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Präsuizidales Syndrom

Der Begriff „präsuizidales Syndrom“ geht auf den Wiener Psychiater und Individualpsychologen Erwin Ringel zurück, der im Jahr 1953 die einer Suizidhandlung vorausgehenden charakteristischen Symptome beschrieb. Grundlage war eine Untersuchung an über 700 Patienten, die ihren Suizidversuch überlebt hatten. Ringel publizierte seine Ergebnisse in der Absicht, eine frühzeitige Erkennung und Vorbeugung von suizidalem Verhalten zu ermöglichen (Ringel 1953).

Überblick

  1. 1 Symptome
  2. 2 Bedeutung
  3. 3 Quellenangaben
  4. 4 Literaturhinweise

1 Symptome

Nach Ringel (1953) gehen einer Suizidhandlung typischerweise drei Merkmale voraus:

  1. Einengung, unterteilt in
    1. Situative Einengung: Der oder die Betroffene empfindet einen Verlust der gewohnten Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten in seinem Alltag.
    2. Dynamische Einengung: Alles Denken engt sich zunehmend thematisch ein; Gefühle und Phantasien bekommen mehr und mehr eine einseitige Ausrichtung, die, mit dem Verlust an Lebensfreude einhergehend, das Weiterleben als sinnlos erscheinen lässt.
    3. Einengung der zwischenmenschlichen Beziehungen: Kontakte zu anderen Menschen, auch innerhalb der eigenen Familie, brechen aufgrund der empfundenen Einengung zunehmend ab und führen zur Vereinsamung.
    4. Einengung des Werterlebens: Alles was bisher im Leben als wertvoll erschien, verliert seine Bedeutung. Es resultiert daraus eine innere Leere.
  2. Aggressionsumkehr: Vorhandene aggressive Gefühle gegenüber anderen Menschen werden zunehmend gehemmt und unterdrückt; sie richten sich schließlich nur noch gegen die eigene Person.
  3. Suizidphantasien: Es drängen sich unwillkürlich und in zunehmendem Maße Gedanken auf, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Am Ende können solche Phantasien übermächtig werden.

2 Bedeutung

Ringels ursprüngliche Annahme, durch die Diagnostik der Elemente des präsuizidalen Syndroms suizidale Gefährdung frühzeitig erkennen zu können, hat sich leider nicht bewahrheitet. Zwar sind die genannten Elemente tatsächlich bei den meisten suizidalen Personen mehr oder minder ausgeprägt vorhanden, aber sie lassen sich auch bei nicht suizidgefährdeten Menschen häufig nachweisen, insbesondere in Ausnahmesituationen und in psychischen Krisen.

Eine situative Einengung erleben beispielsweise Gefängnisinsassen oder auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer von touristischen Unternehmungen. Suizidphantasien, die in kritischen, belastenden Situationen auftauchen, sind den allermeisten Menschen nicht fremd. Friedrich Nietzsche nannte den Gedanken an den Selbstmord „ein starkes Trostmittel“ (Nietzsche 1886). Eine Aggressionsumkehr ist besonders bei impulsiven Menschen häufig zu beobachten. Sie alle müssen sich keineswegs im Zustand suizidaler Gefährdung befinden.

Einzig die dynamische Einengung kann einen recht spezifischen Fingerzeig auf eine sich anbahnende suizidale Gefährdung geben.

Ringel sah ursprünglich jeden Suizid als Ausdruck und Folge einer krankhaften Entwicklung. Mit zunehmendem Alter hat er diese Annahme mehrfach relativiert.

3 Quellenangaben

Ringel, Erwin, 1953. Der Selbstmord. Abschluss einer krankhaften Entwicklung. Düsseldorf: Maudrich.

Nietzsche, Friedrich, 1886. Jenseits von Gut und Böse. Leipzig: Naumann.

4 Literaturhinweise

Ringel, Erwin, 1953. Der Selbstmord. Abschluss einer krankhaften Entwicklung. Düsseldorf: Maudrich.

Ringel, Erwin, 1986. Lesebuch. Wien: Europaverlag. ISBN 978-3-203-50956-3

Bronisch, Thomas, 2007. Der Suizid. München: Beck. ISBN 978-3-406-55967-9

Macho, Thomas, 2017. Das Leben nehmen: Suizid in der Moderne. Berlin: Suhrkamp. ISBN 978-3-518-42598-5 [Rezension bei socialnet]

Autor
Prof. Dr. med. Hans Wedler
Ehem. Ärztlicher Direktor Medizinische Klinik 2 - Klinik für Internistische Psychosomatik
Bürgerhospital Stuttgart
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Es gibt 4 Lexikonartikel von Hans Wedler.


Zitiervorschlag
Wedler, Hans, 2018. Präsuizidales Syndrom [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 04.10.2018 [Zugriff am: 16.11.2018]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Praesuizidales-Syndrom

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Autor

Prof. Dr. med. Hans Wedler
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veröffentlicht am 04.10.2018

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