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Motologie

Prof. Dr. Stefan Schache

veröffentlicht am 14.10.2022

Ähnlicher Begriff: Psychomotorik

Etymologie: lat. movere bewegen, gr. logos Wort, Rede, Lehre

Die Motologie ist eine Wissenschaftsdisziplin, die sich grundlegend mit Theorien, Konzepten und Modellen von Körperlichkeit und Bewegung beschäftigt und damit versucht, das komplexe Zusammenspiel mit psychischen Prozessen des Menschen pädagogisch und therapeutisch aufzubereiten und im Sinne einer Angewandten Motologie nutzbar zu machen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Zu den Anfängen der Motologie
  3. 3 Zu den Ansätzen in der Motologie
  4. 4 Ausblick und Interdisziplinarität
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Die Motologie (u.U. auch Psychomotorik, siehe unten) ist eine Wissenschaftsdisziplin, die Körper und Bewegung in ihrem fachlichen Fokus hat und mit der Perspektive der (Persönlichkeits-) Entwicklung auf die Domänen Gesundheit und Bildung zielt. Die systematische Fachdiskussion um die Begriffe Körper und Bewegung sucht stets die theoretische Klärung sowie den Anwendungsbezug: dabei ist – bereits in den Anfängen und der Institutionalisierung der Motologie sichtbar – von einem Primat der Praxis auszugehen, das zwar nicht unumstößlich gilt, jedoch die Ausrichtung des Fachs in seiner humanwissenschaftlichen (teilweise auch lebenswissenschaftlichen) Einbettung klar aufzeigt. Im Mittelpunkt steht der leibliche Mensch in seinen Lebensvollzügen, in seiner Integrität und Würde – mitsamt den Implikationen für pädagogische und therapeutische Prozesse.

2 Zu den Anfängen der Motologie

Das Wissenschaftsgebiet der Motologie war und ist das Ergebnis der Verwissenschaftlichung einer psychomotorischen Praxis (siehe Psychomotorik), die v.a. in den 1970er-Jahren in Deutschland große Verbreitung und großen Anklang fand. Das in diesen Jahren geschaffene Gedanken- und Übungsgut der Psychomotorik sollte nun lehrbar gemacht und (weiter) theoretisch untersucht werden. Bis in diese Jahre galt die Psychomotorik eher als „Meisterlehre“, ein praxeologisches Konzept, das eng an die Person des Meisters (J.E. Kiphard) gebunden ist und ihr Selbstverständnis aus der Praxis und weniger aus theoretischen Begründungszusammenhängen gewinnt (Seewald 2011, S. 189; Fischer 2019, S. 16). Um aber die Erfolge dieser Psychomotorik zu begründen, brauchte man die Legitimationskraft der Wissenschaft: Mithilfe differenzierter Konzepte der Diagnostik, der Förderung und der Therapie strebte man ein vergleichbares Niveau zu anderen Verfahren im klinischen und pädagogischen Bereich an und suchte/​gewann damit die allgemeine Anerkennung. Die Anfangszeit der Verwissenschaftlichung war durch eine diagnostische Grundlegung dominiert (Schilling 1981).

In den Folgejahren wurde immer wieder darauf verwiesen, dass sich die Motologie erst noch in der Entstehung eines akademischen Wissenschaftsfachs befinde (Seewald 1993, S. 240), dass die Motologie noch in den Kinderschuhen stecke (Hammer 2004, S. 243) und weit davon entfernt sei, eine eigenständige, fundierte Theorie zu formulieren; dass sich das noch junge Wissenschaftsgebiet in keinem einheitlichen Fachgebiet mit einem widerspruchsfreien System voneinander abhängiger Aussagen zu präsentieren weiß (Fischer 2004, S. 9). Ein Prozess der Verstetigung des Fachs kann zwar mit der Gründung des Studiengangs der Motologie 1984 an der Philipps-Universität Marburg, später zeitweilig auch an der Universität Erfurt, einer Etablierung an der Hochschule Emden/Leer über einen interdisziplinären Studiengang Motologie sowie fachlichen Schwerpunkten an weiteren Hochschulen (Bochum, Darmstadt, Mönchengladbach, Kiel u.a.; siehe WVPM o.J.a), mit der Gründung eines eigenen Berufsverbands der Motologie (BVDM e.V.; siehe Motolog*in) und eigenen Fachzeitschriften (motorik oder Praxis der Psychomotorik) oder dem Wissenschaftlichen Verlag für Psychomotorik und Motologie (wvpm) aufgezeigt werden. Durch die im Vergleich geringe Anzahl an diplomierten Absolventinnen und Absolventen (jetzt Master of Arts), die geringe Anzahl an Promotionen und letztlich die geringe Anzahl an Professuren (deren Denomination deutschlandweit nur zwei Mal die Spezifikation Motologie beinhaltet) ist das Fach Motologie immer wieder in Rechtfertigungsprozesse eingebunden und in seiner Existenz zuweilen gefährdet. Das gilt v.a. für die Institutionalisierung des Fachs. Jüngst wurde jedoch die Motologie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung offiziell als sogenanntes Kleines Fach (BMBF 2016) anerkannt (Vetter 2021, S. 28), was in diesem Zusammenhang als ein Erfolg gewertet werden kann.

Für die Wissenschaftsdisziplin selbst gilt diese institutionelle Suche nach Anerkennung und Verstetigung nicht, die Relevanz und Wichtigkeit ihres Gegenstands und ihrer Schlüsselbegriffe sind quer durch unterschiedliche Disziplinen anerkannt: ob es die Bedeutung des Körpers und der Bewegung für pädagogische Überlegungen im Sinne von Entwicklung, Lernen und Bildung betrifft, ob es die Bedeutung der Körperlichkeit/​Leiblichkeit im Kontext von klinischen Fragestellungen angeht, die in therapeutischen und gesundheitsfördernden Interventionen münden oder ob es die gesellschaftliche/​-kritische Bedeutung des Körpers (bspw. im Hinblick auf Gesundheit) betrifft; die Motologie hat in ihrer kurzen Geschichte relevante Fragen angestoßen, die oftmals von angrenzenden, größeren Disziplinen aufgenommen und durch deren Stärke (institutioneller, personenbezogener und monetärer Art) breiter und tiefer weiterentwickelt wurde.

3 Zu den Ansätzen in der Motologie

Aus einer erfolgreichen psychomotorischen Praxis (v.a. in Kinder- und Jugendpsychiatrien, später auch in pädagogischen Settings) heraus entwickelten sich Forschungsfragen und -projekte, die mit der Zeit einer Ordnung und Systematisierung bedurften. Erkenntnistheoretische Strömungen prägen hierbei die Blickrichtungen auf v.a. Körper und Leib, Bewegung und Entwicklung. Dadurch kristallisierten sich verschiedene Ansätze heraus, die zurzeit und zumeist vier unterschiedliche Positionen in sich versammeln (Fischer 2019; Hölter 1998; Seewald 2010). Die Ansätze bilden in der Anwendungsorientierung des Fachs das Zentrum der Fachsystematik der Motologie. Je nach Autor und Autorin werden die Ansätze unter verschiedenen Sammelbegriffen aufgeführt. Im Folgenden wird sich an Seewald (2011, 2010) angelehnt. Hier wird unterschieden zwischen dem

  • Kompetenztheoretischen (oder auch handlungstheoretischen) Ansatz,
  • den (neuro-)physiologisch und -psychologisch orientierten Ansätzen,
  • dem Verstehenden Ansatz und
  • systemisch-konstruktivistischen und systemisch-ökologischen Positionen.

Ein jeder Ansatz unterscheidet sich (wissenschaftstheoretisch) in Bezug auf das Körpermodell, das Bewegungsmodell und die damit verbundenen Paradigmen und versammelt verschiedene Anwendungsfelder, Zielgruppen und Institutionen unter seiner Bezeichnung.

In den späten 1970er-Jahren wurde neben der diagnostischen Grundlegung (s.o.) v.a. eine Praxeologie in der Motologie entfaltet, die sich am Kompetenzmodell der pädagogischen Anthropologie von Heinrich Roth (1971) und der Aufteilung in Ich-, Sach- und Sozialkompetenz orientierte und entsprechende Erfahrungsfelder auftat: die Körper-, Material- und Sozialerfahrung. Diese grundlegend praxeologische Orientierung bestimmt die motologische Praxis noch heute, auch wenn theoretische Referenzen nicht immer deutlich sind.

Im Kompetenztheoretischen Ansatz werden neben der prominenten Stellung des Kompetenzmodells v.a. Bewegung und Wahrnehmung zum zentralen Gegenstand, in dem sie als die Bedingung der Möglichkeit von Handeln gesehen werden. So werden Bewegungsstörungen dementsprechend als Handlungsbeeinträchtigungen verstanden, die es durch differenzierte Bewegungs- und Wahrnehmungsübungen und v.a. -spiele zu verhindern gilt, bzw. die pädagogisch und therapeutisch im Sinne einer Förderung zu mildern/zu behandeln sind. Der Körper gilt hier also als Träger von Handlungen, die wiederum durch ein hinreichendes Repertoire an Bewegungs- und Wahrnehmungsmustern geknüpft sind (Seewald 2010, S. 293). Mit psychologischen Handlungstheorien, der Entwicklungstheorie von Piaget sowie Theorien der kulturhistorischen Schule wird dieser Ansatz begründet. Der Einbezug von Selbstkonzepttheorien (Zimmer 2012) und von Gesundheitstheorien (Haas 1999) gelten als Erweiterungen dieses Ansatzes. Vertreterinnen und Vertreter dieses Ansatzes sind neben Zimmer (2012) und Haas mit Golmert und Kühn (2014) u.a. auch Schilling (1981), Krus (2004), mit Jasmund (2015), Wendler (2001), Vetter (2001).

Unter der neurophysiologischen und neuropsychologischen Zugangsweise wird durch die Historie bedingt zuvorderst die Sensorische Integrationsbehandlung genannt. Die Basis hierfür leistet ein Entwicklungsverständnis des Zentralnervensystems, das die neuronalen Voraussetzungen und Steuerungen von Wahrnehmung und Bewegung klärt. Über die Integration unterschiedlicher taktil-kinästhetischer und vestibulärer, also basaler Sinnesreize wird der Organismus befähigt, auch komplexere Wahrnehmungs- und Bewegungssituationen (Praxie) zu meistern. Diese modulare Sichtweise auf Entwicklung, die in diesem Zusammenhang auf Jean Ayres „Bausteine kindlicher Entwicklung“ (1998) zurückgeht, ist mittlerweile wegen seiner wissenschaftlichen Validität umstritten. Dieser Ansatz verweist aber explizit auf die Materialität des Körpers (hier aus neuronaler Perspektive) und bietet damit Anschlussmöglichkeiten für weitere Überlegungen: So werden aktuell Konzepte und Ansätze diskutiert, die beispielsweise die Herzratenvariabilität im Kontext der Gesundheitsförderung untersuchen (Göhle 2017), die Hautleitfähigkeit im Kontext Tanzimprovisation und Gesundheit einbeziehen (Schmid 2011) oder traumatische Erfahrungen im Hinblick auf körperliche Korrelate (Einschreibungen in den Körper) fokussieren (Wuttig 2016).

Im Verstehenden Ansatz geht es um die jeweilige, individuelle Bedeutung der Bewegung, der anhand der großen Verstehenstraditionen nachgegangen wird. So bieten die Hermeneutik, (Leib-)Phänomenologie, Tiefenhermeneutik und Dialektik Verstehensweisen an, die auf die (kindliche) Bewegungssituationen bezogen sind und im Kontext von Entwicklungstheorien und Theorien des gesellschaftlichen Wandels eingebettet werden. Zentraler (theoretischer) Bezugspunkt ist hierbei der Leib als entsprechendes Körpermodell sowie die Leibphänomenologie als Erkenntnistheorie. Mithilfe dieser Referenzen wird der Mensch in seinen Leib- und Beziehungsthemen wahrgenommen, um im Hinblick auf Entwicklung und Entfaltung der eigenen Person Hinweise für eine Begleitung und Förderung zu erhalten. Mit dem Konzept der reflexiven Leiblichkeit ist zudem eine Möglichkeit des inneren Dialogs entstanden, die es jedem Einzelnen/​jeder Einzelnen ermöglicht, die leibliche Befindlichkeit wahrzunehmen und sie mit einem individuellen Befinden (kognitiv) abzugleichen. Nicht selten birgt eine so wahrgenommene leibliche Befindlichkeit eine gewisse Evidenz für Situationen und Entscheidungen. Dieser Ansatz ist in vielen motologischen Theoriebildungen und Konzeptentwicklungen eingegangen und kann als zentrales Moment der Motologie verstanden werden. Vertreter und Vertreterinnen sind hier u.a. Seewald (2007), Hammer (2004), Eckert (2004), Schache (2010), Jessel (2010).

Die systemisch-konstruktivistischen und systemisch-ökologischen Positionen zielen auf einer Metaebene auf die „Beobachter“abhängigkeit jeder Wahrnehmung und jeder Aussage, sodass „die Wahrheit“ und „die Objektivität“ keine zulässigen Begriffe und Bezeichnungen sind. Die Freilegung des Beobachtendenstandpunkts und der Sprechendenposition verschafft eine Relativierung und Aufweichung von Zuschreibungsprozessen von Störungen und hat damit eine entpathologisierende und machtkritische Wirkung. Die Konstruktion und Kategorisierung von Auffälligkeiten, Behinderungen und auch Abweichungen machen zuvorderst erstmal nur für den Beobachtenden Sinn. In der motologischen/​psychomotorischen Praxis sind zudem Methoden des systemischen Arbeitens aufgenommen, die beispielsweise zirkuläre Kommunikationsmuster oder die Familie in den Blick nehmen. In der ökologischen Variante spielen v.a. das Setting und die Gestaltung von Bewegungsumwelten im Sinne der Entwicklungstheorie Bronfenbrenners eine Rolle. Vertreter und Vertreterinnen dieser Positionen sind u.a. Balgo (2009), Richter-Mackenstein (2012), Fischer (2019)

4 Ausblick und Interdisziplinarität

Eine Fachsystematik, wie sie weiter oben mit den Ansätzen im Zentrum skizziert ist, ordnet die fachlichen Entwicklungen, klärt historische Zusammenhänge und setzt damit auch Priorisierungen, die wiederum zu neuen Entwicklungen und auch Erkenntnissen führen, die sich sodann einordnen (lassen). Diese Strukturierungsleistung ist nicht nur rückblickend für die eigene fachliche Kontur oder Identität (Profil) relevant, sie bahnt auch Forschungsprojekte an und ermöglicht neue Forschungsideen. Eine solche Systematik kann aber auch verschließen: ungewöhnliche Wege der Forschung können verdeckt werden, Forschungsprojekte übersehen oder auch verhindert werden … Es ist also in der Fachsystematik einer Wissenschaftsdisziplin selbst schon angelegt, dass sie sich verändert – andernfalls stünde sie dem Fortschritt im Wege. So muss auch die eben geschilderte Systematik immer auch als eine vorläufige gesehen werden, die sich nicht abschließt.

Das Fach Motologie steht vor weiteren Veränderungen, die inhaltlicher und auch institutioneller Art sind. Nicht nur die Sozialwissenschaften haben in ihrem sogenannten „bodyturn“ den Körper entdeckt, die Lebens- und Humanwissenschaften denken ihren Forschungsgegenstand zunehmend mit dem Körper und an dem Körper ausgerichtet. Begriffe wie Embodiment oder embodied cognition, aber auch der Leib oder integrative Körpermodelle sind geläufig und in den Mainstream-Diskursen unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen angekommen. Die Praxiserfahrungen der Psychomotorik und Motologie, die (teilweise) theoretische Klärung auftretender Phänomene in der Betrachtung wechselseitiger Beziehungen zwischen Psyche und Physis in pädagogischen und therapeutischen Situationen sowie die Einbettung motorischer Prozesse ins allgemeine Entwicklungsgeschehen hatten und haben genau diese Prozesse, die u.a. mit den „neuen“ Begriffen belegt sind, in ihrem Fokus. Jedoch ist die im Vergleich sehr kleine scientific community der Motologie oft nicht imstande, ihre ureigenen Themen gegenüber großen und etablierten Fächern zu behaupten (bspw. Schache 2013). Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist das nicht bedauernswert, floriert doch das Wissen weiter. Allerdings sind immer wieder Themen, wie die Bedeutung der Bewegung für kindliche Lernprozesse oder die grundlegende Berücksichtigung von Körperlichkeit/​Leiblichkeit in pädagogisch-therapeutischen Interaktionen sowie in der Gesundheitsförderung, schnell von angrenzenden, größeren Diskursen aufgenommen, erweitert und verfeinert worden (s.o.). Inhaltlich ist die gegenseitige Befruchtung unterschiedlicher Disziplinen gewollt und unbedingt notwendig. Institutionell ist es und wird es sodann schwierig, wenn man es nicht schafft, ein eigenes Profil zu etablieren (s.o.).

So kann sich die Motologie als Kleines Fach (s.o.) darauf konzentrieren, die richtigen kritischen Fragen zu stellen: Der Schwerpunkt kann darin bestehen, im Kontext Körper/Leib und Bewegung immer wieder ein Fragefeld zu eröffnen, das Entwicklungen (lebenswissenschaftlicher, gesellschaftlicher, … Art) auf den Prüfstein stellt und nach dem Gemäßen für den einzelnen Menschen fragt, sowohl in pädagogischen als auch in therapeutischen als auch in lebensweltlichen Settings oder die gesellschaftlichen Entwicklungen betreffend. Das Aufspüren von relevanten Fragestellungen (u.a. Responsivität der motologischen Forschung; bspw. Vetter 2021) hat dazu geführt, dass sich die Motologie immer wieder neue Felder erschlossen hat, die sich wissenschaftlich in Dissertationsthemen niedergeschlagen haben.

Die Themenvielfalt der letzten einschlägigen Dissertationen zeigt recht deutlich die Breite des Fachs Motologie und damit auch eine gewisse gesellschaftliche Relevanz auf. Aus einer motologischen Perspektive wurde sich u.a. beschäftigt mit dem Habitus und der Apartheid (Zeus 2005), mit einer psychomotorischen Gewaltprävention (Jessel 2010), mit den Auswirkungen neuer Produktionsmethoden auf die Gesundheit (Schröder 2009), mit Möglichkeiten einer motologischen Organisationsberatung(Schache 2010), mit der Körperpsychotherapie (Wolf 2010), mit dem Leib-Seele-Problem der Motologie (Kim-Blau 2014), mit erkenntnistheoretischen Fragestellungen im Sinne eines Eklektizismus in der Motologie (Richter 2011), mit der Adlerschen Individualpsychologie (Blos 2011), mit Flow-Erleben und Achtsamkeit in der Tanzimprovisation (Schmid 2011), mit dem Erfahrungsraum Natur im Kontext Entwicklung und Gesundheit (Späker 2017), mit der sozialintegrativen Komplexität von Gesundheit (Göhle 2019), mit einer motologischen Gesundheitsförderung in Organisationen am Beispiel eines Orchesters (Berg 2020) sowie mit der Evaluation psychomotorischer Entwicklungsförderungen (Martzy 2022).

Nicht genannt sind hier die Dissertationen und Forschungsprojekte, die in angrenzenden Disziplinen bearbeitet worden sind und sich explizit psychomotorisch verstehen (Überblick: WVPM o.J.b). Hat Seewald (2011) für die Unterscheidung Motologie und Psychomotorik noch vorgeschlagen, dass „der Begriff Motologie für einen Fachdiskurs mit eigener Fachsystematik“ steht (S. 190), die Psychomotorik als akademisches Fachgebiet dagegen „immer in andere größere Fachdiskurse eingebunden ist und keine eigene Fachsystematik entwickelt“ (ebd.), schlägt Vetter (2021) im Hinblick auf Responsivität in der Forschung und Professionalität jüngst vor, Motologie und Psychomotorik gleichermaßen und miteinander zu verwenden (a.a.O., S. 36). Nur so würden die Verdienste beider Begriffe gewürdigt und der internationale Anschluss im Hinblick auf das „naming“ gewährleistet.

Die Aufgabe des Fachs wird es sein, sich einen wissenschaftlichen Standpunkt und eine Berechtigung (weiter) zu erarbeiten, die es erlauben, als Kleines Fach mit eigenem Berufsstand und -verband Gehör zu finden – nicht nur im Sinne der Institutionalisierung und Wissenschaftlichkeit, sondern auch im Sinne der Menschen, die mithilfe motologischer Interventionen und Angebote ihr Leben ihnen gemäßer und vielleicht lebenswerter zu gestalten hoffen. Dazu braucht es die Interdisziplinarität und den Dialog auf Augenhöhe. Jüngste Herausgeber*innenwerke gehen genau diesem Anspruch nach (bspw. Vetter, Wuttig, Spahn und Göhle 2021; Huster, Schache und Wendler 2021; Wendler, Schache und Fischer 2021).

5 Quellenangaben

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6 Informationen im Internet

Verfasst von
Prof. Dr. Stefan Schache
Dipl. Motologe
Heilpädagogik/ Inklusive Pädagogik
Ev. Hochschule Bochum RWL
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Stefan Schache.

Zitiervorschlag
Schache, Stefan, 2022. Motologie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 14.10.2022 [Zugriff am: 28.01.2023]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/4169

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