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Mediatorin, Mediator

Etymologie: lat. mediare vermitteln

MediatorInnen sind besonders geschulte, unabhängige und unparteiische VermittlerInnen, die Konfliktparteien dabei unterstützen, strittige Themen und Streitpunkte zu identifizieren sowie Lösungsoptionen zu erarbeiten. Die Aufgaben der MediatorInnen bestehen im Wesentlichen darin, den Verhandlungsprozess zwischen den Parteien unterstützend zu begleiten, in dem sie die spezifische Struktur und Interventionen des Mediationsverfahren einsetzen.

Überblick

  1. 1 Funktion und Aufgaben
  2. 2 Tätigkeitsbezeichnung, Ausbildung und Qualifizierungsniveau
  3. 3 MediatorInnenkrankheiten
  4. 4 Quellenangaben
  5. 5 Informationen im Internet

1 Funktion und Aufgaben

Die Vorschriften des deutschen Mediationsgesetzes (MediationsG) knüpfen funktional an die/den MediatorIn im Sinne von § 1 Abs. 2 MediationsG an, d.h. jede/r VermittlerIn, die/der eine Mediation im Sinne des § 1 Abs. 1 MediationsG durchführt, unterliegt den normativ-fachlichen Standards des Mediationsgesetzes (sog. funktionaler Mediatorenbegriff; SIMK 2015). Insoweit ist es unerheblich, ob das Verfahren als „Moderation“, „Organisationsberatung“, „Prozessbegleitung“, „Schlichtung“, „Täter-Opfer-Ausgleich“, tatsächlich als „Mediation“ oder was auch immer bezeichnet wird. Entscheidend ist, dass die Dritten i.S.v. § 1 Abs. 2 MediationG mediieren, d.h. zwischen den betroffenen Parteien zugunsten einer einvernehmlichen Konfliktregelung vermitteln, ohne selbst inhaltliche Entscheidungen in dem zugrunde liegenden Konflikt zu treffen. Dies ist stets gleichzeitig eine Frage des professionellen Selbstverständnisses und der Auftragsklärung.

MediatorInnen sind InitiatorInnen für neue Regelungsprozesse, keine RichterInnen und keine SchlichterInnen. Sie verfügen im Hinblick auf den Streitgegenstand über keine Entscheidungs- oder Lösungskompetenz, sondern über Verfahrens-, Kommunikations- und Methodenkompetenz (Trenczek 2017). Sie entscheiden (nicht nur) nicht in der Sache, im Gegensatz zur/m SchlichterIn machen sie auch keine eigenen inhaltlichen Lösungsvorschläge, sie schlagen weder einen Kompromiss vor noch drängen sie die Parteien in einen Vergleich.

MediatorInnen müssen neutral sein, dürfen kein eigenes Interesse am sachlichen Ausgang des Konflikts haben, äquidistant und unparteilich sein und beide/alle Konfliktparteien darin unterstützen, ihre Interessen und Bedürfnisse zu einem Ausgleich zu bringen (sog. Allparteilichkeit; hierzu Trenczek 2016 und 2017). Deshalb dürfen MediatorInnen in der Streitsache insb. auch keine Rechtsberatung durchführen, da eine solche allparteilich nicht möglich ist. Umstritten ist, ob und ggf. welche Feldkompetenz notwendig ist. So können Rechtskenntnisse sogar schädlich sein, wenn sie zu einer auf Rechtspositionen orientierten Verfahrensführung verleiten und damit den Blick auf die Interessen und Bedürfnisse der MediantInnen verstellen. Andererseits ist es nicht hinderlich, wenn MediatorInnen begrifflich und inhaltlich im zugrunde liegenden Konfliktfeld achtsam agieren können, sich mit den strukturellen und (zwingend zu beachtenden auch rechtlichen) Rahmenbedingungen und Verkehrssitten sowie der branchentypischen Terminologie auskennen.

MediatorInnen wenden im Mediationsverfahren spezifische Kommunikationstechniken und Interventionen an, die insbesondere folgende Elemente beinhalten:

  • Verfahrenskontrolle: Starten, Führen und Leiten durch die spezifischen Phasen des Mediationsverfahrens, Agenda-Setting und Strukturgebung,
  • Gesprächsmoderation: Neugestaltung und Steuern der Kommunikationsverläufe, aktives Zuhören, klientenzentrierte wie mediationsspezifische Kommunikation und Fragekunst,
  • Klärungshilfe: unterstützende Problemdefinition, Interessens- und Bedürfnisanalyse, systemische Wahrnehmungsrekonstruktion, Sichtbarmachen von Wahrnehmungsdissonanzen, Realitätstest und Klärung der Nichteinigungsalternativen (BATNA – „Best Alternative to a Negotiated Agreement“).

Durch eine gute Strukturierung des Verfahrens, durch den Einsatz mediativer Kommunikations- und Verhandlungstechniken (z.B. aktives Zuhören; Paraphrasieren, Reframing; hierzu Geier 2017; Glasl 2017) sowie eine empathische Grundhaltung unterstützen MediatorInnen die Konfliktparteien, sich über ihre Interessen klar zu werden und geeignete, tragfähige Lösungen zu finden. MediatorInnen ermitteln nicht die (vermeintlich „objektive“) Wahrheit, sie arbeiten mit der (selektiven) Wahrnehmung der Konfliktparteien, akzeptieren verschiedene subjektive Wirklichkeiten, benennen allerdings Differenzen und versuchen, einen Wechsel der Perspektiven und die Konstruktion einer gemeinsamen Geschichte zu ermöglichen, um die Parteien darin zu unterstützen, für die Zukunft tragfähige, einvernehmliche Regelungen und (im Idealfall sogar sog. Win-win-) Lösungen zu vereinbaren.

Ein Überblick über die Anwendungsbereiche der Mediation findet sich unter Mediation.

2 Tätigkeitsbezeichnung, Ausbildung und Qualifizierungsniveau

Die Tätigkeitsbezeichnung „MediatorIn“ ist in Deutschland und Österreich rechtlich nicht geschützt. Anders ist dies seit 2001 für den Begriff „eingetragener Mediator“ im Zivilrechts-Mediations-Gesetz (§ 2 Abs. 1, § 3 Abs. 1 Nr. 2 ZivMediatG) oder für die Bezeichnung „zertifizierte/r MediatorIn“, die 2012 ins deutsche Mediationsgesetz eingeführt wurde (§ 5 MediationsG i.V.m. ZMediatAusbV). Im Hinblick auf den Schutz der VerbraucherInnen bzw. der MediationskundInnen sind in Österreich die beim Bundesjustizministerium gelisteten MediatorInnen sogar gesetzlich verpflichtet, die Bezeichnung „eingetragener Mediator“ bei Ausübung der Mediation zu führen (§ 15 Abs. 1 ZivMediatG).

Ein Anspruch auf Eintragung in die vom österreichischen Bundesjustizministerium administrierten Liste besteht nur, wenn die MediatorInnen das 28. Lebensjahr vollendet haben und nachweisen, dass sie fachlich qualifiziert (hierzu nachfolgend) und vertrauenswürdig sind. Auch einige deutsche Fachverbände haben bislang neben einer entsprechenden Ausbildung (s. nachfolgend) noch weitere Voraussetzungen für die Verbandszertifizierung normiert, z.B. der Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt e.V. (BMWA) die Vollendung des 28. Lebensjahres, ein abgeschlossenes Studium oder vergleichbare berufliche Qualifikation sowie eine mindestens dreijährige Berufserfahrung (BMWA 2016, 3.1.2).

Nach der deutschen Zertifizierte-Mediatoren-Ausbildungs-Verordnung (ZMediatAusbV) werden außer einer in der Verordnung umschriebenen Ausbildung keine besonderen Zugangsvoraussetzungen normiert. Der Gesetzgeber hat zudem auf ein Überprüfungsverfahren verzichtet, sodass die Bezeichnung auf einer zweifelhaften „Selbstzertifizierung“ und der wettbewerbsrechtlichen Kontrolle durch KonkurrentInnen basiert. Im Hinblick auf die Ausbildung beschränkt sich die ZMediatAusbV auf einige wesentlichen Merkmale. Der Ausbildungslehrgang im Umfang von 120 Präsenzstunden muss die in der Anlage zur ZMediatAusbV aufgeführten Inhalte vermitteln und auch praktische Übungen und Rollenspiele umfassen (§ 2 ZMediatAusbV). Die Ausbildung kann nicht durch ein reines Fern- und Selbststudium oder durch Onlinemodule durchgeführt werden. Notwendig ist die Ausbildung in einer Ausbildungseinrichtung nach § 5 ZMediatAusbV unter Anleitung einer/s entsprechenden LehrtrainerIn/AusbilderIn. Nach § 2 Abs. 2 und 5 ZMediatAusbV müssen die AusbildungsteilnehmerInnen zudem wahlweise während des Ausbildungslehrgangs oder innerhalb eines Jahres nach dessen Beendigung an einer Einzelsupervision im Anschluss an eine als MediatorIn oder Co-MediatorIn durchgeführte Mediation teilgenommen haben.

Die in der ZMediatAusbV für die/den sog. „zertifizierte/n MediatorIn“ vorausgesetzte Ausbildung ist im Vergleich zu den Anforderungen für eine Verbandszertifizierung durch die im Qualitätsverbund Mediation (QVM) zusammengeschlossen Fachverbände (Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation e.V. – BAFM, Bundesverband MEDIATION e.V. – BM, Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt e.V. – BMWA sowie Deutsche Gesellschaft für Mediation – DGM und Deutsches Forum für Mediation – DFFM) in Inhalt und Umfang deutlich niedriger und allenfalls ein Minimalstandard. Nach dem neuen QVM-Standard (2019) wird eine Ausbildung von mindestens 220 Std. mit Praxisnachweis/5 Falldokumentationen, Supervision sowie Abschlussarbeit und -kolloquium vorausgesetzt (SIMK 2019). Als Nachweis der für die Eintragung als „eingetragenen Mediator“ hinreichenden Qualifikation wird nach dem österreichischem ZivMediatG grundsätzlich sogar eine Ausbildung im Umfang von 365 Zeitstunden erwartet, wobei bestimmte Berufsgruppen (insb. JuristInnen, ÖkonomInnen und psychosoziale Berufe) aufgrund ihrer Grundberufe eine auf 220 Stunden verkürzte Grundqualifizierung mit in der Zivilrechts-Mediations-Ausbildungsverordnung vorgegebenen Inhalten absolviert haben müssen (§§ 3 ff. ZivMediat-AV nebst Anhang).

Sowohl in Deutschland wie in Österreich wird von den eingetragenen bzw. (verbands-)zertifizierten MediatorInnen eine fortlaufende Weiterbildung erwartet (§ 3 ZMediatAusbV: 40 Zeitstunden innerhalb von vier Jahren; BMWA: mindestens 36 Stunden innerhalb von 3 Jahren; § 20 ZivMediatG Österreich: 50 Stunden innerhalb eines Zeitraums von 5 Jahren).

Neben den allgemeinen gesetzlichen Regelungen sind zudem ggf. auch berufsrechtliche Regelungen zu beachten (vgl. auch § 2 Abs. 2 ZivMediatG Österreich). So unterliegen z.B. RechtsanwältInnen nach § 18 BORA (Berufsordnung für Rechtsanwälte) auch soweit sie als MediatorInnen tätig werden dem anwaltlichen Berufsrecht, insb. mit Bezug auf die Ausbildung/Qualifikation (§ 7 a BORA), den beruflichen Grundpflichten (§§ 43 ff. BRAO [Bundesrechtsanwaltsordnung], insb. Verschwiegenheitsgebot, Verbot der Vorbefassung, Verbot zur Vertretung widerstreitender Interessen) oder die gemeinschaftliche Berufsausübung mit (insb. nichtjuristischen) KollegInnen (§ 59a BRAO). Für SteuerberaterInnen gibt es ähnliche Vorschriften in der Berufsordnung der Bundessteuerberaterkammer (BOStB). Ihnen ist dabei die Verknüpfung der Berufsbezeichnung mit einem nicht amtlich verliehener Zusatz (wie z.B. „zertifizierter Mediator“) verboten (BFH Urteil v. 23.2.2010 – VII R 24/09). Für psychosoziale Berufsgruppen sind derzeit keine gesetzlichen Regelungen im Hinblick auf die Berufs- und Tätigkeitsbezeichnungen bekannt (Berning 2017). Unter Umständen kann aber aufgrund allgemeiner berufsrechtlicher Regelungen eine Verknüpfung von Erstberuf und Meditionstätigkeit bzw. beider Berufs-/Tätigkeitsbezeichnungen „Facharzt für xx und Mediator“ unzulässig sein, wenn dies mit den ethischen Grundsätzen des ärztlichen Berufs nicht vereinbar ist (z.B. Mediation als Therapie anzupreisen). Insoweit empfiehlt sich eine spezifische Beratung bei den Berufsverbänden und Kammern.

3 MediatorInnenkrankheiten

MediatorInnen sind auch „nur“ Menschen und deshalb nicht davor gefeit, ihren Vorerfahrungen, subjektiven Wahrnehmungen und Interpretationen, Übertragungen und Gegenübertragungen zu erliegen. Professionelle MediatorInnen versuchen zumindest, sich ihre eigenen Grenzen bewusst zu machen und bewusst damit umgehen. Nicht alle Fehler können immer vermieden werden, einige „MediatorInnenkrankheiten“ (Trenczek 2017, S. 189 f.) sind geradezu typisch. Einer mangelhaften Praxis kann aber weitgehend vorgebeugt werden: durch eine gründliche, intensive und umfassende Mediationsausbildung (s.o. mindestens 220 Std.), eine fortwährende Weiterbildung und Übung (lebenslanges Lernen), Co-Mediation, einen kritisch-reflexiven Umgang mit sich und der eigenen Praxis zusammen mit anderen MediatorInnen (Intervision) sowie Supervision.

4 Quellenangaben

Berning, Detlev, 2017. Berufsrecht für Mediatoren. In: Thomas Trenczek, Detlev Berning, Cristina Lenz und Hans-Dieter Will, Hrsg. Handbuch Mediation und Konfliktmanagement. Baden-Baden: Nomos, S. 452–461. 2. Auflage. ISBN 978-3-8487-2948-7 [Rezension bei socialnet]

Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt e.V. (BMWA), 2016. BMWA Standards [online]. Augsburg: Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt e.V., 26.09.2019 [Zugriff am: 14.07.2019] Verfügbar unter: https://www.bmwa-deutschland.de/uploads/7adc1f30844d375490f7dbf49228fe0a.pdf

Geier, Franziska, 2017. Kommunikation in der Mediation. In: Thomas Trenczek, Detlev Berning, Cristina Lenz und Hans-Dieter Will, Hrsg. Handbuch Mediation und Konfliktmanagement. Baden-Baden: Nomos, S. 316–323. 2. Auflage. ISBN 978-3-8487-2948-7 [Rezension bei socialnet]

Glasl, Friedrich, 2017. Methoden der Mediation. In: Thomas Trenczek, Detlev Berning, Cristina Lenz und Hans-Dieter Will, Hrsg. Handbuch Mediation und Konfliktmanagement. Baden-Baden: Nomos, S. 303–315. 2. Auflage. ISBN 978-3-8487-2948-7 [Rezension bei socialnet]

Steinberg Institut für Mediation und Konfliktmanagement (SIMK), 2019. Qualitätsverbund Mediation – Fachverbände einigen sich über QVM-Fachstandards [online]. Hannover: Steinberg Institut für Mediation und Konfliktmanagement, 18.06.2019 [Zugriff am: 15.07.2019]. Verfügbar unter: https://steinberg-mediation-hannover.de/qualitaetsverbund-mediation-fachverbaende-einigen-sich-ueber-qvm-fachstandards/

Trenczek, Thomas, 2017. Aufgaben, Funktion und Kompetenzen von Mediatoren. In: Thomas Trenczek, Detlev Berning, Cristina Lenz und Hans-Dieter Will, Hrsg. Handbuch Mediation und Konfliktmanagement. Baden-Baden: Nomos, S. 182–191. 2. Auflage. ISBN 978-3-8487-2948-7 [Rezension bei socialnet]

Trenczek, Thomas, 2016. Allparteilichkeit – Anspruch und Wirklichkeit. In: Zeitschrift für Konfliktmanagement. 19(6), S. 230–231. ISSN 1439-2127

5 Informationen im Internet

Autor
Prof. Dr. Thomas Trenczek
M.A.
eingetragener Mediator (BMJ, Wien; NMAS); Lehrtrainer (BMWA), SIMK Hannover
Website
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Es gibt 4 Lexikonartikel von Thomas Trenczek.


Zitiervorschlag
Trenczek, Thomas, 2019. Mediatorin, Mediator [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 15.07.2019 [Zugriff am: 20.09.2019]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Mediatorin-Mediator

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Autor

Prof. Dr. Thomas Trenczek
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veröffentlicht am 15.07.2019

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