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Policy Practice

Prof. Dr. Miriam Burzlaff

veröffentlicht am 12.09.2025

Etymologie: engl. policy Politik, Politiken; engl. practice Praxis, Anwendung, Übung, Praktik

Englisch: policy practice

Policy Practice ist eine Form politischen Engagements von Fachkräften der Sozialen Arbeit, die als integraler Bestandteil ihrer beruflichen Tätigkeit erfolgt und die Gestaltung neuer, die Veränderung, Abschaffung oder auch Verteidigung bestehender Politiken fokussiert. Eine solche Gestaltung organisationaler, lokaler, nationaler und internationaler Politiken muss den ethischen Prinzipien Sozialer Arbeit entsprechen und auf eine Realisierung von Gerechtigkeit (Social Justice) abzielen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Civic Routes versus Professional Routes
    1. 2.1 Civic Routes
    2. 2.2 Professional Routes
  3. 3 Ethikkodex als Hintergrund
  4. 4 Definition von Policy Practice
  5. 5 Einflussfaktoren
    1. 5.1 Umwelt
    2. 5.2 Möglichkeit/​Zugang
    3. 5.3 Organisation
    4. 5.4 Motivation
  6. 6 Strategien
    1. 6.1 Lobbying und Politikberatung
    2. 6.2 Reform mittels Gerichtsverfahren
    3. 6.3 Politikanalyse
    4. 6.4 Social Action
    5. 6.5 Zusammenfassung der Policy-Practice-Strategien
  7. 7 Aktueller Forschungsstand
  8. 8 Kritische Betrachtungen
  9. 9 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Policy Practice bezeichnet das – im Rahmen ihres jeweiligen Arbeitsfeldes und professionellen Auftrags – politische Engagement von Sozialarbeitenden. Bei einem Engagement in Policy Practice können Politiken einer Organisation sowie die lokale, nationale oder die internationale Ebene adressiert werden. Dementsprechend kann Policy Practice sowohl die Einflussnahme auf die Gestaltung von Politiken eines Trägers oder einer Einrichtung als auch bspw. die Einmischung in Gesetzesreformen betreffen.

Ein Kriterium für Policy Practice ist in jedem Fall, dass das politische Handeln in direktem Bezug zu den Problemlagen von Adressat:innen Sozialer Arbeit steht. Ferner ist Subjektorientierung von zentraler Bedeutung. Die mit einem Engagement in Policy Practice verbundenen Ziele müssen darüber hinaus mit den ethischen Prinzipien Sozialer Arbeit vereinbar sein.

Voraussetzung für Policy Practice ist, den Blick von der Mikro- auf die Makroebene zu richten bzw. diese Ebenen zu verknüpfen und – im Sinne der Forderung „strukturelle Probleme brauchen strukturelle Lösungen“ – nach der politischen Dimension eines vermeintlichen Einzelfalls zu fragen. Es ist also gefordert, die Ursachen eines Problems zu ergründen, um dann mittels Policy Practice auf langfristige Lösungen hinzuwirken.

2 Civic Routes versus Professional Routes

Soziale Arbeit zielt auf die Bewältigung und Verhinderung sozialer Probleme (Engelke et al. 2024, S. 11). Folglich muss das methodische Handeln von Fachkräften Sozialer Arbeit auf verschiedenen Ebenen ansetzen, um sowohl im Umgang mit Problemen individuelle Unterstützung zu leisten (z.B. in Form von Beratung oder sozialer Gruppenarbeit) als auch die Ursachen sozialer Missstände zu adressieren, um nachhaltige Problemlösungen zu erwirken (z.B. durch Empowerment oder Policy Practice). Zur Erfüllung dieses Anspruchs, der aus der internationalen Definition und den ethischen Prinzipien Sozialer Arbeit resultiert (Burzlaff 2022a), bieten sich unterschiedliche Möglichkeiten an: Nach John Gal und Idit Weiss-Gal (2023; 2017) kann zwischen zwei verschiedenen Wegen politischen Engagements unterschieden werden:

  1. Civic Routes
  2. Professional Routes.

2.1 Civic Routes

Unter die Civic Routes fällt politisches Engagement von Sozialarbeitenden, das diese als Teil der Zivilgesellschaft unternehmen. Dies ist bspw. dann der Fall, wenn Sozialarbeitende ein politisches Mandat im Bundestag bekleiden (Gal und Weiss-Gal 2023). Eine weitere Möglichkeit, als Teil der Zivilgesellschaft Politiken mitzugestalten, ist freiwilliges politisches Engagement (a.a.O., S. 30 f.). Beispiele hierfür sind die Beteiligung an Wahlen oder Teil einer Sozialen Bewegung zu sein.

2.2 Professional Routes

Unter Professional Routes wiederum fällt politisches Engagement, das in unmittelbarer Verbindung zu Sozialer Arbeit steht, sprich: Teil des professionellen Handelns ist.

Ein Beispiel hierfür ist Street-Level Politik-Implementation (Gal und Weiss-Gal 2023, S. 30 f.). Hier geht es vor allem um die Frage, wie beschlossene Politiken, z.B. Gesetze, in der Praxis, insbesondere von Verwaltungen/​Verantwortlichen, umgesetzt werden und welche Handlungsspielräume dabei (nicht) genutzt werden. Beispielhaft an dieser Stelle genannt seien die Handhabungen innerhalb eines Jugendamts zum Umgang mit spezifischen Fallkonstellationen: So kann es entweder stets das Bemühen und Ziel sein, als notwendig erachtete Leistungen auch bei begrenztem Budget zu bewilligen. Oder aber es gibt die Dienstanweisung, die Ausgaben für Leistungen stark zu beschränken und z.B. „Kann-Leistungen“ grundsätzlich nicht zu gewähren.

Eine weitere Möglichkeit die Professional Route einzuschlagen liefert die Academia (a.a.O., S. 35 f.). Hierunter fällt das politische Engagement von Wissenschaftler:innen sowie Studierenden der Sozialen Arbeit. Ein entsprechendes Beispiel ist der Offene Brief „Der Zusammenbruch des Kindernotdienstes“ (ver.di 2023), den Mitarbeitende des Kindernotdienstes im Juni 2023 an den regierenden Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, und die Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Katharina Günther Wünsch, richteten.

Policy Practice ist als eine weitere Option zu verstehen, die Professional Route einzuschlagen. Denn schließlich werden hiermit explizit Handlungen von Fachkräften Sozialer Arbeit beschrieben, die im Rahmen des jeweils konkreten Arbeitsfeldes und professionellen Auftrags erfolgen und auf eine Gestaltung von Politiken zielen. Mit Politiken sind jegliche Steuerungsmechanismen wie Gesetze, Erklärungen, Erlasse, Bestimmungen, Verordnungen, Regeln oder auch Dienstanweisungen gemeint, die innerhalb eines bestimmten Kontexts allgemein verbindlich sind und herrschen.

Wie ein Engagement in Policy Practice konkret aussehen kann, wird an Schulsozialarbeitenden deutlich, die sich für die rechtliche Verortung von Schulsozialarbeit auf Bundesebene im Rahmen der Novellierung des SGB VIII, konkret § 13a SGB VIII, einsetzten. Ein Engagement in Policy Practice kann aber auch bedeuten, sich als bei einer Notunterkunft für geflüchtete Menschen tätige Fachkraft Sozialer Arbeit dafür einzusetzen, dass der Schutz der Privatsphäre durch alle Mitarbeitenden gewährt wird und bspw. Zimmer nicht (mehr) ungefragt betreten werden.

3 Ethikkodex als Hintergrund

Laut der internationalen Definition und den ethischen Prinzipien Sozialer Arbeit (IFSW und IASSW 2014), sind Sozialarbeitende zu politischem Engagement wie Policy Practice aufgefordert. So heißt es in entsprechenden Dokumenten wie folgt:

„Social work practice spans a range of activities including various forms of […] policy formulation and analysis; and advocacy and political interventions“ (IFSW und IASSW 2014).

„Social workers should engage in social and political action […] and should advocate for changes in policy and legislation to improve social conditions to meet basic human needs and promote social justice“ (NASW 2021).

Die Aufforderung zu politischem Engagement geht auch aus dem deutschsprachigen Ethikkodex des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit (DBHS) hervor. Dort heißt es, dass

„Sozialarbeiter:innen […] ungerechte politische Entscheidungen und Praktiken zurückweisen [sollen]“ und sie „die Pflicht [haben], sozialen Bedingungen entgegenzutreten, die zu sozialem Ausschluss, Stigmatisierung oder Unterdrückung führen. Sie sollen auf eine einbeziehende Gesellschaft hinarbeiten“ (DBSH 2014, S. 31).

Die konkrete Debatte um Policy Practice ist auf die späten 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den USA zurückzuführen und geht auf Hochschullehrende zurück, die Soziale Arbeit und (Sozial-)Politik in einen engeren Zusammenhang bringen wollten. Eine Verschmelzung von (Sozial-)Politik und Sozialer Arbeit war darauf gerichtet, der Tendenz entgegenzuwirken, mit sozialen Ausschlüssen einhergehende Politiken nicht im Verantwortungsbereich Sozialer Arbeit zu sehen (Wyers 1991, S. 242).

Der Diskurs um Policy Practice ist eng mit der Intention verbunden, Individualisierungen sozialer Probleme entgegenzuwirken, indem Missstände in ihren Ursachen erfasst und politisiert werden.

Der Begriff Policy Practice wurde schließlich aber auch etabliert, um die Rolle von Sozialarbeitenden in der politischen Arena zu beschreiben. Er basiert auf einem professionellen Selbstverständnis, das Ansätze auf der Mikro- und Makroebene miteinander verbindet sowie eine Realisierung von Social Justice als Ziel Sozialer Arbeit versteht (z.B. Weiss-Gal und Gal 2015, S. 1084; Burzlaff 2022a, S. 55 ff.). Insbesondere für eine gerechtigkeitsorientierte Soziale Arbeit ist Policy Practice von zentraler Bedeutung (Burzlaff 2022b).

4 Definition von Policy Practice

Im aktuellen Diskurs um Policy Practice wird zumeist auf folgende Definition von John Gal und Idit Weiss-Gal (2013) Bezug genommen:

„Policy practice refers to activities, undertaken by social workers as an integral part of their professional activity in diverse fields and types of practice, that focus on the formulation and implementation of new policies, as well as on existing policies and suggested changes in them. These activities seek to further policies on the organizational, local, national and international levels, that are in accord with social work values“ (Gal und Weiss-Gal 2013, S. 4 f.).

Aus dieser Definition geht hervor, dass Policy Practice in den Aufgabenbereich aller Sozialarbeitenden fällt, also nicht nur bestimmten Personen wie Teamleitungen oder einzelnen Handlungsfeldern wie der Kinder- und Jugendhilfe vorbehalten ist. Nach Gal und Weiss-Gal (2013) beschreibt dieses Konzept ferner jegliche Interventionen von Sozialarbeitenden, die die Ursachen sozialer Probleme und struktureller Diskriminierung über eine Gestaltung und Implementierung neuer Politiken bzw. eine Veränderung oder Abschaffung bereits existierender Politiken bearbeiten wollen und verschiedene politische Ebenen adressieren können, und zwar die

  • organisationale
  • lokale
  • nationale und
  • internationale.

Dieser Logik weiter folgend, geht es bei Policy Practice bspw. darum, Einfluss auf politische Entscheidungstragende zu nehmen, um Politiken zu implementieren, die den ethischen Prinzipien Sozialer Arbeit entsprechen und zu Verbesserung der Lebensbedingungen von Adressat:innen Sozialer Arbeit führen (dbzgl. auch Dempsey 2008; Hare 2004).

Die Definition von Gal und Weiss-Gal erweitert und ins Deutsche übersetzt, ist unter Policy Practice Folgendes zu verstehen:

„Policy Practice umfasst Handlungen von Sozialarbeitenden, welche die Gestaltung und Implementierung neuer Politiken oder die Verteidigung, Veränderung, ggf. Abschaffung, bereits existierender Politiken zugunsten einer Realisierung von Social Justice, als Anerkennungs-, Verteilungs-, Befähigungs- und Verwirklichungsgerechtigkeit (Czollek et al. 2019, S. 24), fokussieren. Entsprechende Handlungen, die einen integralen Bestandteil aller Felder Sozialer Arbeit ausmachen und nicht einzelnen Sozialarbeitenden vorbehalten sind, gehen über individuelle Unterstützungen hinaus und zielen mittels Strukturveränderungen auf langfristige Problemlösungen sowie Verbesserungen der Lebensbedingungen von Adressat:innen Sozialer Arbeit.

Ausgangspunkt von Policy Practice ist eine Orientierung am Subjekt, und die Bedürfnisse, Fähigkeiten, Forderungen, Interessen und Wünsche etc. jener, die eine Intervention betrifft, sind in den Mittelpunkt gerückt. Um eine Verbindung zwischen einem spezifischen Einzelfall und Veränderungen auf struktureller Ebene sicherzustellen, basieren entsprechende Handlungen auf einem dialogisch-partizipativen Aushandlungsprozess. Policy Practice ist an Autonomie und Perspektivenvielfalt gebunden, der Ethikkodex Sozialer Arbeit gilt als Referenzrahmen.“ (Burzlaff 2022a, S. 66 f.)

5 Einflussfaktoren

Laut des Frameworks for Understanding Policy Engagement, das Gal und Weiss-Gal (2023) unter Rückgriff auf empirische Befunde zahlreicher Wissenschaftler:innen entwickelt haben, wird das politische Engagement von Sozialarbeitenden wie Policy Practice durch vier verschiedene Faktoren beeinflusst. Wenngleich diese nicht unabhängig voneinander sind, sondern sich gegenseitig bedingen, lassen sich diese Faktoren bezeichnen als

  1. Umwelt (environment),
  2. Möglichkeit/​Zugang (opportunity),
  3. Organisation (facilitation) und
  4. Motivation (motivation).

5.1 Umwelt

Der Faktor Umwelt nimmt Bezug auf den jeweils historisch-spezifischen Kontext, der das politische Engagement von Sozialarbeitenden sowohl befördern als auch diesem entgegenstehen kann. Insgesamt wird das politische Engagement nach Gal und Weiss-Gal (2023) durch vier verschiedene „Umwelten“ beeinflusst:

  • Das wohlfahrtsstaatliche Regime eines Staates, dessen Rolle, Ausrichtungen und herrschende Ideologien sowie Umgang mit sozialen Themen;
  • Die Ausgeprägtheit sozialer Probleme und existierende Politiken wie Gesetze, um diese zu adressieren;
  • Disziplin und Profession Soziale Arbeit – darunter fallen z.B. professionelle Selbstverständnisse und Werte, Theorien und Methoden, die Gestaltung von Curricula/der Lehre, Institutionen Sozialer Arbeit und die Ausrichtung der Praxis;
  • Adressat:innen Sozialer Arbeit und andere Personen: Dieser Aspekt ist darauf zurückzuführen, dass es oftmals Adressat:innen sind, die Sozialarbeitende für die Auswirkungen sozialer Probleme sensibilisieren und den Anstoß für politisches Engagement wie Policy Practice liefern – oder aber auch einfordern, gemeinsam Missstände zu bekämpfen und sich für strukturelle Veränderungen einzusetzen.

„[T]he policy engagement of social workers is generally […] about creating policies to address new needs that emerge and about changing policies that already exist because they relate inadequately to needs or have a detrimental impact on service users. […] It is their [service users] rights that are being undermined, their needs that are not being addressed and they who face adversity, and it is they who are acutely aware of social problems that require solutions and of the policies that need to be corrected, changed or dismantled.“ (Sherwood-Johnson und Mackay 2021 zit. nach Gal und Weiss-Gal 2023, S. 57)

5.2 Möglichkeit/​Zugang

Ein weiterer von Gal und Weiss-Gal (2023) identifizierter Faktor ist Möglichkeit bzw. Zugang: Sozialarbeitende können sich nur dann in die Gestaltung von Politiken einmischen, wenn sie auch Zugang zu entsprechenden Prozessen bzw. Institutionen haben, innerhalb derer politische Entscheidungen getroffen werden, und damit überhaupt über Möglichkeiten zur Einflussnahme auf diese verfügen (Gal und Weiss-Gal 2023, S. 61 ff.). Der Zugang zur politischen Arena und zur Gestaltung von Politiken wiederum ist geprägt durch innerhalb einer Institution herrschende Normen und Regeln, und er variiert u.a. je nach beruflicher Position der Sozialarbeitenden.

5.3 Organisation

Der Faktor Organisation rückt Einrichtungen Sozialer Arbeit, ihre strukturellen Rahmenbedingungen und die jeweilige Organisationskultur in den Fokus. Ob und in welchem Ausmaß Fachkräfte Sozialer Arbeit in Policy Practice engagiert sind, hängt laut aktuellen Studien u.a. davon ab, ob ihre Organisation (Arbeitgebende, Kollegium) entsprechendes Engagement aktiv fördert bzw. ermöglicht und unterstützt – oder es im Gegenteil z.B. sanktioniert (Gal und Weiss-Gal 2023, S. 81).

5.4 Motivation

Neben den bereits aufgezeigten Faktoren, die allesamt auf der Meso- bzw. Makroebene zu verorten sind, also die strukturellen Bedingungen politischen Engagements beleuchten, ist dieses auch durch individuelle Komponenten geprägt. Damit rückt die Mikroebene ins Zentrum der Betrachtung, konkret: der Faktor Motivation. Dieser umfasst sechs verschiedene Aspekte, die auf die Bereitschaft einzelner Sozialarbeitender, sich politisch zu engagieren, Einfluss nehmen (Gal und Weiss-Gal 2023a, S. 102 ff.):

  1. Generelle Bereitschaft zu politischer Partizipation (civic voluntarism) wie die Teilnahme an Wahlen oder einer Demonstration. Laut dem Voluntarism-Modell nach Verba, Scholzman und Brady (1995) hängt diese Bereitschaft von drei verschiedenen Komponenten ab, und zwar von
    • Ressourcen wie Zeit, Geld, Fähigkeiten und Bildung,
    • den privaten sowie beruflichen Netzwerken
    • der eigenen Involviertheit in politische Angelegenheiten; z.B. das Interesse an Politik.
  2. Persönliche Werte und das jeweilige professionelle Selbstverständnis von Sozialarbeitenden (personal values and professional attitudes). Schließlich sei entscheidend, ob politisches Engagement und eine Bekämpfung sozialer Ungleichheiten und Probleme sowie struktureller Diskriminierung überhaupt als integraler Bestandteil des professionellen Handelns verstanden oder aber dies außerhalb des eigenen Aufgaben- und Verantwortungsbereichs verortet wird.
  3. Motivationen Beschäftigter in öffentlichen Diensten (public service motivation) wie z.B. ihr Verpflichtungsgefühl gegenüber dem Gemeinwohl.
  4. Motivationen Beschäftigter innerhalb von Institutionen (institution-based motivation). Dies bezieht sich auf Aspekte wie Jobposition/​Status, Berufserfahrungen, Wissen über die Auswirkungen von Politiken, Selbstbewusstsein und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit sowie (Un-)Sicherheit im Sinne von (un-)befristeten Arbeitsverträgen.
  5. Individuelle Persönlichkeitsmerkmale (personality traits). Konkret gemeint sind: Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und emotionale Stabilität/Neurotizismus (Schwartz-Tayri 2020).
  6. Eigene gesellschaftliche Positionierung von Sozialarbeitenden (gender und ethnicity). Hier stellt sich insbesondere die Frage, inwiefern diese selbst von struktureller Diskriminierung betroffen oder privilegiert sind.

6 Strategien

Josephina Figueira-McDonough (1993) verweist auf vier Strategien, um auf politisch-rechtliche Diskurse Einfluss zu nehmen und Politiken zu gestalten:

  1. Lobbying und Politikberatung (Legislative Advocacy)
  2. Reform mittels Gerichtsverfahren (Reform through Litigation)
  3. Politikanalyse (Social Policy Analysis) 
  4. Social Action (Social Action).

6.1 Lobbying und Politikberatung

Die Strategie Lobbying und Politikberatung (Legislative Advocacy) stellt nach Figueira-McDonough (1993) im Hinblick auf Policy Practice eine Schlüsselrolle dar, weil durch direkten Kontakt mit politisch Entscheidungstragenden der Versuch unternommen werde, Einfluss auf Politiken zu nehmen. Dies geschieht z.B., indem Erfahrungen, Vorschläge, Einwände, Forderungen, Kritik und Ideen von Sozialarbeitenden in einen politischen Entscheidungsprozess eingebracht werden. Das bedeutet, dass Sozialarbeitende nicht nur aus der Praxis berichten, bestehende Politiken bewerten und/oder deren negative Effekte aufschlüsseln, sondern auch, dass sie ungerechte und/oder diskriminierende Politiken entschieden zurückweisen – wie es auch der von der IFSW/IASSW (2014) verabschiedete Ethikkodex Sozialer Arbeit verlangt.

Die Strategie Lobbying und Politikberatung können Sozialarbeitende laut Figueira-McDonough (1993) nicht nur dadurch anwenden, dass sie mit Entscheidungstragenden das Gespräch suchen, sondern auch, indem sie ihnen

  • Hintergrundinformationen und empirische Erhebungen,
  • Sozialberichterstattungen sowie Stellungnahmen,
  • Positionspapiere, Petitionen oder anderen Dokumente zu bestimmten Problemen und Themen zukommen lassen.

Aufgrund dessen, dass Fachkräfte Sozialer Arbeit zumeist direkten Einblick in die Lebenslagen von Menschen haben, die von sozialen Problemen, Ausschließungsprozessen, sozialer Ungleichheit und/oder Diskriminierung betroffen sind, ist davon ausgehen, dass ihr Wissen, ihre fachliche Expertise und ihre sozialarbeiterischen Kompetenzen sie in die Position versetzen, Politiken aktiv sowie Bedürfnissen entsprechend gestalten zu können (Hoefer 2019; Jansson 2008).

Da mitunter davon auszugehen ist, dass Einwände und Vorschläge von Fachkräften Sozialer Arbeit Widerstände hervorrufen, insbesondere dann, wenn es um radikalere Änderungen und/oder Veränderungen von Macht- und Herrschaftsverhältnissen geht, ist es nach Figueira-McDonough (1993) notwendig,

  • dass Sozialarbeitende die Kommunikation ihres Anliegens sorgfältig durchdenken.
  • dass Anliegen gut strukturiert sind, damit diese auch in Teilen bzw. schrittweise durchgesetzt werden können.
  • alle Personen und Gruppen hervorzuheben, die von einer entsprechenden Änderung profitieren – und zwar unabhängig davon, ob sie mit Sozialer Arbeit in (direkter) Berührung stehen oder nicht.

Konkrete Beispiele für die Einflussnahme auf Politiken sind die Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) zum Regierungsentwurf „Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Strukturen gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ (AGJ 2024) sowie der AGJ „Zwischenruf: Kinder- und Jugend(hilfe)politik im Koalitionsvertrag stark machen!“ (AGJ 2025).

6.2 Reform mittels Gerichtsverfahren

Eine weitere Möglichkeit, Anliegen auf politischer Ebene durchzusetzen, ergibt sich über den gerichtlichen Weg (Reform through Litigation). Exemplarisch hierfür steht das Einmischen von Sozialarbeitenden in den Reformprozess des Bundesteilhabegesetzes sowie in die SGB VIII-Novellierung.

Wählen Sozialarbeitende diese Strategie, so empfiehlt Figueira-McDonough (1993) auch hier hervorzuheben, wer alles von der Veränderung profitieren würde (Figueira-McDonough 1993, S. 183). Damit es zu einem Prozess mit erfolgreichem Ausgang kommt, sei es zudem elementar, dass Argumentationen auf Expert:innenwissen basieren und sich Sozialarbeitende mit anderen Berufsgruppen wie Jurist:innen sowie mit (Selbst-)Organisationen, Verbänden und/oder (Selbsthilfe-)Gruppen zusammenschließen.

Ebenfalls bedeutsam bezüglich dieser Strategie sei es, stets sorgfältig abzuwägen, welche möglichen Konsequenzen der Prozess für die Betroffenen mit sich bringen könne, also potenziell erwünschte wie auch unerwünschte Effekte zu reflektieren.

Bei erfolgreichem Prozess sei es ferner Aufgabe von Sozialarbeitenden, die erzielte Gesetzesänderung auch in die Praxis zu implementieren, da dies nicht in den Aufgabenbereich von Gerichten fällt (a.a.O., S. 184).

6.3 Politikanalyse

Eine weitere Strategie der Policy Practice ist Politikanalyse (Social Policy Analysis). Eine solche Analyse zielt darauf ab, als Sozialarbeitende – mitunter in Zusammenarbeit mit weiteren Expert:innen – Lücken und „Reparaturbedarf“ bestehender Politiken zu identifizieren (Figueira-McDonough 1993, S. 185 f.). Diese Strategie jedenfalls liefert aufgrund ihres Fokus auf eine Problemanalyse oftmals eine Grundlage für anschließende Interventionen wie z.B. für Lobbying und Politikberatung und/oder Reformen innerhalb einer Organisation (ebd.).

  • In der Regel gibt eine Politikanalyse darüber Aufschluss, wen eine Politik betrifft, wie sie umgesetzt wird und welche Vor- und Nachteile sich aus ihr und für wen ergeben.
  • Auch Fragen der Finanzierung werden mittels dieser Strategie erfasst (ebd.).
  • Ferner kann mittels Politikanalyse
    „Politik auf ihre ethische Qualität hin überprüft werden. Zu fragen ist hier, allgemein, inwieweit Ziele und Mittel der Politik den Menschen-/Bürgerrechten […] entsprechen, und speziell, inwieweit die durch die Politik implementierte Soziale Arbeit den berufsethischen Standards Sozialer Arbeit […] genügt“ (Benz und Rieger 2015, S. 93).
  • Doch nicht nur diese Funktion kommt Politikanalyse zu. In den weiteren Ausführungen heißt es wie folgt:
    „Gleichzeitig und darüber hinaus soll Politikanalyse Wissen zur Verfügung stellen, das es ermöglicht, Politik mit Blick auf ihre für Soziale Arbeit relevanten Entscheidungen zu beraten sowie das eigene politische Handeln […] weiter zu entwickeln“ (a.a.O., S. 79).

Ein Beispiel für Politikanalyse im Sinne einer aufgedeckten Lücke findet sich in einem Beitrag von Miriam Burzlaff und Maren Burkhardt (2023) mit dem Titel „Soziale Arbeit als Makropraxis: Zwischen Recht und Gerechtigkeit“.

6.4 Social Action

Social Action, darunter fallen öffentliche Kampagnen und Mobilisierung, ist laut Figueira-McDonough (1993, S. 184) stark durch Soziale Bewegungen im US-amerikanischen Kontext beeinflusst und entstand während der Zeit des von John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson geführten „War on Poverty“ (1964–1981).

Da Social Action für eine Umverteilung von Ressourcen sowie für einen Kampf gegen strukturelle Diskriminierung respektive für ein Erkämpfen von Social Justice steht, ist dieser Strategie im Hinblick auf Policy Practice eine hohe Relevanz zuzusprechen.

Insbesondere geht es darum, eine breite Öffentlichkeit zu mobilisieren und Druck auf politisch Verantwortliche auszuüben. Ausdrucksformen dieser Strategie sind z.B.

  • Petitionen
  • Demonstrationen
  • Proteste
  • Aktionen wie Flashmobs
  • verschiedene Formen des Online-Aktivismus
  • (Social-Media-)Kampagnen.

Insbesondere in Bezug auf Social Action wird den klassischen Medien wie Zeitungen und TV sowie Social Media eine besondere Bedeutung zugewiesen, da diese stark beeinflussen, ob etwas an die Öffentlichkeit gelangt und somit eine breite(re) Masse erreichen wird oder nicht.

Es scheint also sinnvoll, (Soziale) Medien für eine Sensibilisierung für soziale Ungleichheiten, Problemlagen und strukturelle Diskriminierung sowie für politische Forderungen zu nutzen, da diese die Wahrnehmung der Öffentlichkeit in Bezug auf gesellschaftliche Missstände prägen und Politik beeinflussen können.

Ein konkretes Beispiel für Social Action ist die vom Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) während der Corona-Pandemie gestartete Fachkräftekampagne #dauerhaftsystemrelevant (DBSH 2023).

6.5 Zusammenfassung der Policy-Practice-Strategien

Allen aufgeführten Strategien ist gemein, dass sie das übergeordnete Ziel verfolgen, Einfluss auf entscheidungstragende Personen bzw. politisch-rechtliche Diskurse zu nehmen und Politiken zu gestalten.

Zu diesem Zweck können eine oder mehrere Strategien genutzt werden:

  • Politikanalyse ist im Hinblick auf die Bewertung und Evaluation von Politiken sowie auf die Formulierung von Änderungsvorschlägen von elementarer Bedeutung.
  • Lobbying und Politikberatung wiederum steigern die Chancen, dass die Vorschläge und Forderungen von Sozialarbeitenden bzw. Adressat:innen gehört und in einen politischen Entscheidungsprozess einbezogen werden.
  • Social Action dient dazu, die Forderungen und Bedürfnisse von (Personen-)Gruppen, die von sozialen Problemen, sozialer Ungleichheit und/oder struktureller Diskriminierung betroffen sind, auf die politische Agenda zu setzen, um Social Justice zu erstreiten.
  • Darüber hinaus können über Gerichtsverfahren Regelungen und Gesetze reformiert werden. Dies ist als derjenige Ausdruck von Policy Practice zu sehen, der mit den weitreichendsten Konsequenzen einhergeht.

Im Hinblick auf die Komplexität politischer Entscheidungsprozesse sind, so Figueira-McDonough, verschiedene Strategien als gleichermaßen bedeutsam anzusehen und gegebenenfalls miteinander zu kombinieren (Figueira-McDonough 1993, S. 186).

7 Aktueller Forschungsstand

Wenngleich das Themenfeld Politik Sozialer Arbeit schon lange ein integraler Bestandteil des deutschsprachigen Sozialarbeitsdiskurses ist (bspw. Benz et al. 2013; 2014; Bitzan et al. 2002; Böhnisch und Schröer 2012; Dahme und Wohlfahrt 2011; Lallinger und Rieger 2007; Kaufmann 1973; Kindler und Gal 2025; Mielenz 1981; Mollenhauer 1973; Rieger und Wurtzbacher 2020; Rieger 2002), ist die Debatte um Policy Practice noch relativ jung: An den internationalen Diskurs um Policy Practice anknüpfend, führte Miriam Burzlaff den Begriff Policy Practice im Jahr 2020 in den deutschsprachigen Raum ein. Dem voraus gingen gemeinsame Arbeiten mit Naemi Eifler (u.a. Burzlaff und Eifler 2018a; 2018b; 2015). Seitdem gewinnt dieses Konzept bzw. diese Methode auch im hiesigen Kontext zunehmend an Aufmerksamkeit. Deutlich wird dies auch bspw. an Qualifizierungsarbeiten, insbesondere Master-Thesen und Dissertationen.

Im Mittelpunkt bisheriger Forschungs- und Publikationstätigkeiten standen insbesondere theoretisch-konzeptionelle Überlegungen zur Bedeutung und Relevanz von Policy Practice für u.a. eine gerechtigkeitsorientierte Soziale Arbeit.

Darüber hinaus wurde die Notwendigkeit einer curricularen Verankerung von Policy Practice diskutiert bzw. wurden Ideen für (nicht nur) die Policy-Practice-Lehre formuliert (z.B. Burzlaff 2023; 2022a; 2022b; 2020; Kachel 2022; Leiber et al. 2023).

Folgende Frage blieb jedoch lange unbeantwortet: Inwiefern sind Sozialarbeitende in Deutschland und der Schweiz in Policy Practice engagiert? Dieser Forschungslücke widmeten sich Miriam Burzlaff, Tobias Kindler und Talia Schwartz-Tayri mit einem internationalen Forschungsprojekt, das erstmals empirische Befunde zu Policy Practice in diesen Ländern lieferte (Burzlaff et al. 2025).

Um die genannte Forschungsfrage zu beantworten, entwickelte das Forschungsteam ein quantitatives Forschungsdesign (Burzlaff et al. 2023) und führte eine Onlinebefragung von Sozialarbeitenden aus Wissenschaft und Praxis durch. Die Daten wurden von August bis Dezember 2023 erhoben. Insgesamt haben in Deutschland und der Schweiz 3687 Fachkräfte Sozialer Arbeit an der Befragung teilgenommen.

Die Teilnehmenden wurden u.a. nach ihrem professionellen Selbstverständnis gefragt und gebeten, mittels einer fünfstufigen Skala (von „stimme überhaupt nicht zu“ bis „stimme voll und ganz zu“) den Grad ihrer Zustimmung zu folgenden Aussagen anzugeben:

  • Soziale Arbeit hat einen politischen Auftrag.
  • Neben der individuellen Unterstützung von Adressat:innen ist auch das Hinwirken auf strukturelle Veränderung Teil meines professionellen Selbstverständnisses.
  • Der Einsatz für sozialen Wandel ist Aufgabe von Fachkräften Sozialer Arbeit.
  • Als Fachkraft Sozialer Arbeit muss ich mich für gerechtere Verhältnisse einsetzen.

Mit einem Mittelwert von 4,2 ist festzuhalten, dass die Teilnehmenden im Durchschnitt diesen Aussagen (sehr) stark zustimmten.

Das konkrete Engagement in Policy Practice wiederum wurde mit einem 17-Items umfassenden Index gemessen. Die Studienteilnehmenden wurden gefragt, in welchem Umfang sie während ihrer gesamten beruflichen Laufbahn an verschiedenen Aktivitäten zur Gestaltung von Politiken teilnahmen. Genannt waren z.B.

  • Kommunikation mit oder die Einladung von politischen Entscheidungsträgern
  • Vernetzung mit anderen Organisationen oder die
  • Teilnahme an Protestaktionen.

Die Antwortoptionen lagen jeweils auf einer Skala von 1 bis 5, wobei (1) nie, (2) selten, (3) manchmal, (4) oft und (5) sehr oft bedeutete.

Mit einem Durchschnittswert von 1,5 (was nie bis selten bedeutet), wurden folgende Aktivitäten am wenigstens unternommen:

  • die Kommunikation mit Prominenten,
  • die Teilnahme an einem Gerichtsverfahren und
  • die Partizipation in einer parlamentarischen Kommission.

Bei Mittelwerten von 3,5 bzw. 3,6 (was manchmal bis oft bedeutet) waren wiederum dies die drei am häufigsten nachgegangen Aktivitäten zwecks Einflussnahme auf die Gestaltung von Politiken:

  • die Vernetzung mit anderen Organisationen,
  • das Einholen von Feedback von Adressat:innen sowie
  • die Unterstützung von Adressat:innen bei ihrem Einsatz für Transformationen.

Auch wurden die Studienteilnehmenden bspw. gefragt, inwiefern sie sich in die Gestaltung von Politiken einmischten auf

  • Träger-/Einrichtungsebene
  • Kommunalebene
  • Landesebene
  • Bundesebene
  • internationaler Ebene.

Die Antwortoptionen lagen wieder jeweils auf einer Skala von 1 bis 5, wobei (1) nie, (2) selten, (3) manchmal, (4) oft und (5) sehr oft bedeutete.

Die befragten Sozialarbeitenden setzten sich

  • durchschnittlich „manchmal“ für strukturelle Veränderungen auf Träger-/Einrichtungsebene ein.
  • Auf kommunaler und Landesebene war ihr Engagement in Policy Practice „selten“.
  • Die Gestaltung von nationalen sowie internationalen Politiken betreffend, wiederum war so gut wie kein Engagement in Policy Practice zu verzeichnen. Dies bedeutet bspw., dass sich Sozialarbeitende hierzulande in der Regel nicht in die Gestaltung von Gesetzen einmischten.

Zentrale, im Rahmen der Studie gewonnene, Erkenntnisse lauten wie folgt:

  1. Sozialarbeitende in Deutschland und der Schweiz identifizieren sich im Durchschnitt (sehr) stark mit einem politisch engagierten professionellen Selbstverständnis. Dies spiegelt sich allerdings, abgesehen von der organisationalen Ebene, kaum in der Praxis wider.
  2. Das durchschnittliche Engagement in Policy Practice von Sozialarbeitenden nahm ab, je höher die Einflussebene (und damit je größer die Tragweite) war – und zwar trotz eines professionellen Selbstverständnisses, das Policy Practice als festen Bestandteil Sozialer Arbeit versteht.
  3. Dementsprechend ist eine Lücke zwischen Theorie (professionelles Selbstverständnis) und Praxis (tatsächliches Engagement in Policy Practice) zu markieren.

8 Kritische Betrachtungen

Zunächst einmal sei, ganz grundsätzlich betrachtet, bedacht, dass Soziale Arbeit durch Widersprüche geprägt ist und sich stets in Spannungsfeldern bewegt. Ferner kann Soziale Arbeit durchaus als ein machtvolles Herrschaftsinstrument zur Stabilisierung des Status quo verstanden und als „Regierungshandeln“ (Kessl) gefasst werden. Dementsprechend ist generell davon auszugehen, dass die Handlungsspielräume sowie Gestaltungsmöglichkeiten von Sozialarbeitenden begrenzt sind.

Für politisches Engagement wie Policy Practice gilt dies vermutlich in besonderem Maße, da Transformationen (und manchmal auch Stabilisierungen) des Status quo sowie Veränderungen von Macht- und Herrschaftsverhältnissen nicht zwangsläufig erwünscht sind und oftmals mit (erheblichen) Widerständen einhergehen.

Und auch davon abgesehen ist kritisch zu reflektieren, inwiefern die theoretisch-konzeptionellen Überlegungen zu Policy Practice auf einer Vorstellung von Sozialer Arbeit basieren, die ihre institutionelle Eingebundenheit (Kessl 2023) und die damit einhergehenden Konsequenzen, zumindest in der Tendenz, ausblenden.

Etwas anders ausgedrückt bleibt fraglich, und das zeigen auch die Forschungsergebnisse (Burzlaff 2025; Burzlaff et al. 2025), inwiefern der an Sozialarbeitende gerichtete normative Anspruch, sich in Policy Practice zu engagieren, überhaupt von jeglichen Fachkräften Sozialer Arbeit sowie stets erfüllbar ist.

Zudem sei an dieser Stelle die eingeführte Definition von Policy Practice in den Fokus gerückt. Denn aus dieser geht hervor, dass sich Policy Practice auf das individuelle Handeln von Fachkräften Sozialer Arbeit bezieht. Der Bedeutsamkeit kollektiven Handelns, insbesondere hinsichtlich eines Einsatzes für strukturelle Veränderungen und gesellschaftliche Transformationen, scheint hingegen keine maßgebliche Bedeutung beigemessen zu werden.

Dementsprechend bleibt, wie bereits erwähnt, fraglich, inwieweit einzelne Sozialarbeitende überhaupt in der Lage sind, sich – im Kontext ihres professionellen Auftrags und damit innerhalb der jeweiligen institutionellen Rahmenbedingungen – aktiv in die Gestaltung von Politiken einzumischen und Wirkungen zu erzielen. Zumal, von ihrer institutionellen Eingebundenheit abgesehen, entsprechende Interventionen nicht nur mit zahlreichen Widerständen, sondern auch mit Konflikten, teilweise auch Sanktionen, einhergehen können. Der dem Konzept von Policy Practice zugrunde liegende Individualismus hinsichtlich der handelnden Sozialarbeitenden erweist sich daher als kritikwürdig und bedarf einer differenzierten Reflexion.

Darüber hinaus geht aus der Definition hervor, dass ein Engagement in Policy Practice mit den ethischen Prinzipien Sozialer Arbeit vereinbar sein muss. Und diese lassen sich so interpretieren, dass es illegitim ist, sich als Fachkraft Sozialer Arbeit für Asylrechtsverschärfungen einzusetzen – schließlich wird damit gegen ein Kriterium von Policy Practice verstoßen.

Faktisch bleibt allerdings fraglich, inwiefern dem mit Policy Practice verbundenen normativen Anspruch entsprochen wird. Abgesehen von verschiedenen Interpretationen der ethischen Prinzipien Sozialer Arbeit, stellt sich diese Frage auch insbesondere vor dem Hintergrund, dass Sozialarbeitende verschiedenste politische Einstellungen vertreten. Und wenngleich bspw. aus der genannten Studie von Burzlaff, Kindler und Schwartz-Tayri (2025) hervorgeht, dass sich die Fachkräfte Sozialer Arbeit, die an dieser teilnahmen, überwiegend dem politisch linken Spektrum zugehörig fühlen, bleibt zu bedenken, dass sich bspw. (extrem) rechte Diskurse und Praktiken auch in der Sozialen Arbeit widerspiegeln bzw. diese beeinflussen (z.B. Gille et al. 2022).

Folglich ist davon auszugehen, dass die mit einem Engagement in Policy Practice verbundenen Ziele aus einer menschenrechts- und gerechtigkeitsorientierten Perspektive durchaus problematisch sein bzw. dieser diametral entgegenstehen können.

Und auch davon abgesehen sowie ganz grundsätzlich betrachtet erscheint es als sinnvoll, stets zu hinterfragen, was die mit Policy Practice verbundenen erwünschten sowie unerwünschten Effekte sind und in wessen Interessen eigentlich (nicht) gehandelt wird. Diese Frage scheint auch deshalb von Relevanz, da es qua Definition von Policy Practice nicht zwangsläufig notwendig ist, gemeinsam mit Adressat:innen Sozialer Arbeit zu handeln – wenngleich einem „dialogisch-partizipativen Aushandlungsprozess“ (Burzlaff 2022a, S. 67) und Subjektorientierung besondere Bedeutung zugemessen wird (ebd.).

Doch obwohl das Engagement in Policy Practice mit strukturellen und situationsbedingten Herausforderungen, mitunter auch ethischen Dilemmata, einhergehen und die Handlungsmöglichkeiten von Sozialarbeitenden (stark) limitiert sein können, bleibt die grundsätzliche Bedeutung von Policy Practice für insbesondere eine gerechtigkeitsorientierte Soziale Arbeit unbestritten.

9 Quellenangaben

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Verfasst von
Prof. Dr. Miriam Burzlaff
Hochschule Neubrandenburg
Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
Professur für Methoden Sozialer Arbeit mit Schwerpunkt Beratung
Forschungsschwerpunkt Policy Practice
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