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Präoperative Entwicklungsstufe

Dr. Erika Butzmann

veröffentlicht am 07.01.2026

Synonyme: prä-operatorische Entwicklungsstufe; präoperatorische Entwicklungsstufe; vorlogische Entwicklungsstufe; vorlogische Phase

Englisch: preoperational development stage; pre-operative development stage; pre-operational development stage

Die präoperative Entwicklungsstufe beschreibt nach Jean Piaget (1896–1980) die zweite Phase der kognitiven Entwicklung im Alter von etwa zwei bis sieben Jahren. In dieser Phase entwickeln Kinder die Fähigkeit zu innerem Bild und Vorstellung, ihr Denken ist jedoch noch vorbegrifflich, egozentrisch und irreversibel.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Charakteristik und Stadien
  3. 3 Erstes Stadium: Vorbegriffliches und egozentrisches Denken
    1. 3.1 Symbolfunktionen
    2. 3.2 Vorlogisches Denken
  4. 4 Zweites Stadium: Anschauliches Denken
  5. 5 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Die präoperative Entwicklungsstufe ist die Ausweitung der sensomotorischen Strukturen und bereitet gleichzeitig die konkretoperative Stufe vor. Sie umfasst zwei Stadien: Im ersten Stadium löst sich das Denken vom Handeln und führt zu inneren Bildern, Vorstellungsfähigkeit und vorbegrifflichem Denken. Das Denken ist egozentrisch, animistisch, finalistisch und artifizialistisch geprägt. Das Kind unterscheidet noch nicht zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen und kann Beziehungen zwischen Objekten nicht beachten. Im zweiten Stadium entsteht durch die Koordination der Vorbegriffe eine neue Struktur – das anschauliche Denken. Vorstellungen von räumlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen sind nun möglich, aber das Denken bleibt starr und irreversibel, da das Kind gedankliche Operationen noch nicht umkehren kann. Das Gleichgewicht zwischen Assimilation und Akkommodation wird erst erreicht, wenn sich das Kind von der unmittelbaren Anschauung lösen kann und das Denken in der nächsten Entwicklungsstufe konkret wird.

2 Charakteristik und Stadien

Die präoperative Entwicklungsstufe ist die Ausweitung der Strukturen aus der sensomotorischen Stufe und gleichzeitig die Vorbereitung für die Strukturen der künftigen konkretoperativen Stufe. Kognitive Strukturen befinden sich immer in einem selbst gesteuerten Entwicklungsprozess (Kohler 2008, S. 108), der zu den fließenden Übergängen in die jeweils nächste Stufe führt. Dabei können affektive Faktoren die Bildung einer Struktur beschleunigen oder verzögern, sie aber als Struktur nicht verändern (Piaget und Inhelder 1990, S. 466).

Die präoperative Entwicklungsstufe umfasst zwei Stadien:

  1. Erstes Stadium (ca. 2–4 Jahre): Vorbegriffliches, egozentrisches Denken
  2. Zweites Stadium (ca. 4–7 Jahre): Anschauliches Denken

3 Erstes Stadium: Vorbegriffliches und egozentrisches Denken

Das sich am Ende der sensomotorischen Stufe vom Handeln loslösende Denken des ersten Stadiums führt zu inneren Bildern und zur Vorstellungsfähigkeit. Damit ist die aufgeschobene Nachahmung, das symbolische Spiel und das vorbegriffliche, transduktive Denken und Sprechen möglich.

Bestimmend für das Denken des Kindes am Anfang der präoperativen Stufe ist das Ungleichgewicht zwischen Assimilation und Akkommodation, das die „Dürftigkeit der eigentlichen Repräsentationen“ erklärt (Piaget 1969, S. 356). Die Unterscheidung zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen, zwischen Individuum und Art, zwischen Teil und Ganzem oder zwischen Element und Klasse fällt dem Kind noch schwer (Furth 1983, S. 51). Sein Denken und Sprechen dreht sich um die eigene Perspektive, um die eigene Erfahrung, die es nicht überwinden kann (a.a.O., S. 52). Piaget bezeichnete dieses Denken als egozentrisch.

3.1 Symbolfunktionen

Voraussetzungen für die im ersten Stadium systematisch benutzte Sprache sind die Symbolfunktionen. Diese erlauben es, „die Wirklichkeit durch ‚Zeichen‘ auszudrücken, die sich von den bezeichneten Gegenständen unterscheiden“ (Piaget 1984, S. 140). Das Kind stellt keine Verbindung zwischen Zeichen (Worten) und Gegenständen her; es verinnerlicht lediglich Objekte und Zustände, also statische Aspekte. Beziehungen zwischen Objekten und Zuständen kann es noch nicht beachten.

Das vorbegriffliche Denken des ersten Stadiums zeichnet sich dadurch aus, dass sich das Kind keinen Begriff von einer Sache macht. Ein Wort steht nur für einen Gegenstand. Es hat noch nicht begriffen, dass es mehrere Bedeutungen für ein Wort geben kann.

3.2 Vorlogisches Denken

Ein kognitives Gleichgewicht ist dementsprechend noch nicht erreicht, das Denken ist vorlogisch und vorbegrifflich (Piaget 1980a, S. 42). Dies wird deutlich in Form des animistischen Denkens, das Gegenstände als belebt wahrnimmt, des finalistischen Denkens, das Bäume ausschließlich für Schattenspender hält und des artifizialistischen Denkens, das davon ausgeht, alle Dinge seien durch den Menschen gemacht.

Das Kind verbindet das Wahrgenommene miteinander, es sucht keine logischen Erklärungen und hinterfragt nichts. Der Realismus im Denken des Kindes führt zu der Annahme, dass jedermann so denkt wie das Kind selbst. Es versucht deshalb auch nicht, andere von seiner Meinung zu überzeugen (Piaget 1980b, S. 39).

4 Zweites Stadium: Anschauliches Denken

Im zweiten Stadium der präoperativen Stufe entsteht durch die Koordination der Vorbegriffe eine neue Struktur. Die Vorstellungen von Beziehungen aller Art, räumliche sowie zwischenmenschliche, sind jetzt möglich. Diese im Geiste umzudrehen, gelingt dem Kind jedoch noch nicht.

Das von Piaget als anschaulich bezeichnete Denken ahmt die wirklichen Handlungen durch bildliche Gedankenexperimente nach. Die Reversibilität erreicht das Kind noch nicht, weil eine zu einem einfachen Gedankenexperiment verinnerlichte Tätigkeit immer einseitig gerichtet bleibt (Piaget 1984, S. 156). Zwei Beziehungen werden abwechselnd beachtet (a.a.O., S. 149), sie können gedanklich nicht zusammengefügt werden.

 Das anschauliche Denken des zweiten Stadiums ist insofern starr und irreversibel (a.a.O., S. 150). Es unterscheidet sich damit vom operativen, logischen Denken der nächsten Entwicklungsstufe, das zwei Hypothesen aufstellen und vergleichen kann (a.a.O., S. 151). Das anschauliche Denken bleibt phänomengebunden, es ist noch von der augenblicklichen Tätigkeit abhängig (a.a.O., S. 156).

Dies zeigt sich auch darin, dass Kinder in diesem Stadium Widersprüche nicht empfinden, weil sie beim Wechsel von einer Ansicht zur anderen die frühere vergessen (Piaget 1983, S. 114). Es fehlt das Gleichgewicht zwischen der Assimilation der Gegenstände aus der Umwelt an die gedanklichen Schemata und der Akkommodation dieser Schemata an die Wirklichkeit (Piaget 1984, S. 156). Dieses Gleichgewicht wird erreicht, wenn sich das Kind von der unmittelbaren Anschauung lösen kann und das Denken in der nächsten Entwicklungsstufe konkret wird.

5 Quellenangaben

Furth, Hans G., 1983. Piaget für Lehrer. Frankfurt: Ullstein. ISBN 978-3-548-35182-7

Kohler, Richard, 2008. Jean Piaget. Berne: Haupt. ISBN 978-3-8252-3036-4

Piaget, Jean, 1969. Nachahmung, Spiel und Traum. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-12-926440-9

Piaget, Jean, 1980a. Abriss der genetischen Epistemologie. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-12-936340-9

Piaget, Jean, 1980b. Das Weltbild des Kindes. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-548-39001-7

Piaget, Jean, 1983. Sprechen und Denken des Kindes. Frankfurt: Ullstein. ISBN 978-3-548-35159-9

Piaget, Jean, 1984. Psychologie der Intelligenz. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3-12-936360-7

Piaget, Jean und Bärbel Inhelder, 1990. Die Entwicklung des inneren Bildes beim Kind. Frankfurt: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-28461-2

Verfasst von
Dr. Erika Butzmann
Entwicklungspsychologin
Erziehungswissenschaftlerin
Elternbildung und -beratung
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Es gibt 11 Lexikonartikel von Erika Butzmann.

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