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Männlichkeit

Prof. Dr. Christian Paulick, Dr. Sven Werner

veröffentlicht am 30.12.2021

Weitere Schreibweise: Männlichkeit*

Männlichkeit* bezeichnet als soziale Kategorie die geschlechterrollenspezifizierende Eigenschaftszuschreibung von Jungen*, jungen Männern* und Männern* oder allgemeiner ausgedrückt von Personen mit als männlich gelesenem Gender.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Einführung
  3. 3 Traditionelle Männlichkeit und Heteronormativität
  4. 4 Wandlungsprozesse
  5. 5 Einschlägige theoretische Konzeptualisierungen
    1. 5.1 Männliche Herrschaft
    2. 5.2 Hegemoniale Männlichkeit
    3. 5.3 Bewältigungstheoretischer Zugang
  6. 6 Entwicklungslinien postmoderner Männlichkeit
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Männlichkeiten* als „[g]eschlechtsbezogene Konfigurationspraktiken“ des Sozialen (Connell 2015, S. 125) beziehen sich als gesellschaftliche Konstruktionen auf die jeweiligen, sich transformierenden Gender-Systeme (Hammerschmidt, Sagebiel und Stecklina 2021, S. 9). Demgegenüber bezeichnet Mann*-Sein (wie auch Junge*-Sein) als subjektive Kategorie das „leib-seelische Empfinden sowie die damit zusammenhängenden Ausdrucksformen im Ganzen der personalen Lebenswelt von Jungen und Männern“ (Böhnisch 2020, S. 45).

2 Einführung

Männlichkeit* verstanden als soziale Kategorie definiert zunächst eine Zuschreibung und Subjektivierungsform wie bspw. auch Lebensalter oder soziale Position. Auf das tatsächliche Vorhandensein der jeweiligen kulturspezifischen Männlichkeits*merkmale ist die Subjektivierung „Junge“ oder „Mann“ nicht kausal angewiesen, ebenso wenig wie auf eine tatsächliche Selbstverortung des Individuums als Mann*.

Die subjektive Aneignung von Männlichkeit* bzw. der sozialen Rolle als Mann* (und der attribuierten Erwartungen von Anderen) kann etwa über die stilisierte Abgrenzung von Weiblichkeit* durch Kleidung, Körperformung, Barttracht etc., durch die zeremonielle Inszenierung der Zugehörigkeit zur Klasse der Männer* durch Initiationen oder initiationsähnliche Statuspassagen oder durch einen Verhaltenskodex erfolgen, der das Sozialverhalten – z.B. das Sexualverhalten oder das Verhalten innerhalb der Gruppe von Männern* – kodifiziert.

„Männlichkeit ist [zudem] eine Konfiguration von Praxis innerhalb eines Systems von Geschlechterverhältnissen“ (Connell 2015, S. 138) und mithin nicht unabhängig von historisch-gesellschaftlichen Bedingungen zu interpretieren. Die Ausprägungen der männlichen* Geschlechterrolle sind sowohl historisch und kulturell veränderlich als auch biografisch im Wandel (z.B. zwischen Säugling, Junge*, jungem Mann*, alterndem Mann*). Diese Enttraditionalisierungen beziehen sich auch auf das Aufbrechen einer binären Geschlechtermatrix, das Aufweichen von heteronormativen Geschlechterkategorien sowie auf Modernisierungen und Differenzierungen von sich an der bürgerlichen Kleinfamilie orientierenden Strukturprinzipien. Es ist insofern präziser, von Männlichkeit*en (im Sinne eines Mosaikbegriffs) zu sprechen, um die historische, kulturelle und biografische Bandbreite der korrespondierenden Geschlechterrollen zu berücksichtigen und die Vielschichtigkeiten des Phänomens einzufangen. Transmännlichkeiten* oder Drag-Männlichkeiten* zeigen die Bandbreite sehr deutlich (Balling, Kammholz und Reineke 2014).

Zusammengefasst umschließt der Term Männlichkeit* eine Vielzahl an Definitionsmöglichkeiten, die sich teilweise ergänzen und überschneiden, zum Teil aber auch deutlich differieren und widersprechen: eine von medizinischer Seite her betrachtet genetisch/​chromosomal definierte Eigenschaftsklasse von Menschen, ein Set psycho-sozialer Zuschreibungen, eine Vielzahl sozialer Rollen, ein Modus der Subjektivierung, ein Topos der kulturellen Selbstverständigung und gesellschaftlichen Aushandlung.

3 Traditionelle Männlichkeit und Heteronormativität

Traditionelle Männlichkeit war jahrhundertelang in heteronormative Strukturen eingebettet. Der Terminus Heteronormativität beschreibt „Heterosexualität als Norm der Geschlechterverhältnisse, die Subjektivität, Lebenspraxis, symbolische Ordnung und das Gefüge der gesellschaftlichen Organisation strukturiert. Die Heteronormativität drängt die Menschen in die Form zweier körperlich und sozial klar voneinander unterschiedener Geschlechter, deren sexuelles Verlangen ausschließlich auf das jeweils andere gerichtet ist“ (Wagenknecht 2007, S. 17).

In einer traditionalistischen, binär kodierten Geschlechterordnung wird demgemäß das nicht-weibliche, d.h. pauschalisierend ausgedrückt, das nicht-gebärfähige Geschlecht als männliches Geschlecht bezeichnet und Männlichkeit (hier und fortfolgend im traditionalistischen Rollenbegriff ohne * bezeichnet) nach heteronormativen Logiken als Masterstatus binär kodierter, nicht-weiblicher Geschlechterrollen verstanden. Die traditionalistische Lesart basiert auf dem „Postulat einer der Zweigeschlechtlichkeit inhärenten kausalen Verbindung von sex (biologisches Geschlecht), gender (kulturell-soziales Geschlecht) und Begehren, die Praktik, Begriffe wie ‚Frau‘ oder ‚Mann‘, ‚Weiblichkeit‘ oder ‚Männlichkeit‘ als gegebene Gewissheiten zu affirmieren, sie als natürliche bzw. vorsprachliche vorauszusetzen“ (Hartmann 2007, S. 56).

4 Wandlungsprozesse

Männlichkeit als Teil einer Dominanzkultur war lange ein fragiler und ggf. selbst unter Einsatz von Gewalt zu verteidigender Status. Bis in die jüngste Vergangenheit waren Ehrenverbrechen und Fragen der sogenannten Satisfaktionsfähigkeit (z.B. in Duellen) eng mit Männlichkeit verknüpft. Die historisch betrachtet lange währende Superiorisierung und Bevorteilung von Männlichkeit wird seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zunehmend von einer Defizitperspektive auf Männlichkeit abgelöst. Die Geburt einer als negative Andrologie zu bezeichnenden Diskursfigur im Sinne eines Unbehagens gegenüber Männlichkeit kann hingegen bereits auf das Ende des 18. Jahrhunderts terminiert werden (Kucklick 2008).

Begründungsformen der historisch gesehen mehrere Jahrtausende lang andauernden patriarchalischen Herrschaft mächtiger (d.h. über Ressourcen verfügender) Männer über Frauen, Kinder und nicht-privelegierte Männer* lagen und liegen u.a. in der Naturalisierung der Geschlechterrollen, in einem diskriminierenden Gewohnheitsrecht (z.B. hinsichtlich der Erbregelung oder hinsichtlich der Vertragsfähigkeit), in religiösen und in populärkulturellen Stützungen.

Das Aufbrechen eines Nicht-Infrage-Stellens von (traditioneller) Männlichkeit in der jüngeren Vergangenheit wird u.a. auf feministische Bewegungen, auf Gleichberechtigungsinitiativen und das Hinterfragen männlicher Privilegien, auf ökologische Krisen, aber auch auf den zunehmend thematisierten Leidensdruck an männlichen Rollenanforderungen zurückgeführt (Hollstein 2017, S. 635).

Vor dem Hintergrund einer sozialhistorischen Reflexion des Patriarchats als Herrschaftsmodus privilegierter Männer wird Männlichkeit* (die nicht per se mit dem Patriarchat gleichzusetzen ist) zu einem politischen Topos, zumal Männlichkeit* in sich miteinander verschränkende Machtverhältnisse eingebettet ist und diese zugleich reproduziert. Der Diskurs um Männlichkeit* ist in seinen Deutungslogiken und Sprachspielen aktuell kontrovers und teilweise stark emotionalisiert.

5 Einschlägige theoretische Konzeptualisierungen

Männlichkeit* erfährt seit den 1980er-Jahren in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine zunehmende Aufmerksamkeit, die mit einer Vielzahl von Theoretisierungen und Forschungszugängen einhergeht, in denen sich die bereits angerissenen Vieldeutigkeiten und Ambivalenzen des Männlichkeitsbegriffs widerspiegeln. Im Folgenden werden drei einschlägige und viel rezipierte Ansätze vorgestellt:

5.1 Männliche Herrschaft

Pierre Bourdieu analysiert mit seinem Konzept der männlichen Herrschaft symbolische Macht- und Kräfteverhältnisse, hierarchisierende Ordnungen sowie Klassifikationsprinzipien zwischen den Geschlechtern (Heitzmann 2015).

Gemäß Pierre Bourdieu ist Männlichkeit ein „eminent relationaler Begriff, der vor und für die anderen Männer und gegen die Weiblichkeit konstruiert ist, aus einer Art Angst vor dem Weiblichen, und zwar in erster Linie in einem selbst“ (Bourdieu 2012, S. 96). Im „Wunsch, die anderen Männer zu dominieren, und sekundär, als Instrument des symbolischen Kampfes, die Frauen [zu dominieren, d.V.]“ (Bourdieu 1997, S. 215), agiert Männlichkeit als libido dominandi (im Sinne eines Dominanzstrebens) als soziale Strukturierungs- und Klassifikationskategorie. Zentral für das bourdieusche Verständnis ist die theoretische Analysekategorie des Habitus als Kreuzungspunkt „vergeschlechtlichte[r] Konstruktionen der Welt und des Körpers“ (a.a.O., S. 167). Im Habitus als „universelles Prinzip des Sehens und Einteilens“ (a.a.O., S. 159) und als „Speicher von vergeschlechtlichten Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien“ (a.a.O., S. 167) findet sich ein Verschränkungsort von inkorporierten sozialen Praxen und zugleich ein Erzeugungsprinzip sozialer (machtdurchsetzter) Strukturen.

Der von Bourdieu attestierte konkurrenzorientierte und kombatorische Charakter des männlichen Habitus und die damit einhergehenden „ernsten Spiele des Wettbewerbs“ (a.a.O., S. 203) vollziehen sich in nahezu sämtlichen Handlungsfeldern der traditionellen bürgerlichen Gesellschaft (Politik, Ökonomie, Wissenschaft, Religion etc.), wo sie zugleich auf „soziale Schließung“ (Meuser 2001, S. 7) ausgerichtet sind. Denn: „Von diesen Spielen rechtlich oder faktisch ausgeschlossen, sind die Frauen auf die Rolle von Zuschauerinnen oder, wie Virginia Woolf sagt, von schmeichelnden Spiegeln verwiesen, die dem Mann das vergrößerte Bild seiner selbst zurückwerfen, dem er sich angleichen soll und will“ (ebd.). Indem Geschlechtlichkeit (via Habitus und symbolischer Gewalt) als vermeintlich natürliche und binäre Ordnung konstruiert wird, kann somit von einer „Vergesellschaftung des Biologischen und Biologisierung des Gesellschaftlichen in den Körpern und in den Köpfen“ (Bourdieu 2012, S. 11) gesprochen werden. „Männliche Herrschaft ist symbolische Gewalt, die unmerklich, unsichtbar und still wirkt und von den Unterworfenen als natürlich angenommen wird“ (Sagebiel und Weinelt 2020, S. 143).

5.2 Hegemoniale Männlichkeit

Raewyn Connell baut in „Der gemachte Mann“ (im Original „Masculinities“ 1995) auf Antonio Gramscis Hegemonieverständnis auf, wonach sich stabilitätsbestrebende Herrschaft nicht primär via Gewaltandrohung und -anwendung formiert, sondern auf Gemeinsamkeitsbildungen von Werteverständnissen und Deutungsmustern basiert. Hegemonie wird demnach als kulturelle Dominanz verstanden, die jedoch stets als „historisch bewegliche Relation“ (Connell 2015, S. 131), als flexibel und modifizierbar, zu verstehen ist. Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit akzentuiert die gesellschaftliche Verwobenheit von Männlichkeit, Macht und Herrschaft. Dieser Verknüpfungsansatz findet seine Bedeutsamkeit darin, „dass es hegemoniale Männlichkeit im Sinne einer doppelten, die hetero- und die homosoziale Dimension gleichermaßen bestimmenden Distinktions- und Dominanzlogik fasst: im Verhältnis von Männern gegenüber Frauen und von Männern untereinander“ (Meuser und Müller 2015, S. 10). Vor diesem Hintergrund beschreibt das Konzept der Hegemonialen Männlichkeit – als neues Konzept und Ablösung des traditionellen Patriarchatsterminus – die Dominanzstruktur privilegierter Männer* gegenüber Frauen*, anderen Geschlechtsidentitäten sowie nicht-privilegierten Männern*. Diese Form von Hegemonie figuriert sich u.a. in politischen Machtverhältnissen, in der Hierarchie der Arbeitsbeziehungen sowie in emotionalen Beziehungsverhältnissen (Connell 2015; Böhnisch 2015). In der Gleichzeitigkeit der Herstellung von Machtverhältnissen und dem Unterworfensein unter diese Verhältnisse konstituiert sich hegemoniale Männlichkeit in kapitalistischen Gesellschaftsformen „in der Dialektik von männlicher Dominanz und Verfügbarkeit“ (Böhnisch 2015, S. 160).

5.3 Bewältigungstheoretischer Zugang

Unter dem Konzept der (Lebens-)Bewältigung kann nach Lothar Böhnisch „das Streben nach psychosozialer Handlungsfähigkeit – im Sinne stabilen Selbstwerts, gefühlter Selbstwirksamkeit und sozialer Anerkennung – in kritischen Lebenssituationen und -konstellationen“ (Böhnisch 2018, S. 103) verstanden werden. Dieses Bewältigungskonzept lässt Männlichkeit (in der zweiten Moderne) auf einer personal-psychodynamischen Ebene verstehbar werden. Gemäß Böhnisch und Winter lassen sich hierbei sieben Prinzipien männlicher Bewältigung differenzieren (Böhnisch und Winter 1997, S. 127 f.; Böhnisch 2015, S. 229 ff.; Neumann und Süfke 2004, 33 ff.).

  1. Externalisierung bezeichnet die Außenorientierung der Wahrnehmung und des Handelns anstelle eines inneren emotionalen Selbstbezugs. Hierbei handelt es sich um ein Grundmuster männlicher Lebensbewältigung, das den anderen Prinzipien als Leitlinie dient. Die Fokussierung auf äußere Bereiche ist mit einer „Warnung vor dem ‚Innen‘“ (Böhnisch 2015, S. 233) assoziiert und an mangelnde Selbstverbindungen und Beziehungen zu anderen gekoppelt.
  2. Stummheit meint die Sprachlosigkeit über sich selbst und ist unmittelbar verknüpft mit der Prämisse vom „Gefühle-zurückhalten-Müssen“ (ebd.). Die Unfähigkeit, das eigene Innenleben emotional zu versprachlichen, bezieht sich sowohl auf das Eigenerleben als auch auf die Kommunikation mit anderen.
  3. Alleinsein ist unmittelbar mit dem Prinzip der Stummheit assoziiert und impliziert die verinnerlichte Prämisse, es allein zu schaffen. Das Ideal eines pseudo-autarken Selbstständigkeitsbeweises ist oftmals mit einem grundsätzlichen Konkurrenzverständnis anderen Männern* gegenüber verbunden. Kulturelle Vorbilder traditioneller Männlichkeit arrangieren sich um die Einzelkämpferideale des lonesome-cowboy herum. Gleichzeitig gehen damit Prozesse emotionaler Isolation sowie verdrängte Verlassensängste einher.
  4. Rationalität umfasst das Abwehren und die Abwertung von selbstbezogenen Emotionen und Bedürfnissen zugunsten rationaler Erklärungen sowie des Überbetonens von Wissenschaftlichkeit, Logik und Machbarkeit. Das Ideal einer „Entemotionalisierung“ (Böhnisch und Winter 1997, S. 131) zugunsten einer Außenfixierung ist bereits im Jungen*alter zu beobachten.
  5. Kontrolle umfasst das Bestreben, das unmittelbare soziale Umfeld, das eigene Verhalten sowie die eigenen Emotionen zu beherrschen. Kontrolle impliziert die „Warnung vor dem Innen“ (Böhnisch 2015, S. 35) mit dem permanenten Hintergrundrauschen einer drohenden Kontrollverlustkomponente. In diesem Zusammenhang kann bspw. Alkohol- oder Drogenkonsum als eskapistisches Element betrachtet werden, das kontrastierend zur dauernden Selbstkontrolle als Form des Fallenlassens eingesetzt werden kann. Auf gesellschaftlicher Ebene stabilisiert hingegen das Prinzip der Kontrolle männliche Macht- und Herrschaftsstrukturen.
  6. Körperferne äußert sich in einem maschinellen Verständnis des eigenen Körpers und einem instrumentellen Zugang zu Ernährung, Hygiene und Körperkontakt. Die Funktionalisierung des Körpers geht mit einem gesundheitlichen Vernachlässigungshandeln einher, das sich in Folge des kontinuierlichen Ignorierens von Beschwerden und der Kopplung an Leistungsdruck im Phänomenbereich der Männer*gesundheit als geschlechterspezifische erhöhte Vulnerabilität niederschlägt. Männlicher Körperkult lässt sich vor diesem Hintergrund deshalb weniger als Gesundheitsverhalten und eher als nach außen gerichtete Demonstration von Fitness, Stärke und sexueller Attraktivität interpretieren. Auf das Prinzip der Körperferne in seinem Aspekt des Vermeidens von Körperkontakt verweist außerdem die sozialisatorisch bereits im Jungen*alter beginnende Vermeidungsnorm männlicher körperlicher Intimität. „Körperliche Intimität mit anderen Männern wird in der Regel mit Homosexualität assoziiert und daher von den meisten Männern und Jungen ausgespart, um den Abwertungen des Homosexualitätsverdachts zu entgehen“ (Neumann und Süfke 2004, S. 37).
  7. Gewalt und Benutzung bezeichnet als Prinzip das integritätsbeschädigende Verhalten sich selbst und anderen gegenüber. Gewalt als Externalisierungsprinzip findet sich dahingehend in Zusammenhängen von häuslicher Gewalt und Erziehungsgewalt, aber auch hinsichtlich von Gewalt im öffentlichen Raum und der diesbezüglichen Überrepräsentanz von Männern*. In einem weiten Sinne lässt sich dieses Verständnis auch auf kollektive Ebenen wie Kriegshandlungen oder auf Praktiken der Naturausbeutung und Umweltzerstörung übertragen. Benutzung, als unmittelbare Kopplung des Gewaltprinzips, impliziert ein gebrauchsorientiertes Weltverständnis. Rekurrierend auf die anderen Prinzipien umfasst Gewalt/​Benutzung auch den destruktiven Umgang mit sich selbst (Böhnisch und Winter 1997, S. 127 f.; Böhnisch 2015, S. 229 ff.; Neumann und Süfke 2004, S. 33 ff.).

Über einen bewältigungstheoretischen Zugang lassen sich nicht nur die mit Männlichkeit* und Mann*-Sein assoziierten Spezifika von Männer*gesundheit und (psycho-)sozialen Besonderheiten/​Herausforderungen (etwa Delinquenz, Erwerbslosigkeit, Armut, Gewalt, soziale Desintegration) verstehen. Vermittels des Bewältigungsansatzes lassen sich auch geschlechtersensible Angebotsstrukturen wie Männer*arbeit und Männer*beratung konzipieren bzw. niedrigschwellige Hilfeanschlüsse herstellen.

6 Entwicklungslinien postmoderner Männlichkeit

Naturalisierende Männlichkeitsbilder und die traditionalistische heteronormative Betrachtungsweise verknüpfen Männlichkeit* mit gesellschaftlicher Macht, mit Unabhängigkeit, Aktivität und in Abgrenzung zur als fürsorglich, mütterlich und emotional konnotierten „weiblichen“ Geschlechterrolle.

Männlichkeit* wird als Körperschema, als Verhaltensrepertoire und als Selbstbezug von Jungen* und von männlichen* Jugendlichen angeeignet. Die zugeschriebene physische Stärke, Risikobereitschaft und die Bereitschaft zum Engagement für als „männlich“ erachtete Werte verweisen auf den fragilen Charakter der Geschlechterrolle und auf die Notwendigkeit, Männlichkeit* permanent diskursiv und alltagspraktisch hervorzubringen. Männlichkeit* ist in dieser Perspektive als Inszenierung und als Rollenhandeln vor dem Publikum anderer Geschlechterrollenträger*innen zu bezeichnen. Vor dem Hintergrund des Doing Gender ist Männlichkeit* keine naturgebundene und unbeweglich verankerte Eigenschaft, sondern findet ihre Einbettungen in einem „komplexen Zusammenspiel von leibseelischen, interaktiven und historisch-gesellschaftlichen Dynamiken“ (Böhnisch 2013, S. 82). Männlichkeit* wird demgemäß über „Bewältigungsmuster im Streben nach biografischer Handlungsfähigkeit“ (a.a.O., S. 54) bereits von Jungen* und jungen Männern* hergestellt und über die Lebensspanne hinweg kontinuierlich inszeniert.

Die überholte Gleichsetzung von Männlichkeit mit Maskulinität, Virilität oder patriarchaler Herrschaft weicht zusehends differenzierteren Analysen und variantenreichen Formen von Männlichkeiten*. Das Erodieren von starren Rollenmustern geht mit dem Aufweichen von Vertrautheiten, mit Rollenunsicherheiten und Balanceaufforderungen, mit teilweise paradoxen Anforderungen und mit einer „Modularisierung von Männlichkeit“ (Böhnisch 2018, S. 36) einher. Männlichkeit* bewegt sich dadurch zunehmend in „Spannungsfeldern von Geschlechteridentitäten und Selbstpositionierungen“ (Sabla und Labatzki 2020, S. 237).

Postmoderne Männlichkeiten* sind somit in komplexer werdenden gesellschaftlichen Zusammenhängen sowohl durch Verunsicherungsstrukturen als auch durch Möglichkeitshorizonte eines schöpferischen und kreativen Umgangs mit geschlechtlichen Identitätsvariationen charakterisiert. Notwendigkeiten selbstreflexiver Auseinandersetzungen mit Männlichkeit* und Bedarfe an geschlechtersensiblen Angebotsstrukturen, wie Jungen*arbeit, Männer*beratung oder Männer*arbeit, werden vor diesem Hintergrund nachvollziehbar.

7 Quellenangaben

Balling, Jonathan-Rafael, Marco Kammholz und Jakob Reineke, 2014. Männlichkeiten jenseits der Norm: Von Tunten, Dragkingz, Butches und trans*. In: Klaus Farin und Kurt Möller, Hrsg. Kerl sein: Kulturelle Szenen und Praktiken von Jungen. Berlin: Archiv der Jugendkulturen, S. 129–14. ISBN 978-3-943774-36-8 [Rezension bei socialnet]

Böhnisch, Lothar, 2012. Männerforschung: Entwicklung, Themen, Stand der Diskussion. In: Aus Politik und Zeitgeschehen [online]. 24.09.2012 [Zugriff am: 03.12.2021]. Verfügbar unter: https://www.bpb.de/apuz/144853/​maennerforschung-entwicklung-themen-stand-der-diskussion

Böhnisch, Lothar, 2013. Männliche Sozialisation: Eine Einführung. Weinheim: Beltz Juventa. 2., überarb. Auflage. ISBN 978-3-7799-2306-0 [Rezension bei socialnet]

Böhnisch, Lothar, 2015. Bleibende Entwürfe: Impulse aus der Geschichte des sozialpädagogischen Denkens. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-2373-2 [Rezension bei socialnet]

Böhnisch, Lothar, 2018. Der modularisierte Mann: Eine Sozialtheorie der Männlichkeit. Bielefeld: transcript. ISBN 978-3-8376-4075-5 [Rezension bei socialnet]

Böhnisch, Lothar, 2020. Männer und Männlichkeit in der Sozialen Arbeit. In: Peter Hammerschmidt, Juliane Sagebiel und Gerd Stecklina, Hrsg. Männer und Männlichkeiten in der Sozialen Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa, S. 44–55. ISBN 978-3-7799-6085-0 [Rezension bei socialnet]

Böhnisch, Lothar und Reinhard Winter, 1997. Männliche Sozialisation: Bewältigungsprobleme männlicher Geschlechtsidentität im Lebenslauf. 3. Auflage. Weinheim: Juventa. ISBN 978-3-7799-1005-3

Bourdieu, Pierre, 1997. Die männliche Herrschaft. In: Irene Dölling und Beate Krais, Hrsg. Ein alltägliches Spiel: Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 153–217. ISBN 978-3-518-11732-3

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Hammerschmidt, Peter, Juliane Sagebiel und Gerd Stecklina, 2020. Einführung: Männer und Männlichkeiten in der Sozialen Arbeit. In: Peter Hammerschmidt, Juliane Sagebiel und Gerd Stecklina, Hrsg. Männer und Männlichkeiten in der Sozialen Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa, S. 9–29. ISBN 978-3-7799-6085-0 [Rezension bei socialnet]

Hartmann, Jutta, 2007. Der heteronormative Blick in wissenschaftlichen Diskursen: eine Einführung. In: Jutta Hartmann, Christian Klesse, Peter Wagenknecht, Bettina Fritzsche und Kristina Hackmann, Hrsg. Heteronormativität: Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 55–60. ISBN 978-3-531-14611-9

Heitzmann, Daniela, 2015. Männliche Herrschaft. In: Gender Glossar [online]. 26.04.2017 [Zugriff am: 03.12.2021]. ISSN 2366-5580. Verfügbar unter: https://gender-glossar.de/glossar/item/40

Hollstein, Werner, 2017. Männer. In: Dieter Kreft und Ingrid Mielenz, Hrsg. Wörterbuch Soziale Arbeit: Aufgaben, Praxisfelder, Begriffe und Methoden der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Weinheim: Juventa, S. 635–638. 8., vollst. überarbeitete und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-7799-3163-8 [Rezension bei socialnet]

Kucklick, Christoph, 2008. Das unmoralische Geschlecht: Zur Geburt der Negativen Andrologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-12538-0

Meuser, Michael, 2001.Männerwelten: Zur kollektiven Konstruktion hegemonialer Männlichkeit. In: Schriften des Essener Kollegs für Geschlechterforschung. 1(2), S. 5–32. ISSN 1617-0571

Meuser, Michael und Ursula Müller, 2015. Männlichkeiten in Gesellschaft: Zum Geleit. In: Raewyn Connell, Hrsg. Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Wiesbaden: Springer VS. 4., durchges. und erw. Auflage. ISBN 978-3-531-19972-6 [Rezension bei socialnet]

Neumann, Wolfgang und Björn Süfke, 2004. Den Mann zur Sprache bringen: Psychotherapie mit Männern. Tübingen: dgvt-Verlag. ISBN 978-3-87159-052-8

Sabla, Kim-Patrick und Christioph Labatzki, 2020. Männer*arbeit: Professionelle Unterstützungsangebote für die Bewältigung des Mannseins. In: Gerd Stecklina und Jan Wienforth, Hrsg. Lebensbewältigung und Soziale Arbeit: Praxis, Theorie und Empirie. Weinheim: Beltz Juventa, S. 237–246. ISBN 978-3-7799-1940-7 [Rezension bei socialnet]

Sagebiel, Juliane und Robert Weinelt, 2020. Neue Männer braucht das Land? In: Peter Hammerschmidt, Juliane Sagebiel und Gerd Stecklina, Hrsg. Männer und Männlichkeiten in der Sozialen Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa, S. 135–158. ISBN 978-3-7799-6085-0 [Rezension bei socialnet]

Scherr, Albert, 2012. Männer als Adressatengruppe und Berufstätige in der Sozialen Arbeit. In: Werner Thole, Hrsg. Grundriss Soziale Arbeit: Ein einführendes Handbuch. 4. Auflage. Wiesbaden: Springer VS, S. 559–568. ISBN 978-3-531-18616-0

Wagenknecht, Peter, 2007. Was ist Heteronormativität? Zu Geschichte und Gehalt des Begriffs. In: Jutta Hartmann, Christian Klesse, Peter Wagenknecht, Bettina Fritzsche und Kristina Hackmann, Hrsg. Heteronormativität: Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 17–34. ISBN 978-3-531-14611-9

8 Literaturhinweise

Bourdieu, Pierre, 2012. Die männliche Herrschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-29631-8

Böhnisch, Lothar, 2013. Männliche Sozialisation: Eine Einführung. Weinheim: Beltz Juventa. 2., überarb. Auflage. ISBN 978-3-7799-2306-0 [Rezension bei socialnet]

Connell, Raewyn, 2015. Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Wiesbaden: Springer VS. 4., durchges. und erw. Auflage. ISBN 978-3-531-19972-6 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Prof. Dr. Christian Paulick
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Dr. Sven Werner
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Zitiervorschlag
Paulick, Christian und Sven Werner, 2021. Männlichkeit [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 30.12.2021 [Zugriff am: 23.05.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Maennlichkeit

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