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Normierung

Prof. Dr. Werner Schönig

veröffentlicht am 28.04.2026

Etymologie: lat. norma Regel, Maßstab

Englisch: standardization

Normierung bezeichnet den Prozess der verbindlichen Festlegung von Regeln und Standards sowie den daraus resultierenden Zustand der Regelsetzung. Sie kann durch Institutionen oder Verbände explizit gesetzt oder durch Marktmechanismen implizit entstehen und betrifft technische ebenso wie soziale Systeme.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Historisches Beispiel: Schraubengewinde
  3. 3 Grundlagen der Normierung
    1. 3.1 Ambivalenz der Normierung
    2. 3.2 Prozess der Normierung
  4. 4 Normierung in der Sozialen Arbeit
    1. 4.1 Allgemeine Aspekte und ihre Ambivalenz
    2. 4.2 Spezielle Aspekte
  5. 5 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Normierung ist ein ambivalentes Phänomen: als Prozess der verbindlichen Regelsetzung und als Zustand ihres jeweiligen Regelungsumfangs prägt sie technische und soziale Systeme gleichermaßen, und damit auch die Soziale Arbeit. Die historische Entwicklung genormter Schraubengewinde zeigt exemplarisch, wie die Normierung zunächst in Einzelbetrieben begann, bevor sie sich als branchenweite Norm durchsetzte.

Normierung ermöglicht Effizienzsteigerung, Kostensenkung und Marktintegration, bringt aber gleichzeitig auch Qualitätsverluste und Ineffizienz mit sich, wenn sie nicht zum jeweiligen Kontext passt. Ihre Ambivalenz liegt darin, dass sie zwar Stabilität und Qualität sichert, aber auch Flexibilität einschränken und minderwertige Lösungen zementieren kann, wenn sie nicht regelmäßig hinterfragt wird. Normierung entsteht dabei entweder explizit durch verbindliche Vorgaben von Institutionen wie DIN oder der EU oder implizit durch Marktmechanismen, wenn sich bestimmte Standards im Wettbewerb durch Innovation und Imitation faktisch etablieren.

In der Sozialen Arbeit berührt Normierung ethische, rechtliche und professionelle Dimensionen zugleich. Rechtliche Normen wie das SGB VIII strukturieren etwa die Jugendhilfe durch klare Verfahren bei Kindeswohlgefährdung oder Hilfeplanung. Fachliche Standards wie die Ethik-Leitlinien der International Federation of Social Workers (IFSW) oder methodische Ansätze wie die motivierende Gesprächsführung rahmen hingegen professionelles Handeln. Auch Qualitätsmanagement-Systeme nach ISO 9000 sind weit verbreitet, wobei sie zwar Transparenz und Vergleichbarkeit schaffen, aber oft mit einem hohen Dokumentationsaufwand einhergehen, der die eigentliche Beziehungsarbeit belastet.

Historisch betrachtet haben sich Normen in der Sozialen Arbeit von kirchlichen Moralvorstellungen über aufklärerische Prinzipien bis hin zu modernen Menschenrechten und sozialstaatlichen Ansprüchen gewandelt. Aktuelle Konzepte wie Empowerment, Partizipation oder Digitalisierung wirken ebenfalls normsetzend, wobei ihr Nutzen stets von der Passung abhängt.

Das zentrale Problem der Normierung ist die Passung: Normen müssen so gestaltet sein, dass sie weder zu viel Spielraum lassen noch zu sehr einengen. Partizipative Ansätze wie Qualitätszirkel oder regelmäßige Überarbeitungen können hier Abhilfe schaffen, indem sie Fachkräfte und Betroffene einbinden. Dennoch bleibt Normierung in der Sozialen Arbeit ein Dauerbalancieren zwischen Einzelfallorientierung und Standardisierung, zwischen externen Vorgaben und individueller Fachlichkeit. Eine kontinuierliche Reflexion ist daher unverzichtbar.

2 Historisches Beispiel: Schraubengewinde

Im „Museum für Schrauben und Gewinde“ der Firma Adolf Würth (2026) in Künzelsau informiert eine Tafel darüber, dass noch vor 200 Jahren jede Metallwerkstatt ihre eigenen Gewinde in Schrauben und Muttern jeweils in Einzelstücken durch Gewindeschneider anfertigte. Diese Schrauben und Muttern waren nicht frei kombinierbar, da jede ein anderes Gewinde hatte. Ab 1860 wurde dann in einer englischen Werkstatt intern eine Normung der eigenen Gewinde durchgeführt, was dem Unternehmen einen starken Wettbewerbsvorteil brachte. Erst ab 1898 wurden Gewinde auf Initiative des Ingenieurs Joseph Whitworth im Zollmaß öffentlich und bis heute gültig genormt.

Der Effekt dieser Normung war „enorm“, da sie die handwerklichen Fertigungsmethoden einzelner Schrauben ablöste und diese nun technisch besser, billiger und austauschbar machte. Gewindebefestigungen wurden zu Massenartikeln für lösbare Verbindungen; sie sind heute in jedem guten Gerät vorhanden und in jedem Heimwerkermarkt zu kaufen. Nach und nach entstanden auch andere Normungssysteme, wie etwa die metrische Normung nach der Deutschen Industrienorm (DIN) oder eine konkurrierende Normung in den USA, sodass heute verschiedene Systeme nebeneinander existieren. Den „gesellschaftlichen Nutzen der Normung in Deutschland“ gibt das Museum Würth mit „17 Mrd. Euro pro Jahr“ an (Würth Museum 2026). Trifft dies – trotz methodischer Bedenken – zu, so wäre dies ein beachtlicher Betrag in Höhe von ca. 0,38 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Jahre 2025 (Statistisches Bundesamt 2026).

3 Grundlagen der Normierung

3.1 Ambivalenz der Normierung

Verallgemeinernd kann man aus der Normierungs-Geschichte der Schrauben und Gewinde sechs Erkenntnisse ableiten:

  1. Normierung ist ein schrittweiser Prozess, beginnend erstens mit einem nicht genormten Prozess, über zweitens Insellösungen bis hin zu drittens ausgreifenden und ggf. auch konkurrierenden Normungssystemen.
  2. Betrachtet man die Normierung zu einem Zeitpunkt, so ist sie ein Zustand ihres jeweiligen Regelungsumfangs und ihre Arbeitsweise.
  3. Eine gute, passende Normierung ist eine Innovation, d.h. eine erfolgreiche, nützliche Erfindung, die sich im Markt durchsetzt. Passt die Normierung nicht, so wird sie sich nicht durchsetzen und dann ist sie auch keine Innovation.
  4. Die Normierung verändert den ursprünglichen Beruf und die Abläufe im Betrieb, indem sie Bereiche neu definiert. Wie bei jeder Innovation können hierdurch neue Berufe/​Betriebe entstehen und alte verschwinden.
  5. Erfolgreiche Normierung verbessert die Qualität und bewirkt eine Kostensenkung, und zwar in den Bereichen, in denen die Normierung genau auf das Problem passt.
  6. Passt die Normierung für ein Vorhaben hingegen nicht, dann schadet die Normierung durch unnötige Einschränkungen. In diesen Fällen muss außerhalb der Norm gearbeitet werden, was wiederum langfristig neue, für diesen Fall passende Normungen hervorbringen kann.

Letztlich bedeutet jede Normierung eine Regelsetzung (lat. norma = Regel) und diese Regelsetzung kann gut oder schlecht, d.h. passend oder unpassend, innovationsfreundlich oder innovationshemmend sein. Kernproblem der Normierung ist die Passung.

Normierung ist wegen des Problems der Passung im Wortsinne immer ambivalent; sie hat einerseits einen positiven Wert, wenn man dem Wunsch nach effizienter Standardisierung folgt und sie ist andererseits ein Problem, wenn sie den Besonderheiten des Einzelfalls nicht genügt, Innovationen im Wege steht und Märkte abschottet. Auf reifen, etablierten Märkten wird eine Normierung eher positiv bewertet werden, auf neuen, dynamischen Märkten eher negativ.

3.2 Prozess der Normierung

Diese Ambivalenz der Normierung gilt unabhängig davon, wie die Normierung entstanden ist. Für diesen Prozessaspekt gibt es zwei Wege:

  1. Die Normierung kann absichtlich und explizit durch einzelne Akteur:innen oder durch Gruppen/​Konsortien/Verbände erfolgen, indem diese die Regeln bewusst als Standard öffentlich setzen, ggf. durch Patente schützen und durch Zertifizierungen überprüfen. Die Deutsche Industrienorm ist hierfür ein typisches Beispiel.
  2. Die Normierung kann unabsichtlich und implizit erfolgen, in dem sich die Regeln für einen Prozess oder auf einem Markt durch Imitation und Bewährung durchsetzen. So kann es für ein Problem unterschiedliche Lösungen geben, z.B. Steckersysteme, Dateiformate und allgemein Arbeitsweisen, die sich auf regionalen oder nationalen Märkten aufgrund dort dominierender Anbieter etablieren und somit faktisch Normen für kleinere Anbieter setzen. So entstehen dann räumlich unterschiedliche Normen, was den Austausch zwischen den Märkten hemmt.

Einige dieser konkurrierenden Normen bleiben bestehen (z.B. gibt es bis heute international sehr unterschiedliche Steckdosenverbindungen u.a. nach deutschen Siemens-Standard und dem US-Standard von General Electric). Andere Normen werden im Laufe der Zeit durch den Wettbewerb egalisiert mit der Tendenz, dass sich die Normen des größeren Anbieters/​Marktes wegen der dortigen Kostenvorteile durchsetzen. In wieder anderen Fällen greift eine übergeordnete Instanz ein und setzt der Normenkonkurrenz ein Ende, wie es 2022 die Europäische Union getan tat, indem sie alle Anbieter – auch Apple – auf dem europäischen Markt zwang, normierte USB-C-Stecker zu verwenden (Richtlinie [EU] 2022/2380).

In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass durch einen dominierenden Anbieter eine minderwertige Norm gesetzt wird und sich diese gegen bessere Lösungen durchsetzt, da die Marktmacht des dominierenden Anbieters die schlechtere Lösung am Markt absichert (so war die Befürchtung der EU gegenüber dem Steckersystem von Apple). Der bekannteste Fall hierfür trug sich Ende der 1970er-Jahre zu, als der Formatkrieg um die Existenz zweier unterschiedlicher Systeme zur Aufzeichnung von Videos geführt wurde: Dem qualitativ weniger leistungsstarken VHS der international dominierenden Firma JVC stand das hochwertige Video 2000 der kleineren deutschen Firma Grundig gegenüber. Trotz schlechterer Bildqualität setzte sich VHS wegen Kostenvorteilen und der breiteren Austauschbarkeit bei vielen Nutzer:innen durch, sodass Grundig 1984 aufgab und begann, selbst VHS-Geräte zu produzieren.

Im Allgemeinen ist zu erwarten, dass sich langfristig eine gute, passende und explizit kodifizierte Normierung durchsetzt. Diese Normierung wird von einer größeren Gruppe von Fachleuten und Firmen getragen und gelegentlich auch reformiert, um ihre aktuelle Passung sicherzustellen. In diesem Sinne wirkt die Normierung nach innen in die Gruppe hinein identitätsstiftend, da sich die Gruppe hierauf verpflichtet hat und die Norm gemeinsam verteidigt. Gleichzeitig wirkt sie nach außen auf dem Markt repräsentativ, da mit ihr ein Qualitäts‑ und Preis-Leistungs-Versprechen einhergeht.

4 Normierung in der Sozialen Arbeit

4.1 Allgemeine Aspekte und ihre Ambivalenz

Die vorstehenden Ausführungen haben mit Absicht auf den technischen Aspekt von Normierung fokussiert, um einen allgemeinen Einstieg in das Thema zu finden und an bekannte Phänomene und Beobachtungen anschließen zu können. Wie schon der Begriff „Deutsche Industrie-Norm (DIN)“ andeutet, ist Normierung zunächst ein technisches Phänomen in der Industrie.

Allerdings gelten die Grundzüge der Normierung auch für die Soziale Arbeit und hier besonders dann, wenn sie sich als personenbezogene soziale Dienstleistung auf dem Markt der Sozialwirtschaft versteht. Auch für die Soziale Arbeit sind Qualität und Preis, Konkurrenz und Kooperation Grundlage ihrer Professionalität. Folglich werden sich passende Normierungen durchsetzen und allgemein als fachlicher Standard etablieren. Einige dieser Normierungen seien exemplarisch herausgestellt:

  • Das normierte Selbstverständnis der Sozialen Arbeit in der Definition einschlägiger nationaler und internationaler Verbände
  • Die darauf aufbauenden Ethikkodizes
  • Das Hilfeplanverfahren in der Jugendhilfe nach § 36 SGB VIII
  • Die Qualitätssicherung nach ISO 9000
  • Faktische Normierung in Fragen der Partizipation, Gendersensibilität sowie in einzelnen Handlungsfeldern mit Blick auf „gute“ Praxis.

Wie auch in der Industrie, so können Normierungen in der Sozialen Arbeit eigene fachliche Standards (faktisch oder kodifiziert), aber auch gesetzliche Vorgaben sein, welche die alltägliche Arbeit prägen. Im Zentrum steht dabei der Schutz der Adressat:innen vor der Willkür der Fachkräfte. Es ist offensichtlich, dass die Soziale Arbeit durch ihre Rechtsgebundenheit besonders stark – stärker als die Industrie – von rechtlicher Normsetzung beeinflusst wird. Um die Breite und Tiefe der rechtlichen Normierung zu veranschaulichen, sollen hier einige Stichworte zu verschiedenen Rechtsbereichen genügen:

  • Betrachtet man einen Ausschnitt aus der Jugendhilfe, so ist ihr Auftrag in § 1 SGB VIII ebenso normiert wie der Schutzauftrag und die Verfahren bei Kindeswohlgefährdung (§ 8a SGB VIII) und die Partizipation der Adressat:innen bei der Hilfeplanung (§ 36 SGB VIII) (Münder et al. 2026).
  • Rechtliche Normierung existiert zudem für die Bedarfsermittlung nach § 9 SGB XII und die Pauschalisierung bei der Grundsicherung im Alter nach § 11 SGB XII (Schellhorn et al. 2022).

Parallel dazu haben Fachverbände Leitlinien und Manuale für „gute“ Soziale Arbeit entwickelt, die zwar nicht rechtlich verbindlich sind, jedoch allgemein anerkannt werden und somit professionelles Handeln fundieren. Auch hier seien nur einige Beispiele genannt:

  • Die Ethik-Leitlinien der IFSW (International Federation of Social Workers) (ISWF 2018) sowie von Fachverbänden, hier z.B. der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF).
  • Zudem sind einzelne Methoden wie die motivierende Gesprächsführung (Miller und Rollnick 2025) oder das Phasenmodell der Traumapädagogik (Baierl und Frey 2016) durch zentrale Publikationen im Verfahren faktisch normiert.
  • Zertifizierungen im Qualitätsmanagement nach ISO 9000, welche umfangreiche, gelegentlich überbordende Prozessstandards und auch Dokumentationspflichten festlegen (Merchel 2013).

Weder in rechtlich-obligatorischer noch in fachlicher-fakultativer Form kann die Vielzahl der Normierungen abschließend dargestellt werden. Zudem stellt sich auch in der Sozialen Arbeit die Frage, wie weit eine gute Normierung gehen sollte, wo der Bereich einer unzulässigen Einengung angesichts offener Rechtsbegriffe beginnt und wann eine Normierung überarbeitet werden muss. All diese Fragen liegen analog zur Normierung in der Industrie – hier wie dort ist die Normierung ambivalent und nur in ihrem Kontext hinsichtlich der Passung konkret zu bewerten.

Dimensionen der Ambivalenz sind dabei Qualitätssicherung vs. Bürokratisierung, Rechtssicherheit vs. Überregulierung, Legitimation vs. Abstraktheit und Qualität vs. Kostendruck. Teilweise können hier Mittelwege gefunden werden, indem durch partizipative, reflexive Normierung den Arbeitsrealitäten der Fachkräfte und den Lebensrealitäten der Adressat:innen Rechnung getragen wird. Dazu werden Qualitätszirkel und andere Formate eingerichtet, die nicht immer mit Leben gefüllt werden.

Es wäre angesichts der Ambivalenz verkürzt, die Normierung pauschal als Disziplinierungs‑ und Dequalifizierungsinstrument zu verstehen. Vielmehr kommt es darauf an, den Einzelfall der Normierung zu untersuchen, bei ihm das Für und Wider genau zu hinterfragen und ggf. Reformen auf den Weg zu bringen.

Vorbild hierfür kann die Klassifikation psychischer Krankheiten nach ICD-10 (Kapitel V Psychische und Verhaltensstörungen [F00-F99] der Internationalen statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) sein. Sie normiert einerseits Krankheitsbilder und damit auch Therapieansätze, ist somit zentraler Bezugspunkt und Anker der Professionalität in diesem Handlungsfeld und sie wird anderseits regelmäßig durch Fachleute reformiert (zurzeit in der 10. Version, die ICD-11 ist in Deutschland noch nicht freigegeben), was die Passung regelmäßig verbessert. Eine vollkommen gute Passung wird zwar Wunschtraum bleiben, jedoch ist die Arbeit an der Normierung Voraussetzung für ihre Akzeptanz durch die Fachkräfte im Feld.

4.2 Spezielle Aspekte

Die folgenden drei Aspekte vertiefen, wie sich die Ambivalenz der Normierung je nach historischer Epoche, nationalem Kontext und Handlungsfeld konkret ausprägt.

Erstens haben sich im Verlauf der Geschichte der Sozialen Arbeit ihre Normen stetig gewandelt. Diese Entwicklung lässt sich sowohl über große historische Epochen, etwa von der Armenpflege im Mittelalter bis zur Gegenwart, aber auch innerhalb kürzerer Zeiträume wie der Fürsorge im 20. Jahrhundert beobachten. Normgebend war zunächst das christlich-kirchliche Moralverständnis, später waren es dann die Normen der Aufklärung im 18. Jahrhundert und schließlich die Kodifizierung der Menschenrechte mit dem Rechtsanspruch auf Sozialleistungen im 20. Jahrhundert, welche eine staatliche Fürsorge etablierten (Sachße und Tennstedt 1998). Auch jüngere sozialpolitische Ansätze wie der „aktivierende Sozialstaat“ und die „vorbeugende Sozialpolitik“ sowie wechselnde interne Theoriebeiträge Sozialer Arbeit mit Blick auf Interkulturalität, Gendergerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Empowerment, Partizipation, Digitalisierung u.a. setzen normative Standards und weisen zugleich Ambivalenzen auf.

Zweitens ist die Soziale Arbeit zum großen Teil in die jeweilige nationale Sozialstaatskultur eingebettet – Esping-Andersens (1990) „Welten des Wohlfahrtsstaats“. Trotz des internationalen Konsenses der IFSW über Gegenstand und Normen der Sozialen Arbeit, wirken somit weitere nationale Normen auf sie ein. So macht es einen normativen Unterschied, ob man in Skandinavien oder Italien, in den USA, Frankreich oder Südamerika in der Jugendhilfe und Altenarbeit tätig ist. Stichworte sind hier das Ausmaß der (Nicht-)Unterstützung, ihre Präventionsorientierung und Ökonomisierung, Zentralisierung und Gemeindeorientierung. Jeder dieser Normenkomplexe wirkt tief in die Soziale Arbeit hinein.

Drittens hängt die konkrete Normierungspraxis stark vom jeweiligen Handlungsfeld ab und ist deshalb vor allem durch empirische Untersuchungen – oftmals als Fallstudien – sowie durch Manuale erschlossen worden. Exemplarische Forschungsfragen sind: Warum, wie und mit welchen Folgen führt z.B. ein Jugendamt ein Qualitätsmanagement nach ISO 9001 ein (Merchel 2013)? An welchen Normen orientiert sich eine Fachkraft in Gesprächen mit Arbeitslosen (Wurtzbacher 2015)? Wie sollte die Praxis partizipativer Qualitätsentwicklung im Kinderschutz aussehen (Wolff et al. 2013)?

Je nach historischer Epoche, nationaler Sozialstaatskultur und konkretem Handlungsfeld zeigen sich damit sehr unterschiedliche Normierungen, die Ambivalenzfrage aber kehrt in allen drei Perspektiven wieder.

5 Quellenangaben

Baierl, Martin und Kurt Frey, 2016. Praxishandbuch Traumapädagogik: Lebensfreude, Sicherheit und Geborgenheit für Kinder und Jugendliche. 3., unveränderte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN 978-3-525-40245-0

Esping-Andersen, Gösta, 1990. The Three Worlds of Welfare Capitalism. Princeton: Princeton University Press. ISBN 978-0-7456-0665-1

IFSW, 2018. Global Social Work Statement of Ethical Principles [online]. Rheinfelden, Schweiz: IFSW, 02.07.2018 [Zugriff am: 15.03.2026]. Verfügbar unter: https://www.ifsw.org/global-social-work-statement-of-ethical-principles/

Merchel, Joachim, 2013. Qualitätsmanagement in der Sozialen Arbeit: Eine Einführung. 4. Auflage. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-2501-9 [Rezension bei socialnet]

Miller, William R. und Stephen Rollnick, 2025. Motivierende Gesprächsführung. 5. vollständige Übersetzung der 4. amerikanischen Auflage. Freiburg/Br.: Lambertus. ISBN 978-3-7841-3756-8

Münder, Johannes, Thomas Meysen und Thomas Trenczek, Hrsg., 2026. Frankfurter Kommentar SGB VIII. 10. Auflage. Baden-Baden: Nomos. ISBN 978-3-7560-3025-5

Sachße, Christoph und Florian Tennstedt, 1998. Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland. Bd. 1. 2. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 978-3-17-015290-8

Schellhorn, Helmut, Karl-Heinz Hohm, Peter Scheider und Angela Busse, 2022. SGB XII Kommentar. 21. Auflage. Köln: Luchterhand. ISBN 978-3-472-09738-9 [Rezension bei socialnet]

Statistisches Bundesamt, 2026. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen: Bruttoinlandsprodukt (BIP) [online]. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt [Zugriff am: 15.04.2026]. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/​Wirtschaft/​Volkswirtschaftliche-Gesamtrechnungen-Inlandsprodukt/​Tabellen/​bip-bubbles.html

Wolff, Reinhard, Timo Ackermann, Kay Biesel, Felix Brandhorst, Stefan Heinitz und Mareike Patschke, 2013. Praxisleitfaden Dialogische Qualitätsentwicklung im Kinderschutz [online]. Hrsg. von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung. Köln: Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung [Zugriff am: 16.03.2026]. Verfügbar unter: https://www.dji.de/fileadmin/​user_upload/​fruehehilfen/LaPK/Publikation_QE_Kinderschutz_5_Praxisleitfaden_Qualitaetsentwicklung.pdf

Wurtzbacher, Jens, 2015. Professionalität und Handlungsalltag in sozialen Diensten: Zwischen Markt und Staat – Kontroverse Positionen. In: Soziale Arbeit. 64(10), S. 362–368. ISSN 0490-1606

Würth Museum für Schrauben und Gewinde, 2026. Museum für Schrauben und Gewinde [online]. Künzelsau: Würth Museum für Schrauben und Gewinde [Zugriff am: 13.03.2026]. Verfügbar unter: https://kunstkultur.wuerth.com/kunstkultur/​ausstellungen/​Schrauben-und-Gewinde/​Schrauben-und-Gewinde.php

Verfasst von
Prof. Dr. Werner Schönig
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Köln
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Michael Görtler, Stefan Schäfer (Hrsg.): Politische Bildung in der Sozialen Arbeit. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2025.
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