“ an. „Ein Sinnbild der Kultur wäre insofern der Garten. Er umfaßt und pflegt ein Stück Natur, das gleichzeitig der Natur abgerungen wurde“ (Hetzel 2001, S. 27). Dieses Gepflegte verweist auf den allerersten, nämlich den antiken (agrar-)ökonomischen Kulturbegriff, der aber schon den philosophisch-anthropologischen enthält. Dabei hält das „absichtlich Gepflegte“ gegenüber dem „direkt Hervorgebrachten“ noch eher die Balance „zwischen dem Machen und dem Gemachtwerden“ (Eagleton 2002, S. 12), Künstlichkeit und Natürlichkeit.

Rickerts Erläuterung setzt aber schon am statischen Ergebnis an, das mit dem Vorgang des Machens, ob als Hervorbringen oder Pflegen, dynamisch anhebt: am gemachten Zustand als „Inbegriff menschlicher Hervorbringungen“ (Heinrichs 2007, S. 24). Das Ergebnis weist jedoch auf den Vorgang zurück, das Gemachte auf das Machen, das im Griechischen „poiesis“, im Lateinischen „creatio“ heißt und im Deutschen auch „Herstellen, Hervorbringen, (Er-) Schaffen“ genannt werden kann. Zugrunde liegt ihm das menschliche „Vermögen, solches hervorzubringen, was zuvor nicht da war, ja eine künstliche Welt zu erbauen“, das zugleich „unheimlichste und tiefste Vermögen“ (Picht 1969, S. 429) des Menschen. Der Philosoph, Biologe und Soziologe Helmuth Plessner (1892–1985) hat in diesem Zusammenhang vom anthropologischen „Gesetz der natürlichen Künstlichkeit“ gesprochen: Der Mensch müsse „sich zu dem, was er schon ist, erst machen“ (Plessner 1975, S. 309).

Beim Machen gilt der Mensch als Schöpfer und die Kultur als seine Schöpfung, der die Natur zu Diensten ist. Der deutsche Philosoph Michael Landmann (1913–1984) hat dann in einprägsamen Formulierungen zusätzlich darauf aufmerksam gemacht, dass „der Mensch als Schöpfer der Kultur“ nur die eine, und zwar die aktive Hälfte der Wahrheit ist. Die andere, nämlich passive Hälfte heißt: „Der Mensch als Geschöpf der Kultur(Landmann 1982, S. 172, 185).

Nach der zweiten Unterscheidung, die für den Kulturbegriff grundlegend ist, wird zwischen verstehbaren, intentionalen Sinnzusammenhängen (Interpretativität) und erklärbaren, kausalen Wirkungszusammenhängen (Explanativität) differenziert. Kultur ist durch Sinn im zweifachen Sinne von Bedeutung und Zweck gekennzeichnet. „Kultur ist das, was wir verstehen können und was somit sinnvoll ist. Kulturelle Phänomene sind entweder selbst symbolischer Art im weitesten Sinne […] oder sie sind […] zweckhaft angelegt.“ (Thies 2016, S. 11). Phänomene mit Bedeutung, d.h. Zeichen, können „Zeigehandlungen“ (Trabant 1996, S. 90) oder ihre Produkte (geschriebene Worte, stehende oder bewegte Bilder, aufgezeichnete Töne) sein, solche mit einem Zweck Wirkungshandlungen oder deren Produkte (Geräte bzw. Zeug).

Der Kulturbegriff der Künstlichkeit und Verstehbarkeit wird insbesondere in der (deutschen) Philosophischen Anthropologie vertreten, deren zentrale Autoren Max Scheler (1874–1928), Helmuth Plessner (1892–1984) und Arnold Gehlen (1904–1976) waren. Darum wird hier von einem „philosophisch-anthropologischen Kulturbegriff“ gesprochen. Der Aspekt der Verstehbarkeit, der sich auf Zeichen bezieht, verweist schon auf den semiotischen Kulturbegriff, der zum Schluss vorgestellt wird. Der Mensch gilt hier nicht nur als ein denkendes, klassisch „animal rationale“ genanntes, sondern auch als ein im wörtlichen und übertragenen Sinne sprechendes Lebewesen, von Ernst Cassirer als „animal symbolicum“ tituliert.

Die philosophisch-anthropologische Bedeutung der Gesamtheit von allem, „was es an menschlich Erschaffenem auf der Erde gibt“ (Mühlmann 1969, S. 599), ist „insgesamt die weiteste und umfassendste, die alle anderen Bedeutungen einschließt“ (Hansen 1995, S. 13). Ihre Gegenbegriffe sind material die Natur, formal die Natürlichkeit. Indem Busche mehr den Vorgang als das Ergebnis fokussiert, spricht er von der „Kultur, die man betreibt“. Das ist der Aspekt, den auch Herzog hervorhebt, wenn er den praktischen Charakter des antiken und zunächst agrarökonomischen Kulturbegriffs betont. Thies schreibt diese Idee von Kultur, um sie von anderen abzugrenzen, einfach in Großbuchstaben. Hansen und Reckwitz verhandeln dieses Kulturbegriff nicht für sich, sondern im Zusammenhang mit dem ethnologischen Kulturbegriff, dessen noch nicht pluralisierte Grundlage er darstellt.

12 Der geschichtsphilosophische Kulturbegriff

Der historisch auf den antiken (agrar-)ökonomischen Kulturbegriff folgende, in der Neuzeit – insbesondere von dem deutschen Juristen, Philosophen und Historiker Samuel Pufendorf (1632–1694) „höchstwahrscheinlich erstmals in einem Brief […] aus dem Jahre 1663“ (Hetzel 2001, S. 29) – eingeführte Kulturbegriff bezieht sich wie die beiden vorhergehenden auf Kultur im Singular. Mit ihm wird sie aber gegenüber der (agrar-)ökonomischen Bedeutung auf ein Ganzes erweitert, das dann der Natur im Ganzen gegenübergestellt wird. Pufendorf verwendet „cultura“ entsprechend erstmals ohne präzisierenden Genitiv, wie es z.B. bei „agri cultura“ noch der Fall war. Das Wort „Kultur“, damals noch „cultura“, bezog sich nun auf ein Kollektiv von Menschen im Sinne eines Volkes. „Zentral für den neuen Kulturbegriff wird mit Pufendorf das Moment der Gemeinschaft bzw. Kollektivität“ (Hetzel 2001, S. 30). Und: „Als Kultur gelten seit Pufendorf in erster Linie die Ergebnisse der kultivierenden Tätigkeit; diese Tätigkeit selbst gerät dagegen weitgehend aus dem Blickfeld philosophischer Reflexion“ (Hetzel 2001, S. 30 f.). Kultur ist in diesem Sinne die Welt dieser Menschen. Zugleich wird mit dem neuzeitlichen Kulturbegriff der „Praxisbegriff“ der Antike abgelöst und durch einen schon damals angelegten „Substanzbegriff“ ersetzt (Hetzel 2001, S. 21). „Das lateinische Substantiv cultura bleibt aber als substantivum actionis noch eng an seine verbale Wurzel gebunden. Erst das 18. Jahrhundert thematisiert Kultur vollständig als Objekt“ (Hetzel 2001, S. 26).

Dieser Kulturbegriff könnte auch wertfrei verstanden werden und hätte, abgesehen von seinem sozialen Bezug, dann eine gewisse Nähe zum philosophisch-anthropologischen Kulturbegriff. In der Regel wurde und wird er aber wertgebunden verwendet. Es geht um das Menschsein als Wert (Norm), nicht nur als Tatbestand (Faktum): um Menschlichkeit als eine normativ ausgezeichnete Lebensform bzw. besondere Höhe des Geschaffenseins. Die Bezeichnung „Kultur“ ist damit zugleich eine Bewertung.

Da die Geschichtsphilosophie, die ihrerseits erst im 18. Jahrhundert aufkam, die zeitliche Veränderung von Völkern in Stufen der Entwicklung, d.h. im Bilde vorwärts und zugleich aufwärts denkt, entspricht ihr dieser Kulturbegriff und erhält er ihren Namen. In einer entwicklungs- bzw. evolutionstheoretischen Lesart „unterschiedlicher Entwicklungsgrade“ (Hansen 1995, S. 13), die erst im 19. Jahrhundert mit dem „evolutionistischen Kulturbegriff“ (Hahn 2013, S. 21) Herbert Spencers (1820–1903) und Edward Tylors (1832–1917) aufkam, wird die Idee der „Kulturstufen“ beibehalten, wenn auch weniger bzw. nur implizit normativ ausgeprägt: schon mehr vorwärts als aufwärts.

Der geschichtsphilosophische Kulturbegriff konnte erst mit der europäischen Expansion, d.h. mit dem Bekanntwerden ganz anderer Völker aufkommen. Die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur spiegelt sich innerhalb der menschlichen Kollektive. Es gibt solche, die noch als natürlich erscheinen, und andere, die schon im engeren Sinne kulturell geprägt sind. Die Abgrenzung zur Natur außerhalb und innerhalb der menschlichen Gemeinschaften ist als Stufung zu verstehen. Dabei steht die Kultur über der Natur. Die naturnahe Stufe wird als „barbarisch, primitiv, wild“ bezeichnet. Den „Kulturvölkern“ werden die „Naturvölker“, den „Hochkulturen“ die „Primitivkulturen“ gegenübergestellt.

Der geschichtsphilosophische Kulturbegriff wird von den Referenzautoren nicht gesondert erwähnt, sondern im Zusammenhang des ethnologischen (Hansen, Thies) oder ästhetischen Kulturbegriffs (Reckwitz) thematisiert.

13 Der geisteswissenschaftliche Kulturbegriff

Eine Bedeutung, die sich wohl erst im 19. Jahrhundert eingestellt hat, ist der von Reckwitz sogenannte „differenztheoretische Kulturbegriff“. Das ist ein Kulturbegriff, der wieder im Singular gemeint ist, aber dezidiert auf ein Element fokussiert ist: Die „Kulturgüter“ und den „Kulturbetrieb“ von Wissenschaft und Kunst, die zuständigen „Kulturbehörden“ und „Kultusministerien“, alles im Prinzip noch wertfrei verstanden. Darin ähnelt dieser geisteswissenschaftliche, sektorale Kulturbegriff dem alten (agrar-)ökonomischen, weil in beiden Fällen ein bestimmtes Element im Vordergrund steht: im ersten Fall mehr der Überbau, im zweiten die Basis. Kultur gilt gemäß den klassischen Ressorts von Tageszeitungen als geistiger, praktisch funktionsloser Sektor neben Wirtschaft und Politik, als „gesellschaftliches Subsystem“ (Reckwitz 2000, S. 90).

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, zuletzt noch in der Soziologie Alfred Webers (1868–1958), wird Zivilisation zum ökonomisch-politischen Gegenbegriff der Kultur. Sie selbst wird damit schon in die Nähe des ästhetischen Kulturbegriffs gerückt und in der Regel wertend verstanden. Die Unterscheidung von Kultur und Zivilisation, gekoppelt an die zwischen Emotionalität und Rationalität, war eine deutschsprachige Eigenart, auch in Abgrenzung zum französischen Sprachgebrauch. In den romanischen Sprachen und im Englischen war nur von „civilisation“ die Rede, wobei dieser Ausdruck gemäß der Herkunft des Wortes vom lateinischen „civis“ (= Bürger) einen politischen, aber auch ökonomischen und technischen Akzent setzt. „Entspricht ‚Zivilisation‘ der Schablone vom Franzosen, so ‚Kultur‘ dem Stereotyp vom Deutschen“ (Eagleton 2001, S. 19).

Die Geisteswissenschaften, die inzwischen oft auch „Kulturwissenschaften“ genannt werden, widmen sich, abgesehen von der Geschichtswissenschaft und Ethnologie, insbesondere der Kultur als Sektor. Darum nenne ich diesen Kulturbegriff „geisteswissenschaftlich“.

14 Der ästhetische Kulturbegriff

Der geisteswissenschaftliche Kulturbegriff steigert und verengt sich zugleich im ästhetischen Kulturbegriff. Zunächst wird die Kultur insgesamt gegenüber der Wirtschaft und der Politik für gewichtiger erachtet: eine „Kultur, die man schaffen, fördern und als (nationalen) Besitz verehren kann: die höhere Welt der Werte und Werke in Kunst, Philosophie und Wissenschaft“ (Busche 2000, S. 86). Sodann nimmt innerhalb dieser Geisteskultur die (schöngeistige) Kunst eine besondere Stellung ein, vielleicht auch als Hinweis auf das im philosophisch-anthropologischen Kulturbegriff angedeutet poietische Vermögen des Menschen.

Auch die Kunst selbst kann noch einmal in einem wertenden Sinne als gestuft betrachtet werden. Über die Volkskunst erhebt sich die Kultur der beruflichen Künstler*innen, bei denen über der angewandten Gebrauchskunst und unterhaltenden Pop-Kunst wiederum die der zweckfreien und ernsthaften Kunst schwebt. Diese Kunst gilt im positiven Sinne als elitär und auf die Vergangenheit bezogen als klassisch.

15 Der pädagogische Kulturbegriff

Schon in der römischen Antike bildete sich ein Kulturbegriff heraus, der nicht nur auf der kollektiven Ebene der Menschheit oder – später – einzelner Menschengruppen angesiedelt war, sondern auch auf der individuellen Ebene. In der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wurde dieser Begriff, vor allem in Deutschland, neu entwickelt. „Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, zur Zeit der deutschen Klassik und Romantik, wird Kultur wieder stärker auf den einzelnen Menschen bezogen. Unter der Leitidee der Bildung verwandelt sie sich partiell von einem Seins- in einen Tätigkeitsbegriff zurück“ (Hetzel 2001, S. 30).

In der Antike bezog man „cultura“ bald nicht nur auf den Boden (agri cultura) und noch andere Sachen, sondern im metaphorischen Sinne auch auf Personen: auf ihre äußere und innere Natur, auf Körper (cultura corporis) und Geist (cultura animi). „Kultur bedeutet […] nicht nur die Veränderung des Äußeren – die Landschaft wird durch den Menschen zur Kulturlandschaft – sondern ebenfalls die Veränderung der inneren Natur […]. Der Höhepunkt dieser Veränderung im Inneren ist die […] Kultiviertheit“ (Hansen 1995, S. 13). Dabei sind die Personen zugleich Subjekt und Objekt der „Kultur, die man betreibt“ (Busche 2000, S. 70). Das erworbene Resultat ist dann die „Kultur, die man hat“, ihr Ausgangspunkt die angeborene Anlage. Dabei ist diese Kultur „persönlich und gesellschaftlich zugleich: Kultiviertheit ist eine Sache der harmonischen Gesamtentwicklung der Persönlichkeit“ (Eagleton 2001, S. 18 f.). Man könnte von einem „pädagogischen“ Kulturbegriff sprechen. Als kultiviert gilt dabei im Anschluss an den ästhetischen Kulturbegriff insbesondere jemand, der über Kultur im Sinne von Literatur, bildender Kunst und Musik verfügt.

Der pädagogische Kulturbegriff existiert in einer mentalen und einer praktischen Variante. Während letztere eine verfeinerte, kultivierte Form guter Manieren und guten Geschmacks meint, eine „normativ ausgezeichnete Lebensform“ (Reckwitz 2000, S. 90), verweist erstere auf die Idee von Bildung und Humanität. 

Die Idee der Kultivierung des Menschen im doppelten Sinne eines Prozesses des Kultivierens und dessen Resultats des Kultiviertsein knüpfte an den neuen Bildungsbegriff an – und umgekehrt (Bollenbeck 1996).

16 Der ethnologische Kulturbegriff

In der Aufklärung, durch Johann Gottfried Herder (1744–1803) bekannt geworden, verlagerte sich der Diskurs von der Kultur im Singular auf die Kultur im Plural. Mit dem weiteren Bekanntwerden anderer, nämlich historisch früher und geografisch weit entfernter Kulturen, geriet die Verschiedenheit bzw. Differenz der Kulturen in den Blick. All diese nicht gleichartigen Kulturen gelten nun aber als gleichwertig. Es geht nicht mehr um die besondere Höhe, sondern um die besondere Art des Geschaffenen. „Kultur ist nach Herder nicht die großartige, unilineare Menschheitserzählung, sondern eine Vielfalt von spezifischen Lebensformen, deren jede ihr eigenes Entwicklungsgesetz in sich trägt“ (Eagleton 2001, S. 21).

Dieser wertfreie Kulturbegriff bezieht sich auf Kollektive von Menschen, zunächst wieder auf Völker, heute neutraler „Ethnien“ bzw. „ethnische Gruppen“ genannt, die auf unterstellten genetischen und historischen, sprachlichen, praktischen und mentalen, in einem Wir-Gefühl gipfelnden Gemeinsamkeiten beruhen und Territorien für sich beanspruchen. Da er alle kulturellen Elemente dieser Kollektive einbezieht, nennt ihn Reckwitz „totalitätsorientiert“. Busche spricht von der „Kultur, in der man lebt“, in der „sich Völker und Epochen voneinander unterscheiden“ (Busche 2000, S. 77). Diese Kultur wird gemeinschaftlich hergestellt. „Ein Einzelner kann zwar bedeutsame kulturelle Werke hervorbringen […], aber niemals eine Kultur“ (Thies 2016, S. 13). Andererseits geht Kultur verloren, wenn sie nicht zwischen den Einzelnen übertragen, d.h. von der älteren Generation in materieller Hinsicht (rechtlich) vererbt und dispositionell gesehen gelehrt, von der jüngeren Generation ererbt und erlernt wird.

Verschiedene Kulturen wurden in geografischer Hinsicht auch zu von dem deutschen Ethnologen Leo Frobenius (1873–1938) sogenannten Kulturkreisen zusammengefasst, wodurch der soziale um einen räumlichen Kulturbegriff, später geografisch auch „Kulturerdteile, Kulturräume“ genannt, ergänzt wird. Der totalitätsorientierte Begriff wurde aber bald schon auf andere Kollektive (konkrete Gruppen), ob primäre (Familien) oder sekundäre (Organisationen, Staaten), übertragen, dann auch auf soziale Kategorien (abstrakte Gruppen). Bei den sekundären Kollektiven spielt der Begriff der Nation eine prägende Rolle, da er zwischen Volk und Staat changiert oder beide im politisch definierten „Staatsvolk“ oder im ethnisch bestimmten „Volksstaat“ gleichsetzt. Bei den sozialen Kategorien werden Menschen nach nur einem Merkmal klassifiziert, in der Regel nach (horizontalen) Ungleichartigkeiten (Alter und Geschlecht als natürliche, Milieu und Konfession als soziale, Region und Epoche als raumzeitliche Qualitäten) oder nach (vertikalen) Ungleichheiten (Schicht, Klasse). Einzelne Menschen gehören immer verschiedenen Gruppen und Kategorien an und sind insofern auch von unterschiedlichen Kulturen geprägt.

Durchgesetzt hat sich dieser Begriff erst im 19. Jahrhundert, in Deutschland ab 1859 mit Theodor Waitz (1821–1864) und Adolf Bastian (1826–1905), in England, beeinflusst von dem Kulturhistoriker Gustav Klemm (1843–1852; Hansen 1995, S. 15), ab 1871 mit dem Ethnologen Edward Tylor (1832–1917). Die Verschiedenheit wird noch ein Stück weit normativ betrachtet. Die deskriptive Perspektive erfährt aber ihren Durchbruch.

Für die Kultur im Plural, als Ganze und wertfrei verstanden, interessiert sich insbesondere die Ethnologie bzw. Völkerkunde, die in den USA „Kulturanthropologie“ heißt. Darum wird hier vom „ethnologischen Kulturbegriff“ gesprochen. Im Unterschied zur Soziologie, genauer zur Kultursoziologie, die ebenfalls Kulturen von Gruppen bzw. Kultur auf der kollektiven Ebene im Blick hat, setzt die Ethnologie nicht an modernen, großen und territorial definierten, sondern mehr an traditionellen, kleinen und genetisch bestimmten Gruppen an. Auch die Geschichtswissenschaft untersucht Kulturen, zuerst im Ansatz der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts, den die deutschen Historiker Gustav Klemm (1802–1867), Jacob Burkardt (1818–1897) und Karl Lamprecht (1856–1915) bekannt gemacht haben, zuletzt in der historischen Anthropologie. Die liegen aber dem historischen Blickwinkel entsprechend in der Vergangenheit, nicht in der Gegenwart. Bestimmte gegenwärtige Kulturen als Repräsentanten vergangener Entwicklungsstufen zu verstehen, wäre eine geschichtsphilosophische, keine (kultur-) historische Perspektive. Aber auch die Volkskunde bzw. Europäische Ethnologie, die Anthropo-, Human- bzw. Kulturgeografie und selbst die Landeskunde operieren mit diesem Begriff. Insofern verschwimmen längst die Grenzen zwischen einer ethnologischen, soziologischen, historischen, geografischen und volkskundlichen Sichtweise. Da Kultur aber das direkte Thema der Ethnologie, auch der europäischen ist, wird vom „ethnologischen Kulturbegriff“ gesprochen.

Hahn spricht von einem „kulturhistorischen“, Reckwitz von einem „totalitätsorientierten“ Kulturbegriff, Busche von der „Kultur, in der man lebt“, Hansen einfach vom „way of life“ der „sichtbar gewordenen Verschiedenheit im Lebensstil der Völker“ (Hansen 1995, S. 13). Im Vordergrund steht die Gesamtheit der Gewohnheiten und „Standardisierungen“ des Handelns und Sprechens (a.a.O., S. 31), die „Totalität einer Lebensweise“ (Reckwitz 2000, S. 90) und damit die praktische Kultur. Die materielle ist implizit mitgedacht, während die mentale noch kein Thema ist. Diese praktische Kultur wurde, was ihre Regeln betrifft, im Griechischen „ethos“, im Lateinischen „mos“ und wird im Deutschen „Brauch, Sitte“ genannt.

Der ethnologische Kulturbegriff unterliegt der Gefahr einer begrifflich nicht zwangsläufigen Vergegenständlichung (Reifikation) bzw. Verdinglichung (Substantialisierung) von Kultur in sachlicher und in räumlich-zeitlicher Hinsicht. Sachlich kommt es oft zu einer Gleichsetzung von Gruppen, manchmal auch räumlichen Arealen mit Kulturen. Gruppen und auch Räume haben dann nicht nur Kulturen, genauso homogen wie diese, sondern sind Kulturen. Kulturen sind aber Eigenschaften von Gruppen, nicht diese selbst und damit auch keine sozialen Akteure. Räumlich werden Kulturen häufig als zu absolut (geschlossen), zeitlich als zu statisch (unveränderlich) betrachtet, während sie immer auch relativ (offen) und dynamisch (veränderlich) zu verstehen sind. Kultur ist auf der kollektiven Ebene eine bezogene und veränderliche Eigenschaft von Gruppen. Sie ist kaum absolut bzw. für sich beschreibbar, sondern im Prinzip nur im – dann beobachterunabhängigen – Vergleich mit jeweils anderen Kulturen. Und ein jeweiliger Zustand ist nicht von Dauer.

17 Der semiotische Kulturbegriff

Der letzte und auch jüngste Kulturbegriff ist der „semiotische“ (Hansen 1995, S. 209) bzw. „bedeutungs- und wissensorientierte“ (Reckwitz 2000, S. 84) der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die mentale Kultur, das „selbstgesponnene Bedeutungsgewebe(Geertz 1987, S. 9), das wie eine „Montage von Texten“ (a.a.O., S. 253) betrachtet werden kann, nimmt jetzt im Unterschied zur praktischen, die im ursprünglichen ethnologischen Kulturbegriff dominiert, die Schlüsselposition ein. Sie gilt als das „Gemeinschaftliche einer Gemeinschaft“ (Hansen 1995, S. 212). Dieses Bedeutungsgewebe wird wie beim ethnologischen Kulturbegriff wertneutral verstanden und im Plural gedacht, umfasst aber nur einen Teil des Ganzen, ein Element des Systems.

In gewisser Weise steht der semiotische Kulturbegriff dem philosophisch-anthropologischen gegenüber. Er vervielfacht dessen Singular und zergliedert dessen Ganzes. Diese „kollektiven Sinnsysteme“ (Reckwitz 2000, S. 90) hatte Ernst Cassirer (1874–1945) als ein Vertreter des philosophisch-anthropologischen Kulturbegriffs aber mit seiner Chiffre des „animal symbolicum“ vorgedacht. Im Unterschied zu Gehlen und auch zum ethnologischen Kulturbegriff sind jedoch nicht die Institutionen und Regeln, man kann auch sagen die „Gesellschaft“, das entscheidende, sondern das symbolische Universum der Kultur. Innerhalb des anthropologischen Kulturbegriffs rückt das Verstehbare in den Vorder-, das Künstliche in den Hintergrund. Kultur wird als Kommunikation verstanden, vollzieht sich also im Medium von Zeichen, insbesondere der Sprache.

18 Zwei statt sieben Kulturbegriffe

Die Differenzierung in sieben Kulturbegriffe zweiter Ordnung, wie sie vom Autor vorgeschlagen wurde, dürfte der Sache angemessen sein. Für den Diskurs über Kultur wäre aber immer wieder einmal eine Reduktion dieser Komplexität erforderlich, die hier zum Schluss noch vorgenommen wird.

Nur einen Kulturbegriff, nämlich den philosophisch-anthropologischen, zu verwenden, wäre im Sinne der vorgestellten Ableitung richtig, zugleich aber für den Diskurs zu wenig komplex. Es böte sich aber, unter Rückgriff auf die Differenzen erster Ordnung, eine Reduktion auf zwei Begriffe an: die monistischen Kulturbegriffe (Kultur im Singular) auf der einen und die pluralistischen Kulturbegriffe (Kultur im Plural) auf der anderen Seite, unter Absehung der Unterscheidungen zwischen System und Element, Faktizität und Normativität. Bei den monistischen Kulturbegriffen verengt sich der Bedeutungsumfang vom philosophisch-anthropologischen hin zum geisteswissenschaftlichen Begriff (vom System zum Element), während er sich beim geschichtsphilosophischen und ästhetischen Begriff gegenüber dem philosophisch-anthropologischen und geisteswissenschaftlichen um eine normative Komponente erweitert (von der Faktizität zur Normativität). Die beiden pluralistischen Kulturbegriffe unterscheiden sich ebenfalls in ihrem Bedeutungsumfang. Der semiotische ist gegenüber dem ethnologischen der engere Begriff (vom System zum Element).

Was sich nicht so recht in diese Reduktion auf nur zwei Kulturbegriffe einfügen will, ist der pädagogische Begriff. Er ist der einzige auf der individuellen Ebene und müsste wohl gesondert, also als dritter Kulturbegriff bedacht werden.

19 Quellenangaben

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Autor
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
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Zitiervorschlag
Papenkort, Ulrich, 2021. Kultur [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 24.03.2021 [Zugriff am: 24.06.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Kultur

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