Multiperspektivische Fallarbeit
Prof. Dr. Torsten Linke
veröffentlicht am 02.03.2026
Multiperspektivische Fallarbeit ist ein Verfahren der Sozialen Arbeit, das darauf abzielt, die unterschiedlichen Bezugsrahmen, Perspektiven und Handlungslogiken der an einem Fall beteiligten Personen und Institutionen zu erfassen und in der Fallarbeit zu berücksichtigen. Es bietet Fachkräften der Sozialen Arbeit eine Möglichkeit, die Komplexität eines Falls zu erkennen, zu ordnen und das methodische Vorgehen strukturiert zu entwickeln.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Entstehungskontext und Entwicklung
- 3 Konzeptionelle Idee der Multiperspektivität
- 4 Methodisches Verfahren
- 5 Quellenangaben
1 Zusammenfassung
Die multiperspektivische Fallarbeit geht auf Burkhard Müller zurück, der das Konzept 1993 in seinem Lehrbuch Sozialpädagogisches Können entwickelte. Ziel des Verfahrens ist es, die Komplexität von Fällen in der Sozialen Arbeit zu erfassen und strukturiert zu bearbeiten. Grundlegende Idee ist dabei der bewusste Perspektivenwechsel zwischen unterschiedlichen Bezugsrahmen – etwa rechtlichen, (sozial-)pädagogischen oder therapeutischen –, die in einem Fall wirksam sind. Neben den Bezugsrahmen anderer Professionen und Institutionen sind die Perspektiven der Adressat:innen und ihrer Bezugspersonen sowie die Perspektive der fallverantwortlichen Fachkraft selbst einzubeziehen.
Das methodische Verfahren gliedert sich in vier Bereiche:
- die Bildung von Fall-Dimensionen zum Umgang mit Komplexität
- die Einteilung des Fallarbeitsprozesses in Phasen
- das Schema der Fallmatrix zur Zusammenführung von Informationen und Planung der Fallarbeit sowie
- die Formulierung von Arbeitsregeln und Fragen.
Die multiperspektivische Fallarbeit ist als Verfahren der Einzelfallhilfe grundsätzlich in allen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit anwendbar.
2 Entstehungskontext und Entwicklung
2.1 Burkhard Müller und die Entwicklung des Konzepts
Der Begriff und die Entwicklung des methodischen Verfahrens der multiperspektivischen Fallarbeit gehen auf Burkhard Müller zurück (1993). Müller veröffentlichte 1993 die erste Auflage seines Bandes: Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. Der ersten Auflage folgten bis 2012 weitere sechs Auflagen.
In dieser als Lehrbuch für die Soziale Arbeit angelegten Publikation führt Müller sein Konzept für ein professionelles methodisches Handeln in der Fallarbeit aus. Ihm ging es darum, ein Verfahren zu entwickeln, in dem sich wissenschaftliche Grundlagen mit einer praxisorientierten Ausrichtung verbinden lassen. Ziel ist ein strukturiertes und planvolles Vorgehen, das die Komplexität von Fällen erfassbar macht und die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten einbezieht. Ausgehend von Fallbeispielen werden Arbeitsregeln und Fragen formuliert, die Orientierung für das methodische Handeln geben. Konkrete Ausführungen zu möglichen Techniken und Instrumenten, die in den einzelnen Phasen methodisch eingesetzt werden können, werden von Müller nicht vorgenommen (2012, S. 8 f.). Hier bieten sich ergänzende Veröffentlichungen an (Ader und Schrapper 2020; Ehlers et al. 2017; Linke 2025; Hochuli Freund und Stotz 2021; Pantuček-Eisenbacher 2019).
2017 erschien nach dem Tod von Müller eine von Ursula Hochuli Freund (2017) überarbeitete, aktualisierte und erweiterte Auflage. Hochuli Freund (2017) nimmt darin eine konsequente begriffliche Verschiebung hin zur Sozialen Arbeit vor (S. 8). Zudem unterstreicht sie den Nutzen des Lehrbuchs für alle Handlungsfelder der Sozialen Arbeit, in denen Fallarbeit im Rahmen von Einzelfallhilfe stattfindet (S. 9). Auch wenn die Überlegungen Müllers von der Kinder‑ und Jugendhilfe ausgehen und sich die Fallbeispiele darauf beziehen, lassen sich die Ausführungen des methodischen Ansatzes übertragen (ebd.).
2.2 Einordnung und Anwendungsfelder
Die multiperspektivische Fallarbeit kann als Verfahren in die Methode der Einzelfallhilfe eingeordnet und grundsätzlich in allen Handlungsfeldern angewendet werden (Linke 2025, S. 176 ff.; Rätz 2018, S. 50 ff.). Als Beispiele lassen sich hier die Arbeiten von Jens Borchert (2021) zum Jugendstrafvollzug und von Rita Hansjürgens (2018) zur Suchthilfe nennen, die den multiperspektivischen Ansatz aufgreifen.
2.3 Rezeption
Die Arbeit von Müller und dessen Ansatz zu einer multiperspektivischen Fallarbeit waren ein wichtiger Meilenstein in der Professionalisierung des methodischen Handelns und haben die Weiterentwicklung der Fallarbeit in der Einzelfallhilfe geprägt (Hansjürgens 2022, S. 164 f.). Peter Pantuček-Eisenbacher beschrieb bereits 2007 das Buch Sozialpädagogisches Können als Klassiker und bescheinigte den Überlegungen zur multiperspektivischen Fallarbeit einen zeitlosen Charakter (2007).
Gleichzeitig weist Pantuček-Eisenbacher auf einen kritisch zu diskutierenden Umstand hin: die Ausrichtung auf einen sozialpädagogischen – und nicht auch sozialarbeiterischen – Kontext, der bereits im Titel deutlich wird (ebd.). Müller (2012) verwendet in den überarbeiteten Auflagen zwar den Begriff Soziale Arbeit, hält jedoch, wenn es um konzeptionelle und methodische Fragen geht, am Begriff sozialpädagogisch fest. Die Ausrichtung der Fallbeispiele orientiert sich am Handlungsfeld der Kinder‑ und Jugendhilfe (S. 10) und greift die Vielfalt sozialarbeiterischer Fallarbeits-Kontexte in der Einzelfallhilfe unzureichend auf. In ihrer Überarbeitung des Bandes geht Hochuli Freund (2017) auf die Erweiterung der Perspektive hin zu einem sozialarbeiterischen Handeln ein und nimmt eine „sanfte Aktualisierung“ des Lehrbuchklassikers vor (S. 10).
Cornelia Füssenhäuser kommt in einer Rezension zur achten Auflage des Bandes zu dem Schluss, dass das Buch durch die Überarbeitung auch fast drei Jahrzehnte nach der Erstauflage nicht an Aktualität verloren hat (2020).
3 Konzeptionelle Idee der Multiperspektivität
Die konzeptionelle Idee der multiperspektivischen Fallarbeit wird von Müller und Hochuli Freund wie folgt zusammengefasst:
„Unter multiperspektivischem Vorgehen wird im vorliegenden Konzept ein bewusster Perspektivenwechsel zwischen unterschiedlichen Bezugsrahmen verstanden“ (Müller und Hochuli Freund 2017, S. 23).
Und:
„Multiperspektivisches Vorgehen heißt zum Beispiel, die leistungs‑ und verfahrensrechtlichen, die pädagogischen, die therapeutischen oder gegebenenfalls auch die medizinischen sowie die fiskalischen Bezugsrahmen eines Jugendhilfe-Falles nicht miteinander zu vermengen, aber dennoch sie als wechselseitig füreinander relevante Größen zu behandeln und in gekonnter Kooperation mit anderen Fachleuten zu bearbeiten“ (ebd.).
Die Berücksichtigung von unterschiedlichen Bezugsrahmen, in die ein Fall eingebettet ist, entspricht einem interdisziplinären und multiprofessionellen Verständnis der Sozialen Arbeit. Einerseits sind zu bearbeitende Fälle aufgrund der mit ihnen verbundenen sozialen Problemlagen oft auch Fälle (oder werden es) für andere Professionelle, Institutionen und Behörden. Diese Situation ist immer dann gegeben, wenn es aufgrund formaler und struktureller Gegebenheiten dazu kommt, dass mehrere professionelle Institutionen mit den Adressat:innen arbeiten.
Andererseits sind Fälle oft nur durch den Einbezug interdisziplinären Wissens zu verstehen und die sozialen Problemlagen können nur dadurch analysiert und angemessen eingeschätzt werden (Linke 2025, S. 122 ff.). Dieses Wissen kann teils von den fallverantwortlichen Fachkräften der Sozialen Arbeit eingebracht werden, teils von den Adressat:innen und teils von anderen Expert:innen.
Falleinschätzungen und die Planung und Durchführung von daraus folgenden Hilfemaßnahmen sind gerade in komplexen Fällen ohne Kooperationen im professionellen Netzwerk nicht möglich. Das Konzept der Multiprofessionalität ist für die Soziale Arbeit vor allem im Rahmen von Einzelfallhilfe ein wichtiger konzeptioneller Baustein (Bauer 2018, S. 727 ff.). Die Praxis erfordert im Sinne der Adressat:innen Multiprofessionalität und diese kann ohne die Idee einer multiperspektivischen Fallarbeit nicht angemessen umgesetzt werden (Bauer 2018, S. 727 ff.; Linke 2025, S. 176 ff.).
Die Bezugsrahmen, in die ein Fall eingebettet ist, stehen somit im Zusammenhang mit anderen Professionellen und Institutionen. Damit verbunden sind jeweils spezifische Perspektiven und Handlungslogiken auf einen Fall (Linke 2022a). Das heißt, der Blick auf die sozialen Probleme, die Ressourcen, die Stärken der Adressat:innen, die Einschätzung der Lebenslage der Betroffenen, die mögliche Unterstützung und die Ziele, die zur Überwindung der Problemlage zu erreichen wären, kann sich professions‑ und handlungsfeldspezifisch deutlich unterscheiden.
Einzubeziehen sind diese Bereiche auch, um eine Überforderung und Erschöpfung der Adressat:innen durch zu viele gleichzeitige Interventionen zu vermeiden. Auch dies kann nur durch eine Kooperation und Abstimmung unter den Professionellen mit den betroffenen Menschen gelingen.
Die Adressat:innen und deren familiäres und soziales Umfeld bringen ebenso ihre individuelle Perspektive ein und haben eigene Handlungslogiken, die die Fallarbeit beeinflussen (Linke 2022a; 2025, S. 177 f.). Fallarbeit kann nur auf der Grundlage von Beziehungsarbeit gelingen (Linke 2021; 2025, S. 143). Dazu ist es notwendig, die Sichtweisen der betroffenen Menschen einzubeziehen und deren Bestrebungen zum Umgang mit der Problemlage anzuerkennen.
Ein dritter Punkt neben den anderen Professionellen und den Adressat:innen betrifft die fallverantwortliche Fachkraft selbst. Deren subjektive, fachspezifische und berufsethische Perspektive beeinflusst ebenfalls die Sicht auf den Fall und damit auch die Fallarbeit (Linke 2022a; Linke 2025, S. 169 f.).
Diese Punkte zeigen auf, dass eine Fallarbeit in der Sozialen Arbeit immer von mehreren Perspektiven geprägt ist, die einbezogen werden müssen, um einen Fall zu erfassen, zu verstehen und bearbeiten zu können. Ein multiperspektivisches Verständnis ist daher grundlegend für ein professionelles methodisches Handeln. Das Handeln benötigt ein Verfahren, um dabei planvoll und strukturiert vorgehen und die verschiedenen Perspektiven berücksichtigen zu können.
4 Methodisches Verfahren
Das Verfahren für das methodische Handeln kann in vier zentrale Bereiche differenziert werden:
- Den Umgang mit Komplexität: Die Bildung von Fall-Dimensionen.
- Den Prozess der Fallarbeit: Die Einteilung in Phasen.
- Die Zusammenführung der Informationen und Überlegungen zu einem Fall: Das Schema der Fallmatrix.
- Die Vorschläge zum sozialarbeiterischen Handeln: Die Formulierung von Arbeitsregeln und Fragen.
4.1 Die Dimensionen eines Falls
Die Komplexität eines Falls ergibt sich aus der sozialen Problemlage, die sich oft aus speziellen Problemen zusammensetzt (bspw. kann längere und nicht freiwillige Erwerbslosigkeit zu finanziellen, materiellen und strukturellen Problemen führen und soziale Beziehungen sowie das eigene Wohlbefinden ungünstig beeinflussen) (Linke 2025, S. 124). Die sich aus den oben erwähnten unterschiedlichen Bezugsrahmen ergebenden Perspektiven und Handlungslogiken im Fall führen im Kontext mit der sozialen Problemlage zu einer weiteren Erhöhung der Komplexität. Um diese Komplexität zu überschauen, kann ein Fall in verschiedene Dimensionen differenziert werden.
Fall von: Die erste Dimension umfasst die Sachverhalte, mit denen ein Fall verbunden ist. In dieser Dimension werden alle wichtigen Aspekte erfasst und abgewogen, mit denen der Fall sachlich beschrieben und eingeordnet werden kann (Müller und Hochuli Freund 2017, S. 46 ff.). Das können rechtliche, fachliche und theoretische Aspekte sein. Da Fälle in der Sozialen Arbeit immer einen rechtlichen, meist sozialrechtlichen, und fachlichen sowie sozialen Bezug haben, kann es sich bspw.:
- um einen Fall von … besonderen sozialen Schwierigkeiten nach § 67 SGB XII und einen Fall von Wohnungslosigkeit und einen Fall von Mietschulden und einen Fall von Einsamkeit handeln oder:
- um einen Fall von Kindeswohlgefährdung nach § 8a SGB VIII und einen Fall von Vernachlässigung und einen Fall von nicht förderlicher Erziehung und einen Fall von Überforderung der Eltern handeln, aus dem im weiteren Verlauf ein Fall von Erziehungshilfe bspw. ein Fall von Sozialpädagogischer Familienhilfe nach § 31 SGB VIII wird.
Fall für: Diese Dimension umfasst die Professionellen, die mit einem Fall befasst sind (Müller und Hochuli Freund 2017, S. 47). Dazu gehören alle Personen und Institutionen, die aufgrund ihrer jeweiligen beruflichen Perspektive bereits im Fall aktiv und zukünftig bei der Fallarbeit zu berücksichtigen sind. Diese Professionellen sollten kooperativ zusammenarbeiten, um eine Unterstützung zu planen und zu gestalten, die für die Situation und das Wohl der betroffenen Menschen förderlich ist. Institutionen und Fachkräften der Sozialen Arbeit kommt dabei oft eine moderierende und vermittelnde Rolle zu. Diese Idee findet sich auch in anderen Verfahren der Einzelfallhilfe zur Durchführung von Fallarbeit wie dem Case-Management und der Kooperativen Prozessgestaltung (Ehlers et al. 2017; Hochuli Freund und Stotz 2021). So kann es sich bspw.:
- in einem Fall von Wohnungslosigkeit aufgrund der ordnungsrechtlichen und sozialrechtlichen Grundlage um einen Fall für Behörden wie die Polizei, das Ordnungsamt und das Sozialamt handeln, ebenso um einen Fall für eine Beratungsstelle eines freien Trägers der Wohnungslosenhilfe und um einen Fall für eine psychotherapeutische Ambulanz.
- in einem Fall von Erziehungshilfe nach §§ 27 ff. SGB VIII handelt es sich immer auch um einen Fall für das Jugendamt als Behörde, speziell um einen Fall für den Allgemeinen Sozialen Dienst als Abteilung und einen Fall für den (freien) Träger, der die Erziehungshilfe wie eine Sozialpädagogische Familienhilfe umsetzt. Ebenso kann es sich um einen Fall für weitere Instanzen handeln, wie Schulen, medizinische und therapeutische Einrichtungen oder Behörden wie das Jobcenter, die mit dem Fall aufgrund eines Sachaspekts (Fall von…) verbunden und im Fall aktiv sind.
Fall mit: Diese Dimension ist für die Durchführung der Fallarbeit in der Einzelfallhilfe von besonderer Bedeutung. Müller und Hochuli Freund (2017) betonen den Beziehungsaspekt als Grundlage einer gelingenden Fallarbeit und formulieren folgende Arbeitsregel:
„Bearbeitung als Fall mit heißt davon auszugehen, dass Fälle nur gemeinsam mit den Betroffenen gelöst werden können und, dass die größte Herausforderung aller Fallarbeit darin besteht, deren Mitarbeit zu gewinnen und die Hindernisse dafür abzubauen“ (a.a.O., S. 48).
Die Dimension Fall mit verweist auf die Aufgabe für Fachkräfte eine möglichst vertrauensvolle Arbeitsbeziehung zu gestalten (Linke 2021; 2025, S. 143 ff.). Diese ist verbunden mit professioneller Nähe und nötiger Distanz und der Herausforderung einer (immer wieder) herzustellenden Balance in diesem Verhältnis (Linke 2025, S. 143). Müller (2012) selbst räumt ein, dass die von ihm vorgegebene Reihung der Fall-Dimensionen nicht ganz schlüssig und durchaus auch problematisch ist, denn die Frage, mit wem im Fall gearbeitet wird und eine Arbeitsbeziehung herzustellen ist, sollte in der Praxis an erster Stelle stehen (a.a.O., S. 43).
Es bestünde ansonsten das Risiko, die Adressat:innen und deren Sichtweise und den Beziehungsaufbau zu vernachlässigen und sich als Fachkraft zu sehr auf die Sachaspekte zu fokussieren. Dieser Umstand sollte Professionellen bewusst sein und reflektiert werden. In der Praxis könnten ansonsten Falleinschätzungen, Ziele und Interventionen abgeleitet werden, die Lebenslagen, Ressourcen, Stärken, Wünsche, Ziele und Lösungsideen der Adressat:innen nicht oder nur unzureichend berücksichtigen (Linke 2025, S. 227 ff.). Die Annahme und auch die Wirkung eines Unterstützungsangebots hängen u.a. von diesen Kriterien ab. In der Dimension Fall mit werden die Menschen erfasst, die von der sozialen Problemlage und der daraus folgenden Fallarbeit persönlich und privat betroffen sind und mit denen eine Arbeitsbeziehung eingegangen werden muss. Das können bspw. sein:
- Im Fall von (drohender) Wohnungslosigkeit und einem Fall für eine Beratungsstelle der Wohnungslosenhilfe ein Fall mit der Person, die als Betroffene den Anlass einbringt und die Beratungsstelle aufsucht, ebenso ein Fall mit weiteren Familienangehörigen, die mit der Person in einem Haushalt leben und ebenfalls direkt betroffen sind. Es kann auch ein Fall mit Verwandten und Bekannten aus dem sozialen Umfeld werden, wenn diese Menschen mit der betroffenen Person sozial verbunden sind, ihr bspw. Hilfe anbieten und eine wichtige soziale Ressource darstellen, und wenn die Fachkraft auch mit diesen Menschen zusammenarbeitet.
- Im Fall von Erziehungshilfe und einem Fall für das Jugendamt und einem Fall für den Träger, der das Leistungsangebot erbringt, ist es ein Fall mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen und ein Fall mit deren Sorgeberechtigten. Mit diesen Menschen müssen die fallverantwortlichen Fachkräfte eine Arbeitsbeziehung aufbauen. Ebenso können weitere wichtige Bezugspersonen in den Blick kommen und es kann auch ein Fall mit den sozialen Eltern, den biologischen Eltern (falls diese nicht das Sorgerecht haben), den Pflegeeltern, ein Fall mit (sozialen) Geschwistern und ein Fall mit den Großeltern sein.
4.2 Die Einteilung in Phasen
In der Einzelfallhilfe findet sich in allen etablierten Verfahren die Einteilung in Phasen. Dadurch sollen eine Planung des Arbeitsprozesses und eine strukturierte, transparente und nachvollziehbare Fallarbeit gewährleistet werden. Dieses Vorgehen schließt an den Klassischen Dreischritt an und findet sich heute in erweiterter und differenzierterer Form. Grundlegend ist dabei ein zirkuläres Denken und Handeln im Prozess (Linke 2022b; 2025, S. 165 ff.). Müller (2012) schlägt eine Einteilung in vier Phasen vor (S. 65 ff.). Diese Phasen werden mit Arbeitsfragen gekoppelt, die das Vorgehen strukturieren sollen (Müller und Hochuli Freund 2017):
- Anamnese: Welche Informationen und Fakten gibt es? Was wissen wir und woher und von wem wissen wir etwas zur Fallsituation? Wie kam das Wissen zustande? Welches Wissen gibt es noch? (a.a.O., S. 119)
- Diagnose: Wer hat welches Problem? Was ist für wen ein Problem? Wer hat welche Ressourcen? Wie ist die Situation zu verstehen? Was ist am wichtigsten und am vordringlichsten zu bearbeiten? Wer hat welche Aufträge? Wer erteilt welches Mandat? Was muss/soll sich verändern? Was könnten wir zur Lösung/zur Minderung des sozialen Problems tun? (a.a.O., S. 147)
- Intervention: Was ist zu tun? Was hat Priorität? Wie können wir gemeinsam handeln? Wer macht was und wann und wie und wozu? (a.a.O., S. 157)
- Evaluation: Was hat die Intervention gebracht? Was wurde durch die Hilfe erreicht? Was lief gut und was nicht und warum? Was müssen wir ändern? (a.a.O., S. 171 ff.).
4.3 Das Schema der Fallmatrix
Die zwei oben genannten Punkte, die Einteilung eines Falls in Dimensionen und in Phasen, können in einer Fallmatrix zusammengeführt werden (Müller und Hochuli Freund 2017, S. 83, 104). Dieses Vorgehen ermöglicht es, den multiperspektivischen Ansatz im Prozess nicht aus den Augen zu verlieren. Je komplexer ein Fall ist, umso mehr Perspektiven werden in einem Fall vorhanden sein und desto bedeutender wird es, diese im Blick zu haben und angemessen zu berücksichtigen (Linke 2025, S. 176 ff.).
Neben der oft vorliegenden inhaltlichen und sozialen Komplexität sind Fälle durch zwei weitere Kriterien gekennzeichnet:
- Fälle sind immer dynamisch – Lebenslagen verändern sich – und
- Fälle sind mit zeitlichen fallspezifischen Entwicklungsphasen verbunden, die Fallarbeit kann sich bspw. über mehrere Jahre erstrecken (Linke 2022a und b).
Dafür sind Instrumente wichtig, die hilfreich sind, um die Komplexität, alles sachlich Wesentliche für den Fall und alle relevanten Fallbeteiligten über den gesamten zeitlichen Prozess zu erfassen. Die Fallmatrix bietet eine Möglichkeit, die multiperspektivische Fallarbeit zu unterstützen, indem die Fall-Dimensionen, die Phasen der Fallarbeit und die damit zusammenhängenden Aufgaben zusammengeführt werden können (Müller und Hochuli Freund 2017, S. 104).
Ebenso sind Techniken für ein professionelles methodisches Handeln wichtig, die in den Phasen eingesetzt werden können. Für die multiperspektivische Fallarbeit werden hier Arbeitsregeln und Arbeitsfragen für die Fallarbeit und speziell die einzelnen Phasen vorgeschlagen (Müller und Hochuli Freund 2017).
Die konzeptionelle Idee einer multiperspektivischen Fallarbeit fand und findet Eingang in die Entwicklung von Praxiskonzepten, die Diskussionen zur Fallarbeit und die Weiterentwicklung von Verfahren in der Einzelfallhilfe. Das methodische Vorgehen zeigt sich heute meist in ausdifferenzierteren Phasen. Zur Unterstützung des professionellen methodischen Handelns in diesen Phasen werden in der einschlägigen Literatur verschiedene Techniken und Instrumente besprochen (Ader und Schrapper 2020; Ehlers et al. 2017; Hochuli Freund und Stotz 2021; Linke 2025).
5 Quellenangaben
Ader, Sabine und Christian Schrapper, 2020. Sozialpädagogische Diagnostik und Fallverstehen in der Jugendhilfe. München: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 978-3-8252-5354-7 [Rezension bei socialnet]
Bauer, Petra, 2018. Multiprofessionalität. In: Gunther Graßhoff, Anna Renker und Wolfgang Schröer, Hrsg. Soziale Arbeit. Wiesbaden: Springer, S. 727–739 [Zugriff am: 26.02.2026]. PDF e-Book. ISBN 978-3-658-15665-7. doi:10.1007/978-3-658-15666-4_50. [Rezension bei socialnet]
Borchert, Jens, 2021. Pädagogik im Strafvollzug. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-6383-7 [Rezension bei socialnet]
Ehlers Corinna, Frank Schuster und Matthias Müller, 2017. Stärkenorientiertes Case Management: Komplexe Fälle in fünf Schritten bearbeiten. Opladen: Barbara Budrich. ISBN 978-3-8474-0614-3 [Rezension bei socialnet]
Füssenhäuser, Cornelia, 2020. Rezension vom 29.07.2020 zu: Burkhard Müller, Ursula Hochuli Freund: Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. Freiburg: Lambertus, 2017. 8., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7841-2757-6. In: socialnet Rezensionen [online]. [Zugriff am: 05.12.2025]. ISSN 2190-9245. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/​24018.php
Hansjürgens, Rita, 2018. In Kontakt kommen: Analyse der Entstehung einer Arbeitsbeziehung in Suchtberatungsstellen. Baden-Baden: Tectum. ISBN 978-3-8288-4152-9 [Rezension bei socialnet]
Hansjürgens, Rita, 2022. Ein Fall für Soziale Arbeit. Handlungstheoretische Überlegungen zu einer sozialarbeiterischen Fallkonstruktion. In: Soziale Arbeit. 71(5), S. 162–170 [Zugriff am: 26.02.2026]. ISSN 0490-1606. doi:10.5771/0490-1606-2022-5-162
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Linke, Torsten, 2022a. Fall [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 19.01.2022 [Zugriff am: 10.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/6509
Linke, Torsten, 2022b. Fallarbeit [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 24.10.2022 [Zugriff am: 26.02.2026]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/​29553
Linke, Torsten, 2025. Einzelfallhilfe in der Sozialen Arbeit. Baden-Baden: Nomos. ISBN 978-3-7560-1409-5 [Rezension bei socialnet]
Müller, Burkhard, 1993. Sozialpädagogisches Können: Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. Freiburg: Lambertus. ISBN 978-3-7841-0681-6
Müller, Burkhard, 2012. Sozialpädagogisches Können: Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. 7. Auflage. Freiburg: Lambertus. ISBN 978-3-7841-2117-8
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Pantuček-Eisenbacher, Peter, 2007. Rezension vom 20.09.2007 zu: Burkhard Müller: Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. Freiburg: Lambertus, 2006. 4. Auflage. ISBN 978-3-7841-1649-5. In: socialnet Rezensionen [online]. [Zugriff am; 05.12.2025]. ISSN 2190-9245. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/4649.php
Pantuček-Eisenbacher, Peter, 2019. Soziale Diagnostik: Verfahren für die Praxis Sozialer Arbeit. 4., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht. ISBN 978-3-525-71145-3 [Rezension bei socialnet]
Rätz, Regina, 2018. Einzelfallhilfe. In: Braches-Chyrek, Rita und Jörg Fischer, Hrsg. Handlungsmethoden der Sozialen Arbeit. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S. 47–76. ISBN 978-3-8340-1865-6 [Rezension bei socialnet]
Verfasst von
Prof. Dr. Torsten Linke
Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
Fakultät Architektur und Sozialwissenschaften
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