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Kulturelle Bildung

Prof. Dr. Birgit Dorner

veröffentlicht am 22.07.2025

Englisch: cultural education; arts education

Kulturelle Bildung ist Bildung in den Künsten und durch die Künste. Sie fokussiert auf Persönlichkeitsbildung und kulturelle Teilhabe, indem sie kreativ-gestalterische wie auch wahrnehmende und selbstreflektierende Prozesse anstößt und vertieft sowie dazu einlädt, sich mit kulturellem Erbe, kultureller Identität und kultureller Vielfalt auseinanderzusetzen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Rechtliche Basis
  3. 3 Zum Begriff
  4. 4 Theoretische Basis
  5. 5 Ziele und Leitprinzipien Kultureller Bildung
    1. 5.1 Bildungsziele
    2. 5.2 Pädagogische Leitprinzipien
    3. 5.3 Gesellschaftliche Dimension
  6. 6 Kulturelle Bildung, kulturelle Teilhabe und soziale Ungleichheit
  7. 7 Forschung
    1. 7.1 Wirkungsforschung
    2. 7.2 Grundlagenforschung
  8. 8 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

In den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts hat Kulturelle Bildung eine Blütezeit im öffentlichen Diskurs erlebt, die erst durch die jüngsten globalen Krisen verblasste. Diese Hochphase der Kulturellen Bildung spiegelt sich sowohl in der 2006 veröffentlichten Roadmap für Kulturelle Bildung der United Nations Educational Scientific and Cultural Organization (UNESCO) als auch im 2018 vom Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMFB) initiierten Programm „Kultur macht stark“ wider.

Der Begriff der Kulturellen Bildung steht für ein breites, teilweise auch interdisziplinäres Feld, das Bildungsaktivitäten in, mit den und durch die Künste sowie durch kreative Disziplinen wie Kunst, Architektur, digitale Medien, Literatur, Musik, Theater, Tanz, Design, Zirkus umfasst. Inbegriffen sind auch die zu der jeweiligen Kunstsparte gehörigen pädagogischen Fachrichtungen und Fachdidaktiken wie beispielsweise Kunst-, Musik- oder Theaterpädagogik. Durch diese Vielfalt von Disziplinen, Ansätzen und Methoden, die Kulturelle Bildung unter ihrem begrifflichen Dach vereint, kann sie heute als Containerbegriff bezeichnet werden, der durch seine Bedeutungsbreite schwer zu definieren ist und einen dynamischen und fluiden Sammelbegriff darstellt, der „auf einem zeitabhängigen Konstrukt fußt“ (Jebe 2019, S. 87).

Kulturelle Bildung schafft aber immer Räume, in denen ästhetische Erfahrungen ermöglicht und ästhetisch-künstlerische Kompetenzen gefördert werden. Dies umfasst auch die Vermittlung von künstlerischen, kulturellen Praktiken.

Kulturelle Bildung zielt darauf ab, Individuen in die Lage zu versetzen, aktiv am kulturellen Leben teilzunehmen und eigene Ausdrucksformen zu entwickeln. Waren lange vor allem Kinder und Jugendliche die Hauptzielgruppe Kultureller Bildung, richtet sie ab den 1990er-Jahren einen zunehmend stärkeren Fokus auf Erwachsene als Zielgruppe.

Auch aufgrund des demografischen Wandels tragen Themen wie lebenslanges Lernen und Bildungsprogramme für ältere Menschen zu einem Wandel des Feldes bei. Maßnahmen und Programme der Kulturellen Bildung werden heute sowohl in Kindertagesstätten, Schulen, aber vor allem in außerschulischen Kontexten häufig an der Schnittstelle zur Sozialen Arbeit oder in Kulturinstitutionen durchgeführt, um Menschen verschiedener Altersstufen eine aktive Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur zu ermöglichen.

Neben der Integration von Projekten Kultureller Bildung in verschiedenste Bildungsinstitutionen, haben sich auch eigenständige Einrichtungen der Kulturellen Bildung wie inklusive Ateliers oder Jugendkunstschulen etabliert (Dorner 2024, S. 62).

2 Rechtliche Basis

Kulturelle Bildung braucht personale und strukturelle Ressourcen. Um Förderung von Staat und Gesellschaft zu erhalten, wird von den Akteuren und Akteurinnen Kultureller Bildung immer wieder auf Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verwiesen, die am 10. Dezember 1948 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen in Paris verabschiedet wurde:

„Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben“ (Art. 27 Abs. 1 AEMR).

Kulturelle Bildung schafft kulturelle Teilhabechancen und unterstützt Menschen dabei, ihre kulturellen Teilhabechancen wahrzunehmen. Auch ohne unmittelbare rechtliche Bindung dient die Charta der Menschenrechte international als Leitlinie für nationale Bildungs- und Kulturpolitik (Fuchs 2023).

Für den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe dagegen gibt es in Deutschland eine klare rechtliche Basis für verpflichtende Bereitstellung finanzieller Ressourcen der öffentlichen Hand für Kulturelle Bildung. In § 11 SGB VIII, werden die verbindlichen Aufgaben und Schwerpunkte der Jugendarbeit umrissen:

„Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen“ (§ 11 SGB VIII).

Hierzu zählt nach dem Sozialgesetzbuch VIII auch die Kulturelle Bildung. Damit verpflichtet das SGB VIII die Träger der Jugendhilfe zur Bereitstellung und finanziellen Förderung entsprechender Angebote. Ebenso verpflichtet die UN-Kinderrechtskonvention dazu (Art. 28 und 31 UN-KRK). Eine rechtliche Basis für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am kulturellen Leben schafft zudem die UN-Behindertenrechtskonvention (Art. 30 UN-BRK).

3 Zum Begriff

Der Begriff Kulturelle Bildung wurde als offizieller Begriff 1968 in Deutschland geprägt, als sich die „Bundesvereinigung Musische Bildung“ in „Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung“ umbenannte. In der Folge tauchte „kulturelle Bildung“ auch in weiteren Programmtiteln auf, etwa 1973 in den Förderrichtlinien des Kinder- und Jugendplans, als das Programm „Musische Bildung“ in „Kulturelle Bildung“ umbenannt wurde (Fuchs 2008, S. 98).

Dennoch gab es bis in die 1980er-Jahre unterschiedliche Bezeichnungen für den Bereich, den heute Kulturelle Bildung umfasst. Zunächst dominierten bis zu Beginn der 1970er-Jahre die Begriffe „Ästhetische Bildung“ und „Musische Erziehung“. Mit den soziokulturellen Reformbewegungen jener Zeit setzte sich jedoch zunächst der Begriff „Kulturpädagogik“ durch, verstanden auch als neue Kulturpädagogik, in Abgrenzung zum Konzept der geisteswissenschaftlichen Kulturpädagogik der geisteswissenschaftlichen Pädagogik.

Die Veränderung der Begrifflichkeiten von der Musischen Bildung zur Kulturpädagogik basierte auf bedeutsamen inhaltlichen Verschiebungen innerhalb des Feldes. Die neue Kulturpädagogik öffnete sich mit ihrem deutlich erweiterten Kultur- sowie Kunstbegriff sowohl dem Spiel als auch populär-ästhetischen Ausdrucksformen jenseits von Hochkultur und agierte soziopolitisch mit dem klaren Ziel der kulturellen und politischen Teilhabe.

Neben weiteren Neuorientierungen im Feld spielten vor allem finanzielle Aspekte eine zentrale Rolle beim wiederholten Begriffswandel von der Kulturpädagogik zur Kulturellen Bildung. Gegen Ende der 1970er-Jahre wuchs die Frustration bei den Akteurinnen und Akteuren aus dem Bereich der ästhetischen und musischen Bildung sowie der Kulturpädagogik, weil sie in politischen Fragen wie auch bei der Verteilung finanzieller Ressourcen häufig gegeneinander ausgespielt wurden. Daraus ergab sich ein deutlicher politischer wie ökonomischer Handlungsdruck, die gemeinsamen Interessen voranzutreiben und sie unter ein gemeinsames begriffliches Dach zu stellen (Dorner 2024, S. 62–63).

So gewinnt ab den 1990er-Jahren der Begriff „Kulturelle Bildung“ als Kompromissbegriff, der sich sowohl auf hochkulturelle wie soziokulturelle als auch populär-ästhetische Ausdrucksformen bezieht, schließlich immer mehr an Bedeutung und rückte sowohl konzeptionell als auch in praktischen Projekten stärker in den Fokus (Bering et al. 2022, S. 294).

Mit der Veröffentlichung der „Konzeption Kulturelle Bildung“ durch den Deutschen Kulturrat im Jahr 1994 wurde der Begriff endgültig etabliert (Deutscher Kulturrat e.V. 1994).

Im internationalen Raum entspricht der Begriff „Arts Education“ in etwa dem deutschen Begriff der Kulturellen Bildung.

4 Theoretische Basis

Um die theoretische Basis des Feldes der Kulturellen Bildung zu verstehen, ist die historische Entstehung des Fachgebiets der neuen Kulturpädagogik aus der Praxis heraus sowie seine vergleichsweise späte Akademisierung von besonderer Bedeutung (Unterberg 2023). Die Entstehung der modernen Kulturellen Bildung in Deutschland beruht auf zwei Hauptsträngen:

  1. auf der in den 1970er-Jahren aufkommenden „Neuen Kulturpolitik“ und Soziokultur, die Kultur als Teil der Sozialpolitik begreift,
  2. auf dem pädagogischen Diskurs ab den späten 1960er-Jahren, der zur „Neuen Kulturpädagogik“ führte.

Theoretisch fußt die Kulturelle Bildung stark auf Denkerinnen und Denkern wie John Dewey, der in „Art as Experience“ (1934) die Trennung von Kunst und Alltag kritisiert und Kunst als integralen, prozesshaften Bestandteil menschlicher Erfahrung beschreibt. Für Dewey ist ästhetische Erfahrung zentral. Sie schafft die Grundlage für Lernen und Persönlichkeitsentwicklung, weil sie aktives, erfahrungsbasiertes Lernen fördert, das sowohl kognitive als auch emotionale Reflexion und demokratische Teilhabe ermöglicht (Dewey 2005; Dorner 2024, S. 63).

Theorie Kultureller Bildung speist sich generell aus historisch älteren Teilbereichen der Erziehungswissenschaften und der Philosophie wie

  • der Ästhetik
  • der Ästhetischen Bildung
  • der geisteswissenschaftlichen Kulturpädagogik mit ihren Rückbezügen zu reformpädagogischen Konzepten
  • den unterschiedlichen Kunstpädagogiken und künstlerischen Didaktiken
  • der allgemeinen Erziehungswissenschaft
  • den Kulturwissenschaften und vor allem auch
  • der Sozialpädagogik.

Das veranlasst Fuchs zu dem Statement:

„So ist das Feld [der Kulturellen Bildung] zugleich sehr alt und recht jung […]“ (Fuchs 2015, S. 10)

Sowohl „Kultur“ als auch „Bildung“ sind im Deutschen mehrdeutige, offene Konzepte, die gesellschaftlichen und politischen Deutungen unterliegen, was sich letztlich auch im Sammelbegriff „Kulturelle Bildung“ widerspiegelt.

Trotz aller begrifflichen Unschärfe ist „Kulturelle Bildung“ mittlerweile als erziehungswissenschaftliche Disziplin mit eigenen Studiengängen etabliert.

5 Ziele und Leitprinzipien Kultureller Bildung

5.1 Bildungsziele

Im Zentrum Kultureller Bildung steht die Förderung und Erweiterung der Wahrnehmungs- und Ausdruckskompetenzen, der ästhetischen Sensibilität, der kreativen Fähigkeiten, sowie das Schaffen von Möglichkeiten und Räumen für eine vertiefte sinnlich-leibliche Erfahrung und das Verständnis für unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen – dazu zählen unter anderem Kunst, Musik, Literatur, Theater, Tanz, Architektur und sonstige kulturelle Praktiken.

Kulturelle Bildung unterstützt die kreative Entfaltung, ermutigt zum eigenen künstlerischen Handeln, schafft künstlerische Erfahrungs- und Gestaltungsräume und bezieht dabei sowohl aktives Gestalten als auch Rezeption und Reflexion ein (Dorner 2024, S. 61).

Durch Kulturelle Bildung soll ein Bewusstsein für die Vielfalt ästhetischer Ausdrucksmöglichkeiten entstehen und die Wertschätzung kultureller Unterschiede gestärkt werden.

Gleichzeitig dient Kulturelle Bildung dem Audience Development, d.h. der gezielten Gewinnung neuer Zielgruppen für Kultureinrichtungen.

5.2 Pädagogische Leitprinzipien

Kulturelle Bildung orientiert sich dabei an pädagogischen und ästhetisch-künstlerischen Leitprinzipien wie

  • der Handlungsorientierung,
  • der Prozesssensibilität und damit
  • der Ermöglichung von Selbstwirksamkeitserfahrungen,
  • der Fehlerfreundlichkeit,
  • der Stärken- und Ressourcenorientierung, der Partizipation und an
  • dem Prinzip der Freiwilligkeit.

Sie basiert auf Lebensweltorientierung, Empowerment, Inklusion und damit Anerkennung von Vielfalt und Diversität.

Sie zielt zudem auf Herstellung von Öffentlichkeit (Braun und Schorn 2013).

Kennzeichnend für die Kulturelle Bildung ist des Weiteren ein spielerisches, visionäres Denken, das von Fantasie und Imagination lebt. Ihr Zugang ist dabei von häufig von künstlerisch-explorativen Methoden geprägt, die Raum lassen für ergebnisoffenes Arbeiten.

Ihre didaktischen Konzepte beruhen meist auf selbstgesteuertem Lernen, das häufig in Gruppensettings stattfindet.

5.3 Gesellschaftliche Dimension

Schon seit der 68er-Bewegung stand in der Neuen Kulturpädagogik ein emanzipatorisch-politischer Ansatz im Mittelpunkt, der bis heute Einfluss auf die Diskurse der Kulturellen Bildung hat. Insbesondere seit der Jahrtausendwende wird er durch Diskussionen rund um die Bürgergesellschaft sowie neue digitale Formen der Bürger:innenbeteiligung neu belebt. Infolgedessen wird Kultureller Bildung zunehmend die Aufgabe zugeschrieben, verantwortungsbewusste und gesellschaftlich engagierte Bürger:innen im Gemeinwesen zu fördern (Steigerwald 2019, S. 176 f.). Denn die im Feld Kultureller Bildung erworbenen Fähigkeiten können zukunftsfähiges Handeln befördern und dazu anregen, sich aktiv an der Mitgestaltung gesellschaftlicher Prozesse zu beteiligen (Reinwand-Weiss 2020).

Gerade Ansätze in der Kulturellen Bildung, die von Akteurinnen und Akteuren aus der Sozialen Arbeit entwickelt werden, rücken den Fokus auf Inklusion, kulturelle Teilhabe und in den letzten Jahren auch auf kulturelle Teilgabe. Unter „Teilgabe“ versteht man, dass jede Person einer Gesellschaft in sämtlichen Fragen, die das eigene Leben betreffen, aktiv zur Gestaltung des gemeinsamen Miteinanders beitragen kann (Josties und Gerards 2020). Die Praxis Kultureller Bildung zielt also aufgrund ihrer theoretischen Basis auch darauf Kinder, Jugendliche und Erwachsene in ihrer Persönlichkeitsbildung zu stärken und soziale Kohäsion, Inklusion und Gesellschaftsentwicklung zu fördern.

6 Kulturelle Bildung, kulturelle Teilhabe und soziale Ungleichheit

Auch wenn seit den 1970er-Jahren der Gedanke einer „Kultur für alle“, wie Hilmar Hoffmann das 1979 programmatisch formulierte (Hoffmann 1979), kulturpolitisch in den Vordergrund rückte, das heißt, breite Zugänge zu kulturellen Aktivitäten und Institutionen zu schaffen, wird dieser Anspruch der Kulturellen Bildung bis heute nicht vollständig eingelöst. Menschen aus einkommensschwachen Familien, mit wenig formaler Bildung oder Menschen aus ländlichen Regionen bleiben nach wie vor in vielen Angeboten Kultureller Bildung unterrepräsentiert. Ebenso bleibt die praktische Umsetzung des Anspruchs auf kulturelle Teilhabe unzureichend, etwa wenn es um die tatsächliche kulturelle Beteiligung von Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen geht. Noch eklatanter werden die Defizite, wenn man den Anspruch auf kulturelle Teilgabe – also auf eigenständige künstlerisch-ästhetische Produktivität – betrachtet (Josties und Gerards 2020).

Kulturelle und besonders hochkulturelle Aktivitäten von Kindern- und Jugendlichen hängen stark mit dem elterlichen kulturellen Kapital (Bourdieu) zusammen. Je höher die kulturelle und ökonomische Ressourcenausstattung der Eltern, desto häufiger nehmen Jugendliche an Museums-, Konzert- oder Theaterbesuchen teil. Auch der Besuch außerschulischer Kurse, etwa in Musik- oder Jugendkunstschulen, wird davon merklich beeinflusst. Hier lässt sich vermuten, dass Eltern durch aktive Investitionen in die Freizeitgestaltung ihrer Kinder Distinktionsziele verfolgen.

Dagegen scheinen informelle bzw. geringer formalisierte Angebote Kultureller Bildung zum Beispiel in Jugendzentren Barrieren senken zu lassen, um Chancengleichheit in der kulturellen Bildung zu fördern. Solche Einrichtungen scheinen daher eine niedrigschwellige Option zu bieten, um unabhängig von elterlichem Kapital Zugang zu kulturellen Bildungsangeboten zu finden. (Burkhard et al. 2024). Was diese Autoren für Kinder und Jugendliche formulieren, gilt für alle sozial benachteiligten Personen.

Um Inklusion und kulturelle Teilhabe in unserer Gesellschaft weiter voranzutreiben, braucht es einerseits gut ausgebildete Fachkräfte an der Schnittstelle von Kultureller Bildung und Sozialer Arbeit, andererseits muss der Staat die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen einer „kulturellen Grundversorgung“ für alle schaffen. Einzelprogramme, die Kulturelle Bildung fördern, wie „Kultur macht stark“ (BMBF) oder „Jedem Kind ein Instrument (JeKi)“ etc., können Impulse geben, jedoch nicht die dauerhafte Grundausstattung in Kita, Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Erwachsenenbildung und im non-formalen Bereich ersetzen. Ziel ist es, Qualität in der Kulturellen Bildung klar auf Teilhabe und ästhetische Erlebnisqualitäten auszurichten (Liebau 2015).

7 Forschung

Seit den 2000er-Jahren beginnt eine verstärkte Forschungstätigkeit im Feld der Kulturellen Bildung. Das Forschungsfeld der Kulturellen Bildung zeichnet sich durch eine große Dynamik, methodologische Vielfalt und durch häufig interdisziplinäre Perspektiven aus. In Deutschland gibt es mittlerweile das einflussreiche Netzwerk Forschung Kulturelle Bildung; weltweit bieten das International Network on Research in Arts Education (INREA) und weitere Online-Plattformen Diskursforen zur Forschung in der Kulturellen Bildung.

Überwiegend kommen in Forschungsprojekten zur Kulturellen Bildung qualitative Ansätze wie Grounded Theory zum Einsatz, es gibt auch eine wachsende Zahl großer quantitativer Forschungsvorhaben und Mixed-Methods-Studien. In den letzten zehn Jahren stützen sich zunehmend mehr Studien auf einen Art-based-Research-Ansatz (künstlerische oder kunst-basierte Forschung) als eigenständigen Forschungsansatz der künstlerisch-ästhetischen Felder (Unterberg 2023).

7.1 Wirkungsforschung

Ein großer Teil der Forschung in der Kulturellen Bildung widmet sich der Frage nach den Wirkungen kultureller und künstlerischer Angebote. Dabei kann zwischen innerfachlicher Wirkungsforschung, die zum Beispiel Kompetenzzuwächse durch Kulturelle Bildung in künstlerischen Kompetenzen untersucht, und Transferforschung unterschieden werden, bei der die Auswirkungen kultureller Bildung auf andere Bereiche wie Lesekompetenz oder mathematisches Verständnis betrachtet werden.

Dieser Fokus auf Wirkungsforschung ist sowohl ein Bedürfnis der Praxis der Kulturellen Bildung als auch politisch motiviert. Forschungsergebnisse sollen Investitionen in und Forderungen nach Förderung kultureller Bildung rechtfertigen, indem sie positive Effekte nachweisen. Tatsächlich erschweren aber komplexe, multikausale Zusammenhänge in der Kulturellen Bildung den wissenschaftlichen Beleg dieser Wirkungen. Metaanalysen wie „Art for Art’s Sake. The impact of arts education“ (Winner et al. 2013) zeigen zudem Lücken in der theoriebasierten Hypothesenbildung auf (Liebau 2015, S. 106; Unterberg 2023).

Dennoch ist ein Nachweis der Wirkung Kultureller Bildung möglich, und so konnte schon vor längerer Zeit festgestellt werden:

„Die Auseinandersetzung mit ästhetischen Gestaltungsproblemen in Produktion und Rezeption scheint zugleich komplexe Bildungsprozesse und soziale Qualifikationen zu fördern. Rationale und emotionale, intellektuelle und kreative, physische und musische, individuelle und soziale Fähigkeiten werden in dieser oder jener Form angesprochen und entwickelt“ (Liebau 2015, S. 106).

7.2 Grundlagenforschung

Neben der Wirkungsforschung widmet sich Forschung in der Kulturellen Bildung auch der Grundlagenforschung. Diese hat meist starke Praxisorientierung und Anwendungsbezug. Ihr Erkenntnisinteresse richtet sich sowohl auf die Weiterentwicklung geeigneter Konzepte und Maßnahmen Kultureller Bildung als auch auf die theoretische und methodische Fundierung des Forschungsfeldes. Dabei spielen Fragen nach Prozessen und Strukturen in der Praxis eine zentrale Rolle, um durch wissenschaftliche Methoden gezielt Erkenntnisse für die Weiterentwicklung und Veränderung von Bildungspraxis zu gewinnen.

Darüber hinaus gibt es Ansätze für ein Monitoring des Feldes Kultureller Bildung, sowohl national als auch international wie die MONAES-Studie, sowie historisch und diskurshistorisch ausgerichtete Forschung (Unterberg 2023).

8 Quellenangaben

Bering, Kunibert, Rolf Niehoff und Karina Pauls, Hrsg., 2022. Lexikon der Kunstpädagogik. 2. überarb. Auflage. Bielefeld: ATHENA. ISBN 978-3-8252-5954-9 [Rezension bei socialnet]

Braun, Tom und Brigitte Schorn, 2013. Ästhetisch-kulturelles Lernen und kulturpädagogische Bildungspraxis. In: Kulturelle Bildung online [online]. [Zugriff am: 20.06.2025]. doi:10.25529/​92552.61

Burkhard, Jannis, Stefan Kühne, Jan Scharf und Kai Maaz, 2024. Kulturelle Bildung -- hausgemacht? Zum Effekt elterlichen kulturellen Kapitals auf die kulturellen Aktivitäten von Jugendlichen. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft [online]. 27(2), S. 579–602 [Zugriff am: 02.04.2025]. ISSN 1434-663X. doi:10.1007/s11618-024-01219-6

Deutscher Kulturrat, Hrsg., 1994. Konzeption kulturelle Bildung: Analysen und Perspektiven. Essen: Klartext. ISBN 978-3-88474-192-4

Dewey, John, 2005 [1934]. Art as experience. New York: Perigee. ISBN 978-0-399-53197-2

Dorner, Birgit, 2024. Ästhetische Bildung und Bildende Kunst in der Sozialen Arbeit: Studienkurs Soziale Arbeit. Baden-Baden: Nomos. ISBN 978-3-7560-0230-6 [Rezension bei socialnet]

Fuchs, Max, 2008. Kulturelle Bildung: Grundlagen, Praxis, Politik. München: kopaed. ISBN 978-3-86736-310-5

Fuchs, Max, 2015. Theorien der Kulturpädagogik. Möglichkeiten und Grenzen ihrer Erfassung. In: Tom Braun, Max Fuchs und Wolfgang Zacharias, Hrsg. Theorien der Kulturpädagogik. Weinheim: Beltz Juventa, S. 10–17. ISBN 978-3-7799-3281-9 [Rezension bei socialnet]

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Hoffmann, Hilmar 1979. Kultur für alle: Perspektiven und Modelle. Frankfurt/M.: Fischer. ISBN 978-3-596-23036-5

Jebe, Frank, 2019. Kulturelle Bildung durch Künstlerinnen und Künstler in der Schule: Eine empirische Untersuchung zu den künstlerischen Angeboten im offenen Ganztagsbereich von Grundschulen. Oberhausen: ATHENA. ISBN 978-3-7455-1069-0 [Rezension bei socialnet]

Josties, Elke und Marion Gerards, 2020. Diversitätsbewusste Soziale Arbeit mit Musik in der (Welt-)Migrationsgesellschaft. In: Kulturelle Bildung online [online]. [Zugriff am: 21.06.2025]. Verfügbar unter: https://www.kubi-online.de/artikel/​diversitaetsbewusste-soziale-arbeit-musik-welt-migrationsgesellschaft

Liebau, Eckart, 2015a. Kulturelle Bildung für alle und von allen? Über Teilhabe an und Zugänge zur Kulturellen Bildung. In: Kulturelle Bildung online [online]. [Zugriff am: 21.06.2025]. Verfügbar unter: https://www.kubi-online.de/artikel/​kulturelle-bildung-alle-allen-ueber-teilhabe-zugaenge-zur-kulturellen-bildung

Liebau, Eckart, 2015b. Kulturelle Bildung in Zeiten der Globalisierung. In: Tom Braun, Max Fuchs und Wolfgang Zacharias, Hrsg. Theorien der Kulturpädagogik. Weinheim: Beltz Juventa, S. 102–113. ISBN 978-3-7799-3281-9 [Rezension bei socialnet]

Reinwand-Weiss, Vanesa-Isabelle, 2020. Kulturelle Bildung als Bildung für nachhaltige Entwicklung? Impulse für die Verbindung zweier normativer Ansätze und Praxen. In: Kulturelle Bildung online [online]. [Zugriff am: 15.01.2022]. Verfügbar unter: https://www.kubi-online.de/artikel/​kulturelle-bildung-bildung-nachhaltige-entwicklung-impulse-verbindung-zweier-normativer

Steigerwald, Claudia, 2019. Kulturelle Bildung als politisches Programm: zur Entstehung eines Trends in der Kulturförderung. Bielefeld: Transcript. ISBN 978-3-8376-4574-3 [Rezension bei socialnet]

Unterberg, Lisa, 2023. Kulturelle Bildung – Überblick über das Forschungsfeld. In: Kulturelle Bildung online [online]. [Zugriff am: 02.04.2025]. Verfügbar unter: https://www.kubi-online.de/artikel/​kulturelle-bildung-ueberblick-ueber-forschungsfeld

Winner, Ellen, Thalia R. Goldstein und Stéphan Vincent-Lancrin, 2013. Art for art’s sake? The impact of arts education. Paris: OECD. ISBN 978-92-64-18077-2

Verfasst von
Prof. Dr. Birgit Dorner
Katholische Stiftungsfachhochschule München, Fachbereich Soziale Arbeit
Professorin für Kunstpädagogik in der Sozialen Arbeit
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