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Neuer Materialismus

Tamara Schwertel, Louka Maju Goetzke

veröffentlicht am 15.04.2021

Synonym: Neo Materialism

Englisch: new materialism

Neuer Materialismus ist eine heterogene Denkrichtung, die sich gegen subjektzentrierte, repräsentationale Forschung wendet und Materialität als aktiv und handlungsmächtig versteht. Neue Materialismen bauen auf flachen Ontologien auf, wenden sich gegen anthropozentrische Weltbilder und dualistische Denksysteme, wie bspw. die Trennung von Subjekt/​Objekt oder Natur/​Kultur.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Wissenschaftshistorische Entwicklung
  3. 3 Grundannahmen der neuen Materialismen
  4. 4 Beispielforschung
  5. 5 Beziehungen zu anderen Strömungen
    1. 5.1 Spekulativer Realismus und Neue Materialismen
    2. 5.2 Posthumanismus, Posthumen Turn und Neue Materialismen
    3. 5.3 Feministische Forschung und Neue Materialismen
    4. 5.4 Materialismus und Neuer Materialismus
  6. 6 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Der Begriff Neuer Materialismus kam Anfang der 2000er Jahre auf und kann als Weiterentwicklung des Materialismus und Reaktion auf den Linguistic Turn und Cultural Turn verstanden werden. Obwohl keine einheitliche Theorietradition existiert, teilen die Neuen Materialismen gemeinsame Grundannahmen. Darunter:

  • Die Kritik anthropozentrischer Denkformen und Überwindung der Fokussierung eines menschlichen Subjekts bzw. der Philosophie hegemonialen Anthropozentrismus
  • Transversalität als zentrales Merkmal und die Abwendung von antidualistischem Denken
  • Die Betrachtung von Materie als aktiv und handlungsmächtig
  • Performative Ontologien.

Doch auch das Verhältnis zu anderen Strömungen wie dem Posthumanismus, dem spekulativen Realismus oder dem Materialismus sind relevant. So lassen sich einige theoretische Überschneidungen von Posthumanismus und Neue Materialismen und eine Nähe zum spekulativen Realismus identifizieren, wohingegen der Materialismus als Vorgänger als überholt betrachtet wird. Wichtige Vertreter*innen sind Barad, Bennett, Braidotti, Haraway, Latour und Meillassoux. Beispielforschungen wie Annemarie Mols „Body multiple“ (2008), „Vater, Mutter, Kind werden“ von Cornelia Schadler (2013) oder „Theory of Border“ von Thomas Nail (2016) verdeutlichen, wie sich die Neuen Materialismen in (empirischer) Forschung umsetzen lassen.

2 Wissenschaftshistorische Entwicklung

In den Kultur- und Sozialwissenschaften lässt sich ein wachsendes und erneutes Interesse an Materialität beobachten. Wie die neu oder wieder in den Blick genommene Materialität konzeptualisiert wird, ist vielfältig. So wenden sich interaktionistische oder handlungstheoretische Ansätze wie die Artefaktanalyse von Froschauer und Lueger (2018) oder die ethnographische Artefaktanalyse dem Materiellem zu. Sie betrachten den Menschen in seiner materiellen Welt und untersuchen, wie über die materielle Welt von Menschen soziale Prozesse und damit die eigene Welt verändert wird. Dabei ist Materialität zwar explizit Teil der Analyse, sie wird aber nicht selbst als aktiv oder vital verstanden.

Die Denkströmung, die sich seit Anfang der 2000er Jahre unter dem Begriff der Neuen Materialismen herausbildet, hat dagegen eine ontologische Rekonzeptionalisierung des Materiellen als Anliegen: Im Fokus liegt das lebendige Zusammenwirken von materiellen und anderen Elementen in der Welt. Die ersten Auseinandersetzungen mit Neuen Materialismen finden sich in den Arbeiten von Braidotti (2000) und DeLanda (1995). Beide interessieren sich, beeinflusst durch die Philosophie von Deleuze und Guattari, dafür, wie Dualismen, wie beispielsweise Natur/​Kultur oder Körper/Geist, entstehen (Deleuze und Guattari 1993). „Neue Materialismen“ kann inzwischen als Sammelbegriff verstanden werden, der „eine Vielzahl unterschiedlicher theoretischer Orientierungen und disziplinärer Perspektiven abdeckt“ (Lemke 2017, S. 552). Unter diesem versammelt sind feministische Theorien, Kunsttheorien, Politische Theorie, Philosophie, Geografie, Literaturwissenschaften wie auch die Science Technology Studies (STS).

Die grundlegende Rekonzeptualisierung von Materialität wird auch als Material Turn – als neues Paradigma in den Sozial- und Kulturwissenschaften – verstanden, die sich in Abgrenzung zum Cultural Turn oder Linguistic Turn entwickelt hat (Folkers 2013; Tuin 2018). Der Linguistic Turn wird von dieser als nicht ausreichend betrachtet, Realität zu erfassen, da er die Rolle von Dingen und Materialität vernachlässige. Der Turn hin zu vitaler Materie stellt keine vollständige Abkehr vom Linguistic Turn dar. Neue Materialismen bauen auf den Grundlagen des Linguistic Turn auf und betonen die Ko-Konstitution der Realität durch materielle wie diskursive Figurationen (Alaimo und Hekman 2008). Realität wird aus der Perspektive Neuer Materialismen anders als im Linguistic Turn nicht ausschließlich durch Sprache strukturiert, sondern in materiell-diskursiven Prozessen, also gemeinsam mit Materialität. Neue Materialismen halten Realität jenseits von Sprache für existent sowie erkennbar und plädieren für das Einbeziehen von Praktiken und materiellen Anordnungen in die Erfassung von Bedeutungsprozessen (Lemke 2017). Beispielsweise bei der Betrachtung von Geschlecht werden nicht nur Sprache, Diskurse, Normen und Machtverhältnisse, sondern auch die materiellen Bedingungen, Körper und Räume mit einbezogen.

3 Grundannahmen der neuen Materialismen

Obwohl das, was als neue Materialismen bezeichnet wird, sich aus sehr unterschiedlichen Strömungen und nicht einheitlichen Denkrichtungen zusammensetzt, lassen sich bestimmte Grundannahmen festhalten. Eine prägnante Zusammenschau bietet Lemke (2017). Er orientiert sich an Dolphijns und Tuins Buch New Materialism: Interviews & Cartographies (2012). Auch Coole und Frost (2010) skizzieren zentrale Charakteristika in ihrem Buch New Materialisms: Ontology, Agency, and Politics. Hier nun eine Zusammenschau von vier Grundannahmen:

  1. Kritik anthropozentrischer Denkformen und Überwindung der Fokussierung eines menschlichen Subjekts bzw. der Philosophie hegemonialen Anthropozentrismus: Während beispielsweise die Phänomenologie als Ausgangspunkt ihrer Philosophie die menschliche Erfahrung begreift, verstehen neue Materialismen Subjekte als Ergebnis von Netzwerken, Prozessen, epistemischer Erfahrung und Diskursen. Das Subjekt wird folglich dezentriert und ist eher das Produkt als der Ausgangspunk von neo-materialistischer Forschung (Lemke 2017). Realität(en) werden durch Praktiken, Diskurse und Ereignissen hergestellt. Es gilt also nicht, die subjektive Sicht des Subjekts als respektive Repräsentationen sozialer Wirklichkeit zu verstehen, sondern Herstellungsprozesse von Sinn unter dem komplexen Einbezug von Ereignissen, Situationen, nicht-menschlichen Partizipierenden und Netzwerken zu begreifen.
  2. Transversalität und antidualistisches Denken: Das dualistische Denken basiert auf Hierarchien, Negativität und Gegensatz. Mit diesem Denken geht eine Idee von Materie als dinghafter toter Gebrauchsgegenstand einher, die die Wirkmächtigkeit von Materie ignoriert und eine künstliche Trennung von Subjekt und Objekt (oder auch „Lebendigkeit“ und „Masse“) einführt (Dolphijn und Tuin 2012, S. 85). Neue Materialismen wenden sich gegen zentrale cartesianische dualistische Konzepte, wie beispielsweise der Trennung von Körper und Geist, Subjekt und Objekt, von Kultur und Natur oder menschlich und nicht-menschlich als Organisationsprinzip. Stattdessen wird die Verwobenheit und Untrennbarkeit von zum Beispiel Natur und Kultur als eins betont (Monoismus). Neue Materialismen versuchen daher dualistische Konzepte aufzuweichen und zu dekonstruieren: „Der neue Materialismus ist eine Kulturtheorie, die nicht Materie gegenüber Bedeutungen oder Kultur gegenüber Natur privilegiert“ (Dolphijn und Tuin 2012, S. 85, Übers. d. Verf.). Dolphijn und Tuin (2012, S. 100 f.) begreifen Materialismen deshalb auch als transversal, sie verbinden und unterlaufen die Grenze(n) zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Die Materie bildet hierbei immer den Ausgangspunkt ihrer Forschung.
  3. Materie als aktiv und handlungsmächtig: Die dritte Grundannahme begreift Materie nicht als stabile, passive, reine Gebrauchsgegenstände, als Rohstoff oder Ressource, die Nutzen für Subjekte haben und im Kern unveränderlich sind. Materie ist weder passive Verfügungsmasse für den technologischen und ökonomischen Fortschritt, noch soziale Konstruktion. Vielmehr schreiben die Neuen Materialismen Materie Handlungsmacht und einen gewissen Eigensinn oder eine Eigenlogik zu. Materie ist wirkmächtig, flexibel, plural und dynamisch. Bennett (2020) beschreibt Materie beispielsweise als lebendig und vital. Sie betont, dass auch Menschen Materie sind und die Trennlinie zwischen den verschiedenen Seinsweisen (menschlich, tierisch, pflanzlich, mineralisch) nicht klar zu ziehen sind. Die Konsequenz aus dieser Annahme formuliert Latour: „Die Geschichte ist nicht mehr nur die Geschichte der Menschen, sie wird auch zur Geschichte der natürlichen Dinge“ (Latour 1993, S. 83, Übers. d. Verf.).
  4. Performative Ontologien und Anti-Repräsentationalismus: Neue Materialismen grenzen sich sowohl vom traditionellen Realismus als auch vom Sozialkonstruktivismus ab, und verfallen so in keine oppositionellen, dualistischen Gegenentwürfe. Es wird von Hierarchien, Repräsentationen und linearen Kausalitäten Abstand genommen. So betrachten Neue Materialismen zum Beispiel die Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht (sex) und sozialem Geschlecht (gender) zwar als wirkungsmächtige Diskurse, gehen aber in ihren Analysen darüber hinaus (Dolphijn und Tuin 2012, S. 138 f.): Geschlecht wird performativ in der Wiederholung von materiell-diskursiven Praktiken hergestellt und entfaltet so auch seine Wirkmächtigkeit im Werden. Dadurch wird es zur ontologischen Basis politischer und sozialer Differenzierungen (ebd., S. 138). Performative Herstellungsprozesse von Sinn und Differenz und eine Philosophie des Werdens im Anschluss an Deleuze sind Merkmale performativer, flacher Ontologien, für die ein neues Verhältnis zu Politik und Ethik zentral ist (Deleuze 1992; Lemke 2017, S. 26; Dolphijn und Tuin 2012, S. 98).

4 Beispielforschung

Eine neo-materialistische Perspektive hat je nach Forschungsprogramm verschiedene Implikationen. Nachfolgend werden beispielhaft empirische Forschungsprojekte skizziert, die mit einem neo-materialistisches Forschungsprogramm gearbeitet haben.

Mol (2002): The body multiple. Ontology in medical practice

Die Philosophin und Anthropologin Annemarie Mol (2002) untersucht medizinische Praktiken in einer Klinik in den Niederlanden. Im Zentrum steht die medizinische Behandlung von und die Herstellung der Krankheit Atherosklerose (Doing illness). Dazu führt Mol Interviews und begleitet medizinische Akteur*innen über vier Jahre hinweg. Als praxistheoretische und neo-materialistische Forscherin geht es Mol nicht darum, Patient*innen eine Stimme zu verleihen, das medizinische System zu kritisieren oder verschiedene Perspektiven als Repräsentationen sozialer Wirklichkeit gegenüberzustellen. Vielmehr weitet Mol den Blick und bezieht wichtige Materialitäten, wie z.B. das Mikroskop in ihre Forschung ein und versucht die Herstellung von multiplen Realitäten von Atherosklerose in medizinischer Praxis zu verstehen. Ein zentrales Ergebnis ist, dass die Krankheit Atherosklerose keinen einheitlichen Bedeutungskern hat, sondern in verschiedenen medizinischen Kontexten als etwas anderes hergestellt wird. Die Krankheit ist folglich mehr als eine Sache und weniger als viele, so Mol.

Schadler (2013): Vater, Mutter, Kind werden: eine posthumanistische Ethnografie der Schwangerschaft

In ihrer Dissertation befasst sich Cornelia Schadlers (2013) aus einer posthumanistischen und neo-materialistischen Perspektive mit dem Übergang von Personen, die Eltern werden (werdende Eltern). Im Fokus ihrer Studie steht das Werden durch die Versammlung/​Assemblage von vielen, die den Übergang zum Eltern Werden erzeugen. Subjekt-werden versteht Schadler dabei als eine Versammlung von nicht menschlichen Partizipierenden, wie Gedanken, Kleidung, Werte und Artefakten und menschlichen Beziehungen zu anderen und Praktiken. Dabei lehnt sich Schadler an Konzepte von Braidotti (1994; Nomadische Subjekte) und Haraway (Monster und Companions) sowie Barad (Agentieller Realismus) an (Schadler 2013, S. 63). Um Praktiken und Partizipierende des Übergangs zu rekonstruieren wurden qualitative Interviews mit Paaren geführt, Dokumente und Artefakte wie etwa der Schwangerschaftstest gesammelt sowie bestimmte Tätigkeiten wiederholt und in Selbstbeobachtungsprotokollen festgehalten. Schadler zeichnet nach, dass eine Schwangerschaft kein rein biologischer Prozess ist und das Eltern-Werden nicht nur aus drei Menschen besteht, sondern auch durch das sozio-materielle Gefüge (wie etwa Schwangerschaftstest, Kinderklamotten) hergestellt wird und als Ensemble zu begreifen ist.

Nail (2016): Theory of the Border

Thomas Nail (2016) untersucht das Wesen und die Funktion von Grenzen, die durch Prozesse der Expansion und des Ausschlusses entstehen. Auf einer historischen Betrachtung von Grenzphänomenen aufbauend, entwickelt Nail ein Verständnis von Grenzen als nicht statisch, sondern als Prozesse der sozialen Spaltung. Er beschreibt, wie sie selbst aktiv ausschließen, abgrenzen, verbinden. Grenzen bewegen und verändern sich infolge politischer Konflikte, wirtschaftlicher Veränderungen, juristischer Reformen, Veränderungen in ihrer physischen Umwelt oder durch den Widerstand von Personen. Seine Theorieentwicklung fokussiert auf die Grenze selbst als agential und ko-konstitutiv mit Gesellschaften verbunden. Das letzte Drittel des Buches stellt eine detaillierte Anwendung der Theorie auf die Grenze zwischen den USA und Mexiko dar. Dabei wird deutlich, dass die Grenze zwischen den USA und Mexiko ein offener und umkämpfter Verbindungspunkt zwischen territorialen, staatlichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Kräften ist.

5 Beziehungen zu anderen Strömungen

5.1 Spekulativer Realismus und Neue Materialismen

Durch Ablehnung des Anthropozentrismus in der Denkweise der Neue Materialismen besteht eine Nähe zum spekulativen Realismus, einem Zweig der Philosophie, der die Frage aufwirft, ob Lebendigkeit, Handlungsfähigkeit und generative Fähigkeit für menschliche und nichtmenschliche Materie gleichermaßen angemessen sind (Åsberg et al. 2015, S. 151; Barad 2012).

5.2 Posthumanismus, Posthumen Turn und Neue Materialismen

Auch weisen Neue Materialismen einige Überschneidungen und Verbindungen mit der Denkrichtung des Posthumanismus auf. Neue Materialismen vertreten eine posthumanistische Haltung, gleichzeitig sind neo-materialistische Ansätze zentral für den Posthumanismus. So beschreibt Braidotti (2014) einen Posthumen Turn als die Zusammenführung des Posthumanismus und des Post-Anthropozentrismus, der sich theoretisch auf die Neue Materialismen als Rahmen stützt. Den Neuen Materialismus versteht sie als theoretischen Rahmen, der sich über mehrere Forschungsfelder erstreckt und verkörperte, eingebettete, relationale und affektive Verbindungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten analysiert. Im Verhältnis zum Posthumanismus können Neue Materialismen als Methode oder konzeptioneller Rahmen verstanden werden (Dolphjin und Tuin 2012).

5.3 Feministische Forschung und Neue Materialismen

Neue Materialismen kommen in der feministischen Forschung viel zur Anwendung, werden aber auch kritisch diskutiert. So kritisiert zum Beispiel Bauhardt (2017, S. 107) die monoistische Perspektive auf die Sex-Gender-Unterscheidung als ein „Beschweigen“ sozialer Ungleichheit. Garske (2014) merkt an, dass Neue Materialismen keinen Unterschied mehr zwischen menschlicher Handlungsfähigkeit und materieller Wirkmächtigkeit machen. Der Begriff (Neuer) Materialismus sei eher naturalistisch als gesellschaftlich zu verstehen. Garske plädiert dafür, den Austausch zwischen neuen und älteren materialistischen Ansätzen zu stärken.

5.4 Materialismus und Neuer Materialismus

Durch den Zusatz „Neu“ grenzen sich Neue Materialismen von bereits bestehenden Materialismen ab. Der historische oder dialektische Materialismus weist große Differenzen hinsichtlich der Bewertung des Humanismus und der Abhängigkeit der Subjekte von Materie auf. Im Materialismus ist Humanismus als mögliche Befreiung von Unterwerfung relevant, wohingegen sich Neue Materialismen gegen die Zentralstellung des Menschen und der Beschreibung von Herrschaftsstrukturen zugunsten eines prozessualerem und dynamischerem Verständnis abgrenzen (Braidotti 2014). So erklärt Haraway dies anhand der Erde, die in humanistischer Lesart häufig als Ressource verstanden wird, von der Menschen profitieren und mit der sie haushalten müssen. Aus neumaterialistischer Sicht hingegen ist die Erde eine „gewitzte[…] Agentin“, also eine Teilnehmerin mit Handlungsmacht (Haraway 2007, S. 318). Materialität wird dabei als dynamische Teilnehmerin an gesellschaftlichen Bedeutungen und Prozessen verstanden. Forschung, die beide Perspektiven verbinden will, wendet sich mit einer neo-materialistischen Perspektive Materialismus zu. So treten dadurch, wie beispielsweise in marxistischen Theoriekonzeptionen, zweierlei Materialitäten hervor: ökonomisches Kapital und menschliche Körper (Fox 2019).

6 Quellenangaben

Alaimo, Stacy und Susan Hekman, 2008. Introduction: Emerging Models of Materiality in Feminist Theory. In: Stacy Alaimo and Susan Hekman, Hrsg. Material Feminisms. Bloomington and Indianapolis: Indiana University Press, S. 1–19. ISBN 978-0-253-21946-6

Åsberg, Cecilia, Kathrin Thiele und Iris van der Tuin, 2015. Speculative Before the Turn: Reintroducing Feminist Materialist Performativity. In: Cultural Studies Review. 2(2), S. 145–172. ISSN 1446-8123

Barad, Karen, 2012. Agentieller Realismus. Berlin: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-26045-6

Bauhardt, Christine, 2017. Living in a Material World. Entwurf einer queer-feministischen Ökonomie. In: GENDER. 9(1), S. 99–114. ISSN 1868-7245

Bennett, Jane, 2020. Lebhafte Materie: Eine politische Ökologie der Dinge. Berlin: Matthes & Seitz. ISBN 978-3-95757-876-1

Braidotti, Rosi, 1994. Nomadic Subjects: Embodiment and Sexual Difference in Contemporary Feminist Theory (Gender and Culture). New York: Columbia University Press. ISBN 978-0-231-08235-8

Braidotti, Rosi, 2000. Teratologies. In: Ian Buchanan und Claire Colebrook, Hrsg. Deleuze and Feminist Theory. Edinburgh University Press, S. 156–172. ISBN 978-0-7486-1120-1

Braidotti, Rosi, 2014. Posthumanismus: Leben jenseits des Menschen. Frankfurt: Campus Verlag. ISBN 978-3-593-50031-7

Coole, Diana und Samantha Frost, 2010. New Materialisms: Ontology, Agency, and Politics. Durham: Duke University Press. ISBN 978-0-8223-4772-9

DeLanda, Manuel, 1995. The Geology of Morals, A Neo-Materialist Interpretation. Konferenzpapier. Virtual Futures 95. Conference, Warwick University, UK, 26.05.1995

Deleuze, Gilles, 1992. Logik des Sinns. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-11707-1

Deleuze, Gilles und Fèlix Guattari, 1993. Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie. Leipzig: Merve. ISBN 978-3-88396-094-4

Dolphijn, Rick und Iris van der Tuin, 2012. New materialism: Interviews & cartographies. London: Open Humanities Press (New Metaphysics). ISBN 978-1-60785-281-0

Folkers, Andreas, 2013. Was ist neu am neuen Materialismus? Von der Praxis zum Ereignis. In: Tobias Goll, Daniel Keil und Thomas Telios, Hrsg. Critical Matter: Diskussionen eines neuen Materialismus. Münster: Edition Assamblage. S. 16–33. ISBN 978-3-942885-50-8

Fox, Nick, 2019. Re-materialising social class. Vortrag an der Western Sydney University, 25.02.2019

Froschauer, Ulrike und Manfred Lueger, 2018. Artefaktanalyse: Grundlagen und Verfahren. Wiesbaden: Springer. ISBN 978-3-658-18907-5

Garske, Pia, 2014. What’s the „matter“? Der Materialitätsbegriff des „New Materialism“ und dessen Konsequenzen für feministisch-politische Handlungsfähigkeit. In: PROKLA: Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. 174(44), S. 111–129. ISSN 0342-8176

Haraway, Donna Jeanne, 2007: Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive. In: Sabine Hark, Hrsg. Dis/Kontinuitäten: feministische Theorie. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 305–322. ISBN 978-3-531-15217-2

Latour, Bruno, 1993. We Have Never Been Modern. Cambridge and Massachusetts: Harvard University Press. ISBN 978-0-674-94839-6

Lemke, Thomas, 2017. Neue Materialismen. In: Susanne Bauer, Torsten Heinemann und Thomas Lemke, Hrsg. Science and technology studies: Klassische Positionen und aktuelle Perspektiven. Berlin: Suhrkamp , S. 551–573. ISBN 978-3-518-29793-3

Mol, Annemarie, 2002. The body multiple: Ontology in medical practice. Durham and North Carolina: Duke University Press. ISBN 978-0-8223-2917-6

Nail, Thomas, 2016. Theory of the Border. New York: Oxford University Press. ISBN 978-0-19-061865-0

Schadler, Cornelia, 2013. Vater, Mutter, Kind werden: Eine posthumanistische Ethnographie der Schwangerschaft. Kulturen der Gesellschaft, Band 8. Bielefeld: Transcript. ISBN 978-3-8376-2275-1 [Rezension bei socialnet]

Tuin, Iris van der, 2018. Neo/New Materialism. In: Rosi Braidotti und Maria Hlavajova, Hrsg. Posthuman Glossary: Theory in the New Humanities. London: Bloomsbury Academic. S. 277–279. ISBN 978-1-350-03024-4

AutorInnen
Tamara Schwertel
M.A.
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
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Louka Maju Goetzke
M.A.
DFG-Graduiertenkolleg Doing Transitions
Goethe Universität Frankfurt
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Zitiervorschlag
Schwertel, Tamara und Louka Maju Goetzke, 2021. Neuer Materialismus [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 15.04.2021 [Zugriff am: 10.05.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Neuer-Materialismus

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