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Neurodidaktik

Dr. Britta Ostermann

veröffentlicht am 25.07.2025

Etymologie: gr. neuron Nerv; gr. didaskein lehren

Englisch: neurodidactics

Anmerkung: Eine Ergänzung zum Praxisbezug der Neurodidaktik ist bereits in Arbeit.

Neurodidaktik verbindet Erkenntnisse der Hirnforschung mit pädagogischen Fragestellungen. Sie erforscht, wie neurowissenschaftliche Befunde über Lernprozesse im Gehirn für die Gestaltung von Unterricht und Bildungsangeboten nutzbar gemacht werden können.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Historische Wurzeln und Anfänge der Neurodidaktik
  3. 3 Zum Wesen der Neurodidaktik
    1. 3.1 Menschenbild
    2. 3.2 Interdisziplinarität
    3. 3.3 Grundlagen-, Anwendungs- und Praxisorientierung
  4. 4 Quellenangaben
  5. 5 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Neurodidaktik ist eine in stetiger inhaltlicher und methodischer Weiterentwicklung befindliche Wissenschaftsdisziplin, die interdisziplinär die Zusammenhänge zwischen den neurobiologischen Bedingungen des Menschen und seiner Lernfähigkeit untersucht, um daraus Implikationen für pädagogisches Handeln in den Praxisfeldern von Erziehung und Bildung abzuleiten (Folta-Schoofs und Ostermann 2019; Friedrich 1995, 2003, 2005; Friedrich und Preiß 2003; Preiß 1992, 1996). Dabei basiert dieser Ansatz auf der in den Neurowissenschaften vorherrschenden Überzeugung, dass Fähigkeiten des Lernens und des Gedächtnisses erst durch eine genaue Kenntnis der mit den verschiedenen Lernprozessen einhergehenden neuroplastischen Veränderungen des Gehirns umfassend verstanden sowie lernendengerecht gefördert werden können. Vor diesem Hintergrund intendiert die Neurodidaktik, eine Brücke sowohl zwischen den Neurowissenschaften, der Erziehungswissenschaft als auch der Psychologie zu schlagen (Folta-Schoofs und Ostermann 2019, S. 9).

2 Historische Wurzeln und Anfänge der Neurodidaktik

Im Jahr 1988 führt der Mathematikdidaktiker Gerhard Preiß den Begriff der Neurodidaktik in den wissenschaftlichen Diskurs ein,

„um die Wichtigkeit zu betonen, die Ergebnisse der modernen Hirnforschung für die Didaktik zu erschließen und deren pädagogische Anwendbarkeit zu prüfen“ (Friedrich 2005, S. 8).

Erziehungswissenschaftler Gerhard Friedrich, Mitarbeiter von Gerhard Preiß, beschreibt in den 1990er-Jahren die Neurodidaktik als Handlungs- und Forschungsgebiet,

„das insbesondere die Zusammenhänge zwischen den neurologischen Bedingungen und Lernvorgängen des Menschen zu erkennen und zu beschreiben versucht, um daraus pragmatische Erkenntnisse für die Allgemeine Didaktik abzuleiten“ (Friedrich 1991, S. 32).

Die grundlegenden neurodidaktischen Überlegungen werden von Gerhard Preiß konkretisiert, indem er betont, dass die Neurodidaktik von der Lernfähigkeit des Menschen ausgehe und nach Bedingungen suche, unter denen Lernen ermöglicht wird. Dabei basiere die Schlüsselidee auf der

„Überzeugung, dass Plastizität des Gehirns und Lernfähigkeit in unauflöslicher Beziehung zueinander stehen. Die Ergebnisse der Hirnforschung machen es möglich, diese Beziehung zu erforschen. Aufgabe der Neurodidaktik ist es, die neurobiologischen Erkenntnisse für die Didaktik aufzuarbeiten, um sie auf den Prozess menschlicher Erziehung und Bildung anzuwenden“ (Preiß o.J.).

Vor diesem Hintergrund nimmt die Neurodidaktik seit jeher alle Lernvorgänge in den Blick, die den Menschen zu kurz- oder längerfristigen Veränderungen im Verhalten oder im Verhaltenspotenzial befähigen, was den Erwerb von Wissen sowie jede Form der Veränderung von Denk- und Gedächtnisprozessen, Motiven oder Einstellungen umfasst. Dabei fokussiert die Neurodidaktik insbesondere die neurobiologischen Grundlagen des Lernens (Folta-Schoofs und Ostermann 2019, S. 16).

3 Zum Wesen der Neurodidaktik

3.1 Menschenbild

Schon in den Anfängen der Neurodidaktik betonen Gerhard Preiß und Gerhard Friedrich, dass ein wesentliches Ziel neurodidaktischer Bemühungen darin zu bestehen habe,

„die Würde des Menschen zu bewahren und zu mehren“ (Friedrich 1995, S. 11).

Dabei wird davon ausgegangen, dass alle Menschen – unabhängig von ihrer körperlichen und geistigen Konstitution (Dis-/Ability) – im Hinblick auf die Grundorganisation ihres Nervensystems

„handlungsorientierte Lebewesen sind, die sich auch bei starken Einschränkungen ihrer Teilhabemöglichkeiten (z.B. eingeschränkte Wahrnehmungs- und Bewegungsmöglichkeiten) mit Teilen ihrer Lebenswelt intuitiv oder bewusst auseinandersetzen und einen Teil ihrer Lebenswelt in einer körperwahrnehmungs- und bewegungsgebundenen Form der Auseinandersetzung mit der Umwelt abbilden können“ (Folta-Schoofs und Ostermann 2019, S. 215).

Diesem Verständnis folgend, wird jeder Mensch auf seiner Stufe der Entwicklung als kompetent und zugleich wertvolles Mitglied der Gesellschaft wahrgenommen. Für die pädagogischen Handlungsfelder bedeutet dies, dass jeder Heranwachsende über besondere Bedürfnisse und Fähigkeiten verfügt, die es zu berücksichtigen gilt,

„damit sich jedes Kind möglichst optimal zu einer autonomen, selbstsicheren und mündigen Person entwickeln kann, die ihre Fähigkeiten und Kompetenzen zu ihrem Wohle und dem Wohle der Gemeinschaft entsprechend einbringen kann“ (Feyerer 2013, o.S.).

3.2 Interdisziplinarität

Bereits in den 1990er-Jahren weisen Gerhard Preiß und Gerhard Friedrich darauf hin, dass die Neurodidaktik als Brücke zwischen der Erziehungswissenschaft und den Neurowissenschaften zu konzipieren sei, wobei sowohl ihre Konstruktion als auch ihr Bau nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit gelingen könne (Friedrich 1995, 2005; Friedrich und Preiß 2003; Preiß 1996, 1992).

Heute zählen neben den grundlagen- und handlungsorientierten Teildisziplinen der Erziehungswissenschaft und der Neurowissenschaften (kognitive und affektive Neurowissenschaft sowie soziale Neurowissenschaft) insbesondere die verschiedenen Teildisziplinen der Psychologie

  • Allgemeine Psychologie
  • Biopsychologie
  • Neuropsychologie
  • Entwicklungs- und Sozialpsychologie

zu den zentralen Nachbardisziplinen der Neurodidaktik (Folta-Schoofs und Ostermann 2019, S. 17–23). Diese Disziplinen verfügen über jeweils spezifisch inhaltliche sowie methodische Zugänge zur grundlagen- und praxisorientierten Erforschung und Evaluation von Lehr-/​Lernprozessen, die in der Neurodidaktik zusammengeführt werden. Neurowissenschaftler:innen, Erziehungswissenschaftler:innen und Psychologen und Psychologinnen sollen sich gemeinsam lehrend, forschend und reflektierend mit „Lernen“ in den Anwendungsfeldern von Erziehung und Bildung befassen.

Die interdisziplinären Bemühungen sollten zum einen von dem gemeinsamen Ziel motiviert werden, bestehende Theorien und Konzepte zum erfolgreichen Lehren und Lernen weiterzuentwickeln, zum anderen gilt es, neue Erkenntnisse für die pädagogischen Handlungsfelder zu generieren (Folta-Schoofs und Ostermann 2019, S. 24).

3.3 Grundlagen-, Anwendungs- und Praxisorientierung

Einer breiten Auffassung folgend, ist die Neurodidaktik als grundlagen-, anwendungs- und praxisorientierte Wissenschaft zu verstehen (Folta-Schoofs und Ostermann 2019, S. 26).

Als grundlagenorientierte Wissenschaft ist die Aufgabe der Neurodidaktik darin zu sehen, anhand von Experimenten das allgemeine Wissen im Hinblick auf das „Lernen“ zu systematisieren und zu erweitern – und zwar unabhängig von der Frage, ob sich aus diesen Erkenntnissen unmittelbare Anwendungsmöglichkeiten für die Praxis von Erziehung und Bildung ergeben (ebd.).

Als anwendungsorientierte Wissenschaft besteht die Aufgabe der Neurodidaktik darin, die Ergebnisse der eigenen Grundlagenforschung mit den Befunden aus neurowissenschaftlicher, erziehungswissenschaftlicher und psychologischer Grundlagenforschung zu neuen integrativen Erklärungs- und Verstehensmodellen zusammenzuführen. Dabei ist die Gültigkeit dieser Modelle in der konkreten Erziehungs- und Bildungswirklichkeit experimentell zu belegen (ebd.).

Idealerweise erlauben neurodidaktische Konzepte die Ableitung von allgemeinen Grundsätzen und praxisnahen Hypothesen, wie Lernen zu jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten der Entwicklung angemessen unterstützt werden kann. Dieser Anwendungsbezug neurodidaktischer Forschung ist bedeutsam, wenn den Modellen didaktische Relevanz für die Praxis von Erziehung und Bildung zukommen soll (Friedrich 2005, S. 22).

Als praxisorientierte Wissenschaft ist es ihre Aufgabe, aus neurodidaktischen Modellen praxisnahe Lehr- und Lernkonzepte sowie konkrete Handlungsempfehlungen abzuleiten (Böttger und Sambanis 2016). Diese sollen sowohl zur Optimierung von Bildungs- und Erziehungsprozessen als auch zur lernförderlichen Gestaltung von Lernumgebungen und -materialien beitragen und die Teilhabe aller ermöglichen (Folta-Schoofs et al. 2017).

Das Wissen um die neuronalen und psychologischen Mechanismen, die den verschiedenen Lernformen des Menschen zugrunde liegen, eröffnet der Neurodidaktik umfassende Möglichkeiten der Beschreibung von Voraussetzungen und Begrenzungen des Lernens, die – interdisziplinär bearbeitet – zu konkreten Handlungsempfehlungen für die Didaktik führen sollen (Folta-Schoofs und Ostermann 2019, S. 25):

„Die junge Wissenschaft der Neurodidaktik versucht den schwierigen Schritt von der Beschreibung und Diskussion neurowissenschaftlicher Erkenntnisse zur didaktischen Konkretion über den didaktischen Transfer zu unterrichtlichen Handlungen“ (Böttger 2016, S. 18).

4 Quellenangaben

Böttger, Heinrich, 2016. Neurodidaktik des frühen Sprachenlernens: Wo die Sprache zuhause ist. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. ISBN 978-3-8252-4654-9 [Rezension bei socialnet]

Böttger, Heinrich und Michaela Sambanis, Hrsg., 2016. Focus on Evidence: Fremdsprachendidaktik trifft Neurowissenschaften. Tübingen: Narr Francke. Attempto. ISBN 978-3-8233-8021-4

Feyerer, Ewald, 2013. Der Umgang mit besonderen Bedürfnissen im Bildungswesen. Zeitschrift für Inklusion [online]. 4 [Zugriff am: 01.11.2024]. ISSN 1862-5088. Verfügbar unter: https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/​article/view/33

Folta-Schoofs, Kristian und Britta Ostermann, 2019. Neurodidaktik: Grundlagen für Studium und Praxis. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-029711-1 [Rezension bei socialnet]

Folta-Schoofs, Kristian, Marion Hesse-Zwillus, Nina Kieslinger, Julia Kruse und Regine Schulz, 2017. Museen „inklusiv“ gestalten: Wissenschaftliche Evaluation von Maßnahmen für eine barrierefreie Museumsgestaltung. Zürich: Olms. ISBN 978-3-487-15527-2

Friedrich, Gerhard, 1991. Annäherungen an eine Neurodidaktik [Unveröffentlichte Diplomarbeit]. Freiburg: Pädagogische Hochschule Freiburg (Studiengang Erziehungswissenschaft)

Friedrich, Gerhard, 1995. Die Praktikabilität der Neurodidaktik: ein Analyse- und Bewertungsinstrument für die Fachdidaktik. Frankfurt am Main: Lang. ISBN 978-3-631-47237-8

Friedrich, Gerhard, 2005. Allgemeine Didaktik und Neurodidaktik: Eine Untersuchung zur Bedeutung von Theorien und Konzepten des Lernens, besonders neurobiologischer, für die allgemeindidaktische Theoriebildung. Frankfurt am Main: Peter Lang. ISBN 978-3-631-54528-7

Friedrich, Gerhard und Gerhard Preiß, 2003. Neurodidaktik. Bausteine für eine Brückenbildung zwischen Hirnforschung und Didaktik. In: Pädagogische Rundschau. 57(2), S. 181–199. ISSN 0030-9273

Preiß, Gerhard, 1992. Ein System zur Stimulation natürlicher Neuronennetze mit Beiträgen zum Aufbau einer Neurodidaktik. In: Zentralblatt für Didaktik der Mathematik. 24(3), S. 95–115. ISSN 1615-679X

Preiß, Gerhard, Hrsg. 1996. Neurodidaktik: Theoretische und praktische Beiträge. Pfaffenweiler: Centaurus. ISBN 978-3-8255-0124-2

Preiß, Gerhard, [ohne Jahr]. Grundgedanken [online]. Bad Camberg: Zahlenland Prof. Preiß e.K. [Zugriff am: 25.07.2025]. Verfügbar unter: https://zahlenland.info/zahlenland-prof-preiss/​grundgedanken/#toggle-id-1

5 Literaturhinweise

Herrmann, Ulrich, Hrsg. 2020. Neurodidaktik: Grundlagen für eine Neuropsychologie des Lernens. 3. Auflage. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-407-25878-6

Aebli, Hans, 1993. Denken: das Ordnen des Tuns: Kognitive Aspekte der Handlungstheorie. Bd. 1. 2. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-608-91664-5

Arnold, Margret, 2002. Aspekte einer modernen Neurodidaktik: Emotionen und Kognitionen im Lernprozess. München: Vögel. ISBN 978-3-89650-131-8

Caine, Renate N. und Geoffrey Caine, 1994. Making Connections: Teaching and the Human Brain. Menlo Park, CA: Addison-Wesley. ISBN 978-0-201-49088-6

Friedrich, Gerhard, 2006. Neurodidaktik – Eine neue Didaktik? Zwei Praxisberichte aus methodisch-didaktischem Neuland. In: Herrmann, Ulrich, Hrsg. Neurodidaktik: Grundlagen und Vorschläge für gehirngerechtes Lehren und Lernen. Weinheim: Beltz, S. 215–228. ISBN 978-3-407-25511-2 [Rezension bei socialnet]

Roth, Gerhard, 1997. Das Gehirn und seine Wirklichkeit: Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. 11. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-28875-7

Roth, Gerhard, 2000. Evolution der Nervensysteme und Gehirne. In: Hanser, Hartwig und Christine Scholtyssek, Hrsg. Lexikon der Neurowissenschaft. Bd. 1, Heidelberg: Spektrum, S. 433–439. ISBN 978-3-8274-0302-5

Roth, Gerhard, 2003. Fühlen, Denken, Handeln: Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-29278-5

Roth, Gerhard, 2004. Warum sind Lehren und Lernen so schwierig? In: Zeitschrift für Pädagogik. 50(4), S. 496–506. ISSN 0044-3247

Scheunpflug, Annette, 2001. Biologische Grundlagen des Lernens. Berlin: Cornelsen Scriptor. ISBN 978-3-589-21430-3

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