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Pädagogik

Prof. Dr. Ulrich Papenkort

veröffentlicht am 06.05.2020

„Pädagogik“ ist ein Name für einzelne Theorien und der Sammelname für alle Theorien, die sich mit Fragen der Erziehung befassen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Verbreitung des Wortes „Pädagogik“
  3. 3 Herkunft des Wortes „Pädagogik“
  4. 4 Sache des Wortes „Pädagogik“
  5. 5 Pädagogik und Pädagogie (Pädagog-ik)
  6. 6 Pädagogik und Erziehungswissenschaft (Pädagog-ik)
  7. 7 Pädagogik und Didaktik (Päd-agog-ik)
  8. 8 Pädagogik und Andragogik (Päd-agogik)
  9. 9 Funktion des Wortes „Pädagogik“
  10. 10 Quellenangaben
  11. 11 Literaturhinweise

1 Zusammenfassung

Das Fremdwort „Pädagogik“, das Ende des 18. Jahrhunderts erstmals erwähnt wird, bezeichnet allgemein eine Theorie von der Erziehung. Je nach Umfang sowohl des Theorie- als auch des Erziehungsbegriffs ist der Kreis dessen, was „Pädagogik“ bezeichnet, im Vergleich zu Fachbegriffen wie „Pädagogie“ (5.), „Erziehungswissenschaft“ (6.), „Didaktik“ (7.), „Andragogik“ und „Ger(ont)agogik“ (8.) mehr oder minder weit bzw. eng gefasst. Diese Mehrdeutigkeit erfüllt durchaus eine Funktion (9.).

2 Verbreitung des Wortes „Pädagogik“

„Pädagogik“ ist ein (internationales) Fremdwort, das in dieser Form und Schreibweise in der deutschen Sprache, in gleicher oder ähnlicher Form auch in anderen europäischen Sprachen vorkommt: in den slawischen (z.B. polnisch, tschechisch „pedagogika“, russisch „pedagogika/педагогика“), skandinavischen (dänisch „pædagogik“, finnisch „pedagogiikka“, norwegisch „pedagogikk“, schwedisch „pedagogik“) und in baltischen Sprachen, im Englischen („pedagogics“) und im (Neu-)Griechischem („pedagogikí/παιδαγωγική“).

Das Wort ist in Deutschland spätestens 1770 (Böhm 2004, S. 750) nach einem altgriechischen Substantiv geprägt worden und hat sich vermutlich von dort aus nach Osten und Norden verbreitet. In dieser Zeit der Aufklärung sind neben „Pädagogik“ zahlreiche andere Fremdwörter für sogenannte Wissenschaften und Künste geprägt worden, die direkt oder indirekt auf die altgriechische Sprache zurückgehen, wie z.B. „Akustik, Archäologie, Ästhetik, Botanik, Optik, Physiologie, Psychologie, Zoologie“ (Mackensen 1962, S. 135).

1780 erschien in Deutschland das wohl erste (akademische) Buch, das den Namen „Pädagogik“ im Titel trägt (Trapp 1977): „Versuch einer Pädagogik“ von Ernst Christian Trapp (1745-1818), der zugleich erster – und auch letzter – Inhaber des ersten Lehrstuhls in Deutschland war, der auch die Pädagogik im Namen trug: „Lehramt für Philosophie und besonders der Pädagogik“ an der Universität Halle. Heute sind im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, deren Bestand bis 1913 zurückreicht, 19.388 Medien aufgeführt, in deren Titeln das Stichwort „Pädagogik“ vorkommt (gegenüber 3.923 – 20 % – mit „Erziehungswissenschaft“; Stand: 02/2020).

Das Fremdwort „Pädagogik“ besteht aus drei Bestandteilen (Morpheme): „Päd-agog-ik“. Bis zur Rechtschreibreform von 1996 erfolgte die Silbentrennung nur nach diesen Morphemen bzw. Sprachsilben. Inzwischen ist auch die Trennung nach Sprechsilben erlaubt: Pä-da-go-gik. Die ersten beiden Teile haben als lexikalische Morpheme (Lexeme) eine inhaltliche Funktion, während das Suffix „-ik“ als grammatisches Morphem (Grammen) eine formale Funktion hat. Es zeigt eine Gesamtheit (z.B. Belletristik, Elektrik), Beschaffenheit (z.B. Mystik, Theatralik) oder, wie im vorliegenden Fall, ein Fach- bzw. Wissensgebiet an.

Neben den Lexemen „-logie“ (z.B. Psychologie) und „-istik“ (z.B. Germanistik) und den seltenen „-graphie“ (z.B. Geographie), „-ie“ (Chemie), „-nomie“ (z.B. Astronomie) und „-sophie“ (z.B. Philosophie) werden viele Namen für Wissenschaften (Dahlberg 1974), die auf die altgriechische Sprache zurückgehen, mit dem Grammem „-ik“ gebildet: die philosophischen Disziplinen der Ästhetik, Ethik und Logik, auch der Poetik und Rhetorik, die formalwissenschaftlichen der Arithmetik, Informatik und Mathematik, die sprachwissenschaftlichen der Grammatik, Pragmatik, Semantik und Syntaktik, die physikalischen der Akustik, Mechanik, Optik und Physik selbst, die biologischen der Botanik und Genetik, die technischen der Kybernetik und Technik selbst in vielen Zusammensetzungen, die Ökonomik, Pharmazeutik, Semiotik usw. Tendenziell markieren die Endungen „-ik“ und auch „-istik“ eher ein Fachgebiet prozeduralen Wissens (Kunst/​-lehre bzw. Technologie), die Endung „-logie“ eher ein Feld deklarativen Wissens (Wissenschaft i.e.S.). Deutsche Bezeichnungen für Fach- und Wissensgebiete enden auf „-kunde, -lehre, -wissenschaft“.

3 Herkunft des Wortes „Pädagogik“

Das Fremdwort „Pädagogik“ ist nach dem altgriechischen, substantivisch gebrauchten Adjektiv „he paidagogiké“ (ἡ παιδαγωγική, die „Pädagogische“) gebildet worden, das neben dem bestimmten Artikel „he“ aus den Lexemen „paid-“ (pais, παις, für Kind, insbesondere Junge), „-agog-“ (agogeín, αγωγείν für führen), dem Grammem „-iké“ (ική) besteht und gedanklich bei diesem Grammem um ein unausgesprochenes „téchne“ (τέχνη, für Kunst/​-fertigkeit) zu ergänzen ist: „he paidagogiké (téchne)“ (die „pädagogische“ Kunst oder: die Kunst, ein Kind zu führen). Im Lateinischen wurde in anderen Fällen „-iké“ durch „-ica“ und „téchne“ durch „ars“ ersetzt, wobei auch „ars“ entfallen konnte.

Das altgriechische Adjektiv „paidagogikós“ (pädagogisch), das der Substantivierung zu „he paidagogiké“ zugrunde liegt, ist seinerseits eine Adjektivierung des Substantivs „paidagogós“ (für Kinderführer). Der „paidagogós“ bzw. „Pädagoge“ war in der Antike ein männlicher, meist alter Sklave, der die Kinder, meist Söhne griechischer BürgerInnen, auf dem Weg vom Haus zur Schule und zum Sportplatz führte und dabei in das richtige Benehmen in der Öffentlichkeit einführte. Dieser Pädagoge im antiken Sinne, dessen Aufgabe die „paidagogía“ (παιδαγωγία, für Kinderführung) war, gehörte zu den Personen, die sozusagen beruflich für Kinder zuständig waren. Nach einem berühmt gewordenen Satz des römischen Universalgelehrten Markus Terentius Varro (116-27 v.Chr.) in lateinischer Sprache verteilte sich die Verantwortlichkeit für Kinder neben den Verwandten wie folgt: „educit […] obstetrix, educat nutrix, instituit padagogus, docet magister“ („Die Hebamme zieht heraus, die Amme zieht auf, der Kinderführer führt ein, der Meister lehrt.“).

4 Sache des Wortes „Pädagogik“

Das altgriechische „he paidagogiké“ bedeutete also im wörtlichen Sinne Kinder-Führungs-Kunst. Jedes der drei Stichwörter kann als eine mögliche, in diesem Fall jeweils die engste Antwort auf drei Fragen zur Sache der Pädagogik verstanden werden.

  1. Welche Form von Theorie repräsentiert die Pädagogik? Kunst(-lehre).
  2. Welche Art von Praxis ist Gegenstand dieser Theorie? Führung.
  3. Personen welchen Alters und – unausgesprochen – welchen Geschlechts sind Bezugspunkt der Praxis? Jungen.

Die weitest möglichen Antworten wären für die beiden Eckpunkte des Begriffs einfach: Menschen jeglichen Alters und Geschlechts als AdressatInnen und alle Arten von Theorien. Die Alternative zu Führung könnte heute, ganz weit gefasst, auf einer konkreten Ebene das „Zeigen“ (Prange 2005, S. 65) oder auf einer abstrakten die „Vermittlung“ (Sünkel 2011, S. 29) sein. Dabei korrespondierte das Zeigen aufseiten der PädagogInnen mit dem Lernen aufseiten der AdressatInnen (Prange 2005, S. 58) und in gleicher Weise die Vermittlung mit der Aneignung (Sünkel 2011, S. 29). In beiden Fällen aber müssten die beidseitigen Aktivitäten noch um einen entsprechenden Gegenstand zu einem Dreieck ergänzt werden.

Die folgenden Abschnitte greifen diese Fragen, ihre möglichen und dann auch alternativen Antworten und damit verschiedene Konzepte der Pädagogik auf.

5 Pädagogik und Pädagogie (Pädagog-ik)

Es wurde immer wieder einmal darauf verwiesen, dass das Wort „Pädagogik“ wie auch andere Wissenschaftsnamen auf „-ik“ sowohl die Theorie als auch die Praxis der Erziehung bezeichne (zuletzt Döpp-Vorwald 1964). In solchen Fällen dient das Wort „als Kollektivsingular […] in umfassender Weise als Bezeichnung für alles, was in praktischer und theoretischer Hinsicht mit Erziehung in Verbindung steht“ (Kraft 2012, S. 348).

Um diese Doppeldeutigkeit zu vermeiden, ist wiederholt vorgeschlagen worden, die Theorie „Pädagogik“ und die Praxis „Pädagogie“ zu nennen, die entsprechenden Berufe entsprechend „Pädagogiker“ und „Pädagoge“ (Niemeyer 1970, S. 77). Für den Namen der Praxis lehnte man sich in diesem Falle an den lateinisch geprägten Sprachgebrauch vor allem in den romanischen Sprachen an: lat. „paedagogia“, französisch „pédagogie“, spanisch „pedagogía“, aber auch englisch „pedagogy“. Diese sprachliche Differenzierung, die z.B. auch zwischen „Ökonomik“ und „Ökonomie“ getroffen werden kann, hat sich aber nicht durchgesetzt und wird gegenwärtig kaum noch erwähnt. Das Wort „Pädagogik“ wird heute nur für die Theorie gebraucht, wobei aber auch die Praxis eine Theorie zur Voraussetzung hat.

Erich Weniger (1894-1961) hat 1929 wirkmächtig drei Grade von Theorie unterschieden (Weniger 1952):

  1. die implizite Theorie des Laienpraktikers als „Theorie ersten Grades“,
  2. die implizit-explizite Theorie des beruflichen Praktikers als „Theorie zweiten Grades“ und
  3. die explizite Theorie des Theoretikers als „Theorie dritten Grades“.

Inzwischen wird hier auch von „Wissensformen“ gesprochen: vom „Alltagswissen“, beruflichen Wissen und „wissenschaftlichen Wissen“ (Krüger 2019, S. 21).

Sollte man doch einmal auch die pädagogische Praxis als „Pädagogik“ bezeichnen, ist eigentlich die Theorie (in und aus) der Praxis gemeint, nicht die Praxis selbst: gelegentlich noch die Theorien ersten Grades (in der Praxis: Kunst/​-fertigkeit, Technik), häufiger aber die Theorien zweiten Grades (aus der Praxis: Kunstlehre, Technologie). Mit der Theorie zweiten Grades ist die Theorie der beruflichen PraktikerInnen gemeint, die „Erziehungskunst (praktische Pädagogik)“ (Niemeyer 1970, S. 77) bzw. „Kunst des ausgelernten Erziehers“ (Herbart 1957, S. 146). Schon vom Wort her tendiert die „Pädagogik“ als „Kinder-Führungs-Kunst“ dann zu dieser „Erziehungskunst“. Und auch in der Sache ist der antike „Pädagoge“ schon mehr oder minder ein beruflicher Praktiker.

6 Pädagogik und Erziehungswissenschaft (Pädagog-ik)

Wenn die beiden Wörter „Pädagogik“ und „Erziehungswissenschaft“ heute in der Wissenschaft und an den Hochschulen genannt werden, geht es meist um Theorien dritten Grades: um die „Erziehungswissenschaft (theoretische Pädagogik)“ (Niemeyer 1970, S. 77) bzw. „Theorie in ihrer Allgemeinheit“ (Herbart 1957, S. 146).

In einer ersten Variante werden beide Ausdrücke entgegen dem gewöhnlichen Sprachgefühl synonym verwendet: in einem Atemzug, abwechselnd oder eines der beiden Wörter bevorzugend. Diese unentschiedene Ausdrucksweise scheint heutzutage die häufigste zu sein (Lenzen 1994, S. 13 f.). Die zweite und seltenere Option besteht darin, die beiden Ausdrücke unterschiedlich zu gebrauchen und damit sowohl an den gegenwärtigen alltäglichen als auch an wissenschaftshistorischen Sprachgebrauch anzuknüpfen: die „Erziehungswissenschaft“ mehr als Theorie von der und die „Pädagogik“ mehr als Theorie für die pädagogische Praxis zu verstehen. Der Unterschied zwischen „Erziehungswissenschaft“ und „Pädagogik“ ist dann einer zwischen Perspektiven und nicht zwischen Graden der Theorie: zwischen einer (empirischen, historischen und logischen) Theorie aus der Beobachterperspektive und einer (normativen und praxisorientierten) aus der Teilnehmerperspektive: beides Theorien dritten Grades, nur mal „von außen und von oben“, mal von „innerhalb“ (Weniger 1952, S. 20).

Die traditionelle Unterscheidung von Kunst/​-lehre (griechisch „téchne“, lateinisch „ars“) als Theorie zweiten Grades und Wissenschaft (griechisch „epistéme“, lateinisch „scientia“) als Theorie dritten Grades, wird so auf der Ebene der Theorie dritten Grades als Differenz von Profession und (wissenschaftlicher) Disziplin (Tenorth 1994) reformuliert. Das „Professionswissen“ (Krüger 2019, S. 21) als Theorie des „wissenschaftlich ausgebildeten Praktikers“ (Lüders 1989) changiert noch zwischen der Kunst/​-lehre des beruflich ausgebildeten Praktikers (Theorie zweiten Grades) und der Wissenschaft (Theorie dritten Grades), tendiert aber deutlich zur Wissenschaft.

Bei der Differenzierung der Bezeichnungen „Erziehungswissenschaft“ und „Pädagogik“ entsteht jedoch das Problem, dass ein Oberbegriff für beide wiederum „Erziehungswissenschaft“ oder „Pädagogik“ lauten müsste und die durch die Differenzierung an der einen Stelle gewonnene Klarheit an einer anderen Stelle wieder verlorengeht. Das ist nur zu vermeiden, wenn einer der beiden Unterbegriffe anders bezeichnet oder zusätzlich präzisiert wird. So schlug Dolch vor, „Pädagogik“ als „Hausüberschrift“ zu nehmen und darunter u.a. „Erziehungswissenschaft“ und – statt „Pädagogik“ – „Erziehungs- und Bildungslehre“ zu differenzieren (Dolch 1969, S. 107). Und Brezinka unterschied innerhalb der „Pädagogik“ u.a. die „Erziehungswissenschaft“ und die „praktische Pädagogik“ (Brezinka 1978).

Neben der Unterscheidung zwischen Pädagogik und Erziehungswissenschaft nach verschiedenen Theorie- bzw. Wissensformen ist aber noch zu berücksichtigen, dass der Name „Erziehungswissenschaft“ auf einer konkreteren Ebene mehr eine Praxis (der Forschung) und „Pädagogik“ mehr die Theorie als Resultat dieser Praxis meint und auf einer abstrakteren die erste mehr die Wissenschaft als System von Praxen, die zweite als System von Theoriebeständen.

7 Pädagogik und Didaktik (Päd-agog-ik)

Das Fremdwort „Didaktik“, formal wie „Pädagogik“ konstruiert (didaktiké téchne) und inhaltlich als „Lehrkunst“ zu übersetzen (didaktikós = belehrend; didāskein = lehren), muss wohl zwischen 1787 und 1796 erstmals aufgetaucht sein. Im ersten akademischen Lehrbuch der Pädagogik, Trapps schon erwähntem „Versuch einer Pädagogik“ aus dem Jahre 1780, ist es noch ebenso wenig wie in seinem Aufsatz „Vom Unterricht überhaupt“ (1787) zu finden (Wigger 2004, S. 253), in „Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts“ von August Hermann Niemeyer (1754-1828) aus dem Jahre 1796 dann schon an drei Stellen.

Im Unterschied zu „Pädagogik“ wurde „Didaktik“ nicht im unmittelbaren Rückgriff auf die altgriechische Sprache geprägt, sondern als Eindeutschung des lateinischen Wortes „didactica“, das seinerseits 1613 zum ersten Mal Erwähnung findet (Wigger 2004, S. 248). Als zentrale pädagogische Tätigkeit gilt nicht mehr, wie in „Pädagogik“, die Führung, die im 19. Jahrhundert auch „Zucht“ genannt worden ist und die Erziehung im engeren Sinne der Moralerziehung meinte, sondern die Lehre.

Heutzutage gilt die Didaktik als Teil der Pädagogik, meist als Teil der „Erziehungs- und Bildungslehre“ (Dolch 1969, S. 107) bzw. „praktischen Pädagogik“ (Brezinka 1978, S. 236) und da insbesondere als Professionswissen für Lehrer. Die Didaktik wird so – als Teil der sogenannten Bildungswissenschaft – meist der Schulpädagogik zugeordnet, durchzieht aber als Allgemeine Didaktik (Coriand 2015) bzw. Theorie des Unterrichts insgesamt nicht nur alle Schulformen, -stufen und -fächer, sondern auch Teile der Pädagogik der frühen Kindheit und Sozialpädagogik, die Hochschulpädagogik und die Erwachsenenbildung. Der Unterricht wiederum kann in allen Feldern als diejenige pädagogische Praxis verstanden werden, die den höchsten Grad an Formalisierung aufweist. Aus verschiedenen Gründe führt die Didaktik aber, auch wenn sie als Teil der Pädagogik gilt, ein Eigenleben neben ihr, mitunter mit der umgekehrten Tendenz, als Lernwissenschaft die Pädagogik einzuschließen.

Didaktik als (späterer) Teil der Pädagogik ist im 17. Jahrhundert zusammen mit dem lateinischen Namen entwickelt worden und in einem gewissen Sinne der Ursprung der wissenschaftlichen Pädagogik (Bollnow o.J., S. 1). Galt die Pädagogik in dieser Zeit als Didaktik, so Ende des 18. Jahrhunderts, mit dem Anfang der wissenschaftlichen Pädagogik, die Didaktik nur noch als deren Teil (Martial 1996, S. 93–94).

Mindestens zwischen August Hermann Niemeyers „Grundsätzen der Erziehung und des Unterrichts“ (1796), also kurz nach Etablierung des Namens „Pädagogik“, und Otto Willmanns (1839-1920) „Didaktik als Bildungslehre“ (1882/98) ist aber immer wieder auch der Versuch unternommen worden, Pädagogik und Didaktik als selbstständige und gleichwertige wissenschaftliche Teildiziplinen und Erziehung und Unterricht als entsprechende Teilpraxen nebeneinander zu stellen. So unterschied Niemeyer die Pädagogik als „Erziehungswissenschaft (theoretische Pädagogik)“ und „Erziehungskunst (praktische Pädagogik)“ von der Didaktik als „Lehr- oder Unterrichtswissenschaft (Didactik)“ und „Lehrkunst (Lehrgeschicklichkeit. Donum didacticum)“ (Niemeyer 1970, S. 210). Bei Karl Volkmar Stoy (1815-1885), einem Schüler Herbarts, wurde die Pädagogik dann auch, um die Doppeldeutigkeit des Worts als Ober- und Unterbegriff zu vermeiden, in Anlehnung an „(Päd-) Agogik“ („agogós“ = Führer) sogar „Hodegetik“ genannt („hodegós“ = Führer).

Aus der Didaktik (Prange 1983; Sünkel 1996) heraus sind im neuen Jahrhundert zwei allgemeine Pädagogiken entwickelt worden, die für die „Sache der Pädagogik“ (Fuhr und Schultheiss 1999) insgesamt Geltung beanspruchen können (s. 4.).

8 Pädagogik und Andragogik (Päd-agogik)

Dass die Pädagogik Kindern und Jugendlichen gelte, war lange Zeit und ist bis in die Gegenwart Konsens, während die Didaktik, ob als Teil der Pädagogik oder neben ihr, die Differenz zwischen Kindern und Jugendlichen schon sprengte und den didaktischen Diskurs im Unterschied zum pädagogischen (Nemitz 1996, S. 149) vom Lebensalter abkoppelte. Heute wird die Pädagogik auf den gesamten Lebenslauf bezogen. Um aber die Lebensalter in diesem Kontext auch eigens betonen zu können, wurde vorgeschlagen, neben der „Pädagogik“ und ihrem Fokus auf das Kind (= pais) auch Begriffe einzuführen, die sich auf andere Lebensalter beziehen.

Für die Erwachsenen im Unterschied zu Kindern und Jugendlichen wurde schon 1830 das Fremdwort „Andragogik“ (Kapp 1833, S. 241) vorgeschlagen, das sich im Genetiv „andrós“ auf das griechische „anér“ (= Erwachsener im weiteren, Mann im engeren Sinne) bezieht. Und mit „Gerontagogik“ und „Geragogik“ wurden 1962 (Bollnow 1962; Palouś 1979) und 1970 (Mieskes 1970; Veelken 1981) zwei Namen für die „Pädagogik“ alter Menschen geprägt. „Gerontagogik“ bezieht sich dabei vom Wort her analog zur interdisziplinären „Gerontologie“ auf den alten Menschen (griech. „géron“; Altenpädagogik) und „Geragogik“ entsprechend der „Geriatrie“ auf das Alter (griech. „géras“; Alterspädagogik).

Beide neuen Begriffe haben sich nicht durchsetzen können, obwohl zumindest „Andragogik“ in den 1920er-Jahren (z.B. Rosenstock-Huessy 1924) für die Erwachsenenbildung neu aufgegriffen wurde, in den 1950er-Jahren zeitweise etabliert schien (Hanselmann 1951; Pöggeler 1957) und es noch in der näheren Gegenwart ernsthafte Versuche gab, diesen Namen abschließend zu platzieren (Reischmann 2016; Schoger 2004).

9 Funktion des Wortes „Pädagogik“

Die Tatsache, dass das Wort „Pädagogik“ im Laufe seiner Geschichte und bis heute nicht von allen akzeptiert definiert worden ist, hat wohl mit seiner hilfreichen semantischen, pragmatischen und syntaktischen Funktion zu tun. Semantisch dient es als sogenanntes Container-Wort, als „Hausüberschrift“ bzw. „Sammelname“ (Dolch 1969, S. 107). Es erlaubt mit seiner wissenschaftlich gesehen vagen, wissenschaftssoziologisch aber neutral offenen Bedeutung eine Verständigung und auch Vereinbarung bei unterschiedlichen Auslegungen. Dadurch kann, paradox ausgedrückt, Konsens trotz Dissens erzielt werden. „Pädagogik“ enthält viele Bedeutungen, die aber durchaus in einem Zusammenhang zueinander stehen. Im besten Fall ist seine Semantik so unbestimmt wie nötig und so bestimmt wie möglich.

Pragmatisch erlaubt das Wort „Pädagogik“ eine bessere Kommunikation in die außerwissenschaftliche Umwelt, d.h. in die Lehre und pädagogische Praxis, in Politik und Medien hinein, als das akademisch konnotierte „Erziehungswissenschaft“. Syntaktisch lässt sich „Pädagogik“ besser als „Erziehungswissenschaft“ auch im Plural von „Pädagogiken“ und damit zur „Systematik pädagogischer Differenzen“ (Paschen 1997) verwenden. Es ermöglicht erstens Zusammensetzungen, die mit dem alternativen Ausdruck „Erziehungswissenschaft“ nicht unmöglich, aber umständlich wären. Dadurch lässt sich die Pädagogik gut in Subdisziplinen wie Sozialpädagogik, Fachgebiete wie Medienpädagogik, Lehren wie die Waldorf-Pädagogik und Nachbardisziplinen wie die pädagogische Psychologie differenzieren.

So dient das Wort „Pädagogik“, wie es seinerzeit schon Josef Dolch vorgeschlagen hat, ähnlich wie Medizin als „Hausüberschrift“ bzw. „Sammelname für die ganze Wissenschaftsgruppe, die sich mit dem ‚Pädagogischen‘ […] befasst“ (1969, S. 107), mit hé paidagogiké.

10 Quellenangaben

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11 Literaturhinweise

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Vogel, Peter, 2019: Grundbegriffe der Erziehungs- und Bildungswissenschaft. Opladen und Toronto: Budrich

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Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
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Es gibt 4 Lexikonartikel von Ulrich Papenkort.


Zitiervorschlag
Papenkort, Ulrich, 2020. Pädagogik [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 06.05.2020 [Zugriff am: 27.09.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Paedagogik

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