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Mototherapie

Prof. Dr. Stefan Schache, Prof. Dr. Holger Jessel

veröffentlicht am 30.03.2026

Etymologie: lat. motor Beweger; gr. therapeia Pflege, Behandlung

Englisch: mototherapy

Die Mototherapie ist eine bewegungs‑ und körperorientierte Methode zur Behandlung von Auffälligkeiten und Störungen im psychomotorischen sowie senso‑ und soziomotorischen Verhaltens‑ und Leistungsbereich. Sie basiert auf dem komplexen Zusammenspiel von Bewegen, Wahrnehmen, Denken und Erleben in sozialer Situierung und nutzt diese Erkenntnisse der Wechselwirkung zwischen Körperlichkeit/​Bewegung und psychischen Prozessen des Menschen, um unterstützende, begleitende und heilende Angebote zu gestalten.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Ursprünge und Entwicklung
    1. 2.1 Psychomotorik und Mototherapie
    2. 2.2 Verbreitung und Professionalisierung
    3. 2.3 Therapeutische Zentrierung
  3. 3 Fachsystematische Einordnung
    1. 3.1 Mototherapie in der Fachsystematik der Motologie
    2. 3.2 Mototherapie und Motopädagogik
  4. 4 Begriffsklärungen
    1. 4.1 Praxis
    2. 4.2 Wissenschaft
    3. 4.3 Beruflicher Kontext
    4. 4.4 Verwandte Therapieverfahren
  5. 5 Konzeptionelle Grundlagen
    1. 5.1 Leib und Bewegung
    2. 5.2 Entwicklungs‑ und Individuumszentrierung
    3. 5.3 Das Prinzip des Verstehens
    4. 5.4 Zielsetzung und Inhalte
  6. 6 Praktische Umsetzung
  7. 7 Mototherapie bei Kindern und Jugendlichen
  8. 8 Mototherapie bei Sensorischen Integrationsstörungen
  9. 9 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Der Ursprung der Mototherapie liegt in den 1950er-Jahren in der Psychomotorik. Ihre Entwicklung wurde maßgeblich von Ernst J. Kiphard geprägt. Der Ansatz besitzt aus seiner Sicht eine vermittelnde Rolle zwischen somatisch (körperlich) und psychisch orientierten Verfahren. Er befindet sich hiernach im Schnittpunkt zwischen Physio‑ und Psychotherapie.

Als Teilbereich der Motologie fokussiert die Mototherapie die motorische Entwicklung (Motogenese) des Menschen, die daraus gewonnenen Verfahren der Motodiagnostik sowie die Auffälligkeiten und Störungen dieser Entwicklung (Motopathologie). Insgesamt umfasst die mototherapeutische Arbeit die Bereiche Diagnostik, Indikation, Intervention und Evaluation.

Aus therapeutischer Perspektive geht es mit den Mitteln von Bewegung und Spiel um die Linderung von Störungen (mit Krankheitswert) sowie die Wiederherstellung und Verbesserung von Gesundheit. Als ein ganzheitliches und mehrdimensionales Verfahren greift die Mototherapie auf Erkenntnisse weiterer Disziplinen zurück, sodass die Wahrnehmungsverarbeitung, die Bewegungskompetenzen, die Erlebnisfähigkeit, die emotionale Befindlichkeit und das soziale Verhalten der Klientel präzise verstanden werden können.

Die psychomotorische Orientierung in der Mototherapie kommt in den Prinzipien der Ganzheitlichkeit, Kindgemäßheit, Entwicklungs‑ und Lernbezogenheit und der Handlungs‑ und Kommunikationsorientierung zum Ausdruck. Zusätzlich sind in der Mototherapie – im Unterschied zur Motopädagogik – eindeutige therapeutische Zielvorstellungen im Hinblick auf Sachbezogenheit und Funktionsbestimmtheit erforderlich, die die Schwächen und Stärken der Adressat*innen gleichermaßen in den Blick nehmen. In etwas anderer – defizitorientierterer – Terminologie geht es in der Mototherapie darum, Entwicklungsblockaden und Störungen im psychomotorischen Bereich zu mildern oder aufzuheben, indem neben der Förderung sensorischer und motorischer Kompetenzen emotionale und soziale Persönlichkeitsbereiche angesprochen werden.

2 Ursprünge und Entwicklung

2.1 Psychomotorik und Mototherapie

Die Anfänge der Mototherapie liegen in der Psychomotorik, welche sich vor allem in kinder‑ und jugendpsychiatrischen Kontexten entwickelte und auf das Engste mit dem Sportpädagogen und späteren Professor für Motopädagogik als Prävention und Rehabilitation am Institut für Sportwissenschaften der Universität Frankfurt Ernst J. Kiphard verbunden ist. Ab Ende der 1950er-Jahre entwickelte er – gemeinsam mit dem Kinderpsychiater Helmut Hünnekens und seinen engen Mitarbeiter*innen Ingrid Schäfer, Helga Brinkmann und Georg Kesselmann – in der Westfälischen Klinik für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie die Psychomotorische Übungsbehandlung. Diese etablierte sich etwas später vor allem in der Folge von Forschungsbemühungen im diagnostischen Bereich. Gemeinsam mit den klinisch-heilpädagogisch orientierten Psychologen Dietrich Eggert und Friedhelm Schilling verhalfen sie dem Ansatz zu großer Bekanntheit.

Die enge Zusammenarbeit von Sportpädagogik, Medizin bzw. Psychiatrie und Psychologie mündete unter anderem in die Konzeption „Erziehung durch Bewegung“ (Kiphard und Huppertz 1968; Hünnekens und Kiphard 1963), die sich in der sonderpädagogischen Schulpraxis schnell etablierte (Kiphard 1990a, S. 28).

2.2 Verbreitung und Professionalisierung

Das Fehlen einer Dachorganisation für bewegungspädagogisch bzw. ‑therapeutisch arbeitende Fachkräfte veranlasste Kiphard 1974 zur Etablierung einer interdisziplinären Interessensgemeinschaft mit dem Namen „Arbeitskreis spezielle Bewegungspädagogik und psychomotorische Therapie“, aus der 1976 schließlich der Aktionskreis Psychomotorik e.V. entstand (Zimmer 2019, S. 17). Wesentliche Ziele des Vereins bestanden darin, das Fachgebiet wissenschaftlich zu fundieren und zu systematisieren sowie Curricula für die Weiterbildung sowie für die Fach‑ und Hochschulausbildung zu entwickeln. Dies führte unter anderem zur Unterscheidung in Mototherapie und Motopädagogik, die allerdings damals schon unter dem Sammelbegriff „Psychomotorik“ zusammengefasst wurden (Thimme, Deimel und Hölter 2021, S. 4). In der Folge wurde 1983 an der Philipp-Universität Marburg der Studiengang Motologie eingerichtet, dessen erster Lehrstuhlinhaber Gerd Hölter als Professor für Mototherapie war.

2.3 Therapeutische Zentrierung

Neben ersten funktionalen und später kompetenz‑ sowie handlungsorientierten Ansätzen der Psychomotorik und Motologie setzte Hölter aufgrund seiner Erfahrungen mit tiefenpsychologisch orientierten Bewegungstherapien in den USA besondere Impulse. Es entstand daraus die themengebundene Bewegungsarbeit (Hölter 1993a; 1993b; 2011), die die Bedeutung der Bewegung und des Bewegungserlebens vor einem entwicklungspsychologischen und psychoanalytischen Hintergrund betrachtete, der später mit salutogenetischen und resilienztheoretischen Ansätzen (Thimme, Deimel und Hölter 2021, S. 44–51) sowie Konzepten zur Selbstwirksamkeit erweitert wurde (Beckmann-Neuhaus 2015, S. 186). Damit waren für die Mototherapie, die sich im Unterschied zur Motopädagogik vor allem im klinischen Setting wiederfindet, ein bestimmtes Körper‑ und Bewegungsverständnis, eine Entwicklungs‑ und Individuumszentrierung sowie das Prinzip des Verstehens konstitutiv. Kiphard formuliert diesbezüglich (Kiphard 1990a, S. 14):

„In einer psychomotorisch geleiteten MOTOTHERAPIE kann es nicht allein darum gehen, Störungssymptome zu diagnostizieren und an ihnen herumzutherapieren. MOTOTHERAPIE muss sich in erster Linie an der individuellen Problemlage des einzelnen Patienten orientieren.“

3 Fachsystematische Einordnung

3.1 Mototherapie in der Fachsystematik der Motologie

Die Mototherapie findet sich – wie in Abbildung 1 dargestellt – neben der Motopädagogik als eine Seite der Angewandten Motologie (aber auch der Motopädie). „Motopädagogik und Mototherapie verstehen sich als Anwendungsfelder der Psychomotorik (Motologie)“, so Fischer (2019, S. 180).

Die Motologie wurde während der Gründungsphase als „Lehre der Motorik als Grundlage der Handlungs‑ und Kommunikationsfähigkeit des Menschen, ihrer Entwicklung, ihrer Störungen und deren Behandlung“ (Schilling 1981, S. 187) verstanden. Die Mototherapie stellt in dieser Fachsystematik den Bereich dar, der auf einen (soweit möglich) klaren Störungsbegriff für daraus folgende Indikationen und Interventionen zielt.

Für betroffene Kinder formuliert Schilling (1981, S. 185), dass es ihnen an einem breiten Erfahrungsschatz, an Generalisierungsmöglichkeiten und an variablen Anpassungsmöglichkeiten des Gelernten an neue Situationen fehle. Die ihnen zur Verfügung stehenden Wahrnehmungs‑ und Bewegungsmuster waren nur in alltäglichen, eingeschliffenen Situationen anwendbar. Die Symptomatik wurde „als Ausdruck nicht nur gestörter Funktionen, sondern einer gestörten Persönlichkeitsstruktur“ (Schilling 1993, S. 59) verstanden, aus der eine hohe Verletzbarkeit, Irritierbarkeit und Selbstunsicherheit resultierte (Schilling 1981, S. 185).

Die Mototherapie hat hier die Aufgabe, den Menschen in der Form anzuregen, dass er sich handelnd seine Umwelt erschließt, um seinen Bedürfnissen entsprechend auf sie einwirken zu können. Vielfältige Wahrnehmungs‑ und Bewegungserfahrungen sollen in Handlungssituationen vermittelt werden, um eine Verbesserung der Anpassungsfähigkeit zu erreichen (Schache 2010, S. 99).

Aufbau des Fachgebietes Motologie
Abbildung 1: Aufbau des Fachgebietes Motologie (eigene Darstellung nach Schilling 1981, S. 187, in Schache 2010, S. 73)

3.2 Mototherapie und Motopädagogik

Die Mototherapie weist eine große Nähe zur Motopädagogik auf, die als Konzept der Persönlichkeitsbildung über motorische Lernprozesse verstanden wird. Es kann daher von keiner klaren systematischen Ordnung gesprochen werden. Auch Kiphard (1990a) ging davon aus, dass „kein genereller, sondern nur ein gradueller Unterschied zwischen den Lerninhalten der Motopädagogik und der Mototherapie besteht. Allein in der Schwerpunktsetzung und der im Störungsbereich notwendigen Akzentuierung und Intensivierung symptomatischer Zielorientiertheit sowie in der Methodik unterscheidet sich die Therapie von der Pädagogik“ (Kiphard 1990a, S. 21).

Fischer (2019) gelangt hier jedoch zu einer etwas anderen Einschätzung:

„Auch wenn Schilling die Mototherapie wegen ihrer konzeptionellen Ähnlichkeit als Sonderform der Motopädagogik bezeichnet, ist die kategoriale Trennung von pädagogischem und therapeutischem Feld als Tribut für das Ziel der Anerkennung der Mototherapie als Behandlungsmethode im medizinisch dominierten Gesundheitsbereich anzusehen“ (Fischer 2019, S. 181).

Diese berufspolitisch motivierte Abgrenzung kann aus unterschiedlichen Gründen als nur begrenzt erfolgreich eingeschätzt werden. Aufgrund der zahlreichen Überschneidungen und Ungenauigkeiten gilt die ursprüngliche Fachsystematik mittlerweile als überholt. Ein Hauptargument ist, dass sich die psychomotorische Praxis zwischen dem pädagogischen und dem therapeutischen Paradigma ansiedelt und sich mittlerweile (paradigmatisch) als psychomotorische Entwicklungsförderung bzw. ‑begleitung versteht, die Anteile motopädagogischer und mototherapeutischer Zugänge in sich vereint (Zimmer 2019, S. 19–23; Krus 2004; Haas 1999; Fischer 2019).

Überdies muss herausgestellt werden: Obwohl die ersten Forschungsarbeiten (Eggert und Kiphard 1972) vor allem aus kinder‑ und jugendpsychiatrischer Sicht bereits in den späten 1960er-Jahren begannen, muss heute kritisch festgehalten werden, dass „in der Gegenwart […] die Ausstrahlung der Mototherapie deutlich nachgelassen [hat]. Auch sind der Entwicklung von Behandlungsansätzen Bemühungen zur Evaluation der Effekte nicht gleichermaßen gefolgt. Diese sind aber in Zeiten evidenzbasierter Medizin unablässig“ (Steinhausen 2010, S. 454).

4 Begriffsklärungen

4.1 Praxis

Der Begriff der Mototherapie wird in der Praxis weiterhin verwendet. Meist wird er erweitert um die Benennung „Psychomotorische Entwicklungsförderung“ oder „Psychomotorische Therapie“. So nennt sich ein großer Verein in Münster beispielsweise „Verein für Mototherapie und Psychomotorische Entwicklungsförderung e.V.“. Die Klinik für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie, ‑psychosomatik und ‑psychotherapie der Universität Münster bezeichnet das Therapieangebot als „Mototherapie und psychomotorische Therapie“. Zahlreiche weitere Kliniken verwenden ebenfalls die Bezeichnung „Mototherapie“.

Allerdings berufen sich mehr als zwei Drittel der in der Kinder‑ und Jugendpsychiatrie tätigen Bewegungstherapeut*innen auf die Psychomotorik als ihr zugrunde liegendes Konzept (Welsche et al. 2009) – und nicht auf die Mototherapie. In der LWL-Universitätsklinik Hamm, der Ursprungsstätte der Psychomotorik in Deutschland, haben insbesondere der Nachfolger von Ernst J. Kiphard, Horst Göbel, und seine Mitarbeiter*innen Birgit Jarosch und Detlev Panten die Psychomotorische Übungsbehandlung zur Klinischen Psychomotorischen Therapie weiterentwickelt (Jarosch, Göbel und Panten 1989; Panten 2011).

Es herrscht also keine Eindeutigkeit in der Benennung und Verwendung von Begriffen.

4.2 Wissenschaft

In wissenschaftlichen Kontexten hat der Gebrauch des Begriffs der Mototherapie stetig abgenommen, sodass auch keine Forschungen und Forschungsergebnisse diesem Rückgang entgegentreten können.

4.3 Beruflicher Kontext

Im beruflichen Bereich sieht es dagegen noch anders aus. Durch das Berufsbild der Motopäd*innen und der Motolog*innen findet der Begriff der Mototherapie immer wieder (und immer noch) Verwendung. Mit ihm wird eine klare Diagnostik und Indikation vorausgesetzt. Evaluationen sind dagegen kaum zu finden (Steinhausen 2010, S. 454; Hölter 2013; Richter-Mackenstein 2017; Thimme, Deimel und Hölter 2021; Martzy 2023).

4.4 Verwandte Therapieverfahren

Es hat sich eine große Vielfalt im Bereich der bewegungsorientierten Therapieverfahren entwickelt. Viele Verfahren haben ähnliche Wurzeln und rekurrieren auf dieselben Theorie‑ oder Praxiskonzepte, haben aber je eigene Entwicklungen genommen und bestimmte Themenfelder besetzt. So ist eine inhaltliche Nähe vor allem zu folgenden Therapieverfahren festzustellen:

  • Bewegungstherapie (Hölter 2011; Thimme, Deimel und Hölter 2021)
  • Körperpsychotherapie (Geuter 2023)
  • Konzentrative Bewegungstherapie (Stippler-Korp und Schüller Galambos 2023)
  • Integrative Bewegungstherapie (Waibel und Jacob-Krieger 2018)

Und auch physio-, ergo‑ und psychotherapeutische Verfahren nutzen mototherapeutische und psychomotorische Elemente (u.a. Hölter 1993b).

5 Konzeptionelle Grundlagen

5.1 Leib und Bewegung

In der Mototherapie wird die Bewegung als Einheit von Wahrnehmen, Denken, Erleben und eben Bewegen gesehen, während der Körper vornehmlich als Leib gegriffen wird.

Im Leibbegriff wird sehr deutlich, inwiefern körperliche, psychische und kognitive Dimensionen zusammenhängen und präreflexiv sowie primordial verstanden werden können.

Mit der Zwischenleiblichkeit (Weltbezug) wird die Einbettung in das Soziale und Kulturelle betont, sodass sich auch Entwicklung, Biografie sowie Identität verkörpern bzw. mit dem Sozialen in kulturellen Kontexten verwoben sind.

Der Leib wird in mototherapeutischen Kontexten als Bedeutungs‑ und Symbolträger verstanden (Leibkörper). Damit liegt der Mototherapie ein Bewegungsbegriff zugrunde, der Bewegung als eine sinnhafte Handlung mit einer für jeden Menschen unterschiedlichen Bedeutung versteht (Hölter 1993b, S. 16).

5.2 Entwicklungs‑ und Individuumszentrierung

Die Entwicklungs‑ und Individuumszentrierung der Mototherapie wird über das aktuelle Selbsterleben der Klientel und ihre biografischen Erfahrungen hergestellt (Beckmann-Neuhaus 2015, S. 191). Der individuelle Bedeutungszusammenhang der Klientel ist dabei richtungsweisend für die Gestaltung der Therapieangebote. Es werden bewegungsorientierte Zugänge (in Bewegungssituationen, in Spürübungen, in Entspannungsangeboten und in Spielen) angeboten, die individuell angenommen und beantwortet werden können. So sollen sich (Lebens-)Themen im Entwicklungsgeschehen herauskristallisieren.

5.3 Das Prinzip des Verstehens

Das Verstehen begleitet den mototherapeutischen Prozess auf vielfältige Weise. Für die mototherapeutische Arbeit mit Erwachsenen im klinischen Setting kann beispielhaft formuliert werden:

„Es spiegelt sich zunächst in der Grundhaltung der [Mototherapeutin] wider, die dem Selbst‑ und Krankheitserleben der Patientin empathisch gegenübersteht und so für die Patientin eine therapeutische Beziehung des Verstandenwerdens gestaltet. Das Verstehen der Erkrankung in [ihrer] Gewordenheit, das Erkunden des Sinnzusammenhangs, in [dem] die Erkrankung steht – u.a. mit Fragen wie: Mit welcher aktuellen Thematik steht die Erkrankung in Zusammenhang? Welche früheren und frühen Lebenserfahrungen [,] insbesondere Beziehungserfahrungen [,] liegen zugrunde? Wo zeichnet sich ein defizitäres Erleben oder ein Grundkonflikt ab? Welche Selbstattribuierungen, welche dysfunktionalen Schemata, welche Lebensmotive, welche Themen sind zu erkennen? – ist Grundlage des mototherapeutischen Vorgehens“ (Beckmann-Neuhaus 2015, S. 191 f.).

5.4 Zielsetzung und Inhalte

Das Ziel der Mototherapie liegt in der Entwicklung von Handlungskompetenz, dem Erleben von Selbstwirksamkeit und dem Aufbau von Selbstvertrauen. Mit Hölter (1993b) kann hier präzisiert werden, dass die Ziele der Mototherapie sich in folgende Bereiche gliedern lassen:

  • Entwicklungsförderung
  • Selbsthilfe
  • Normenreflexion
  • Leiborientierung
  • Beeinflussung der psychischen Gesundheit

Als Basisziele können benannt werden (Hölter 1993b, S. 23 f.):

Die Inhalte der Mototherapie lassen sich damit wie folgt differenzieren (ebd.):

  • Gesundheit, Wohlbefinden
  • Spielen, Leisten, Kämpfen
  • Entspannung, Kontemplation
  • Kommunikation, Interaktion
  • Exploration, Awareness
  • Expression, Gestaltung
  • Inhalte mit Bezug zu anderen kreativen Medien

6 Praktische Umsetzung

Konkret wird in einer psychomotorischen Einzeltherapie (Mototherapie) davon ausgegangen, dass beispielsweise Verhaltensauffälligkeiten oder emotionale Störungen wie Ängstlichkeit oder auch Aggressivität häufig mit einer gestörten Selbstwahrnehmung und einem negativen Selbstkonzept auftreten. Daher werden Spiele und Übungen zur Körpererfahrung und zur Entdeckung und Entwicklung motorischer Fähigkeiten angeboten. In der Bewegungsinteraktion mit der Mototherapeutin oder dem Mototherapeuten geht es dann vornehmlich um die Stärkung des Selbstwertgefühls und den Aufbau eines realistischen, positiven Selbstkonzepts.

Die Settings können zu psychomotorischen Gruppentherapien erweitert werden, in denen dysfunktionale Verhaltensweisen abgebaut, soziale Verhaltensweisen eingeübt sowie Konfliktlösungen erarbeitet werden (Sozialkompetenz). Ebenso ist eine Erweiterung zu psychomotorischen Familientherapien möglich (Hammer und Paulus 2002; Krus 2013; Richter-Mackenstein 2014).

Damit werden die Stabilisierung und die Stärkung im Selbsterleben durch Spiele, Übungen und Situationen zur Selbstvergewisserung, zur Vermittlung von Kompetenzen zur Symptombewältigung und zur Ressourcenaktivierung angestrebt. Der gesamte Entwicklungsprozess steht dabei im Fokus. Hinsichtlich der krankheitsbedingenden und ‑bedingten Anteile werden spezifisch das Selbstwerterleben, der Umgang mit Belastungsanforderungen, Autonomieerleben, Interaktions‑ und Beziehungsmuster sowie Konfliktbearbeitung thematisch in Bewegungssituationen fokussiert (Hölter 1993b; Hölter 2011; Beckmann-Neuhaus 2015; Thimme, Deimel und Hölter 2021).

7 Mototherapie bei Kindern und Jugendlichen

Für die mototherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in ambulanten und stationären Zusammenhängen ändert sich nichts an den grundlegenden Prinzipien: So werden auch hier ganzheitlich organisiert der Entwicklungsstand und die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen in den Vordergrund gestellt, um an Stärken und Fähigkeiten ausgerichtete Angebote zu gestalten. An der primären Entwicklungswelt der Kinder und Jugendlichen ansetzend, soll zunächst das Körpergefühl durch Bewegung und Spiel gestärkt werden, um die aktive Auseinandersetzung mit der materialen und sozialen Umwelt zu fördern. Schwerpunkte können dabei auch auf die Erarbeitung von Kontakt‑ und Kommunikationsfähigkeiten oder die zwischenmenschliche Beziehung gelegt werden.

8 Mototherapie bei Sensorischen Integrationsstörungen

Der Ansatz der Mototherapie bei Sensorischen Integrationsstörungen nach Kesper und Hottinger (2024) erreichte im Kontext der Sensorischen Integration nach A. Jean Ayres (2016) gewisse Bekanntheit. Das zugrunde liegende Entwicklungsverständnis bezieht sich auf bestimmte „Bausteine der kindlichen Entwicklung“ (ebd.), die eine Abfolge von Verarbeitungsschritten in der Bearbeitung von Sinnesinformationen (Sensorische Integration) darlegen und darauf aufbauend eine differenzierte Diagnostik und Therapie bei fehlerhaften Prozessen entwickeln. Durch das Herausstellen elementarer und basaler Wahrnehmungsleistungen in der kindlichen Entwicklung liegt ein mototherapeutischer Zugriff nahe. Auch wenn die Sensorische Integrationsbehandlung ergotherapeutischer Herkunft ist, ist die mototherapeutische Formulierung und Erweiterung sehr prägnant. Mit besonderem Blick auf motorische Entwicklungsschritte, unter anderem auch durch die Betonung frühkindlicher Reflexe, gelingt den Autorinnen Kesper und Hottinger (2024) eine differenzierte Darlegung mototherapeutischer Praxis, welche sich deutlich neurophysiologisch versteht und sich damit klar in der Tradition funktionaler Perspektiven in der Mototherapie und Motologie wiederfindet.

9 Quellenangaben

Ayres, Anna Jean, 2016. Bausteine der kindlichen Entwicklung: Sensorische Integration verstehen und anwenden: Das Original in moderner Neuauflage. 6., korrigierte Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer. ISBN 978-3-662-52890-7 [Rezension bei socialnet]

Beckmann-Neuhaus, Dorothee, 2015. Mototherapie – Die Umsetzung des psychomotorischen Gedankens in der klinischen Arbeit mit psychisch erkrankten Erwachsenen. In: Astrid Krus und Christina Jasmund, Hrsg. Psychomotorik in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Stuttgart: Kohlhammer, S. 186–205. ISBN 978-3-17-022684-5 [Rezension bei socialnet]

Eggert, Dietrich und Ernst J. Kiphard, Hrsg., 1972. Die Bedeutung der Motorik für die Entwicklung normaler und behinderter Kinder: Zusammenfassung von Referaten und Forschungsarbeiten vorgelegt zum Internationalen Motorik-Symposium in Frankfurt (März 1971). Schorndorf: Hofmann

Fischer, Klaus, 2019. Einführung in die Psychomotorik. 4., überarbeitete und erweiterte Auflage. München: Reinhardt. ISBN 978-3-8252-4802-4 [Rezension bei socialnet]

Geuter, Ulfried, 2023. Körperpsychotherapie: Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer. ISBN 978-3-662-66152-9

Haas, Ruth, 1999. Entwicklung und Bewegung: Der Entwurf einer angewandten Motologie des Erwachsenenalters. Schorndorf: Hofmann. ISBN 978-3-7780-7022-2

Hammer, Richard und Frank Paulus, 2002. Psychomotorische Familientherapie – Systeme in Bewegung. In: Motorik. 25(1), S. 13–19. ISSN 0170-5792

Hölter, Gerd, Hrsg., 1993a. Mototherapie mit Erwachsenen: Sport, Spiel und Bewegung in Psychiatrie, Psychosomatik und Suchtbehandlung. Schorndorf: Hofmann. ISBN 978-3-7780-7831-0

Hölter, Gerd, 1993b. Selbstverständnis, Ziele und Inhalte der Mototherapie. In: Gerd Hölter, Hrsg. Mototherapie mit Erwachsenen: Sport, Spiel und Bewegung in Psychiatrie, Psychosomatik und Suchtbehandlung. Schorndorf: Hofmann, S. 12–33. ISBN 978-3-7780-7831-0

Hölter, Gerd, 2011. Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen: Grundlagen und Anwendung. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag. ISBN 978-3-7691-3714-9

Hölter, Gerd, 2013. Psychomotorik in Deutschland am Beginn des 21. Jahrhunderts. Lücken und Tücken eines Erfolgsmodells. In: Motorik. 36(1), S. 9–17. ISSN 0170-5792

Jarosch, Birgit, Horst Göbel und Detlev Panten, 1989. Von der Psychomotorischen Übungsbehandlung zur Psychomotorischen Therapie. In: Tilo Irmischer und Klaus Fischer, Red. Psychomotorik in der Entwicklung. Schorndorf: Hofmann, S. 147–162. ISBN 978-3-7780-7981-2

Kesper, Gudrun und Cornelia Hottinger, 2024. Mototherapie bei Sensorischen Integrationsstörungen: Eine Anleitung zur Praxis. 10., durchgesehene Auflage. München: Reinhardt. ISBN 978-3-497-03252-5

Kiphard, Ernst J., 1990a. Mototherapie – Teil 1. 3., erweiterte Auflage. Dortmund: verlag modernes lernen. ISBN 978-3-8080-0226-1

Kiphard, Ernst J., 1990b. Mototherapie – Teil 2. 3., erweiterte Auflage. Dortmund: verlag modernes lernen. ISBN 978-3-8080-0227-8

Kiphard, Ernst J., 2001. Motopädagogik. 9., verbesserte und aktualisierte Auflage. Dortmund: verlag modernes lernen. ISBN 978-3-8080-0486-9

Kiphard, Ernst J. und Hubert Huppertz, 1968. Erziehung durch Bewegung: Leibesübungen mit geschädigten Kindern. Bad Godesberg: Dürr

Krus, Astrid, 2004. Mut zur Entwicklung: Das Konzept der psychomotorischen Entwicklungstherapie. Schorndorf: Hofmann. ISBN 978-3-7780-7026-0

Krus, Astrid, 2013. Geschwisterbeziehungen im Kontext der psychomotorischen Entwicklungstherapie. In: Joseph Richter-Mackenstein und Amara Renate Eckert, Hrsg. Familie und Organisation in Psychomotorik und Motologie. Marburg: wvpm, S. 121–140. ISBN 978-3-944254-00-5

Krus, Astrid, 2015. Psychomotorik – Gegenstandsbestimmung. In: Astrid Krus und Christina Jasmund, Hrsg. Psychomotorik in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Stuttgart: Kohlhammer, S. 36–56. ISBN 978-3-17-022684-5 [Rezension bei socialnet]

Martzy, Fiona, 2023. Evaluation im motologischen Kontext: Entwicklung eines Orientierungsmodells für motologische Evaluationsvorhaben. Münster: Waxmann. ISBN 978-3-8309-4655-7 [Rezension bei socialnet]

Panten, D., 2011. Klinische Psychomotorische Therapie: Konzeption, Evaluation und Wirkfaktoren. In: Holger Jessel, Hrsg. Die Kunst mit der Vielfalt umzugehen: 35 Jahre Aktionskreis Psychomotorik e.V. Lemgo: Verlag Aktionskreis Psychomotorik, S. 97–117. ISBN 978-3-86342-252-3

Richter-Mackenstein, Joseph, 2014. Leiblicher Ausdruck und Familie in der systemischen Kinder‑ und Jugendlichentherapie. In: András Wienands, Hrsg. System und Körper: Der Körper als Ressource in der systemischen Praxis. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 45–59. ISBN 978-3-525-40191-0 [Rezension bei socialnet]

Richter-Mackenstein, Joseph, 2017. Status-quo und Megatrends: Von Errungenschaften, zwingenden Notwendigkeiten und zukünftigen Herausforderungen für Psychomotorik und Motologie. In: Joseph Richter-Mackenstein und Kimon Blos, Hrsg. Megatrends und Werte: Zukunftsweisende Themen und Herausforderungen für Psychomotorik und Motologie. Marburg: wvpm, S. 15–37. ISBN 978-3-944254-07-4

Schache, Stefan, 2010. Die Kunst der Unterredung: Organisationsberatung: ein dialogisches Konzept aus motologischer Perspektive. Wiesbaden: VS Verlag. ISBN 978-3-531-17261-3

Schilling, Friedhelm, 1981. Grundlagen der Motopädagogik. In: Armin Clauss, Hrsg. Förderung entwicklungsgefährdeter Kinder und behinderter Heranwachsender. Erlangen: Perimed, S. 184–194. ISBN 978-3-88429-061-3

Schilling, Friedhelm, 1993. Motodiagnostik und Mototherapie. In: Tilo Irmischer und Klaus Fischer, Hrsg. Psychomotorik in der Entwicklung. 2. Auflage. Schorndorf: Hofmann, S. 55–60. ISBN 978-3-7780-7982-9

Schilling, Friedhelm, 1996. Motologie – das Marburger Konzept. In: Jochen Werle, Hrsg. Forschung im Sport mit Sondergruppen. Heidelberg: Institut für Sport und Sportwissenschaft, S. 59–88. ISBN 978-3-928919-06-7

Schilling, Friedhelm, 2020a. Von der Psychomotorik zur Motologie – Einblicke und Ausblick Teil 1: Entwicklung des Fachgebietes Motologie. In: motorik. 43(3), S. 108–112. ISSN 0170-5792

Schilling, Friedhelm, 2020b. Von der Psychomotorik zur Motologie – Einblicke und Ausblick Teil 2: Grundlegende Annahmen und Entwicklungen. motorik. 43(4), S. 164–168. ISSN 0170-5792

Steinhausen, Hans-Christoph, 2010. Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen: Lehrbuch der Kinder‑ und Jugendpsychiatrie und ‑psychotherapie. München: Elsevier, Urban & Fischer. ISBN 978-3-437-21081-5 [Rezension bei socialnet]

Stippler-Korp, Maria und Silvia Schüller Galambos, 2023. Hrsg. Konzentrative Bewegungstherapie: Psychotherapie mit Leib und Seele. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-042777-8 [Rezension bei socialnet]

Thimme, Till, Hubertus Deimel und Gerd Hölter, 2021. Bewegung und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen: Grundlagen – Störungsbilder – Therapie. Stuttgart: Schattauer. ISBN 978-3-608-40014-4 [Rezension bei socialnet]

Waibel, Martin J. und Cornelia Jacob-Krieger, 2018. Integrative Bewegungstherapie: Störungsspezifische und ressourcenorientierte Praxis. Stuttgart: Schattauer. ISBN 978-3-608-42367-9

Welsche, Mone, Cordula Stobbe, Georg Romer und Gerd Hölter, 2009. Psychomotorik und Bewegungstherapie in der Kinder‑ und Jugendpsychiatrie. Eine Studie zu Rahmenbedingungen und Akzeptanz. In: Praxis der Psychomotorik. 34(4), S. 172–177. ISSN 0170-060X

Zimmer, Renate, 2019. Handbuch Psychomotorik: Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern. Überarbeitete Neuausgabe (14. Gesamtauflage). Freiburg i. Br.: Herder. ISBN 978-3-451-38580-3

Verfasst von
Prof. Dr. Stefan Schache
Dipl. Motologe
Psychomotorik und Motologie
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