Libertarismus
Prof. i.R. Dr. Norbert Wohlfahrt
veröffentlicht am 10.02.2026
Libertarismus bezeichnet eine politische Philosophie, die individuelle Freiheit als höchsten Wert betrachtet und staatliche Eingriffe auf ein Minimum beschränken will. Im Zentrum stehen das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, das Privateigentum sowie der freie Markt.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Begriffsbestimmung
- 3 Libertarismus, Neoliberalismus und Privateigentum
- 4 Ökonomische Grundlagen: Die Österreichische Schule
- 5 Das libertäre Ideal souveräner Individualität
- 6 Paläolibertarismus und libertärer Autoritarismus
- 7 Libertärer Anarchismus
- 8 Libertarismus, Postliberalismus und Rechtspopulismus
- 9 Quellenangaben
1 Zusammenfassung
Der Libertarismus weist unterschiedliche Strömungen auf, deren Gemeinsamkeit in der Priorisierung individueller und kollektiver Freiheit besteht. Dabei lassen sich linkslibertäre und rechtslibertäre Auffassungen unterscheiden, die zu differenten Konzepten von gesellschaftlichem Wohlstand führen.
Rechtslibertäre Vertreter:innen wie Murray Rothbard oder Hans-Hermann Hoppe betonen das absolute Recht auf Privateigentum und lehnen staatliche Eingriffe in die Wirtschaft weitgehend ab. Die philosophischen Wurzeln des Libertarismus lassen sich bis zu Adam Smith zurückverfolgen. Aktuell beeinflussen libertäre Ideen politische Akteure wie den argentinischen Präsidenten Javier Milei oder die US-amerikanische Heritage Foundation.
Das absolute Recht jedes Menschen auf privates Eigentum als Kern der rechtslibertären Weltanschauung wird in jüngster Zeit zunehmend mit konservativen Werten eines postliberalen Weltbilds verknüpft, in dem Familie, Religion und Nation eine hervorgehobene Rolle spielen. Diese Verbindung zeigt sich im sogenannten Paläolibertarismus. Zugleich folgen die ökonomischen Vorstellungen des Libertarismus einem Verständnis von kapitalistischen Gesellschaften, in denen Markt und Wettbewerb die entscheidenden Parameter der Wohlstandsgewinnung darstellen, wobei insbesondere die Österreichische Schule der Nationalökonomie prägend wirkte. Demgegenüber vertritt der linkslibertäre oder libertär-anarchistische Flügel Konzepte dezentraler Selbstverwaltung und lehnt sowohl staatliche als auch kapitalistische Hierarchien ab.
2 Begriffsbestimmung
Der Libertarismus ist eine politische Philosophie und Bewegung, die in der individuellen Freiheit den höchsten politischen Wert sieht. Der Libertarismus ist kein homogenes Konzept. Den verschiedenen Strömungen des Libertarismus ist gemein, dass sie das Individuum und dessen uneingeschränkte Willensbetätigung in den Mittelpunkt ihres Denkens stellen und dem Staat skeptisch bis ablehnend gegenübertreten. Die philosophischen Wurzeln des Libertarismus lassen sich bei Adam Smith verorten, und Ökonomen wie Milton Friedman oder Friedrich Hayek haben ihre Theorien einer liberalen Marktwirtschaft stark an libertäre Konzepte angelehnt. Aktuell stellen sich Politiker:innen wie der argentinische Staatspräsident Javier Milei in diese Tradition. Für Milei ist der Staat der „größte Feind der Freiheit“ (Bagus 2025, S. 14). Eine konservative Strömung des Libertarismus, auch Paläolibertarismus genannt, beeinflusst in starkem Maße die US-amerikanische Heritage Foundation, die wiederum der Präsidentschaft von Donald Trump als Stichwortgeber dient (Graham 2025).
Der Begriff des libertären Sozialismus kennzeichnet eine anarchistische Strömung, die sich durch Ablehnung zentralistischer Strukturen und autoritärer Organisationsformen gegenüber dem traditionellen Konzept des Sozialismus auszeichnet und sich für die Ablehnung von Hierarchien und Führungsstrukturen einsetzt. Vielfach wird der russische Anarchist Michail Bakunin als einflussreicher Vertreter dieser Variante des Libertarismus genannt.
Die libertäre Bewegung basiert auf mehreren grundlegenden Prinzipien, die das Verständnis für ihre Ziele und Ansätze ermöglichen. Zu den Hauptprinzipien gehören:
- Selbstbestimmung: Libertäre vertreten das Recht jedes Individuums, über sein eigenes Leben zu bestimmen, solange dabei die Rechte anderer nicht verletzt werden. Das schließt die freie Entscheidung über Körper, Besitz und Arbeitsverhältnisse ein.
- Wettbewerb und Markt: Libertäre unterstützen eine wirtschaftliche Ordnung, die auf Freiwilligkeit und nicht auf Zwang oder staatlicher Kontrolle basiert. Sie bevorzugen den Markt als Mechanismus zur Organisation von Waren und Dienstleistungen.
- Eigentumsrechte: Die Sicherung und Anerkennung von Eigentumsrechten ist ein zentraler Aspekt des libertären Denkens. Libertäre argumentieren, dass Eigentum, sowohl materiell als auch immateriell, die Grundlage für Wohlstand und Freiheit bildet.
- Minimaler Staat: Libertäre befürworten eine eingeschränkte Staatsgewalt, die sich auf die Wahrung von Recht und Ordnung sowie den Schutz der individuellen Freiheiten beschränkt. Dazu zählt auch ein geringes Maß an staatlicher Regulierung und niedrige Steuern.
- Handel und Kooperation: Libertäre sehen den freien Handel zwischen Individuen und Nationen als eine Quelle des Wohlstands und Fortschritts an. Sie befürworten Kooperation als ein Mittel der Konfliktlösung.
3 Libertarismus, Neoliberalismus und Privateigentum
Der Begriff des (Neo-)liberalismus ist eng mit der von Friedrich Hayek im Jahr 1947 gegründeten Mont Pelerin Society verbunden. In der Vorstellung der neoliberalen Ideologie ist der Kapitalismus durch den schleichenden Vormarsch des Sozialismus und der Bedrohung durch den ausufernden Wohlfahrtsstaat gefährdet. Der Libertarismus in seiner anarchokapitalistischen Variante ist die konsequente Fortsetzung dieser ideologischen Programmatik, deren Kernüberzeugung darin besteht, dass es die Aufgabe des Staates ist, Markt und Wettbewerb zu schützen und die Aufrechterhaltung der inneren und äußeren Sicherheit zu gewährleisten.
Die vom Libertarismus vertretene Idee radikaler Freiheit gründet auf dem Glauben an eine Institution, die diese Freiheit symbolisiert und ihr materielle Kraft verleiht: das Privateigentum und die uneingeschränkte Verfügung über dessen freie Entfaltung. Um dies zu gewährleisten, soll der Staat auf ein Minimum beschränkt werden und der freie Wettbewerb gefördert werden. Die Aufgabe der Regierung soll in nichts anderem bestehen, als den Prinzipien Selbsteigentum und Aneignung zur universellen Geltung zu verhelfen.
Einer der Hauptvertreter eines radikalen Libertarismus ist Murray Rothbard, der diese Strömung auch als „Anarchokapitalismus“ bezeichnet. Rothbard lehnte jede Art von Regierung ab, betrachtete Staaten als „organisiertes Banditentum“ und Steuern als „Diebstahl in gewaltigem Ausmaß“. In seiner idealen Welt sollte der Staat vollkommen beseitigt werden:
„Weil der Libertäre aber auf der anderen Seite gegen Attacken auf persönliche Eigentumsrechte Stellung bezieht, bedeutet das, dass er genauso nachdrücklich gegen alle staatlichen Invasionen in das Eigentum oder in die Marktwirtschaft durch irgendwelche Kontrollen, Regulierungen, Subventionen oder Verbote eintritt“ (Rothbard 2012, S. 12).
Rothbard plädiert für einen „laissez-faire Kapitalismus“, in dem das uneingeschränkte Recht auf Privateigentum gilt und das Prinzip des freien Tauschs für jede Form des Eigentumswechsels Gültigkeit besitzt. Staatliche Hindernisse des freien Tauschs (z.B. Erbschaftssteuer) sind strikt abzulehnen.
Aus libertärer Sicht sind die Beziehungen unter den Menschen Tauschbeziehungen und unterliegen den Gesetzmäßigkeiten des freien Wettbewerbs. Der Staat beschränkt sich auf die Eigentumssicherung und die Gültigkeit von Verträgen. Internationale Organisationen wie die WHO oder Zentralbanken werden nicht als legitim angesehen, da deren Aufgaben nicht zu den grundlegenden staatlichen Pflichten des Eigentumsschutzes zählen.
In seinem Plädoyer für eine neue Freiheit vertritt Rothbard die Auffassung, dass der Kern der libertären Überzeugung das absolute Recht jedes Menschen auf privates Eigentum sei: „zuerst an seinem Körper und zweitens an bis dahin ungenutzten natürlichen Ressourcen, die er durch seine Arbeit ‚umgewandelt‘ hat“ (Rothbard 2012, S. 39). Die gesamte libertäre Lehre – so Rothbard – beruhe auf den Axiomen des Rechts auf Eigentum an sich selbst und des Rechts auf „Landnahme“. Die naturrechtliche Verteidigung des Eigentums gehöre zu den moralischen Überzeugungen libertären Denkens, aus denen sich auch das Verhältnis zur Marktwirtschaft und zum Staat ableiten lasse. Freiheit sei demnach ein Zustand, in dem die Eigentumsrechte jeder Person an ihrem eigenen Körper und an ihrem legitimen materiellen Eigentum nicht verletzt werden, in die also nicht interveniert wird.
Programmatisch formuliert das ein Schüler Rothbards, der Sozialwissenschaftler Hans-Hermann Hoppe, der jeden Eingriff in die natürliche Verfügungsgewalt einer Person über sein Eigentum als Aggression bezeichnet und Gesellschaften nach dem Kriterium des Ausmaßes solcher Eingriffsmöglichkeiten typisiert: Je stärker diese ausgeprägt sind, umso unfreier ist eine Gesellschaft (Hoppe 2018).
Es ergibt sich aus dieser libertären Vorstellung von Markt und Wettbewerb, dass Forderungen nach mehr gesellschaftlicher Gleichheit rigoros abgelehnt werden. Der Kampf gegen den (von links geschürten und eingeforderten) Egalitarismus ist aus libertärer Sicht unabdingbar. Die sozialen Unterschiede, die das Eigentum hervorbringe, sind geradezu ein Signum individueller Freiheit.
4 Ökonomische Grundlagen: Die Österreichische Schule
Der Begriff „Österreichische Schule“ ist das Ergebnis des sogenannten Methodenstreits im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Im Kern handelt es sich um einen Konflikt zwischen den Vertreter:innen einer „spontanen Ordnung“, nach der die Integration in die Gemeinschaft der Marktwirtschaft spontan, also ohne jeden staatlichen Zwang erfolgt und Vertreter:innen einer „interventionistischen“ Schule, nach der politische Eingriffe in die Marktwirtschaft erforderlich sind. Die Ablehnung sozialpolitischer Regulierungen – so ein Kerngedanke der Österreichischen Schule – sei Ergebnis einer Vorstellung, nach der der „Markttausch“ die dem Menschsein adäquate Form freiheitlicher Überlebenssicherung darstellte. Ludwig von Mises formuliert dies wie folgt:
„Wie es in der menschlichen Natur liegt, ist dies in jeder Gesellschaft unvermeidlich, in der die Arbeitsteilung und der damit verbundene Markttausch eine solche Intensität erreicht haben, dass der Lebensunterhalt eines jeden vom Verhalten anderer abhängt. In einer solchen Gesellschaft wird jeder von seinen Mitmenschen bedient, und im Gegenzug dient er ihnen. Die Leistungen werden freiwillig erbracht: Um einen Menschen dazu zu bringen, etwas für mich zu tun, muss ich ihm etwas anderes anbieten, das er dem Verzicht auf dieses Etwas vorzieht. Das gesamte System beruht auf der Freiwilligkeit der ausgetauschten Leistungen“ (Mises 2003, S. 59).
Der Zusammenhang von Kapitalismus und Freiheit bildet den theoretischen Kern der Österreichischen Schule, die die ökonomischen Prinzipien des libertären Kapitalismus formuliert. Die ökonomische Theorie des menschlichen Handelns feiert das Privateigentum als Ausdruck des Menschseins schlechthin. Danach handle der Mensch immer mit Blick auf ein Ziel, dem er eine subjektive Bedeutung zumesse. Um sich für diese Ziele einzusetzen, müsse der Handelnde Kosten in Kauf nehmen, die den Wert des subjektiven Ziels ausmachten. Jeder Mensch handle insofern unternehmerisch: Sei der subjektive Wert des erreichten Ziels höher als die Kosten, gebe es einen unternehmerischen Gewinn, bei Verlusten sei es umgekehrt. Der Tausch sei damit von vornherein eine Angelegenheit, die die am Tausch beteiligten Personen besserstelle. Milton Friedman drückt diesen Gedanken wie folgt aus:
„Jeder Haushalt gebraucht die Ressourcen, die er kontrolliert, um Güter und Dienstleistungen zu produzieren, die er gegen Güter und Dienstleistungen anderer Haushalte austauscht, und zwar auf einer Basis, die beide Seiten freiwillig akzeptieren. Jeder Haushalt ist damit in der Lage, seine Bedürfnisse indirekt durch den Verkauf von Gütern und Dienstleistungen zu befriedigen und nicht direkt, indem er Güter und Dienstleistungen für seinen eigenen unmittelbaren Gebrauch selbst produziert. […] Daher wird auch kein Austausch zustande kommen, wenn nicht beide Seiten davon profitieren. Die Kooperation wird also ohne jeden Zwang erreicht“ (Friedman 2024, S. 36).
Aus libertär-ökonomischer Sicht verhindern staatliche Regulierungen, dass ein freiwilliger Tausch stattfinden kann. Ein immer wieder genanntes Beispiel ist der Mindestlohn. Es ist evident, dass infolge dieser ökonomischen Lehre der Kapitalismus und die Marktwirtschaft die Gesellschaftsordnungen sind, die über Arbeitsteilung und Tausch das Maximum an Bedürfnisbefriedigung zustande bringen und durch Sparen und Kapitalakkumulation einen steten Anstieg von Wohlstand ermöglichen. Der Markt kann infolge dieser Auffassung gar nicht versagen: Er funktioniert immer so, wie die Teilnehmenden es wollen, weil dort Eigentumsrechte ausgetauscht werden. Marktversagen ist damit ein Hinweis auf Staatseingriffe, die die freiwillige Koordination der Marktteilnehmenden behindern.
Nach Eugen von Böhm-Bawerk, einem Vordenker der österreichischen Schule, gibt es keine Ausbeutung. Im Gegenteil: Die Unternehmer helfen den Arbeiter:innen, da sie diesen den Lohn bereits im Voraus zahlen. Marx, so Böhm-Bawerk ignoriert den Faktor Zeit und die Zeitpräferenz. Er überschätzt zudem den Faktor Arbeit. Die Arbeitswerttheorie Marx’ ist demnach zirkulär. Der technische Fortschritt ersetzt nicht die menschliche Arbeit, er macht sie nur produktiver und sorgt somit für die Erhöhung des Kapitalstocks und des Wohlstandes (Böhm-Bawerk 2024).
Da staatliche Fürsorge und Regulierungen nur durch Geld zustande kommen können, das den Marktteilnehmenden entzogen wird, sind Steuersenkungen aus libertärer Perspektive Akte der Freiheitsstiftung und jede Form staatlicher Geldschöpfung ist damit strikt abzulehnen.
5 Das libertäre Ideal souveräner Individualität
Ayn Rands Roman „Atlas shrugged“ (deutscher Titel: „Der freie Mensch“ 1957) gehört zu den meistverkauften Büchern des 20. Jahrhunderts. Darin schildert sie den Kampf unternehmerischer Selbstbehauptung gegen eine wohlfahrtsstaatlich regierte Dystopie kollektivistischer Misswirtschaft. Der Roman propagiert die Überlegenheit einer ausschließlich durch die Durchsetzung eigener Interessen bestimmten Individualität gegenüber den Zumutungen einer mediokren Regierung und parasitärer Bürokraten. Der von Rand entwickelte „Objektivismus“ erklärt den Kapitalismus zur einzigen Gesellschaftsform, die der menschlichen Natur gerecht werden könne. Einflussreiche Vertreter:innen libertären Denkens wie der amerikanische Multimilliardär und Trump-Unterstützer Peter Thiel beziehen sich zustimmend auf Rands Objektivismus.
Die ungehinderte Entfaltung der Marktkräfte ist demnach der beste Mechanismus zur Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen. Und staatliches Handeln, das über die Sicherung von Recht und Eigentum hinausgehe wie wirtschaftliche Regulationen oder das Errichten eines sog. „sozialen Netzes“, wirke zerstörerisch auf die im Unternehmertum verankerten produktiven Energien. Das von Rand befeuerte kapitalistische Mantra („to get things done“) ist ein Plädoyer für eine fortdauernde Disruption, die die Schranken, die dem freien Unternehmertum als Speerspitze menschlichen Fortschritts auferlegt sind, endgültig beseitigen will. Freiheit und Gleichheit müssen infolgedessen als politische Gegensätze begriffen werden: Freiheit steht für die Unabhängigkeit der Person, für frei und organisch gewachsene Institutionen wie die Familie, Gleichheit für staatlich erzwungenen Kollektivismus und eine Leugnung der Unterschiede, die der Kapitalismus als der menschlichen Natur entsprechende Daseinsform notwendig hervorbringt. Aus libertärer Sicht gilt beispielsweise die Transgenderbewegung als Beispiel einer Ideologie der Gruppenidentifikation, die als Ausdruck von Gleichheit, Willkür und Relativismus verstanden werden muss.
6 Paläolibertarismus und libertärer Autoritarismus
Die Paläolibertären grenzen sich von Neoliberalen und Lifestyle-Libertären ab, die Freiheit als Ungebundenheit von bürgerlicher Moral interpretieren und traditionelle Hierarchien und Autoritäten ablehnen. Die Betonung nationaler und kultureller Werte, die ein tugendhaftes Verhalten fördern und, vergleichbar mit Ayn Rands Objektivismus, die Bezugnahme auf „objektive“ moralische Prinzipien wie den Anti-Egalitarismus vertreten, ist ein Grundsatz einer libertären Weltanschauung. Diese Perspektive definiert kulturellen Konservatismus und radikale Marktfreiheit für unabdingbar zusammengehörig. Die Ablehnung von staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft und das soziale Leben korrespondiert dabei mit der Forderung nach Beibehaltung traditioneller Werte und Normen, die als Fundament der Gesellschaft angesehen werden. Die Stellung der Familie, das Privateigentum, der freie Markt und das Konzept der Freiheit werden als Ausfluss der christlichen Kultur angesehen, wobei die Betonung von im Christentum verankerter Vernunft, objektiver Moral und Privateigentum als entscheidende Parameter für die Entwicklung des Kapitalismus gedeutet werden. Philipp Bagus formuliert dies wie folgt:
„Konservative Werte, Moralvorstellungen, Konventionen und Traditionen sind nach Auffassung der Paläolibertären dem Wohlstand und dem sozialen Zusammenhalt in der Zivilgesellschaft dienlich. Menschen sind von Natur aus ungleich, was zu natürlichen Hierarchien führt. Natürliche Autorität ist notwendig und wichtig. Sie ergibt sich in freiwilligen sozialen Strukturen wie Familie, Kirche und Gemeinde“ (Bagus 2025, S. 109).
Der paläolibertäre Gedanke, dass der Mensch natürlicher Institutionen bedarf, die ihm Halt geben und als tragende Säulen des Zusammenlebens den Individuen Orientierung und Normen bereitstellen, gehört zur Grundausstattung kapitalismusbezogener Moralvorstellungen. Stabilität, Ordnung, Kontinuität, Dankbarkeit für das Vergangene und Pflichtbewusstsein für das Zukünftige (Deneen 2024) sind die konservativen Imperative der patriotisch-libertären Werteordnung. Diese bekämpft die mit der (linken) Identitätspolitik verbundenen Gender‑ und Diversitätsprogramme als Produkt einer fehlgeleiteten liberalen Fortschrittsideologie.
Das Zusammengehen von wirtschaftsliberalen Vorstellungen mit autoritären Staatsauffassungen ist aus dieser Perspektive kein Gegensatz. Um die freie Verfügungsgewalt über das Privateigentum zu verteidigen, bedarf es eines staatlichen Gewaltmonopols, das diese durchsetzt und gegen feindliche Bestrebungen schützt. Sowohl Ludwig von Mises, einer der Gründungsväter des wirtschaftsliberalen Denkens, als auch der rechtskonservative Carl Schmitt haben einen starken Staat (historisch in der Gestalt des Faschismus) als Garanten einer gesunden Wirtschaft angesehen (Schmitt 1933). Der autoritäre Liberalismus weist eine (scheinbare) Widersprüchlichkeit auf: einerseits die Forderung nach dem Rückzug des Staates aus der marktlichen Regulierung (Entstaatlichung der Wirtschaft), andererseits der gleichzeitige Wunsch nach einer staatlichen Souveränität ohne zwingenden Bezug auf demokratische Verfahren (Slobodian 2023).
Oliver Nachtwey und Caroline Amlinger gehen in ihrer Studie zum Libertären Autoritarismus (2022) davon aus, dass sich im Typus des libertären Autoritarismus Menschen nicht mit einer externen Instanz, sondern mit dem eigenen Ich identifizieren. Libertär bedeutet hierbei, dass die Individuen sich nicht dauerhaft mit einer sozialen Gruppe identifizieren, sondern vereinzelt bleiben, libertär-autoritär sind sie „weil sie sich an keine sozial verpflichtenden Normen mehr gebunden sehen, verinnerlichte Rücksichtnahmen abgestreift haben und obsessiv auf eine äußere Gefahr focussiert sind“ (Amlinger und Nachtwey 2022, S. 178). Die Erklärung für den libertären Autoritarismus liegt nach Ansicht der Autor:innen in einer Identifikation mit den Normen der Konkurrenzgesellschaft, die ein destruktives und exzessives Potenzial in sich berge. Sie sprechen von einem „verdinglichten“ Freiheitsbegriff, der sich in einer Überhöhung der eigenen Autonomie äußert und der mit einer Forderung nach Verbesserung kollektiver Rahmenbedingungen wenig gemein hat.
Der Paläolibertarismus kann in seiner extremen Ausprägung auch mit anarchokapitalistischen Vorstellungen einhergehen. Danach sollen sämtliche Dienstleistungen durch private Anbieter organisiert werden und an die Stelle von Verfassungen sollen Verträge treten. Ungleichheiten gelten als Ausdruck natürlicher Differenzen. Westliche Kultur, Familie und die Pflege christlicher Tradition werden gegenüber der liberalen Gesellschaft in den Mittelpunkt gestellt und die Demokratie wird in Gegensatz zu der oder dem souveränen Bürger:in gestellt, die bzw. der autonom und in völliger Freiheit über sich und ihre bzw. seine Angelegenheiten verfügt.
7 Libertärer Anarchismus
Im Unterschied zum US-amerikanischen Verständnis von „libertär“, in dem das Individuum und seine freiheitliche Verfügung über das Privateigentum im Mittelpunkt stehen, gibt es eine Variante libertären Denkens, die sozialen Zusammenhalt und gemeinschaftliche Kooperation ohne staatliche Zwangsgewalt befürwortet. Libertär-anarchistische Strömungen grenzen sich vom Marxismus ab, den sie als zu staatszentriert kritisieren, distanzieren sich aber auch vom libertären Anarchokapitalismus und dessen positiven Bezug auf kapitalistischen Wettbewerb und Privateigentum. Während Vertreter:innen einer anarcho-kapitalistischen Strömung innerhalb des Libertarismus wie Rothbard die Auffassung vertreten, dass alle dem Staat übertragenen, auch traditionellen Aufgaben wie innere und äußere Sicherheit dem Markt überlassen werden sollten, sind kollektivistische oder kommunistische Vertreter:innen des Anarchismus gegen das Privateigentum gerichtet, sodass hier auch von einem revolutionären Anarchismus gesprochen wird (Degen und Knoblauch 2009). Im Anarchosyndikalismus wird die Idee vertreten, dass eine selbsttätige Arbeiterklasse unabhängig von staatlichen und klassenübergreifenden Instanzen ihre Interessen durchsetzt.
Als allgemeines Charakteristikum eines libertären Anarchismus kann die Skepsis gegenüber staatssozialistischen und materialistischen Auffassungen festgehalten werden. Das Konzept einer selbstverwalteten Gesellschaft gilt als Gegenentwurf zu technokratischen Modellen einer zukünftigen Gesellschaft, in denen totalitäre Momente des Regierens substanziell angelegt sind. Libertär-anarchistische Strömungen weisen in Richtung dezentraler und föderalistischer Strukturen, als Referenzmodell gilt hier häufig die israelische Kibbuzökonomie. Im Gefolge von 1968 ist ein Aufschwung libertärer Ideen registriert worden, der sich insbesondere auf das Prinzip der Herrschaftsfreiheit bezieht und den ökonomischen Sektor als Ausgangspunkt von Kontrolle und Machtmanipulation kritisiert (Senft 2009). Anknüpfungspunkte an den libertären Anarchismus weisen auch linkslibertäre Ideen auf, die nicht für die Abschaffung des Privateigentums, sondern für dessen gerechtere Verteilung eintreten. Im Unterschied zu den rechtslibertären Vertreter:innen eines naturrechtlich begründeten Verständnisses von Privateigentum sind linkslibertäre Anarchist:innen der Auffassung, dass das Selbsteigentumsprinzip kein absolutes Recht auf Privateigentum an externen Gütern, insbesondere Land, begründen kann.
8 Libertarismus, Postliberalismus und Rechtspopulismus
Der Libertarismus in seiner gegenwärtig dominierenden Gestalt weist eine duale Struktur auf: Einerseits wird der kapitalistische Wettbewerb und das Privateigentum als vom staatlichen Interventionismus gefesselt betrachtet, zugleich wird ein rechtskonservatives Leitbild einer an traditionellen Werten orientierten Nation vertreten. Staatliche Ordnungspolitik und Marktfreiheit gehen in dieser Ideologie eine Symbiose ein, die enge Verbindungen zum Rechtspopulismus aufweist. Bewegungen wie die Tea-Party oder Organisationen wie die rechtskonservative Heritage Foundation werden häufig mit libertären Positionen in Verbindung gebracht, die Familie, Religion und Nation als moralische Instanzen verteidigen, Migration als gefährlich für die nationale Identität betrachten und nationale Interessen gegenüber außenpolitischen oder bündnispolitischen Verpflichtungen priorisieren. Die Anknüpfungs‑ und Überschneidungspunkte dieser Bewegung mit den Vertreter:innen einer globalisierungskritischen, postliberalen Demokratie sind unübersehbar.
Die Protagonisten eines Postliberalismus kritisieren den Liberalismus der westlichen Gesellschaften als technokratischen Funktionalismus, der einen „nihilistischen“ Blick auf Gesellschaften fördere und damit eine natürliche Ordnung von Gesellschaft negiere. Demgegenüber steht in der postliberalen Theorie die Auffassung, dass es bessere und schlechtere Wege der Gestaltung von Gesellschaft gebe und das liberale Gesellschaften entgegen der menschlichen Natur konstruiert seien (Pilkington 2025). Liberale aller Couleur neigen demnach dazu, Wohlstand ökonomisch zu verengen und gesellschaftliche Werte wie Solidarität, Zusammenhalt und nationale Parteilichkeit zu vernachlässigen. Der Postliberalismus kritisiert einen durch die Globalisierung beförderten Materialismus kapitalistischer Gesellschaften, der sich in einem rein auf ökonomisches Wachstum konzentrierten Akkumulationsmodell äußere. Demgegenüber gelte es Familienpolitik (Geburten‑ und Familienförderung) und Migrationspolitik als Bereiche einer Wohlstandspolitik zu begreifen, die sich nicht eng auf ein ökonomisches Verständnis, sondern auf ein national-ethisches Prinzip von Wohlstand beziehe (Deneen 2024).
Damit ergeben sich direkte Anknüpfungspunkte zwischen dem konservativen Postliberalismus und dem rechtskonservativen Paläolibertarismus, in dem die abstrakte Freiheit des Einzelnen sich in dem „Wir“ der Nation entfalte und aufgehoben fühle. In dem Begriff des Volkes als zentralen Fokus postglobaler Politik sind sich Postliberale und Paläolibertäre einig und dass der Dienst am Ganzen priorisiert werden müsse, um den Völkern „Stabilität, Ordnung, Kontinuität“ (Deneen 2024, S. 13) zu verheißen, gilt als Credo einer postliberalen Ära unter der Maxime „Take back Control“, der sich auch Politiker:innen wie Donald Trump und J.D. Vance verschrieben haben.
9 Quellenangaben
Amlinger, Carolin und Oliver Nachtwey, 2022. Gekränkte Freiheit: Aspekte des libertären Autoritarismus. Berlin: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-43071-2
Bagus, Phillip, 2025. Die Ära Milei: Argentiniens neuer Weg. München: LMV. ISBN 978-3-7844-3719-4
Degen, Hans Jürgen und Jochen Knoblauch, Hrsg., 2009. Anarchismus 2.0: Bestandsaufnahmen, Perspektiven. Stuttgart: Schmetterling Verlag. ISBN 978-3-89657-052-9
Deneen, Patrick J., 2024. Regime Change: Towards a Postliberal Future. New York: Forum. ISBN 978-1-80075-331-0
Friedman, Milton, 2024. Kapitalismus und Freiheit. 14. Auflage. München: Piper. ISBN 978-3-492-23962-2
Graham, David, A., 2025. Der Master Plan der Trump Regierung: Wie ein radikales Netzwerk in Amerika die Macht übernimmt. Frankfurt am Main: S.Fischer. ISBN 978-3-10-397745-5
Hoppe, Hans-Hermann, 2018. Libertarismus richtig verstehen (Getting Libertarianism Right). Auburn, Alabama: Ludwig von Mises Institute. ISBN 978-1-61016-690-4
Mises, Ludwig von, 2003. Der historische Rahmen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Auburn, Alabama
Pilkington, Philip, 2025. The Collapse of Global Liberalism: And the emergence of the post-liberal World-Order. Cambridge: Polity Press. ISBN 978-1-5095-6622-8
Rand, Ayn, 1996 [1957]. Der freie Mensch (Atlas Shrugged). München
Rothbard, Murray, 2012. Für eine neue Freiheit: Kritik der politischen Gewalt. Band 1: Staat und Krieg. Norderstedt: Books on Demand GmbH. ISBN 978-3-8482-3090-7
Schmitt, Carl, 1933. Starker Staat und gesunde Wirtschaft. In: Volk und Reich. (1/2), S. 81–94
Senft, Gerhard, 2009. Wirtschaft gestalten am Rande und mittendrin: Zum Verhältnis von Anarchismus und Ökonomie. In: Hans Jürgen Degen und Jochen Knoblauch, Hrsg. Anarchismus 2.0: Bestandsaufnahmen, Perspektiven. Stuttgart: Schmetterling Verlag, S. 72–90. ISBN 978-3-89657-052-9
Slobodian, Quinn, 2023. Kapitalismus ohne Demokratie: Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstrände und Steueroasen zerlegen wollen. Berlin: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-43146-7
Verfasst von
Prof. i.R. Dr. Norbert Wohlfahrt
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