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Pädagogische Psychologie

Prof. Dr. Siegfried Preiser

veröffentlicht am 30.11.2022

Englisch: educational psychology

Pädagogische Psychologie befasst sich mit dem Verhalten und Erleben von Menschen in Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungssituationen sowie mit den inneren und äußeren Einflussfaktoren auf pädagogische Prozesse.

Überblick

  1. 1 Pädagogische Situationen
  2. 2 Gegenstand der Pädagogischen Psychologie
  3. 3 Arbeitsformen der Pädagogischen Psychologie in Wissenschaft und Praxis
  4. 4 Pädagogische Psychologie im Verbund aller psychologischen Fachgebiete
  5. 5 Quellenangaben
  6. 6 Literaturhinweise

1 Pädagogische Situationen

Die Wissenschaft Pädagogische Psychologie fragt nach den psychologischen Grundlagen von Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungssituationen, die mit folgenden Kennzeichen charakterisiert werden können (nach Preiser 2021, S. 16 ff.):

  • Soziale Interaktion: Alle pädagogischen Situationen sind entweder unmittelbare soziale Situationen – in der Familie, in vorschulischen Einrichtungen, der Schule, Hochschule oder Volkshochschule, im Sport- oder Musikverein, in der Aus- und Fortbildung, bei der Gesundheitsberatung oder im Seniorenheim – oder medial vermittelte Beziehungen in Bildungsprogrammen, bei der Nutzung von Lehrbüchern oder Lernprogrammen.
  • Beeinflussungsabsicht und intendierte Förderung: In pädagogischen Situationen verfolgt eine Seite die Absicht, positiven Einfluss auf das Verhalten, die Einstellungen, die Persönlichkeit, die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten von anderen Personen zu nehmen. Es geht also um die Förderung von Merkmalen in Richtung auf positiv bewertete Ziele.
  • Asymmetrie: Es besteht ein Autoritäts- oder Kompetenzunterschied zwischen den Beteiligten, der von den Lernenden implizit oder explizit anerkannt wird.
  • Dreiecksbeziehung: In pädagogischen Situationen wirken Personen mit einem Förderauftrag (Eltern, Lehrkräfte, TrainerInnen) und Personen mit einem Förderbedarf (Erziehungsbedarf, Lernbedarf oder Lernbedürfnis, Bildungsabsicht) zusammen in Richtung vorgegebener, angestrebter oder frei vereinbarter Ziele (Persönlichkeitsentwicklung, Kenntnisse, Fähigkeiten, kognitive und soziale Kompetenzen).

2 Gegenstand der Pädagogischen Psychologie

Gegenstände der Psychologie insgesamt sind das beobachtbare Verhalten und das subjektive Erleben in Form von Gefühlen, Motiven, Absichten, Gedanken und Erinnerungen. Um Erziehungs- und Bildungsprozesse wissenschaftlich analysieren und erklären zu können, sind äußere Bedingungen wie das Verhalten der Lehr- und Erziehungskräfte, Spiel- und Unterrichtsmaterialien, Informationsangebote, Anreize, Unterrichtskonzepte oder die räumlichen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Weiterhin geht es auch um innere Bedingungen der beteiligten Personen wie z.B. Absichten, Ängste, Begeisterung, Selbstbewusstsein, Einstellungen, Kreativität, Intelligenz, Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, Ablenkbarkeit, Gedächtniskapazität und Lernstrategien, aber auch körperliche Faktoren wie motorische und sensorische Fähigkeiten und Beeinträchtigungen, neuronale oder hormonelle Prozesse. Aus wissenschaftlichen Erkenntnissen leitet die Pädagogische Psychologie Konsequenzen, Anregungen und Empfehlungen für die pädagogische Praxis ab. Auch im pädagogischen Alltag beobachten Erziehende und Unterrichtende Verhaltensweisen ihres Gegenübers sowie die aktuellen Rahmenbedingungen der pädagogischen Situation und ziehen aus dem beobachteten Verhalten Schlussfolgerungen auf zugrunde liegende innere Prozesse und Bedingungen.

3 Arbeitsformen der Pädagogischen Psychologie in Wissenschaft und Praxis

Wie bei jedem empirischen Fachgebiet mit Anwendungsbezug durchläuft sowohl der wissenschaftliche als auch der praktische Arbeitsprozess mehrere Schritte (nach Preiser 2021, S. 31 ff.):

  1. Problemwahrnehmung als Erkennen von Forschungs- bzw. pädagogischem Handlungsbedarf: Widersprüche zwischen theoretischen Annahmen und empirischen Befunden oder Inkonsistenzen zwischen verschiedenen Theorien stimulieren wissenschaftliche Forschungen. Im pädagogischen Alltag regen irritierende Gruppenprozesse oder unverständliche Verhaltensweisen von Kindern oder PatientInnen zum Nachdenken über deren Ursachen an.
  2. Ist-Analyse als Klärung der Sachlage und deren potenziellen Einflussfaktoren: Durch Beobachtung oder Befragung bzw. Analyse vorliegender Informationen wird versucht, die Ausgangslage zu analysieren. In der wissenschaftlichen Forschung werden systematische Beobachtungsverfahren, mündliche und schriftliche Befragungen, Tests oder Experimente eingesetzt. In der Pädagogischen Praxis werden Alltagsbeobachtungen, Gespräche oder auch Testverfahren genutzt.
  3. Erklärung auf der Basis von Analysen: In der Forschung werden empirisch ermittelte systematische Zusammenhänge analysiert, beispielsweise statistische Beziehungen zwischen Prüfungsangst und Schulleistungen; unter bestimmten Bedingungen lassen sich aus Zusammenhängen kausale Einflussfaktoren nachweisen. In der Praxis versuchen pädagogische Fachkräfte oder Eltern ihre Alltagsbeobachtungen in ein stimmiges Bild zu bringen und mithilfe ihres allgemeinen Menschenbildes und ihrer subjektiven Alltagstheorien das beobachtete Verhalten zu verstehen und zu erklären.
  4. Prognose zukünftiger Entwicklungen: Begabungspotenziale werden eingeschätzt, erwartbare Verhaltens- oder Leistungsprobleme aufgrund der beobachteten Sachlage prognostiziert. Die Schulfähigkeit, die Eignung für eine bestimmte Schul-, Sport- oder Berufslaufbahn oder potenzieller Förderbedarf werden beurteilt. In der Forschung werden aus theoretischen Annahmen bestimmte Hypothesen über zu erwartende empirische Ergebnisse abgeleitet.
  5. Zielklärung für erzieherische oder unterrichtliche Maßnahmen: Nach dem vorläufigen Ergebnis eines Forschungsprozesses oder einer Einzelfallstudie folgt die praktische Umsetzung. Welche Erziehungsziele sind generell wünschenswert und menschenwürdig? Welche Lern- oder Förderziele sind für eine bestimmte Person angemessen und realistisch?
  6. Prävention und Intervention als Einflussnahme auf die beteiligten Personen oder die Situation: Dabei wird unterschieden zwischen a) Förderung günstiger Entwicklungsprozesse, b) Prävention ungünstiger Verläufe und c) Korrektur unerwünschter Tendenzen. Die Wissenschaft leitet aus Forschungsbefunden allgemeine Empfehlungen ab, beispielsweise für entwicklungsförderliche Erziehungsstile und -praktiken, für die effektive Gestaltung von Unterrichtssituationen, für eine verhaltenswirksame Aufklärung zum Gesundheitsverhalten, für ein Anti-Aggressionstraining usw. Interventionen im pädagogischen Alltag erfolgen beispielsweise durch Elterngespräche, Lehrkräftefortbildung, Lerntraining, Konzentrationsübungen, Umgestaltung der räumlichen Spiel- oder Arbeitsbedingungen, Spiele zur Förderung der Selbstkontrolle oder kooperativer Umgangsformen.
  7. Erfolgskontrolle: Haben die erzieherischen Maßnahmen die gewünschten Ergebnisse erzielt oder muss die Intervention fortgeführt, intensiviert oder modifiziert werden? Sind die Forschungsbefunde kompatibel mit den zugrunde gelegten theoretischen Annahmen oder muss das Erklärungsmodell modifiziert werden?

4 Pädagogische Psychologie im Verbund aller psychologischen Fachgebiete

Lernen, Persönlichkeitsentwicklung, Interessen und Motive, Begeisterung und Angst, Verhaltens- und Leistungsprobleme, Konflikte, kooperative und aggressive Sozialbeziehungen finden nicht nur in Erziehungs- und Bildungssituationen statt. Sie sind Bestandteile aller Alltagssituationen. Wenn sich die Pädagogische Psychologie mit derartigen Prozessen befasst, kann und muss sie auf den Fundus der gesamten psychologischen Forschung und Erfahrung zurückgreifen. Aber es gilt auch, die besonderen Rahmenbedingungen und Zielsetzungen in familiären, vorschulischen, schulischen und lebenslangen pädagogischen Situationen zu berücksichtigen und hierfür spezifische Fragestellungen, Methoden und Forschungsansätze zu entwickeln und umzusetzen. Von den Ergebnissen können dann auch wieder alle anderen psychologischen Grundlagen- und Anwendungsgebiete profitieren.

5 Quellenangaben

Preiser, Siegfried, 2021. Pädagogische Psychologie: Psychologische Grundlagen von Erziehung und Unterricht. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-6209-0

6 Literaturhinweise

Preiser, Siegfried, 2021. Pädagogische Psychologie: Psychologische Grundlagen von Erziehung und Unterricht. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-6209-0; 978-3-7799-5511-5 (E-Book, pdf)
Das Buch ist eine Einführung für pädagogische Fachkräfte in Erziehung, Unterricht und lebenslanger Bildung. Neben dem Arbeitsgebiet der Pädagogischen Psychologie und deren theoretischen Grundlagen werden forschungsmethodische und alltagspraktische Strategien der Bearbeitung pädagogischer Herausforderungen erläutert. Lernen, Gedächtnis, Persönlichkeitsmerkmale und Fähigkeiten wie Intelligenz und Kreativität, Entwicklungsprozesse, Motivation, Lernumwelten und soziale Beziehungen werden als grundlegende Aspekte pädagogischer Situationen behandelt. Erziehung als Förderung der Persönlichkeit, Unterricht als Vermittlung von Fachwissen, Verständnis und Kompetenz sowie der Umgang mit Lernschwierigkeiten und Verhaltensproblemen werden als pädagogische Arbeitsfelder vorgestellt.

Rost, Detlef H., Jörn R. Sparfeldt und Susanne R. Buch, Hrsg., 2018. Handwörterbuch Pädagogische Psychologie. 5. Auflage. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-28297-0 [Rezension bei socialnet]; ISBN 978-3-621-28490-5 (E-Book, pdf)
Von „Anlage und Umwelt“ bis hin zu „Zielorientierung“ behandelt das Handwörterbuch 115 Stichwörter der Pädagogischen Psychologie in alphabetischer Reihenfolge mit vielen Querverweisen auf insgesamt 954 Seiten in übersichtlicher Form.

Seidel, Tina und Andreas Krapp, Hrsg., 2014. Pädagogische Psychologie. 6. Auflage. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-621-27917-8; 978-3-621-28193-5 (E-Book, pdf)
Informationsreiche und klar strukturierte Einführung in 20 Kapiteln, angefangen von den Grundlagen, der Geschichte und den Methoden der Pädagogischen Psychologie bis hin zu deren Anwendungsfeldern.

Verfasst von
Prof. Dr. Siegfried Preiser
Langjährig Professor für Pädagogische Psychologie in der Lehrkräfteausbildung und im Studiengang Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Derzeit Rektor der Psychologischen Hochschule Berlin und Professor für Lebenslanges Lernen.
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Es gibt 1 Lexikonartikel von Siegfried Preiser.

Zitiervorschlag
Preiser, Siegfried, 2022. Pädagogische Psychologie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 30.11.2022 [Zugriff am: 04.12.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/873

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