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Mädchenarbeit

Mädchenarbeit, d.h. die Soziale Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen, ist eine Querschnittsaufgabe, weit über das Feld der Jugendhilfe hinaus (vgl. Daigler et al. 2003). Dies bedeutet, dass sie weder auf ein Handlungsfeld noch auf geschlechtshomogene Räume (Mädchentreffs, Mädchenwohngruppen, Mädchenschutzhäuser etc.) begrenzt ist. Sie findet sowohl in koedukativen wie auch in geschlechtshomogenen Räumen statt. Ziele sind die Förderung der Selbstbestimmung von Mädchen und jungen Frauen und die Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten, unabhängig von gesellschaftlichen Zuschreibungsprozessen. Mädchenarbeit bezieht sich auf Benachteiligungen, die entlang der Kategorie Geschlecht vollzogen werden. Ausgangspunkt ist, dass Geschlecht nach wie vor ein wesentlicher Platzanweiser ist, der unter der Decke der angeblichen Gleichberechtigung wirkungsvoll als Strukturgeber arbeitet.

Überblick

  1. 1 Entstehungsgeschichte
  2. 2 Der doppelte und genaue Blick
  3. 3 Mädchenpolitik, Netzwerke und Praxisbeispiele
  4. 4 Neuere Diskurse
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Informationen im Internet

1 Entstehungsgeschichte

Mädchenarbeit hat eine lange Tradition. Sie geht zurück auf die Anfänge der Sozialen Arbeit in Deutschland, als insbesondere für Mädchen und junge Frauen in Armut und Notlagen Unterstützungsleistungen wie Gesundheitsversorgung, Hygienemaßnahmen insbesondere für Schwangere geschaffen wurden. Damit einher ging das Eintreten für Bildungschancen für Arbeitermädchen. Fürsorge war stets mit Frauenpolitik, dem Insistieren auf die Verbesserung von Lebensbedingungen für Mädchen und junge Frauen und damit mit der Gerechtigkeitsfrage verbunden. Ab Ende der 1970er Jahre entwickelte sich eine feministische Mädchenarbeit und eine Mädchenarbeitsbewegung als sogenannte kleine Schwester der zweiten deutschen Frauenbewegung (vgl. Savier und Wildt 1978). In diesem Zuge wurde das Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen und die damit einhergehende Betroffenheit öffentlich gemacht und Schutzeinrichtungen für Mädchen und Frauen geschaffen (Autonome Frauenhäuser, Mädchenschutzeinrichtungen, Beratungsstellen gegen sexuellen Missbrauch etc.). In der offenen Jugendarbeit wurden Mädchencafés, Mädchentage und Mädchengruppen installiert, um dem Sachverhalt „Jugendarbeit ist Jungenarbeit“ entgegen zu treten. Auch in den Hilfen zur Erziehung konnte empirisch belegt werden, dass Hilfen ungleich gewährt werden und primär auf („männliche“) Auffälligkeit bzw. „Störungen“ reagiert wird. Nach 1990 wurden auch in den neuen Bundesländern vielfältige Formen feministischer Mädchenarbeit entwickelt (vgl. Daigler 2008). Als Pendant entwickelten sich bundesweit etwas zeitversetzt Ansätze der Jungenarbeit sowie pädagogische Ansätze des sogenannten „Cross Work“ (Überkreuzpädagogik).

2 Der doppelte und genaue Blick

Soziale Arbeit mit Mädchen und Frauen nimmt in verschiedener Weise einen doppelten, dialektischen Blick ein: Sie setzt sowohl am Individuum wie auch an Strukturen an. Sie tritt für mädchen- und frauenspezifische Räume ein und wehrt sich gleichzeitig dagegen, darauf reduziert zu werden. Soziale Arbeit mit Mädchen und Frauen nimmt die Heterogenität und Vielfalt innerhalb der Kategorie Geschlecht in den Blick („Mädchen ist nicht gleich Mädchen“), arbeitet an der Auflösung, der De-Konstruktion der Kategorie Gender/Geschlecht und hat schon immer auf die Bedeutung der (biografischen) Verknüpfung verschiedener Differenzkategorien (race, class und gender etc.) im Sinne einer intersektionalen Analyse hingewiesen. Mädchenarbeit analysiert in welcher Weise Deutungsmuster und Klischees in Strukturen Sozialer Arbeit wirkmächtig sind und wie dadurch insbesondere für Mädchen und junge Frauen in benachteiligten Lebenslagen Phänomene der „doppelten Benachteiligung“ (bereits Birtsch et al. 1991) durch die Profession der Sozialen Arbeit selbst entstehen.

Mädchen und junge Frauen wollen nicht benachteiligt sein und auch nicht als solches gelten. Sie möchten vor allem dazugehören, „normal“ und gleichberechtigt sein und sehen sich größtenteils auch als solches an. Zweifellos bestehen heute eine größere Pluralität von Lebensformen und Geschlechteridentitäten sowie eine größere Anerkennung von Rechten von Mädchen und Frauen. In den neoliberalen Devisen der „starken Mädchen“ bzw. „Top Girls“ (Mc Robbie 2016) und des „Alles ist möglich, du musst es nur tun und wagen“ bedeutet ein Nicht-Gelingen, an Grenzen kommen individuelles Scheitern, das auf eigenes Verschulden zurückgeht. Begrenzungserfahrungen müssen tabuisiert werden. Mädchen und junge Frauen vollbringen spezifische „Sonderleistungen“, die darin bestehen, mit widersprüchlichen Anforderungen klar zu kommen. Diese Leistungen werden gesellschaftlich nicht sichtbar, nicht anerkannt. Auch für Mädchen und jungen Frauen selbst ist diese Leistung meist nicht erkennbar. Heide Funk spricht von einem kollektiven Realitätsverlust (Funk et al. 1993). So lässt sich sagen, dass Benachteiligungen hinter der Propagierung der individuellen Chancen verdeckter und damit auch subjektiv weniger deutlich wahrnehmbar sind. Dies erfordert die Qualifikation des genauen Blicks, der in der Lage ist Verdeckungen als solche zu erkennen und nicht nur der „Vorderbühne“ Glauben zu schenken.

3 Mädchenpolitik, Netzwerke und Praxisbeispiele

Mädchenarbeit ist vom Verständnis immer auch Mädchenpolitik. Ab den 1990er Jahren wurden bundesweit Mädchenarbeitskreise, Landesarbeitsgemeinschaften und die Bundesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik gegründet (vgl. BAG Mädchenpolitik 2015). Mädchenpolitische Arbeit agiert für Mädchen und mit Mädchen. Mädchenarbeiterinnen werden für Mädchen aktiv und erheben ihre Stimme für die Interessen und Belange von Mädchen in gesellschaftlichen und politischen Räume, zu denen Mädchen selbst keinen oder nur beschränkten Zugang haben. Auf institutionalisierter Ebene zählen dazu jugendpolitische Gremien- und Lobbyarbeit, die Mitwirkung an Planungs- und Steuerungsinstrumenten wie der Jugendhilfeplanung, die Verankerung von Qualitätsstandards. Um für Mädchen aktiv werden zu können, ist es notwendig im Kontakt mit Mädchen unmittelbar von deren Lebenssituationen, Bedürfnissen und Interessen zu erfahren und diese Informationen so zu „übersetzen“, dass sie in die gesellschaftlich-politische Diskurse eingebracht werden können (vgl. Sammet 2012). Im pädagogischen Kontakt sind vermeintliche Normalitäten in Frage zu stellen, Stereotype aufzubrechen, Alternativen und Räume für neue Erfahrungen zu schaffen. Die politische Dimension liegt insbesondere darin, „Normalitäten“ radikal infrage zu stellen. Sie setzt eine große Offenheit und die permanente (Selbst-)Reflexion der eigenen Stereotype und Normalitätskonstruktionen voraus. Als Praxisbeispiele werden exemplarisch fünf Rahmungen benannt, um die Breite dieser Arbeit aufzuzeigen:

Darüber hinaus Angebote für Jugendliche:

4 Neuere Diskurse

Die sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung, auf die sich Mädchenarbeit stets mit abstützt, hat sich ausgehend von der Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit zunehmend mit Diversität, Vielfalt der Geschlechter, (Körper)Identitäten (Queer, Transgender, LSBTTIQ etc.) und Heteronormativität auseinandergesetzt. Aus diesem Diskurs haben sich für die Theorie und Praxis der Mädchenarbeit und der Genderpädagogik wichtige Impulse ergeben (vgl. u.a. Busche et al. 2010, Staudenmeyer et al. 2016). Damit einher geht jedoch gleichzeitig, dass der Benachteiligungsdiskurs weitgehend auf diese Identitätspolitiken begrenzt wird. Sehr elaborierte Theorien zur Konstruktion von Geschlechteridentitäten stehen den „Niederungen“ der Praxis, ja zum Teil auch dem Verschwinden von Orten der Mädchenarbeit, gegenüber. In der Praxis der Mädchenarbeit und in Studien insbesondere zur Jugendberufshilfe konnte festgestellt werden, dass sich junge Frauen wie auch junge Männer gerade in erschwerten sozialen Lebenslagen verstärkt an traditionelle Geschlechterrollen(-konzepte) rückbinden, um Sicherheit, Orientierung und Halt zu finden. Sabine Henniger und Susanne Alex erläutern aus ihrer Arbeit mit jungen Wohnungslosen:

„Wir beobachten, dass sich junge Frauen ohne berufliche Perspektive in ungesicherten Lebensverhältnissen verstärkt an traditionellen Familienbildern orientieren: außer dem Wunsch nach Familie möchten sie sozial anerkannt sein. Mit einem Kind können sie ‚legitim‘ ohne Arbeit leben. Sie entgehen dem Druck der JobCenter und erhalten relativ rasch eine Wohnung. Sie versuchen alleinerziehend oder in häufig problematischen Paarbeziehungen ihrer neuen Aufgabe mehr oder weniger gerecht zu werden“
(Henniger und Alex 2013, S. 28).

Traditionelle Geschlechterkonzepte gewinnen also gerade dann an Attraktivität, wenn Mädchen und Jungen Erfahrungen der verwehrten Teilhabe machen.

Mädchenarbeit und Soziale Arbeit insgesamt hat es damit nach wie vor mit der Gleichzeitigkeit von vermeintlich Ungleichzeitigem zu tun: der Unterstützung der Vielfalt der Geschlechter, des Erkennens und Verstehens geschlechtsspezifisch ausgeformter Bewältigungsweisen von Mädchen und Jungen und diesbezüglicher „Aufdeckungsarbeit“. Als Konsequenz daraus muss eine Fachlichkeit vorhanden sein, der ein Verständnis von verdeckten Benachteiligungsstrukturen in Lebenssituationen von Mädchen und jungen Frauen sowie jungen Männern inhärent ist und die im Rahmen von Planungsprozessen für geschlechtergerechte Strukturen Sorge trägt.

5 Quellenangaben

BAG Mädchenpolitik, 2015. 15 Jahre BAG Mädchenpolitik! Positionen und Perspektiven feministisch-orientierter Mädchenarbeit. Schriftenreihe zur Mädchenarbeit und Mädchenpolitik 15/2015. Berlin. ISSN 18689655.

Birtsch, Vera, 1991. Doppelt benachteiligt: Sozialisation von Mädchen in Familie und Heim. In: Vera Birtsch, Luise Hartwig und Burglinde Retza, Hrsg. Mädchenwelten – Mädchenpädagogik. Frankfurt a. M.: IGFH-Eigenverlag. S. 15-34. ISBN 978-3-9251462-7-5

Busche, Mart, Laura Maikowski, Ines Pohlkamp und Ellen Wesemüller, Hrsg., 2010. Feministische Mädchenarbeit weiterdenken: zur Aktualität einer bildungspolitischen Praxis. Bielefeld: Transcript. ISBN 978-3-8376-1383-4 [Rezension bei socialnet]

Daigler, Claudia, 2017. „Ich bin doch nicht benachteiligt!?“ Mädchen und junge Frauen als Adressatinnen von Jugendsozialarbeit. In: BAG Ev. Jugendsozialarbeit Hrsg. Dringend! Zwingend! Notwendig! Mädchensozialarbeit braucht Stärkung. Themenheft 1/2017. Stuttgart. S. 8-13

Daigler, Claudia, 2008. Biografie und sozialpädagogische Profession. Eine Studie zur Entwicklung beruflicher Selbstverständnisse am Beispiel der Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen. Weinheim und München: Juventa. ISBN 978-3-7799-1225-5 [Rezension bei socialnet]

Daigler, Claudia, Elisabeth Yupanqui-Werner, Sylvia Beck und Bea Dörr, 2003. Gleichstellungsorientierte Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen – eine bundesweite Bestandsanalyse. Opladen: Leske+Budrich. ISBN 978-3-8100-3765-7 [Rezension bei socialnet]

Funk, Heide, Elisabeth Schmutz und Barbara Stauber, 1993. Gegen den alltäglichen Realitätsverlust. Sozialpädagogische Frauenforschung als aktivierende Praxis. In: Thomas Rauschenbach, Friedrich Ortmann und Maria-Eleonora Karsten, Hrsg. Der Sozialpädagogische Blick. Weinheim und München: Juventa Verlag, S. 155-174. ISBN 978-3-7799-0855-5

Henniger, Sabine und Susanne Alex, 2013. Junge Wohnungslose zwischen den Hilfesystemen – Erfahrungen aus einer Beratungsstelle. In: Forum Erziehungshilfen. 19(1), S. 26-30. ISSN 1438-5295

McRobbie, Angela, 2016. Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. 2. Auflage. Wiesbaden: SpringerVS. ISBN 978-3-658-14827-0

Sammet, Ulrike, 2012. Mädchenpolitik [online]. Stuttgart: LAG Mädchenpolitik Baden-Württemberg e.V. [Zugriff am 29.12.17]. Verfügbar unter http://www.gender-bw.de/fachpositionen/maedchenpolitik.html.

Savier, Monika und Carola Wildt, 1978. Mädchen zwischen Anpassung und Widerstand. Neue Ansätze zur feministischen Jugendarbeit. München. Verlag Frauenoffensive. ISBN 978-3-88104-046-4

Staudenmeyer, Bettina, Gerrit Kaschuba, Monika Barz und Maria Bitzan, 2016. „Ein Glücksgefühl, so angesprochen zu werden, wie ich bin“ [online]. Vielfalt von Geschlecht und sexueller Orientierung in der Jugendarbeit in Baden-Württemberg. Landesweite Studie zu den Angeboten für lesbische, schwule, bisexuelle, trans-gender, transsexuelle, intergeschlechtliche und queere Jugendlichen und Empfehlungen für die LSBTTIQ-Jugendarbeit. Stuttgart: Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg [Zugriff am: 17.01.2018]. PDF e-Book. Verfügbar unter: https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/service/publikation/did/vielfalt-von-geschlecht-und-sexueller-orientierung-in-der-jugendarbeit-in-baden-wuerttemberg-eine-st/

6 Informationen im Internet

Autorin
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professorin für Integrationshilfen und Übergänge in Ausbildung und Arbeit an der Hochschule Esslingen
Website
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Es gibt 1 Lexikonartikel von Claudia Daigler.


Zitiervorschlag
Daigler, Claudia, 2018. Mädchenarbeit [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 22.01.2018 [Zugriff am: 11.12.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Maedchenarbeit

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Autorin

Prof. Dr. Claudia Daigler
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veröffentlicht am 22.01.2018

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