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Non-Profit-Organisation

Prof. Dr. Annette Zimmer

veröffentlicht am 08.03.2024

Weitere Schreibweisen: Nonprofit-Organisation; Nonprofitorganisation

Abkürzung: NPO

Non-Profit-Organisationen (NPOs) sind Organisationen, die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Funktionen übernehmen. Sie können Gewinne erwirtschaften, müssen diese aber überwiegend re-investieren und für die ideellen, humanitären oder gesellschaftspolitischen Ziele der NPO einsetzen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Definition und Begrifflichkeiten
  3. 3 NPOs als gemeinnützige Organisationen in Deutschland
  4. 4 NPOs als Gegenstand der Forschung
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Für die Sozialwirtschaft (Grunwald und Langer 2024) in Deutschland sind NPOs insofern von besonderer Bedeutung, als hier aufgrund des Subsidiaritätsprinzips NPOs lange Zeit vor kommerzieller Konkurrenz geschützt waren und die Mehrheit der in den Bereichen Soziale Dienste und Gesundheitswesen tätigen Dienstleister auch heute noch NPOs sind. Überwiegend handelt es sich hierbei um Mitgliederorganisationen der Wohlfahrtsverbände. Diese NPOs werden, je nach Verbandszugehörigkeit, i.d.R. mit dem entsprechenden Kürzel des Wohlfahrtsverbands als Einrichtung z.B. der AWO oder Caritas näher charakterisiert. Aber auch die überwiegende Mehrheit der neu gegründeten Sozialunternehmen sind NPOs.

Allerdings ist die Tätigkeit von NPOs nicht auf den sozial- und gesundheitspolitischen Bereich begrenzt. Vielmehr sind sie als private Akteure in modernen Gesellschaften in einem breiten Spektrum aktiv, das Sport, Freizeitgestaltung und Kultur ebenso umfasst wie Interessenvertretung/​Lobbying, Natur- und Umweltschutz sowie Religion.

In der Regel handelt es sich bei NPOs um junge Organisationen, da ab etwa Mitte der 1970er Jahre ein Gründungsboom von NPOs eingesetzt hat, der bis in die jüngste Vergangenheit anhielt (Zimmer und Priller 2022, S. 14). Darüber darf aber nicht vergessen werden, dass es auch viele traditionsreiche NPOs gibt, deren Entstehung, Wachstum und Ausdifferenzierung eng mit der Entwicklung moderner Staatlichkeit und dem Aufkommen der Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert verbunden ist. Seit den Anfängen der Industriemoderne sind NPOs als soziale Dienstleister (soziale Unternehmen), politische Akteure (non-governmental organizations [Nichtregierungsorganisation, NGOs], Verbände) und lebensweltliche Vereinigungen (Vereine) in einem breiten Spektrum von Arbeitsbereichen aktiv, in denen sie auf lokaler, nationaler wie auch internationaler Ebene z.T. eng mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten.

Auch sind NPOs nicht nur in Demokratien zu finden. Vielmehr sind sie auch in autokratischen, autoritären sowie Ländern mit Einparteiensystemen tätig, wo sie in sozialpolitisch relevanten Bereichen häufig in wohlfahrtsstaatliche Arrangements eingebunden sind und mit staatlicher Unterstützung arbeiten. Im Gegensatz dazu werden in diesen Ländern, wie z.B. in China oder Russland, NPOs, die als Themenanwälte arbeiten und sich als Korrektiv gegenüber Staat, Wirtschaft und Gesellschaft verstehen, meist reglementiert und in ihren Aktionsradius stark bis gänzlich eingeschränkt.

Bisher gibt es keine allgemein anerkannte Definition der NPO. Je nach disziplinärem Zugang, Tätigkeitsfeld oder Arbeitsebene werden NPOs als gemeinnützige, intermediäre, zivilgesellschaftliche oder Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) bezeichnet. Ferner bestehen Schnittmengen und terminologische Bezüge zu Verbänden, Vereinen und Bewegungsorganisationen.

2 Definition und Begrifflichkeiten

Salamon und Anheier (1992a, 1992b) haben eine gerade für international vergleichende Forschung geeignete Definition entwickelte, die an operativen Kriterien orientiert ist und inzwischen im Kontext der NPO-Forschung weitgehend anerkannt wird. Danach zeichnen sich NPOs dadurch aus, dass sie:

  • formal organisiert sind und über eine eigene Rechtsform verfügen;
    In Deutschland fallen hierunter eingetragene Vereine, private Stiftungen, gemeinnützige GmbHs, Genossenschaften und Aktiengesellschaften sowie gUGs (gemeinnützige haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaften).
  • eigenständig verwaltet und organisatorisch unabhängig vom Staat sind;
    Dies bezieht sich auf die Unabhängigkeit der Leitungsgremien der NPO von staatlichem Einfluss. Die in Deutschland häufig anzutreffenden Quangos (englisch: quasi-autonomous national government organizations), Parafisci (juristische Personen, die öffentliche Aufgaben wahrnehmen, aber weitgehend finanziell unabhängig sind) und Organisationen, deren Leitungspositionen mit Vertretern staatlicher Institutionen (z.B. Gebietskörperschaften) besetzt werden, zählen daher nicht zu den NPOs.
  • freiwillige Vereinigungen sind und insofern Mitgliedschaft und Mitmachen bei NPOs sowie ihre finanzielle Unterstützung auf freiwilliger Entscheidung beruhen;
    Kammern oder Innungen, die in Deutschland Zwangsvereinigungen darstellen, sind daher keine NPOs.
  • zu einem gewissen Grad von freiwilligen Leistungen getragen werden;
    Hierzu zählen freiwillige Beiträge (z.B. Mitgliedsbeiträge), Zuwendungen (Spenden/​Sponsoring) sowie Unterstützung durch bürgerschaftliches Engagement, wie z.B. ehrenamtliche Tätigkeiten in Leitungsgremien oder freiwillige Mitarbeit (Volunteering) im Routinebetrieb.
  • dem Gewinnausschüttungs-/​verteilungsverbot bzw. dem Nonprofit-Constraint unterliegen.
    Erwirtschaftete Gewinne dürfen nicht vollständig an Anteilseigner und/oder Mitglieder ausgeschüttet werden, sondern sind weitgehend in die Organisationen zu reinvestieren. Dies trifft auch für gemeinnützige Genossenschaften zu, wobei eine gewisse Gewinnbeteiligung von Anteilseignern möglich ist, sofern die Kapitalisierung der Organisation nicht gefährdet wird (Salamon und Sokolowski 2018).

Die angeführten Kriterien treffen alle auf non-gouvernmental organizations (NGOs) zu. Diese Bezeichnung wird gegenüber NPO i.d.R. dann bevorzugt, wenn die Organisation in internationalen Kontexten tätig ist. In der Soziologie werden NPOs u.a. auch als „intermediäre Organisationen“ bezeichnet. Zum Ausdruck gebracht wird hierdurch, dass NPOs z.T. als Verbindungs- und Koppelungsinstanzen tätig sind, indem sie den Einzelnen in die Makro-Kontexte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft integrieren.

NPOs sind danach Teil einer gesellschaftlichen Sphäre, die gegenüber den Bereichen „Markt“ und „Staat“ abzugrenzen ist und die sich als Lautverstärkter gesellschaftlicher Anliegen und Interessen sowie u.a. auch als kritische Stimme gegenüber Politik, Wirtschaft sowie Gesellschaft versteht (Habermas 1992, S. 443). In Politik und allgemeiner Öffentlichkeit hat sich hierfür inzwischen der Begriff „zivilgesellschaftliche Organisation“ eingebürgert. Gemeint ist damit, dass NPOs einem spezifischen gesellschaftlichen Bereich, nämlich der Zivilgesellschaft, zuzurechnen sind. Diese unterliegt nicht der Handlungslogik des Marktes (Konkurrenz) und auch nicht der des Staates (Hierarchie), sondern die NPOs der Zivilgesellschaft zeichnen sich durch eine eigenständige Logik aus, die geprägt ist durch Solidarität und/oder Reziprozität und die im angelsächsischen Kontext als „community logic“ bezeichnet wird (Skelcher und Smith 2014). Die in Deutschland übliche und im allgemeinen Sprachgebrauch am weitesten verbreitete Bezeichnung für NPOs ist jedoch die der „gemeinnützigen Organisation“.

3 NPOs als gemeinnützige Organisationen in Deutschland

Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern (u.a. UK, Italien, Spanien) gibt es in Deutschland keine eigenständige Rechtsform für NPOs. Im Grundsatz können alle Rechtsformen des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) zur Organisation gemeinnütziger Zwecke herangezogen werden. Durch die Anerkennung der Gemeinnützigkeit wird eine Organisation zur NPO. Diese erfolgt durch das zuständige Finanzamt und bedeutet, dass die betreffende Organisation von der Körperschaftssteuer befreit ist. Üblich sind in Deutschland die mitgliederbasierten Rechts-/​Organisationsformen Verein und Genossenschaft sowie die kapitalbasierten Rechts-/​Organisationsformen Stiftung, Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH), Unternehmergesellschaft (UG) und Aktiengesellschaft.

Tabelle 1: Rechts- und Organisationsformen von NPOs in Deutschland (eigene Darstellung)
Mitgliederbasiert Kapitalbasiert
Eingetragener Verein (e.V.) Stiftung des Privatrechts
Gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH)
haftungsbeschränkte Unternehmensgesellschaft (UG)
Aktiengesellschaft (gAG)
Gemeinnützige Genossenschaft (gGe)

Die überwiegende Mehrheit der NPOs in Deutschland sind mitgliederbasierte Organisationen in der Rechtsform des eingetragenen Vereins (Idealverein). Der Verein bzw. der Idealverein ohne wirtschaftliche Zwecke ist die in Deutschland am häufigsten vorkommende Rechts- und Organisationsform von NPOs. Eingetragene Vereine finden sich in allen Arbeits- und Tätigkeitsbereichen von NPOs. Neuere Untersuchungen zufolge sind mehr als 600.000 eingetragene Vereine hierzulande aktiv (Schubert et al. 2023, S. 9; Schubert et al. 2022).

Demgegenüber ist die Anzahl gemeinnütziger Genossenschaften eher klein. Es wird davon ausgegangen, dass nur etwa 10% der Genossenschaften in Deutschland gemeinnützig sind. Während die Gründungstätigkeit bei Vereinen sich verlangsamt, hat die gemeinnützige Genossenschaft in den letzten Jahren als Rechts- und Organisationsform von NPOs leicht an Popularität gewonnen (Thürling und Hanisch 2021). Gemeinnützige Genossenschaften finden sich in den Bereichen Energiegewinnung (Solar- und Windenergie), Wohnen, ökologische Landwirtschaft oder Gemischtwaren-Läden, insbesondere im ländlichen Raum. Für diese NPOs ist auch die Bezeichnung Sozialgenossenschaft üblich.

Von den kapitalbasierten NPO-Organisations- und Rechtsformen hat die Stiftung bürgerlichen Rechts in den letzten Jahrzehnten an Relevanz gewonnen. Nach Angabe des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen sind mehr als 25.000 Stiftungen bürgerlichen Rechts bei den Stiftungsbehörden der Länder (Regierungspräsidien) registriert (Zimmer und Priller 2022, S. 15). An sich verwirklichen Stiftungen ihre Ziele und Zwecke dank der Erträge ihres Stiftungskapitals. Dies trifft aber nur für wenige Stiftungen in Deutschland zu. Da es sich bei der überwiegenden Mehrheit der Stiftungen hierzulande um kleinere bis Kleinst-Stiftungen handelt, sind diese NPOs auf kontinuierliche Ressourcenzuflüsse in Form von Spenden, Sponsoringmittel sowie bürgerschaftliches Engagement angewiesen.

Eine beachtliche Bedeutungszunahme als Rechts- und Organisationsform von NPOs hat in den letzten Jahren die gemeinnützige GmbH erfahren. Vor allem von den NPOs der Sozialwirtschaft wird die gGmbH als unternehmensförmige Rechts- und Organisationsform zunehmend favorisiert. Der Grund hierfür ist in der Veränderung der Kontextbedingungen der Sozialwirtschaft durch die schrittweise Zurücknahme des Subsidiaritätsprinzips zu sehen. Um sich gegenüber einer schnell wachsenden kommerziellen Konkurrenz in allen Bereichen wohlfahrtsstaatlicher Leistungserstellung behaupten zu können, haben die Mitgliederorganisationen der Wohlfahrtsverbände ihre Corporate Governance den veränderten Kontextbedingungen angepasst und sich als NPOs ebenfalls unternehmerisch aufgestellt. Dazu zählt die Veränderung ihrer Rechts- und Organisationsform, i.d.R. der Wechsel vom eingetragenen Verein zur gGmbH. Dieser Trend trifft aber nicht nur für die Sozialwirtschaft zu. Größere Vereine, die im Bereich Sport und Freizeit tätig sind, sind ebenfalls verstärkt dazu übergegangen, ihre wirtschaftlichen Geschäftsbetriebe in gGmbHs auszulagern. Gründe hierfür sind der z.T. erheblich gewachsene Umfang der wirtschaftlichen Betätigung der Vereine und die damit einhergehende Professionalisierung ihrer Verwaltung. Gemäß Hochrechnungen sind mehr als 25.000 gGmbHs derzeit bei den Handelsregistern registriert (Zimmer und Priller 2022, S. 16).

Eine Unterorganisationsform der GmbH ist die haftungsbeschränkte Unternehmensgesellschaft (UG), die umgangssprachlich auch als Mini- oder 1-Euro-GmbH bezeichnet wird, da zu ihrer Gründung keine Mindestkapital-Ausstattung erforderlich ist. Dies macht die UG als NPO-Organisations- und Rechtsform attraktiv. Das Stammkapital einer normalen GmbH – i.d.R. 25.000 € – kann bei der UG durch Rücklagen aus ihren Gewinnen angesammelt werden. Interessant ist die gUG vor allem für Sozialunternehmer:innen, die eine betriebsförmige Organisations- und Rechtsform für ihre Start-ups favorisieren, aber häufig nicht über entsprechendes Startkapital verfügen.

Insgesamt ist ein Bedeutungsrückgang der mitgliederbasierten und eine Bedeutungszunahme der kapitalbasierten Rechts- und Organisationsformen von NPOs in Deutschland zu verzeichnen (Schubert et al. 2023, S. 9). Dies trifft in jüngster Zeit auch für die gemeinnützige Aktiengesellschaft (gAG) zu. Im 19. Jahrhundert wurde diese Rechtsform u.a. für die Trägerschaft Zoologischer Gärten (z.B. Berliner Zoo) oder z.T. auch für kulturelle Einrichtungen (z.B. Oper Zürich) favorisiert. Danach war dies nicht mehr der Fall und die Rechts- und Organisationsform der gAG für NPOs eher irrelevant. Aktuell wird die gAG von NPOs, die in den Bereichen Beratung und Fundraising tätig sind, wiederentdeckt. So ist die größte Crowd-Funding Plattform in Deutschland (betterplace) als gAG organisiert; entsprechendes trifft auf eine der größten Beratungs- und Ratingeinrichtungen von NPOs (Phineo) zu. Ferner wird die gAG auch zur Organisation und Trägerschaft von NPO-Holdings herangezogen. Ein Beispiel hierfür ist Agaplesion, die als gAG organisierte Trägergesellschaft von ursprünglich zur Diakonie oder Evangelischer Kirche gehörenden Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.

Der Zusammenschluss von NPOs zu Holdings, die das organisatorische Dach eines ganzen Spektrums von NPOs bilden, ist aktuell zunehmend festzustellen. Für diese Dachgesellschaften der NPOs werden als kapitalbasierte Organisations- und Rechtsformen – wie beschrieben – die gAG, aber auch die Stiftung bürgerlichen Rechts und die gGmbH herangezogen. Diese Rechtsformwahl findet sich verstärkt in der Sozialwirtschaft sowie bei jüngeren Sozialunternehmen, wie etwa der wellcome gGmbH, ein Sozialunternehmen zur Unterstützung junger Familien. Das Holding-Modell wird auch im Dienst des Organisationswachstums bzw. zur Skalierung von NPOs herangezogen, wobei häufig Franchising zur Anwendung kommt. Es scheint einiges darauf hinzudeuten, dass die Ausbildung von NPO-Holdings das für Deutschland typische Wachstums- und Skalierungsmodell, nämlich der Zusammenschluss von NPOs gleicher Zielsetzung und normativer Orientierung zu einem Verband, zunehmend ablöst. Die NPO-Holdings entstehen entweder im Kontext von Skalierung als flächenmäßiges wie quantitatives Wachstum neuerer sozialunternehmerischer Aktivitäten oder aber als Ergebnis der Re-Organisation traditionsreicher NPOs und der Bündelung ihrer Governance unter einem Dach. Von der NPO-Forschung ist diese Entwicklung der NPOs noch näher in den Blick zu nehmen.

4 NPOs als Gegenstand der Forschung

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit verschiedenen Formen der Vergesellschaftung auf Organisationsbasis – wie etwa Vereine oder Verbände – kann auf eine lange Tradition bis zu den Anfängen sozialwissenschaftlicher Forschung zurückblicken. Allerdings erfolgte dies nicht unter dem Label NPO-Forschung. Die Anfänge hiervon sind auf die 1970er-Jahre zu datieren. Der damalige Zeithorizont war bestimmt durch den Wechsel vom Keynesianismus zum Monetarismus, einer sich verstärkenden Kritik am Wohlfahrtsstaat und dem Erstarken des Neo-Liberalismus in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Vor diesem Hintergrund warnte der amerikanische Soziologe und Verwaltungswissenschaftler Amitai Etzioni vor einer einseitigen Ausrichtung ausschließlich auf den Markt und seinem Konkurrenzmechanismus als alleinige Problemlösungsinstanz. Mit Blick auf die öffentliche Daseinsvorsorge und die Bereitstellung sozialer Dienstleistungen lenkte Etzioni die Aufmerksamkeit auf einen gesellschaftlichen Bereich, der weder dem Markt und seiner Konkurrenzlogik noch dem Staat und seinen Prämissen unterstellt ist. Als Pool von Reformansätzen und Innovationen verwies Etzioni auf „a third alternative, indeed sector […] between the state and the market“ (Etzioni 1973, S. 314). In diesem Zusammenhang bezeichnete er NPOs als „organizations for the future“, da sie in der Lage sind, die positiven Seiten des Marktes – Innovationskraft und Unternehmertum – mit dem Gemeinwohlbezug des Staates und der Orientierung am allgemeinen Wohl zu verbinden.

In der Folge führten gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Veränderungen, angefangen bei der Globalisierung und dem Erstarken neuer sozialer Bewegungen, über den Zusammenbruch des sog. Ostblocks bis hin zur Veränderung von Staatlichkeit in Richtung Gewährleistungsstaat zu einer „global associational revolution“ (Salamon 1994) bzw. einem bemerkenswerten Gründungsboom von NPOs. Diese wurden zu einem viel beachteten Thema der Internationalen Beziehungen, der Sozialen Bewegungsforschung sowie auch der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung. Seitdem gilt weltweit nicht mehr der Staat als alleiniger Akteur von Politikgestaltung, sondern NPOs wird heute ein wichtiger Stellenwert eingeräumt, angefangen beim Agenda-Setting über die Formulierung und Ausgestaltung von Politik bis hin zu ihrer Implementation und wohlfahrtsstaatlichen Umsetzung.

Vor diesem Hintergrund wurde erstmals die besondere Bedeutung der NPOs für die Sozialwirtschaft in Deutschland auch international gewürdigt und als spezifisches Modell der Kooperation von Staat und Zivilgesellschaft bei der Erstellung sozialpolitisch relevanter Dienste und Leistungen herausgearbeitet. Während die Verbändeforschung in Deutschland insbesondere auf die exklusive Stellung der Wohlfahrtsverbände einging und den neo-korporatischen Charakter der Einbindung von NPOs in die sozialstaatliche Dienstleistungserstellung herausstellte (Heinze und Olk 1981; Backhaus-Maul 2002), verwies Salamon aus international vergleichender Perspektive auf den für Staat wie NPOs im Rahmen einer engen Zusammenarbeit bzw. einer „welfare partnership“ (Salamon und Sokolowski 2018, S. 70) für beide Seiten, NPOs wie Staat, entstehenden Nutzen. Danach verbleibt die Regulierung und Finanzierung sozialwirtschaftlicher Leistungen und Dienste überwiegend bei staatlichen Stellen, während im Kontext des Gewährleistungsstaates die De-facto-Erstellung der Leistungen und Dienste von NPOs übernommen wird. Erfolgen kann dies entweder auf Basis gegenseitigen Einvernehmens und tradierter Formen der Kooperation (Neo-Korporatismus); oder aber die Zusammenarbeit ist vertragsbasiert und erfolgt zeitlich begrenzt und im Rahmen von Verträgen und Leistungsvereinbarungen, die z.T. unter Konkurrenzbedingungen vergeben werden. Je nach Tradition, gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie Pluralität von Leistungsanbietern kann es hierbei zu sehr unterschiedlichen „welfare mixen“ bzw. Zusammensetzung der Leistungsersteller kommen. Beispielsweise sind neben der Familie in Deutschland NPOs traditionell sehr stark im Bereich der stationären Pflege vertreten, während die ambulante Pflege aufgrund ihres Entstehungskontextes und der gesetzlichen Rahmenbedingungen von Anfang an überwiegend von privat-kommerziellen Anbietern dominiert war. Die Untersuchung dieser „welfare mixe“, der institutionellen Arrangements im Bereich der Sozialwirtschaft als Landes- und auch bereichsspezifische Zusammenarbeit zwischen Staat, Gemeinschaft und Markt, entwickelte sich in der Folge zu einem wichtigen Thema der vergleichenden NPO-Forschung (Zimmer und Smith 2021).

Entsprechendes gilt auch für die betriebswirtschaftlich-orientierte NPO-Forschung, die die Besonderheiten des Managements und der Governance von NPOs in den Blick nimmt (Meyer et al. 2022). Im Vergleich zu Unternehmen zeichnen sich NPOs durch Strukturbesonderheiten aus. Hierzu zählen u.a. ihr Finanzierungsmix, wozu Mitgliedergebühren, Spenden, Sponsoringgelder, öffentliche Zuwendungen sowie auch Verdienste am Markt gehören, wie auch ihr Personalmix bestehend aus u.a. hauptamtlich Beschäftigen, freiwilligen Mitarbeiter:innen sowie ehrenamtlichem Leitungspersonal. Nach Einschätzung der Betriebswirtschaft sind NPOs einerseits aufgrund ihrer ideellen und nicht selten innovativen Zielsetzungen sehr attraktive Organisationen, gleichzeitig aber aufgrund ihrer Strukturbesonderheiten auch schwer zu managen. Nicht zuletzt aufgrund ihrer wichtigen arbeitsmarktpolitischen Bedeutung sowie ihrer zentralen Stellung in der Sozialwirtschaft hat sich die betriebswirtschaftliche NPO-Forschung zu einem interessanten und im sozialwissenschaftlichen Kontext wachsenden Bereich der NPO-Forschung entwickelt (Zimmer und Hallmann 2016; Helmig und Boenigk 2019; Meyer et al. 2022; Anheier und Toepler 2023). Im angelsächsischen Raum sind vor allem an Universitäten eigenständige Lehr- und Forschungsinstitute zu Nonprofit-Management und Governance entstanden; in Deutschland werden Studiengänge zu NPO- und Sozial-Management i.d.R. an Fachhochschulen angeboten; an Universitäten ist der Bereich der NPO-Lehre und Forschung häufig in die grundständigen BWL-Curricula als Spezialisierung integriert.

Kritisch ist hinsichtlich der weiteren Entwicklung der NPO-Forschung anzumerken, dass sich der Forschungsbereich wieder stärker ausdifferenziert und die sub-disziplinäre Zuordnung erneut an Bedeutung gewinnt. Beispielsweise wird die Auseinandersetzung mit aktuellen Formen des Protestes im Kontext der Bewegungsforschung kaum noch unter dem Label NPO-Forschung geführt. Entsprechendes lässt sich auch für den wachsenden Zweig der Engagementforschung feststellen, die die freiwillige Mitarbeit und das bürgerschaftliche Engagement in einem breiten Spektrum von Tätigkeitsfeldern und Aktionsformen thematisiert, aber nur noch in Ansätzen bzw. kaum noch Bezüge zur NPO-Forschung als Untersuchung der infrastrukturellen Basis des Engagements aufweist. Es ist daher eine Frage der Zeit, wie lange die NPO-Forschung als überwölbendes Dach einer Vielfalt von Forschungsansätzen und -themen ihre Leitbildfunktion noch bewahren kann.

5 Quellenangaben

Anheier, Helmut und Stefan Toepler, 2023. Nonprofit Organizations: Theory, Management, Policy. 3. Auflage. London: Routledge. ISBN 978-1-138-62549-5

Backhaus-Maul, Holger, 2002. Wohlfahrtsverbände als korporative Akteure. In: Aus Politik und Zeitgeschichte [online]. B 26, 26.05.2002 [Zugriff am: 05.03.2024]. ISSN 2194-3621. Verfügbar unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/25545/​wohlfahrtsverbaende-als-korporative-akteure/

Etzioni, Amitai, 1973. The Third Sector and Domestic Missions. In: Public Administration Review [online]. 33(4), S. 314–323 [Zugriff am: 05.03.2024]. doi:10.2307/975110

Grunwald, Klaus und Andreas Langer, Hrsg. 2024. Sozialwirtschaft: Handbuch für Wissenschaft und Praxis. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verlag. ISBN 978-3-8487-7508-8

Habermas, Jürgen, 1992. Faktizität und Geltung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-58127-8

Heinze, Rolf G. und Thomas Olk, 1981. Die Wohlfahrtsverbände im System sozialer Dienstleistungsproduktion. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. 33(1), S. 94–114. ISSN 0023-2653

Helmig, Bernd und Silke Boenigk, 2019. Nonprofit Management. 2. Auflage. München: Vahlen. ISBN 978-3-8006-5179-5 [Rezension bei socialnet]

Meyer, Michael, Ruth Simsa und Christoph Badelt, Hrsg. 2022. Handbuch der Nonprofit-Organisation. 6., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Stuttgart: Schäffer-Poeschel. ISBN 978-3-7910-5561-9 [Rezension bei socialnet]

Salamon, Lester M., 1994. The rise of the nonprofit-sector: a global associational revolution. In: Foreign Affairs [online]. 73(4), S. 109–122 [Zugriff am: 05.03.2024]. ISSN 2327-7793. doi:10.2307/20046747

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Salamon, Lester M. und Helmut K. Anheier, 1992b. In Search of the Nonprofit-Sector II: the Problem of Classification. In: Voluntas. 3, S. 267–309. ISSN 0957-8765

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Schubert, Peter, David Kuhn und Birthe Tahmaz, 2023. Ziviz-Survey 2023 [online]. Essen: Stifterverband für die Deutsche Wirtscaft e.V. [Zugriff am: 05.03.2024]. PDF e-Book. ISBN 978-3-948431-02-0. Verfügbar unter: https://www.ziviz.de/sites/ziv/files/​ziviz-survey_2023_hauptbericht.pdf

Schubert, Peter, Birthe Tahmaz und Holger Krimmer, 2022. Vereine in Deutschland im Jahr 2022. Aktuelle Zahlen zum Strukturwandel der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Berlin: ZiviZ im Stifterverband

Skelcher, Chris und Steven R. Smith, 2015 [2014]. Theorizing Hybridity: Institutional Logics, Complex Organizations, And Actor Identities: The Case of Nonprofits. In: Public Administration [online]. 92(4), S. 433–448 [Zugriff am: 05.03.2024]. ISSN 1467-9299. doi:10.1111/padm.12105

Thürling, Marleen und Markus Hanisch, 2021. Genossenschaften für das Gemeinwesen: Bürgerschaftliches Engagement zur Sicherung der Daseinsvorsorge?. In: Zeitschrift für Sozialreform. 67(3), S. 260–290. ISSN 0514-2776

Zimmer, Annette und Thorsten Hallmann, Hrsg. 2016. Nonprofit-Organisationen vor neuen Herausforderungen. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-10586-0 [Rezension bei socialnet]

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6 Literaturhinweise

Grunwald, Klaus und Andreas Langer, Hrsg. 2024. Sozialwirtschaft: Handbuch für Wissenschaft und Praxis. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verlag. ISBN 978-3-8487-7508-8

Meyer, Michael, Ruth Simsa und Christoph Badelt, Hrsg. 2022. Handbuch der Nonprofit-Organisation. 6., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Stuttgart: Schäffer-Poeschel. ISBN 978-3-7910-5561-9 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Prof. Dr. Annette Zimmer
Seniorprofessorin an der Universität Münster und wissenschaftliche Leiterin des Weiterbildungsstudiengangs Nonprofit-Management and Governance der Professional School der UM
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Zitiervorschlag
Zimmer, Annette, 2024. Non-Profit-Organisation [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 08.03.2024 [Zugriff am: 21.07.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/779

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