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Macht

Etymologie: indogermanisch magh können, vermögen, fähig sein; gotisch magan> machen, können, vermögen

Allgemein lässt sich unter dem Begriff von Macht das Einflussnehmen auf Denk- und Verhaltenswahrscheinlichkeiten verstehen. Etymologisch ist Macht auf das indogermanische „magh“ (können, vermögen, fähig sein) bzw. das gotische Verb „magan“ (machen, können, vermögen) zurückzuführen (Faber et al. 1982, S. 836; Gerhardt 1996, S. 10 f.).
Obwohl Macht einen Grundbegriff der Geistes- und Sozialwissenschaften, insbesondere der Sozialen Arbeit, Soziologie und Politikwissenschaft darstellt, stehen sowohl eine eindeutige Machtdefinition als auch eine allumfassende Machttheorie aus. Eine präzise Begriffsbestimmung erschwert sich ebenso aufgrund alltagssprachlicher Verwendungsweisen sowie einer langen Historie des Begriffs, deren Nachzeichnung meist im antiken Denken (Thukydides [ca. 460–398 v.u.Z.], Platon [428/27–348/47 v.u.Z.]) angesetzt wird (Anter 2017, S. 19 ff.; Mann 1994).

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Theorien der Macht
    1. 2.1 Niccolò Machiavelli
    2. 2.2 Thomas Hobbes
    3. 2.3 Friedrich Nietzsche
    4. 2.4 Max Weber
    5. 2.5 Hannah Arendt
    6. 2.6 Michel Foucault
  3. 3 Macht und Soziale Arbeit
  4. 4 Quellenangaben
  5. 5 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Machtanalytische und machttheoretische Auseinandersetzungen kennzeichnen sich über Perspektivierungen auf Subjekte, (soziale) Beziehungen, Strukturen, Institutionen oder politische Systeme. Ebenso unterscheiden sie sich über die Intensität der Verknüpfung von Bezugsbegriffen (z.B. Wissen, Sprache oder Körper) oder der trennscharfen Abgrenzung gegenüber themennahen Begriffen wie Herrschaft, Gewalt oder Einfluss. Im Folgenden werden die einflussreichsten Ansätze kurz erläutert. Anschließend wird Macht im Kontext Sozialer Arbeit thematisiert.

2 Theorien der Macht

2.1 Niccolò Machiavelli

Der italienische Philosoph Niccolò Machiavelli (1469–1527) beschäftigte sich mit Fragen des Regierens und Herrschaft vor dem Hintergrund der Relationen von Glück (fortuna) und Tüchtigkeit (virtù). Insbesondere im 1532 posthum veröffentlichten Il Principe (Der Fürst) widmet er sich der Frage, „wie ein Herrscher, der dank glücklicher Umstände an die Macht gekommen ist, seine Herrschaft auf Dauer stellen kann“ (Münkler 2017, S. 57).

Machiavellis Ausführungen zu Macht/Herrschaft orientieren sich weniger an moralischen Maßstäben, vielmehr stehen Aspekte von Herrschaftssicherung und Machterhalt im Vordergund. Machiavellis Denken ist geprägt von einem funktionalen und taktischen Verständnis von Macht, demgemäß insbesondere Fragen der Nützlichkeit von Handlungen verfolgt werden, was Gewalt als Regierungsvariable durchaus einschließt, gleichzeitig aber auch Variablen wie Ansehen des Fürsten oder Vermeidung von Verachtetwerden beleuchten.

2.2 Thomas Hobbes

Im umfangreichen und vielfältigen Werk des englischen Staatstheoretikers, Mathematikers und Philosophen Thomas Hobbes (1588–1679) ist machttheoretisch insbesondere sein Werk Leviathan (1651) von einschlägiger Bedeutung. Ausgangspunkt bildet für Hobbes das Denken eines Naturzustandes des Menschen in permanenter potenzieller wechselseitiger Bedrohung im Sinne eines Krieges aller gegen alle – „beständige Furcht und Gefahr eines gewaltsamen Todes – das menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ (Hobbes 1984, S. 96). Zur Überwindung dieses Unsicherheitszustandes und aus dem Bedürfnis nach Sicherheit legitimiert sich der Staat, welcher unter der Voraussetzung der unterwerfenden Anerkennung als Souveränitätsmacht durch die Vertragsbeteiligten, diesen wiederum Sicherheit gewährleistet. Verwoben mit dieser vertikalen Machtebene geht Hobbes auf der horizontalen Ebene von einer permanenten und de facto lebenslangen Konkurrenzsituation der Menschen um Güter aus, zu denen ausdrücklich auch Macht zählt. Das Denken von Macht als erstrebenswertem Gut geht folglich mit dem Denken von Macht als Besitz einher, das dem „Gebot der Selbsterhaltung“ (Chwaszcza 2001, S. 219) folgt.

„Die Macht eines Menschen besteht, allgemein genommen, in seinen gegenwärtigen Mitteln zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts und ist entweder ursprünglich oder zweckdienlich. Natürliche Macht ist das Herausragen der körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, wie außerordentliche Stärke, Schönheit, Klugheit, Geschicklichkeit, Beredsamkeit, Freigiebigkeit und Vornehmheit. Zweckdienlich ist die Macht, die durch natürliche Macht oder durch Zufall erlangt wird und als Mittel oder Instrument zum Erwerb von mehr Macht dient, wie Reichtum, Ansehen, Freunde und das verborgene Wirken Gottes, das man gewöhnlich Glück nennt“ (Hobbes 1984, S. 66).

Gewissermaßen als anthropologische Konstante beschreibt Hobbes die menschliche Natur nicht nur als nach Machtbesitz strebend, vielmehr unterstellt er dem Menschen einen Machttrieb, der auf „Mehr-Macht-haben-Wollen“ (Anter 2017, S. 29) ausgerichtet ist.

„So halte ich an erster Stelle ein fortwährendes und rastloses Verlangen nach immer neuer Macht für einen allgemeinen Trieb der gesamten Menschheit, der nur mit dem Tode endet“ (Hobbes 1984, S. 75).

2.3 Friedrich Nietzsche

Das „schillernde“ (Niemeyer 2013, S. 176) Werk Friedrich Nietzsches (1844–1900) ist insbesondere hinsichtlich seines Facettenreichtums als auch bezüglich einer schwierigen Rezeptionsgeschichte schwer auf ein klares Machtverständnis zu verdichten. Gleichzeitig gilt Nietzsche als einer der zentralen Machtdenker mit großem Einflusspotenzial, etwa auf Michel Foucault (Balke 2008, S. 172 ff.). Macht wird von Nietzsche nicht im Singular theoretisiert, stattdessen analysiert er Macht „wie das Lebendige selbst, in seinen vielfältigen Ausgestaltungen und Verwirklichungsformen“ (Caysa 2012, S. 235) in pluralem Sinne. Dieses dynamische Verständnis von Machtformen geht bei Nietzsche eng mit dem Hinterfragen von kulturellen Selbstverständlichkeiten im Sinne von vorherrschenden Wahrheiten einher, um die es stetige Deutungskämpfe gibt. Macht ist also eng mit Wahrheit sowie der Konfrontation mit Widerständen verbunden.

„Der Wille zur Wahrheit bedarf einer Kritik – bestimmen wir hiermit unsre eigene Aufgabe –, der Wert der Wahrheit ist versuchsweise einmal in Frage zu stellen […]“ (Nietzsche KSA 5, S. 401).

„Was ist Glück? – Das Gefühl davon, daß die Macht wächst, – daß ein Widerstand überwunden wird“ (Nietzsche KSA 6, S. 170).

Indem Nietzsche insbesondere in Jenseits von Gut und Böse (1886) und Zur Genealogie der Moral (1887) das historische Gewordensein von konkreten, vermeintlichen Selbstverständlichkeiten wie Moral, Gefühle, Strafe oder den Leib thematisiert, etabliert er mit dieser Perspektiveinnahme eine Form von Machtanalytik als Genealogie (Foucault 2002, S. 166–191).

2.4 Max Weber

Die meistzitierte Machtdefinition in den deutschsprachigen Sozialwissenschaften formulierte Max Weber (1864–1920) im posthum erschienenen Werk Wirtschaft und Gesellschaft (1922). Webers Machtbegriff ist einerseits – wie er selbst formuliert – „soziologisch amorph“ (Weber 1985, S. 28), andererseits lässt sich seine Definition auf vier zentrale Ebenen verdichten.

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber 1985, S. 28).

  • „Chance“, verweist auf den situativen, kontextbezogenen Möglichkeitshorizont von Macht. Macht birgt also Potenzialität.
  • „soziale Beziehung“ verweist auf den personalen Charakter. Macht ist also eingebettet in die Konkretheiten sozialer Beziehungen.
  • „eigener Wille“ verweist auf den Entscheidungscharakter, der mit einem Durchsetzungsbestreben assoziiert ist.
  • „Widerstreben“ verweist auf das Nicht-gebunden-Sein an Zustimmung. Widerstreben muss dabei keine integrale Komponente der Machtbeziehung sein, sondern ist eine Möglichkeitsform, die beispielsweise auch antizipiert werden kann. (Anter 2017, S. 55–59; Brodocz 2013, S. 10 f.; Sagebiel und Pankofer 2015, S. 27 ff.)

Macht wird von Weber nicht als Besitz verstanden, vielmehr wird sie handlungsbezogen innerhalb einer sozialen Beziehung gedacht. Dementsprechend zeugt Macht – zumindest temporär – von einer „Asymmetrie(Anter 2017, S. 58) der konkreten sozialen Beziehung.

Als besondere Form von Macht definiert Weber Herrschaft als „die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“ (Weber 1985, S. 28).

Hierbei unterscheidet er drei Typen legitimer Herrschaft, nämlich Herrschaft:

„1. rationalen Charakters: auf dem Glauben an die Legalität gesatzter Ordnungen und des Anweisungsrechts der durch sie zur Ausübung der Herrschaft Berufenen ruhen (legale Herrschaft), – oder

2. traditionalen Charakters: auf dem Alltagsglauben an die Heiligkeit von jeher geltender Traditionen und die Legitimität der durch sie zur Ausübung Berufenen ruhen (traditionale Herrschaft), – oder endlich

3. charismatischen Charakters: auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person oder der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnungen ruhen (charismatische Herrschaft)“ (Weber 1985, S. 124).

Im Vergleich zu Macht ist Herrschaft nicht an persönliche Beziehungen gebunden. Vielmehr ist Herrschaft unmittelbar durch die Kopplung an die Dyade Befehl-Gehorsam transpersonal weitreichender (z.B. durch Institutionalisierung oder Verwaltung) zu verstehen.

2.5 Hannah Arendt

Macht stellt für das Denken der politischen Theoretikerin, Philosophin und Publizistin Hannah Arendt (1906–1975) eine Kernkategorie dar, welches sie insbesondere in ihren drei Hauptwerken The Origins of Totalitarianism (1951, dt. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft), The Human Condition (1958, dt. Vita activa oder Vom tätigen Leben) sowie On Violence (1970, dt. Macht und Gewalt) theoretisierte.

Hannah Arendt vertritt ein positiv konnotiertes Machtverständnis, welches sie wie folgt definiert:

„Macht entspringt der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur solange existent, als die Gruppe zusammenhält“ (Arendt 2000, S. 45).

Macht ist für sie demnach ein „Beziehungsbegriff“ (Schulze-Wessel 2013, S. 44) der „Handlungsvermögen“ (Grossmann 2008, S. 50) unterstreicht.

Im Vergleich zu anderen Machtkonzepten stellt Gewalt keinen Sonderfall von Macht dar, vielmehr denkt sie Gewalt als einen klaren Gegenpol zur Macht. „Macht und Gewalt sind Gegensätze: wo die eine absolut herrscht, ist die andere nicht vorhanden“ (Arendt 2000, S. 57). Gewalt impliziert demnach Machtlosigkeit beziehungsweise Machtverlust, denn „[n]ackte Gewalt tritt auf, wo Macht verloren ist“ (Arendt 2000, S. 55).

2.6 Michel Foucault

Das umfangreiche Werk des französischen Denkers Michel Foucaults (1926–1984) wird von der Achsentrias Wissen-Macht-Subjekt durchzogen. Da die Achsen miteinander korrelieren, wird Macht von Foucault stets in unmittelbarem Zusammenhang mit Wissen und Fragen der Subjektkonstitution gedacht (Paulick 2018, S. 21 f.). In seinen historischen Studien formuliert Foucault keine Theorie der Macht, vielmehr betreibt er Varianten von Machtanalytiken, die nach dem Wie von Macht fragen (Gnerlich 2013, S. 163). Da Foucault sich auf keine konstante Machtdefinition festlegt, lassen sich seine Machtanalytiken über folgende Fragestellungen/Perspektiveinnahmen differenzieren.

  • Wie wird Wahrheit manifestiert?
  • Wie wird Wissen anerkannt?
  • Wie werden Subjekte generiert?
  • Wie werden Bevölkerungen, Subjekte und einzelne Verhaltensweisen regiert?
  • Wie werden Ordnungen des Wissens, der Sprache und von Diskursen formiert?
  • Wie organisieren sich gesellschaftliche Reaktionen auf Abweichung (etwa Wahnsinn, Krankheit, Verbrechen, Sexualität)?
  • Wie werden Identitäten hergestellt?
  • Wie wird der Körper von Machtmechanismen durchzogen?
  • Wie verschleiern sich Machtmechanismen?
  • Wie formieren sich Moral und Ethik?
  • Wie ist Kritik und Widerstand gegen Macht denkbar?

Während Foucault verschiedene Machtformen wie Bio-Macht (Foucault 1977), Disziplinarmacht (Foucault 1976), juridische Macht (Foucault 1999), Gouvernementalität (Foucault 2004) oder Normalisierungsmacht (Foucault 2003, 2005) historisch zu rekonstruieren versucht, definiert er Machtbeziehungen allgemein als:

„ein Ensemble aus Handlungen, die sich auf mögliches Handeln richten, [… Macht] operiert in einem Feld von Möglichkeiten für das Verhalten handelnder Subjekte. Sie bietet Anreize, verleitet, verführt, erleichtert oder erschwert, sie erweitert Handlungsmöglichkeiten oder schränkt sie ein, sie erhöht oder senkt die Wahrscheinlichkeit von Handlungen, und im Grenzfall erzwingt oder verhindert sie Handlungen, aber stets richtet sie sich auf handelnde Subjekte, insofern sie handeln oder handeln können. Sie ist auf Handeln gerichtetes Handeln“ (Foucault 2002, S. 286).

Macht stellt demnach keinen Besitz dar, sondern ist mit einem produktiven Ausübungscharakter versehen. Gleichzeitig wird Macht von Foucault als unmittelbar mit Widerstand verbunden gedacht. „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht. […] Wie das Netz der Machtbeziehungen ein dichtes Gewebe bildet, das die Apparate und Institutionen durchzieht, ohne an sie gebunden zu sein, so streut sich die Aussaat der Widerstandspunkte quer durch die gesellschaftlichen Schichtungen und die individuellen Einheiten“ (Foucault 1977, S. 96 f.). Hierin liegt auch eine begriffliche Abgrenzung zu Herrschaftszuständen. Während Machtbeziehungen als „strategische […] Spiele zwischen Freiheiten“ (Foucault 2002, S. 900) der Verhaltensbeeinflussung gedacht werden, definiert Foucault Herrschaftszustände als geronnene, verkrustete Machtstrukturen.

„Wenn es einem Individuum oder einer gesellschaftlichen Gruppe gelingt, ein Feld von Machtbeziehungen zu blockieren, sie unbeweglich und starr zu machen und jede Umkehrung der Bewegung zu verhindern – durch den Einsatz von Instrumenten, die sowohl ökonomischer, politischer oder militärischer Natur sein mögen –, dann steht man vor etwas, das man als Herrschaftszustand bezeichnen kann“ (Foucault 2002, S. 878).

3 Macht und Soziale Arbeit

Soziale Arbeit als Disziplin und Profession ist per se durchmachtet und untrennbar mit Macht assoziert. Einerseits ist Soziale Arbeit als Disziplin in Wahrheitsspiele um Deutungshoheiten von Sozialen Realitäten und Wissensordnungen mit Wissenschaften wie Psychologie, Medizin, Soziologie oder Justiz in konkurrierende Kräftespiele involviert. Andererseits ist Soziale Arbeit als Praxis in permanente soziale Interaktionen eingebunden, die von Einflussnahmen auf Denk- und Verhaltenswahrscheinlichkeiten getragen werden, also Machtbeziehungen darstellen.

Gleichzeitig wird Macht sowohl in Theorie als auch in Praxis nicht automatisch als ausdrückliches Themenfeld Sozialer Arbeit behandelt (Engelke et al. 2009, S. 50; Sagebiel und Pankofer 2015, S. 13).

Machtbewusste Auseinandersetzungen mit Sozialer Arbeit finden sich exemplarisch bei Juliane Sagebiel; Sabine Pankofer sowie Johannes Herwig-Lempp:

Juliane Sagebiel und Sabine Pankofer (2015, S. 165) bieten auf der Grundlage klassischer Machttheorien vier Reflexionsebenen von Macht im Kontext Sozialer Arbeit an:

  • Subjektebene (Emotionen, Kognitionen, Handlungen)
  • Interaktionsebene (Kommunikation, Konflikte, Bündnisse)
  • Institutionelle Ebene (Position und Struktur)
  • Gesellschaftliche Ebene (rechtlich, kulturell, religiös, politisch-sozial, ökonomisch).

Unter Macht verstehen sie dabei „ein Kräfteverhältnis und das Ergebnis von sozialen Beziehungen, das sich in sozialen Systemen über die Interaktionen von Individuen widerspiegelt. Machtbeziehungen zeichnen sich durch eine Positions- und Interaktionsstruktur aus, in der diejenigen, die über Ressourcen, Fähigkeiten und Symbole verfügen, ein Oben, und diejenigen, die über weniger Ressourcen verfügen, ein Unten bilden“ (Sagebiel 2017, S. 566). Die Autorinnen akzentuieren den Beziehungscharakter von Macht, der in Positionierungen von AkteurInnen im Sozialen Raum eingebettet gedacht wird.

Johannes Herwig-Lempp fokussiert die unmittelbare soziale Interaktion Sozialer Arbeit und plädiert für ein selbstbewusstes Machtverständnis von SozialarbeiterInnen. Dabei hebt er insbesondere den Ermöglichungshorizont im Sinne von NutzerInnenbefähigung hervor.

„SozialarbeiterInnen verfügen über erhebliche Macht. Denn wenn wir Macht als das Vermögen betrachten, das Mögliche wirklich werden zu lassen, dann verfügen SozialarbeiterInnen ganz zweifellos über Macht – auch wenn sie das selbst zunächst nicht so wahrnehmen. […]

Sie haben zudem gelernt,

  • viele verschiedene Beteiligte und Perspektiven einzubeziehen, wahrzunehmen und auszuhalten,
  • mit Nähe und Distanz zu spielen,
  • sich vorzustellen, dass Veränderung möglich ist,
  • mit unterschiedlichen Haltungen zu experimentieren,
  • viele schwierige und folgenreiche Entscheidungen zu treffen – in einer Häufigkeit und Intensität sowie mit einer Tragweite, wie sie jedem Manager zur Ehre gereichen würde,
  • ihr Handeln zu reflektieren und zu ändern“ (Herwig-Lempp 2007, S. 38).

Folglich kann festgehalten werden, dass Macht trotz bzw. gerade aufgrund ihres amorphen Charakters sowie ihrer Tendenz, sich selbst zu verschleiern, ein Kernelement Sozialer Arbeit darstellt.

4 Quellenangaben

Anter, Andreas, 2017. Theorien der Macht zur Einführung. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Hamburg: Junius Verlag. ISBN 978-3-88506-062-8 [Rezension bei socialnet]

Arendt, Hannah, 2007. Vita activa oder Vom tätigen Leben. 6. Auflage. München: Piper Verlag. ISBN 978-3-492-23623-2

Arendt, Hannah, 2000. Macht und Gewalt. 14. Auflage. München: Piper Verlag. ISBN 978-3-492-20001-1

Arendt, Hannah, 1991. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. München: Piper Verlag. ISBN 978-3-492-11032-7

Balke, Friedrich, 2008. III. Kontexte. - 1. Referenzautoren. 1.3 Friedrich Nietzsche. In: Clemens Kammler, Rolf Parr und Ulrich Johannes Schneider, Hrsg. Foucault-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart/Weimar: Metzler, S. 172–176. ISBN 978-3-476-02559-3

Brodocz, André, 2013. Max Webers Spiegelkabinett der Macht. In: André Brodocz und Stefanie Hammer, Hrsg. Variationen der Macht. Baden-Baden: Nomos, S. 9–21. ISBN 978-3-8329-7006-2

Cayser, Volker, 2011. Macht. In: Christian Niemeyer, Hrsg. Nietzsche-Lexikon. 2., durchgesehene u. erweiterte Auflage. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. ISBN 978-3-534-24028-9

Chwaszcza, Christine, 2001. Thomas Hobbes. In: Hans Maier und Horst Denzer, Hrsg. Klassiker des politischen Denkens. Von Plato bis Thomas Hobbes. Band 1. München: C.H. Beck. ISBN 978-3-406-42161-7

Engelke, Ernst, Stefan Borrmann und Christian Spatscheck, 2009. Theorien der Sozialen Arbeit. Eine Einführung.5., überarbeitete und erweiterte Auflage. Freiburg: Lambertus Verlag. ISBN 978-3-7841-2122-2

Faber, Karl-Georg, Karl-Heinz Ilting und Christian Meier,1982. Macht, Gewalt, In: Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck, Hrsg. Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band. 3. Stuttgart: Klett Cotta, S. 817–935. ISBN 978-3-12-903870-3

Foucault, Michel, 1976. Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-38771-9

Foucault, Michel, 1977. Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-07470-1

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Foucault, Michel, 2002. Nietzsche, die Genealogie, die Historie. In: Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band II, 1970–1975. Hrsg. von Daniel Defert und Francois Ewald unter Mitarbeit von Jaques Lagrange. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag. Bd. 2, S. 166–191. ISBN 978-3-518-58353-1

Foucault, Michel, 2003. Die Anormalen. Vorlesungen am Collége de France (1974–75). Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-58323-4

Foucault, Michel, 2004. Geschichte der Gouvernementalität. Bd. I: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Vorlesung am Collège de France 1977–1978. Frankfurt/M.: SuhrkampVerlag. ISBN 978-3-518-58392-0

Foucault, Michel, 2005. Die Macht der Psychiatrie. Vorlesung am Collége de France (1973/74). Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2005. ISBN 978-3-518-29752-0

Gerhardt, Volker, 1996. Vom Willen zur Macht: Anthropologie und Metaphysik der Macht am exemplarischen Fall Friedrich Nietzsches. Berlin/New York: Walter de Gruyter. ISBN 978-3-11-012801-7

Gnerlich, Marlen, 2013. Grammatik der Macht. Funktionslogische Implikationen der Machtkonzeptionen Bourdieus und Foucaults. In: André Brodocz und Stefanie Hammer, Hrsg. Variationen der Macht. Baden-Baden: Nomos, S. 163–180. ISBN 978-3-8329-7006-2

Grossmann, Andreas, 2008. Macht als Urphänomen des Politischen. Überlegungen im Anschluss an Hannah Arendt. In: Ralf Krause und Marc Rölli, Hrsg. Macht. Begriff und Wirkung in der politischen Philosophie. Bielefeld: transcript, S. 49–62. ISBN 978-3-89942-848-3 [Rezension bei socialnet]

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Hobbes, Thomas, 1984. Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Herausgegeben von Iring Fetscher. Übers. von Walter Euchner. Frankfurt am Main. ISBN 978-3-518-28062-1

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Niemeyer, Christian, 2013. Nietzsche. Werk und Wirkung eines freien Geistes. Darmstadt: Lambert Schneider. ISBN 978-3-650-25471-9

Nietzsche, Friedrich, 1999. Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral. In: Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden (KSA) Bd. 5. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Neuausgabe. München: DTV. ISBN 978-3-423-30155-8

Nietzsche, Friedrich, 1999. Der Fall Wagner, Götzen-Dämmerung, Der Antichrist/Ecce homo, Dionysos-Dithyramben/Nietzsche contra Wagner. In: Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden (KSA) Bd. 6. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Neuausgabe. München: DTV. ISBN 978-3-423-30156-5

Münkler, Herfried, 2017. Niccolò Machiavelli. Il Principe / Der Fürst.. In: Anne Eusterschulte, Hrsg. Kindler Kompakt: Philosophie der Neuzeit. Stuttgart: J. B. Metzler. ISBN 978-3-476-04346-7

Paulick, Christian, 2018. Eine Spurensuche anormaler Identität im Werk Michel Foucaults. Weinheim: Beltz Verlag. ISBN 978-3-7799-1326-9

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Sagebiel, Juliane und Sabine Pankofer, 2015. Soziale Arbeit und Machttheorien. Reflexionen und Handlungsansätze. Freiburg: Lambertus Verlag. ISBN 978-3-7841-2616-6 [Rezension bei socialnet]

Schulze-Wessel, Julia, 2013. Über die zwei Seiten der Macht. Zum Machtbegriff Hannah Arendts. In: André Brodocz und Stefanie Hammer, Hrsg. Variationen der Macht, Baden-Baden, Nomos Verlag, S. 41–56. ISBN 978-3-8329-7006-2

Weber, Max, 1985. Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriss der verstehenden Soziologie. 5. Auflage. Herausgegeben von Johannes Winkelmann. Tübingen: Mohr Verlag. ISBN 978-3-16-538521-2

5 Literaturhinweise

Anter, Andreas, 2017. Theorien der Macht zur Einführung. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Hamburg: Junius Verlag. ISBN 978-3-88506-062-8 [Rezension bei socialnet]

Han, Byung-Chul, 2005. Was ist Macht? Stuttgart: Reclam Verlag. ISBN 978-3-15-018356-4

Sagebiel, Juliane und Sabine Pankofer, 2015. Soziale Arbeit und Machttheorien. Reflexionen und Handlungsansätze. Freiburg: Lambertus Verlag. ISBN 978-3-7841-2616-6 [Rezension bei socialnet]

Autor
Prof. Dr. Christian Paulick
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Es gibt 1 Lexikonartikel von Christian Paulick.


Zitiervorschlag
Paulick, Christian, 2018. Macht [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 17.09.2018 [Zugriff am: 17.10.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Macht

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Autor

Prof. Dr. Christian Paulick
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veröffentlicht am 17.09.2018

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