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Motologin, Motologe

Prof. Dr. Stefan Schache

veröffentlicht am 20.10.2022

Etymologie: lat. movere bewegen, gr. logos Wort, Rede, Lehre

Englisch: motologist

Motologin bzw. Motologe ist die geschützte Berufsbezeichnung von Personen, die das Studium der Motologie an einer Hochschule (Universität, Fachhochschule) mit einem Diplom, Master of Arts (MA) oder Bachelor of Arts (BA) erfolgreich abgeschlossen haben und damit über eine wissenschaftliche Expertise verfügen, die sich auf den Gegenstand Körper und Bewegung bezieht, die Domänen Gesundheit und Bildung fokussiert, und die sie befähigt, Menschen in Einzel- und Gruppensettings in ihrer individuellen Entwicklung und im unmittelbaren Lebensvollzug über die gesamte Lebensspanne zu begleiten und zu unterstützen. Seinem Selbstverständnis nach ist der Beruf der Motologin, des Motologen ein Freier Beruf.

Überblick

  1. 1 Ausbildung
  2. 2 Anwendungs- und Tätigkeitsfelder
  3. 3 Kompetenzen
  4. 4 Berufsverband und Dachorganisation
  5. 5 Informationen im Internet

1 Ausbildung

Das Wissenschaftsfach der Motologie beschäftigt sich grundlegend mit Theorien, Konzepten und Modellen von Körperlichkeit und Bewegung und sucht das komplexe Zusammenspiel mit psychischen Prozessen des Menschen pädagogisch und therapeutisch aufzubereiten und nutzbar im Sinne einer Angewandten Motologie zu machen. Das Studium zielt darauf, Motologinnen und Motologen zu befähigen, bewegungsorientiert mit Menschen entwicklungsbegleitend und/oder gesundheitsfördernd und/oder erziehend/​bildend zu arbeiten, indem sie neben und mit einer grundlegend konsequenten, das heißt sinnhaften Individualisierung auf wissenschaftliche Methodologie und empirische Befunde zurückgreifen und wissenschaftlich valide Methoden zum Einsatz bringen. Dabei gelten der unmittelbare Kontakt und das unmittelbare Erleben als vorrangig. Aus diesem Grund legt die Ausbildung neben der grundlegenden wissenschaftlichen Ausrichtung Wert auf praktische Selbsterfahrungs- und Erlebensanteile. Durch den Zugang über Körperlichkeit (Leiblichkeit) und Bewegung erarbeiten sich Motologinnen und Motologen ein Erfahrungswissen, das sowohl in der Beziehung, im Kontakt mit den Menschen als auch in der Planung und Konzeption von Förderungs- und Begleitungsthemen als zentral und relevant anerkannt ist.

2 Anwendungs- und Tätigkeitsfelder

Die Anwendungs- und Handlungsfelder von Motologinnen und Motologen können unterschiedlich strukturiert werden, hier werden sie unterteilt durch die Bereiche Bildung, Gesundheit und Therapeutik, die selbstverständlich Überschneidungen bergen:

Im Bildungsbereich sind Motologinnen und Motologen u.a. tätig in:

  • Frühe Bildung (und auch Frühe Hilfen): bewegungs- und handlungsorientierte, psychomotorische Lern- und Spielformen im sozio-emotionalen, kognitiven und motorischen Bereich, Wahrnehmungsförderung und basale Förderungen etc. (Kindergärten und Kindertagesstätten, Bewegungskindergärten, Vorschulen und Schulkindergärten, offene Angebote, …)
  • Schulische Bildung: in unterschiedlichen Schulformen bewegungsorientiertes Lernen (bewegtes Lernen), pädagogische Angebote (Sozialkompetenz, Gewaltprävention, Selbstbehauptung, Schulangst, …) mit Fokus auf körperlich-leibliche Zugänge
  • Offene Bildungsangebote, die sich über und mit Körper/Körperlichkeit und Bewegung mit spezifischen Themen wie Gewalt(-prävention), Mädchen- und Jungenarbeit, Rollenakzeptanz o.ä. auseinandersetzen etc. (Jugendzentren, offene Einrichtungen, Kursangebote öffentlicher und privater Träger, …)
  • Seniorenzentren und Angebote für ältere Menschen: Bewegungs- und Wahrnehmungsthemen, (leibliche) Biografiearbeit, Mobilität, Sturzprophylaxe 
  • Aus-, Fort- und Weiterbildungsbereich: in Universitäten, (Fach-)Hochschulen, Akademien, Volkshochschulen u.a. mit motologischen Themen zu Bildung, Gesundheit, Entwicklung.

Im Gesundheitsbereich sind Motologinnen und Motologen u.a. tätig in:

  • Gesundheitsförderung einzelner Klient:innen, im Bildungsbereich, in Betrieben und Unternehmen: Gesundheit integrativ mit Bewegung, Körper und Leib denken und entsprechende Angebote durchführen
  • im Bereich Entspannung: in unterschiedlichen Settings (u.a. in Kliniken) körperbasierte Entspannungstechniken mit unterschiedlicher Klientel anbieten
  • Coaching: bewegungs- und körperbasierte Begleitung und Unterstützung in unterschiedlichen Lebensphasen und -krisen

In therapeutischen Settings sind Motologinnen und Motologen u.a. tätig in:

  • Frühe Hilfen und Frühförderung: durch diagnostisches Vorgehen und Indikation mototherapeutische, spezifisch motologische Bewegungs- und Wahrnehmungsübungen und -spiele anbieten, entwicklungsrelevante Spiel- und Bewegungssituation inszenieren, bzw. psychomotorische Entwicklungstherapie anwenden. In Kooperationen mit anderen Professionen Entwicklungs- und Therapieangebote kreieren (Sozialpädiatrische Zentren, [heilpädagogische] Praxen, Einrichtungen der Behindertenhilfe u.a.)
  • Kinder- und Jugendpsychiatrien: mototherapeutische, bewegungsorientierte, psychomotorisch-entwicklungstherapeutische Angebote zu bestimmten Indikationen und Diagnosen in Einzel- und Gruppensettings in Zusammenarbeit mit weiteren Professionen und ähnlichen Angeboten (bspw. Bewegungstherapie, Kunsttherapie, …)
  • Psychiatrische Einrichtungen: motologische, mototherapeutische Angebote, die auch körperpsychotherapeutisches Wissen und Erfahrung einschließen, zu unterschiedlichen Diagnosen und Indikationen der Patient:innen mit psychiatrischem Behandlungsbedarf (Kliniken, gemeindepsychiatrische Angebote, ambulante Angebote u.a.)
  • Psychosomatik: motologische und körperpsychotherapeutische (Weiterbildung ist hier notwendig) Angebote in Kliniken, ambulanten Settings
  • Geriatrie: auf das Lebensalter bezogene motologische Bewegungs-, Wahrnehmungs- und Spielangebote, die therapeutisch indiziert sind
  • Nachsorge, Nachbetreuung: ambulante Angebote, die körper- und bewegungsorientiert die Lebensthemen der (ehemaligen) Patient:innen in den Blick nehmen.

3 Kompetenzen

Motologinnen und Motologen arbeiten körper- und bewegungsbezogen mit Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen, mit verschiedenen Indikationen und Anlässen. Zentraler Zugang und Aspekt sind hierbei das Beziehungs- und Kontaktgeschehen zwischen Motologin/​Motologen und dem Kind, dem Klienten/der Klientin oder der Patientin/dem Patienten, das in der Motologie durch die (Zwischen-)Leiblichkeit konstituiert ist: Menschen begegnen sich leiblich. Ausgehend von dieser Grundannahme differieren motologische Ansätze und Konzepte, die Körper, Bewegung, Entwicklung, Handlung unterschiedlich fassen und verschiedene Praxeologien ausbilden. Ein professionelles Wissen um diese ist für die motologische Praxis notwendig, da neben theoretischen Zugängen hier auch Wirkungen und Wirkweisen überprüft werden.

Die motologische Praxis speist sich weiterhin aus Erfahrungswissen, das zunehmend dazu führt, methodische Zugangsweisen zu eröffnen, zu verfeinern und graduelle Unterschiede wahrzunehmen (zu spüren) lehrt. Dieses prozessuale Können kann theoretisch gefasst und versprachlicht werden, der Vollzug im leiblichen Kontakt zur Welt bildet jedoch erst diese individuelle und professionelle Expertise aus. Darüber hinaus erweisen sich didaktische Überlegungen hinsichtlich der individuellen Entwicklungsthemen und Bedürfnisse (Passung) durch einen zunehmenden Erfahrungsreichtum erst als prägnant.

Für die motologische Praxis braucht es zuletzt eine entsprechende Reflexionsfolie, die durch den körperlich-leiblichen Bezug zur Klientel neben diskursiven Methoden der Reflexion eben die körperlich-leibliche Ebene im Sinne eines (Nach-)Spürens, einer Resonanz, eines Betroffenseins fokussiert. Mit dieser Ebene der Reflexion über therapeutische, pädagogische Situationen treten nicht selten Evidenzen zutage, die diskursiv verschüttet blieben.

Im motologischen Diskurs, aber auch in anderen therapeutischen und pädagogischen Disziplinen, wird häufig der Begriff der Haltung und der professionellen Haltung als ein wirkmächtiger Faktor in der Praxis mitgedacht. Neben den pädagogischen und therapeutischen Grundwerten, die sich mit einer humanistischen Tradition gut fassen lassen, haben für den Motologen und die Motologin v.a. ein „Zugang“ zur eigenen Leiblichkeit (reflexive Leiblichkeit) einen hohen Stellenwert sowie eine Affinität zur Bewegung im weitesten Sinne – und dies wiederum klienten- und individuumszentriert im Hinblick auf Beziehung und Kontakt (Zwischenleiblichkeit).

4 Berufsverband und Dachorganisation

Motologinnen und Motologen haben die Möglichkeit, sich im Berufsverband der Motologie e.V. (BVDM) zu organisieren. Der Berufsverband bietet ihnen Möglichkeiten des fachlichen Austauschs, der Fort- und Weiterbildung und des berufspolitischen Engagements. Themenspezifische Arbeitsgruppen (freie Praxen, tarifliche Eingruppierungen und Entgelte, …) sowie die Fachzeitschrift motorik im Reinhard Verlag stehen den Mitgliedern zur Verfügung.

Der Berufsverband ist Mitglied in der Dachorganisation der Deutschen Gesellschaft für Psychomotorik (DGfPM), die sich wiederum im Europäischen Forum (European Forum of Psychomotricity engagiert, um die zentralen Entwicklungen in Europa mitzugestalten. In der Deutschen Gesellschaft für Psychomotorik sind noch die Deutsche Akademie Aktionskreis Psychomotorik e.V. (DAKP), der Deutsche Berufsverband der MotopädInnen/​MototherapeutInnen e.V. (DBM), die Wissenschaftliche Vereinigung für Psychomotorik und Motologie e.V. (WVPM), die Sektion 5 der Aus-. Fort- und Weiterbildungsinstitutionen sowie der Bundesverband der Psychomotorikvereine in Deutschland (BVPM) vertreten.

5 Informationen im Internet

Verfasst von
Prof. Dr. Stefan Schache
Dipl. Motologe
Heilpädagogik/ Inklusive Pädagogik
Ev. Hochschule Bochum RWL
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Es gibt 2 Lexikonartikel von Stefan Schache.

Zitiervorschlag
Schache, Stefan, 2022. Motologin, Motologe [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 20.10.2022 [Zugriff am: 28.01.2023]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/29272

Link zur jeweils aktuellsten Version: https://www.socialnet.de/lexikon/Motologin-Motologe

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