Naturraumpädagogik
Ingrid Miklitz
veröffentlicht am 24.03.2026
Die Naturraumpädagogik ist ein pädagogischer Ansatz, der Naturräume als mit anderen Lebewesen und Entitäten geteilte Daseinsräume anerkennt. Sie orientiert sich an verantwortungsethischen Grundsätzen und zielt darauf, Beeinträchtigungen durch pädagogische Nutzung auf ein Minimum zu beschränken sowie das Bewusstsein für die Daseinsberechtigung nichtmenschlicher Lebewesen zu fördern.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Begriffsbestimmung
- 3 Vorläufer und Wegbereiter
- 4 Grundlagen und Prinzipien
- 5 Ziele
- 6 Praktische Umsetzung
- 7 Bedeutung für frühkindliche Bildung
- 8 Quellenangaben
1 Zusammenfassung
Die Naturraumpädagogik entwickelte sich vor dem Hintergrund eines wachsenden Umweltbewusstseins seit den 1970er-Jahren und der rechtlichen Verankerung des Umweltschutzes im Grundgesetz 1994. Im Gegensatz zu anthropozentrischen Ansätzen betrachtet sie Naturräume nicht primär als Ressource für menschliche Bildungsprozesse, sondern als Lebensräume mit eigenem Wert. Die Naturraumpädagogik fordert einen Perspektivwechsel: vom nutzenorientierten Zugriff auf Natur hin zu einem sorgsamen, empathischen Umgang mit allen Lebewesen und Entitäten in Naturräumen. Zentrale Prinzipien sind Verantwortungsethik, Mitweltsolidarität und die Anerkennung der Unverfügbarkeit bestimmter Naturraumflächen.
In der Praxis bedeutet dies eine naturverträgliche Planung und Durchführung pädagogischer Aktivitäten, Maßnahmen zur Regeneration genutzter Flächen sowie aktives Engagement für die Verbesserung der Daseinsbedingungen nichtmenschlicher Lebewesen. Besondere Bedeutung erhält der Ansatz in Zeiten klimatischer Veränderungen mit all ihren Herausforderungen für die frühkindliche Bildung, da er Kindern ermöglicht, Zuversicht und positive Selbstwirksamkeitserfahrungen durch verantwortungsvolles Handeln in Naturräumen zu entwickeln.
2 Begriffsbestimmung
2.1 Naturraumpädagogik
Die Naturraumpädagogik ist ein mitweltaffiner pädagogischer Ansatz, der Naturräume grundsätzlich als mit anderen Entitäten geteilte Daseinsräume anerkennt. Entitäten sind dabei die unzähligen belebten und unbelebten Bestandteile eines Naturraums – wie Berge, Fließgewässer oder Tierarten –, die diesen durch ihre jeweils spezifische Beschaffenheit prägen und formen. Der Mensch soll sich nach Auffassung der Naturraumpädagogik demütig in bestehende Lebensnetzwerke einreihen und sich als Teil derselben begreifen.
Beeinträchtigungen durch eine pädagogische Nutzung werden auf ein Minimum beschränkt. In Anerkennung eines Naturraums als geteiltem Daseinsraum werden alle Aktivitäten und Aufenthalte naturverträglich geplant und durchgeführt. Dazu gehört gegebenenfalls, dass auf Nutzungsorte im Naturraum und/oder eine bestimmte Art der Nutzung verzichtet wird und die Wiederherstellung des Zustandes,wie vor Nutzungsbeginn, angestrebt wird.
Die Naturraumpädagogik setzt sich für die Sicherung und Verbesserung der Daseinsbedingungen von nichtmenschlichen Lebewesen in Naturräumen ein.
In der Wildnispädagogik orientieren sich viele Inhalte an den primitiven Techniken indigener Völker. So werden zum Beispiel Fertigkeiten vermittelt, wie das Entfachen eines Feuers oder das Bauen eines Unterstandes/​einer Laubhütte mit einfachsten Hilfsmitteln.
Die Waldpädagogik hat sich im Bereich der forstlichen Umweltbildung etabliert. Sie informiert Menschen über wald‑ und forstwirtschaftliche Themen und bietet dazu qualifizierte Fortbildungen an.
Die Naturpädagogik versucht, Menschen vor allem spielerisch Zugänge zur Natur zu eröffnen und informiert über ökologische Zusammenhänge und Umweltschutz.
2.2 Naturraum
Ein Naturraum ist eine räumliche Einheit, die spezifische Merkmale hat. Der Naturraum Wiese zeichnet sich zum Beispiel durch einen, im Vergleich zum Wald, relativ niedrigen Pflanzenbewuchs aus, der aufgrund dieses Merkmals ein geeigneter Lebensraum für bestimmte Lebewesen (Flora, Fauna, Mikroorganismen) ist. Es entsteht für Betrachtende ein einheitlicher Gesamtcharakter „Wiese“, der sich von angrenzenden/​anderen Naturräumen abhebt. Dabei ist Wiese nicht gleich Wiese. Es gibt zum Beispiel Feuchtwiesen, Trockenwiesen und Bergwiesen.
Die Merkmalsausprägungen werden beeinflusst durch Geofaktoren, wie Klima (auch Mikroklima – erzeugt z.B. in einem Wald oder Waldhain), Relief (Form der Erdoberfläche), Wasser, Boden (mit mineralischem Ausgangsgestein). Man unterscheidet organische und anorganische Faktoren. Jeder Naturraum hat spezifische Standortbedingungen und ‑qualitäten.
3 Vorläufer und Wegbereiter
3.1 Umweltbewusstsein und rechtliche Grundlagen
In den 1970er‑ und 1980er-Jahren wächst das Umweltbewusstsein vieler Menschen; u.a. durch das Waldsterben, die Atomdebatte und eine zunehmende Verschmutzung der Luft. Das führte dazu, dass 1994 der Schutz der Umwelt als Staatsziel in das Grundgesetz (GG) aufgenommen wurde. Während das subjektive Recht des Einzelnen gegenüber dem Staat durch Grundrechte gesichert wird, sind Staatsziele objektive Verfassungsaufträge an den Staat.
3.2 Grundgesetzliche Verankerung
Am 27. Oktober 1994 wurde Artikel 20a in das Grundgesetz eingefügt und trat am 14. November 1994 in Kraft. Tierschutzdebatten führten 2002 zu einer Erweiterung um die drei Worte „und die Tiere“.
Der heute gültige Art. 20a GG lautet: „Der Staat schützt in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“
Diese Formulierung schützt allerdings nicht den Gesamtorganismus Erde, sondern primär die natürlichen Lebensgrundlagen der nachfolgenden Generationen, also letztendlich den Menschen. Nichtmenschliche Interessen bleiben weitgehend unberücksichtigt. Das „Tierwohl“ wurde durch etliche Ausnahmeregelungen verwässert.
3.3 Kritik an anthropozentrischen Denkweisen
Aus Sicht der Naturraumpädagogik ist eine Abkehr von anthropozentrisch ausgerichteten Denkweisen längst überfällig. Die gravierenden Folgen des menschenverursachten Klimawandels werden zunehmend spürbar. Darunter leiden neben den Menschen alle Lebewesen und Entitäten. Hans Jonas fordert bereits 1979 in seinem Grundlagenwerk der Umweltethik „Das Prinzip Verantwortung“ angesichts der sich abzeichnenden klimatischen Bedrohungen eine Heuristik der Furcht: Der Mensch soll sich nicht auf hypothetische Zukunftsversprechen/​Utopien verlassen, sondern sich darauf einstellen, dass die schlimmsten Prognosen Wirklichkeit werden können (Jonas 1979).
Die Naturraumpädagogik vertritt die Position, dass eine verantwortungsvoll handelnde Pädagogik ein „weiter so“ nicht akzeptieren kann. Der Heimatplanet Erde wird als verletzbarer, schützenswerter Gesamtorganismus verstanden, der durch das menschliche Verhalten zunehmend außer Balance gerät. Dabei bezieht sich die Naturraumpädagogik auf das Bild von Gaia, der Erde als Mutter aller Lebewesen. Aus dieser Perspektive sollen die natürlichen Lebensgrundlagen „um ihrer selbst willen“ (Jonas 1979) erhalten werden, nicht nur mit Blick auf das Wohlergehen des Menschen.
„Selbst wenn sich beides voneinander trennen ließe – das heißt, auch wenn mit einer verödeten (und großenteils durch Kunst ersetzten) Lebensumwelt ein menschlich zu nennendes Leben für unsere Nachkommen möglich wäre – hätte doch die in langem Schöpfertum der Natur hervorgebrachte und jetzt uns ausgelieferte Lebensfülle der Erde um ihrer selbst willen Anspruch auf unsere Hut“ (Jonas 2019, S. 245).
Jonas leitet daraus eine moralische Pflicht zur Erhaltung der Natur ab.
4 Grundlagen und Prinzipien
4.1 Perspektivwechsel: Vom Nutzen zum Respekt
Die „Naturraumpädagogik nimmt die Befindlichkeiten und Belange des pädagogisch genutzten Naturraums immer mit in den Blick, fragt auch danach, was hier schon lebt. Dieser mitweltaffine Ansatz unterscheidet sich von der Naturpädagogik, die vor allem danach fragt, welche Räume bei welcher Nutzung zum Wohlbefinden der Nutzenden beitragen können“ (Miklitz 2025, S. 28).
Statt zu fragen „Was kann die Natur uns bieten?“ richtet die Naturraumpädagogik den Blick auf Naturräume als Lebensräume vor allem für nichtmenschliche Lebewesen und Entitäten wie beispielsweise Flüsse. Eine pädagogisch genutzte Fläche im Naturraum wird als fragiles Netzwerk mit vielen sichtbaren und dem menschlichen Auge meist verborgen bleibenden Lebensnischen verstanden. Diese Lebensnischen gelten als bedroht. Zum Beispiel kann ein unbedachtes Querfeldein-Laufen durch ein Waldgebiet einen der ohnehin raren Zufluchtsorte für Tiere in Mitleidenschaft ziehen. Daher empfiehlt die Naturraumpädagogik, auf den Wegen zu bleiben. Das setzt Einsicht, Mäßigung, Demut und Verzicht voraus. Nicht alles, was menschlich möglich ist, wird gemacht. Dazu gehört die Akzeptanz, dass bereits fragile Flächen in einem Naturraum nicht für die Nutzung zur Verfügung stehen.
4.2 Mitweltsensible Routinen
Wer das Raumverständnis der Naturraumpädagogik verinnerlicht, entwickelt mitweltsensible Routinen im Umgang mit Naturräumen und setzt diese bei Aufenthalten konsequent um. Nach Auffassung der Vertreter:innen des Ansatzes ermöglichen mitweltsensible Routinen Menschen die Erfahrung positiver, tätigkeitsbezogener Wirkmächtigkeit und können Zuversicht fördern.
Zu solchen Routinen gehört beispielsweise, einen dürstenden Straßenbaum zu wässern, Tiere in ihren natürlichen Lebensräumen zu beobachten und bei Fragilität zu schonen, trittverdichtete Flächen aufzulockern, der Natur zu danken (zum Beispiel, wenn man zum Schnitzen einen Zweig abschneidet), grundsätzlich alle organischen Materialien im Naturraum zu belassen.
5 Ziele
Im Rahmen der Naturraumpädagogik werden folgende zentrale Ziele angestrebt:
- Die Naturraumpädagogik orientiert sich an verantwortungsethischen Grundsätzen.
- Vor einer geplanten pädagogischen Nutzung sollte bekannt sein, welche Tiere und Pflanzen in diesem Naturraum existieren (ggf. unter welchen Bedingungen, in welchen Lebensphase, Behausungen und Befindlichkeiten). Dazu bedarf es vor einer pädagogischen Nutzung einer Inaugenscheinnahme des Naturraumes.
- Störungen und Belastungen durch eine pädagogische Nutzung des Naturraums sollen möglichst vermieden, bzw. minimiert werden.
- Pädagogische Nutzungskonzepte werden an die vorgefundenen Bedingungen angepasst und bestenfalls durch ein Unterstützungskonzept (wie können wir hier helfen?) ergänzt.
- Gegebenenfalls wird auf die pädagogische Nutzung eines bestimmten Areals im Naturraum ganz verzichtet, also dessen „Unverfügbarkeit“ akzeptiert.
- Die Naturraumpädagogik bewertet naturpädagogisch genutzte Räume nicht primär unter Nutzungsaspekten (z.B. nach möglichen Spaß‑ Abenteuer‑ und Lernpotenzialen für die Nutzer), sondern akzeptiert diese als Lebensräume, die der Mensch mit vielen anderen belebten und unbelebten Phänomenen teilt.
- Naturraumpädagogik hat den Anspruch, Mitweltsolidarität und verantwortungsethische Prinzipien für Menschen erlebbar zu machen. Dazu gehört die Ermöglichung emphatischer Zugänge zu Naturräumen.
- Pädagogische Fachkräfte, die nach den Prinzipien der Naturraumpädagogik handeln, ermöglichen die Erfahrung einer positiven Wirkmächtigkeit. Daraus kann Zuversicht erwachsen.
- Naturraumpädagogik versucht durch geeignete Methoden den Phänomenen der außermenschlichen Mitwelt eine Stimme zu geben.
Anke Wolfram versteht den Naturraum als Bildungsraum für Kinder und betont dessen Bedeutung für die praktische Arbeit in Wald‑ und Naturkindergärten. Naturraumpädagog:innen nutzen Wald und Natur als Lernort, um ganzheitliche Bildungsprozesse anzustoßen. Die Natur wird dabei zum Motor für entdeckendes, eigenaktives und vernetztes Lernen mit allen Sinne. Naturraumpädagogik schaffe eine ganzheitliche Bildungskultur, die sich von Belehrung, vorgegebenen Programmen oder Animation abgrenze und auf die intrinsische Motivation der im Naturraum agierenden Kinder setze. Die Basis der Naturraumpädagogik bildeten ökonomische und ökologische Aspekte (Wolfram 2025, S. 21).
6 Praktische Umsetzung
6.1 Beispiele gelebter Verantwortungsethik und Mitweltsolidarität
6.1.1 Verantwortungsethische Grundhaltung
Gesinnungsethik und Verantwortungsethik sind zwei unterschiedliche ethische Herangehensweisen, die von Max Weber geprägt wurden. Gesinnungsethik bewertet eine Handlung nach ihren Absichten und der moralischen Überzeugung des Handelnden, unabhängig von den Folgen. Verantwortungsethik orientiert sich am Grundprinzip der Verantwortungsübernahme für die tatsächlichen Folgen einer Handlung, aber auch eines Unterlassens. Der verantwortungsethisch Handelnde hat für die Folgen seines Handelns aufzukommen (Weber 2018, S. 42).
Die Naturraumpädagogik folgt verantwortungsethischen Prinzipien:
- Sie anerkennt und berücksichtigt den Eigenwert und die Würde der im aufgesuchten Naturraum beheimateten Tiere und Pflanzen und richtet danach ihre Planungen und ihr Handeln aus.
- Sie bewertet einen Naturraum nicht nur mit den Augen menschlich Nutzender, sondern anerkennt und berücksichtigt die Daseinsberechtigung und den Anspruch auf Wohlergehen der hier beheimateten Lebewesen.
- Sie begreift den Menschen als „Gast“ in einem Naturraum und verhält sich dementsprechend rücksichtsvoll. Dazu gehört auch, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen.
- Maßnahmen zur Regeneration bereits genutzter Naturraumflächen sind selbstverständlich (vgl. Standards).
- Naturräume werden durch ein abgestimmtes Nutzungsmanagement vor einer Überbeanspruchung durch Menschen bewahrt. Dazu bedarf es kontinuierlicher Absprachen zwischen unterschiedlichen Nutzergruppen.
- Naturraumpädagogik pflegt eine Kultur des achtsamen Wahrnehmens. Dazu gehören die Wahrnehmung von Veränderungen und eine gelebte Erinnerungskultur.
- Naturraumpädagogik thematisiert den Klimawandel und seine Folgen. Kindliche Ängste bedürfen ebenso einer ehrlichen Thematisierung wie optimistischer Sichtweisen. Kinder und Erwachsene brauchen einen Gesprächsraum, indem zum Beispiel Ängste vor ökologischen Bedrohungen geäußert werden können. Angstsignale werden aufgegriffen und nicht überspielt. Verantwortliche Erziehung sollte diese Klarheit nicht auf routinierte Weise verwässern (Gebhard 2009, S. 266).
6.1.2 Konkrete Handlungsfelder
Die Naturraumpädagogik betont die Bedeutung praktischen Handelns in realen Naturräumen. In künstlichen Lernarrangements erworbenes Wissen könne ohne eine Handlungsorientierung unwirksam bleiben. Umweltbildung müsse so angelegt sein, dass entsprechendes Wissen und auch die Ergebnisse ethischer Reflexionsprozesse in Handlungssituationen anwendbar seien (Gebhard 2009, S. 255).
Konkrete Handlungsfelder umfassen:
- Naturraumpädagogik setzt sich für eine altersgemäße Vermittlung der Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen zum Erhalt der Daseinsformen in Naturräumen ein.
- Sie fördert zum Beispiel Maßnahmen zum Erhalt von Bäumen durch die Beantragung der Aufnahme von Bäumen in eine Baumschutzverordnung.
- Bei Trockenheit entwickelt sie ggf. Unterstützungskonzepte für einzelne Bäume im Trockenstress (Verantwortungsübernahme, z.B. durch Gießpatenschaften).
- Sie vermittelt Kindern und Erwachsenen im praktischen Tun die Notwendigkeit willentlicher Selbstbeschränkung bei der pädagogischen Nutzung von Naturräumen im Sinne von „Nicht alles, was der Mensch machen kann, sollte er tun.“
6.1.3 Positive Selbstwirksamkeitserfahrungen
Die Umsetzungsbeispiele eröffnen ein breites Feld praktischer Beteiligungsmöglichkeiten, durch die insbesondere Kinder und Jugendliche Selbstwirksamkeitserfahrungen machen können.
6.2 Standards zur nachhaltigen Nutzung von Naturräumen
Tabelle 1 beschreibt Standards zur nachhaltigen Nutzung von Naturerfahrungsräumen. Ziel ist die Erhaltung der natürlichen Regenerationsfähigkeit pädagogisch genutzter Naturflächen.
7 Bedeutung für frühkindliche Bildung
Die Naturraumpädagogik findet insbesondere in Waldkindergärten, Naturkindergärten und naturnahen Kindertageseinrichtungen Anwendung. Vertreter:innen des Ansatzes betonen das Potenzial für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern: Durch verantwortungsvolles Handeln im Naturraum können Kinder Selbstwirksamkeitserfahrungen machen und Zuversicht entwickeln.
Ulrich Gebhardt sieht in der Anhäufung von Wissen über die Umweltzerstörung die Gefahr der vermeintlichen Kontrolle über dieselbe. Zahlen, Daten, Fakten könnten eine angstbeschwichtigende Funktion erfüllen und verhindern, dass Informationen über die Zerstörung der Natur Menschen emotional anrühren. Wissen, das nicht isoliert bleibe, sondern sich mit Emotionen und Fantasien verbinde, könne auch handlungsleitend sein (Gebhard 2009, S. 254)).
Das Wissen um die Bedürfnisse und Daseinslagen der nichtmenschlichen Mitgeschöpfe bedarf aber quasi der Einbettung in persönliche Bedeutungszusammenhänge. Der verstehende Zugang zur Natur sei auf subjektiv bedeutsame Erfahrung angewiesen (Gebauer und Gebhard 2016, S. 8).
Um der Mitwelt auf einer emphatischen, anteilnehmenden Ebene begegnen zu können, brauchen Menschen Resonanzerfahrungen mit derselben. Das wiederum bildet den Nährboden für eine (für alle Beteiligten) begreifbare Umsetzung der Ziele im Rahmen der Naturraumpädagogik. Der Ansatz erfordert von pädagogischen Fachkräften eine Abkehr von gängigen Bildungskonzepten, die Autonomie und Individualität überbetonen und Lernen als eigenständigen, weitgehend autonomen Prozess begreifen. Stattdessen wird die Bedeutung pädagogischer Fachkräfte als Impulsgeber betont, um Menschen zu ermöglichen, in Resonanz zu der umgebenden Natur und ihren Rhythmen zu treten, ihre Stimme und Bedürfnisse wahrzunehmen und sich davon anrühren zu lassen (Rosa 2019, S. 414).
Ein zentrales methodisches Element der Naturraumpädagogik sind deshalb sogenannte Mitweltgeschichten, die Kindern narrative Zugänge zur Lebenswirklichkeit nichtmenschlicher Lebewesen eröffnen (Miklitz 2022). Sie ermöglichen es, eine emotionale Verbindung zur nichtmenschlichen Mitwelt aufzubauen und die Verwobenheit allen Lebens zu begreifen. Das kann sowohl ergreifend schön als auch erschütternd sein. Gefühle der Erschütterung werden aufgegriffen und nach Möglichkeit handelnd überwunden bzw. geheilt – zum Beispiel durch Gespräche, Hilfen für Bedrohtes, aber auch durch gestalterische, künstlerische, musikalische und darstellende Tätigkeiten.
Die Naturraumpädagogik versteht frühkindliche Einrichtungen als verantwortungsethische Lebens‑ und Lernorte, an denen Kindern auf der Grundlage einer gelebten Verantwortungsethik mitweltsensible und nachhaltige Alltagsroutinen entwickeln können.
8 Quellenangaben
Gebauer, Michael und Ulrich Gebhard, Hrsg., 2005. Naturerfahrung: Wege zu einer Hermeneutik der Natur. Zug/Schweiz: Die Graue Ed. ISBN 978-3-906336-44-2
Gebhard, Ulrich, 2009. Kind und Natur: Die Bedeutung der Natur für die psychische Entwicklung. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN 978-3-531-16338-3
Jonas, Hans, 2019 [1979]. Das Prinzip Verantwortung. 7. AuflageFrankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-39992-7
Miklitz, Ingrid, 2021. Der Waldkindergarten: Grundlagen und Praxisbeispiele der Naturraumpädagogik. 9. Auflage. Mülheim an der Ruhr: Cornelsen. ISBN 978-3-8346-5280-5
Miklitz, Ingrid, 2022. Nachhaltigkeit für Kinder Erzählen: Mitweltgeschichten als Schlüssel zur Naturvertrautheit. Freiburg: Herder Verlag. ISBN 978-3-451-39157-6
Miklitz, Ingrid, 2025. Naturraumpädagogik. Neuausgabe. Freiburg: Herder Verlag. ISBN 978-3-451-03541-8
Rosa, Hartmut, 2019. Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. 2. Auflage. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. ISBN 978-3-518-29872-5
Weber, Max, 2018. Politik als Beruf. 2. Auflage. Göttingen: Liwi Verlag. ISBN 978-3-96542-041-0
Wolfram, Anke, 2025. Handbuch Naturraumpädagogik. 4. erw. Auflage. Freiburg: Herder Verlag. ISBN 978-3-451-03639-2
Verfasst von
Ingrid Miklitz
1. Vorsitzende
Landesverband der Wald- und Naturkindergärten Baden Württemberg e.V.
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