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Philosophieren mit Kindern

Philosophieren mit Kindern bedeutet, dass Kinder über die Welt und die Stellung des Menschen in ihr nachdenken. Sie stellen Sinnfragen, wie zum Beispiel „Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum müssen alle Menschen sterben?“ und versuchen allein oder gemeinsam mit anderen Kindern Antworten darauf zu finden. Diese Antworten sind nicht endgültig, sondern können sich im Verlauf des Nachdenkprozesses verändern. Wichtig ist, dass Kinder akzeptieren, dass es beim Philosophieren kein Richtig oder Falsch gibt.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Philosophie und Philosophieren
  3. 3 Kurze Geschichte des Philosophierens mit Kindern
    1. 3.1 Theano und Epikur: Kinder können philosophieren
    2. 3.2 John Locke: Gute Gewohnheiten des Nachdenkens entwickeln
    3. 3.3 Matthew Lipman: Denkfähigkeiten von Kindern fördern
    4. 3.4 Gareth Matthews und Ronald Reed: Mit Geschichten philosophieren
    5. 3.5 Philosophieren mit Kindern in Deutschland und der Schweiz
  4. 4 Philosophieren in der frühkindlichen Bildung
  5. 5 Philosophieren in der Grundschule
  6. 6 Methoden des Philosophierens mit Kindern
    1. 6.1 Die phänomenologische Methode: wahrnehmen und beschreiben
    2. 6.2 Die hermeneutische Methode: Gedanken und Symbole verstehen
    3. 6.3 Die analytische Methode: Begriffe klären und argumentieren
    4. 6.4 Die dialektische Methode: Das sokratisches Gespräch
    5. 6.5 Die spekulative Methode: Gedankenexperimente durchführen
  7. 7 Quellenangaben
  8. 8 Literaturhinweise
  9. 9 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Philosophieren beginnt schon in der frühkindlichen Bildung, wenn Kinder Fragen an die Welt zu stellen. Sie suchen gemeinsam mit anderen Kindern oder Erwachsenen nach Antworten durch eigenes Nachdenken.

Bereits in der Antike regten Philosophinnen und Philosophen wie Theano oder Epikur Kinder zum Philosophieren über die Welt an. Während der Zeit der Aufklärung war es vor allem der englische Philosoph John Locke, der Eltern riet, mit ihren Kindern regelmäßig über die Welt nachzudenken. Eine gesellschaftliche Bewegung des Philosophierens mit Kindern entstand jedoch erst Ende des 20. Jahrhunderts durch den amerikanischen Philosophen Matthew Lipman, der Programme zur Entwicklung von philosophischen Denkfähigkeiten für Kinder und Jugendliche entwickelte. In Deutschland war es der Philosophiedidaktiker Ekkehard Martens, der 1979 das erste Seminar zum Philosophieren mit Kindern an der Universität Hamburg angeboten hat und das Philosophieren mit Kindern als wissenschaftliches Forschungsthema etablierte.

Wer mit Kindern philosophieren möchte, kann sich auf fünf Grundmethoden der philosophischen Tradition stützen. Durch die phänomenologische Methode lernen Kinder die Welt mit allen Sinnen wahrzunehmen und neutral zu beschreiben. Die analytische Methode ermöglicht ihnen, die Welt anschließend auf den Begriff zu bringen und spielerisch verschiedene Bedeutungen von komplexen Begriffen wie z.B. Glück zu erfassen. Die hermeneutische Methode trägt dazu bei, Gedanken und Symbole zu verstehen, während die dialektische Methode Gesprächsfähigkeiten wie Zuhören und eine eigene Meinung vertreten fördert, denn Philosophieren entwickelt sich im Dialog. Eine besondere Bedeutung hat die spekulative Methode. Sie regt Kinder an, Gedankenfäden über die Welt zu spinnen und sich Dinge und Situationen vorzustellen, die es so (noch) nicht in der Wirklichkeit gibt. Alle fünf Methoden tragen dazu bei, das eigene Nachdenken der Kinder über existentielle Fragen zu fördern.

2 Philosophie und Philosophieren

Die 6-jährige Jana geht mit ihrer Großmutter abends am Strand spazieren und bleibt plötzlich stehen. „Schau mal Oma“, sagt sie aufgeregt, „die Sonne fällt ins Meer hinein. Macht sie das immer?“
Jana hat noch nie einen Sonnenuntergang am Meer erlebt und ist erstaunt darüber, wie der große Feuerball im Ozean versinkt.

Der Sonnenuntergang war vielleicht Janas erste große Entdeckungsreise ins Universum. Sie sah die Sonne im Meer untergehen und war fasziniert. Was für uns Erwachsene ein selbstverständlicher Vorgang in der Natur ist, hat Jana ganz unvermittelt für sich neu entdeckt.

Der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v.Chr.) sah im Staunen eine natürliche Eigenschaft von Menschen, nicht nur von Kindern. Jemand „stolpert“ zunächst wie Jana über etwas Ungewöhnliches wie die im Meer versinkende Sonne, und aus anfänglichen Beobachtungen entwickeln sich schließlich Fragen: Warum? Wieso? Weshalb?

Für Aristoteles bilden die Tätigkeiten Staunen und Wissen-Wollen erste Schritte des Philosophierens (Aristoteles 1984, S. 20–22). Die Menschen streben danach, Klarheit über unerklärliche Dinge auf der Welt zu erlangen. Sie stellen Fragen an die Welt und versuchen, Antworten darauf zu finden; diese Tätigkeit heißt philosophieren.

Die Begriffe Philosophie und Philosophieren haben ihren Ursprung im antiken Griechenland. Die etymologischen Wurzeln bilden Philos, der Freund, und Sophia, die Weisheit. Philosophieren bedeutet also, ein Freund der Weisheit zu sein. In Griechenland waren das Männer und Frauen, die von körperlicher Arbeit befreit waren und die Muße hatten, über die Welt nachzudenken. Als erster Philosoph und erste Philosophin gelten im 6. Jh. vor Chr. Thales von Milet und Theano von Kroton. Sie begannen, über Fragen an die Welt wie die Entstehung des Universums oder das Streben nach Glück intensiv nachzudenken und Antworten darauf zu suchen.

Im Laufe der Philosophiegeschichte wurden in unterschiedlichen Kulturen viele gut begründete Antworten auf fundamentale Fragen menschlicher Existenz gefunden. Sie alle zusammen bilden bis in die Gegenwart die Philosophie als Tradition systematischer Reflexion über die Welt. Die Tätigkeit des Staunens, Fragens und Nachdenkens über Sinnfragen wird seit der Antike als Philosophieren bezeichnet. Sie führt zu vorläufigen Antworten, die wieder hinterfragt werden. Denn es könnte ja alles auch ganz anders sein, d.h. eine bereits beantwortete Frage bildet den Motor für das Weiterdenken. Dabei muss sich am Schluss des Reflexionsprozesses nicht unbedingt das Gegenteil als wahr erweisen. Vielmehr ist es auch möglich, neue Aspekte einer Sinnfrage zu entdecken, welche die bereits gefundene Antwort stützen oder erweitern. So könnte Jana zum Beispiel weiterfragen, woher die Sonne und der Sternenhimmel oder auch die Menschen kommen? Insofern ist das Philosophieren ein offener Prozess mit keinem endgültigen Abschluss, an dem alle Menschen teilnehmen können, nicht nur wissenschaftlich tätige Philosophinnen und Philosophen.

Philosophieren mit Kindern bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Kinder bereits im Alter von drei oder vier Jahren beginnen, Fragen an die Welt zu stellen. Allein oder gemeinsam mit anderen können sie nach Antworten suchen und durch Staunen und Wissen-wollen im Sinne von Aristoteles erste Schritte im Philosophieren unternehmen.

3 Kurze Geschichte des Philosophierens mit Kindern

3.1 Theano und Epikur: Kinder können philosophieren

Das Philosophieren mit Kindern ist von Beginn an mit der Entwicklung der philosophischen Tradition verbunden. Bereits in der Antike wurde das eigene Nachdenken von Kindern als Wert für ihre Charakterbildung angesehen. Deshalb beschäftigte sich auch die Pythagoreerin Theano von Kroton in ihrem Brief über Kindererziehung im 6. Jahrhundert v.Chr. mit der Frage, wie Kinder zur Einsicht über das eigene Verhalten gelangen können. Theano wollte erreichen, dass bereits jüngere Kinder die Erfahrung machen, dass ein gutes Leben durch Anstrengungen körperlicher und geistiger Art erarbeitet werden muss (Theano 2010, S. 26–28).

Für den griechischen Philosophen Epikur (490-430 v.Chr.) bedeutete Philosophieren eine Art lebenslanges Lernen. Niemand sei zu jung oder zu alt, um mit dem Philosophieren zu beginnen. Denn für den „Genuss der Guten“ gäbe es keine Altersgrenzen. Darüber hinaus trage das Philosophieren zur seelischen Gesundheit bei – hier argumentiert Epikur ähnlich wie Theano: Philosophieren bedeutet geistige Beweglichkeit und die benötigten sowohl die Jüngeren als auch die Älteren. Die einen müssten sich an das Nachdenken über Sinnfragen erst noch gewöhnen und die anderen sollten dieses Nachdenken wieder aktivieren (Epikur 2002, S. 11–13).

3.2 John Locke: Gute Gewohnheiten des Nachdenkens entwickeln

Diese antiken Überlegungen führte der englische Philosoph John Locke (1632-1704) weiter, nachdem er einige Jahre als Hauslehrer in der Familie des englischen Lordkanzlers Shaftesbury tätig gewesen war und mit dessen Kindern philosophiert hatte. Er schrieb 1693 das erste ethische Erziehungsbuch für Eltern „Gedanken über Erziehung“. Darin regte er an, dass Eltern ihre Kinder dazu ermuntern sollten, Fragen an die Welt zu stellen. Dabei sollten sie auf Belehrungen verzichten und Kinder stattdessen in regelmäßigen gemeinsamen Gesprächen anregen, selbst nach Antworten zu suchen. Nur dadurch könnten Kinder gute Gewohnheiten des Denkens (habbits of thinking) entwickeln. Für das gemeinsame Nachdenken empfahl Locke auch ungewöhnliche Methoden. So schlug er beispielsweise vor, ab und zu unbekannte Gegenstände auf dem Tisch zu gruppieren, damit Kinder dazu Fragen stellen können, insbesondere Warum-Fragen, durch die sie den Dingen der Welt auf den Grund gehen. Aus diesen Warum-Fragen können sich dann Gespräche entwickeln, die sowohl bei Eltern als auch bei Kindern ein Gefühl der Befriedigung hervorrufen; mit Kindern meinte Locke zur damaligen Zeit allerdings nur Jungen, wobei Theano von Kroton beide Geschlechter im Blick hatte (Locke 1997, S. 151–154).

3.3 Matthew Lipman: Denkfähigkeiten von Kindern fördern

Lockes Idee, durch Gespräche über kindliche Sinnfragen gute Gewohnheiten des Denkens zu entwickeln, wurde in den 1970er Jahren von dem amerikanischen Philosophieprofessor Matthew Lipman (1922-2010) reaktiviert. Ihm war in philosophischen Seminaren an der Columbia University aufgefallen, dass Studierende die Ideen aus der philosophischen Tradition exzellent darstellen konnten, jedoch die eigene Reflexion und Urteilsbildung nur in Ansätzen ausgeprägt war, denn sie hatten das selbstständige Nachdenken und Argumentieren in der Schule nicht gelernt. Lipman zog daraus den Schluss, das Nachdenken über die Welt und die Entwicklung von Denkfähigkeiten (thinking skills) bereits in der Grundschule zu fördern. Die von ihm intendierten Denkfähigkeiten umfassen als Kern drei Komponenten:

  • Reflexionsfähigkeiten (reasoning skills)
  • Urteilsfähigkeiten (judgementskills) und
  • metakognitive Fähigkeiten (higher-order-thinking)
    (Lipman 1988, S. 139 ff.).

Die Entwicklung von reasoning skills bedeutet für Lipman, dass Menschen und insbesondere auch Kinder lernen können, in der Alltagspraxis Dinge und Situationen zu reflektieren und Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen bzw. weiterzudenken: „Warum gibt es böse Menschen auf der Welt?“

Über solche Fragen und Probleme entwickeln sich unterschiedliche Standpunkte, die es erfordern, sich zunächst ein eigenes Urteil zu bilden und dieses auch zu begründen, d.h. der Ausgangspunkt gemeinsamer Denkprozesse ist bei Lipman zunächst das eigenständige Denken, das sich zu einem Dialog entwickeln kann.

Als dritte Komponente gehört zu Lipmans Konzept auch das higher-order-thinking, das die Fähigkeit zu einer kritischen Denkhaltung beinhaltet, wie zum Beispiel Selbstreflexivität, um das eigene Denken und Handeln zu untersuchen. Im Mittelpunkt stehen dabei Gesetzmäßigkeiten der formalen Logik wie deduktives und induktives Schließen – vom Allgemeinen zum Besonderen und umgekehrt – sowie das Aufstellen von Hypothesen im Sinne des Begründers der formalen Logik, des griechischen Philosophen Aristoteles (siehe auch Punkt 2). Dieser Bestandteil der metakognitiven Fähigkeiten hat Lipman teilweise den Vorwurf eingebracht, er wolle das Philosophieren mit Kindern auf logisch-argumentative Fähigkeiten reduzieren. Diese Kritik übersieht, dass das metakognitive Denken nur eine Komponente der Thinking skills darstellt. Dennoch kann zumindest hinterfragt werden, ob logisches Denken notwendigerweise eine Voraussetzung des Philosophierens darstellt.

Um sein Konzept der Denkfähigkeiten zu institutionalisieren, gründete Matthew Lipman 1974 in Montclair bei New York das erste Institut für Kinderphilosophie (Institute for the Advancement of Philosophy for Children IACP) mit dem Ziel, Lehrerinnen und Lehrer in „Philosophy for Children“ (P4C) fortzubilden und philosophische Textbücher für Kinder herauszugeben. Damit legte er den Grundstein dafür, das Philosophieren mit Kindern im Bildungsbereich der Grundschule zu verankern. Zu den bekanntesten Textbüchern gehört u.a. Das geheimnisvolle Wesen“ (der englische Titel ist „Pixie“) für das Grundschulalter (Lipman 2007) und „Harry Stottelmeiers Entdeckung“ (Lipman 2009). Dieses Textbuch führt Jugendliche ab 12 Jahren in Grundkategorien der aristotelischen Logik ein – Stottlemeier ist ein Sprachspiel mit Aristotle (Aristoteles). Alle Textbücher von Lipman wurden als Denkgeschichten aufgebaut, d.h. sie enthalten philosophische Probleme; dadurch unterscheiden sie sich bewusst von herkömmlicher Kinderliteratur. Lipman verzichtete auch auf grafische Darstellungen, denn er wollte das Vorstellungsvermögen der Kinder nicht beeinflussen – sie sollen sich ihre eigenen Bilder im Kopf malen.

Zu jeder Geschichte wurden Lehrerhandreichungen (Manuals) entwickelt, die Erklärungen zu den im Textbuch dargestellten philosophischen Problemen beinhalten sowie Übungen im Bereich der Reflexionsfähigkeiten, der Urteilsfähigkeiten und des metakognitiven Denkens. Sie dienten Lipman als Grundlage für die Lehrerfortbildung. Er entwickelte sein Curriculum gemeinsam mit Ann Margaret Sharp (1942-2010). Sie war viele Jahre Co-Direktorin des IACP und hat mit ihrer Geschichte „Elfie“ den Grundstein für das Philosophieren im Kindergarten gelegt (siehe Punkt 4).

Gegenwärtig wird das Institut für Kinderphilosophie an der Montclair State University weitergeführt – seit 2010 existiert es nicht mehr als selbstständige Institution. 

3.4 Gareth Matthews und Ronald Reed: Mit Geschichten philosophieren

Die Philosophen Gareth Matthews (1929-1011) und Ronald Reed (1957-1998) arbeiteten eng mit dem IACP zusammen, stellten jedoch vorrangig nicht die Ausbildung von Denkfähigkeiten, sondern die Entwicklung einer Gesprächskultur in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten. Gareth Matthews philosophierte mit Kindern auf der Grundlage eigener Denkgeschichten – die berühmteste von ihnen heißt „Können Blumen glücklich sein?“ (Matthews 1989, S. 24). Er wertete in seinem Buch „Philosophische Gespräche mit Kindern“ die von ihm gesammelten Dialoge mit Kindern aus und verglich ihre Gedanken mit denen von Philosophinnen und Philosophen. In dem Buch „Denkproben: Philosophische Ideen jüngerer Kinder“ setzte sich Matthews darüber hinaus mit entwicklungspsychologischen Einwänden gegen das Philosophieren mit Kindern auseinander (Matthews 1991).

Ronald Reed hat in seinem Buch „Talking with Children“ das philosophische (entdeckende) Gespräch von anderen Gesprächsformen wie dem emotionalen Gespräch oder der Unterhaltung abgegrenzt. Damit wollte er vor allem Eltern die Möglichkeit geben, sich bei Gesprächen mit ihren Kindern zu überlegen, worauf eine bestimmte Frage von Kindern zielen könnte: Möchte ein Kind nur eine Information bekommen, will es über seine Gefühle sprechen oder geht es um ein philosophisches Problem, bei dem auch Eltern keine Expertinnen und Experten sind und gemeinsam mit ihren Kindern nach einer Lösung suchen sollten (Reed 1990). Reed führt in seinem Buch mehrere Beispiele von gelungenen und nicht gelungenen Gesprächen an – viele Gespräche sind nach seiner Ansicht nicht erfolgreich, weil Eltern manchmal nicht erkennen, worauf ihre Kinder eigentlich „hinauswollen“.

Zu den europäischen Zentren, die eng mit dem IACP zusammenarbeiten, gehört auch die Österreichische Gesellschaft für Kinderphilosophie, die Daniela Camhy1985 in Graz gegründet hat. Sie ist Trägerin des 1990 geschaffenen „Instituts für Kinderphilosophie“ und publizierte u.a. Lipmans Textbücher auf Deutsch. Das Institut organisiert Schulversuche mit Lipmans Materialien und erarbeitete auf der Grundlage von Lipmans Manuals ein Konzept für die Lehrerfortbildung. Seit 2013 führt das Institut gemeinsam mit der Universität Graz einen berufsbegleitenden kostenpflichtigen Studiengang zum Philosophieren mit Kindern durch, der zwei Semester dauert und aus 12 Modulen besteht. Er wurde speziell für Grundschullehrerinnen und -lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher konzipiert; ein Fach Ethik oder Philosophieren mit Kindern existiert in Österreich weder im Primar- noch im Sekundarbereich (Stand 2019).

3.5 Philosophieren mit Kindern in Deutschland und der Schweiz

In Deutschland war es vor allem Ekkehard Martens, emeritierter Professor für Philosophiedidaktik an der Universität Hamburg, der 1979 das erste Seminar zum Philosophieren mit Kindern in Deutschland durchführte. In seinem Buch „Philosophieren mit Kindern“ hob Martens hervor, dass zum Philosophieren eine Haltung der Offenheit und Neugier gehört, d.h. Kinder müssen über etwas stolpern, etwas als ungewöhnlich empfinden, um dann weiter zu fragen. Zu diesem Weiterfragen gehören auch bestimmte Methoden (siehe Punkt 6). Martens hebt dabei in Anlehnung an die antike Dialektik das dialogische Prinzip hervor, das Philosophierenden einen Austausch ihrer Ideen ermöglicht (Martens 1999). Dieser Idee folgt auch Barbara Brüning, die das sokratische Gespräch insbesondere für die Elementarerziehung weiterentwickelt hat (Brüning 2013).

Eva Marsal von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe hat gemeinsam mit Takara Dobashi von der Hiroshima University 2005 eine „Deutsch-Japanische Forschungsinitiative zum Philosophieren mit Kindern“ ins Leben gerufen. Beide Wissenschaftlerinnen untersuchen vor allem, wie das Spiel/en mit dem Philosophieren kombiniert werden kann.

In den letzten Jahren entstanden auch im außerschulischen Bereich verschiedene Vereine zum Philosophieren mit Kindern, wie zum Beispiel „Philosophieren mit Kindern e.V. in Hamburg“ unter der Leitung von Kristina Calvert. Dieser Verein will den Respekt vor den philosophischen Gedanken von Kindern in der Öffentlichkeit fördern und das Philosophieren mit Kindern als durchgängiges pädagogisches Prinzip im Bildungsbereich etablieren. Dazu finden verschiedene Workshops und Fortbildungsveranstaltungen statt. Kristina Calvert hat insbesondere an der Schnittstelle zwischen naturwissenschaftlicher Bildung und Philosophieren mit Kindern gearbeitet und Projekte über Natur und Nachhaltigkeit initiiert.

Ähnliche Ziele wie der Hamburger Verein verfolgt auch „Paidosophos“, ein Institut für das Philosophieren mit Kindern in Darmstadt unter der Leitung von Birgit Becker und Judith Pfeiffer. Paidosophos umfasst die beiden griechischen Wörter Paideia mit dem Wortstamm Kind und Sophia, die Weisheit. Das Institut organisiert Neigungskurse und philosophische AGs im Bereich der außerschulischen Bildung sowie Fortbildungen, insbesondere für Erzieherinnen und Erzieher. Wesentliche Schwerpunkte sind Nachhaltigkeit und Umweltbildung. Das pädagogische Konzept beruht u.a. auf dem pädagogischen Modell des amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey (1859-1952), dessen Grundpfeiler die Beziehungen zwischen Mensch, Natur und Umwelt bilden. Durch die Verbindung von Wissen, Erfahrung und Handeln – Paidosophos organisiert vor allem projektorientierte Philosophiekurse – sollen Kinder ihre philosophischen Gedanken in Zusammenhang mit ihrer Lebenspraxis entwickeln.

Eva Zoller gründete 1987 in der Schweiz „s’Käuzli – Schweizerische Dokumentationsstelle für Kinder- und Alltagsphilosophie“, die sie allein führt. Sie bietet in ihrem Haus Kurse für Eltern und Kinder an sowie Weiterbildungsmodule für Erzieherinnen und Erzieher sowie Primarlehrerinnen und -lehrer. Eva Zoller arbeitet beim Philosophieren insbesondere mit Bilder- und Kinderbüchern, in denen philosophische Fragen als Schatz verborgen sind, den Kinder durch eigene Denkbewegungen „heben“ müssen. In ihrer Dokumentationsstelle hat sie mehr als 1.000 Kinderbücher gesammelt. Sie erzählen Geschichten, „die (fast) jedem Kind passieren könnten und sie tun es in einer Bildersprache, die Kindern nicht übersetzt zu werden braucht“ (Zoller 2010, S. 43).

Diese kurze Geschichte des Philosophierens mit Kindern kann weltweit nicht alle Aktivitäten auflisten. Auch wurde bewusst darauf verzichtet, die verschiedenen Ansätze zu konzeptualisieren. Denn in allen Zugängen sind Sinnfragen von Kindern der Ausgangspunkt des Philosophierens, die mithilfe verschiedener Methoden bearbeitet werden sollen. Wer tiefer in die Differenz bzw. die Schwerpunkte zwischen einzelnen Vertreterinnen und Vertretern eindringen möchte, sollte das Buch „Children Philosophize Worldwide“ von Eva Marsal und Takara Dobashi lesen (Marsal und Dobashi 2009).

4 Philosophieren in der frühkindlichen Bildung

Als Friedrich Fröbel (1782-1852) im Jahr 1840 weltweit den ersten Kindergarten in Bad Blankenburg gründete, ging er von dem Konzept der Selbstbildung von Kindern aus. Durch das gemeinsame Spielen sollten sich Kinder unter Anleitung von Erzieherinnen und Erziehern zu selbst denkenden Menschen entwickeln, die sich die Welt insbesondere über das Erforschen und Experimentieren mit Gegenständen erschließen – diese Idee hat die phänomenologische Methode des Philosophierens rezipiert (siehe Punkt 6).

Obwohl Fröbel bereits vor mehr als 150 Jahren auf das selbstständige Nachdenken von Kindern setzte, gibt es bis heute kein bundesweit verbindliches Modul „Philosophieren“ für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erzieher (Stand 2019), jedoch weltweit einzelne Modellversuche und Projekte.

Den Grundstein für das Philosophieren in der frühkindlichen Bildung hat Ann Margret Sharp mit ihrem Konzept des Caring Thinking gelegt (Sharp 2009, S. 206–210). Kinder sollten lernen, mitfühlendes Denken zu entwickeln, im Sinne der Ausbildung moralischer Gefühle wie Empathie oder Rücksichtnahme. Ihr natürliches Gerechtigkeitsempfinden ermögliche ihnen, auf Ungerechtigkeiten in ihrem Umfeld oftmals emotional zu reagieren, bevor sie beginnen, darüber nachzudenken.

Dieses Gerechtigkeitsempfinden sollte nach Ann Margaret Sharp stärker in eine frühkindliche Werteorientierung eingebunden werden. Denn wenn sich ein Kind über die ungerechte Behandlung eines anderen Kindes empört („Ole hat gar nicht an der Rauferei in der Sandkiste teilgenommen und soll trotzdem bestraft werden“), beginnt es an einer gerechten Lösung zu arbeiten. Deshalb lassen sich nach Ansicht des schottischen Philosophen David Hume (1771-1776) Kriterien und Beweggründe moralischen Handelns verstärkt in der „Sphäre der Affekte“ finden. Menschen brauchen einen „Moral sense“, um zu moralischem Handeln motiviert zu werden. Für Hume ist deshalb die entscheidende Frage hinsichtlich des moralischen Handelns: Kann ich mit dem Verhalten von jemandem sympathisieren, oder nicht? (Hume 1978, S. 210). Deshalb gehören Tätigkeiten wie Mitfühlen, Nacherleben, und Erinnern zu philosophischen Kompetenzen, die in der Kita gefördert werden sollen. Es geht darum, Gefühle nach- und mitzuempfinden, sie zu deuten und für das eigene Handeln zu aktivieren. Von den Methoden des Philosophierens ist hier insbesondere die spekulative Methode von Bedeutung, weil sie die Fähigkeit des Perspektivwechsels und der Empathie entwickelt (siehe auch Punkt 6).

Das Philosophieren im Kindergarten wird in Deutschland insbesondere von der bayerischen Akademie „Kinder philosophieren“ seit 2007 angeboten. Sie organisiert Fortbildungsveranstaltungen mit verschiedenen Modulen, in denen Erzieherinnen und Erzieher Grundkenntnisse in Philosophie und den Methoden des Philosophierens vermittelt werden (Wiesheu o.J., S. 102–103). In Zusammenarbeit mit der Akademie hat Katharina Zeitler ein Methodenbuch für Erzieherinnen und Erzieher veröffentlicht, in dem sie Tipps für das Philosophieren in der Kita gibt (Zeitler 2010).

Barbara Brüning hat mit dem Kinderbuch „Prinzessin Lara und der kleine Saurier“ inhaltliche Module für die frühkindlichen Bildung aufgelistet, wie zum Beispiel, Familie Freunde sowie Leben mit Tieren und Pflanzen und im dazugehörigen Praxishandbuch für Erzieherinnen und Erzieher erklärt, wie die Methoden des Philosophierens im Kindergarten angewendet werden können (Brüning 2010).

5 Philosophieren in der Grundschule

Seit den 1990er Jahren ist das Philosophieren mit Kindern an vielen deutschen Grundschulen als fächerübergreifendes Prinzip in den Unterricht integriert worden, zum Beispiel in den Fächern Deutsch und Sachkunde. Im eigenständigen Ersatz oder Wahlpflichtfach Ethik/Philosophieren mit Kindern ist es sogar die wesentliche Methode zur Bearbeitung von Sinnfragen.

Der Ethikunterricht wird in sechsBundesländern von der 1. Klasse an als Ersatz bzw. Wahlpflichtfach zum Religionsunterricht angeboten: in Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In Brandenburg ist LER (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde) in den Klassen 5/6 ein Pflichtfach für alle Kinder; in Niedersachsen gibt es spezielle Projektschulen, in denen das Fach „Werte und Normen“ bereits in der Grundschule unterrichtet wird, mit dem Ziel einer flächendeckenden Einführung (Stand 2019).

Mecklenburg-Vorpommern ist bisher das einzige Bundesland, das seit 1998 ab der 1. Klasse Philosophieren mit Kindern als Ersatzfach zum Religionsunterricht anbietet – in Schleswig-Holstein gibt es das Fach „Philosophie“ ab der 1. Klasse seit 2012.

Die Rahmenpläne aller acht Bundesländer schreiben das Philosophieren mit Kindern als methodisches Unterrichtsprinzip vor. Vor allem in Mecklenburg-Vorpommern soll laut Rahmenplan, der wesentlich von Silke Pfeiffer mit ausgearbeitet wurde, die Methodenkompetenz im Mittelpunkt des Unterrichts stehen.

Einen Sonderstatus im Bereich des Ethikunterrichts nimmt Berlin ein. Dort wird in der Grundschule hauptsächlich Lebenskundeunterricht von der Klasse 1 bis 6 angeboten. Die ideengeschichtlichen Traditionen dieses Fachs reichen bis in die Weimarer Republik zurück. Damals veranlassten Bildungspolitiker in Berlin, dass alle Schülerinnen und Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, einen Unterricht in humanistischen Werten erhalten sollten (Osuch 1994, S. 2). Ab Klasse 7 wird in Berlin das Fach „Ethik“ für alle Schülerinnen und Schüler verbindlich unterrichtet – hier findet wie in Brandenburg die Bremer Klausel des Grundgesetzes (Art. 141 GG) Anwendung.

Diejenigen Bundesländer, in denen Ethikunterricht in der Grundschule kein eigenes Fach ist, bieten Philosophieren mit Kindern in vielfältigen anderen Formen an: als Unterrichtsprinzip im Sachunterricht, wie zum Beispiel in Hamburg und Nordrhein-Westfalen.

Kerstin Michalik von der Universität Hamburg beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem fächerübergreifenden Philosophieren. Ihr Ansatz geht von der Idee aus, dass Kinder in allen Fächern Sinnfragen stellen, die als Grundlage von Nachdenk-Gesprächen fungieren sollen, weil sie nicht nur fachbezogene, sondern übergreifende Sinnzusammenhänge betreffen. Sinnfragen haben deshalb das Potenzial, Grundlage eines wissenschaftsorientierten Unterrichts zu sein, denn es geht darum „alle Fächer und Lernbereiche um eine Dimension der Nachdenklichkeit zu bereichern. Nachdenklichkeit als Unterrichtsprinzip ist nicht verbunden mit der Einführung neuer Inhalte, sondern es geht darum, Raum und Zeit zu gewähren für neue Zugänge zu den Gegenständen des Unterrichts. Die Vermittlung von Wissen wird verbunden mit Gesprächen über Fragen, auf die es keine klaren und eindeutigen Antworten gibt, sondern die offen sind für verschiedene Antwortmöglichkeiten, Sichtweisen und Deutungen“ (Michalik und Schreier 2006, S. 62). Kerstin Michalik hat gemeinsam mit Hans-Joachim Müller 2008 die „Gesellschaft zur Förderung des Philosophierens mit Kindern in Deutschland “ e.V. gegründet.

In allen Curricula der Grundschule, die Ethik bzw. Philosophieren mit Kindern als Alternativfach zum Religionsunterricht in der Grundschule anbieten, stehen Sinnfragen wie Freundschaft, Glück, Regeln des Zusammenlebens, Identität (Wer bin ich?), Gemeinschaften wie die Familie, Natur und Umwelt, Gefühle und der Umgang mit Medien sowie die großen Weltreligionen im Mittelpunkt des Unterrichts (Brüning 2015).

6 Methoden des Philosophierens mit Kindern

Wenn Kinder in der Schule oder im Kindergarten Fragen an die Welt stellen, wie zum Beispiel „Können Kuscheltiere Freunde sein?“, dann sollten sie die Möglichkeit erhalten, mit anderen Kindern gemeinsam Antworten zu finden. Für diese Antwortsuche hat die philosophische Tradition fünf Grundmethoden entwickelt, die es Lehrerinnen und Lehrern sowie Erzieherinnen und Erziehern ermöglichen, das Nachdenken von Kindern über die Welt zu unterstützen.

  • Die phänomenologische Methode: wahrnehmen und beschreiben 
  • Die hermeneutische Methode: Gedanken und Symbole verstehen
  • Die analytische Methode: Begriffe verstehen und Meinungen begründen
  • Die dialektische Methode: Gespräche führen
  • Die spekulative Methode: mit Gedanken spielen und den fremden Blick ausprobieren

6.1 Die phänomenologische Methode: wahrnehmen und beschreiben

Der deutsche Philosoph Edmund Husserl (1859-1938) gilt als Begründer der phänomenologischen Richtung der Philosophie. In Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen Systemen vertrat er die These „Zurück zu den Sachen selbst“, d.h. der Ausgangspunkt philosophischer Reflexion sollten konkrete Gegenstände, Erfahrungen und sinnliche Wahrnehmungen sein. Diese Auffassung kommt dem Interesse von Kindern und Jugendlichen an Dingen und Personen ihrer Umwelt sehr entgegen, denn Dinge sind greifbar und mehrdimensional, d.h. sie fördern beim Philosophieren das Konkrete und sinnlich Anschauliche.

Die phänomenologische Methode hat deshalb beim Philosophieren das Ziel, die Beobachtungs- und Wahrnehmungsfähigkeit von Kindern zu schärfen. Ein Gegenstand, eine Person, eine Situation oder eine Verhaltensweise wird zunächst mit allen Sinnen erfasst und anschließend beschrieben. Erst danach findet der Reflexionsprozess statt. So können zum Beispiel beim Nachdenken über die Frage, was denn Natur heißt, verschiedene Natur-Gegenstände wie Blätter oder Tannenzapfen mit in die Schule bzw. den Kindergarten gebracht und mit allen Sinnen untersucht werden: tasten, schmecken, sehen, riechen, hören. Die Kinder lernen anschließend, die Gegenstände nach Formen, Farben und der Oberflächen-Beschaffenheit zu beschreiben. Erst danach wird die Frage geklärt, warum sie zur Natur gehören (Brüning 2015, S. 28–34).

6.2 Die hermeneutische Methode: Gedanken und Symbole verstehen

Allgemein gilt die Hermeneutik als die Kunst der Weltdeutung. Darunter fallen alle Lebensäußerungen wie zum Beispiel Texte, Kunstwerke, Musikstücke, Handlungen oder sprachliche Äußerungen; in der Philosophie richtet sich die hermeneutische Methode traditionell insbesondere, aber nicht ausschließlich, auf die Textinterpretation.

Im Ethik- und Philosophieunterricht der Grundschule wird der Umgang mit philosophischen Fachtexten von der 1. Klasse an gefördert (Brüning 2015, S. 15–17), d.h. die Gedanken von Philosophinnen und Philosophen zu wichtigen Sinnfragen wie Freundschaft oder Gerechtigkeit werden in anschaulicher und verständlicher Weise präsentiert. Ein exemplarisches Beispiel hierfür ist der Gedanke der Empathie „Mit anderen mitfühlen“ des englischen Philosophen David Hume (1711-1776) aus einem Ethiklehrbuch für die Klassen 1/2 (Balasch und Brüning 2013, S. 20–21).

Zur Texterschließung sollten gezielt Leitfragen von Lehrerinnen und Lehrern gestellt werden. Diese können sich auf einzelne Gedanken aus einem Text richten oder auch auf das gesamte Textverständnis: „Ihr habt einen Text über das Mitgefühl gelesen. Warum sollten Menschen mit anderen Menschen mitfühlen? Was steht dazu im Text von David Hume?“

Die texterschließende Fragemethode hat insbesondere der amerikanische Philosoph Matthew Lipman (siehe auch Punkt 3) in seinen Philosophy for Children-Curriculum in den Mittelpunkt gestellt. Lipmans Ansatz geht davon aus, dass Kindern durch Leitfragen das Textverständnis erleichtert werden soll. Leitfragen führen sie an das Verständnis philosophischer Probleme in Texten heran, ohne ihnen die Interpretationsvarianten vorzugeben.

Mithilfe der Fragemethode kann ein Text auch im Partnerinterview selbstständig von den Kindern erschlossen werden. Die Schülerinnen und Schüler lesen zunächst einen Text und stellen sich gegenseitig Fragen dazu: Eine/r beginnt, und die oder der anderer antwortet. Der oder die Fragenstellende notiert die Antwort in Stichworten. Danach stellt der- oder diejenige, die geantwortet hat, die nächste Frage und notiert wiederum in Stichworten die Antwort. Nach dieser Ping-Pong-Methode wird ein Text in seine wichtigsten Gedanken zerlegt – die Partnerinnen und Partner entscheiden selbstständig, ob die Antworten richtig sind. Zur Ergebnissicherung wird die Partnerarbeit in der Klasse ausgewertet.

6.3 Die analytische Methode: Begriffe klären und argumentieren

Die philosophische Begriffsanalyse wurde erstmals von dem griechischen Philosophen Platon (ca. 428/27–348/47 v.Chr.) angewendet. Er ließ in seinen Dialogen wie zum Beispiel „Laches“ seinen philosophischen Lehrer Sokrates und mehrere Schüler über den Gebrauch schwieriger Begriffe wie Tapferkeit nachdenken. Dabei stellte Sokrates gezielte Fragen an seine Gesprächspartner, die ihnen helfen sollen, philosophische Begriffe zu verstehen. In ihren Antworten führen die Gesprächspartner Argumente an, um ihre Meinungen zu rechtfertigen – d.h. die analytische Methode setzt sich seit der Antike aus der Begriffsklärung und der Argumentation zusammen. Dabei werden abstrakte Begriffe wie Glück oder Natur, die in Sinnfragen eine wesentliche Rolle spielen in ihre verschiedenen Bedeutungsaspekte zerlegt, wie zum Beispiel durch die Methode der Wortfelduntersuchung.

Die Kinder erhalten beispielsweise die Aufgabe, auf ein Blatt einen Gegenstand oder ein Erlebnis zu malen, die sie mit einem schwierigen Begriff wie „Freundschaft“ verbinden (sie können die entsprechenden Gegenstände auch mit in den Kindergarten oder die Schule bringen). Die Zeichnungen oder Gegenstände werden anschließend in einen Kreis gelegt und zwar in Form einer Blume; es können auch mehrere Blumen gelegt werden.

In die Mitte der Begriffsblume wird von den Erzieherinnen und Erziehern ein Symbol für Freundschaft gelegt, zum Beispiel die Gesichter zweier Kinder. Es kann aber auch das Wort „Freunde oder Freundschaft“ auf einen Kreis aus Pappe in die Mitte geschrieben werden, für diejenigen Kinder, die schon lesen können. Die Zeichnungen werden dann als Blütenblätter um die Gesichter herum gelegt. Sie sollen den Kindern verdeutlichen, dass ein Begriff durch andere Begriffe beschrieben werden kann (Brüning 2015, S. 40–43).

Der zweite Bestandteil der analytischen Methode ist die Argumentation, d.h. jede Meinung, die Kinder vertreten, sollte von den Kindern auch begründet werden: „Kuscheltiere können Freunde sein, weil ich ihnen Geheimnisse anvertrauen kann“.

Beim Philosophieren unterscheidet man zwei Grundformen des Argumentierens: empirische und nichtempirische Argumente.

Empirische Gründe umfassen Tatsacheninformationen, die gegebenenfalls nachgeprüft werden können; sie dienen dazu, die Angemessenheit von einzelnen Handlungen auf der Grundlage von Fakten zu erklären: „Ich bin zu spät in der Schule gekommen, weil wir verschlafen haben“. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage kann im Zweifelsfall nachgeprüft werden, indem Lehrerinnen und Lehrer in der Familie nachfragen, ob das wirklich so stimmt.

Einen größeren Schwierigkeitsgrad hinsichtlich ihrer Überzeugungskraft weisen nichtempirische Gründe auf, die das Hauptinstrumentarium der philosophischen Tradition darstellen. Sie sind begriffliche Konstruktionen, die nicht an Fakten überprüft werden können: „Menschen brauchen Freunde, weil man in der Not nicht gern allein ist.“ Das Argument „weil man in der Not nicht gern allein ist“ kann nicht anhand von Fakten überprüft werden. Denn bei nichtempirischen Gründen handelt es sich um sogenannte Verstehensargumente, die das Verständnis einer Handlung bzw. eines Urteils „verbessern“ sollen. Sie erklären, warum jemand eine bestimmte Handlung ausgeführt hat bzw. warum er gerade diese (und keine anderen) Konsequenzen daraus zieht. Auch jüngere Kinder können sich schon darüber Gedanken machen, warum sie eine bestimmte Meinung vertreten. Sie sollten beim Philosophieren dazu angeregt werden, möglichst mehrere Gründe für eine Meinung zu suchen, die mit der Konjunktion „weil“ an eine Meinung angefügt werden.

6.4 Die dialektische Methode: Das sokratisches Gespräch

Die dialektische Methode geht auf den griechischen Philosophen Sokrates (ca. 470–399 v.Chr.) zurück, der als Hauptfigur in Platons Dialogen mit einer gezielten Fragetechnik seine Gesprächspartner zum Nachdenken bringen wollte. Sie sollten von der bloßen Meinung (doxa) zu gesichertem, überprüftem Wissen gelangen. Aus der Vielfalt konkreter Beispiele und Einzelheiten wurde durch gemeinsame Reflexion unter der Leitung von Sokrates das Abstrakt-Allgemeine herausgearbeitet, indem von den Einzeldingen das Wesentliche, Unbedingte abstrahiert wurde, bis sich allmählich klare begriffliche Vorstellungen entwickelten. In den sokratischen Dialogen wurde allerdings nicht mit letzter Gewissheit geklärt, wie ein philosophisches Problem zu lösen ist. Denn das Ziel des Sokrates bestand darin, vorgefasste Meinungen infrage zu stellen und neue Aspekte in den Reflexionsprozess einzubeziehen. Die meisten platonischen Dialoge enden deshalb auch in einer Aporie, d.h. sie haben einen offenen Ausgang und präsentieren ein reflexiv bearbeitetes philosophisches Problem mit verschiedenen (denkbaren) Lösungsansätzen, d.h. die Gesprächspartner klären beispielsweise nicht definitiv, was Gerechtigkeit ist, sondern arbeiten mehrere mögliche Aspekte wie Gleichheit vor dem Gesetz bzw. Grundversorgung mit materiellen Gütern heraus. Für das Philosophieren mit Kindern sind vor allem drei Merkmale der klassischen sokratischen Gesprächsmethode wichtig: der Ausgangspunkt von den konkreten Erfahrungen, d.h. den lebensweltlichen Erfahrungen der Kinder, das Miteinander-Denken und die Vorläufigkeit möglicher Antworten, weil der Prozess des Selbstdenkens im Mittelpunkt steht. Dies bedeutet im Sinne des Sokrates, dass jeder Philosophierende eigene Gedanken zu Sinnfragen entwickelt. Ein „Denken-lassen“ durch andere, wie zum Beispiel „LehrerInnen sagen, was richtig ist“, soll ausgeschlossen werden. Dieses Ziel sollte im Vordergrund stehen, da der Kern sokratischer Pädagogik das eigene Nachdenken ist.

Der Dialog über Sinnfragen setzt voraus, dass sich die Gesprächspartnerinnen und -partner beim gemeinsamen Nachdenken aufeinander beziehen, sich gegenseitig ernst nehmen und Verständnis für unterschiedliche Meinungen entwickeln. Diese Fähigkeit zur Empathie, zum „Sich-hineinversetzen in andere“ ist dem sokratischen Gespräch deshalb immanent, weil es ohne die gegenseitige Akzeptanz nicht funktionieren kann.

Mit Kindergartenkindern lässt sich ein sokratisches Gespräch noch nicht in vollem Umfang realisieren. Zu Beginn des gemeinsamen Philosophierens könnte zunächst das Blitzlicht zum Einsatz kommen. Die Kinder assoziieren zu einer Sinnfrage wie „Können Kuscheltiere Freunde sein?“, was ihnen gerade durch den Kopf geht – in welcher Reihenfolge muss durch Gesprächsregeln festgelegt werden.

Das Blitzlicht kann auch für nicht so gesprächsfreudige Kinder schriftlich durchgeführt werden. Dabei wird in die Umrisse eines Kopfes auf einem Blatt Papier, das die Erzieherin oder Lehrkraft als Kopie austeilt, an die Stelle des Gehirns (Stirnseite) ein Gegenstand gemalt oder in Stichworten ein Gedanke aufgeschrieben, der zu einer Sinnfrage passt. Die Blitzlichter werden dann angepinnt oder in einen Kreis gelegt und können so als Ausgangspunkt für ein anschließendes Gespräch fungieren. Das Blitzlicht „erhellt“ die verschiedenen Aspekte einer Sinnfrage wie ein kurzer Lichtschein und verdeutlicht den Kindern, welche verschiedenen Aspekte eine Sinnfrage umfasst.

6.5 Die spekulative Methode: Gedankenexperimente durchführen

Beim Philosophieren wird nicht nur nachgedacht und argumentiert, sondern auch die Fantasie entwickelt und mit Gedanken experimentiert. Dabei spielen die Kinder eine Idee im Kopf durch, wobei ähnlich wie bei einem naturwissenschaftlichen Experiment anfänglich nicht klar ist, was anschließend dabei herauskommt: ein neuer Gedanke, eine Begriffspräzisierung oder eine völlig andere Sichtweise auf die Welt.

Bei Gedankenexperimenten wird von der Wirklichkeit abstrahiert, indem die Philosophierenden Gegenstände, Situationen oder Erlebnisse zu neuen Gedanken kombinieren, die in der Realität so nicht vorkommen, aber vielleicht vorkommen könnten, oder gar sollten, wie zum Beispiel: „Wie sehe eine Welt ohne Freunde aus?“

Gedankenspiele ermöglichen Kindern, für kurze Zeit die Wirklichkeit zu verlassen, um sich eine ganz neue oder wünschenswerte Realität vorzustellen: „Die Welt von morgen wäre für mich eine Welt, auf der Menschen, Pflanzen und Tiere gleichberechtigt zusammenleben“.

Gedankenexperimente haben immer die Form von „Was wäre, wenn (nicht) oder stellt euch mal vor-Kombinationen“ und lassen sich schnell am Ende oder während eines philosophischen Gesprächs ohne große Vorbereitung in die Diskussion einbringen: „Was wäre, wenn alle Menschen auf der Welt immer nur glücklich sein würden?“ Sie tragen dazu bei, viele selbstverständliche Dinge mit anderen Augen zu sehen und weiter zu denken.

Beim Philosophieren mit Gedankenexperimenten können Kinder frei assoziieren, zeichnen oder auch ein philosophisches Gespräch führen. Die Gesprächsleiterinnen und -leiter sollten abwarten, welche Gedankenkombinationen entstehen und ob sich aus ihnen ein philosophisches Gespräch entwickelt. Es besteht auch die Möglichkeit, ein Gedankenexperiment schriftlich in Stillarbeit durchzuspielen.

Die fünf Grundmethoden des Philosophierens dienen dazu, insbesondere auch jüngeren Kindern die Möglichkeit zu geben, gemeinsam mit anderen Antworten auf Fragen an die Welt zu finden. Dabei finden viele gemeinsame Gespräche statt, es kann aber auch gezeichnet und pantomimisch gestaltet werden.

7 Quellenangaben

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8 Literaturhinweise

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(u.a. Praxisvorschläge für Grundschule und Kita)

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Zoller, Eva, 2010. Selber denken macht schlau: Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen. Anregungen für Schule und Elternhaus. Zürich: Zytglogge. ISBN 978-3-7296-0808-5

9 Informationen im Internet

Autorin
Prof. Dr. Barbara Brüning
Sachbuchautorin für Philosophie und Philosophieren mit Kindern; Schulbuchautorin für die Fächer Ethik und Philosophie für alle Schulformen und Schulstufen; bis 2016 Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Luxemburg
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Zitiervorschlag
Brüning, Barbara, 2019. Philosophieren mit Kindern [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 22.08.2019 [Zugriff am: 23.09.2019]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Philosophieren-mit-Kindern

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veröffentlicht am 22.08.2019

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