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Medizinisch-berufliche Rehabilitation

Carl Heese

veröffentlicht am 08.01.2021

Abkürzung: MBR

Die medizinisch-berufliche Rehabilitation (MBR) ist ein spezialisierter Leistungstyp zur beruflichen Teilhabeförderung, bei welchem Leistungen der medizinischen Rehabilitation und solche der beruflichen Rehabilitation in einem multimodalen interdisziplinären Ansatz kombiniert erbracht werden. Die Zielgruppe sind Personen mit komplexen und langwierigen Erkrankungs- und Verletzungsbildern, wie beispielsweise Menschen mit schweren neurologischen Beeinträchtigungen, psychischen Erkrankungen oder nach einem Polytrauma.

Überblick

  1. 1 Differenzierung medizinische und berufliche Rehabilitation
  2. 2 Inhalte und Qualitätsanforderungen
  3. 3 Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation
  4. 4 Arbeitsplatzbezogene Muskuloskeletale Rehabilitation
  5. 5 Evaluation
  6. 6 Quellenangaben
  7. 7 Literaturhinweise
  8. 8 Informationen im Internet

1 Differenzierung medizinische und berufliche Rehabilitation

Traditionell sind die medizinische und die berufliche Rehabilitation institutionell getrennt. Die medizinische Rehabilitation erfolgte nach einer akutmedizinischen Behandlung in indikationsspezifischen Rehabilitationskliniken und zum kleineren Teil ambulant. Die berufliche Rehabilitation ist Aufgabe von Berufsbildungswerken oder Berufsförderungswerken sowie weiteren Einrichtungen. Bei diesen setzt die Durchführung von beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen im Regelfall den Abschluss der medizinischen Rehabilitation voraus. Komplexe und langwierige Problemlagen führen daher in der Praxis zu der unbefriedigenden Alternative, die Rehabilitand*innen entweder sehr lange Zeit im medizinischen Bereich festzuhalten oder die Einrichtungen der beruflichen Förderung durch zusätzliche medizinische Problemlagen zu überfordern. Die Schaffung eines ergänzenden Versorgungstyps, in dem Leistungen beider Rehabilitationsbereiche kombiniert angeboten werden, ist der Versuch dieses Dilemma aufzulösen.

Analog dem Modell der vor allem in der neurologischen Rehabilitation etablierten Reha-Phasen wurde bereits in den 1970ern mit dem Ziel der verbesserten beruflichen Integration eine Phasensequenz definiert, die auf die normative Vorstellung einer bruchlosen Versorgung verweist (BAR 2011, S. 8). Dabei sind die akut- und rehabilitationsmedizinischen Leistungen als Phase I zusammengefasst, die MBR wird als Phase II definiert, während die Einrichtungen einer reinen beruflichen Rehabilitation als solche der Phase III bezeichnet werden.

2 Inhalte und Qualitätsanforderungen

Inhaltlich bietet die MBR eine medizinisch-rehabilitative Betreuung bei einem gleichzeitigen berufstherapeutischen oder -pädagogischen Programm. Der berufliche Anteil soll dabei im Laufe der Rehabilitation so weit gesteigert werden, dass der Belastungsumfang eine valide sozialmedizinische Einschätzung zur Belastbarkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt oder auf dem Niveau der zuletzt ausgeübten beruflichen Tätigkeit ermöglicht (Rollnik et al. 2013, S. 16). Dafür müssen die Einrichtungen personell und strukturell in besonderer Weise ausgestattet sein. In personeller Hinsicht ist die Beschäftigung von medizinischem Personal sowie von Berufstherapeut*innen oder – bei Jugendlichen – von Pädagog*innen obligat, in struktureller Hinsicht das Vorhalten von Behandlungsmöglichkeiten und von verschiedenen spezialisierten Werkstattplätzen, in denen branchentypische Belastungserprobungen oder beruflich orientierende Trainingsmaßnahmen durchgeführt werden können.

Weitere Elemente zur Ausgestaltung der MBR sind in den Empfehlungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der medizinisch-beruflichen Rehabilitationseinrichtungen (BAG MBR Phase II) enthalten (Rollnik et al. 2013). Die BAG hat diese indikationsübergreifenden Empfehlungen zur Qualitätssicherung 2012 erarbeitet, einen bereits bestehenden und von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) verabschiedeten Empfehlungskatalog für die MBR in der Neurologie (BAR 2011) hat sie dabei explizit integriert. Einrichtungen der MBR können Mitglied der BAG werden, wenn sie mit ihrem Aufnahmeantrag die Erfüllung dieser Qualitätsanforderungen nachweisen. Bundesweit werden etwa 1.400 Plätze für die MBR vorgehalten, über die Anbieter informiert die BAG MBR Phase II auf ihrer Webseite.

3 Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation

Eine vergleichbare Zielsetzung wie die MBR hat die medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR). Mit der MBOR wollen speziell die Rentenversicherungsträger eine flächendeckende Versorgung mit besonders qualifizierten beruflichen Rehabilitationsangeboten sicherstellen. Sie folgen damit allgemein ihrem gesetzlichen Auftrag mit dem Grundsatz „Reha vor Rente“ und reagieren damit in besonderer Weise auf empirische Befunde, die eine geringe Verbreitung von berufsorientierten Elementen in der Phase I aufgewiesen haben (Bethge 2017, S. 91). Im Unterschied zur MBR ist die MBOR als Programm für Rehabilitand*innen mit einer „besonderen beruflichen Problemlage“ in der Phase I definiert (Röckelein et al. 2011, S. 438). Auch für die MBOR wurden zur Qualitätssicherung Leistungsanforderungen erstellt. Sie beinhalten Vorgaben für eine intensivierte Sozial- und Berufsberatung, für berufsbezogene psychosoziale Gruppenangebote und für ein Arbeitsplatztraining.

4 Arbeitsplatzbezogene Muskuloskeletale Rehabilitation

Schließlich hat auch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung mit der Arbeitsplatzbezogenen Muskuloskeletalen Rehabilitation (ABMR) ein strukturiertes Programm zur medizinisch-beruflichen Rehabilitation aufgelegt, das zunächst auf einen Indikationsbereich begrenzt ist. Die ABMR kann sowohl stationär als auch ambulant und in Teilen auch am realen Arbeitsplatz durchgeführt werden (DGUV 2020). Mit dieser konsequenten Ambulantisierung zeigt die ABMR auch eine weitere Entwicklungsmöglichkeit für die MBR und die MBOR.

5 Evaluation

Sowohl zu Programmen der MBR als auch der MBOR wurden Evaluationsstudien durchgeführt, es liegen auch indikationsspezifische Untersuchungen zu den Ergebnissen in den Bereichen der neurologischen, der kardiovaskulären, der onkologischen, der muskuloskeletalen oder der psychiatrischen Rehabilitation vor (Bethke 2017, S. 18). Als wichtiger Indikator wird dabei die Return-to-work-Rate verwendet, sie beschreibt die Anzahl der Rehabilitand*innen, die nach Abschluss der MBR oder der MBOR dauerhaft am ersten Arbeitsmarkt Beschäftigung findet. Für beide Modelle werden überwiegend positive Ergebnisse aus den Studien berichtet. Die Studienlage ist insgesamt aber vor allem mit Blick auf die Aussagekraft der Untersuchungen noch unbefriedigend (Bethke a.a.O.). Diese Situation ist wahrscheinlich dem Aufwand für multizentrische Längsschnittuntersuchungen (Schmidt et al. 2017) und den methodischen Problemen von aussagekräftigen Untersuchungen in diesem Bereich geschuldet, die über die Durchführung von randomisierten Kontrollgruppenuntersuchungen noch hinausgehen (Bethke 2017; Fauser et al. 2020).

6 Quellenangaben

Bethge, Matthias, 2017. Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation. In: Die Rehabilitation. 56(1), S. 14–21. ISSN 0034-3536

Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e.V. (BAR), Hrsg., 2011. Empfehlungen zu medizinisch-beruflichen Rehabilitation in der Neurologie. Frankfurt: BAR. ISBN 978-3-9813712-8-4

Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V., 2020. Arbeitsplatzbezogene Muskuloskeletale Rehabilitation (ABMR) [online]. Berlin: DGUV [Zugriff am: 30.12.2020]. Verfügbar unter: https://www.dguv.de/landesverbaende/de/med_reha/abmr/index.jsp

Fauser, David, Martin Vogel und Matthias Bethge, 2020. Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation bei Rehabilitanden mit muskuloskelettalen Erkrankungen: eine Propensity-Score-Analyse. In: Die Rehabilitation [online]. 59(06), S. 332–340 [Zugriff am: 23.12.2020]. ISSN 1439-1309. Verfügbar unter: doi:10.1055/a-1135-0753

Röckelein, Elisabeth, Matthias Lukasczik und Silke Neuderth, 2011. Neue Ansätze zur arbeitsplatzbezogenen Rehabilitation. In: Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz. 54(4), S. 436–443. ISSN 1436-9990

Rollnik, Jens, Kirstin Riedel und Bernd Schmiedel, 2013. Qualitätsanforderungen an Einrichtungen der medizinisch-beruflichen Rehabilitation (Phase II). In: Prävention und Rehabilitation. 25(1), S. 14–17. ISSN 0937-552X

Schmidt, Simone, Melanie Boltzmann, Marco Brunotte et al., 2017. 5-Jahres-Follow-Up der multizentrischen Evaluationsstudien zur medizinisch-beruflichen Rehabilitation (MEmbeR). In: Die Rehabilitation. 56(5), S. 328–336. ISSN 0034-3536

7 Literaturhinweise

Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e.V. (BAR), Hrsg., 2018. Rehabilitation: Vom Antrag bis zur Nachsorge – für Ärzte, Psychologische Psychotherapeuten und andere Gesundheitsberufe. Berlin: Springer Nature. ISBN 978-3-662-54249-1

8 Informationen im Internet

Autor
Prof. Dr. Carl Heese
Professur für Rehabilitation an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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Zitiervorschlag
Heese, Carl, 2021. Medizinisch-berufliche Rehabilitation [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 08.01.2021 [Zugriff am: 26.01.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Medizinisch-berufliche-Rehabilitation

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