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Planspiel

Geert Franzenburg

veröffentlicht am 04.08.2021

Mit Planspiel wird eine Methode bezeichnet, bei der komplexe Praxissituationen zu Lernzwecken oder zur Problemlösung vereinfacht simuliert werden.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Grundlagen der Planspielmethode
  3. 3 Zielsetzung und Abgrenzung
  4. 4 Phasen eines Planspiels
  5. 5 Rahmenbedingungen und Gelingensfaktoren
  6. 6 Anwendungsfelder in der sozialen Arbeit
  7. 7 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Die Planspielmethode wird in vielen Bereichen zur Simulation komplexer Prozesse und Strukturen eingesetzt. Sie kann als Trainingsszenario zur Strategieentwicklung und Entscheidungsfindung, aber auch der Kompetenzüberprüfung in einer praxisnahen Situation dienen. Außerdem wird sie zur Vermittlung politischer, rechtlicher und wirtschaftlicher Zusammenhänge (z.B. Tarifverhandlungen, Wirtschaftsordnungen, Energiewende/​Nachhaltigkeit, Parlamentarische Prozesse kommunal und europäisch) eingesetzt (Petrik und Rappenglück 2017).

2 Grundlagen der Planspielmethode

Ursprünglich im 19. Jh. im militärischen Bereich als Strategiespiel entwickelt, fand die Methode seit 1945 im Managementbereich als Simulationstraining für ökonomische, politische und administrative Entscheidungsprozesse in Unternehmen, Banken und Behörden Anwendung (z.B. in Form von Börsenspielen) (Lenhard 2018). Seit 1960 wird sie im Rahmen politischer Bildung auch im problemorientierten Unterricht unterschiedlicher gesellschafts- und sozialwissenschaftlicher Fächer (Klippert 2002; Lehmann 1977) oder im Religionsunterricht (Lenhard 2018) eingesetzt, um eigenständiges Lernen zu fördern (Rappenglück 2017, S. 17 f.). Im sozialen Bereich trägt sie bei offenen Problemsituationen dazu bei, in lösungsorientierter Form einen gezielten Einblick in Probleme und Zusammenhänge zu ermöglichen.

Die Methode kombiniert autonomes, strategisches, soziales und erfahrungsbezogenes Lernen. Damit verbindet sie Adressaten-, Handlungs-, Problem-, Zukunfts-, Stereotypen- und Konfliktorientierung mit einem multidimensionalen Erwerb von Analyse- und Wissenskompetenz, Methodenkompetenz sowie politischer Handlungs- und Urteilskompetenz. Zudem vermittelt die Methode Schlüsselqualifikationen, wie Flexibilität, Kompromissfähigkeit und Toleranz, stärkt das Selbstbewusstsein der Teilnehmer*innen und ihre Fähigkeit zu Perspektivwechsel und Toleranz (Reich 2007).

3 Zielsetzung und Abgrenzung

Wie der Begriff nahelegt, rekonstruieren oder antizipieren Planspiele in einem elementaren Wirklichkeitsausschnitt (Modell) Realsituationen, in denen es um die Lösung eines Konflikts, Problems oder einer Krise geht. Mehrere Gruppen interagieren dabei mit unterschiedlich definierten Interessen und Sichtweisen, indem sie reale Akteure repräsentieren und in regelgebundenen Handlungs- und Entscheidungsfreiräumen eine gemeinsame Entscheidung finden (Lenhard 2018).

Davon abzugrenzen ist das Rollenspiel, in dem eine Situation mit unterschiedlichen Akteuren (Rollen) nachgespielt (und dabei weiterentwickelt) wird.

Das Planspiel weicht auch vom reinen Simulationsspiel ab, wo eine technische Lösung erprobt wird.

Das Planspiel ist vielmehr eine Makromethode und wird durch komplexere Konflikte, gruppenbezogene Interaktionen, strengere Regeln, eingehendere Faktenanalyse und einen hohen Entscheidungsdruck charakterisiert (Lenhard 2018). Dabei werden – allerdings mit hohem Organisationsaufwand (Infrastruktur, Material, Infos) – zahlreiche kommunikative und soziale Fähigkeiten autonomen Handelns trainiert (Mattes 2011, S. 164). Um eigenständig zu entscheiden und Konsequenzen ihres Handelns zu erfahren, lernen die Teilnehmenden durch gemeinsame Reflexion, verschiedene Beobachterpositionen einzunehmen und Vor- und Nachteile eigener Handlungsschritte zu diskutieren. Auf diese Weise ergeben sich Möglichkeiten zum kreativen, weitgehend autonomen und selbstorganisierten Handeln in Bezug auf konkrete Probleme und deren Lösung. Durch Perspektivwechsel als eine „transpersonale“ Distanzierung von sich selbst (Petrik 2017) ergeben sich zusätzliche Handlungsmöglichkeiten (Franzenburg 2020b, S. 84–88), die allerdings von der Realitätsnähe des Spiels und von den erlebten Handlungszusammenhängen und Rationalitätsannahmen und Rollenmodellen abhängen (Franzenburg 2020a). Auf diese Weise gelingt der Transfer von der Realität als Spielmodell über die Simulation dieses Modells bis zum Vergleich der Simulation mit der Realität in der Evaluation (Petrik 2017).

4 Phasen eines Planspiels

Im Folgenden werden die Vorbereitungs-, die eigentliche Spiel- und die Auswertung- oder Evaluationsphase näher erläutert, die im Einzelfall noch weiter differenziert werden können (Trennung von Info- und Rollenphase, wiederholte Spielrunden, Aufteilung von internen und Meta-Auswertungen),

In der Vorbereitungsphase werden allen beteiligten Personen oder Gruppen durch die neutral bleibende Leitung ihre jeweiligen Rollen zugewiesen, deren Positionen dann ausgearbeitet werden. Diese Phase dient der Einführung in das Spiel und der Informationssammlung.

Ziel ist es, Entscheidungen einmütig zwischen den Beteiligten auszuhandeln und zu verabreden, was die Teilnehmenden voneinander erwarten können und was nicht. Es werden auch Voraussetzungen und (mögliche) Auswirkungen auf den Alltag geklärt, die damit verbunden sind; auf diese Weise wird deutlich, was das für das Verhalten der Beteiligten bedeutet (Brühlmann-Jecklin 2005).

Die Spielphase dient der Interaktion untereinander, der Anwendung des Gelernten und der Entscheidungsfindung.

In dieser Phase sollen die Teilnehmenden sowohl zwischen gemachten Erfahrungen und Erwartungen an die Zukunft als auch im Spannungsfeld zwischen Ich-Du und Wir balancieren. bzw. einem System. Auf diese Weise ergibt sich ein lebensweltbezogener Erkenntnisprozess, der die Unsicherheit von Subjekten ernst nimmt, Identität sichert und Handlungskompetenz durch performative dialogische und biografische Kommunikation in einer Atmosphäre von Selbstreflexion, Wertschätzung, Vertrauen und Akzeptanz steigert (Trompenaars 1993). Eine solche – im Datenschutzkontrakt festgelegte und durch Transparenz gewährleistete – Atmosphäre des Vertrauens kann z.B. dazu führen, dass auch über Persönliches gesprochen werden kann.

Die Evaluationsphase dient der Distanzierung vom Spielgeschehen und der inhaltlichen und methodischen Auswertung des Spiels; dadurch kann es zu einer Neuorientierung bisheriger Handlungsmuster kommen.

In diesem „Debriefing“ (Crookall 1992) werden Emotionen, Erlebnisse und Geschehnisse beschrieben, analysiert, strukturiert und abschließend in die Realität übertragen (Fanning und Gaba 2007). In diesem Zusammenhang bewährt es sich, die Lernumgebung, den Lerngegenstand und die Lerntransferumgebung so zu gestalten, dass die Simulationen durch subjektives Erleben von Konsistenz und Realitätsnähe der Lernanforderung, der sozialen Situation und der Alltagsnähe gerecht werden. Diese sind bei Didaktik, Konzeption und Leitung zu berücksichtigen und abschließend zu evaluieren (Schwägele 2017).

5 Rahmenbedingungen und Gelingensfaktoren

Planspiele dienen der Ermöglichung von Handlungs- und Interaktionswissen (Schrader 2003). Auf diese Weise erhalten die Teilnehmenden – als Vorbereitung des eigentlichen Spiels – die Möglichkeit

„unter dem Fokus des strategischen Denkens und Handelns in einem sozialen Kontext mithilfe der Mitlernenden durch subjektives Erleben von Realitätsnähe, durch Konsistenz der Planspielumgebung und durch explizite sowie implizite Bedingungen unter Vermeidung jeglicher Asymmetrien ihre Fach-, Methoden-, Sozial- und Persönlichkeitskompetenz auszubauen“ (Franzenburg 2020b).

Der*die Spielleiter*in kann als unterstützende Lenkung das Spiel unterbrechen oder einfrieren, Informationen vermitteln und (zusätzliche) Regeln erlassen (Hitzler et al. 2011),

6 Anwendungsfelder in der sozialen Arbeit

Mit Kindern und Jugendlichen lassen sich im Rahmen von Ganztagsbetreuung oder Erlebnispädagogik (Eberle 2017, S. 170 f.) sowohl outdoor als auch indoor real oder online Politiksimulationen bzw. Policy Games durchführen (Rappenglück 2017, S. 19 f.). In der Arbeit mit Migrant*nnen, Aussiedler*nnen und Flüchtlingen lassen sich Planspielelemente in der Sprach- und Kulturförderung real oder online einsetzen. Mit alten oder in ihrer Mobilität eingeschränkten Menschen lassen sich durch Inlinespiele Elemente des Planspiels zur Förderung mentaler oder physischer Fähigkeiten einsetzten. Dabei wird zugleich Empathie für die Haltung anderer eingeübt (Petrik 2017, S. 41 f.)

Zudem bieten sich Elemente der Planspielmethode im Rahmen von Quartiersentwicklung an (Vorbereitung von Aktionen oder Eingaben an die Politik) (Petrik und Rappenglück 2017).

7 Quellenangaben

Brühlmann-Jecklin, Erica, 2005. Supervision bei Pflegefachleuten: Eine Studie zur Situation in der Schweiz Krems [Masterarbeit] [online]. Krems: Donau-Universität Krems. Lyss: Mediscope AG [Zugriff am: 20.02.2021]. Verfügbar unter: http://www.pflegeportal.ch/pflegeportal/pub/masterthese_erica_bruehlmann_jecklin_1030_1.pdf

Crookall, David. 1992. Editorial: Debriefing. In: Simulation & Gaming. 23(2), S. 141–142. ISSN 1046-8781

Eberle, Thomas, 2017. Planspiel, Erlebnispädagogik, Outdoor-Training – Chancen erfahrungsorientierter Lernsettings. In: Andreas Petrik und Stefan Rappenglück, Hrsg. Handbuch Planspiele in der politischen Bildung. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S. 1169–80. Reihe Politik und Bildung – Band 81. ISBN 978-3-7344-0421-4

Fanning, Ruth M. und David M. Gaba, 2007. The Role of Debriefing in Simulation-Based Learning. In: Simulation in Healthcare. 2(2), S. 115–125. ISSN 1559-2332

Franzenburg, Geert, 2020b. Kommunikation als Spiel. In: Forum Supervision [online]. 28(55), S. 81–96 [Zugriff am: 25.03.2020]. ISSN 2199-6334. Verfügbar unter: http://www.beratungundsupervision.de/index.php/fs/article/​download/3638/3716/17945

Franzenburg, Geert. 2020a. Art of encounter. Norderstedt: Books on Demand. ISBN 978-3-7519-3100-7

Hitzler, Sebastian. Birgit Zürn und Friedrich Trautwein, 2011. Kleine Handlungen, große Wirkung. Interventionsmöglichkeiten zur Optimierung des Planspieleinsatzes. In: Willy Kriz, Hrsg. Planspiele für die Personalentwicklung. Berlin: Wiss. Verlag Berlin, S. 59–86. ISBN 978-3-86573-648-2

Klippert, Heinz, 2002. Planspiele: Spielvorlagen zum sozialen, politischen und methodischen Lernen in Gruppen. Weinheim: Beltz. ISBN 978-3-407-62335-5

Lehmann, Jürgen, Hrsg., 1977. Simulations- und Planspiele in der Schule. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. ISBN 978-3-7815-0322-9

Lenhard, Hartmut. 2018. Planspiel. In: Das wissenschaftlich-religionspädagogische Lexikon im Internet [online]. [Zugriff am: 30.05.2020]. Verfügbar unter: doi:10.23768/​wirelex.Planspiel.200280

Mattes, Wolfgang, 2011. Methoden für den Unterricht: Kompakte Übersichten für Lehrende und Lernende. Braunschweig: Schöningh, ISBN 978-3-14-023812-0

Petrik, Andreas und Stefan Rappenglück, Hrsg. 2017. Handbuch Planspiele in der politischen Bildung. Schwalbach/Ts. Wochenschau Verlag. Reihe Politik und Bildung – Band 81. ISBN 978-3-7344-0421-4

Petrik, Andreas. 2017. Raus aus der Alltagswelt! Zur unterschätzten Anforderung der transpersonalen Perspektivenübernahme in Planspielen. In: Andreas Petrik und Stefan Rappenglück, Hrsg. Handbuch Planspiele in der politischen Bildung. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S. 35–57. Reihe Politik und Bildung – Band 81. ISBN 978-3-7344-0421-4

Rappenglück, Stefan. 2017. Planspiele in der Praxis der politischen Bildung: Entwicklung, Durchführung, Varianten und Trends. Andreas Petrik und Stefan Rappenglück, Hrsg. Handbuch Planspiele in der politischen Bildung. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S. 17–34. Reihe Politik und Bildung – Band 81. ISBN 978-3-7344-0421-4

Reich, Kersten, Hrsg. 2007. Methodenpool: Planspiel [online]. Köln: Kersten Reich [Zugriff am: 27.08.2020]. Verfügbar unter: http://methodenpool.uni-koeln.de/planspiel/​frameset_planspiel.html

Schrader, Josef, 2003. Wissensformen in der Weiterbildung. In: Wiltrud Gieseke, Hrsg. Institutionelle Innensichten der Weiterbildung. Bielefeld: Bertelsmann, S. 228–253. ISBN 978-3-7639-1859-1

Schwägele, Sebastian. 2017. Lerntransfer beim Planspieleinsatz. In: Andreas Petrik und Stefan Rappenglück, Hrsg. Handbuch Planspiele in der politischen Bildung. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S. 58–68. Reihe Politik und Bildung – Band 81. ISBN 978-3-7344-0421-4

Trompenaars, Fons, 1993. Riding the waves of culture. London: Nicholas Brealey. ISBN 978-1-85788-033-5

Autor
Dr. Geert Franzenburg
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Zitiervorschlag
Franzenburg, Geert, 2021. Planspiel [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 04.08.2021 [Zugriff am: 24.09.2021]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Planspiel

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